Verlag: Oetinger Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Alhambra - Kirsten Boie

Granada, 1492. Ein Tor in der Zeit und plötzlich verändert sich die Welt. Gerade war Boston noch mit seinen Mitschülern auf dem arabischen Seidenmarkt in Granada. Plötzlich ist alles anders: Durch ein Tor in der Zeit ist Boston im Jahr 1492 gelandet. Dort wird es für ihn lebensgefährlich. Er erweckt Misstrauen am spanischen Königshof und auf der Alhambra gerät er in die grausamen Fänge der Inquisition. Doch zwei neue Freunde, Tariq und Salomon, als Muslim und Jude selbst bedroht, stehen ihm in dieser fast ausweglosen Situation bei. Aber die Rückkehr Bostons hängt nicht nur davon ab, ob er den Schlüssel zur Gegenwart findet, sondern auch von der Entdeckung Amerikas. Ein großer Roman von Kirsten Boie - fesselnd, spannend, faszinierend bis zur letzten Seite.

Meinungen über das E-Book Alhambra - Kirsten Boie

E-Book-Leseprobe Alhambra - Kirsten Boie

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Mein Rat ist aber der: ihr nehmt

Die Sache völlig wie sie liegt. Hat von

Euch jeder seinen Ring von seinem Vater:

So glaube jeder sicher seinen Ring

Den echten. – (…) Wohlan! (…)

Es strebe von euch jeder um die Wette,

Die Kraft des Steins in seinem Ring’ an Tag

Zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,

Mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,

Mit innigster Ergebenheit in Gott

Zu Hilf’! Und wenn sich dann der Steine Kräfte

Bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:

So lad ich über tausend tausend Jahre

Sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird

Ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen

Als ich; und sprechen. Geht!– So sagte der

Bescheidne Richter.

Gotthold Ephraim Lessing

Nathan der Weise

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Vorspiel. Granada. Gegenwart.

Es regnet selten in Granada.

Wenn sich aber die Schleusen des Himmels öffnen (und keine andere Formulierung wäre zutreffend, um zu beschreiben, was dort an diesem Vormittag geschah), dann wird die Stadt unter den Bergen eine andere.

Pfützen stehen auf den unebenen Granitplatten vor der Kathedrale und zwischen den schwarz-weißen Kieseln des Kopfsteinpflasters im Realejo[1]; Rinnen, in Jahrhunderten ausgewaschen, führen Sturzbäche die schmalen Gassen im maurischen Viertel des Albaicín hinab, und über den engen Gängen in der Alcaicería, dem orientalischen Basar zwischen Plaza Bib-Rambla und alter Karawanserei, spannen die Händler eilig endlose Plastikbahnen über Schnabelschuhen, ledernen Sitzkissen, Messinglampen und Wasserpfeifen aus. Der afrikanische Händler an der Calle de los Reyes Católicos verdient mit seinen billigen Klappschirmen in wenigen Stunden mehr als sonst im Rest des Jahres, so gierig reißen ihm die Touristen, angereist aus dem kalten, regnerischen Norden und am Ziel ihrer Reise nur auf Sonne eingestellt, seine Ware aus den Händen.

Kleine alte Frauen in schwarzen Kleidern trippeln in durchweichten Hausschuhen tapfer, als bemerkten sie das Wetter nicht, hügelauf und -ab, um Fisch zu kaufen oder Brot. Die Straßen leeren sich. Die alten Frauen öffnen die Türen ihrer Häuser und werfen einen letzten Blick hinter sich in das Grau.

Schon morgen, das wissen sie, wird die Sonne der Stadt wieder ihre Farben zurückgeben, die Pfützen trocknen und die Schöne am Fuße der Sierra den Touristen präsentieren, wie die Reiseführer es ihnen versprochen haben. Vielleicht am Nachmittag schon.

Die alten Frauen legen in der Küche den Fisch in den Kühlschrank oder das Brot auf den Tisch. Nur im Winter ist es der Regen, der die Wahrheit erzählt, und die Sonne, die lügt. Jetzt aber werden sie eines Morgens erwachen, und auch die letzte Ahnung von Schnee auf den Gipfeln der Berge jenseits der Alhambra wird verschwunden sein. Und bunt und leuchtend wird der Sommer von der Sierra her Einzug in die Stadt halten. So ist es immer gewesen. So wird es auch in diesem Jahr wieder sein.

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1.

Granada im April, Gegenwart

Beim Landeanflug waren sie durch die Wolken getaucht, und Boston hatte noch einmal am Verschluss seines Sicherheitsgurtes gezogen, um zu prüfen, ob er auch fest saß, als das Rütteln einsetzte. Er war erleichtert gewesen, als er gesehen hatte, dass Kadir neben ihm verstohlen das Gleiche tat, auch Tukan auf der anderen Seite des Ganges. Beim Einchecken waren die beiden wütend gewesen, dass sie keine Plätze direkt nebeneinander bekommen hatten.

»Wieso muss ich neben dem?«, hatte Kadir geschrien. »Nee! Wieso kann ich nicht neben Tukan?«

»Da ist nur der Gang dazwischen«, hatte Frau Hilbert gesagt. »Also sitzt du ja neben Tukan, maul hier mal nicht rum, Kadir.«

»Hinsetzen, bitte alle hinsetzen!«, hatte der schüchterne Spanischreferendar gerufen und war aufgeregt durch den Gang gelaufen. Als ob jemand etwas anderes vorgehabt hätte.

»Mann, Scheiße, Mann!«, hatte Kadir gesagt und Frau Hilberts Rücken eine Fratze geschnitten. Danach hatte Boston sich so klein und unauffällig gemacht wie möglich. Er hatte während des Fluges nicht einmal das Buch aus dem Rucksack zu seinen Füßen geholt, obwohl Frodo gerade in einer ziemlich aussichtslosen Situation war; vielleicht hätte Kadir sonst wieder etwas gesagt. Stattdessen hatte er aus dem Fenster auf die Wolken gestarrt, die von oben aussahen wie überdimensionale Wattebäusche. Darüber Sonne, Sonne, Sonne.

Natürlich waren sie sicher gelandet. Der Flughafen von Málaga lag in tiefem Grau, und der Regen prasselte auf den glänzenden Asphalt der Landebahn.

»Na geil!«, sagte Sergej, während sich die Fluggäste im schmalen Gang zwischen den Sitzen rechts und links drängelten und warteten, dass endlich die Ausstiegstür geöffnet wurde. »Hätten wir ja gleich zu Hause bleiben können bei dem Scheißwetter.«

»Andere Ausdrücke kennt ihr wohl nicht, was?«, sagte ein älterer Mann. Sein Gesicht war viel zu rot. Während des Fluges hatten die meisten Fluggäste getan, als störe die Gruppe sie nicht, als nähmen sie die zweiunddreißig Jungen und Mädchen gar nicht wahr. Boston fand aber auch, dass sie sich eigentlich ziemlich gut verhalten hatten die ganze Zeit, nicht mal zu laut oder was. Und getrunken hatten schließlich nur die Erwachsenen und waren immer vergnügter geworden, Alkohol gegen die Flugangst, das war bekannt. Aber hätten sie ja auch gar nicht gekonnt, trinken, erstens hätten die Stewardessen ihnen schon mal nichts gegeben, und zweitens hatten alle Eltern vor der Reise unterschreiben müssen, dass sie einverstanden waren, wenn ihre Kinder wegen Alkoholkonsums auf eigene Kosten und unbegleitet nach Deutschland zurückgeschickt wurden. Mal gucken, dachte Boston. Wird man ja noch sehen, ob die Lehrer sich das wirklich trauen.

»Na endlich!«, sagte Kadir. Die Schlange im Gang begann langsam, sich nach vorne zu schieben. Boston blieb sitzen. Aufstehen reichte immer noch, wenn das Gedrängel weniger geworden war.

 

Manuel Corazón setzte sich ächzend auf den kleinen Hocker in seinem dämmerigen Laden, direkt neben der Ladentür. Mit einem Besenstiel hatte er nun schon zum zweiten Mal die Plane über den Waren in der Gasse angehoben, damit der Regen, der sich in tiefen Mulden auf dem durchsichtigen Plastik gesammelt hatte, nicht zu schwer wurde. Wenn es weiter so schüttete, würde er schon in wenigen Minuten wieder mit dem Besenstiel nach draußen gehen müssen.

»Mierda!«, murmelte er. Die Alcaicería lebte vom Sonnenschein. Nur bei Sonne kamen die Touristen von der Küste, machten mit ihren Bussen nach der Besichtigung der Alhambra einen kleinen Abstecher hinunter in die verwinkelten Gassen der Stadt, zur Kathedrale, wurden von hilfsbereiten Reiseführern zum Basar geleitet, um zu staunen über den Hauch von Orient, der hier auch fünfhundert Jahre nach dem Abzug der Mauren noch durch die Gassen wehte; seit die Touristen aus dem Norden immer zahlreicher wurden, dachte Manuel spöttisch, wehte der Hauch sogar von Jahr zu Jahr stärker. Dann stießen die Gäste kleine Begeisterungsschreie aus, drehten Glasbläserarbeiten in den Händen, ließen ihre Finger prüfend über Messingleuchter gleiten, begutachteten fachmännisch Aschenbecher mit einem Dekor aus arabischen Schriftzeichen, das tat, als wäre es Email. Sie untersuchten Silberschmuck, aus Speckstein geschnitzte Figuren und Kamelhocker, hergestellt in Taiwan. Die Händler lächelten und nickten und warteten geduldig. Irgendetwas kauften die Touristen schließlich immer, die Alcaicería verließ kaum einer ohne Beute; und die Reiseführer, die auf der Plaza bei einem Kaffee gelassen auf ihre Schützlinge gewartet hatten, bekamen von den Händlern Dank in Euros und Cents.

Bei Regen dagegen blieben die Gäste in den Hotels an der Küste und spielten Bingo oder sahen im Satellitenfernsehen, was in ihren Ländern zu Hause geschah. Bei Regen verdienten nur die Bars in den Hotels zwischen Gibraltar und Almería, in denen die Gäste heißen Kaffee oder Kakao mit Rum orderten, den sie Lumumba nannten. Selbst die Lokale an der Bib-Rambla blieben dann leer, obwohl sie über ihren Tischen zum Schutz vor den himmlischen Wasserfluten einladend riesige Schirme aufgespannt hatten und Markisen.

Manuel dachte erleichtert, dass jetzt die Zeit vorüber war, in der er sich an jedem Morgen von Neuem fragte, ob es überhaupt lohnenswert war, das Geschäft aufzuschließen. Aber was wohl sonst? Solange seine Nachbarn die ihren öffneten und Schnabelschuhe, Spitzendeckchen und Schlüsselanhänger in der Gasse vor den La-denfenstern stapelten, hatte er es ihnen gleichgetan. Die Einnahmen waren lächerlich, dafür standen sie immer öfter zu einem Schwätzchen zusammen, die Händler aus der Gasse, bei einem cortado oder einer Zigarette; wenn es ganz ruhig war, auch einmal bei einem Zug aus der Wasserpfeife.

Wieder hatte er die Winterzeit nicht genutzt, um endlich zu entscheiden, was geschehen sollte.

Manuel schreckte zusammen und sah sich um. Niemand beobachtete ihn.

Obwohl er sie schon vor Wochen wiedergefunden hatte, als er im dunklen hinteren Teil des Ladens, den er das Lager nannte, die Regale durchgesehen hatte. Nur im Winter war dazu die Zeit, keine Kunden, die ihn immer wieder nach vorne auf die Gasse zwangen und mit verschlagenem Grinsen versuchten, den Preis für Seidenschals und Mokkatassen lächerlich weit herunterzuhandeln, nur um dann schließlich doch zu einem lächerlich hohen Preis zu kaufen.

Manuel seufzte. In jedem Herbst wieder nahm er sich vor, die Regale hinten im Lager einmal gründlich durchzusehen, auszusortieren, was ihm nur Platz stahl, nach vorne zu tragen, was zu verkaufen vielleicht doch noch lohnte. In jedem Herbst wieder begann er beim ersten Regen die Regale zu ordnen, bis ihn dann schließlich doch die Gleichgültigkeit überkam und er lieber mit den anderen Händlern auf der Gasse stand und plauderte. Die Gleichgültigkeit und die Verstörung.

Er wandte sich um und starrte in die Dunkelheit in der Tiefe des Ladens. Er war nicht verwirrt gewesen, als er sie im vergangenen Herbst plötzlich wiederentdeckt hatte, nach so vielen Jahren zum ersten Mal. Sie war fast das Erste gewesen, das ihm entgegengekommen war, als er vorsichtig die Deckel von den verstaubten Kartons gehoben hatte, um zu sehen, was sich in ihnen verbarg. Die arabischen Schriftzeichen auf ihrer Oberfläche, am Rand abgesplittert, wo die Fliese aus der Wand geschlagen war, wa-la ghaliba illa’llah, kein Mensch sprach mehr Arabisch in Granada, schon seit Jahrhunderten nicht.

Er hatte sich gefragt, warum sie plötzlich wieder aufgetaucht war, gerade jetzt, in diesem Winter, nachdem er sie in all den Jahren zuvor nicht gesehen, nachdem er sie fast vergessen hatte. Nachdem er fast angefangen hatte zu glauben, es hätte sie nie gegeben. Manche Erinnerungen, das wusste Manuel, sind wie die Erzählungen, die sie begleiten, nichts als Lügen.

Er hätte sie gerne vergessen. Er hätte gerne weiterhin so getan, als ob es sie nicht gab. Obwohl er neugierig war, das auch.

Manuel stand auf. Es war noch nicht wieder nötig, das Wasser von der Plane zu schütteln. Mit zögernden Schritten näherte er sich dem Lager. Jetzt war es April, und er hatte immer noch keine Entscheidung getroffen.

 

»Natürlich fährst du da mit, Boston!«, hatte seine Mutter gesagt, als sie damals nach dem Elternabend noch in Bostons Zimmer gekommen war, um das Licht auszuschalten, und ihn wach und mit Buch in der Hand im Bett vorgefunden hatte. »So eine Chance lässt du dir doch nicht entgehen!«

»Es ist ziemlich teuer!«, hatte Boston gemurmelt und sofort ein schlechtes Gewissen bekommen. Man spricht nicht über Geld, sagte seine Mutter immer. Übrigens ist Geld nicht das Wichtigste im Leben, glaub das nie.

Aber Boston war ziemlich sicher, dass sie das nur sagte, weil sie sowieso keins hatte. Gleich am Anfang ihres Studiums war sie für ein Jahr in die USA gegangen, und da hatte sie einen wunderbaren jungen Amerikaner kennengelernt; und dann war sie zurück nach Deutschland gefahren, da war sie schon schwanger gewesen und hatte Boston bekommen und ihn Boston genannt nach der Stadt, in der sein Dad lebte, und ihr Studium hatte sie darum niemals zu Ende gemacht.

»Aber wenn mein Dad doch so reich war?«, hatte Boston immer wieder gefragt. »Warum hast du dem denn nie erzählt, dass du mich kriegst?«

Da hatte sie sich ein wenig gewunden und gesagt, sie hätte damals einfach nicht gewusst, ob sie die Komplikationen überhaupt wollte, die es dann bestimmt gegeben hätte.

Aber Boston war sich ziemlich sicher, dass er die Komplikationen gewollt hätte und diesen Dad auch. Über vier Jahrhunderte konnte der seine Familie in Amerika schon zurückverfolgen, und das war in den USA mindestens so viel wert wie hier ein Adelstitel, sagte seine Mutter. Wer sagen konnte, dass seine Vorfahren vor fast vierhundert Jahren mit der »Mayflower« eingewandert waren, der war beinahe so etwas wie ein Baron.

Da hatte Boston nachgelesen, was die »Mayflower« war; und dann hatte er beschlossen, dass er vor keiner Komplikation zurückschrecken und später nach Amerika reisen würde, um seinen Dad kennenzulernen, sobald er nur genügend Geld zusammengespart hätte.

Aber jetzt hatte er ja noch nicht mal genügend Geld für die Spanischreise. Dabei war die Reise nach Granada natürlich mit ein Grund für ihn gewesen, Spanisch zu wählen und nicht Wirtschaft oder Sport Extra. Die Spanischleute fuhren einmal im Jahr für zwei Wochen nach Spanien, und sobald man anfing mit dem Kurs, konnte man in der Schule monatlich etwas auf ein Konto einzahlen, damit man das viele Geld auch wirklich zusammenbekam. Die Spanischreisen waren an der Schule berühmt, und manche in der Oberstufe, die das Geld dafür hatten, waren schon zwei- oder dreimal mitgefahren. Es musste also gut sein.

»Irgendwie kriegen wir das schon hin!«, hatte seine Mutter gesagt. »Wozu trägst du Zeitungen aus? Mensch, Boston, denk doch mal, Spanien! War ich ja noch nicht mal!«

Als ob das viel heißen würde, hatte Boston gedacht. Wo du schon gewesen bist außer damals vor tausend Jahren in Amerika.

»Und nicht nur Mallorca oder die Costa del Sol oder wo es sonst so billig ist! Sogar Granada! Das ist eine richtig tolle Stadt, hat eure Frau Hilbert erzählt, es gibt eine Burg und eine Kathedrale und …«

»Da steh ich sowieso nicht so drauf«, hatte Boston gesagt. Obwohl das gelogen war. Er wusste längst, was es in Granada alles anzusehen gab, im Medienraum hatte er es sich im Internet rausgesucht und angeguckt bei Google Earth. Aber das gehörte zu den Dingen, die man im Leben nicht zugeben durfte. Nicht mal der eigenen Mutter gegenüber. Wer wusste denn, wem sie sonst davon erzählte, stolz auf ihren klugen, interessierten, tüchtigen Sohn, und dann sprach es sich in der Klasse herum, und er hatte den Ärger. »Gibt’s da auch Klamottenläden? Und Kneipen?«

Seine Mutter hatte verblüfft geguckt, dann hatte sie gelacht. »Wird es schon auch geben«, hatte sie gesagt. »Jedenfalls hab ich dich angemeldet.« Und damit war es entschieden gewesen.

Während Boston jetzt den Regen an der Fensterscheibe des Busses herunterrinnen sah, der sie von Málaga nach Granada bringen sollte, weil das billiger war als ein Flug direkt, fragte er sich, ob er nicht doch einen Rückzieher hätte machen sollen. Aus seinem Jahrgang waren sie nur vier, Kadir, Tukan, Sergej und er; aus dem darüber drei Mädchen, von denen eine Sylvia hieß und eine Yesim, die andere kannte er nicht; und auch noch sechs Jungs. Die aus den Jahrgängen darüber waren sowieso zu alt für ihn. Vielleicht konnte er mit den Mädchen rumlaufen. Kadir und Tukan wollten ihn jedenfalls nicht, und dass Sergej versuchte, bei denen mitzumachen, war schon am Flughafen klar gewesen.

Der Regen peitschte unregelmäßige Striemen außen über das Fensterglas. Fast waagerecht zogen schwere Tropfen zitterige Spuren: von vorne nach hinten, dann in einer vorsichtigen Kurve wie unwillig nach unten, wo sich am unteren Fensterrand oberhalb der Gummidichtung das Wasser sammelte, bis es schließlich auf dem Blech der Buswand verschwand. Zwischendurch schien es manchmal, als hielte ein Tropfen einen Augenblick lang inne, als zögere er, wohin, bevor er dann eilig weiterzog, auf der gleichen Bahn wie alle anderen.

Und draußen, jenseits der Scheibe, lag Spanien, lag die Costa del Sol: einförmige Siedlungen, Wohnblocks, Vororte ohne Ende; ein Golfhotel direkt an der Autobahn, das seine Lage auf riesengroßen Plakatwänden in spanischer, deutscher und englischer Sprache als einmalig pries. Allerdings!, dachte Boston und hatte fast das Gefühl, dass er ein wenig vergnügter wurde. Manchmal war hinter dem Dickicht aus Häusern zwischen zwei Hügeln für einen winzigen Augenblick ein kleiner Streifen stumpfes Grau zu sehen, nur um sofort wieder zu verschwinden. Das Mittelmeer.

»Mann, voll die Scheiße, oder?«, sagte Sergej neben ihm. »Willst du Kaugummi?«

Boston nickte erschrocken. Natürlich waren Tukan und Kadir auf dem Sitz vor ihnen eingeschlafen, Kadirs Kopf lag auf Tukans Schulter, ein Mädchen aus der Oberstufe hatte die beiden schon fotografiert. Viele waren inzwischen eingeschlafen, sie hatten am Morgen den frühesten Flug genommen, weil das am billigsten gewesen war. Aber trotzdem hätte Sergej ja nicht mit ihm reden müssen. Und Kaugummi anbieten schon sowieso nicht.

»Wenn meine Alten das sehen würden!«, murmelte Sergej und hielt Boston das unordentlich aufgerissene Päckchen hin. »Mein Vater hat Überstunden geklotzt, ey, ist doch sauteuer, und jetzt so Wetter!«

Boston nickte wieder. »Um diese Jahreszeit ist das Wetter hier immer noch ziemlich unsicher«, sagte er. »Ich hab gelesen …«

»Wieder voll der Professor!«, sagte Sergej und schüttelte den Kopf. Aber Boston merkte erleichtert, dass es nicht wirklich aggressiv klang. »Mann, entweder es wird besser, oder es bleibt so, brauchst du gar nichts zu lesen. Ändert sowieso nichts.«

»Nee«, sagte Boston demütig.

»Ich schlaf auch mal kurz«, sagte Sergej. »Ist ja sowieso nichts los draußen. Aber wehe, du weckst mich nicht, wenn ich mich an dich ranschmuse, Alter. Schubs mich von dir runter.«

»Okay«, sagte Boston. Er rutschte von Sergej weg, so dicht ans Fenster, wie es nur ging.

Die Regenstreifen auf den Scheiben wurden weniger und zitteriger. Der Himmel hellte sich auf. Boston schloss die Augen.

 

Manuel Corazón schüttelte die Regentropfen von der Plane und rollte sie mit geübten Bewegungen zusammen. Besser wäre es gewesen, er hätte sie noch eine Weile ausgespannt trocknen lassen; aber jetzt, wo die Sonne wieder strahlend hoch an einem azurblauen Himmel stand, erschienen auch schon die ersten Touristen in der Gasse, nasse Schirme in der Hand und doch, da das Wetter wieder hielt, was die Prospekte ihnen versprochen hatten, fröhlich und versöhnt.

Aus Erfahrung wusste er, dass zu den ersten Käufen jetzt Sandalen gehören würden, alpargatas, nur selten auch kunstvoll gepunzte arabische Lederschuhe, die die Reisenden gegen ihre während des Regens in den unebenen Straßen Granadas durchweichte Fußbekleidung tauschen würden. Schon standen zwei Frauen vor seinem Laden und drehten Plastik-Flipflops in den Händen.

Manuel lächelte und schob die zusammengerollte Plane tief im Laden zwischen Kamelhocker und Sitzkissenhüllen ohne Füllung. Am Abend, wenn auch der letzte Tourist verschwunden war, würde er sie noch einmal herausholen und auf dem Boden ausbreiten. Schon wurden ihm die ersten Münzen hingehalten, die ersten Sandalen über regenfeuchte Kinderfüße gestreift. Er reichte einer Frau eine Tüte, in der sie die nassen Schuhe verstauen konnte.

Zwei Familien mit Kindern lachten gemeinsam vor seinen Auslagen, hoben Schnabelschuhe hoch und zeigten sich gegenseitig Aschenbecher und Armreifen. Vielleicht waren sie zusammen aus dem Norden angereist, vielleicht hatten sie sich erst am Strand oder im Restaurant ihres Hotels kennengelernt. Sie würden eine Weile brauchen, bevor sie sich entschieden, was sie kaufen wollten für die Freunde zu Hause oder für sich selbst, das kannte Manuel aus Erfahrung. Er trat einen Schritt zurück in den Laden. Sie konnten sich leichter entscheiden, wenn er nicht auf sie einredete, das wusste er wie die anderen Verkäufer im Basar, so waren die Menschen aus dem Norden; dann aber musste man den richtigen Augenblick abpassen, um ihre halbe Entscheidung lächelnd in eine ganze zu verwandeln. Und beobachten musste er sie nicht, überwachen. Sie stahlen nur selten und schon gar nicht, was wertvoll war. Wenn es das denn gegeben hätte bei ihm.

Manuel drehte sich um und starrte auf den geöffneten Karton. Er würde sie vorne zu den anderen Fliesen legen, die, mit maurischen Ornamenten versehen und doch irgendwo im östlichen Asien gebrannt, mit Filz unterklebt den Käufern als Untersetzer dienen sollten. Sollte jemand ihn fragen, warum diese eine so erbärmlich aussah, schäbig, abgestoßen, er könnte sagen, dass gerade darin ihr Wert läge: Sie als Einzige wäre echt, wäre alt, wie alt genau, könne man nicht mehr ermitteln.

Sein Herz schlug heftiger. Es wäre nicht gelogen, dachte Manuel. Und warum sollte ich ihnen mehr erklären? Sie würden es ohnehin für Aberglauben halten, vielleicht ist es das sowieso. Ich wäre sie los, und der Käufer hätte für wenig Geld ein wirkliches Schnäppchen gemacht. Wenn ich überlege, tatsächlich das einzige, das bei mir zu holen ist, bei der Ausfuhr an der Grenze natürlich illegal.

Er nahm den Karton und trug ihn nach vorne. Ein kleiner Junge streckte ihm mit der einen Hand einen Vogel aus Plüsch mit Hals und Beinen aus Spiraldraht entgegen, mit der anderen einen kleinen Schein. Manuel lächelte, griff nach dem Wechselgeld und strich dem Jungen über den Kopf. Er wusste, dass die Menschen aus dem Norden dies an ihnen priesen, ihre Kinderfreundlichkeit, und warum sollte er ihnen nicht geben, was sie erwarteten. Sie kauften dann noch einmal so gerne.

»Hola, chico!«, sagte Manuel. Der Junge zog den Kopf zurück, rannte zu seiner Mutter und drängte sich gegen ihre Beine. Schon auf der Rückfahrt zum Hotel würde der Kopf, würden die Füße des Vogels sich von ihren Drähten lösen, für wenig Geld nur kurzes Glück.

»Und die da bitte auch!«, sagte ein Mann und trug eine Karaffe vor sich her. »Was macht das?«

Manuel stellte den Karton mit seinem Fund zwischen die übrigen Fliesen und rechnete ab. Warum hatte er noch immer diese Scheu davor, sie zu berühren? Wer glaubte denn, dass wirklich geschehen konnte, was sein Vater ihm erzählt hatte und dessen Vater vor ihm und endlos weiter zurück in der Zeit? Menschen verschwanden nicht, egal wovon die Ältesten unter den Händlern berichteten, doch niemals laut. Damals hatte er es geglaubt, weil er ein Kind gewesen war; und Kinderglaube, das hatte er sich tausendmal erklärt, ist auch später nicht leicht zu erschüttern, gleichgültig was die Vernunft dazu sagt. Schon lange war es nicht mehr geschehen. Wenn es jemals geschehen war.

Aber wissen konnte man nie, dachte Manuel und bekreuzigte sich flüchtig. Alles war schließlich möglich, wenn die Erzählung seit Generationen in der Alcaicería weitergegeben wurde. Wenn niemals irgendwer das Gegenteil bewiesen hatte. Wenn die Tür noch immer offen stand.

Irgendein Käufer würde bald ein Schnäppchen machen. Niemand konnte ahnen, worin es wirklich bestand.

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2.

Das Frühstück war natürlich Mist.

»Nee, oder?«, sagte Sergej und starrte in seinen Becher mit dem dünnen Milchkaffee. »Und dafür haben meine Alten nun Kohle ohne Ende geblecht! Ich denk, es gibt Frühstücksbüfett? Nun bin ich schon mal im Hotel.«

»Dies ist ein hostal, chico«, sagte Frau Hilbert. »Und noch zentraler geht es nicht, wie du ja gestern bei unserem Orientierungsspaziergang vielleicht gemerkt hast. Wäre es dir lieber, wir hätten ein Traumfrühstück und müssten dafür eine Stunde mit Bus und Bahn in die Stadt fahren?«

»Sergej will zentrale Lage und Traumfrühstück!«, sagte Kadir. Mit Tukan saß er Sergej und Boston an einem der Frühstückstische mit Resopalplatte gegenüber. Keiner hatte gemault, als Boston gestern in ihrem Viererzimmer, ohne zu fragen, leise seine Reisetasche auf das letzte freie Bett gestellt hatte. Direkt gejubelt hatte natürlich auch keiner. »Ich find’s cool, dass die Läden alle gleich um die Ecke sind.«

»Typisch«, sagte Frau Hilbert. »Über die Kathedrale wolltest du nicht auch ein freundliches kleines Wort verlieren?«

»Uuuaah!«, stöhnte Kadir und schüttelte sich. Aber er sah äußerst zufrieden aus dabei. Alle sahen sie äußerst zufrieden aus, dachte Boston, sogar Sergej. Als ob das Frühstück irgendwem wichtig war. Die Sonne schien, das hostal lag mitten in der Stadt an der Gran Vía, und dass es schäbig war und vielleicht auch nicht so ganz besonders sauber, störte niemanden wirklich. Obwohl sie natürlich gejammert und geschimpft hatten, auf einer Schulreise musste man tun, was man tun musste. Die Geschäfte waren nur einen Steinwurf entfernt, auch die Kathedrale und der Albaicín und die Alcaicería; und zwei Steinwürfe entfernt, so aus der Nähe hoch über ihnen nicht zu sehen, sogar die Alhambra. Was natürlich niemanden interessiert hatte, nachdem sie einmal wussten, wo die Läden lagen.

Frau Hilbert und drei von den Wiederholungsreisenden aus der Oberstufe, die dabei so gelangweilt taten, als wären sie in Granada geboren, hatten ihnen gestern die Umgebung gezeigt.

»Damit sich keiner von euch verläuft, wenn ihr dann Freizeit habt«, hatte Frau Hilbert gesagt. »Ihr wollt ja wohl auch mal Freizeit haben.«

»Yeah!«, hatte Sergej geschrien.

»Immer nur!«, hatte Boston gesagt, vielleicht nicht ganz so laut, aber es hatte genügt, dass Tukan ihn freundschaftlich in die Seite geboxt hatte.

Aber natürlich konnte eine Spanischreise nicht sofort mit Freizeit anfangen. »Und darum geht es heute Morgen auch gleich auf die Alhambra«, sagte Frau Hilbert.

»Nee!«, stöhnte einer aus der Zehnten. »Nicht gleich, oder? Ich denk, wir fahren auch mal ans Meer?«

Zwei Mädchen mit frisch gewaschenen und nicht trocken geföhnten langen Haaren kamen in den Frühstücksraum und sahen sich suchend nach freien Plätzen um. Wenigstens waren ihre Gesichter fertig geschminkt.

»Auch mal heißt auch mal«, sagte Frau Hilbert. »Auch mal heißt nicht, gleich am ersten Tag. Für heute haben wir Tickets für die Alhambra, die hab ich schon vor drei Monaten online bestellt. Ihr glaubt doch wohl nicht im Ernst, dass wir da sonst so einfach reinkämen.«

»Wen stört das?«, flüsterte Tukan, und Boston lachte lauter, als es nötig gewesen wäre.

»Genau!«, sagte er, obwohl Frau Hilbert zu ihnen herübersah. Er war sich fast sicher, sie wusste sowieso, dass er sich auf die Besichtigungen freute, vielleicht als Einziger, vielleicht mit einigen aus der Oberstufe zusammen oder auch schon aus der Zehnten.

»Boston?«, sagte Frau Hilbert. »Ist was?«

»Nichts, alles okay«, sagte Boston und zwang sich, sie anzugrinsen. Frau Hilbert seufzte und schüttelte den Kopf. Niemand boxte ihm zustimmend in die Seite, trotzdem wusste Boston, dass er sich seinen Platz an diesem Tisch, im Viererzimmer, wieder ein Stückchen mehr verdient hatte.

»Wir treffen uns in zwanzig Minuten vor dem Haus«, sagte Frau Hilbert. »Wir laufen hoch.«

Das Stöhnen war so laut, wie es das bei dieser Äußerung sein musste. An den Gesichtern sah Boston, dass alle sich freuten, hier zu sein.

al-Andalus, April 1492

Die Königin sah auf den besonnten Löwenhof, in dessen weißem Brunnen leise plätschernd das Wasser sprudelte: hochauf in der Mitte des Beckens und in graziösen Bögen aus den Mäulern der zwölf Löwen, deren Rücken die Brunnenschale trugen. Noch immer konnte sie nur schwer begreifen, dass all diese Schönheit nun ihr gehörte, täglich dankte sie dem Herrn.

»Wenn Ihr sie aber ungestraft lasst!«, sagte der Großinquisitor. Sein Schatten fiel lang und schmal auf die schweren Kiesel des Hofes. »Dann werden sie Euch verspotten. Heimlich, vor ihren verruchten Altären des Unglaubens. Haben wir nicht in den anderen Städten Eures Reiches bewiesen, in Burgos, Toledo, in Córdoba und Cadix, dass allein durch den Tod …«

Tod, immer wieder Tod. Scheiterhaufen, Gestalten im sanbenito, dem mit Teufelszeichen bemalten Büßersack, die brüllten, sich krümmten, dann Stille, nur das Prasseln des Feuers.

Sie war stark. Sie hatte sechs Kinder geboren und gemeinsam mit ihrem Mann Ferdinand zwei Königreiche vereinigt. Wenn eine Schlacht aussichtslos erschien, war sie hoch zu Ross zum Kampfplatz geeilt, um ihren Soldaten Mut zu machen. Auch Granada wäre noch immer in den Händen der Ungläubigen, wäre sie nicht ins Feldlager geritten, hätte sie nicht Santa Fé erbauen lassen, die Stadt in der Form des heiligen Kreuzes: auf der Vega in Sichtweite der Alhambra. Sie traf Entscheidungen, wenn sie getroffen werden mussten, sie war keine Zauderin.

Nur wenn es um Fragen des Glaubens ging, wurde sie klein und demütig und zögerte. Nichts war so schwierig, wie den Willen des Herrn zu erkennen, da es Ihm niemals gefallen hatte, zu ihr zu sprechen. Nur durch die Münder Seiner geweihten Priester tat Er ihr kund, was Sein Wunsch war, und wer sagte ihr denn, dass Seine Diener Seine Wünsche immer richtig verstanden? Wo war der Beweis, dass all diese Tode überall in ihrem Reich, diese furchtbaren Flammentode, Sühnetode, wirklich der Wille des Herrn waren?

»Wir haben Eure Forderung erfüllt und das Judenedikt unterzeichnet«, sagte Isabella. »Sollte es damit nicht genug sein? Können wir nun nicht warten, bis die Frist abgelaufen ist, die wir ihnen gewährt haben?«

»Der Herr hat unter allen Herrschern Euch auserwählt, die Standarte des einzig wahren Glaubens aufzurichten über Seinen Ländern Kastilien und Aragón«, sagte Torquemada. »Hätte Er Euch sonst Sieg über Sieg beschert über die Ungläubigen, Erfolg nach Erfolg, wenn es nicht Sein Wille wäre, dass Ihr in diesem Land Sein katholisches Reich auf Erden errichtet, meine Tochter? Und gehört nicht zuvörderst dazu, dass die Ketzer bestraft werden für ihre Sünden?«

»Unser Herr hat Vergebung gepredigt«, murmelte Isabella. Alles wäre einfacher, hätte der Herr Seinen Willen klarer verkündet, jedem Menschen, auch ihr, verständlich. Aber es hatte Ihm gefallen, die Dinge im Unklaren zu lassen. »Liebe deinen Nächsten!«, hatte Er Seinen Sohn predigen lassen. »Liebt sogar eure Feinde!« Aber Seine Priester sprachen eine andere Sprache, und hatten sie nicht die Heilige Schrift studiert und waren ihrer nicht viele?

»Der Herr ist Vergebung!«, rief Torquemada leidenschaftlich. »Selbst den Ungläubigen vergibt Er, wenn sie umkehren und Buße tun! Aber diese hier, von denen ich spreche, betrügen nicht nur uns, meine Tochter, denn fürwahr, das müssten wir verzeihen, wie unser Herr Jesus Christus uns gepredigt hat, zu vergeben unseren Schuldigern. Sie aber betrügen den Herrn selbst, ihr Ziel ist nichts Geringeres als die Vernichtung der heiligen Mutter Kirche! Wozu denn, meine Tochter, wären all Eure Siege über die Ungläubigen nütze, wenn Ihr jetzt sehenden Auges den Feinden des Glaubens gestatten wollt, das Land für ihre falschen Götzen zurückzuerobern?«

»Aber heißt nicht das fünfte Gebot: Du sollst nicht töten?«, fragte Isabella. Da war es wieder, was sie verwirrte, immer schon: dass alles so widersprüchlich war. So leicht, etwas misszuverstehen, so leicht, eine Sünde zu begehen, ohne es zu wollen. »Und steht dieses Gebot nicht über allen anderen?«

Der Bischof lächelte. »Über allen anderen, meine Tochter, steht das erste Gebot«, sagte er. »Ich bin der Herr, dein Gott. Und auch: Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Habt Ihr nicht erlebt, dass der Segen des Herrn auf unseren Schlachten ruht, wenn wir sie zu Seinem Ruhme schlagen? Wenn das Töten nötig ist, um den Ungläubigen unseren heiligen Glauben zu bringen und die Verstockten zu strafen, verlangt Er dann nicht von Seinen Kindern, dass sie das fünfte Gebot zu diesem Ende mit Schmerzen vergessen?«

Isabella schwieg. Den Ungläubigen Granada zu entreißen war so notwendig gewesen wie einstmals die Kreuzzüge ins Heilige Land, daran zweifelte sie nicht. Aber dieses hier, all das, was der Großinquisitor jetzt von ihr verlangte …

»Und steht nicht das Gebot, Gott zu ehren, darum an erster Stelle, weil ihm zu folgen vornehmste Pflicht jedes Christenmenschen ist, sodass alle anderen Gebote, wie heilig auch immer sie sein mögen, dahinter zurückzutreten haben?«

Isabella nickte müde. »Ich will darüber nachdenken«, sagte sie. Das war das Ende des Gesprächs, Torquemada begriff und verbeugte sich.

An der Tür drehte er sich noch einmal um. »Zögert nicht zu lange, Majestät«, sagte er, und in seiner Stimme lag eine neue Schärfe. »Wenn Ihr zu lange zögert, könnte es zu spät sein. Heute ist Donnerstag. Schon morgen Abend könntet Ihr den Beweis haben, nach dem es Euch verlangt. Der Name des Herrn sei gelobt.«

»Der Name des Herrn sei gelobt«, sagte Isabella.

Er drängt so sehr, weil er so alt ist, dachte sie. Vielleicht fürchtet er, dass der Herr ihm nicht mehr viele Jahre auf dieser Erde gewährt, und er will vorher noch abschließen, was seine Aufgabe ist.

Zweiundsiebzig, sie kannte kaum jemanden sonst, der so alt war wie der Großinquisitor. Allein, dass der Herr ihm so viele Jahre geschenkt hatte, bewies, dass Er in Torquemada Sein Werkzeug sah, wie grausam auch immer erscheinen mochte, was Er verlangte.

Sie schloss die Augen.

Granada im April, Gegenwart

Es war ein gutes Gefühl, an den endlosen Schlangen der Besucher einfach so vorbeizuziehen, die, von Wärtern zurückgehalten, vor den Ticketschaltern der Alhambra oben auf dem Hügel anstanden.

Tukan zog einen unsichtbaren Hut und schwenkte ihn wie zum Gruß. »Schönen Tag auch, Leute!«, sagte er. »Mann, dass die hier stundenlang stehen, nur um die paar alten Steine anzuglotzen!«

Man konnte nicht entscheiden, ob die Touristen ihn verstanden. Boston erkannte verschiedene Sprachen, Englisch, Französisch, Deutsch, auch Sprachen, die er nie gehört hatte, die er jedenfalls nicht verstand. Dänisch vielleicht, Niederländisch oder Schwedisch. Japanisch natürlich.

Und all diese Menschen waren bereit, Stunden zu warten. Sie alle wollten die Alhambra sehen, den Maurenpalast über der Stadt. Merkwürdig, dass es einen arabischen Palast gab, hier mitten in Europa. Er hatte ja zugehört, als einer aus der Oberstufe in ihrem Kurs eine Präsentation darüber gemacht hatte, Powerpoint mit Beamer, zur Vorbereitung der Reise. Trotzdem konnte sich kein Mensch wirklich vorstellen, dass hier früher die Araber geherrscht hatten, siebenhundert Jahre lang. Die Mauren, Moslems, die eine Stadt voller Moscheen gebaut hatten. Von den Touristen an der Küste, nur eine Fahrtstunde entfernt, wusste das bestimmt nicht einmal die Hälfte.

»Zusammenbleiben!«, rief Frau Hilbert. Der schüchterne Spanischreferendar wedelte ohne viel Hoffnung mit den Armen, als ob er wenigstens so beweisen wollte, dass es sinnvoll gewesen war, ihn mitzunehmen. »Ohne mich kommt ihr nicht rein, Herrschaften!«

»Gehen wir eben wieder runter!«, sagte Sergej und zwinkerte Tukan zu. »Chillen. Kleine cerveza trinken. Kommst du mit?«

Dann hatte der Kontrolleur am Eingang sie schon durchgewinkt.

»Na geil«, sagte Kadir und drehte sich einmal um sich selbst. »Und dafür lauf ich mir die Sohlen platt.«

Aber Boston hörte nicht mehr zu. Zypressen auf beiden Seiten des schmalen Weges, so hoch, dass die Sonne niemals den Boden erreichte, auf dem die Mosaiken, kunstvoll aus schwarz-weißen Kieseln gefertigt, so wirkten, als wären sie gerade erst verlegt.

Boston fragte sich, ob sie wirklich alt waren. Original. Ob sie das damals überhaupt schon konnten, vor mehr als fünfhundert Jahren. Und wie hatten sie es geschafft, so viele genau gleich große Kiesel zu finden? Oder hatten sie die geschliffen, oder wie?

»Ey, hörst du nicht!«, sagte Tukan. »Ob du was zu saufen mithast, will Kadir wissen!«

Boston griff in seinen Rucksack, in dem das Handy neben der Geldbörse lag. Letzte Nacht hatte er es aufgeladen, ein Wunder, dass die Schlafzimmer im hostal eine Steckdose hatten.

»Nee, leider nicht«, sagte er.

»Mann, ich verdurste!«, sagte Kadir. »Scheiße!«

»Zusammenbleiben!«, rief Frau Hilbert. »Robert, zähl du mal durch! So, da wären wir also an unserem ersten Ziel angekommen. Der Generalife war der Sommersitz der maurischen Herrscher …«

Wozu hatten die auch noch einen Sommersitz gebraucht, dachte Boston. Unter ihnen auf der Hügelflanke lagen zwischen Bäumen versteckt die Gebäude der Alhambra, Türme mit Schießscharten, Türme mit zierlichen Dächern, Palastmauern. Hatte denen das da drüben damals nicht genügt?

»… schönsten Gartenanlagen der Welt«, sagte Frau Hilbert. »Und beachtet mal das viele Wasser überall. Das haben sie mühsam aus der Sierra Nevada herleiten müssen in einem großen Aquädukt. Sylvia? Was ist ein Aquädukt?«

»Hä?«, sagte Sylvia und sah erschrocken von ihrem Handy auf. Sie drehte ihr Kaugummi im Mund. »Ich hab Sie grade nicht verstanden.«

»Du tust besser daran, wenn du mich ab jetzt verstehst«, sagte Frau Hilbert. »Ich stell dir die gleiche Frage heute Abend noch mal, zur Not musst du dich dann anschließend mit meinem Reiseführer in deinem Zimmer hinsetzen und ein bisschen büffeln, damit unsere Reise dir auch wirklich was bringt. Was ist ein Aquädukt?«

Boston drückte beide Arme fest gegen seine Rippen. Jetzt bloß nicht alles kaputt machen bei den anderen aus seinem Zimmer. Einer aus der Oberstufe erklärte die maurischen Wasserleitungen in dem gelangweilten Ton, in dem man reden durfte, wenn man in die Oberstufe ging, und das gesamte System der unterirdischen Rohre und Becken auf dem Alhambrahügel erklärte er gleich mit dazu. Auch das durfte man, wenn man in die Oberstufe ging, ohne dadurch peinlich zu sein. Wissen. Und es zugeben.

»Und darum ist der Patio de la Acequía …«, sagte Frau Hilbert. Sie war schon so oft hier gewesen, vielleicht wusste sie alles auswendig. Rote Fliesen neben einem rechteckigen Wasserbecken, das, lang und schmal, in den Boden eingelassen war. Eine unendliche Zahl von Fontänen an den Längsseiten rechts und links, deren Wasserstrahlen, wie aus tausend einzelnen Tropfen bestehend, in ebenmäßigen Bögen hoch aufstiegen, bis sie sich über der Beckenmitte, kurz bevor sie im Niederfall die Wasseroberfläche erreichten, beinahe berührten. An der Mauer tiefviolette Büsche von Bougainvilleen, deren Namen Boston nur deshalb kannte, weil seine Mutter in jedem Sommer wieder versuchte, eine kränklich aussehende Pflanze auf ihrem Balkon zum Überleben zu zwingen.

»… noch einmal um!«, sagte Frau Hilbert. »Wir kommen nicht mehr hierher zurück, und in eurer Freizeit werdet ihr ja wohl auch kaum noch mal hier hochgehen. Dann ab jetzt zur Alhambra.«

Boston versuchte, sich das Bild einzuprägen. Er würde seiner Mutter von den Bougainvilleen erzählen, das würde sie vielleicht am meisten interessieren. Sie hatte gesagt, er solle sich alles gut merken, um ihr genauestens berichten zu können. Da gehen diese Bougi-Dingsbums jedenfalls nicht ein, würde er sagen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie riesig die da sind. Und wie die blühen.

Er fiel in einen leichten Trab. An der Treppe verschwanden schon die anderen, nur drei Oberstufenschüler waren ebenso wie er zurückgeblieben; er hatte sie aber im Verdacht, dass sie in Wirklichkeit nur in Ruhe eine durchziehen wollten.

»Was ist?«, sagte einer unfreundlich.

Boston nickte eilig und lief an ihnen vorbei. Wenn er eine Kamera dabeigehabt hätte, hätte er natürlich alles aufnehmen können, um es zu Hause zu zeigen. Aber vielleicht hätte er das nicht einmal dann getan. Nicht wenn die anderen alle um ihn herumstanden und glotzten.

al-Andalus, April 1492

Als Torquemada gegangen war, trat Isabella hinaus in den Hof. Die Strahlen der Abendsonne beschienen nur noch die Fassade im Osten, die Arkaden mit den Doppelsäulen, die Arabesken über den Bögen darüber, färbten sie rötlich. Ein letztes Aufleuchten in Erwartung der Dunkelheit: Kala al-Hamra, die rote Burg. Sie sprach nur wenig Arabisch, es war längst nicht mehr nötig.

Hinter ihr lag der Saal der zwei Schwestern im Schatten. Die sternförmige Decke, unzählige Stalaktiten mit Gold und Lapislazuli geschmückt: Warum hatte der Herr ausgerechnet durch die Hände der Ungläubigen so viel Schönheit erschaffen? Immer schon hatte sie sich diese Frage gestellt, wenn sie die Eleganz der Moscheen bewundert hatte, ihre Leichtigkeit, Steine wie geklöppelte Spitze, auch die Paläste, die später selbst die christlichen Herrscher in ihren Ländern Kastilien und Aragón nach dem Muster der maurischen Herrschersitze von maurischen Handwerkern hatten errichten lassen.

Warum ließ der Herr durch die Hände der Ungläubigen so viel Wunderbares entstehen, wenn Er doch gleichzeitig forderte, dass sie selbst vernichtet würden?

Oder bekehrt, dachte Isabella. Das wahrscheinlich eher, nichts anderes fordert doch auch Torquemada. Bekehrt. Aber sie sind ja so unendlich verstockt, Mauren wie Juden, tun, wenn wir es verlangen, als hätten sie unseren wahren Glauben angenommen, gehen zur Messe, feiern das Abendmahl und fallen vor dem Kreuz auf die Knie; beten zur Heiligen Jungfrau, und hinter den verschlossenen Türen ihrer Häuser verhöhnen sie die heilige Kirche, verhöhnen den Herrn, indem sie weiterhin ihre heidnischen Riten vollziehen. Sie tun es überall in Spanien, jüdische conversos und muslimische moriscos, warum sollte es ausgerechnet hier in Granada anders sein. Und ich, die ich davon weiß, kann es nicht dulden, sonst werde ich schuldig wie sie, schuldiger sogar, denn anders als sie weiß ich seit meiner Kindheit, welches allein der wahre Glaube ist.

Torquemada hat recht. Der Herr hat mich auserwählt, unseren wahren katholischen Glauben auch zu den Gottlosen zu tragen. Opfer müssen gebracht werden.

Sie kniete nieder. Ihre steifen Röcke aus andalusischem Seidentaft mit der Silberstickerei aus Almería knisterten. »Heilige Jungfrau Maria, Mutter des Herrn«, betete Isabella.

Sie war die Herrscherin über Kastilien; gemeinsam mit ihrem Gatten Ferdinand, Herrscher über Aragón, hatte sie den Ungläubigen ihre letzte Bastion entrissen. Das schöne Granada, Blume der Sierra, war nach Jahrhunderten endlich wieder in der Hand der Rechtgläubigen. Aber ihr Gatte schürzte nur spöttisch die Lippen, wenn sie mit ihm über ihre Zweifel sprechen wollte, über Vertreibung, Folterung und Tod der Verstockten, über ihre Sorge, den Willen des Herrn zu verkennen.

»Wir haben gesiegt, uns gehören Málaga und Almería und jetzt auch Granada, sind wir nicht reicher als je zuvor?«, sagte er. Von Anfang an war immer nur das sein Ziel gewesen, immer nur das, manchmal fürchtete sie um seine unsterbliche Seele. »Ist das nicht sogar dir, mein frommes Täubchen, Beweis genug für den Willen des Herrn?«

Nicht laut sagte er das, nicht öffentlich. Da fiel er auf die Knie wie sie.

Um sich von ihren Zweifeln zu befreien, um Klarheit zu gewinnen über das, was der Herr von ihr verlangte, hatte sie niemanden als ihre Priester.

»Heilige Jungfrau Maria, Mutter des Herrn«, flüsterte Isabella. »Erbarme dich meiner.« Schon morgen würden sie vom Alhambrahügel aus sehen, über welchen Dächern in der judería Rauch aufstieg und über welchen der Himmel klar blieb.

»Bitte für mich.«

Jahrelang hatte sie dafür gekämpft, Königin zu werden. Nie hatte sie geahnt, was dieses Amt von ihr verlangen würde.

»Erbarme dich meiner.«

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3.

Granada im April, Gegenwart

Dass ihr Reiseführer verschwunden war, bemerkte Frau Hilbert im Audienzsaal, der auf Spanisch sala de los embajadores hieß, als sie der Gruppe den Wandfries erklären wollte.

»Oben war der doch noch in meiner Tasche!«, sagte sie und beugte sich über den Beutel, den sie die ganze Zeit über ihrer Schulter getragen hatte. Offen. In Spanien. Vielleicht hielt sie die Gerüchte über Taschendiebe für ein Vorurteil.

Man hörte ein Schlüsselbund klirren, dann hob sie nacheinander ihr Brillenetui, eine große Geldbörse und ein Döschen Atem-Mints heraus. Ihr Kopf verschwand fast in den Tiefen des Beutels. »Das kann doch gar nicht sein! Wo hab ich den denn liegen lassen?«

Boston sah, wie Tukan Sergej anstieß und beide Daumen in die Höhe reckte. Aber wenn Frau Hilbert schon ungefähr hundertmal hier gewesen war, wusste sie das meiste sowieso auswendig, da hatten die beiden sich bestimmt zu früh gefreut.

»Robert? Hast du nicht auch einen dabei?«

Der schüchterne Spanischreferendar schüttelte erschrocken den Kopf. Nicht einmal dafür war er also nütze.

Frau Hilbert seufzte. »Okay, dann also ohne. Wenn ihr hier trotzdem mal die Wände anguckt. Was könnt ihr da sehen?«

Sylvia seufzte und versuchte, mit Spucke auf der Kuppe des Zeigefingers einen Eisfleck von ihrem kurzen Rock zu rubbeln. Yesim tippte mit dem rechten Daumen in aberwitziger Geschwindigkeit eine Nachricht in ihr Handy, als ob es keine Auslandstarife gäbe. Ein Mädchen aus der Zehnten flüsterte mit einem Jungen aus der Zwölften und warf ihr blondes Haar dabei über die Schulter.

»Also?«, fragte Frau Hilbert. »Nichts? Seht ihr nichts?«

»Das ist wie in die Steine geschnitzt«, sagte ein Mädchen aus der Zehnten hilfsbereit. Niemand trampelte ironisch und schrie Bravo. Alle hatten an Frau Hilberts Ton gehört, dass ihre Laune unter den Nullpunkt gesunken war.

»Wunderbar!«, sagte Frau Hilbert. »Danke, Elvira. Geht es auch ein bisschen präziser? Keiner zugehört neulich, als Erkhan für euch seinen Vortrag gehalten hat?«

Erkhan reckte den Finger, aber inzwischen war Frau Hilbert damit nicht mehr zufrieden. »Tukan?«, fragte sie. »Kadir? Ümüt?«

»Wieso ausgerechnet wir, ey?«, sagte Tukan. »Wieso haben Sie schon wieder uns auf dem Kieker?«

»Bist du nicht am Wochenende zur Koranschule gegangen, hab ich das nicht gehört?«, sagte Frau Hilbert. »Kannst du uns also vielleicht bitte mal vorlesen, was da auf Arabisch an der Wand steht? Ist doch aus dem Koran? Kannst du also nicht?«

»Mann!«, sagte Tukan.

»Gott allein ist Sieger«, sagte Erkhan und zeigte auf den Fries. »Immer wieder, ganz rum. Es gibt keinen Sieger außer Allah.«

»Eben«, sagte Frau Hilbert. »Tukan, geh lieber Fußball spielen, wenn bei dir da sowieso nichts hängen bleibt.« Sie trat nach draußen in den Patio, ohne zu warten, ob jemand ihr folgte.

»Mann!«, sagte Tukan wieder. Er sah aus, als wäre es ihm peinlich.

»Hat die was gegen uns?«, fragte Kadir. »Die hat was gegen uns!«

»Ach Scheiße, die hat nur was dagegen, dass kein Mensch aufpasst!«, sagte Sergej. »Die ist sauer, weil ihr einer ihr Buch geklaut hat. Darum ist die sauer.«

»Klaut doch keiner einen Reiseführer aus der Tasche und lässt ihr Geld drin, Mann«, sagte Tukan. »Ist doch voll unlogisch. Hat sie irgendwo liegen lassen. Wird alt und vergesslich und alles.«

Die drei Mädchen aus der Neunten hatten sich vor eine Wand gestellt und fotografierten. Gruppenfotos waren vielleicht nicht peinlich.

Wenigstens mit dem Handy, dachte Boston. Mist, dass ich da vorhin bei den Blumen nicht dran gedacht habe. Werden zwar beschissene Bilder, aber besser als nichts.

»Stellt ihr euch mal da vor die Tür?«, sagte er. Sergej wackelte mit zwei Fingern hinter Kadirs Kopf, als hätte der Hasenlöffel, Tukan steckte beide Daumen in die Mundwinkel und zog den Mund breit bis zu den Ohren. Dabei schielte er.

Dann nahm er die Finger wieder heraus. »Los, mach!«, sagte er. »Lange kann ich das nicht so!«

Boston lachte.

»Krasses Foto«, sagte er. Irgendwie waren das jetzt seine Leute.

al-Andalus, April 1492

»Mein Täubchen!«, sagte Ferdinand. Er trat von hinten an die Königin heran und griff ihr mit zwei Fingern in den Nacken. Sein Daumen strich behutsam auf und ab, bis sich der feine Flaum unter der Berührung aufstellte. Wenn er ihr auch einen Kuss aufs Haar hauchte, spürte sie es nicht.

Er war gerade wieder bei einer anderen gewesen, sie wusste es immer, aber es störte sie nicht. Solange er vorgab, dass es nicht geschehen war, und sie, dass sie nichts davon wusste, war es nicht von Belang. Sollte er sich seine Gespielinnen suchen, wann immer es ihm gefiel. Solange er nur diskret dabei vorging und sie nicht zum Gespött machte.

An der Unverbrüchlichkeit ihrer Liebe änderte es ja nichts, das wusste sie, das wusste er. Das Band zwischen ihnen war so stark, unzerstörbar, weil sie einen gemeinsamen Traum teilten: Spanien. Ein geeintes, alle Regionen umschließendes katholisches Reich, ein Königreich zum Ruhme des Herrn.

»Wie ich höre, hast du diesen Scharlatan immer noch nicht zum Teufel geschickt?«

»Du meinst den Genueser?«, fragte Isabella. Sie nahm seine Hand von ihrem Nacken und rollte den Kopf einmal in jede Richtung. »Waren wir uns nicht einig, dass wir es mit ihm versuchen wollten?«

Ferdinand setzte sich auf einen Stuhl ihr gegenüber, die maurischen Bodenpolster hatten sie sofort nach der Eroberung ausgetauscht. Sie liebte sein Lächeln noch immer, auch wenn es spöttisch war wie jetzt.

»Du weißt, dass ich von Anfang an nicht glücklich darüber war«, sagte er. Auf einmal klang seine Stimme ernsthaft. So liebte sie ihn noch mehr. »Als wir diesem Colón im Januar Hoffnungen machten, war es da nicht vielleicht, liebe Isabella, noch der Siegesrausch, unser Glück über die Eroberung der letzten maurischen Bastion, die uns trunken machte und an seine aberwitzigen Pläne glauben ließ? Obwohl uns doch die Kommission bereits zweimal vorgerechnet hat, dass seine Pläne zum Scheitern verurteilt sind? Die Kommission, mein Täubchen, die du selbst, ist es nicht so, eingesetzt hast und an deren Urteil also du dich auch halten wolltest.«

Isabella nickte. Manchmal fragte sie sich inzwischen selbst, warum sie noch immer nicht davon lassen konnte, mit diesem Colón zu verhandeln. Er war ein Aufschneider, längst war bewiesen, dass die Geschichten, die er über seine Reisen verbreitete, erdacht und erlogen waren. Und doch war da etwas an ihm, irgendetwas …

»Vergiss nicht, dass er uns alle Reichtümer Cathais und des sagenhaften Cipangu verspricht!«, sagte sie. Seit dreiundzwanzig Jahren nun wusste sie, wie ihr Mann dachte. »Bist nicht immer du derjenige, der klagt, dass unser Gold nicht ausreiche für unsere Pläne? Wenn er erst einmal den Weg nach Indien gefunden hat …«

»Den Weg nach Indien müssen wir nicht erst finden«, sagte Ferdinand ärgerlich. »Wir kennen ihn längst, und unsere Kaufleute bereisen ihn seit Jahrhunderten. Der Weg nach Indien führt über das Mittelmeer.«

»Du vergisst den Sultan der Osmanen«, sagte Isabella. »Du vergisst, dass die Zeiten sich geändert haben. Dass es immer schwieriger wird, durch das Reich der Türken zu reisen. Und dass ihr Reich immer größer wird.«

Ferdinand sprang auf. »Dann müssen wir eben dort …!«, rief er. Er ging auf und ab. »Hör zu, Isabella. Ich traue diesem Colón nicht. Die klügsten Mathematiker unseres Reiches haben bewiesen, dass er drei Jahre auf dem Meer unterwegs sein müsste, drei Jahre mindestens!, um Indien auf dem Weg zu erreichen, den er vorschlägt. Seine Berechnungen sind allesamt fehlerhaft! Das große Indien ist von Menschen nicht lebend zu erreichen, wenn man nach Westen reist! Zwischen hier und Indien liegt auf diesem Weg nur der weite Ozean, die Mannschaften würden unterwegs verhungern, an Skorbut sterben, verdursten zuerst! Das musst du doch begreifen!«

Isabella nickte. »Ich denke ja nur«, sagte sie, »dass der Einsatz nicht hoch ist. Nur zwei Millionen maravedis, nur 5000 Goldstücke, um seine Schiffe auszurüsten! Wenn wir sie verlieren, nun gut. Wir haben bei anderen Unternehmungen schon mehr verloren. Aber wenn er recht haben sollte, Ferdinand, denk an all das Gold, denk an die Seelen all der Ungläubigen in den Ländern jenseits des Ozeans, die wir retten könnten! Die wir retten müssen, Ferdinand, ist es nicht unsere heilige Pflicht, sie alle zum Glauben zu bekehren?«

»Das können wir auch, wenn wir den östlichen Weg nach Indien einschlagen, wenn dir denn ihre Seelen so wichtig sind«, sagte Ferdinand ungeduldig. »Bekehrung von Osten, Bekehrung von Westen, was macht den Unterschied? Was mich allein überzeugen könnte, sind die Schätze dieser Länder, einzig die Schätze, die wir, hätte er recht, ohne Kampf mit den Muselmanen im Osten erobern könnten. Aber muss das ausgerechnet jetzt sein, mein Täubchen? Werden wir nicht in Kürze ohnehin wieder Gold in Hülle und Fülle besitzen?«

Isabella sah ihn an. Vielleicht wollte sie nicht verstehen, was er meinte.

»Wenn die Frist abläuft«, sagte Ferdinand. »Wenn endlich all die verstockten Juden von Granada das Land verlassen und uns ihren Besitz zurücklassen müssen, meine allerliebste Gattin, dann werden wir diesen Raum bis oben hin mit Goldstücken auffüllen können. Und mein Gewissen sagt mir, dass wir danach mit den Mauren vielleicht nicht anders verfahren sollten. Die Schätze Cathais und Cipangus, mein Täubchen, werden wir dann nicht mehr brauchen.«

»Noch habe ich nicht zugestimmt, so grausam mit ihnen zu verfahren!«, flüsterte Isabella. »Ich will nicht ihr Gold! Ich will ihre Seelen.«

Ferdinand lächelte. »Die sind nun allerdings im Allgemeinen schwerer zu bekommen«, sagte er. »Ich fürchte, du wirst mit ihrem Gold vorliebnehmen müssen.«

Granada im April, Gegenwart

Auch ohne Reiseführer waren sie noch fast zwei Stunden auf dem Hügel geblieben, dann hatte Frau Hilbert ihnen bis zum Abendbrot Freizeit gegeben.

»Und wenn ihr zwischendurch etwas essen wollt!«, hatte sie gerufen, aber es hatte schon niemand mehr zugehört.

»Burger?«, hatte Sergej gefragt. Inzwischen hatten sich ihnen zwei der Mädchen aus der Neunten angeschlossen, eigentlich komisch. »Big Mac? Ist gar nicht weit vom Hotel.«

»Bin ich deshalb in Spanien, um Burger zu fressen?«, hatte Kadir gesagt, aber natürlich war er mitgekommen. Boston ging irgendwo in der Mitte. Er fühlte sich einfach nur gut.

Die Schlange im Lokal war unendlich, und sobald ein Tisch frei wurde, setzten die beiden Mädchen sich, um zu reservieren. »Für mich nur Salat!«, schrie Sylvia quer durch den Raum. »Habt ihr gehört? Und dieses rosa Dressing!«

Boston lief dreimal, um alles an den Tisch zu tragen. Drei Stühle waren eindeutig zu wenig für sechs Leute, aber Sylvia und Yesim rutschten zusammen und Sergej und Tukan auch. Boston machte es nichts aus, im Stehen zu essen. Das war ja der Vorteil von Burgern.

»Schmeckt genau wie zu Hause«, sagte Sylvia und leckte sich die Fingerspitzen ab, nachdem sie das letzte Salatblatt zierlich zum Mund geführt hatte. Sie kramte in ihrer paillettenbestickten Tasche. »Da.«

Sie hatte nicht nach Taschentüchern gesucht, um sich die Hände abzuwischen, das wäre ja auch merkwürdig gewesen. Auf allen Tabletts, neben Plastikbesteck und kleinen Tütchen mit eingeschweißtem Ketchup, türmten sich die Servietten. Mitten dazwischen knallte sie den Reiseführer.

»Hast du sie noch alle?«, sagte Tukan und starrte sie an. »Woher hast du den?«

Sylvia lächelte und zog einen Klappspiegel aus der Tasche. Dann begann sie, sich die Augen frisch zu umrahmen.

»Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mich heute Abend hinsetze und Reiseführer lese!«, sagte sie. »Während ihr alle auf der Piste seid! Bin ich blöd?«

»Das ist Diebstahl, Mann!«, sagte Kadir. Boston konnte nicht sagen, ob es bewundernd klang oder erschrocken. »Du hast ihr den geklaut!«

Sylvia legte den Kopf ein wenig schief und wischte mit einem Finger an ihrem Auge herum. »Dann steck ihn doch ein und gib ihn ihr zu Hause zurück!«, sagte sie. »Mäuschen! Wenn du so ein lieber Junge bist. Jetzt liegt er ja hier.«

»Bin ich blöd?«, schnauzte Kadir. Ein paar Touristen drehten sich um.

»Wenn ihr den einer zurückgibt, fragt sie doch voll, wo der den herhat!«, sagte Tukan. »Du hast sie doch nicht mehr alle, echt.«

»Yesim?«, sagte Sergej. »Gibst du ihn ihr wieder? Bei dir glaubt Hilbert nie im Leben, dass du den geklaut hast. Sag, du hast ihn auf dieser Burg da auf dem Boden gefunden. Er ist ihr aus der Tasche gefallen. Du hast nur zuerst gar nicht mitgekriegt, dass sie ihren vermisst. Jetzt erst.«

Yesim tippte sich an die Stirn. »Nee«, sagte sie.

Tukan seufzte. »Wer kommt noch mit zum Basar?«, fragte er.

Erst als die anderen schon alle auf dem Weg zum Ausgang waren, steckte Boston den Reiseführer in seinen Rucksack. Eigentlich hatte er nur noch ein Ketchuptütchen nehmen wollen, es war doch schade, es liegen zu lassen. Er wusste auch noch nicht, wie er ihn Frau Hilbert zurückgeben konnte. Vielleicht konnte er ihn einfach in ihr Zimmer schmuggeln, wenn sie nicht da war. Oder auf ihren Platz im Frühstücksraum. Oder überhaupt einfach im Frühstücks-raum auf irgendeinen Tisch.

al-Andalus, April 1492

»Und ist es etwa keine Schande?«, lallte der Soldat. Eine Narbe zog sich quer über sein Gesicht, noch rot, es würde dauern, bis sie ausgeblichen war, weniger auffiel, Jahre vielleicht. Auch dann noch würde er gezeichnet sein.

Seine Stimme klang unsicher vom Branntwein. Sie hatten sich im Patio vor der sala de los embajadores gelagert in der Dunkelheit, als ob es noch wirklich etwas zu bewachen gäbe, längst war doch alles ruhig in Granada. Trotzdem standen Wachen vor jedem Tor, ohne die volle Rüstung zwar jetzt, aber doch mit Hellebarden, mit Schwertern und Lanzen. Die Alhambra war erobert, und der letzte Emir war abgezogen mit all seinen Truppen; irgendwo in der Wildnis der Alpujarra-Berge hatten Ihre Katholischen Majestäten ihm sogar noch ein Fürstentum zugesprochen, es war ein Hohn. Von Boabdil, dem letzten Herrscher der Mauren, würde nie wieder eine Gefahr ausgehen.

»Wenn es unseren Majestäten so gefällt?«, sagte ein anderer. Er hatte die Fußlappen abgewickelt und kühlte seine Füße im Becken des Springbrunnens in der Mitte des Patios. »Niemand wird doch behaupten wollen, dass die Königin nicht fest wäre im Glauben! Wenn sie es also duldet, wenn sie in ihrem eigenen Palast …«

Längst hatten die Majestäten sich im Harem zur Ruhe begeben.

»Schande!«, murmelte der Soldat mit der Narbe wieder. »Wa-la ghaliba illa’llah! Ein Koranvers tausendmal an den Wänden unseres christlichen Palastes! Haben wir dafür die Ungläubigen vertrieben?«

»Als ob du bis tausend zählen könntest!«, sagte ein dritter und griff nach dem Krug. »Auf unsere Königin! Auf unseren König! Auf ein geeintes Spanien, frei von Muslimen und Juden!«

Der zweite Soldat zögerte.

»Was ist, Pablo?«, fragte der dritte. »Du nicht?«

Der zweite nahm den Krug. »Auf ein geeintes Spanien!«, sagte er und trank einen Schluck. Dann hielt er seine Füße wieder ins Becken.

Jetzt stand der Soldat mit der Narbe schwerfällig auf. »Wa-la ghaliba illa’llah!«, lallte er und schwenkte seine Lanze. Er torkelte in den Botschaftersaal. »Und was erzähl ich dem Priester bei der nächsten Beichte? Ich habe heidnische Verse bewacht! Ich habe Koranverse bewacht! Ich habe …«

»Nicht!«, schrie Pablo. Aber der Soldat hatte schon zugeschlagen, mitten hinein in das Band aus kufischer Schrift, schlug wieder und wieder wie von Sinnen. »Nicht!«, schrie Pablo.

Eine Fliese fiel.

Jetzt war auch der dritte Soldat aufgesprungen. Er packte den Rasenden von hinten.

»Bist du von allen Heiligen verlassen!«, zischte er. »Sieh doch, was du angerichtet hast! Was werden Ihre Majestäten sagen, wenn sie morgen die Zerstörung entdecken!«

Der mit der Narbe versuchte sich loszureißen. »Alle sollen sie fallen! Alle sollen sie fallen!«, brüllte er. Es war leicht, ihn zu stoppen, er hatte so viel Branntwein getrunken, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Als er sich bückte, um die Fliese triumphierend in seinen Gürtel zu stecken, wäre er fast gestürzt.

»Was ist hier los?«, fragte der Hauptmann. Durch das Eingangstor neben dem Patio de las Arrayanes war er lautlos herangekommen, seine Rüstung saß korrekt wie immer. Die rechte Hand lag auf dem Griff seines Schwertes.

»Es scheint, als hätte dieser Kamerad hier ein Schlückchen zu viel getrunken, Herr Hauptmann«, sagte der Dritte demütig. Er wollte salutieren, aber der mit der Narbe versuchte sich loszureißen, er brauchte seine Hände. »Wir wollten ihn gerade in unser Quartier zurückbringen, aber Ihr seht ja, er sträubt sich mit Händen und Füßen.«

Der Hauptmann ließ seinen Blick über den Patio schweifen. Alles ruhig.

»Es geht nicht an, dass er in seinem Rausch Ihre Majestäten aufweckt!«, sagte er dann. »Ihr wisst, ich bin immer nachsichtig mit euch verfahren, ihr alle habt Großes geleistet im Kampf gegen die Ungläubigen, ihr habt viel erdulden müssen. Wenn es nun aber dazu kommt, dass ihr während eurer Wache dem Branntwein erliegt …«

Natürlich wusste er, dass überall getrunken wurde. Wie sollte ein Soldat wohl sonst auch die Tage und Wochen und Monate ertragen, fern von Frau und Kind, von seinem Dorf, fern von Eltern und Freunden; und Tag für Tag Wache stehen und in den freien Stunden nur das heimliche Würfelspiel, das vom Teufel war und deshalb verboten. Natürlich wusste der Hauptmann, dass er tun musste, als ob er nichts sähe, als ob er nichts hörte, als ob er nichts wüsste. Um dann, ab und zu, doch auch wieder ein Exempel zu statuieren. Er fragte sich, ob jetzt der Augenblick dafür gekommen war.

»Ich bringe ihn ins Quartier, Herr Hauptmann«, sagte der dritte Soldat und hielt den Betrunkenen fest umklammert. »Ich verbürge mich dafür, dass es nicht wieder vorkommen wird.«

So ist es mir lieber, dachte der Hauptmann. Das wissen meine Leute auch.

Pablo kam auf bloßen Füßen und salutierte. Dann packte er seinen Kameraden von der anderen Seite. Wenn der Hauptmann im Gürtel des Torkelnden die Fliese entdeckte, wer wusste denn, wie er ihn strafen würde.

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4.

»Schon wieder vom Genueser?«, fragte Ferdinand und spuckte den Kern einer Dattel in den Hof. In der Mittagssonne glitzerten die Wassertropfen der Fontänen in allen Farben des Regenbogens.

Isabella nickte und reichte einem Diener die gefaltete Nachricht. »Er gibt keine Ruhe«, sagte sie. »Dieser Colón bittet um noch eine Audienz und noch eine Audienz. Als hätten wir nicht drängendere Probleme als sein unseliges Indien! Zudem sind seine Forderungen unmäßig.«

Der nächste Kern traf einen der Brunnenlöwen am Kopf. Ferdinand lachte. »Nun, mein Täubchen, lass ihn nur zappeln. Du bist die Königin.« Dieses Mal verfehlte der Kern sein Ziel und versank lautlos im Wasser der Brunnenschale. »Du bestimmst, nicht er. Von Anfang an hat mir sein Auftreten nicht gefallen.«

Er winkte dem Diener und ließ sich eine zweite Schale getrockneter Datteln bringen.

»Und noch nichts vom Prinzen?«, fragte er dann. »Als ich dich mit der Nachricht sah, glaubte ich einen Moment, es könnte eine Botschaft von ihm sein! Wie geht es Johanna?«

»Sie ist auch deine Tochter!«, sagte Isabella, aber Ferdinand winkte den Vorwurf beiseite. Ein Vater musste nicht vertraut sein mit seinen Töchtern. Es genügte, wenn er sich Gedanken machte über eine günstige Heirat.

»Ist sie noch immer verstockt?«, fragte Ferdinand. »Sie ist dreizehn Jahre alt. Sie sollte begreifen, dass das Wohl des Reiches gesichert werden muss. Wenn sie es nicht von allein begreift, nun gut.«

Isabella stand auf und setzte sich neben ihn. Sie nahm eine Dattel aus der Schale und biss vorsichtig ab. Dann streichelte sie Ferdinands Arm.

»Nicht immer fügt das Schicksal zwei Menschen so glücklich zusammen, wie es das bei uns getan hat«, sagte sie und beugte sich ein wenig näher zu ihrem Mann. Sie spürte, wie er seine Muskeln anspannte. Vielleicht sollte sie doch einmal horchen, wer seine neue Gespielin war? Immer war da sonst auch noch Raum gewesen für sie.

»Johanna wird ihn lieben lernen, weil sie ihn lieben lernen muss«, sagte sie lächelnd und rückte wie zufällig wieder ein Stückchen von ihm ab. »Sie ist unsere Tochter. Wollen wir hoffen, dass Philipp schon bald erscheint.«

Dattelkerne schwammen im Brunnenbecken, sanken sanft auf den Grund. Sobald das Königspaar den Hof verlassen hatte, würde ein Diener sie herausfischen.

»Es war nicht leicht, dieses Reich zu einen«, sagte Ferdinand. »Wollen wir hoffen, dass es leichter sein wird, es über Generationen zu sichern.«

Granada im April, Gegenwart

In der Alcaicería drängten sich die Touristen.