Alive: Gefundene Zuflucht - Jennifer Fitz - E-Book

Alive: Gefundene Zuflucht E-Book

Jennifer Fitz

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Beschreibung

Endlich in Sicherheit. Endlich Ruhe. Die Zuflucht scheint perfekt: Eine Hütte tief im Wald, fernab der Bloody Bunnies. Der Richtige Ort für einen Neuanfang. Während die Gruppe versucht, nicht an der Last ihrer eigenen Taten zu zerbrechen, ringt Sarah mit einem schweren Geheimnis. Es ist einfach, vor Monstern zu fliehen. Doch wohin entkommt man, wenn man selbst eines geworden ist?

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Seitenzahl: 311

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Alive Band 3 - Gefundene Zuflucht

Von Jennifer Fitz & Milena Hahn

Roman

Dystopie / Science Fiction

Triggerwarnung! Folgende Themen werden in diesem Buch vorkommen:

Körperliche & psychische Gewalt, explizite Sprache, selbstverletzendes Verhalten (wie z.B. Ritzen) & Suizid, Alkohol & Drogenmissbrauch (auch durch Minderjährige), sexualisierte Gewalt.

Die Einstellungen, die manche Charaktere zu den Themen Rassismus, Sexismus oder Ableismus äußern, repräsentieren nicht unsere persönliche Meinung. Manche Charaktere verkörpern toxische Männlichkeit oder konservative Rollenbilder. Das ist kein Zufall, sondern Teil des Prozesses: Einige Charaktere beginnen, ihre Wertekonstrukte zu hinterfragen – andere scheitern genau daran.

Wir als Autorinnen positionieren uns strikt gegen Rassismus, Sexismus, Ableismus oder andere Arten von Diskriminierung.

Alle genannten Produkt- und Markennamen sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber:innen und werden hier nur zur besseren Orientierung genannt.

1. Auflage, 2025

© Alle Rechte vorbehalten.

Text: Jennifer Fitz & Milena Hahn

Umschlagskonzept: Viktor Joseph Schmied

Titelillustration: Viktor Joseph Schmied

Umschlaggestaltung: Viktor Joseph Schmied

Satz: Milena Hahn

Lektorat: Antje Käding, Monika Schaupp

Druck und Bindung: epubli

Bei Interesse können weitere Informationen auf unserer Website nachgelesen werden:

www.jellibooks.de

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1 – Jake

Kapitel 2 – Logan

Kapitel 3 – Jake

Kapitel 4 – Zack

Kapitel 5 – Emma

Kapitel 5 – Zack

Kapitel 6 – Emma

Kapitel 7 – Zack

Kapitel 8 – Sarah

Kapitel 9 – Jake

Kapitel 10 – Logan

Kapitel 11 – Sarah

Kapitel 12 – Holly

Kapitel 13 – Jake

Kapitel 14 – Logan

Kapitel 15 – Jake

Kapitel 16 – Zack

Kapitel 17 – Emma

Kapitel 18 – Sarah

Kapitel 19 – Emma

Kapitel 20 – Holly

Kapitel 21 – Zack

Kapitel 22 – Jake

Kapitel 23 – Sarah

Kapitel 24 – Jake

Kapitel 25 – Zack

Kapitel 26 – Jesse

Kapitel 27 – Logan

Epilog

Prolog

Nur Leere. Dunkelheit. Keine Stimmen, kein Echo, nicht einmal ein Rascheln. Hier verschluckte die Stille jedes Geräusch und die Dunkelheit jedwede Hoffnung. Emma war nicht nur allein.

Sie war einsam.

Aus der Schwärze heraus glitt eine Hand in ihr Haar, strich sachte durch die Strähnen. Ein Schauer jagte über Emmas Rücken. Es war nicht die Berührung und vor allem war es nicht die Person, nach der sie sich sehnte.

Eins, zwei, drei …

Ein Knall zerriss die Stille. Glas splitterte. Ein unkontrollierbares Zittern übermannte Emmas Körper. Ihr Atem ging gehetzt. Sie waren zurück. Die Bloody Bunnies. Gekommen, um sie zu holen – und diesmal würden sie kein Erbarmen kennen.

Mit einem unterdrückten Schluchzen presste Emma das Gesicht in die Hände. Vielleicht … vielleicht würde alles verschwinden, wenn sie einfach die Augen schloss.

Doch die Welt blieb. Schritte näherten sich. Scharniere kreischten. Eine eiserne Tür krachte ins Schloss.

War sie wieder eingesperrt?

Nein. Das war keine Zelle. Die einzigen Gitterstäbe, die sie hier gefangen hielten, waren ihre eigenen Gedanken.

Vier, fünf, sechs …

Von nackter Panik getrieben, hastete sie durch die Dunkelheit. Ihr Knöchel schmerzte.

Ihr Unterarm brannte. Emma rannte, doch ohne Ziel. Wohin auch? Es spielte keine Rolle. Sie konnte rennen, bis ihr die Lungen brannten – Bryan würde sie dennoch einholen. Er fand sie immer. Ob hier oder am Ende der Welt.

Erschöpft blieb sie stehen, die Knie weich. Würden die Bloody Bunnies die anderen verschonen, wenn sie sich selbst opferte? Wenn sie darum flehte?

Da zerschnitt ein kehliges Lachen die Stille. Spöttisch. Bissig. Emma zuckte zusammen, als sie die Stimme erkannte. Zack. Er lachte über sie, über ihre törichte Hoffnung, ihre Naivität. Und das Schlimmste war: Sie konnte es ihm nicht einmal verdenken.

Sieben, acht, neun …

Aus dem Nichts berührte eine Hand ihre Schulter. Emma fuhr herum, kaltes Metall in ihrer Hand. Die Angst schnürte ihr den Hals zu. Zitternd hob sie den Revolver und richtete die Waffe auf die Dunkelheit. Doch es war niemand da. Nur ihr Atem. Nur das wilde Pochen ihres Herzens. War da nicht noch etwas? Ein Tropfen, leise, kaum hörbar. Ein raues Röcheln, das zwischen den Wänden hing?

Emma blickte hinab und erst jetzt registrierte sie das Wasser, das bis an ihre Knöchel reichte. Der Revolver in ihrer Hand war zur Taschenlampe geworden: Noras Augen waren weit aufgerissen, starr ins Nichts gerichtet. Unter ihr weitete sich das Wasser, fing an, sich langsam rot zu färben.

Emma ließ die Taschenlampe fallen und rannte, so schnell sie konnte.

Sie hörte Stimmen, die nach ihr riefen.

Am Ende des Tunnels schimmerte ein schwaches Licht, auf das sie sich krampfhaft und hoffnungsvoll zubewegte. Eine Silhouette zeichnete sich im Gegenlicht ab. Es war die Silhouette eines Mannes, der Emma bekannt vorkam. War es ihr Onkel David? Nein, es war …

»Logan!«, rief sie mit schwacher Stimme. Eine Hand erwischte Emmas Bein, sie strauchelte und fiel. »Logan!«, schrie sie erneut, doch die Gestalt wandte sich von ihr ab. Der Infizierte zog an ihrem Fuß, zog sie näher zu sich heran und so sehr Emma sich auch wehrte, sie war nicht stark genug.

»Nicht weinen, Prinzessin. Damit du aus deinen Fehlern lernen kannst, müssen wir uns nun überlegen: Was wäre die spiegelnde Strafe für ein Mädchen, das seinen Daddy erschossen hat?«

»Emma!« Jemand schüttelte sie sanft an der Schulter. Schweißgebadet und desorientiert schlug sie die Augen auf und blickte in Sarahs blasses und besorgtes Gesicht. Emma fand sich in einem fremden Bett wieder, schwaches Mondlicht beleuchtete den Raum, in dem sie schliefen. Es dauerte einige Sekunden, bis sie verstand:

Sie waren im Haus am See. Bryan war tot. Die Bloody Bunnies waren nicht hier, um sie zu holen. Logan war zurückgekehrt, um sie und Zack aus dem Gefängnis zu retten.

»Hab ich dich geweckt? Tut mir leid!«, stammelte sie und ehe sie sich versah, hatte Sarah sie in eine feste Umarmung gezogen, die Emma dabei half, ihren Atem langsam zu regulieren. Für eine ganze Weile saßen sie schweigend in der Dunkelheit, ohne dass eine von ihnen sprach.

Es war Sarah, die die Stille brach: »Du hast ganz laut geschrien. Möchtest du mir erzählen, was du geträumt hast?«

Ihre Stimme klang sanft und Emma spürte, wie Sarah ihr durch die Haare strich.

Sie erinnerte sich an Joanna, die sie so liebevoll aufgenommen hatte, als wäre Emma ihre eigene Tochter. An ihre Mutter, die sich früher immer zu ihr ins Bett gekuschelt hatte, wenn Emma wegen eines Alptraumes nachts wach geworden war. Sie schüttelte den Kopf. Sie wollte die Bilder nicht noch einmal sehen.

»Können wir zusammen etwas singen?«

Sarah wirkte überrascht, überspielte die Verwirrung jedoch und lehnte sich nachdenklich zurück. »Aber sicher, was schwebt dir vor?«

»Mein Dad hat mir immer Lieder von Elvis vorgesungen.«

Kapitel 1 – Jake

Im Boxclub hatte es angefangen. Jake erinnerte sich, dass die Stimmung von Woche zu Woche gereizter geworden war. Erst flogen nur Worte, dann die Fäuste, härter als sonst. Irgendwann hielt sich keiner mehr an Regeln.

Es war, als hätte jemand einen Schalter umgelegt und jeder trug plötzlich mehr Wut in sich. Eine zerstörerische Wut, die bald die gesamte Menschheit dahinraffen würde.

Jake hätte misstrauisch werden müssen, aber zu der Zeit kamen ihm die ständigen Kämpfe nur recht. Erst als er draußen dieselben Muster sah - etwa die alte Dame, die im Supermarkt auf den Kassierer einschlug oder die zwei Kinder, die sich mit Steinen bewarfen – wurde ihm klar, dass das keine schlechte Laune mehr sein konnte. Irgendetwas stimmte mit der Welt nicht.

Die Nachrichten überschlugen sich. Überall hieß es, Menschen würden verrückt, ganze Städte stünden in Flammen. Es war die Rede von einer ominösen Krankheit und wer nicht an dieser starb, verlor irgendwann den Verstand.

Noch weniger als Jake schien Logan zu Beginn der Seuche mitbekommen zu haben. Zumindest stand in seinem Tagebuch nichts Relevantes dazu. Jake hatte es auf dem Beistelltisch der Veranda ihrer neuen Zuflucht gefunden, offen, aufgeschlagen auf einer halb beschriebenen Seite. Er hatte mitten im Satz aufgehört. Vielleicht war er unterbrochen worden. Seine letzten Aufzeichnungen skizzierten den abenteuerlichen Ausbruch aus dem Gefängnis der Bloody Bunnies und das Eintreffen am Haus am See.

Im Nachhinein betrachtet wirkte es wie eine surreale Szene aus einem realitätsfernen Actionfilm: Logan, dem es gelungen war, einen Fluchtplan zu entwerfen, Jake aus dem Folterkeller zu befreien und der kleinen Emma, die mit dem Revolver von Jakes Vater den grauenhaften Gangsterboss erschossen hatte. Jake verdrängte den Gedanken, dass er selbst rein gar nichts zu diesem tollkühnen Manöver beigetragen hatte. Zumindest fühlte es sich nicht so an, auch wenn Logan Jake genau genommen sein Leben verdankte.

Er blätterte im Tagebuch ein Stück zurück. Wer in fremden Rucksäcken wühlte und sich an anderer Leute Schnaps bediente, hatte kein Recht auf Geheimnisse. Schon gar nicht, wenn Jake selbst in der Geschichte vorkam.

Seit sich Logan und Jake um das Feuerwehrauto geprügelt hatten, schien Logan von Alpträumen geplagt und nach ihrer zweiten Auseinandersetzung, bei der er beinahe das Leben gelassen hätte, nahezu traumatisiert.

Obwohl seither einige Wochen vergangen waren, war auch Jake der Tag sehr genau im Gedächtnis geblieben:

»Jake, Hilfe!« Der Schrei schnitt wie ein Messer durch die trügerische Idylle der Landschaft. Jake ließ die Kippe fallen, trat sie nicht einmal aus und rannte.

Adrenalin dröhnte in seinen Ohren. Noch bevor er den Waldrand erreichte, hörte er wildes Keuchen und Fauchen, dann das dumpfe Aufprallen von Körpern auf feuchtem Boden.

Dann sah er sie:

Seine Schwester Holly, die sich gegen eine Gestalt stemmte, halb Mensch, halb Alptraum. Sie versetzte ihrem Angreifer einen festen Tritt, als hätte sie nie etwas anderes gemacht und bohrte ihr Messer in seinen Arm, doch das Ding ließ nicht los. Jake stürmte vor, rammte es mit der Schulter und riss es zu Boden. Er schlug seine Faust, so fest er konnte in die entstellte Grimasse. Warmes Blut spritzte über seine Hand.

Aus den Büschen kamen Weitere. Drei? Vier? Vielleicht mehr.

Sie sahen noch immer aus wie Menschen, zumindest wenn man nicht so genau hinsah.

Ihre Bewegungen waren falsch, zuckend, ruckartig – wie Gestalten aus einem Horrorfilm. Manche schlichen, andere stürzten sich wie aus dem Nichts mit animalischer Wucht auf ihre Beute.

In diesem Moment dachte Jake nicht daran, dass diese Bestien einmal normale Menschen gewesen waren, denn inzwischen waren sie nichts anderes mehr als bloße Monster. Er zückte sein eigenes Messer und fügte einer weiteren Bestie einen tiefen Schnitt zu. Er duckte sich, um einem weiteren Angriff auszuweichen und rammte die Klinge schließlich in irgendeinen Hals. Die Gestalt gurgelte und fiel zu Boden. Aus den Augenwinkeln nahm Jake wahr, wie Holly einen anderen Infizierten zu Boden rang.

Ein Schuss zerriss die Luft, dann noch einer.

Er warf einen kurzen Blick über die Schulter und erkannte Sarah. Sie stand ein Stück entfernt und hatte ihre Waffe erhoben. Ihr Blick war konzentriert und kalt. Ein dritter Schuss traf. Während einige der Bestien – wohl aufgrund der Schüsse – eilig die Flucht ergriffen, erkannte Jake, wie sich zwei andere an Sarah heranschleichen wollten.

»Zwei links!«, brüllte Jake, während eines der Viecher auch schon zu rennen begann und aggressiv auf Sarah zu stürzte. Sarah drehte sich, feuerte und stoppte das Ding im Lauf. Jake wäre gerne zu ihr geeilt, doch er hatte mit seinen eigenen Angreifern genug Probleme.

Er drückte einen älteren Mann mit dem Gesicht zu Boden und versuchte, ihm das Genick zu brechen, während Holly eines der Wesen mit einer Pistole erschoss. Dann wurde es ruhig.

Sein eigenes, lautes Atmen durchschnitt die Stille. Schwer und unregelmäßig.

Holly eilte zu ihm. Schweiß lief ihr über das Gesicht. Sie stützte sich auf ihre Knie.

»Alles gut?«, fragte Jake. Sie nickte, aber ihr Blick war glasig. Ringsum lagen Körper.

Manche von ihnen bewegten sich noch. Jake trat einem davon mit der Stiefelspitze gegen den Kopf, und er blieb reglos liegen.

»Verdammt«, murmelte Sarah, die zu ihnen aufgeholt hatte. »Wo kamen die plötzlich her?«

Mit angewiderter Miene schmierte Jake seine blutigen Hände an seiner Hose ab. »Die Scheißbratzen haben sich angeschlichen.«

»Emma? Logan?«, rief Holly nun und klang dabei panisch. »Wo sind die beiden?«

Jake und Sarah verstummten, um zu lauschen, doch es herrschte Stille.

»Sie waren vorhin im Wald, dort hinten!« Sarah deutete mit der Waffe in Richtung des Abhangs. »Logan war bei ihr, er wollte mit ihr Messerkampf trainieren.«

Jake spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Es war die gleiche Richtung, aus der die Bestien gekommen waren. »Scheiße.«

Aus Furcht, dass noch mehr von den Kreaturen zwischen den Bäumen und Büschen des Waldes lauerten und ihnen einen Hinterhalt stellten, versuchten sie sich lautlos anzuschleichen.

»Emma? Logan? Wo seid ihr?« Sarahs Rufen war nur ein vorsichtiger Hauch.

Gemeinsam durchsuchten sie für einige Minuten die Umgebung, doch von den beiden fehlte jede Spur. »Lass uns zum Auto gehen.

Vielleicht sind sie zurückgegangen, um auf uns zu warten!«, schlug schließlich Sarah vor.

Und tatsächlich: Schon aus der Ferne erkannten sie den Kopf, der von innen gegen die Scheibe gelehnt war. Sie rannten, so schnell sie konnten. Es war Logan.

Kaum hatten sie den Wagen erreicht, wich die Sorge um das Wohl seiner Kameraden wieder einmal der blanken Wut. Logans Lippen waren leicht geöffnet, eine – nein, Jakes – leere Flasche Schnaps lag in seinem Arm, als wäre sie ein verdammtes Kuscheltier. Einen Moment stand Jake einfach nur da und atmete flach.

Er spürte, wie ihm der Puls in seinen Schläfen hämmerte. Dann ballten sich seine Fäuste, wie von selbst.

Jake rieb sich über die Stirn.

Er hätte nicht gedacht, dass sie alle sich jemals wiedersehen würden. Nach dem Streit war Holly bei Logan geblieben. Emma war verschwunden und Sarah … Sarah war ihm gefolgt. Etwas, das er bis heute nicht verstand.

Er blätterte ein paar Seiten zurück. Eine unleserliche Passage ließ ihn innehalten. Er beugte sich näher und kniff die Augen zusammen. Logans Schrift, vermutlich von Trunkenheit geleitet, war an dieser Stelle kaum zu entziffern.

»Hey, Schwesterherz!«, rief Jake und pfiff, als rufe er nach einem Hund.

»Schnauze, ich will schlafen«, kam es gedämpft aus dem Zimmer hinter dem Fenster, vor dem Jake saß. Holly hatte es nur eine einzige Nacht mit ihm im Zimmer ausgehalten, ehe sie mit Jesse zum Schlafen ins Wohnzimmer umgezogen war. Jake grinste und klopfte gegen die Scheibe. »Hast du mit Logan geschlafen?«

»Was geht’s dich an? Hast du was mit Sarah?«

Jake lachte leise. Unter anderen Umständen wäre er wütend geworden. Aber seit dem Gespräch mit Logan auf der alten Holzbank, in dem Logan ihm seine Geschichte anvertraut hatte, verspürte Jake keinerlei Groll mehr gegen ihn. Ganz davon abgesehen war Logan trotz allem wohl die beste Partie, die Holly je gehabt hatte. Und das sagte einiges.

Jake legte das Tagebuch wieder auf den Tisch zurück.

Bei den Bloody Bunnies hatte es Logan offenbar besser erwischt als der Rest. Emma war für viele Tage alleine in der Dunkelheit eingesperrt worden, Logans Sohn hatten sie ein Bein gebrochen, und Jake selbst war dort ausgepeitscht worden bis sein Rücken in offenen Fetzen lag. Im Gegensatz zu den Kindern, die nachts markerschütternd im Schlaf schrien oder Logan, der seitenweise über seine grausamen Ängste schrieb, hatte Jake bislang keine Albträume zu beklagen.

Die Schmerzen seines Rückens waren gewaltig. Jede Bewegung erinnerte ihn an die barbarische Folter, die Bryan ihm angetan hatte. Doch Angst oder Panik verspürte er deswegen nicht. Eine der wenigen positiven Sachen, die er wohl seinem Vater verdanken konnte: Wer jahrelang verdroschen worden war, zuckte irgendwann nicht mehr zusammen.

»Hey, du! Pissgesicht!«, fuhr Jake den jungen Mann an, der langsam und abwartend aus der Tür trat, als würde er vermeiden, dass man ihm Beachtung schenkte. Es war der Junkie aus den Reihen der Bloody Bunnies. ›Badboy‹ nannten sie ihn. Im echten Leben hieß er Jesse, zumindest behauptete er das. Sarah hatte erzählt, dass er bei dem Überfall auf das alte Camp dabei gewesen war. Er war es gewesen, der sie damals mit einer Waffe bedroht hatte, während Derec …

Jake unterbrach den Gedanken. Es reichte, dass er wusste, was passiert war.

Er hasste den Kerl.

Jesse sah – selbst für einen Überlebenden der Apokalypse – unterernährt und verwahrlost aus. Tattoos bis zum Hals und die grässlichen Löcher und Piercings in seinem Gesicht trugen nicht dazu bei, dass Jake viel von ihm hielt. Dieser Mann war schon vor der Apokalypse kriminell gewesen, da war Jake sich ebenso sicher, wie über den Fakt, dass er den Typen auch im vorherigen Leben schon einmal irgendwo gesehen hatte.

»Ich heiße Jesse«, zischte der Junkie. Er sah Jake nicht in die Augen. Vermutlich fühlte er sich ohne seine Bloody Bunnies-Weste und einem großen Team im Rücken nicht mehr ganz so stark. Mit seinem lädierten Rücken war Jake derzeit alles andere als scharf auf eine Schlägerei.

»Wie sehen die Zäune aus? Hat schon irgendwer – und damit mein ich zum Beispiel dich – Fallen aufgestellt? Das Gelände gesichert?« Jesse rümpfte die Nase, als habe Jake ihm aufgetragen, das Klo zu putzen.

»Seh ich so aus? Ich muss scheißen«, antwortete er nur und verschwand um die Hausecke. Sein Glück, dass Holly ihn mochte … und, dass Jake verletzt war.

»Ich kann das machen!« Jake blickte nach oben. Auf dem Fensterbrett des Zimmers im ersten Stock saß direkt über ihm ein kleines Mädchen. Ihre Beine schlenkerten hin und her. Emma sah zerzaust und müde aus. Ihre Augen waren gerötet. Es sah aus, als habe sie geweint. Jake ignorierte es. »Du Gartenzwerg kannst doch nicht mal eine Holzlatte halten.« Er grinste. Emma streckte ihm die Zunge raus.

»Ich wette, ich kann mehr Sachen tragen als du im Moment!«

Jake fuhr sich durch die Haare. »Du kannst ja mal mit deinem Ersatz-Daddy die Runde machen. Wo steckt er überhaupt?« Emma fror in ihrer Bewegung ein. Ihr Gesicht wurde blass. Ihre Augen weiteten sich, als habe Jake etwas Schlimmes gesagt. Dann fiel ihm ein, dass Bryan Emma gezwungen hatte, ihn ›Daddy‹ zu nennen. Für seine unbedachten Worte hätte er sich am liebsten selbst geohrfeigt. »Oh Mann, ich … ich meinte Logan!«, versuchte er, sich zu korrigieren. Emma nickte nur knapp, ohne ihn anzusehen, und verschwand wieder nach drinnen.

Jake fuhr sich über das Gesicht.

Diese Truppe war kaputt. Komplett kaputt. Und sie konnten nur hoffen und beten, dass sie hier in Sicherheit waren und sich alle ein paar Tage erholen konnten.

Kapitel 2 – Logan

Logan fühlte sich zum Kotzen. Seine Kleidung klebte an ihm wie eine zweite, feuchte Haut, die den Gestank von Schweiß und Alkohol nicht mehr losließ. Er war schweißgebadet aufgewacht, der Schädel dröhnte, als hätte jemand mit einem Hammer gegen die Innenseite seiner Stirn geschlagen.

Vor drei Tagen hatte er sich selbst und Jake versprochen, dem Alkohol endgültig abzuschwören. Das Haus am See würde endlich der lang ersehnte Neuanfang für ihn und seine Gruppe sein. Seit dem klärenden Gespräch mit Jake hatte er nicht mehr zur Flasche gegriffen.

Also fast, denn als er heute Morgen aufwachte, konnte er nicht anders, als sich einen großen Schluck zu genehmigen. Für den Kreislauf und das allgemeine Wohlbefinden, und weil er es sich verdient hatte – nach allem, was sie durchgemacht hatten.

Doch kaum brannte der Alkohol in seiner Kehle, bereute er es. Pünktlich und vertraut, wie ein alter Freund, von dem man wusste, dass er einem nicht guttat, übermannte ihn der Selbsthass. Das musste endlich aufhören.

Logan schleppte sich schwerfällig und schlecht gelaunt ins Badezimmer. Das Wasser funktionierte nicht mehr, der Spiegel hingegen schon. Das Gesicht, das ihm entgegen starrte, war ihm in den letzten Monaten vertraut geworden, doch eigentlich sollte es ihm fremd sein. Das war nicht er. Zumindest war es nicht die Version von ihm, die er sein wollte. Seine Augen sahen müde und blutunterlaufen aus. Die Haare widerlich fettig und verfilzt. Eine feine Schramme, von der er nicht wusste, wann er sie sich zugezogen hatte, zog sich quer über die Wange. Obwohl er sich bereits bei den Bloody Bunnies vor nicht allzu langer Zeit ordentlich rasiert hatte, war sein Bart wieder gewachsen und sah ebenso ungepflegt aus wie der Rest von ihm.

An Hals und Ohren klebte eine Dreckschicht und unter seinen Augen lagen dunkle Schatten, die er mit Wasser nicht würde fort waschen können.

Zwei Jahre in der Apokalypse hatten Logan gegenüber Schmutz, Blut und Gestank abgestumpft. Doch hier, im Haus am See, das als Symbol für seinen Neuanfang stand, fühlte sich dieser Anblick furchtbar falsch an.

Er öffnete den Spiegelschrank, fand ein Stück Seife, einen Rasierer mit guter Klinge und zwei halb-saubere Handtücher. Draußen glitzerte der See im ersten Licht des Morgens. Das Wasser würde zwar eiskalt sein, aber vielleicht war es genau das, was er brauchte, um wieder klarzukommen.

Der Rest des Hauses schlief noch, als Logan die Balkontür aufzog, barfuß auf die kühlen Fliesen trat und die frische Luft einatmete. Heute musste sich etwas ändern.

Heute musste er sich ändern.

Zuerst musste er den Entzug erfolgreich durchziehen. Es würde einige Tage, vielleicht auch Wochen dauern. Es würde sehr hart werden und ihn jegliche Kraft kosten, doch es war notwendig. Danach würde er reden. Mit den beiden Kindern Emma und Zack, die in den letzten Monaten Dinge gesehen und getan hatten, die kein Kind je erleben sollte.

Mit Jesse, den er kaum kannte, obwohl sie einander das Leben verdankten. Und mit Jake. Vor allem mit Jake.

Das vergangene Gespräch zwischen ihnen hatte bereits etwas gelöst. Der Knoten in seiner Brust und die ständige Angst vor den Gewaltausbrüchen des Anderen waren bereits besser geworden. Vielleicht würde es ihnen gelingen, ihre Differenzen vollständig zu überwinden und sogar so etwas wie Freunde zu werden. Logan würde sich jedenfalls alle Mühe geben, seinen Teil dazu beizutragen. Er stapfte den Steg entlang und nahm sich Zeit, die Natur an diesem Fleckchen zu bewundern. Etwas, das er schon lange nicht mehr getan hatte.

Zarte Nebelschwaden zogen träge über den See und lösten sich in der aufgehenden Sonne auf. Die Oberfläche war glatt wie Glas und nur hier und da kräuselte sich das Wasser, wenn ein Fisch an die Oberfläche stieß. Auf den Holzplanken glitzerten Tautropfen, und irgendwo im Wald rief ein Vogel.

Einen schöneren Ort hätten sie für ihren Neuanfang kaum finden können.

Er zog das Hemd über den Kopf und warf es zusammen mit seiner zerschlissenen Hose achtlos auf den Steg. Er würde seine alten Klamotten nachher einfach wegwerfen oder gleich verbrennen. Sie waren Teil des alten Lebens, das er nicht mehr führen wollte.

Mit einem entschlossenen Schritt stieg er in den See. Das Eiswasser schnitt in seine Haut. Es kribbelte überall, doch er blieb stehen und zwang sich, den Schmerz auszuhalten, denn es hatte etwas Reinigendes und Befreiendes an sich. Mutig tauchte er unter.

Logan wusch sich gründlich und rasierte sich. Er trocknete sich ab, schlug das Handtuch um seine Hüfte und ging Barfuß zum Haus zurück. In seinem Zimmer fand er frische Kleidung im Kleiderschrank, die sogar halbwegs passte.

In der Zwischenzeit war wohl auch Jake aufgestanden, denn er hörte ein scharrendes Geräusch auf der Veranda, als habe jemand einen Stuhl zur Seite gerückt. Logan seufzte, griff nach seinem alten Rucksack und begann, die Flaschen zusammenzupacken. Alle. Der Reißverschluss spannte, als er den letzten Rest hinein stopfte. Er fühlte sich schwer an. Kein Wunder, dass er sich die ganze Zeit so gefühlt hatte, als würde ein massives Gewicht ihn immerzu niederdrücken. Diesen Ballast würde er nicht weiter mit sich herumschleppen.

Dann durchstreifte er das Haus und öffnete die Schränke. Die meisten waren leer. Essen war keines zu finden – was nicht weiter schlimm war, denn mit den Vorräten, die Logan bei den Bloody Bunnies gestohlen hatte, würden sie die ersten Tage auch so gut durchkommen. Im Medikamentenschrank fand er ein paar Schmerztabletten, eine halbvolle Packung Halspastillen und ein altes Fieberthermometer. Das Bücherregal war gut gefüllt mit verschiedenen Romanen und einigen Comics, woran sicher Zack und Emma ihre Freude finden könnten.

Als er gerade in die Küche ging, um ein Frühstück vorzubereiten, kamen Emma und Sarah dazu. Sarah lächelte ihn freundlich an.

»Du siehst gut aus Logan. Und du riechst gut!«, sagte sie sanft, was Logans Herz sofort erwärmte. Er lächelte und stellte wieder einmal fest, wie bezaubernd sie war.

Zusammen bereiteten sie ein Frühstück vor mit den Sachen, die sie hatten. Rührei und ein paar Fladen. Sogar Marmelade gab es. Logan fand, dass der Neustart durchaus auch hätte schlechter schmecken können. Sie richteten den Tisch schön her, damit Zack, Holly und Jesse nach dem Aufwachen einen schön gedeckten Tisch vorfinden würden. Logan wusste, dass solche Kleinigkeiten dazu beitragen konnten, dass Menschen sich besser fühlten.

Auch für Jake richteten sie einen liebevollen Teller her, den sie ihm raus auf die Veranda brachten. Jake sah abgekämpft aus.

»Frühstück ist fertig!«, flötete Sarah und stellte ihm den Teller auf den Beistelltisch. Er blickte düster zu ihnen auf. »Was ist das?«, fragte er mit misstrauischer Stimme.

»›Danke‹ ist das, was du eigentlich sagen wolltest«, korrigierte ihn Sarah und hob eine Augenbraue.

»Konntest du ein bisschen schlafen und dich erholen?«, fragte Logan besorgt. Jake verzog das Gesicht. »Nicht wirklich. Auf dem Rücken liegen ist die Hölle. Und alles andere fühlt sich auch beschissen an.«

Er wich ihren mitleidigen Blicken aus und griff nach dem Buch, das auf dem Tisch neben ihm lag. »Du solltest das nicht so offen rumliegen lassen«, murmelte er und hielt es Logan hin. »Hier ist nicht jeder so vertrauenswürdig wie ich.«

Logan erstarrte. Ein Schwall Hitze stieg ihm in den Nacken. Es war sein Tagebuch.

Peinlich berührt nahm er es entgegen. »Danke«, brachte er hervor, ohne Jake anzusehen.

Er hoffte, dass der andere wirklich nicht darin gelesen hatten. Einige Seiten waren mit den wirren Gedanken eines Betrunkenen vollgekritzelt, andere beschrieben Logans Todesängste in Bezug auf Jake und die Prügelei.

Manche Seiten skizzierten seine diffusen Albträume, und irgendwo hatte Logan auch die erste Begegnung mit Jakes Schwester Holly niedergeschrieben, mit der er betrunken Sex im Schnapsladen gehabt hatte. Etwas, das Jake nicht wusste. Eilig stopfte Logan das Buch in seine Hosentasche und griff nach dem Rucksack, aus dessen Öffnung noch einige Flaschenhälse hervorragten.

»Kannst du das verschwinden lassen?«, fragte er leise, fast beschämt. »Da ist der ganze Alkohol drin. Ich will’s diesmal echt durchziehen. Aber allein schaff ich’s nicht.

Heute früh hab ich … na ja … wieder einen Schluck genommen.«

Jake sah ihn lange an, ehe er langsam und ernst nickte. »Mach ich nachher. Versprochen.«

»Danke.«

Sarah, die neben ihnen stand, verschränkte die Arme und sah zwischen den beiden hin und her. »Wir wollten das Gelände ablaufen«, sagte sie schließlich, um die Stille zu überbrücken. »Zäune prüfen und gucken, was sich befestigen lässt. Vielleicht schaffen wir es, ein paar Fallen zu bauen.«

Jake brummte zustimmend. »Klingt vernünftig.«

»Wir sind bis heute Nachmittag zurück. Pass auf dich und die Rasselbande da drinnen auf.«

Ob es an seinem morgendlichen Bad, der frischen Luft oder der guten Gesellschaft lag - Logan fühlte sich trotz der Aussicht auf einen kalten Entzug gut. Vielleicht lag es auch einfach daran, dass sie zur Abwechslung nicht von Infizierten oder gefährlichen Gangs verfolgt wurden. Er war bereit, endlich irgendwo anzukommen und zu Hause zu sein, auch wenn er das alles noch nicht so recht glauben konnte.

Während sie die Zäune um das Blockhaus überprüften, kreuzten sich Sarahs und seine Blicke immer wieder. Noch bevor Logan sich die passenden Worte hatte zurechtlegen können, begann Sarah zu sprechen: »Ich bewundere wirklich deinen Mut, Logan.«

Sie musste seinen fragenden Blick direkt verstanden haben, denn mit einem Lachen fügte sie hinzu: »Schau mich nicht so an! Du weißt genau, was ich meine. Es ist verdammt mutig, einen kalten Entzug zu wagen. Ich denke, das könnte nicht jeder.«

Nun war es Emma, in deren Blick die Sorge stand. »Was genau passiert bei einem kalten Entzug?«

Kurz ließ Logan sich Zeit, stehenzubleiben und eine Latte des hohen Holzzaunes zu überprüfen, dann wandte er sich wieder Emma zu. »Die nächsten Tage werden für mich sehr anstrengend. Hattest du schon mal eine schlimme Erkältung oder eine Grippe?«

»Ich hatte mal eine Mandelentzündung.«

»Das ist ein ganz guter Vergleich. Kalter Entzug heißt, ich höre abrupt auf, Alkohol zu trinken. Dadurch kann es körperlich sehr heftig werden: Zittern, Schweissausbrüche, Übelkeit, Schlaflosigkeit, aber auch starke Stimmungsschwankungen oder Panik. Ich könnte euch anflehen oder manipulieren, dass ihr mir Alkohol bringt. Aber egal was ich sage oder tue, ihr dürft mir nicht sagen, wo er versteckt ist. Ich bin enorm auf eure Hilfe angewiesen in dieser Zeit.«

Emma machte große Augen, doch dann nickte sie. »Und danach geht es dir wieder gut?«

»Ja, danach geht es mir dann endlich wieder gut!«

Das Mädchen nickte, dann ging es weiter den Zaun entlang. Das Gras, das schon lange niemand mehr gemäht hatte, ging ihr fast bis zur Hüfte. Kleine Staub- und Samenkörner stoben bei der Berührung mit dem Gras auf und tanzten durch die Luft. »Wieso sind die Zäune hier eigentlich so hoch?«

»Ich glaube, weil es hier in der Gegend auch Bären gibt«, antwortete Sarah und Emma blieb stehen, um sich genauer umzusehen.

»Was für Bären?«

Sarah zuckte mit den Schultern. »Im Haus liegt eine Broschüre. Ich glaube, es sind vor allem Schwarzbären. Die sind sehr schreckhaft und lassen sich schnell verscheuchen.«

Sie gingen weiter, tiefer in den Wald hinein.

»Hey, seht mal da drüben!«, rief Emma und deutete auf eine Stelle zwischen den Fichten.

Zwischen dichtem Gestrüpp zeichnete sich das schiefe Dach einer alten Hütte ab, halb überwuchert von Efeu und Farn. Der Weg dorthin war kaum noch zu erkennen, aber die Holzwände wirkten erstaunlich gut erhalten.

»Sieht verlassen aus«, murmelte Sarah, während sie mit dem Fuß das Laub vom Eingang schob.

Logan trat näher und drückte vorsichtig die Tür auf. Sie quietschte protestierend in den Angeln. Ein etwas modriger Geruch schlug ihnen entgegen, aber im Inneren war es trocken.

Sarah leuchtete mit der Taschenlampe hinein. Die Strahlen glitten über einen alten Tisch, auf dem ein schmutziger Aschenbecher stand sowie zwei umgestürzte Stühle.

»Vielleicht war das mal eine Jagdhütte«, sagte Logan nachdenklich.

Sie sahen sich noch einen Moment um, doch nichts deutete auf etwas Wertvolles oder Gefährliches hin. Weder verdächtige Spuren, noch Vorräte. Schließlich zog Logan die Tür wieder zu. Sie kehrten auf den schmalen Pfad zurück und setzten ihre Runde fort.

Logan verlangsamte seine Schritte und ließ Sarah und Emma, die sich weiter über Bären unterhielten, vorauslaufen.

Mit dem Vorhaben, diesen Moment einzufangen – um sich in den kommenden Tagen daran zu erinnern, wenn es ihm besonders schlecht ging – schloss er die Augen. Die leichte Brise, der Geruch nach Tanne, Vogelgezwitscher und das entfernte Klopfen eines Spechtes. Für all das hier würde es sich lohnen, dass er die Strapazen auf sich nahm. Für das, was sie hier haben konnten, lohnte es sich zu kämpfen.

Kapitel 3 – Jake

Eigentlich hatte Jake insgeheim gehofft, einen kleinen Kuss von Sarah zu erhaschen, aber sie hob nur kurz die Hand, begleitet von einem beiläufigen »Bis später« – und verschwand mit Emma und Logan Richtung Wald. Vielleicht lag es daran, dass Logan in seinem kleinen Büchlein viel zu liebliche Adjektive für die Beschreibung von Sarah gefunden hatte, dass Jake nun irgendwie einen Funken Eifersucht verspürte.

Er verzog das Gesicht und nahm einen Bissen von dem, was Sarah ›Frühstück‹ genannt hatte. Überraschenderweise stellte es sich als durchaus ess- wenn nicht sogar genießbar heraus.

Unter Logans Vorräten mussten also irgendwo Mehl und ein paar Eier gewesen sein.

Weitere Zeit verstrich, in der ein Vogel auf der Veranda gelandet war, um die Krümel aufzupicken. Jake schätzte, dass es inzwischen Mittag war, doch die Sonne hatte sich an diesem trüben Tag bislang noch nicht blicken lassen. Von der Veranda aus hatte er einen guten Blick auf den großen See. An warmen Tagen würde man hier gut baden können.

Zum Trinken konnte man das Wasser abkochen. Der umliegende, dichte Wald bot guten Schutz vor Eindringlingen. Aus der Erfahrung heraus wusste er, dass sich die Affenmonster eher in den Städten tummelten, wo es mehr zu holen gab als in der Wildnis.

Auch Menschen zog es eher nicht zu diesem abgelegenen Fleck. Vielleicht kannten sich Sarah oder Logan ein wenig mit Wildpflanzen und Waldfrüchten aus. Jake vermutete, dass man in der näheren Umgebung einiges würde sammeln können.

Ein leises Lachen entfuhr ihm, als er an sich herunter sah. Wie ein alter, verkrüppelter und verbitterter Mann saß er hier auf der Veranda und schwankte zwischen Selbstmitleid und der Sorge um ihre Sicherheit. Es wurde Zeit, dass er sich zumindest etwas nützlich machte.

Also raffte Jake sich auf, schleppte Logans Rucksack über die Veranda und überprüfte mit den Füßen den Holzboden. Volltreffer. Ein paar lose Bretter ließen sich anheben und offenbarten einen Hohlraum unter dem Holzboden. Trocken, dunkel und unauffällig bot er das perfekte Versteck, das außer einer riesigen Spinne und einem aufgeschreckten Waschbären niemand vor Jake entdeckt zu haben schien. So stopfte er Logans Rucksack hinein, trat die Bretter fest und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Zu gern hätte er ein Bad im See genommen, doch seine Wunden waren noch nicht annähernd verheilt.

»Was machst du da?« Hollys Stimme ließ ihn herumfahren. Überwältigt von den Schmerzen in seinem Rücken ging er fluchend in die Knie. Ihn in seinem jetzigen Zustand unnötig zu erschrecken, gehörte verboten. »Töpfern und Stricken«, antwortete Jake sarkastisch, während Holly sich dreist an seinen Zigaretten bediente. »Sag mal Holly, woher kenne ich den Typen?«

»Logan? Der war mit uns unterwegs, bevor du ihn halb umgebracht hast. Danach mussten wir uns den Bunnies anschließen.«

Jake verdrehte die Augen. »Ich meinte Jesse.«

»Ah.« Holly ließ den Blick über das Gelände schweifen, als würde sie die Aussicht genießen. »Das ist der Bruder von meinem Ex.«

»Welchem?«

»Dem, den du nicht leiden konntest.«

Jake schnaubte. »Ich konnte keinen deiner Exfreunde leiden.«

»Ich fand Judy auch nicht gerade gut.«

»Lüg doch nicht.«

Holly grinste.

»Fängst du was mit dem Pisser an?«

Sie legte den Kopf schief, ihr Lächeln sah gespielt unschuldig aus. »Die Auswahl ist hier eher überschaubar. Am meisten würde mich Sarah reizen, aber sie ist wohl schon in festen Händen. Und man soll ja nie das Luder seines Bruders begehren, oder wie war das?«

Jake hob warnend die Augenbrauen. »Vorsicht, was du da sagst.«

»Wär dir Logan lieber als Jesse?«

»Ja, allerdings.«

»Gut, dann nehm ich Jesse.«

Sie beugte sich vor und drückte ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange. Jake wischte ihn sofort weg, doch bevor er kontern konnte, veränderte sich ihr Blick.

»Jake… du bist glühend heiß.«

Er wollte es abwehren, doch sie legte ihm einfach den Handrücken auf die Stirn. Seine Reflexe waren schon mal besser gewesen.

»Hast du genug getrunken? Ich glaube, du hast Fieber.«

»Ach was«, winkte er ab. »Mir geht’s blendend. Das ist nur der Stress.«

Holly sah nicht überzeugt aus. »Ich schau mal, ob wir noch Antibiotika haben.

Fehlt nur noch, dass du hier abkratzt. Jetzt, wo wir endlich mal so etwas wie Sicherheit haben.«

Jake grinste matt, doch in seinem Inneren zog sich etwas zusammen. Sicherheit. Das Wort fühlte sich falsch an. Es klang viel zu sehr nach einer Hoffnung, der man nicht trauen konnte.

Während Jake es ohne nennenswerte Gegenwehr zuließ, dass Holly ihn mit Wasser abfüllte, seine Verbände erneuerte und ihm Schmerztabletten verabreichte, verkündete das Geräusch eines konstanten leisen Klackens, dass Zack, der zwölfjährige Sohn von Logan, auch endlich aufgestanden war.

Mit seinen Krücken drückte er die Balkontür auf und humpelte an Jakes und Hollys Seite. »Mach mal die Biege. Ich will mit Outlaw reden!«, sagte er zu Holly, ohne sie auch nur eines Blickes zu würdigen. Weil es ein Kind war, fand Jake es eher belustigend, als dass es ihn wütend machen konnte. Holly hingegen fiel – zu Jakes Erheiterung – alles aus dem Gesicht. »Wer hat dir denn ins Hirn geschissen, du kleine Kackbratze?«

Der Junge blickte ausdruckslos zu ihr zurück. »Na, wird’s bald?«, sagte er. Über seinen Kopf hinweg nickte Jake seiner Schwester beschwichtigend zu. Er war zu neugierig, was Zack wohl von ihm wollte. Mit Blicken trugen Jake und Holly eine stumme Diskussion aus, ehe Holly mit den Augen rollte, zurück ins Haus stapfte und die Balkontür hinter sich zuschlug. Zack sah zufrieden mit sich aus.

»Was gibt’s, du Halbstarker?«

Die Hände des Kindes klopften auffällig seine Jackentasche ab, ehe er ein zerknautschtes Zigarettenpäckchen hervorzog. Lässig, als würde er seit Jahren nichts anderes machen, schnippte er den Deckel auf und hielt es ihm entgegen.

»Willst du eine?«, fragte er, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, dass ein Kind einem erwachsenen Mann eine Zigarette anbot. Es fühlte sich so absurd an, dass Jake beinahe gelacht hätte. Er hielt sich dennoch zurück, musterte Zack neugierig und zog dann eine Kippe aus der Schachtel, um sie sich in den Mundwinkel zu stecken und anzuzünden. Dies war schon mal eine Zigarette weniger, die das unmögliche Kind selbst rauchen konnte.

»Jesse war der einzige hier, mit dem ich klar kam. Dachte, er wäre mein Bro, aber der hängt nur noch auf deiner Sis. Die haben gestern einfach die halbe Nacht gevögelt.

Direkt neben mir. Abartig widerlich. Hab das Zimmer aber jetzt für mich alleine.«

Jake blinzelte einige Male. Nicht nur, dass der Jargon des Jungen so gar nicht zu ihm passte, er musste auch erst einmal die Nachricht verdauen, dass Holly tatsächlich bereits etwas mit Jesse angefangen hatte.

Noch bevor Jake hierauf adäquat hätte reagieren können, fuhr der Junge fort: »Logan ist ein Wichser, und ich weiß, dass du das auch so siehst. Schließlich hast du ihn deswegen fast tot geprügelt, und es wäre wirklich für niemanden ein Verlust gewesen, wenn er draufgegangen wäre. Ich kann echt nicht verstehen, wieso ihn jetzt alle wie einen Heiligen feiern, nur weil er die Flucht ermöglicht hat. Das ändert überhaupt nichts daran, dass er ein verschissener Alki ist. Ich hasse ihn, und für mich ist er gestorben. Egal, welche Show er jetzt abzieht, um alle auf seine Seite zu kriegen.«