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Lange hat es Olga Swatschuk nicht an der Universität ausgehalten. Eine Pandemie und eine Doktorarbeit später drängt es sie danach, endlich wieder als Anwältin tätig zu werden. Das Anliegen ihres Kollegen Wilfried Löffler ist jedoch nicht das, was sie sich erhofft hat. Löffler hat Probleme mit seiner Bank bekommen, nachdem er einen gefälschten Scheck eingelöst hat. Eigentlich dachte er, damit seine Social-Media-Bekanntschaft zu unterstützen, die für die WHO als Krankenschwester in Afghanistan arbeitet. Für Olga ist jedoch klar: Löffler ist auf eine Betrügerin reingefallen. Nur wahrhaben will er es nicht und schickt ihr weiterhin Geld. Zu gern würde Olga ihn seinem Schicksal überlassen, doch plötzlich erhält sie selbst bedrohliche Nachrichten, die sie mitten hineinziehen in die Welt des Scamming. »Liebesfalle« ist der fünfte Band der München-Krimi-Reihe rund um die Anwältin Olga Swatschuk. Der Autor: "Zentral geht es um Liebesbetrug ("Scamming") im Internet – dieses seit Jahren bekannte Phänomen stürzt viele Menschen in echtes Unglück. Wie es Menschen, die sich einsam fühlen und die sich mit dem Knüpfen von Kontakten schwertun, in diesem Kontext ergeht, hat mich berührt und bewegt. Im System dieser Internet-Betrugsmasche gibt es Handlanger, die letztlich von den Hintermännern ebenfalls ausgebeutet werden – das Schicksal der Täterin, die auf besondere Weise selbst zum Opfer wird, hat mich ebenso interessiert. Dies ist Olgas 5. Fall – es ist cozy crime und auf eine spezielle Art sozusagen auch ein Liebesroman."
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Seitenzahl: 336
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Lange hat es Olga Swatschuk nicht an der Universität ausgehalten. Eine Pandemie und eine Doktorarbeit später drängt es sie danach, endlich wieder als Anwältin tätig zu werden. Das Anliegen ihres Kollegen Wilfried Löffler ist jedoch nicht das, was sie sich erhofft hat.
Löffler hat Probleme mit seiner Bank bekommen, nachdem er einen gefälschten Scheck eingelöst hat. Eigentlich dachte er, damit seine Social-Media-Bekanntschaft zu unterstützen, die für die WHO als Krankenschwester in Afghanistan arbeitet.
Für Olga ist jedoch klar: Löffler ist auf eine Betrügerin reingefallen. Nur wahrhaben will er es nicht und schickt ihr weiterhin Geld.
Zu gern würde Olga ihn seinem Schicksal überlassen, doch plötzlich erhält sie selbst bedrohliche Nachrichten, die sie mitten hineinziehen in die Welt des Scamming.
»Liebesfalle« ist der fünfte Band der München-Krimi-Reihe rund um die Anwáltin Olga Swatschuk.
GEORG BRUN
Ein München-Krimi
Alle Rechte unterliegen dem Urheberrecht. Verwendung und Vervielfältigung von Text und Bild nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages.
E-Mail: [email protected]
Lektorat: Johanna Gerhard
Korrektorat: Jeannine Bachmann
Layout und Umschlaggestaltung: Martina Stolzmann
Coverbild: © Pixabay
© 2025 Sparkys Edition
Herstellung und Verlag: Sparkys Edition, Zu den Schafhofäckern 134, 73230 Kirchheim-Teck
Druck: Franz X. Stückle Druck und Verlag e. K., Ettenheim
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliothek; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN: 978-3-949768-45-3
eISBN: 978-3-949768-54-5
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Danksagung
Durch Betrug erlistet ist noch nicht gewonnen.
Sophokles
Es ist einige Zeit verstrichen, seit Olga in ihrem letzten Fall ermittelt hat. Inzwischen liegt eine lähmende Pandemie hinter dem Land und viele Geschäfte laufen wieder wie vor dem Auftauchen des bedrohlichen Virus. Auch wenn diese Geschäfte Ähnlichkeiten zu tatsächlichen Vorgängen haben, sind sie selbstverständlich frei erfunden.
Endlich kann man wieder zu einer kleinen Universitátsfeier zusammenkommen, freute sich Olga und nahm ihren Platz in der ersten Reihe ein. Neben dem Rednerpult stand eine Bodenvase mit Sonnenblumen, das gab dem nüchternen Hörsaal eine freundliche Note. Rechts und links von Olga saßen die anderen Doktorandinnen und Doktoranden, alle jünger als sie selbst, alle mit aufgeregten Gesichtern. Erstmals seit knapp zwei Jahren würde die Dekanin der Juristischen Fakultät die Urkunden überreichen, mit denen die jahrelange Arbeit an den Dissertationen und der Angstschweiß aus dem Rigorosum belohnt wurde. Der Reihe nach würden die, die vorne im Auditorium saßen, den Titel eines doctor iuris verliehen bekommen. Auch Olga spürte die Aufregung sowie die Genugtuung, dass es ihr gelungen war, ihre Dissertation mit dem sperrigen Titel »Der Begriff der Gerechtigkeit bei Hegel in Bezug auf die moderne Jurisprudenz« abzuschließen. Hegel war keine leichte Kost, und mehr als einmal war sie drauf und dran gewesen, die Doktorarbeit in die Ecke zu werfen. Umso stolzer war sie, ihre Arbeit nicht nur vollendet, sondern auch zügig fertiggestellt zu haben, zumal ihre Dissertation mit magna cum laude durchaus bemerkenswert bewertet worden war. Dank des Engagements ihrer Doktormutter Gudrun Möller war das Umlaufverfahren schnell abgeschlossen und ihr ermöglicht worden, bereits im Sommer das Rigorosum abzulegen. Ja, Olga war stolz, ihre Promotion in weniger als zwei Jahren geschafft zu haben. Das machte sie frei für die Zukunft.
Allmählich schwoll das Gemurmel im Saal an, die Reihen hinter den Doktorandinnen und Doktoranden füllten sich mit Freunden und Familienangehörigen. Leider konnte Sonja wegen einer wichtigen Präsentation nicht dabei sein, aber abends würden sie auf die Promotion und auf das Ende ihrer Universitätskarriere anstoßen. Lange hatte Olga in den letzten Wochen gegrübelt, wie es mit ihr weitergehen sollte. Sicher, das Leben an der Universität hatte ihr seit Beginn der Pandemie mehr Spaß gemacht, als sie zunächst dachte. Außerdem bot die Assistentenstelle an der Universität ein geregeltes Einkommen und ihr Ehrgeiz, die rechtstheoretische Arbeit abzuschließen, war ebenfalls angestachelt gewesen. Den Kontakt zu den Studentinnen und Studenten hatte sie immer wieder genossen, doch viele dieser inspirierenden Begegnungen hatte die Pandemie verhindert. Statt aufgeregter Diskussionen im Seminar hatte Olga drei Semester mit einem Wust an Videokonferenzen hinter sich. Jede dritte Kachel auf dem Bildschirm war schwarz geblieben, kaum die Hälfte der Studierenden hatte sich an den Diskussionen beteiligt. Man war sich auf eine eigenartige Weise fremd geblieben, und Olga hatte nach und nach die Lust an der Moderation von Seminarsitzungen verloren. Der bald nach Beginn ihrer Universitätskarriere aufgekeimte Wunsch, wieder eine eigene Kanzlei zu betreuen, war nach und nach übermächtig geworden. Einzig wegen Gudrun Möller hatte sie ihren Assistentenvertrag bis zum Ende dieses Wintersemesters verlängert und übernahm nochmals die Leitung eines Grundlagenseminars zu Strafrecht und Rechtsphilosophie. Aber die frühere Begeisterung für die Uni-Tätigkeit war wie weggeblasen und die Pläne, erneut eine Anwaltskanzlei zu gründen, reiften peu á peu heran. Zum Glück hatte sie in den zurückliegenden Monaten ihre Anwaltszulassung behalten und sogar die eine oder andere Strafverteidigung übernommen.
Die Ansprache der Dekanin war trotz ihrer Kürze ergreifend. Olga spürte die Erleichterung in den Worten der Professorin, endlich wieder vor Publikum Doktorurkunden aushändigen zu dürfen. Als schließlich Olga aufgerufen und nach vorne gebeten wurde, wischte sie sich eine Träne aus dem Auge. Wie gern hätte ihr Vater das erlebt, und ihre Mutter war inzwischen zu gebrechlich, um nach München zu kommen. Langsam ging Olga der Dekanin entgegen und lächelte, als sie aus dem Mund der renommierten Professorin den Urkundentext vernahm. Dann nahm sie die Urkunde entgegen. Nun war Olga also eine »Frau Doktor«. Tief in ihrem Innersten sagte eine leise Stimme zu ihr: »Du darfst jetzt stolz sein.«
»Gratuliere«, sprach sie auf dem Weg nach draußen ein hagerer Mann an.
»Danke«, erwiderte Olga und rätselte, ob sie den Mann kannte.
»Sie steigen hoffentlich auf der akademischen Leiter nach oben.«
Er strahlte sie richtiggehend an.
»Wilfried, Wilfried Löffler ist mein Name. Ich bin Assistent bei Professor Kurbjuleit. Im letzten Semester habe ich mich manchmal in Ihr rechtsphilosophisches Seminar eingeloggt.«
»Aber offenbar, ohne die Kamera zu aktivieren«, erwiderte Olga und ging langsam den Flur entlang weiter. »Ihr Gesicht kommt mir nicht bekannt vor.«
»Da haben Sie recht«, gestand Löffler unumwunden. »Mein häusliches Equipment ist dürftig.«
»Tja«, spöttelte Olga, »das armselige Assistentengehalt.« Sie wandte sich zum Gehen. Aus irgendeinem Grund war ihr Löffler unsympathisch, und da sie mit dem Lehrstuhl des Verwaltungsrechtlers Kurbjuleit keinerlei Berührungspunkte hatte, gab es keinen Grund, das Gespräch mit Löffler fortzusetzen.
»Sie machen hoffentlich in der Wissenschaft weiter«, gab Löffler nicht auf. »Sie sind wirklich verdammt gut.«
»Nett von Ihnen, dass Sie das sagen, aber ich habe nicht vor zu habilitieren, wenn Sie das meinen. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich möchte nach Hause.«
»Ja, verstehe ich. Gewiss wollen Sie feiern.« Löffler verlor seine Selbstsicherheit, ging jedoch weiter neben ihr her und kam schließlich mit beinahe weinerlicher Stimme auf sein Anliegen: »Aber ich brauche Ihren Ratschlag.«
Nicht schon wieder, schoss es Olga durch den Kopf. Das letzte Mal, als eine Studentin ihre Hilfe erbeten hatte, war sie in eine gefährliche Geschichte verstrickt worden. Momentan stand ihr nicht der Sinn nach Nervenkitzel, und so schüttelte sie unwillig den Kopf.
»Sie sind doch Anwältin.« Löffler klang beinahe flehend. »Man hat mich übers Ohr gehauen.«
»Da, fürchte ich, bin ich keine Hilfe«, antwortete Olga. Es klang ziemlich brüsk.
»Hören Sie sich meine Geschichte wenigstens an? Bitte!«
Jetzt traf er diesen wunden Punkt in Olgas Seele, der immer wieder dazu führte, dass sie sich für andere einsetzte. Das nennt man wohl Helfersyndrom, nahm sich Olga selbst auf die Schippe und wusste, ehe sie es sagte, dass sie Löffler Gehör schenken würde.
»Okay«, antwortete Olga. »Wenn Sie drüben im Uni-Café einen Espresso springen lassen.«
Am Eingang kontrollierte eine schüchterne Bedienung das Corona-Zertifikat und zeigte ihnen einen freien Tisch neben dem Fenster. Löffler behielt sein Smartphone in der Hand, und kaum saßen sie am Tisch, öffnete er eine App, scrollte kurz über den Bildschirm und legte das Gerät vor Olga auf den Tisch.
Olga blickte auf das Gesicht einer schwarzen Schönheit und fragte irritiert: »Was soll ich mit diesem Foto?«
»Das ist Maren Gates, eine Krankenschwester. Sie arbeitet im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation in einem Krankenhaus in Afghanistan. Sie kann das Land nicht verlassen, hat keinen Zugriff auf ihr Bankkonto. Ich habe ihr über Western Union Geld geschickt, das nie angekommen ist.«
Olga blickte skeptisch auf das Foto und dann auf Wilfried Löffler. »Woher kennen Sie diese Frau?«
»Wir haben uns auf Instagram angefreundet«, antwortete er zögerlich. »Warum?«
»Sind Sie sicher, dass es diese Frau überhaupt gibt?«
»Sie meinen …?« Löffler starrte sie mit offenem Mund an. Er kratzte sich hinter dem Ohr, nahm das Smartphone, tippte darauf herum und zeigte ihr scrollend eine seitenlange Konversation. »Wir schreiben uns seit mehr als vier Monaten.«
Olga las zwei Seiten, dann schüttelte sie den Kopf. »Darauf sind Sie hereingefallen? Das sind doch Hirngespinste. Wenn Sie mich fragen, gibt es diese Frau nicht. Sorry.«
Löffler wurde bleich.
»Haben Sie viel Geld überwiesen?« Olga bemühte sich um einen mitfühlenden Klang in ihrer Stimme, wunderte sich jedoch, wie ein Assistent der juristischen Fakultät einer offensichtlichen Betrugsmasche auf den Leim gehen konnte.
»Mehrere tausend Euro, aber …«, stammelte Löffler und verstummte. Er schlug die Hände vors Gesicht und begann zu weinen. »Sie wollte mich besuchen, wenn sie aus Afghanistan heraus ist.«
Die Bedienung kam und schaute abschätzig auf Löffler. Olga bestellte zwei Espressos und legte Löffler eine Hand auf den Arm. »Sie haben sich verliebt, stimmt's?«
Er blickte mit geröteten Augen auf und nickte.
»Wissen Sie was: Ich lade Sie auf den Espresso ein und dann beginnen Sie, diese Frau zu vergessen.«
»Es ist viel schlimmer«, schluchzte Löffler. »Meine Bank hat mich wegen Scheckbetrugs angezeigt. Ich brauche einen Anwalt. Bitte, helfen Sie mir.«
»Ja um Gottes Willen, was haben Sie denn gemacht?«
»Maren hat mir einen Scheck geschickt, den ich für sie einlösen und das Geld mit Western Union nach Afghanistan transferieren sollte. Jetzt hat sich herausgestellt, dass der Scheck gefälscht war.«
»Da hat es Sie ordentlich erwischt«, schüttelte Olga über so viel Blauäugigkeit den Kopf. »Aber warum kommen Sie damit zu mir?«
»Weil Sie gut sind. Das weiß jeder in der Fakultät – und weil ich Vertrauen zu Ihnen habe.«
»Sie kennen mich gar nicht«, wehrte Olga ab. Ihre innere Stimme, die sie schon einmal gewarnt hatte, wisperte zunehmend lauter: »Mach's nicht, beende das Gespräch und geh.« Doch da war noch ein anderer Gedanke, der sich Gehör verschaffen wollte: »Der Fall könnte spannend sein. Den Nervenkitzel hast du doch in letzter Zeit vermisst.«
Kurz tobte der innere Widerstreit, dann beschloss sie, der mahnenden Stimme zu gehorchen und antwortete: »Tut mir leid, Herr Kollege, ich übernehme im Wintersemester keine Fälle. Suchen Sie sich einen anderen Anwalt und vor allem: Gehen Sie zur Polizei.«
Olga trank und bezahlte den Espresso, dann stand sie auf, winkte dem deprimierten Assistenten zu und verließ das Café.
Maria Löngle trank langsam von ihrem Hot Whisky, schmeckte der eigenartigen Mischung von Zitrone und Raucharoma nach und versuchte, sich wieder auf den Computer-Bildschirm zu konzentrieren. Heute fiel es ihr schwer, sich auf die verschiedenen Konversationen einzulassen.
Erst vor zehn Minuten hatte sie einen verhängnisvollen Fehler begangen und Mario_Dolce verloren. Sie hatte ihn nach seinem Hund gefragt und die vernichtende Antwort erhalten: »Ich hasse Hunde. Wer bist Du wirklich?«
»Ich bin's, Maren, deine Krankenschwester«, hatte sie geantwortet. »Es ist so viel Elend um mich, da schwirrt mir der Kopf.«
Aber Mario_Dolce hatte den Chat verlassen, grußlos und abrupt. Schon seit einigen Tagen war er zurückhaltend geworden, genauer, seit sie das erste Mal hatte durchblicken lassen, dass sie in Geldnot war. Seitdem hatte er diffizile Fragen gestellt, die sie stets ausweichend beantwortet hatte. Es war klar: Er hatte das Spiel durchschaut und spielte nicht mehr mit.
Auf ihrem Bildschirm waren drei weitere Chats offen. Sie musste die Unterhaltungen am Laufen halten. Bei mindestens einem ihrer Chatpartner sollte es ihr heute noch gelingen, eine Geldüberweisung herauszukitzeln. Sie brauchte die Provision dringender denn je. Ihr Konto war überzogen, der Kühlschrank fast leer und ihr Vater im Pflegeheim wartete auf seine Lieblingsschokolade.
»Schickst du mir ein neues Foto?«, schrieb Mick_79 soeben.
Auch das noch. Ihr Vorrat an neckischen Bildern, die nicht gegen die Instagram-Richtlinien verstießen und ihre Bewunderer trotzdem neugieriger und verliebter machten, war begrenzt. Was für eine blöde Rolle aber auch, ärgerte sich Maria, dass sie eine schwarze Krankenschwester in Afghanistan spielen musste. Nervös blätterte sie durch ihren Bilderordner und fand schließlich Maren_Gates im züchtigen Badeanzug an einem idyllischen Sandstrand. Das Foto würde Mick_79 gefallen, aber er würde sofort verstehen, dass es keine aktuelle Aufnahme war. Was tun? Maria nahm einen Schluck Hot-Whisky, dann lud sie das Foto hoch und schrieb dazu: »Mein lieber Mick, leider ist das Foto aus besseren Tagen. Inzwischen habe ich etwas abgenommen, der Stress, du verstehst? Ich sehne mich so danach, dich zu besuchen, aber ich komme nicht aus dem Land raus und, vor allem, nicht an mein Geld.« Sie drückte auf »Senden« und hoffte auf eine positive Reaktion.
Zum Glück durfte sie neben der gottgläubigen Krankenschwester aus den Vereinigten Staaten, die heldenhaft für die Weltgesundheitsorganisation in Afghanistan in einer Klinik Dienst tat und seit dem Abzug der Amerikaner inständig hoffte, das Land verlassen zu können, auch eine elsässische Floristin spielen, die auf der Suche nach ihrem Traummann das Internet durchstreifte. Zwar konnte sie als Yvonne_83 auch keine Bilder von sich selbst hochladen, aber wenigstens funktionierte da die Identifizierung mit ihrem Avatar besser. In den letzten Wochen hatten zwei Verehrer angebissen und bereits einige hundert Euro überwiesen. Rolf_Mucki und Burki_xl wollten nun intensiver gepflegt werden. Bei den beiden stand bald der Übergang zu heißen Telefongesprächen auf der Tagesordnung, eine Stufe, die Maria ungern bespielte. Meistens hatte sie in der Vergangenheit Telefongespräche verweigert, aber Onkel_Boss, ihr Auftraggeber, bestand inzwischen darauf, dass sie das volle Programm anbot. Die verliebten Männer wurden in der Regel großzügiger, wenn sie ein paar Mal mit ihrer Angebeteten telefonieren durften. Natürlich hatte das Einfluss auf Marias Provision – und, na ja, sie brauchte immer dringender Geld.
Mick_79 gefiel das Foto und er fragte, wie er ihr helfen könne.
Maria ballte die Faust vor Freude und antwortete: »Vielleicht könntest du mir 500 Euro leihen? Wenn ich hier wegkomme, bekommst du es in Deutschland zurück. Und dann können wir gemeinsam einen Burger essen.«
Komm Junge, flehte sie, beiß an und mach keine Mátzchen.
Sie schickte den Bildschirm in den Ruhemodus, stand vom Schreibtisch auf und verließ mit ihrer inzwischen leeren Hot-Whisky-Tasse den winzigen Arbeitsraum. Nachdem sie die Tasse neben die Spüle gestellt hatte, ging sie ins Wohnzimmer und schaute nach ihren Lieblingen. Elvira saß reglos in einer Sandkuhle unter dem Kletter-Ficus, ihr praller Hinterleib signalisierte propere Sattheit. Elvira hatte das Mäusebaby also gefressen. Lydia versteckte sich, wie meistens, in ihrer Erdhöhle, nur die vordersten zwei Glieder des ersten Beinpaars waren zu sehen. In Lydias Schälchen fand sich keine Spur von den Mehlwürmern, die Maria vor drei Stunden im Terrarium platziert hatte, also war auch Lydia satt. Pia dagegen saß etwas schlappbäuchig vor ihrer Korkröhre und wartete sichtlich auf Fressen. Maria betrachtete ihre Lieblingsspinne, in deren braunen Stern auf dem rötlichen Vorderleib sie sich sofort verliebt hatte. Mit Pia hatte alles angefangen, mit Pia hatte sie ihre Angst überwunden, die sie als Kind und auch noch als Jugendliche vor Spinnen gehabt hatte. Liebevoll ruhte Marias Blick auf dem inzwischen ausgewachsenen Weibchen, durchaus mit Stolz, denn Pia war als Jungtier in Marias Obhut gekommen und damals kaum größer als drei Zentimeter gewesen. Nun maß ihr Körper beeindruckende acht Zentimeter. Maria unterdrückte die Anwandlung von Zärtlichkeit, mit der sie Pia am liebsten sanft über den behaarten Hinterleib gestreichelt hätte. Aber auch wenn Pia diejenige ihrer drei Lieblinge war, die manchmal ohne Anzeichen von Stress auf die Hand kam, hielt sich Maria mit Körperkontakt zurück. Schließlich sollten ihre Spinnen die Chance haben, uralt zu werden, und da durfte sie sie nicht zu sehr durch Herausnehmen aufregen. Langsam wanderte Marias Blick von Pia zu Elvira und wieder zurück. Das Betrachten der beiden Tiere übte eine wohltuend beruhigende Wirkung auf Maria aus, und für den Augenblick vergaß sie ihre Sorgen.
Olga rieb sich schlaftrunken die Augen. Vorsichtig richtete sie sich auf. Sie hatte Kopfschmerzen, ihr Mund war trocken. Sonja lag reglos in die Decke eingerollt neben ihr und schnarchte leise. Sie waren gestern spät ins Bett gegangen, hatten Olgas Promotion ausgiebig und feuchtfröhlich gefeiert. Jetzt hatte Olga einen Kater. Sie musste etwas trinken. Leise rollte sie sich aus dem Bett.
Ein Glas Wasser, eine Tablette und eine Tasse Kaffee Crema später saß Olga dick in ihren Morgenmantel eingehüllt auf der Dachterrasse und lauschte in die Morgengeräusche der erwachten Stadt. Sie liebte diese Minuten über den Dächern Münchens und konnte sich gar nicht mehr vorstellen, früher nicht hier gewohnt und ihr Leben mit Sonja geteilt zu haben. Wie man sich an das Schöne und Angenehme gewöhnt, stellte Olga fest und nahm sich vor, Sonja in einer Viertelstunde besonders liebevoll zu wecken. Nichts in ihrem Leben wollte sie für selbstverständlich nehmen, schon gar nicht Sonjas Liebe. Mehr als zwei Jahre fühlte sie sich schon aufgehoben und geborgen bei Sonja, und Olga erschrak beinahe, wie sehr Marcos Gesicht inzwischen verblasst war. Die Trauer um ihren früheren Freund war überwunden. Das Leben ging weiter, in der Liebe und beruflich. Olga nickte. Sie freute sich darauf, zum Ende des Wintersemesters die Universität zu verlassen und die akademische Karriere endgültig an den Nagel zu hängen.
Sie atmete tief durch und ging in die Küche zum Kaffeekochen. Ihr Blick streifte ihr Smartphone, eine Push-Nachricht von Instagram beleuchtete das Display. Im Vorübergehen nahm sie das Gerät zur Hand, schaltete mit links den Kaffeevollautomaten ein und tippte mit dem rechten Daumen auf das Nachrichtensymbol. Während die Kaffeemaschine zum Aufheizen blinkte, poppte eine Instagram-Nachricht auf: »Lass die Finger von meinem Spielzeug, Bitch.« Irritiert las Olga den Text zweimal. Was sollte das? Wer wollte hier etwas von ihr? Sie ärgerte sich über den unverschämten Ton. In einer ersten Aufwallung wollte sie antworten, unterließ es aber. Der Absender war ihr unbekannt. Sie klickte auf das Profil, das jedoch weder Follower noch Beiträge aufwies. Eigenartig, vermutlich ein Irrláufer, beruhigte sich Olga und löschte die Nachricht. Doch keine fünf Minuten später, Olga wollte gerade ins Schlafzimmer, um Sonja zu wecken, wachte das Display ihres Handys wieder auf: erneut eine Push-Nachricht auf Instagram. Olga öffnete die App und las: »Bitte lassen Sie mich nicht im Stich. Ich brauche Ihre Hilfe. Ihr Wilfried Löffler.«
Olga schüttelte den Kopf und murmelte vor sich hin: »Das darf doch nicht wahr sein.«
Sie löschte auch diesen Chat, legte das Smartphone in eine Schublade und ging ins Schlafzimmer. Sonja schlief noch. Olga beugte sich über sie, strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen. Sonja schlug die Augen auf, schlang einen Arm um Olgas Hals und zog sie zu sich ins Bett.
Eine Stunde später lag belebender Kaffeeduft in der Luft und die tiefgefrorenen Hörnchen waren kross aufgebacken. Heiter und entspannt saßen Olga und Sonja beim Frühstück. Sonja streichelte Olgas Handrücken und flüsterte: »Schön war's.«
»Es ist immer schön«, erwiderte Olga gerührt und biss in ihr Croissant.
Nach dem Frühstück holte Olga ihr Handy aus der Schublade und sah, dass sie über Instagram erneut eine Nachricht erhalten hatte: »Bitte lassen Sie uns nochmal reden. Ihr Wilfried Löffler.«
»Das habe ich dir gestern gar nicht erzählt«, wandte sich Olga an Sonja und berichtete von ihrem Gespräch mit dem Verwaltungsrechts-Assistenten.
»Klingt spannend«, brummte Sonja. »Der Knabe ist Opfer einer Scamming-Attacke geworden.«
»Er ist mir trotzdem unsympathisch.«
»Ach Gamserl, seit wann leitet dich Sympathie, wenn du eine Ungerechtigkeit witterst?«
»Hm«, machte Olga. »Die eigentlich interessante Nachricht habe ich heute Morgen gleich nach dem Lesen gelöscht.«
»Nämlich?«
»Jemand hat mir geschrieben, ich soll die Finger von seinem Spielzeug lassen.«
»Und du glaubst, das hängt zusammen?«
»Könnte sein.«
»Na dann«, antwortete Sonja mit einer vielsagenden Handbewegung. »Hilf dem Knaben und du wirst es sehen. Außerdem«, fuhr sie nach einer kurzen Pause fort, »hat alles, was mit Internet-Kriminalität zu tun hat, Zukunft.«
»Meinst du wirklich?«
»Logisch. Da könnte ich mal wieder bei Ermittlungen mithelfen.«
»Ganz meine Wasp.«
»Aber immer noch nicht Salander.« Sonja zwinkerte.
»Scamming?«
»Ein weites Feld – und wenn du außerdem den Problemkreis des Identitätsdiebstahls in den Blick nimmst …«
Olga gab Sonja einen Kuss und flüsterte ihr ins Ohr: »Du willst mitmischen, stimmt's?«
»Wenn du endlich wieder in die Strafverteidigung einsteigst«, gestand Sonja, »wäre ich gern dabei. Es wird doch echt Zeit, dass du diese langweilige Uni-Arbeit hinter dir lässt, jetzt, wo du eine Frau Doktor bist.«
Bei diesen Worten zwinkerte Sonja mit dem linken Auge und schenkte Olga einen spitzen Kussmund.
Olga grinste in sich hinein. Sie erinnerte sich gut daran, schon vor eineinhalb Jahren mit dem Unijob gehadert zu haben und antwortete: »Na dann, machen wir uns an die Arbeit.«
Julian Zischke stand lange vor dem silbergrauen Geländewagen, trat von einem Bein auf das andere und überlegte, ob er das Büro des Gebrauchtwagenhändlers betreten oder weitergehen sollte. Obwohl der Preis des Autos attraktiv war, handelte es sich doch um eine gewaltige Summe für diesen Jahreswagen, der alle Extras aufwies, die sich Julian wünschte. Wann, wenn nicht jetzt, dachte er, soll ich mir so ein Gefáhrt kaufen? Ja, die Klimakatastrophe bereitete Julian Skrupel, eine Regung, die er ansonsten nicht kannte. Nicht mehr jedenfalls, seit er gedemütigt seine bürgerlichen Karrierepläne hatte begraben müssen. Seitdem kannte Julian keine Moral mehr – der Klimawandel aber, der stimmte ihn nachdenklich. Sollte er sich einen Geländewagen kaufen, dessen Verbrennungsmotor, ein V8-Kraftpaket mit 422 Pferdestärken, bei gemütlicher Fahrt mindestens zehn Liter verbrauchte? Konnte er mit so einem Gefährt angeben oder musste er sich eher dafür schämen?
Ärgerlich schüttelte Julian den Kopf und ging die Straße entlang, ließ den silbergrauen Traumwagen hinter sich und spürte mit jedem Schritt, den er sich von dem Objekt seiner Begierde entfernte, stärker jenen Zorn, der seit einigen Jahren tief in ihm rumorte. In ihm vibrierte ein glühend heißer Zorn, ein furioses Crescendo spielte seine Lebensmelodie. Rücksichtslos setzte er seinen Kopf gegen alle Widerstände durch, sein Wille war seine einzige Richtschnur. Er stampfte mit dem Fuß auf, drehte um und steuerte schnurstracks das Büro des Gebrauchtwagenhändlers an.
Eine Stunde später fuhr Julian mit dem Taxi nach Hause. Die ganze Fahrt über verließ ihn das Grinsen über den gelungenen Deal mit dem Gebrauchtwagenhändler nicht. Er hatte den Preis um satte 8.000 Euro heruntergehandelt. Morgen würde der Wagen auf ihn zugelassen werden, abends würde er sein neues Spielzeug abholen und dann bei seinem einzigen Freund Richard vorfahren. Pfeif auf den Klimawandel, sagte er sich und rieb sich die Hände. Endlich einmal wieder etwas, worüber er sich vorbehaltlos freuen konnte, denn seine Sorgen hatten in den letzten Monaten zugenommen. Vor allem war sein Geschäftsmodell nach anfänglichen Erfolgen zunehmend ins Trudeln geraten. Vielleicht, sinnierte er, war es ein Fehler gewesen, sich von den alten Partnern zu trennen und es auf eigene Faust zu versuchen. Zwar waren seine Einnahmen zunächst in die Höhe geschnellt, aber auf die Anfangserfolge folgte seit einigen Monaten ein schleichender Niedergang. Natürlich missgönnten ihm seine früheren Partner den Erfolg, und ja, er hatte Grund zu der Annahme, dass sie systematisch daran arbeiteten, ihn auszuhungern. Julian vermied es, darüber nachzudenken, denn jeder Gedanke an seine alten Partner verursachte nicht nur Unbehagen, sondern sogar Angst.
Allerdings empfand er in erster Linie Angst, ob er mit seinen Geschäften weiter das Geld verdienen konnte, das er sich erhoffte. Bei Geld packte ihn seit längerem die Gier, Geld konnte man gar nicht genug verdienen. Daher schaltete er, kaum zuhause, den Computer an und überprüfte die Umsätze der letzten Nacht. Was er sah, stellte ihn wenig zufrieden, vor allem bei Maria Löngle bemerkte er zum wiederholten Mal eine unterdurchschnittliche Leistung. Wenn das so weiterging, würde er eine disziplinarische Maßnahme ergreifen müssen. Doch heute wollte er sich nicht ärgern, heute wollte er seine neueste Erwerbung feiern.
Er schrieb sich eine Erinnerungsnotiz, fuhr den Computer herunter und schnappte sich sein Tablet. »Hast Du heute Mittag schon etwas vor?«, fragte er seine aktuelle Geliebte auf Whats-App und hoffte auf rasche positive Antwort.
Martina war gelegentlich widerborstig, aber noch war er von ihr so begeistert, dass er darauf verzichtete, sie unter Druck zu setzen. Mochte sein Geld auf sie wirken, ehe er daranging, sie endgültig gefügig zu machen oder abzustoßen. Julian genoss es, unumschränkt Herr über die Frauen zu sein, die näher mit ihm zu tun hatten. Mit dem Ende seiner bürgerlichen Karriere hatte er vor vielen Jahren auch den Respekt vor den Menschen verloren, und sein von jeher patriarchalisches Frauenbild verlor jede Wertschätzung. In einer Frau sah er nun ein ihm dienendes Lustobjekt– oder eine Arbeiterin, die gefälligst Umsatz generieren und ansonsten anspruchslos sein sollte.
In den seltenen Momenten, in denen er sich noch Rechenschaft ablegte über sich und sein Leben, blitzte die Erkenntnis auf, wie menschenverachtend er mit Frauen umging, aber diese Gedanken wischte er stets energisch beiseite. Nein, Mitgefühl oder gar Respekt gab es für ihn nicht mehr, und in der Tat hatte er mehr Skrupel, sich eine Benzinschleuder zu kaufen als eine Frau unter Druck zu setzen.
Martina antwortete nicht. Das ärgerte Julian. Was bildet sich das Luder ein, grummelte es in ihm und Zorn kroch in ihm hoch. Wenn sie ihn noch öfter zappeln ließe, würde sie erfahren, wie es war, von ihm geohrfeigt zu werden.
In seinen aufbrausenden Zorn hinein ertönte der Gong seines Handys und signalisierte eine neue Telegram-Nachricht. Schnaubend griff er nach dem Smartphone, überlegte, ob er die Mitteilung überhaupt lesen sollte, schließlich schrieb Martina niemals auf Telegram, und auf andere Nachrichten hatte er gerade keinen Bock. Aber wie immer überwog die Neugier.
Er öffnete die App, tippte auf das Symbol eines unbekannten Teilnehmers und starrte auf den Text: »VERPISS DICH AUS UNSEREM GESCHAEFT!« Julian kratzte sich am Hinterkopf und versuchte, das flaue Gefühl im Magen zu verdrängen. Jetzt greifen sie also richtig an, dachte er und fragte sich: Was soll ich tun? Da poppte die nächste Nachricht auf: »SOFORT! SONST WIRST DU ES BEREUEN!«
»Ihr könnt mich mal«, knurrte Julian. Vor Widerständen schreckte er schon lange nicht mehr zurück, nein, jetzt erwachte sein Kampfgeist, jetzt verdrängte er die eben noch empfundene Angst. Er würde um seine Unabhängigkeit und sein Geschäftsmodell kämpfen.
Mit zorniger Entschlossenheit löschte er die Nachrichten und überlegte, bei welcher seiner für ihn aktiven Frauen möglicherweise eine Schwachstelle lag. Außer Maria Löngle fiel ihm keine ein, und die konnte er zur Not opfern, deren Umsätze waren seit Wochen im Sinkflug.
»Ihr werdet euch die Zähne an mir ausbeißen«, brummte Julian und schenkte sich, obwohl es eigentlich viel zu früh dafür war, einen Gin-Tonic ein. Dann wartete er auf eine Nachricht von Martina.
Olga saß in ihrem Assistentenzimmer und las die Unterlagen, die ihr Wilfried Löffler am Vormittag per E-Mail übermittelt hatte. Wegen des ungedeckten Schecks, den er bei seiner Hausbank hatte einlösen wollen, lief ein Ermittlungsverfahren gegen ihn; anwaltliche Vertretung erschien in der Tat angezeigt. In einer Stunde würde Löffler zu Olga ins Büro kommen, dann könnten sie die Angelegenheit erörtern. Bis dahin wollte sich Olga intensiver mit dem Phänomen des Scammings und den Folgen, die dem Opfer daraus entstanden, auseinandersetzen. Schon nach wenigen Minuten der Lektüre schauderte sie vor den perfiden Möglichkeiten, die das Internet bot, gutgläubige Menschen abzuzocken. Sonja hat recht: Das Internet ist ein spannendes Feld.
»Sind Sie denn nicht misstrauisch geworden, als Sie gebeten wurden, diesen Scheck einzulösen?«, fragte Olga. »Das ist doch ein völlig skurriles Szenario, das Sie da schildern.«
»Im Nachhinein kommt es mir auch komisch vor«, gestand Löffler. »Aber ich wollte ihr helfen.«
»Außerdem wollten Sie die Krankenschwester kennen lernen, stimmt's?«
Löffler knotete die Finger ineinander, ehe er verschämt antwortete: »Ja, das will ich immer noch. Deshalb habe ich …« Er stockte und errötete. »Also, ich habe ihr heute nochmal dreihundert Euro überwiesen.«
»Sind Sie von allen guten Geistern verlassen?«
»Wahrscheinlich schon, aber … Ach, das ist für Sie gewiss schwer zu verstehen. Sie hat mir ein umwerfendes Foto geschickt, und ich will glauben, dass sie es ernst meint mit mir.«
»Ehrlich, Ihnen ist nicht zu helfen«, flüsterte Olga frustriert. »Sie glauben doch nicht, dass die Fotos, die Sie da erhalten, echt sind?«
»Warum nicht?«
»Wahrscheinlich chatten Sie die ganze Zeit mit einem Troll«, versuchte Olga Löfflers Glauben zu zerstören, aber der hielt an seiner Sicht fest.
»Maren hat an meinem Leben Anteil genommen wie ich an ihrem. Nein, Maren ist echt und sie braucht meine Unterstützung. Aber ich brauche Ihre Hilfe wegen dieser Scheck-Geschichte.«
»Schon gut. Sie hatten also keinerlei Verdacht, als sie den Scheck zu Ihrer Bank gebracht haben?«
»Nein.«
»Sie haben den Scheck auch nicht kritisch unter die Lupe genommen, oder?«
»Nein, dazu bestand für mich keine Veranlassung.«
»Sie haben ihn wie einen üblichen Verrechnungsscheck eingereicht und Maren den Betrag über Western Union angewiesen?«
Löffler nickte.
»Haben Sie sich nie gefragt, warum Sie von Maren einen gefälschten Scheck bekamen?«
»Ehrlich gesagt nicht wirklich. Vielleicht hat ihr den jemand untergeschoben? Ich bin mit Schecks kaum vertraut – aber ich habe Maren vertraut, verstehen Sie? Ich vertraue ihr auch jetzt. Bitte, helfen Sie mir aus der Patsche.«
»In Ordnung. Ich schreibe eine Stellungnahme und gehe davon aus, dass die Angelegenheit dann erledigt ist.« Mit diesen Worten schob Olga Löffler eine Anwaltsvollmacht über den Tisch und deutete auf die Stelle, an der er unterschreiben musste.
Er zückte einen Kugelschreiber, setzte seine Signatur auf das Formular und sagte: »Danke.«
»Tun Sie mir einen Gefallen: Reichen Sie nie wieder einen Scheck von jemandem ein, den Sie nicht persönlich kennen.«
»Versprochen«, erwiderte Löffler kleinlaut und reichte Olga die Hand.
Doch die wehrte ab: »Corona ist nicht vorbei.«
»Verzeihung«, stotterte Löffler und verließ Olgas Büro.
Eine Stunde später hatte sie die Stellungnahme für Löffler ausgearbeitet. Vermutlich würde die Angelegenheit damit aus der Welt geschafft sein, schließlich war der Assistent für die Kriminalpolizei ein unbeschriebenes Blatt und die Sachlage relativ eindeutig: Ein gutgläubiger Mann lässt sich aus einer Mischung von Mitleid und Verliebtheit hinreißen, einer ihm nur von Chats bekannten Frau einen Gefallen zu tun. Dass der Scheck gefälscht war, war Löffler nicht bewusst, täuschen wollte er niemand, schädigen auch nicht, und den Tatbestand des fahrlässigen Betrugs gibt es nicht. Zum Glück ließ sich ein Großteil des Chats nachvollziehen. Löffler würde also mit dem Schrecken davonkommen.
Olga schob die Stellungnahme in einen Briefumschlag, verschloss und frankierte ihn und verließ das Büro. Auf dem Weg in die Mensa warf sie den Brief in einen Postkasten. Sie war mit sich zufrieden, einem etwas unbedarften und lebensfremden Juristen geholfen zu haben. Außerdem fand sie das Thema, ganz im Sinne von Sonja, durchaus spannend und überlegte, ob sie dazu in ihrem letzten Semester als Universitätsassistentin noch einen Fachaufsatz schreiben sollte. Sozusagen als Abschied von der akademischen Laufbahn, schmunzelte sie innerlich.
Prall und rund prangte Pias Hinterleib. Von den beiden Heuschrecken, die Maria Löngle gestern Abend in das große Terrarium geworfen hatte, lagen die ausgesaugten Chitin-Panzer in einer Ecke. Maria griff zu der langen Pinzette, schob den Terrarium-Deckel zur Seite und holte die toten Hüllen heraus. Sauberkeit in den Terrarien war oberstes Gebot. Pia zuckte mit dem vordersten rechten Bein und beobachtete das Manöver im Übrigen eher gelangweilt. Satt, wie sie war, hatte sie kein Interesse mehr an der gestrigen Beute.
Eine Welle von Zärtlichkeit schwappte durch Marias Brust, und wieder versagte sie es sich, Pia über den haarigen Hinterleib zu streicheln. Stattdessen schaute sie bei Elvira nach dem Rechten und stellte zufrieden fest, dass die manchmal leicht reizbare Dame gelassen in ihrem Kletter-Ficus saß. Bis die Beobachtung der Leopardspinne wieder interessant wurde, würden einige Tage vergehen, aber ihr stoisches Sitzen übte trotzdem einen besonderen Reiz auf Maria aus. Außerdem war Elvira mit ihrer typischen Oberkörpermaserung eine wirkliche Schönheit. Lydia versteckte sich wie meistens in ihrer Holzröhre. Maria unterdrückte auch hier den Impuls, die Spinne durch Klopfen aufzuschrecken. Nein, ihre Lieblinge durften die größtmögliche Ungestörtheit genießen, denn sie sollten, in diesem Punkt war Maria ehrgeizig, möglichst alt werden. Maria warf Pia eine Kusshand zu, dann schlurfte sie ins Arbeitszimmer und schaltete den Computer ein.
»Dein Umsatz unterschreitet Deine Zielvorgaben, daher wird Deine Provision gekürzt. Du musst Dich steigern! Sonst …«
Maria las die E-Mail ihres Auftraggebers und begann zu zittern. Weiter sinkende Einnahmen konnte sie nicht aushalten, sie brauchte mehr Geld als bisher. Aber wie konnte sie mehr Umsatz generieren? Noch mehr als bisher Instagram, Facebook und TikTok nach geeigneten Opfern durchforsten, Ausschau halten nach Neuankömmlingen in den sozialen Medien und rasch in einen möglichst persönlich wirkenden Gedankenaustausch einsteigen. Wenn das so einfach wäre. Maria hatte den Eindruck, dass es von Monat zu Monat schwieriger wurde, Gesprächspartner für längere Chats zu finden, und die Masche mit der bemitleidenswerten Krankenschwester Maren_Gates in Afghanistan klang allmählich abgedroschen. Rasch loggte sie sich in ihre Instagram-Chats ein und stellte enttäuscht fest, dass Mick_79 bisher nicht auf den Chat reagiert hatte, mit dem sie ihn um Geld gebeten hatte. Momentan blieben ihr also nur noch Rolf_ Mucki und Burki_xl, und die wollten endlich mit ihr persönlich sprechen.
Hektisch durchforstete Maria ihr Fotoalbum und entschied sich für das Bild mit dem äußerst knappen gelben Bikini. »Magst Du mich bald anrufen?«, schrieb sie darunter und sandte es an Rolf_Mucki. Der, so schätzte sie, war inzwischen reif für eine große Summe, und wenn er hielt, was sie sich von ihm versprach, würde sie ihm am Telefon ein Schauspiel liefern, dass ihm Hören und Sehen verging. Allmählich war sie zu fast allem bereit. Sie brauchte Geld, sie brauchte Umsatz. Wenn das Geschäft nicht bald besser lief, stand sie mit dem Rücken zur Wand. Also suchte sie auch ein Foto für Burki_xl aus, etwas dezenter als bei Rolf_ Mucki, aber ebenfalls eindeutig erotisch.
Insgeheim war sie neidisch auf die ihr nicht bekannten Fotomodelle. Hätte sie wenigstens annähernd so eine Figur, wäre sie vielleicht im richtigen Leben bei den Männern erfolgreich. Oder hätte zumindest ein wenig Anerkennung und Respekt erfahren. Aber so? Ablehnung und Verachtung schlugen ihr entgegen. Von klein auf gehänselt, hatte sich die Abwertung, die ihr von Männern entgegengebracht wurde, zunehmend gesteigert und in ihr nach und nach eine Wut entfacht, die allmählich in Hass umgeschlagen war. Das erleichterte ihr die Arbeit als Lockvogel im Internet sehr. Manchmal genoss sie es sogar, ihre Instagram- und Facebook-Verehrer um eine Stange Geld zu erleichtern. Andererseits verstand sie, warum Männer sich nicht für sie interessierten und ihr eher mit Spott als mit Bewunderung begegneten. Maria vermied es schon seit Jahren, sich im Spiegel zu betrachten. Sie gefiel sich nicht, schlimmer noch, sie verachtete sich für ihre Figur. Prall und rund, das war ein optimaler Zustand für den Hinterleib von Pia, Elvira und Lydia, aber völlig indiskutabel für ihren eigenen Bauch. Und nicht nur der Bauch, auch ihre Schenkel und Oberarme waren kräftig, die Wangen fleischig und das Kinn gedoppelt – nein, Maria fand nichts, aber auch gar nichts an ihrem Erscheinungsbild schön.
Mit dieser Selbsteinschätzung war sie nicht allein. Schon in der Schule war sie wegen ihres Aussehens gehänselt worden, und die wenigen Männer, mit denen sie etwas näher in Kontakt gekommen war, hatten zwar mit Komplimenten gespart, nicht aber mit abfälligen Bemerkungen.
Auch mit dieser neu aufgekommenen Bewegung, sich als Frau nicht mehr für den eigenen Körper zu schämen, wenn er gängigen Idealen widersprach, konnte Maria nichts anfangen. Zu tief saß diese Abneigung gegen sich selbst in ihr, zu sehr hatten sie in den letzten Jahren Abneigung und Spott verletzt. Schlimmer noch, sie fühlte sich auf eine unerklärliche Art und Weise kaum lebendig. Manchmal fragte sie sich sogar, ob es sie wirklich gab. Selbst im Studium schwamm sie in der Masse mit, ein unscheinbares Individuum, das froh war, nicht wegen des voluminösen Körpers zur Zielscheibe fremden Spotts zu werden. Wo immer es ging, machte sie sich unsichtbar, verhielt sich unauffällig und blieb im Hintergrund. Nur nicht auffallen, hieß ihre Devise. Zuhause aber, an langen einsamen Abenden, überkam sie manchmal dieses schale Gefühl des Nicht-Seins oder des Wertlos-Seins, und in besonders üblen Momenten griff sie zum scharfen Küchenmesser und zog sich eine Linie über den Oberschenkel. Der brennende Schmerz bewies ihr immerhin, dass sie existierte.
Von den echten Menschen hatte sie sich spätestens nach der letzten und schlimmsten Enttäuschung durch einen gefühlskalten Mann zurückgezogen. Inzwischen zog sie es vor, in ihren Social-Media-Avataren zu leben. Da konnte sie sich in Traumwelten begeben und sogar Geld damit verdienen. Es schenkte ihr eine gewisse Befriedigung, mit der Mitleidsmasche oder dem Liebestrick Männern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Dumm nur, dass der Löwenanteil ihres Umsatzes an ihren Auftraggeber ging. Nur zu gern hätte sie das Geschäft auf eigene Rechnung betrieben, aber allein die Verschleierung der Zahlungsflüsse erschien ihr nach wie vor zu kompliziert, und wie sie an die ganzen Avatare in den sozialen Medien gelangen sollte, blieb ihr ebenfalls schleierhaft.
Das meiste, was tiefer in die Welt von Computern und Internet eindrang, war für Maria ein Buch mit sieben Siegeln. Schon das Einrichten einer eigenen Homepage stellte sie vor unlösbare Aufgaben. Programmierung war definitiv nicht ihr Ding. Zum Glück hatte sie von ihrem Auftraggeber ein paar Programme an die Hand bekommen, mit denen sie intuitiv arbeiten und das eine oder andere bewirken und erfahren konnte. Schließlich musste sie nicht wissen, wie die Programme funktionierten, mit denen sie ihren Opfern auf die Pelle rückte. Hauptsache, sie konnte eine gewisse Kontrolle über die Männer ausüben, die ihr mehr oder weniger auf den Leim gegangen waren.
Grundsätzlich aber war und blieb Maria eine Frau des Wortes – des geschriebenen Wortes, um genau zu sein, denn schon vor einem Telefonat graute ihr. Heute aber musste es sein. Ich muss mit Rolf_Mucki reden, befahl sie sich selbst. Ich muss ihn am Telefon heiß machen, damit er endlich mit ordentlich Kohle rüberkommt!
Sie nickte wild entschlossen und suchte in ihrer Fotogalerie nach einem passenden Foto, das ihr nächstes Opfer endgültig zur Strecke bringen konnte. Sie grinste in sich hinein, als ein Foto auf dem Bildschirm erschien, das die hochgewachsene, schlanke Yvonne_83 von hinten zeigte, lediglich mit einem fast unsichtbaren String-Tanga bekleidet. Sie schickte das Bild ihrer vorherigen Nachricht hinterher. Sie wusste von ihrem besonderem Liebling Sonny, dass solche Fotos gut wirkten, denn auch von der gottgläubigen und wohltätigen Maren in Afghanistan gab es eine entsprechende Rückenansicht. Spätestens mit diesem Foto hatte Sonny angebissen. Er hatte ihr die Probleme mit dem Scheck verziehen und ihr geglaubt, dass sie selbst Opfer eines Betrügers geworden war. Weil ihm bei diesem Scheckproblem eine offensichtlich versierte Anwältin half, hatte Sonny inzwischen nochmal eine nette Summe mit Western Union überwiesen. Ihr Verhältnis zu Sonny stand trotz seiner bisherigen Zahlungen noch am Anfang. Sie würde sich künftig mit vermehrter Hingabe um ihn kümmern und diese Anwältin dazu bringen, sich aus dieser Beziehung herauszuhalten. Schließlich sollte ihr Sonny keinesfalls durch die Lappen gehen. Mit ihm, und nur mit ihm, hatte sie Besonderes vor.
Die Mensa war noch fast leer. Olga nahm sich das vegane Gericht, eine Pasta mit Kürbissoße, dazu eine Schale gemischten Salat, suchte sich einen Platz am Fenster und blickte hinaus auf das Farbenspiel des Herbstlaubs an den Bäumen. Die Nudeln schmeckten lecker, und Olga lobte das Studentenwerk dafür, jeden Tag mindestens ein veganes Gericht anzubieten. Nach und nach nahmen die Institutionen in diesem Land die Herausforderungen der Zukunft an, und zum richtigen Umgang mit dem Klimawandel gehörte eben auch, hinsichtlich der Ernährung sensibler zu werden als in der Vergangenheit. Zwar hatte Olga nicht vor, sich zu einer Vegetarierin oder gar Veganerin zu entwickeln, aber während der langen Monate der Pandemie hatten sie und Sonja ihren Fleischkonsum deutlich eingeschränkt und verzichteten inzwischen fast völlig auf den Verzehr von Wurst. Während sie die letzten Nudeln aufspießte, vibrierte ihr Smartphone. Eine Instagram-Nachricht war eingetroffen.
»Lass die Finger von meinem Spielzeug, Bitch.«
Olga las den Text zweimal und fragte sich, wer hier was von ihr wollte. Allerdings ärgerte sie sich diesmal nicht, sondern ihre Nackenhaare stellten sich auf und sie bekam Gänsehaut. Auch ihr Puls beschleunigte sich. Trotzdem ging sie in den Gegenangriff über und schrieb: »Was soll das? Was willst Du?« Doch mit dem Absenden ihres Chats verschwand der Adressat, die Nachricht löste sich in Nichts auf.
Mist,
