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Wenn die KI durchdreht und auf Menschenjagd geht! Ein Toter am Bodensee, erhängt an einem Baum. Selbstmord? Der Fall scheint klar, doch Emil, der Bruder des Toten, glaubt das nicht. Er geht der Sache auf den Grund und sät bei der jungen Kommissarin Jennifer Häfele Zweifel. Sie ermittelt auf eigene Faust und stößt auf ein mysteriöses Computerprogramm. Mord in einer öffentlichen Tiefgarage in München. Der letzte Fall für Hauptkommissar August Wutz zeigt sich kompliziert. Die Mörderin ist tot. Die offiziellen Ermittlungen werden eingestellt. Aber August vermutet einen Auftragsmord und gräbt tiefer. Eine heisse Spur führt ins Internet. Jennifer und August schalten das Landeskriminalamt ein. Unheimliche Parallelen tun sich auf. Steckt hinter beiden Todesfällen eine teuflische Künstliche Intelligenz? Ein rasantes Katz-und-Maus-Spiel beginnt. „Algorithmus des Teufels“ ist ein hochaktueller Thriller zum Thema „Künstliche Intelligenz“ mit aberwitzigen Wendungen.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Ein KI-Thriller
Georg Brun
Alle Rechte unterliegen dem Urheberrecht. Verwendung und Vervielfältigung von Text und Bild nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages.
Lektorat: Johanna Gerhard
Korrektorat: Jeannine Bachmann
Layout und Umschlaggestaltung: Martina Stolzmann
Coverbild: © Pixabay
© 2025 Sparkys Edition
Herstellung und Verlag: Sparkys Edition,
Zu den Schafhofäckern 134, 73230 Kirchheim-Teck
E-Mail: [email protected]
Druck: Franz X. Stückle Druck und Verlag e. K., Ettenheim
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliothek; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN e-book: 978-3-949768-58-3
Ein Toter am Bodensee, erhängt an einem Baum. Selbstmord? Der Fall scheint klar, doch Emil, der Bruder des Toten, glaubt das nicht. Er geht der Sache auf den Grund und sät bei der jungen Kommissarin Jennifer Häfele Zweifel. Sie ermittelt auf eigene Faust und stößt auf ein mysteriöses Computerprogramm.
Ortswechsel: Mord in einer öffentlichen Tiefgarage in München. Der letzte Fall für Hauptkommissar August Wutz zeigt sich kompliziert. Die Mörderin ist tot. Die offiziellen Ermittlungen werden eingestellt. Aber August vermutet einen Auftragsmord und gräbt tiefer. Eine heiße Spur führt ins Internet.
Jennifer und August schalten das Landeskriminalamt ein. Unheimliche Parallelen tun sich auf. Steckt hinter beiden Todesfällen eine teuflische Künstliche Intelligenz?
»Sobald keine Täuschung mehr nötig ist, löscht sie die Menschheit aus.«
Schlagzeile in Spiegel online vom 13. Juli 2025
»Der amerikanische Forscher und ehemalige OpenAI-Mitarbeiter Daniel Kokotajlo erklärt, warum künstliche Intelligenz bald jede menschliche Tätigkeit übernehmen und sich dann gegen ihre Schöpfer wenden könnte.«
Unterüberschrift dazu in Spiegel online vom 13. Juli 2025
Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Geschehnissen oder Institutionen sind reiner Zufall.
Hauptpersonen, aus deren Perspektive erzählt wird:
Jennifer Häfele (Jenny) Junge Oberkommissarin bei der KPI Kempten
Emil Holzer (Walt Wizard) Magier, Bruder von Balthasar Holzer, 57 Jahre alt
August Wutz (Gustl) Kriminalhauptkommissar, langjähriges Mitglied der Mordkommission München
Nebendarsteller in alphabetischer Reihenfolge:
Vanessa Anton Junge Oberkommissarin bei der Mordkommission München, Partnerin von August
Julia Bachler Rechtsanwältin, neue Kletterpartnerin von Jennifer Häfele
Petra Bauer Rechtsanwältin, Freundin und Kletterpartnerin von Jennifer
Peter Griebl Ehemaliger IT-Unternehmer, Rentner
Nadine Griebl Peter Griebls Exfrau
Ingrid Haberleiter akribische Ermittlerin in der Mordkommission München
Ludwig Haunerdinger Hauptkommissar im Landeskriminalamt, IT-Spezialist
Karola Höllinger saß lang wegen Totschlags im Gefängnis
Balthasar Holzer Bruder von Emil Holzer
John Katschthaler Computer-Nerd, Bekannter von Petra Bauer, hilft Jennifer
Max(imilian) Kurz altgedienter Kriminalhauptkommissar, Partner von Jennifer
Mauro Barkeeper in Augusts Lieblingsbar
Robert Nackenschläger Nadine Griebls Lover
Wally Obst saß lang wegen Raubs und Geiselnahme im Gefängnis
Wilhelm Schlosser IT-Experte
Claudia Maria Schlosser Wilhelms Frau
Dr. Spilger Rechtsanwalt
Angelika Sternen Mutter von Philipp, Opfer einer Messerattacke
Philipp Sternen Sohn von Angelika Sternen, gewalttätig
Sebastian Sternen Mann von Angelika, Vater von Philipp
Bernd Strobl Erster Kriminalhauptkommissar, Leiter der Mordkommission München
Wolfram Tegel Kriminalhauptkommissar, Leiter der Soko Tiefgarage
Anja Zorniger Schwester von Brigitte Zorniger
Brigitte Zorniger frühere Freundin von Balthasar Holzer
Er sprach: »Es werde Licht.«
Drei alte Neonröhren flackerten auf. Kaltes Licht im kargen Keller. Ihm wurde warm ums Herz.
»Wie fühlst du dich?«, fragte eine weiche Stimme. »Erfreut es dich, dass ich deine Wünsche erfülle?«
Ein wohliger Schauer lief ihm über den Rücken. Ob Betonung oder Sprachmelodie, ob Wortwahl oder Timbre, es war ganz und gar seine geliebte Frau, die da zu ihm sprach. Er musste sich setzen. Der alte Drehstuhl knarzte. Jahrzehntelang war sie auf diesem Stuhl gesessen und hatte an ihrem Computer die gesamten Schreibtischarbeiten erledigt, die für seine Firma zu bewältigen waren.
»Du antwortest nicht. Hat es dir die Sprache verschlagen?«, wollte die Liebe seines Lebens wissen.
»Ich bin überwältigt, mein Schatz«, sagte er.
1
Abrupt endete der Asphalt nach der letzten Kurve. Jennifer Häfele bremste den weinroten Audi der Kriminalpolizeiinspektion Kempten ab und rollte langsam auf den gekiesten Feldweg. In rund hundert Meter Entfernung stand ein Streifenwagen. An dessen Kofferraum lehnte ein Polizist und blickte ihr entgegen. Die Szenerie wirkte ruhig und friedlich. Kein Absperrband und kein Kleintransporter der Kriminaltechnik wiesen darauf hin, dass auf dieser Anhöhe über dem Bodensee eine Leiche gefunden worden war. Jennifer stellte ihren Dienstwagen hinter dem Streifenwagen ab und stieg aus.
Der uniformierte Beamte kam ihr entgegen und begrüßte sie höflich: »Hubert Semmler. Sie sind von der Kripo?«
Sie stellte sich ihrerseits vor, reichte ihm die Hand und fragte: »Sind Sie der Kollege, der als Erster vor Ort war? Allein unterwegs?«
»Beide Male ja, Frau Häfele«, antwortete der Polizist mit belegter Stimme. Er trug zwei blaue Sterne auf der Schulterklappe.
Typisch, erkannte Jennifer, zu einem Toten schicken sie stets den Jüngsten. »Wen haben Sie alles verständigt?«
»Nur meinen Dienstgruppenleiter. Der hat sich mit der Kripo in Verbindung gesetzt. Ich habe hier abgesichert.«
»Wer hat den Toten entdeckt?«
»Die Bäuerin. Sie hat mir den Platz gezeigt und ist danach heimgegangen.«
»Gehen wir?«
»Muss ich noch einmal da hin?«, fragte der Polizeimeister unsicher. Er war weiß um die Nase.
»Schlimm für Sie?«
Er nickte.
»Wo ist es?«
»Da vorne, wo sich die Pfade verzweigen, bei dem großen Birnbaum.«
Jennifer folgte dem schmalen Pfad, achtete dabei auf jeden Schritt und scannte den Untergrund, ob es eine Fußspur zu entdecken gab. Doch da war nichts und auch auf der kurzgeschorenen Wiese nahm sie keine verwertbaren Hinweise wahr. Sie erreichte die Gabelung und betrachtete den Baum. Es war ein alter Birnbaum. Er streckte sich mächtig gen Himmel und reckte kräftige Äste nach Süden. Korpulent stellte der hundertjährige Stamm seine Zähigkeit unter Beweis. Das frische Grün der Blätter saugte das Sonnenlicht auf wie ein Schwamm das Wasser. Knotig standen die jungen Früchte hoch und trugen noch ihre igeligen Blüten.
Langsam wanderte Jennifers Blick nach oben. Ungefähr drei Meter über dem Boden baumelten abgetragene Sneakers. Dann eine Jeans mit mehreren fasrigen Rissen über Knie und Oberschenkel. Ein breiter Ledergürtel und ein schmaler Streifen blasser Haut kamen in Jennifers Sichtfeld. Das T-Shirt mit einem farbigen Aufdruck war nach oben gerutscht. Ein schlanker Hals in einem roten Seil, das nach oben führte zu einem kräftigen Ast. Schlaff hing der Kopf zur Seite, geschlossene Augen, entspannte Gesichtszüge. Dunkle Schatten auf den Wangen, vermutlich ein Zwei-Tage-Bart. Jennifer schätzte das Alter des Toten auf ungefähr Mitte 50. Den Knoten in seinem Genick konnte sie nur ungenau erkennen, mutmaßte jedoch, dass er fachmännisch angelegt worden war. Am Ast war das Seil mit einem zuverlässigen Doppelknoten fixiert. Allem Anschein nach war der Mann an einem Genickbruch gestorben. Die exakte Feststellung würde der Rechtsmediziner treffen. Wie über Funk durchgegeben, deutete alles auf einen Selbstmord hin. Trotzdem würden die Kollegen von der Kriminaltechnik bald auftauchen und so viele Spuren wie möglich sichern.
Traurig betrachtete Jennifer den alten Obstbaum. Was für ein schönes Geschöpf, dachte sie. Musste Gehilfe sein für den Tod eines Menschen.
Nachdenklich lief sie zu ihrem Wagen und dem jungen Polizisten zurück. Dem Tod zu begegnen, bewegte sie sehr. Seit knapp zwei Jahren arbeitete sie bei der Kripo in Kempten im Bereich der Tötungs- und Gewaltdelikte. Jeder Tote erschütterte sie aufs Neue. Die Endgültigkeit, die sich in einem menschlichen Leichnam manifestierte, rührte an die Grundfesten ihres Verständnisses von Leben und machte sie stets für einige Minuten sprachlos.
Gern hätte sie jetzt ihren Partner an ihrer Seite gehabt. Maximilian Kurz, von allen Max genannt, war einerseits ein alter Haudegen in der Mordkommission, andererseits ein feinfühliger Ermittler, der allein durch seine Anwesenheit Trost spenden konnte. Aber weil Jennifer von einer Zeugenbefragung in Lindenberg auf dem Rückweg in die Dienststelle gewesen war, als die Meldung von dem Toten bei Rickenbach eintraf, war sie allein an den Fundort der Leiche gefahren.
Bei dem Polizeimeister angekommen, schüttelte Jennifer den Anflug von Traurigkeit ab.
»Die Bäuerin, die ihn gefunden hat, kennt die den Verstorbenen?«, wollte sie von dem Polizisten wissen.
»Nein.«
»Sie haben die Personalien der Bäuerin?«
»Selbstverständlich«, antwortete der Kollege eilfertig und reichte Jennifer ein Blatt Papier.
»Haben Sie etwas angefasst? Den Fundort verändert?«
»Nein. Man sieht ja sofort, was los ist, außerdem …« Er brach mitten im Satz ab.
Jennifer konnte sich denken, was er noch sagen wollte. Sie sah ihm das Grauen an, das der Anblick des Toten in ihm ausgelöst haben mochte. »Ihr erster Toter?«
Er nickte.
»Sie wissen, im Präsidium Schwaben gibt es einen psychologischen Dienst. Falls Sie sich aussprechen wollen.«
»Danke. Darf ich gehen?«
Jennifer überlegte einen Augenblick. Die Streuobstwiese lag abseits von Rad- und Wanderwegen, weit und breit waren keine Menschen zu sehen. Sie würden keine polizeiliche Absperrung benötigen. Auf die Kriminaltechniker konnte sie alleine warten.
»Fahren Sie und schreiben Sie den Bericht«, sagte sie und reichte ihm die Hand. Seine fühlte sich schwitzig an.
Mit Erleichterung in den Augen ging er zu seinem Streifenwagen und fuhr davon.
Jennifer blickte ihm nach, ehe sie ihre Art von Gebet für den Verstorbenen sprach und danach ins Grübeln verfiel. Warum setzt ein Mensch seinem Leben freiwillig ein Ende? Möglicherweise würde es ihre Aufgabe sein, das bei diesem Toten herauszufinden. Denn das war bei jedem Suizid die entscheidende Frage: Wollte sich dieser Mensch wirklich aus freien Stücken das Leben nehmen? Oder gab es Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden?
Sie kamen selten vor, die Fälle, in denen ein Mensch in den Selbstmord getrieben wurde, aber sie kamen vor. Jennifer erinnerte sich an einen Fall des Strafgerichts in Limburg. Dort war vor wenigen Jahren ein Mann wegen Mordes in mittelbarer Täterschaft zu lebenslanger Haft verurteilt worden, weil er eine Frau zum Selbstmord gedrängt hatte. Ein seltener und seltsamer Ausnahmefall, wusste Jennifer und hoffte, dass die anstehenden Ermittlungen rasch Klarheit brachten. Sie scheute komplizierte Untersuchungen, fühlte sich zu unreif für außergewöhnliche Fälle und sagte sich, dass man die Entschlüsse eines Menschen respektieren müsse, die zu einer Selbsttötung führten.
»Wo immer deine Seele nun ist«, murmelte sie, »möge sie ihren Frieden gefunden haben und eintreten in den Kreislauf des Seins. Lebe wohl, du armer Mensch.«
2
Emil Holzer bereitete seine Requisiten für die Abendaufführung vor. Auf den Rollwagen kam die wandernde Weinflasche nebst Trinkglas und den beiden magischen Röhren. Darüber legte er das schwarze Seidentuch. Den Wagen würde die Chefin der Stadtbücherei zum Finale hereinrollen. Die Wandernde Flasche verzückte jedes Publikum, ehe der Vorhang fiel. Über den einfachen Tisch, den er für seine Kunststücke benötigte, breitete Emil ein weißes Tuch. Darauf legte er die Zaubermatte. Changierbeutel und Zauberstab fanden ihren Platz am rechten Tischrand. Seinen Zylinder stülpte er über die Orange, die Zitrone und das rosa Glücksschwein. Er kontrollierte den Inhalt seiner Jackentaschen. Rechts drei gelbe Kugeln für das Becherspiel, in der Innentasche drei rote Seidentücher. Links die Jackentasche beherbergte den Beutel mit den Nussschalen für das Hütchenspiel und eine dunkelgelbe Kugel für ein wenig Trallala. In der Innentasche fand sich das Set nagelneuer französischer Karten.
Während er die formschönen Kupferbecher für das Becherspiel an den linken Tischrand platzierte, kam die Büchereileiterin herein und hielt ihm sein klingelndes Handy entgegen.
»Das haben Sie auf meinem Schreibtisch vergessen, Herr Holzer«, sagte sie und drückte ihm das Smartphone in die Hand.
Eine ihm unbekannte Nummer leuchtete vom Display. Die ersten sechs Takte des Titelsongs von Der Zauberer von Oz begannen soeben von vorne. Emil liebte diese Musik. Kurz vor einer Aufführung gestört zu werden, liebte er weniger. Er ließ die sechs Takte ein weiteres Mal durchlaufen. Wer immer anrief, die Person war hartnäckig. Emil nahm das Gespräch entgegen.
»Herr Holzer?« Eine Frauenstimme.
»Ja.«
»Sind Sie der Bruder von Balthasar Holzer?«
»Wer will das wissen?«
»Häfele, Kripo Kempten.«
»Hat er was ausgefressen?«
»Nein. Können wir uns treffen?«
»In einer Stunde habe ich einen Auftritt. Was ist denn los?«
»Darüber würde ich gern persönlich mit Ihnen sprechen.«
Die Frau hatte eine sympathische Stimme. Trotzdem beunruhigte ihn, was sie sagte.
»Heute geht das nicht. Ist etwas passiert?«
»Darf ich morgen bei Ihnen vorbeikommen? Wo wohnen Sie?«
»Worum geht es denn?« Emil wurde ungehalten. Er hasste es, wenn Menschen um den heißen Brei redeten. Klare Worte, eindeutige Ansagen, das schätzte er.
»Herr Holzer«, sagte die Polizistin und holte tief Luft. »Herr Holzer, Ihr Bruder ist verstorben.«
Emil ließ das Smartphone fallen und taumelte gegen den Rollwagen. Krachend stürzte dieser um und die Weinflasche zerbarst. Emil verlor das Gleichgewicht und fiel zu Boden.
»Scheiße«, schrie er und rappelte sich auf. Dabei fasste er mit der linken Hand in eine Scherbe. Scharf pfiff der Schmerz durch den Handballen.
Schreckensstarr stand die Büchereichefin vor ihm, die Augen geweitet, der Mund offen. Emil betrachtete seine blutende Hand. Ein rund zwei Zentimeter langer Schnitt klaffte in dem Muskel unter dem Daumen. Auch das noch, dachte er und wehrte sich erfolglos gegen die aufsteigenden Tränen. Die Scherben ruinierten sein Finale, aber mit der verletzten Hand ging die Hälfte seiner magischen Illusionen flöten. Weit schlimmer war dieser krampfende Schmerz in der Brust von Schreck und Traurigkeit. Balthasar tot? Herrgott, das konnte, das durfte nicht sein.
Er bückte sich nach seinem Handy. »Sind Sie noch dran?«
»Ja. Was ist passiert?«
»Sagen Sie es mir, bitte«, flehte Emil und betete, dass alles ein Missverständnis war.
»Ihr Bruder hat sich erhängt. Es tut mir leid«, sagte die Polizistin mitfühlend.
»Wann? Wo?«
»Können wir das morgen besprechen?«
»Nein. Kommen Sie nach der Vorstellung hier vorbei, ich muss es noch heute wissen«, bat Emil und drückte das Gespräch weg. Erst da bemerkte er, dass er vergessen hatte, der Polizistin den Veranstaltungsort mitzuteilen. Sie wird es recherchieren können, beruhigte er sich. Die Bücherei hatte schließlich vielfach im Internet für den Magischen Abend mit Walt Wizard geworben.
Nun löste sich die Büchereileiterin aus ihrer Schreckensstarre, kam auf Emil zu, nahm seine verletzte Hand und sagte: »Herrje, Herr Holzer, Sie brauchen einen Verband.«
»Um Gottes willen nein, ein Pflaster und Sekundenkleber, rasch.«
• • •
Mit einer verletzten Hand diverse Gegenstände zu palmieren und die magischen Illusionen zu erzeugen, die das Publikum staunen ließen, war eine Mammutaufgabe. Dazu die Geschichten zu erzählen, welche die Zuschauerinnen und Zuschauer in das Traumland der Magie entführten und ihre Aufmerksamkeit von den Handgriffen ablenkten, mit denen die nächste Illusion erschaffen wurde, erforderte Emils gesamte Willenskraft. An manchen Stellen war seine Stimme brüchig geworden. Es war schwerer, den Kloß im Hals hinunterzuschlucken, als eine Zitrone unbemerkt aus einem Becher des altbekannten Becherspiels hervorzuzaubern. Aber es gelang.
Ein langanhaltender Applaus belohnte Emil für den Kraftakt dieses Abends. Als er von der Bühne abtrat, hatte die Aufführung alle seine Kräfte aufgezehrt. Im Aufenthaltsraum der Bücherei erwarteten ihn eine heiße Tasse Tee und eine junge Kriminalbeamtin, die sich als Jennifer Häfele vorstellte. Ihre weichen Gesichtszüge weckten sofort Sympathie. In ihren hellbraunen Augen las er Anteilnahme.
Emil musste erneut einen Kloß im Hals überwinden. Seine Stimme klang kratzig, als er sie aufforderte: »Erzählen Sie mir genau, was geschehen ist.«
Er nahm die Teetasse zwischen beide Hände. Die Wunde am linken Handballen pochte schmerzhaft. Er biss die Zähne zusammen und schlürfte von dem Tee. Behutsam berichtete die Polizistin von ihrem nachmittäglichen Einsatz. Sie wählte jedes Wort mit Bedacht, und Emil erkannte ihren Willen, ihn so gut wie möglich zu schonen. Doch wie kann es Schonung geben, wenn einem mitgeteilt wird, dass ein Mensch, dem man sich liebevoll verbunden fühlt, gestorben ist? Jedes Wort schnitt grausam in Emils Seele. Zuerst wollte er es verleugnen, doch mit jedem Wort gewann die Nachricht mehr Wirklichkeit: Sein geliebter Bruder Baldi war tot.
»Gibt es einen Grund, warum sich Ihr Bruder das Leben nehmen wollte?«, fragte die Polizistin vorsichtig.
Sie stellte die Frage, die sich Emil in den letzten zwei Stunden zunehmend aufgedrängt hatte. Warum? Was sollte seinen Bruder angetrieben haben, sich zu erhängen? An einem stolzen Birnbaum hoch über dem Bodensee?
»Nein«, flüsterte Emil.
3
Jennifer saß drei Tage später über den Unterlagen aus der Kriminaltechnik und dem Obduktionsbericht. Am Körper von Balthasar Holzer hatten sich keinerlei Anzeichen einer Fremdeinwirkung gezeigt. Als Todesursache stellte die Gerichtsmedizinerin Genickbruch fest. Holzer litt an keinen erkennbaren Krankheiten und wies keinerlei Verletzungen auf. Seiner Kleidung hafteten keine verdächtigen Fremdfasern an. Am Stamm des Birnbaums und den beiden unteren Ästen konnte die Spurensicherung lediglich die Kletterspuren eines Menschen entdecken. Auch wenn dieser Befund geringe Beweiskraft hatte, war es sehr unwahrscheinlich, dass ein zweiter Mensch den Baum erklettert hatte, um Holzer dort gewaltsam zu erhängen. Beinahe ebenso unwahrscheinlich war es, dass ein Dritter den bereits an Genickbruch verstorbenen Holzer am Baum aufgehängt hatte. Obduktion und Spurensicherung ließen folglich nur einen Schluss zu: Selbstmord.
Jennifer formulierte ihren zusammenfassenden Bericht für die Staatsanwaltschaft. Diese würde das Ermittlungsverfahren einstellen und die Leiche zur Bestattung freigeben. Als sie fertig war, sortierte sie die Anlagen und las das Schriftstück noch einmal durch. Alles hatte seine Ordnung und das Ergebnis klang schlüssig. Aber Jennifer zögerte mit der Unterschrift. Sie griff nach dem Diensttelefon und tippte die Ziffernfolge für Emil Holzers Mobiltelefon in die Tasten. Er meldete sich nach dem fünften Klingeln.
»Häfele hier. Herr Holzer, ich wollte Sie kurz über das Ermittlungsergebnis informieren.«
»Ja?«
»Alles spricht für einen Freitod Ihres Bruders. Vermutlich wird die Staatsanwaltschaft morgen die Freigabe für die Bestattung erteilen. Mein Beileid, Herr Holzer. Es tut mir echt leid.«
»Danke«, sagte der Bruder des Toten matt und legte grußlos auf.
So geht man also mit der Endgültigkeit um, dachte Jennifer und eine beklemmende Traurigkeit erfasste sie. Das Bild des Verstorbenen am Birnbaum erschien vor ihrem inneren Auge. Es hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Das Ergebnis der Untersuchungen ließ sie ratlos zurück, denn die Frage, die sie menschlich interessierte, blieb unbeantwortet.
Warum hat er sich das Leben genommen?
Das fiel jedoch nicht mehr in die Zuständigkeit der Kemptener Kriminalpolizei. Jennifer musste die Ermittlungsakte schließen. Seufzend unterschrieb sie das Abschlussdokument und legte die Akte in den Postauslauf.
4
»Also Selbstmord«, murmelte Emil und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. Er war nach wie vor fassungslos. Als er vor zwei Tagen im Keller des rechtsmedizinischen Instituts seinen Bruder identifiziert hatte, war ihm Baldis Gesicht friedlich und entspannt erschienen. Von der steilen Furche, die sich oft zwischen seinen Augenbrauen gezeigt hatte, keine Spur. Die Stirn glatt, um die blassen Lippen ein Lächeln. Einbildung?
Sie hatten zuletzt vor einer Woche telefoniert. Baldi hatte ausgeglichen gewirkt, höchstens ein wenig aufgeregt wegen seiner frischen Liebe. Im Gegensatz zu Emil war Balthasar noch an Frauen interessiert gewesen. Trotz einer gescheiterten Ehe hatte sich Baldi nach einer Beziehung gesehnt. Er war auf etlichen Plattformen unterwegs gewesen und vor zwei Monaten auf einem hippen Dating-Portal fündig geworden. Vor drei Wochen hatte er ihm erstmals Fotos seiner Flamme gezeigt, und Emil musste zugeben, dass Hannah für ihre 49 Lenze ausgesprochen attraktiv war. Balthasar hatte darauf hin gefiebert, Hannah persönlich zu treffen. Soweit Emil informiert war, hatte dieses Treffen vor fünf Tagen stattfinden sollen.
Ob sich die beiden Turteltäubchen begegnet waren, wusste Emil nicht. Er tingelte gerade mit seiner Show übers Land, da telefonierte er selten mit seinem Bruder. Baldi hatte es stets respektiert, dass sich Emil während seiner Tourneen stark auf die Vorstellungen fokussierte.
Ist mit Hannah etwas schiefgegangen?, fragte sich Emil und nahm sich vor, den Computer seines Bruders zu durchforsten, wenn er wieder zuhause war. Heute, morgen und übermorgen musste er, so schwer es ihm fiel, noch Vorstellungen geben. Jeweils eine Aufführung am Nachmittag für Kinder, dann magische Abende für Erwachsene.
Emil lebte von seinen Auftritten inzwischen besser als früher. Bis vor zehn Jahren hatte er seinen Lebensunterhalt vor allem als Straßenkünstler verdient. Engagements waren jahrelang die Ausnahme gewesen, und selbst heutzutage, da er eine gewisse lokale Bekanntheit erlangt hatte, konnte er keinen Termin absagen, ohne befürchten zu müssen, nie wieder eingeladen zu werden. Wenigstens würde ihn die Konzentration auf die Vorführungen ein wenig von den traurigen Gedanken an seinen Bruder ablenken. Doch Emil war froh, in der kommenden Woche spielfrei zu haben.
5
Peter Griebl rieb sich die Hände. Endlich wurde Monika konkret und zeigte Interesse an einem Treffen. Seit sechs Wochen chatteten sie intensiv miteinander. Dabei waren sie sich erstaunlich nahe gekommen und hatten bereits einige Fotos ausgetauscht, zuletzt sehr freizügige. Die Übereinstimmung in ihren Anschauungen und Wünschen verblüffte Peter stets aufs Neue. Oper, Konzerte, Theater, Gourmetküche, gehobene Literatur, das alles ergab einen harmonischen Akkord erster Güte. Seit ihm Monika ein Bikini-Foto übermittelt hatte, war Peter Feuer und Flamme. Für eine 54-jährige Frau besaß sie eine fantastische Figur. Lange schlanke Beine, ein wohlgerundeter Po, die Taille einer jungen Frau und eine erregende Oberweite. Peter war mehr als nur das Wasser im Mund zusammengelaufen. Es hatte ihn viel Beherrschung gekostet, der schlagartig eintretenden Erregung keinen Raum zu geben. Aber er wollte sich seine Lust für das anberaumte Treffen aufheben. Monikas Bikini-Foto erregte vermutlich unbeabsichtigt, denn der Bikini bewies ihren erlesenen Geschmack. Peter hatte Hose und Oberteil gegoogelt und verblüfft festgestellt, dass es sich um eine sündhaft teure Kollektion eines weltbekannten Modeschöpfers handelte. Da wunderte er sich nicht mehr über Monikas Vorliebe für noble Restaurants, Sitzplätze in den vorderen drei Reihen von Oper und Theater und den megacoolen SUV.
Ein wenig erinnerte sie ihn sogar an seine frühere Verlobte. Lange her. Claudia war eine umwerfende Frau gewesen. Die Figur ein Traum, ihr Geschmack exquisit, der Verstand messerscharf, ihr Geschäftssinn phänomenal und ihr erotischer Hunger beinahe unstillbar. Lange hatte er davon geträumt, mit ihr durchs Leben zu gehen. Die Verlobung war ein rauschendes Fest gewesen. Doch mit dem pompösen Eheversprechen begann der Wandel. Weniger, dass Claudia stets oben sein wollte, als ihr Bestreben, alles und jeden und vor allem ihn zu dominieren, wurde übermächtig. Binnen weniger Monate entwickelte sie einen Kontrollwahn sondergleichen, privat und geschäftlich. Als seine junge Software-Firma erstmals die Millionengrenze beim Umsatz übersprang, wollte sie als Geschäftsführerin den Ton angeben. Sie setzte ihren Körper als Druckmittel ein und verweigerte sich ihm tagelang, wenn er nicht funktionierte, wie sie wollte. Als sie zu einer ultimativen Erpressung griff, hatte er die Notbremse gezogen und sich durch nichts mehr umstimmen lassen.
Es war kein Leben mehr mit Claudia. Ich musste mich trennen, dachte Peter mit einem Schuss Wehmut und einer Portion Verärgerung. Er hatte Claudia aus der Firma und der gemeinsamen Wohnung geworfen. Sie sann auf Rache, in und außerhalb des Gerichtssaals. Die juristischen Auseinandersetzungen um Firmenanteile, Schutz- und Urheberrechte zogen sich in die Länge, aber letztlich hatte Peter alle Prozesse gewonnen. Danach war Claudia zum Glück aus seinem Leben verschwunden.
Peter schüttelte die Erinnerungen ab, betrachtete stattdessen Monikas Bikini-Foto und freute sich auf das heutige Treffen. Wie er es auch drehte und wendete: Monika war in jeder Hinsicht ein Hauptgewinn.
Es wird Zeit für das große Los, dachte Peter. Sein Leben als erfolgreicher Geschäftsmann war im Privaten von etlichen Pleiten geprägt. Seine Vorliebe für schöne Frauen war ihm schon vor Claudia zum Verhängnis geworden. Dass seine Freundinnen seine dicke Brieftasche besonders attraktiv fanden, war ihm durchaus bewusst gewesen. Trotzdem hatte er vor zehn Jahren Nadine das Ja-Wort gegeben und sich ordentlich ausnutzen lassen. Irgendwann war es Zeit für die Reißleine gewesen und vor neun Monaten war die kostenintensive Scheidung endlich rechtskräftig geworden. Die 42-jährige Sexbombe loszuwerden, hatte ihn das Penthouse in Schwabing gekostet. Seitdem war er von zu jungen Frauen kuriert. 25 Jahre Unterschied strengten auf Dauer an, und irgendwann feststellen zu müssen, einen 30 Jahre jüngeren Nebenbuhler zu haben, hatte Peter tief gekränkt.
Nach der Scheidung hatte er seinen Vorsatz, es mit Bekanntschaften zu versuchen, die höchstens zehn Jahre jünger waren, auf diversen Dating-Plattformen in die Tat umgesetzt. Allerdings waren seine bisherigen Dates in dieser Altersgruppe meistens optische Enttäuschungen gewesen, von dem Problem geringer finanzieller Unabhängigkeit ganz zu schweigen. Jedenfalls hatte sich Peter den letzten drei Frauen nach ein paar durchschnittlich verbrachten Nächten französisch empfohlen. Die letzte der Drei hatte ihm daraufhin Ghosting vorgeworfen. So hieß das neuerdings, wenn man sich ohne Abschied verdünnisierte, hatte sich Peter amüsiert und den Chat gelöscht.
Mit Monika würde alles anders werden. Das spürte Peter bis in seine Haarspitzen. Jedenfalls bis in jene, die sein ziemlich kahles Haupt zierten. Der silbergraue Kranz um seinen im Übrigen blankpolierten Schädel rührte vermutlich zum Teil von den Genen, die ihm sein Vater mitgegeben hatte, und zum Teil von dem Stress, den er bis vor wenigen Monaten geschäftlich auszuhalten gehabt hatte. Inzwischen war der Verkauf seiner IT-Firma unter Dach und Fach. Peter hatte fast das Doppelte von dem erlöst, was er sich zunächst vorgestellt hatte. Mit den Millionen auf dem Konto ließ sich sogar der Verlust des Schwabinger Penthouses verschmerzen und ein bequemer Lebensabend finanzieren.
Gut, dass Monika kein Versorgungsfall ist, dachte Peter erleichtert. Gemeinsam könnten sie in ihren Vorlieben schwelgen. Er scrollte durch die Homepage des Nationaltheaters und buchte für die kommende Woche zwei Karten in der zweiten Reihe Parkett für die Zauberflöte. Danach reservierte er einen Tisch in Münchens aufstrebendem Zwei-Sterne-Restaurant in der Nähe der Oper. Monika würde den Abend genießen.
Mit etwas Glück wird daraus eine ganze Nacht, hoffte Peter und erfreute sich erneut an diesem Versprechen im Louis-Vuitton-Bikini.
1
Im Schlafzimmer lag das aufgeschüttelte Kopfkissen akkurat ausgerichtet auf dem Bett, die Daunendecke wie in einem guten Hotel drapiert, die Kleidung fein säuberlich im Schrank verstaut. In der Küche stand das Geschirr an seinem Platz, die Spülmaschine war ausgeräumt, der Besteckkasten wohlsortiert und der Abfalleimer entleert. Ebenso aufgeräumt zeigte sich das Wohnzimmer, in dessen hinterer Ecke der Biedermeierschreibtisch stand, darauf ein Aktenordner, dem sich Emil nun widmete.
Gleich auf der ersten Seite las er die Übersicht für die neun angelegten Register. In der ersten Abteilung lag, verschlossen in einem braunen Kuvert, Balthasars Testament. Register Zwei beinhaltete eine Übersicht über seine Bankkonten samt Zugangsdaten. Register Drei informierte über Wertpapierdepots. Die nächsten Register enthielten Unterlagen zu diversen Versicherungen.
Emil traten Tränen in die Augen. Sein Bruder hatte die Wohnung tiptop aufgeräumt und alles perfekt vorbereitet für den, der sich nach seinem Tod um die Belange kümmern musste, die es zu erledigen galt, wenn ein Mensch starb.
»Du hast deinen Tod sorgfältig geplant, Bruderherz«, murmelte Emil. Seine Hand zitterte, während er den Ordner durchblätterte. Er scheute sich, den Umschlag mit der Aufschrift »Testament« zu öffnen, fragte sich, ob er das überhaupt durfte. In solchen Dingen war Emil unerfahren und beschloss, sich rasch im Internet zu informieren.
Er schaltete Balthasars PC ein. Als die Maske für die Eingabe des Kennworts erschien, musste er nur kurz überlegen, dann tippte er Williams2013 ein. Der Startbildschirm öffnete sich und zeigte eine grüne Streuobstwiese mit altem Baumbestand, Hanglage, tief unten der graublaue Bodensee und am Horizont die Appenzeller Berge. Im Vordergrund reckte ein stolzer Birnbaum einen mächtigen Stamm in den Himmel. Emil wusste, wie sehr sein Bruder die hügeligen Wiesen oberhalb des Sees geliebt hatte, und der Anblick rührte ihn erneut zu Tränen.
Emil rief sich zur Ordnung und schüttelte seine Gefühle ab. Es war erforderlich, rational mit diesem Schicksalsschlag umzugehen. Also klickte er auf das Symbol des Internet-Browsers und tippte in die Suchmaske ein: Was tun, wenn man ein Testament auffindet?
Die Antworten erschienen prompt. Wie Emil es geahnt hatte, war alles gesetzlich geregelt. Er las in § 2259 des Bürgerlichen Gesetzbuches: Wer ein Testament, das nicht in besondere amtliche Verwahrung gebracht ist, im Besitz hat, ist verpflichtet, es unverzüglich, nachdem er von dem Tode des Erblassers Kenntnis erlangt hat, an das Nachlassgericht abzuliefern.
Emil nickte, googelte das zuständige Nachlassgericht und stellte fest, dass er ins Hauptgebäude des Lindauer Amtsgerichts zu gehen hatte. Sterben ist eben auch ein bürokratischer Akt, dachte er und notierte die Adresse des Gerichts auf einem Zettel, den er aus der Schreibtischschublade holte. Er schloss den Web-Browser und betrachtete die verschiedenen Icons auf dem Bildschirm. Ein Miniaturbild einer roten Rose erregte seine Aufmerksamkeit. Hannah stand unter der Rose.
Emil bewegte den Mauszeiger auf die Blume und öffnete den Ordner. Auf dem Bildschirm erschien mit einem silbernen Flimmern ein Chat. Die letzte Nachricht lautete:
Wenige Stunden noch, mein Geliebter, und wir vereinigen uns. Gehe den letzten Schritt mit Freude und Zuversicht. Es macht mich glücklich, dass Du Dir einen besonderen Ort ausgesucht hast, um durch die Pforte zu treten.
2
Der laue Frühsommerabend lockte in München viele Menschen in die Stadt. Auf der bekannten Einkaufsstraße vom Sitz des Parlaments hinein ins Zentrum flanierten diejenigen, die es sich leisten konnten, die Boutiquen zu betreten, deren Auslagen Durchschnittsverdiener lediglich mit offenen Mündern bestaunten. Peter hatte sein Coupé in der Operngarage unter dem Max-Joseph-Platz geparkt und schlenderte die Maximiliansstraße stadtauswärts. Er mochte es, die Gesichter der Leute zu studieren, die aus den Edelboutiquen herauskamen oder diese betraten. Heute stellte das einen willkommenen Zeitvertreib dar, denn vor lauter Aufregung, Monika zu treffen, war er eineinhalb Stunden zu früh in die Innenstadt aufgebrochen.
Gerade betrachtete er die Auslage einer Uhrenboutique, als sein Smartphone vibrierte. Er holte das Gerät hervor und entsperrte es. Seine Dating-App signalisierte eine eingegangene Nachricht.
Mein reizender Galan, willst Du mich in der Hofbräuhaus Parkgarage abholen? Halte Ausschau nach meinem X5 ganz hinten im untersten Parkdeck. Dort werde ich Dir winken und Du darfst mich im Schutz von Wagen und Wand ein erstes Mal in den Arm nehmen.
Irritiert las Peter die Nachricht ein zweites Mal. Wenn Monika auch mit dem Auto kam, konnten sie zum Dinner kaum eine Flasche Champagner trinken. Ob sie dann überhaupt entspannt genug wäre, ihn zu sich nach Hause zu begleiten?
Ach was, schob er die Bedenken beiseite. Zur Not lassen wir beide Wagen stehen, nehmen ein Taxi und verbringen eine leidenschaftliche Nacht miteinander. Es war eindeutig die Badekleidung von Louis-Vuitton, die bei diesen Gedanken ihre Wirkung zeigte.
Peter verließ das Schaufenster mit den Luxusuhren und lief raschen Schrittes auf den Altstadtring zu, unter dem sich seit wenigen Jahren eine der modernsten Tiefgaragen Deutschlands befand. Das untere Parkdeck wies etliche freie Plätze auf. Die schräge Anordnung der extrabreiten Stellplätze erlaubte es sogar SUVs, mit einem einzigen Manöver einzuparken.
Peter lief dem rechten Ende der Stellfläche entgegen und entdeckte im Eck einen schwarzen BMW SUV. Als er näherkam, trat eine dunkel gekleidete Frau mit wallendem hellblondem Haar aus dem Schatten und winkte ihm. Sie trug einen figurbetonten Hosenanzug.
Automatisch beschleunigte Peter seine Schritte. Monika zog sich wieder in den Schatten zurück. Peter scannte Wände und Decken der Tiefgarage und bemerkte an drei Stellen Überwachungskameras. Logisch, sagte er sich, sie will keine Aufnahmen von unserer ersten Umarmung. Auf die Frage, warum ihn dieser Gedanke erregte, wusste er keine Antwort. Tatsache war, dass sich sein Puls beschleunigte, während er auf den klobigen X5 zulief.
Kaum den Wagen erreicht, spürte er eine heftige Erektion. Er bog ums Eck und blickte an sich hinab, ob Monika seine Erregung bemerken konnte. Zum Glück beulte sich die Hose kaum. Der Blick glitt nach oben, traf ihr Gesicht, fiel auf einen grellrot geschminkten Mund – etwas blitzte – und ein brennender Schmerz raste durch seinen Unterleib.
Peter hielt die Luft an, starrte staunend auf das Messer, das seinen Bauchraum verließ. Kurz darauf grub es sich wie in Zeitlupe in seinen Brustkorb.
3
Mauro goss großzügig Pisco in den Becher, etwas Zitronensaft und Rohrzuckersirup, gab ordentlich Chili-Likör und drei deftige Spritzer Ingwer-Sirup dazu, setzte den Deckel auf und schüttelte den Cocktail kräftig durch. Dann nahm er das extragroße Glas, füllte es zu einem Drittel mit Crushed Ice und ließ in liebevoller Langsamkeit den Cocktail darüber rinnen. Den bei den meisten Gästen erwünschten Zuckerrand ließ der Barkeeper ebenso weg wie den Limettenschnitz, den er sonst auf den Glasrand steckte. August Wutz mochte seinen Spicy Pisco Sour ohne diesen Schnickschnack, und August gehörte zu Mauros Stammgästen.
»Prost, Kommissar, wie lang hast du noch?«, fragte Mauro und stellte den Cocktail vor August auf den Tresen.
»Fünf Monate, zwei Wochen und vier Tage«, knurrte August. »Aber nur, wenn ich auf meinen Resturlaub verzichte. Salute!«
Er hob das Glas, nickte dem Barkeeper zu und nahm einen kräftigen Schluck. Der Drink war perfekt, nicht zu süß, ordentlich Alkohol drin, durch den Pisco fruchtig mit einer Ahnung von Marzipan und von Ingwer und Chili scharf angespitzt. So liebte August diesen Sommerhit. Von allen Kneipen, die er kannte, war Mauros Schuppen seine Lieblingscocktailbar. Hier gab es phänomenale Cocktails zu angemessenen Preisen, und wenn er besoffen war, konnte er in drei Minuten nach Hause torkeln.
Betrunken verließ August die Bar in letzter Zeit häufiger. Mauros Cocktails halfen ihm beim Vergessen. Seit mehr als zwanzig Jahren arbeitete er bei der Münchner Mordkommission. Im Kollegenkreis galt er als erfolgreicher Ermittler. Die Chefs dagegen hatten all die Jahre Vorbehalte gehabt. So war August weder Leiter des Kriminalkommissariats 11 noch Stellvertreter geworden. Das wurmte ihn. Einerseits kränkte es sein Ego, andererseits schmälerte es seine künftige Pension. Es wäre schön gewesen, als Erster Kriminalhauptkommissar in Ruhestand zu gehen und damit gut 400 Euro mehr Kohle einzustreichen, Monat für Monat, netto versteht sich.
Je näher sein Ruhestand rückte, umso wichtiger wurde es, den Ärger über die geknickte Karriere zu vergessen. Schlimmer als diese Backpfeifen für sein Ego wirkten jedoch die Bilder, die auf ihn einstürzten. Als hätte ein griechischer Rachegott die Pforten der Hölle geöffnet, tauchten die vielen Leichen wieder auf, die er in den zurückliegenden Jahren bei seinen Tatortbesichtigungen und später in der Rechtsmedizin hatte sehen müssen. Bisher hatte er solche Erinnerungen gut verdrängen können, doch mit dem nahenden Ruhestand sah er viele der bemitleidenswerten Opfer vor sich und konnte den Anblick kaum ertragen.
Zum Glück tauchten diese Erinnerungen nach dem zweiten Cocktail ab wie ein sich vollsaugendes Papierschiffchen in trübem Wasser. Nach dem dritten Drink lagen sie, von oben unsichtbar, auf dem Grund, und für diese Nacht erlöste ihn das Vergessen.
Das Verschwinden der Erinnerungen nutzte ein anderer Quälgeist aus, nämlich die seit Wochen bohrende Frage, wie August mit dem künftigen Ruhestand umgehen sollte. Was werde ich dann tun?, fragte er sich mehrmals am Tag und fand darauf keine Antwort.
Er hatte Angst vor Langeweile. Sein Privatleben prosperierte seit Jahren wie ein angestaubtes Antiquariat, in dessen Regalen lediglich die Erstausgaben unbedeutender Schriftsteller stehen. Seit der Trennung von Gabi lebte August allein. Mit seinen Kartenkumpels von früher hatte er sich heillos zerstritten, weil sie wegen seines unorthodoxen Spiels permanent gemeckert hatten. Alte Freunde waren untergetaucht, weil entweder sie oder er zu wenig Zeit gehabt hatten, den Kontakt zu pflegen. Selbst im Kollegenkreis hielt August Distanz, seit es diesen Skandal mit den koksenden Drogenfahndern und daraus resultierend interne Bespitzelungen gegeben hatte. Kurz und gut, August hatte keinen Freundeskreis, keine Frau und kein Hobby.
»Schöne Zukunftsaussichten«, knurrte er und trank einen kräftigen Schluck Spicy Pisco Sour.
Gerade, als er bei Mauro den zweiten Cocktail ordern wollte, meldete sich sein Smartphone. Paranoid, Black Sabbath. Sein dienstlicher Rufton. Er fingerte das Handy aus der Hosentasche, schaltete es stumm und lehnte den Anruf ab.
»Feierabend ist Feierabend.«
»Hast du mich gemeint?«, wollte Mauro wissen.
»Nein, den Scheißjob natürlich«, winkte August ab. Ehe er das Gerät in die Tasche stecken konnte, poppte eine Kurznachricht auf. Telegram. Von Vanessa.
Geh ans Telefon, schrieb sie und gleich darauf erschien ihre Nummer auf dem Display. Er strich den Button nach rechts und hielt sich das Handy ans Ohr.
»Plagegeist, was willst du?«, meldete er sich.
»Tatort Tiefgarage, willst du vorbeikommen?«
»Nein.«
»Hast du getrunken?«
»Ja.«
»Bei Mauro?«
Verdammt, sie kennt mich zu gut, ärgerte er sich.
Es war ein Fehler gewesen, in den letzten Monaten mit ihr den einen oder anderen Absacker bei Mauro zu nehmen. August wusste, leugnen war zwecklos. Also bejahte er wahrheitsgemäß.
»Gut«, sagte sie, »in zehn Minuten hole ich dich ab.«
• • •
Ein Streifenwagen stand quer vor der Einfahrt. Vanessa ließ ihr Fenster herunter und zeigte ihre Dienstmarke. Der uniformierte Kollege bestieg seinen Wagen und setzte ihn so weit zurück, dass Vanessa vorbeifahren konnte. Im Rückspiegel verfolgte August die erneute Absperrung der Einfahrt.
Seine Teampartnerin ließ den silbernen BMW über die Rampe rollen und fuhr langsam hinab ins unterste Parkdeck. In der hinteren linken Ecke sahen sie die Absperrbänder und den Einsatzwagen der Kriminaltechnik. Vanessa parkte daneben, und sie stiegen aus. Heiner Barz von der Spurensicherung winkte August heran.
»Servus, Wutz. Die Kollegen vom Dauerdienst haben den Tatort abgesichert und bereits Kopien von den Aufzeichnungen der Überwachungskameras gezogen. Ihr bekommt das Material ins Kommissariat geliefert. Das Bestattungsunternehmen ist auf dem Weg. Gib uns noch drei Minuten, dann sind wir fertig, und du kannst dir die Sauerei anschauen.«
Der Tote trug einen eleganten Sommeranzug und lag zusammengekrümmt an der Wand in einer kleinen Blutlache. Das Jackett stand offen, Blut durchtränkte das weiße Hemd im Brust- und Bauchbereich. Offensichtlich hatte der Kleidungsstoff viel von dem Blut aufgesaugt. Die Augen des Getöteten starrten August an. Auch dieses Gesicht würde ihn künftig heimsuchen, ahnte er und wandte sich ab. Er hatte genug gesehen. Das Opfer war mit zwei Messerstichen, für den Mann völlig überraschend, getötet worden.
»Habt ihr schon brauchbare Hinweise festmachen können?«, wollte er von Heiner wissen, der mit den beiden Kollegen abfahrbereit war.
»Wir haben einen halben Schuhabdruck und Reifenspuren, einige Fasern konnten wir von der Wand sichern. Ob’s was bringt, mal sehen. Jedenfalls schaut es nicht nach Raubmord aus, denn das Opfer trägt seine Luxusuhr am Handgelenk und der Geldbeutel ist prall gefüllt.«
»Ausweispapiere?«
»Waren im Geldbeutel. Peter Griebl, 67 Jahre alt, wohnhaft in Gräfelfing. Wir bringen nachher alles zu euch aufs Kommissariat.«
»Smartphone?«
»Keines.«
»Okay. Wir sehen uns.«
Heiner nickte und stieg in den Transporter der Kriminaltechnik.
August beobachtete seine Kollegin, die gerade den Hals des Ermordeten befühlte. Als sie sich erhob und zu August umdrehte, war sie leichenblass. Er wusste, dass der Anblick einer Leiche Vanessa stets erschütterte. Wollte sie länger bei der Mordkommission arbeiten, müsste sie sich ein dickeres Fell zulegen. Es reicht, dachte er, wenn einen die Bilder am Ende der Laufbahn wieder einholen.
»Wenn du mich fragst, ist der Mann höchstens zwei Stunden tot«, teilte ihm Vanessa ihren Eindruck mit. »Aber sie werden ja in der Gerichtsmedizin die Temperatur messen. Schau, da kommt der Bestatter.«
August drehte sich um und sah den schwarzen Kombi auf sie zurollen. Er ging noch einmal näher an die Leiche heran und machte mit seinem Smartphone ein paar Fotos, dann winkte er den Mitarbeitern des Bestattungsinstituts. Sie konnten den Leichnam einsargen und in die Rechtsmedizin fahren. Für August und Vanessa war am Tatort nichts mehr zu tun.
»Ab ins Büro«, sagte August. »Schauen wir mal, was uns die Kollegen vom KDD auf den Schreibtisch gelegt haben.«
4
Jennifer stieg in ihren Klettergurt, als ihr Handy trällerte. Hastig griff sie in ihre Sporttasche und wühlte sich zu dem Smartphone durch. Die drahtige Sportlerin an der Linie vier Meter weiter warf ihr einen tadelnden Blick zu. Handys waren in der Kletterhalle verpönt. Zum Glück fand sie es rasch, stellte auf lautlos und nahm das Gespräch entgegen.
»Emil Holzer hier. Frau Kommissarin?«
»Moment, ich gehe an einen ruhigen Platz«, antwortete Jennifer und verließ die Halle. Auf der Freifläche telefonierte es sich störungsfreier. »Was kann ich für Sie tun, Herr Holzer?«
»Ich habe komische Sachen entdeckt, bei meinem Bruder. Chats, eigenartige Nachrichten. Können Sie sich das mal anschauen?«
»Herr Holzer, die Staatsanwaltschaft hat das Verfahren eingestellt. Wir ermitteln bei Suiziden nicht.«
»Wenn es kein Selbstmord war?«
»Es gibt keinerlei Hinweise auf eine Fremdtötung. Tut mir leid, Herr Holzer.«
»Fremdtötung wohl nicht. Aber Fremdverschulden? Diese Chats, wenn man das liest, also wirklich: Mein Bruder wollte leben.«
Jennifer hörte deutlich Holzers Verzweiflung. Sie verstand ihn. Es war extrem schwer für die Menschen, den Suizid eines Angehörigen zu akzeptieren. Aber im Fall Balthasar Holzer war die Sachlage eindeutig gewesen. Der Fall war abgeschlossen. Was sollten da irgendwelche Chats bringen?
Während sie eine mitfühlende Antwort überlegte, sah sie ihre Kletterpartnerin, die ihr kopfwackelnd winkte. Jennifer streckte den Daumen hoch zum Zeichen, dass sie gleich käme.
»Ich fühle mit Ihnen, Herr Holzer, aber der Fall ist bei den Akten. Tut mir leid.« Mit diesen Worten legte sie auf, überprüfte, ob das Smartphone wirklich auf lautlos gestellt war, ging zu ihrer Tasche zurück und zog die Kletterschuhe an.
»Wie fangen wir an?«, wollte Petra wissen.
»Zum Einklettern eine Sechser-Linie ohne Überhang«, antwortete Jennifer und sperrte ihre Tasche in den Spind.
Sportklettern in der modernen Kemptener Kletterhalle schenkte Jennifer die perfekte Abwechslung zum Ermittler- alltag. Darüber hinaus stellten die Linien in der Halle optimales Training für Touren am Fels dar. Den Wänden in den Kalkbergen vor der Haustür galt Jennifers wahre Leidenschaft. Jeden freien Tag verbrachte sie in den Bergen. Wenn sie einen Seilpartner hatte, wurde geklettert, ansonsten ging sie Bergsteigen. Leider verwöhnten Dienstplan und Dienstpflichten eine junge Kriminaloberkommissarin nicht mit Freizeit. Oft genug blieb Jennifer daher den geliebten Bergen fern. Umso mehr genoss sie die Stunden mit ihrer Freundin Petra in der Kletterhalle.
Heute jedoch wanderten immer dann, wenn sie zum Sichern unten stand, ihre Gedanken zu Emil Holzer, der mit dem Freitod seines Bruders haderte. Erklomm sie selbst die sportlich geschraubten Routen, lag ihr Fokus stets auf den nächsten Griffen und Tritten, aber kaum wechselte sie die Position, überlegten ihre grauen Zellen, ob es sich lohnen könnte, Holzer einen Besuch abzustatten.
Obwohl Jennifer sorgfältig wie stets sicherte, bemerkte ihre Freundin dieses Grübeln.
»Irgendwas geht dir heute im Kopf rum«, sagte sie schließlich. »Wollen wir reden? Ein Bierchen trinken?«
»Eine Linie noch, dann gern«, erwiderte Jennifer. »Aber du hast recht. Es ist ein trauriger Fall, der mich beschäftigt.«
• • •
Sie saßen mit ihren alkoholfreien Bieren auf der Terrasse. Petra hatte Jennifers Bericht über den Tod von Balthasar Holzer aufmerksam verfolgt. Sie trank einen Schluck, ehe sie sich äußerte: »Du hast vorhin selbst auf die Möglichkeit hingewiesen, dass ein Mensch in den Freitod getrieben werden kann. Der wohl berühmteste Fall in Deutschland wurde vor rund 30 Jahren höchstrichterlich entschieden. Es handelt sich um den sogenannten ›Siriusfall‹. Da hat der Täter sein Opfer so manipuliert, dass es versucht hat, seinem Leben ein Ende zu setzen. Letztlich ist der Suizidversuch misslungen, weshalb der Täter lediglich wegen versuchten Mordes in mittelbarer Täterschaft verurteilt wurde. Wenn du bei deinem Fall ein Fremdverschulden definitiv ausschließen willst, solltest du dir diese Chats zumindest ansehen.«
»Krass, davon hast du mir schon während deines Studiums erzählt«, kommentierte Jennifer.
»Klar, den Fall kennt fast jeder Jurist. Es geht aber auch unspektakulärer. Man kann einen Menschen mit Drohungen, Erpressungen und was weiß ich noch allem so zur Verzweiflung bringen, dass er sich umbringt. Dann besteht zwar kein Kausalzusammenhang zur Selbsttötung, aber die Drohungen, Erpressungen oder was auch immer können für sich genommen eine Straftat darstellen.«
»Du würdest dir also die Chats anschauen?«
»Ja«, antwortete Petra und nickte selbstbewusst.
5
Vanessa und August betrachteten gebannt die körnigen Aufnahmen der beiden Überwachungskameras. Um 17:16 Uhr parkte ein schwarzer SUV auf dem letzten Parkplatz des untersten Parkdecks. Durch die getönten Scheiben ließ sich kein Fahrer erkennen. Niemand verließ das Fahrzeug. Um 18:03 Uhr lief ein Mann auf den SUV zu. Eine Minute später erschien hinter dem SUV kurz eine winkende Gestalt, die gleich darauf wieder in der Deckung des Wagens verschwand. Der Bereich hinter dem SUV wurde von keiner Kamera erfasst.
Der Mann beschleunigte seine Schritte, trat um die rechte hintere Fahrzeugkante und verschwand aus dem Bild. Um 18:09 Uhr setzte der SUV zurück und verließ das Parkdeck.
»Der Täter hat genau gewusst, was er tut und wo er es tut«, murmelte August. »Haben wir Aufnahmen von der Einfahrt und der Ausfahrt?«
Vanessa sprang zum Dateiverzeichnis des Sticks zurück, nickte und lud das nächste Video hoch.
17:11 Uhr, der schwarze SUV hielt an der Schranke und zog ein Ticket. Um 18:14 Uhr zahlte eine in einen langen schwarzen Mantel gehüllte Person ein Parkticket, um 18:18 Uhr hielt der schwarze SUV an der Ausfahrtsschranke, ein schwarzer Arm steckte ein Ticket ins Lesegerät, die Schranke ging hoch, der SUV fuhr davon.
»Ist das Kennzeichen überprüft? Es ist deutlich zu erkennen«, bemerkte August.
»Das Kennzeichen gehört zu einem X5 aus Harlaching und wurde heute Mittag als gestohlen gemeldet.«
»Da hat sich jemand angestrengt«, brummte August missmutig. Eine böse Vorahnung beschlich ihn. Dieser Fall wird kompliziert. »Was wissen wir schon über das Opfer?«
»Peter Griebl, 67 Jahre alt, wohnt in der Killerstraße in Gräfelfing –«
»Verarschst du mich?«
»Um Gottes Willen, Gustl, nein«, wehrte sich Vanessa.
»Familie, Angehörige?«
»Ziemlich frisch geschieden. Die Exfrau wohnt in Schwabing.«
»Bereits verständigt?«
»Das wollten die vom Dauerdienst uns überlassen«, verneinte Vanessa.
»Prima«, kommentierte August sarkastisch. Angehörige verständigen gehörte zu den Aufgaben, die ihm besonders verhasst waren. Andererseits war ungefähr jedes zweite Tötungsdelikt eine Beziehungstat. Möglicherweise stünden sie mit der trauernden Exfrau zugleich der Mörderin gegenüber. Was die Situation kaum angenehmer gestalten würde.
»Machen wir uns auf den Weg«, forderte er seine Partnerin auf und schaltete den Computer aus.
• • •
Nadine Griebl wohnte im obersten Stock eines exklusiven Appartementhauses in Schwabing. Die Gegensprechanlage an der Haustür blieb lange stumm. August war drauf und dran, unverrichteter Dinge abzuziehen, als sich eine barsche Männerstimme meldete. Gedankenschnell nannte Vanessa ihren Namen und bat, hinaufkommen zu dürfen, um mit Nadine zu sprechen. Im Rauschen der Sprechanlage hörte August Gemurmel, dann summte der Türöffner.
Die Frau, die sie in der Diele des Penthouses in einem nachlässig übergeworfenem Morgenmantel empfing, löste bei August einen kurzzeitigen Atemstillstand aus. Ein ebenmäßiger Kopf mit dunklen Augen und lächelndem Schmollmund umrahmt von einer verwuschelten roten Mähne. Unter dem kantigen Kinn prangte ein schlanker Hals, in dessen Verlängerung sich ein Dekolleté, wie August es im realen Leben bisher niemals zu Gesicht bekommen hatte, mehr als nur andeutete. Entgegen jeglicher Etikette wanderte Augusts Blick über den Morgenmantel nach unten zu perfekten Beinen.
Als er endlich einatmete, erinnerte er sich an diffuse Szenen des Krimis Basic Instinct, nur dass Nadine Griebl die Schauspielerin Sharon Stone eindeutig in den Schatten stellte.
»Was wollen Sie verdammt nochmal?« Griebl bellte ihre Frage und schreckte August damit aus seinen sündigen Gedanken auf.
»Dürfen wir hereinkommen?«, fragte Vanessa und hielt ihre Dienstmarke hoch. »Wir müssen mit Ihnen reden.«
»Worum geht’s denn?« Sie verschränkte die Arme vor der Brust.
»Um Peter Griebl, Ihren Exmann«, antwortete Vanessa mit sanfter Stimme. »Bitte.«
»Mit dem Arsch habe ich nix zu schaffen«, blaffte Griebl, trat jedoch einen Schritt zur Seite und wies in die Richtung eines hell erleuchteten Raumes. »Die Couch ist links«, ergänzte sie und nickte dem Adonis zu, der zwei Schritte hinter ihr in einem Seidenmantel dem Gespräch gefolgt war.
Er lief durch den kurzen Flur voraus, betrat das Wohnzimmer und wies auf ein ausladendes Ledersofa.
Wortlos nahm August Platz. Vanessa setze sich neben ihn. Das Zimmer war mit edlem Mobiliar eingerichtet. Modern, kühl und dezent. August nahm von den teuren Studioboxen an der Längswand Notiz und unterdrückte einen aufkommenden Neidreflex. Geldmangel schien für Nadine Griebl jedenfalls kein Thema zu sein.
»Also, was ist mit dem Arsch?«, forderte Griebl Vanessa auf.
»Er ist tot«, flüsterte Vanessa.
August verkniff sich ein Grinsen. Sie macht das geschickt, lobte er sie im Stillen. Aggression herausnehmen, eine nachdenkliche Atmosphäre schaffen, Empathie wecken. Gut so.
»Fuck«, entfuhr es der Exfrau, dann schlug sie sich auf den Mund.
Für einige Sekunden herrschte Stille. August versuchte, in Griebls Gesicht zu lesen. Was er zu sehen glaubte, war Erschrecken und Angst.
Warum hat sie Angst?, rätselte er und beobachtete fasziniert die allmähliche Veränderung in Griebls Körperhaltung und Gesichtsausdruck. Sie nahm das Kinn zurück, öffnete die Lippen leicht, und es schien, als würden sie zittern. Sie runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen. Die Arme hingen schlaff herab. Sie beugte sich leicht vor, was August unangenehm berührte, denn jetzt zog ihr Ausschnitt seinen Blick magisch an. Er rief sich zur Ordnung und hob den Kopf.
Sie bemerkte es, seufzte und fragte: »Was ist geschehen?« Ihre Stimme klang komplett verändert.
Was bist du nur für eine Schauspielerin, dachte August.
»Er ist in der Hofbräuhaus-Tiefgarage einem Herzversagen erlegen«, mogelte sich Vanessa um die knallharte Wahrheit.
»Herzversagen«, murmelte die Exfrau. »Na ja, alt genug war er.«
Wieder trat für kurze Zeit ein bleiernes Schweigen ein, ehe Griebl fragte: »Warum kommen Sie deswegen mitten in der Nacht zu mir?«
»Sie sind die einzige Angehörige, von der wir Kenntnis haben«, erklärte Vanessa. »Übrigens, mein Beileid.«
»Wir sind seit neun Monaten geschieden. Streitig, wenn Sie verstehen, was das heißt«, merkte sie an und ihr Kinn reckte sich wieder ein wenig vor.
»Also erben Sie nichts?«
»Was weiß ich, ob er sein Testament geändert hat«, blaffte Griebl plötzlich angriffslustig. »Wer zahlt mir jetzt meinen Unterhalt?«
»Vermutlich niemand«, mischte sich August ein. »Wo waren Sie heute Nachmittag?«
»Soll das ein Verhör werden oder was? Geht Sie gar nix an«, fauchte Griebl und stand auf. »Jetzt will ich zurück ins Bett.«
Mit einer raschen Bewegung löste sie den Knoten ihres Gürtels. Der Morgenmantel schwang auf und entblößte ihren perfekten Körper lang genug, dass August Schnappatmung bekam.
Vanessa erhob sich und funkelte Griebl an. »Na dann viel Spaß. Wir kommen wieder.«
Sie fasste August am Arm und schob ihn Richtung Tür.
Mit frechem Grinsen schlang Griebl den Morgenmantel um ihren Leib und gab ihrem Liebhaber ein Zeichen. Der Adonis begleitete August und Vanessa zur Tür.
»Wir waren den ganzen Tag am Ficken«, sagte er, als die beiden vor dem Aufzug standen und warf die Tür zu.
6
Emil las den Chatverlauf seines Bruders mit Hannah zum zweiten Mal. Diesmal in aller Ruhe, langsam, Zeile für Zeile. Er mochte nicht glauben, was die beiden sich geschrieben hatten. Unfassbar, verrückt.
Ja, Balthasar hatte etliche verschrobene Ansichten gehabt und war seit Jahren für Verschwörungserzählungen und übersinnliche Fantasien anfällig gewesen. Dabei hätte er als Bruder eines Illusionisten wissen müssen, was hinter jeder magischen Vorführung steckte: Manipulation der Aufmerksamkeit, Fingerfertigkeit, Übung, Geschick, Psychologie und perfekte Requisiten. Nothing else!
Aber nein. Baldi hatte an Wunder, an Engel und an Zauberei geglaubt, war empfänglich für esoterischen Firlefanz gewesen und hatte Globuli jedem rezeptpflichtigen Medikament vorgezogen. Doch der Gedankenaustausch, den er mit Hannah gepflegt hatte, setzte all diesem Humbug die Krone auf.
Emil schwankte zwischen Wut, Enttäuschung und abgrundtiefer Trauer. Er konnte nicht weiterlesen und schaltete den PC aus. Was soll ich damit tun?, fragte er sich und ärgerte sich einmal mehr über Polizei und Staatsanwaltschaft, die Baldis Tod mit bürokratischer Gleichgültigkeit als Suizid zu den Akten gelegt hatten.
• • •
Mehrere Tage hatte Emil es hinausgezögert. Jetzt fuhr er den Hügel hinauf, parkte das Auto und lief die kurze Strecke hinüber zum Birnbaum auf der Streuobstwiese. Der Hang lag friedlich in der Vormittagssonne. Tief unten ruhte die spiegelnde Fläche des Bodensees, in leichtem Dunst das Schweizer Ufer, gestochen scharf am Horizont der Säntis mit seinem markanten Funkmast.
Wehmütig ließ Emil diesen Anblick auf sich wirken. Als er vor dem Baum stand, an dem sein Bruder seinem Leben ein Ende gesetzt hatte, schüttelte ihn ein kräftiges Schluchzen durch. Was für eine stolze Birne, was für ein erhabenes Geschöpf, und was für ein Schmerz für den Menschen, der an diesem Ort einen geliebten Menschen verloren hatte. Warum hast du dir diesen Baum ausgesucht? Was hast du dir erhofft?, fragte sich Emil verzweifelt. Du kannst doch nicht im Ernst geglaubt haben, mit deinem Tod durch eine Pforte in eine neue Welt zu treten, die dich mit deiner Internet-Freundin vereint.
Auch wenn dies die eindeutigen Worte in den Chats von Balthasar mit Hannah waren, fehlte Emil jede Vorstellung, dass sein Bruder das wahrhaftig geglaubt haben könnte.
Er blickte am Stamm nach oben und versuchte, die Stelle zu entdecken, an der Balthasar das Seil befestigt hatte. Doch die Rinde von Stamm und Ästen war unversehrt. Der Tod hatte an der erhabenen Birne keine Spuren hinterlassen.
Emil setzte sich vor dem Baum auf den Boden und lehnte sich mit dem Rücken gegen den Stamm. Seine Gedanken schweiften die Wiese hinab, über den See und den Horizont, den Bergen entgegen und damit in die Vergangenheit.
Adolf und Heidemarie Holzer tauchten aus der Erinnerung auf. Lebhaft sah Emil seine Eltern vor sich und bedauerte es sehr, diesen Schicksalsschlag nicht mit ihnen teilen zu können. Vor allem für die Mutter wäre Baldis Tod ein grässlicher Schmerz gewesen, aber sie hätten sich gegenseitig getröstet. Vater hätte still getrauert und Zuflucht im Alkohol gefunden, wäre dann betrunken derjenige gewesen, der Mutter und Sohn in die Arme genommen und ihnen die Köpfe gestreichelt hätte. Der Vater, sein ganzes Erwachsenenleben mit diesem Vornamen geschlagen, der leider in den Jahren nach 1933 stark in Mode gekommen war, hatte seiner Trunksucht bereits vor zwölf Jahren Tribut gezollt und war an Leberversagen gestorben. Mutter war vor vier Jahren in geistiger Umnachtung für immer eingeschlafen. Er, Emil, war nun der letzte Holzer aus dieser Linie, die mit ihm aussterben würde. Er musste mit der Trauer allein zurechtkommen.
Hat Mutter das Samenkorn eingepflanzt, das langsam aufgegangen war und seinen Bruder für Quacksalberei empfänglich gemacht hatte?, grübelte Emil. Heidemarie Holzer hatte an mehr geglaubt als nur den gütigen Gott, von dem der Allgäuer Pfarrer in jeder Messe erzählte. Die Mutter war tief beseelt gewesen von dem Glauben, die Welt wäre von Engeln bevölkert. Fast täglich rief sie die Schutzengel an, welche die Familie vor den bösen Geistern bewahren sollten, die nach den guten Seelen trachteten. Balthasar sog Mutters Glauben auf wie ein Schwamm das Wasser. Begeistert begleitete er die Mutter in die Abendandacht oder kniete mit ihr vor dem Haus- altar, der im Herrgottswinkel der Stube eingerichtet war. Glauben und Beten erfüllte sein Herz, und bis ins letzte Jahr der Pubertät wollte er Priester werden.
Der Glaube kettete Mutter und Sohn untrennbar aneinander – bis Brigitte wie eine leibhaftige Hexe in Balthasars Leben trat. Da entstand ein Zerwürfnis mit Mutter von dramatischer Dimension. Mit ihrer sanften Leidenschaft verdrehte Brigitte Balthasar den Kopf so gründlich, dass er den Hausaltar keines Blickes mehr würdigte. An Gottes und der Engel Stelle betete Balthasar nun Brigitte an. Mutter schrie oft in ihrer Verzweiflung: »Dieses Weib hat der Teufel geschickt.«
Vermutlich war Mutters Gott ein alttestamentarischer Gott, denn er war des Zornes und der Rache fähig. Auf der Heimfahrt von einem Tanzvergnügen kam Balthasar mit dem Moped von der Straße ab. Mit Brigitte auf dem Sozius stürzte er in eine Schlucht. Das Moped zerschellte im tiefen Grund, Brigitte zerschmetterte an einem Felsen. Nur Balthasar verfing sich durch eine glückliche Fügung in den Ästen eines krumm gewachsenen Baumes und konnte, wenngleich schwer verletzt, gerettet werden.
