6,99 €
Caras Leben steht Kopf, als ein Film viral geht, in dem sie sich über ihren Vater auslässt, der die Familie verlassen hat. Doch eine Produktionsfirma, die alleinerziehende Eltern für eine Datingshow sucht, engagiert Cara und ihre Mutter vom Fleck weg. Sie sind einfach perfekt geeignet für das Format. Schon bald finden sich die beiden im sonnigen Key West wieder, wo sie auf Schritt und Tritt von Kameras verfolgt werden. Ganz schön nervig, findet Cara - bis sie Connor kennenlernt. Als Sohn eines Kandidaten ist er eigentlich tabu, aber Cara kann nichts dagegen tun, dass ihr Herz in seiner Nähe immer schneller schlägt ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 423
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cover
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Epilog
Impressum
Bethany Mangle
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Cherokee Moon Agnew
Wir wurden schon von so vielen Familienberatern fallen gelassen, dass ich mir Snacks einpacke für die lange Fahrt zur letzten Therapeutin, die bereit war, meine Eltern aufzunehmen, ohne horrende Preise zu verlangen. Ich knabbere an einem hausgemachten Kartoffelchip, während Mom vor sich hinmurmelt und ihre Eröffnungsrede probt.
Unsere Version von Familientherapie ähnelte einer Gerichtsverhandlung, nur nicht in dem Punkt, auf den es ankommt. Auch wenn Dr. Porter zu hundert Prozent auf unserer Seite ist – sie kann nicht einfach den Hammer schwingen und alles in Ordnung bringen. Hier gibt es keinen Schadensersatz, nur Schaden.
»Wenn er mich noch einmal unterbricht, fange ich an zu schreien«, raunt Mom, und ihre Hand wandert zu dem Umschlag neben ihr, als würde er sich in Luft auflösen, wenn sie ihn auf den Rücksitz legt.
Ich stecke mir einen weiteren Chip in den Mund und lasse ihn auf der Zunge weich werden, während ich darüber nachdenke, was bei der Sitzung letzten Monat passiert ist. Ich habe das Gefühl, in einer Zeitschleife festzustecken, in der alles schiefgeht, ganz egal, was ich auch tue.
»Tut mir leid.«
Mit trüben Augen und angehaltenem Atem starrt Mom geradeaus. Als sie den Kopf in meine Richtung dreht, gerät der Wagen ein wenig ins Schlingern.
»Hast du was gesagt?«
»Nein.« Ich starre weiter aus dem Fenster, lese die Schilder an den Ausfahrten, die Städte, in denen Mom und ich neu anfangen könnten, wenn ... Ja, wenn. Die vier kleinen Buchstaben, die seit Wochen die Gespräche beim Abendessen dominieren und Mom nachts nicht mehr schlafen lassen. Stattdessen brütet sie über alten Akten und surft auf kostenlosen Webseiten zum Thema Recht.
»Alles okay?«, frage ich, als wir in die Straße einbiegen, in der sich die Praxis der Therapeutin befindet. Vielleicht wird sie mir ja irgendwann die Wahrheit sagen, wenn ich nur oft genug nachhake. Doch bisher frage ich mir nur ein Loch in den Bauch.
»Natürlich«, erwidert Mom mit viel zu schriller Stimme und setzt ein Lächeln auf, bei dem die Lippen an zwei aufgezogene Theatervorhänge erinnern. »So etwas ist nie leicht, aber wir schaffen das schon.«
Ich würde ihr eher glauben, wenn ich nicht so oft ihr ersticktes Schluchzen unter der Dusche hören oder im harten Licht der Küchenlampe die extra Schicht Concealer unter ihren Augen sehen würde.
Sie gibt ein wenig Gas, um die nächste freie Parklücke zu erwischen. Wie immer sind wir lange vor Dad und LeAnne da, die es meiner Mom gern unter die Nase reibt, dass sie jetzt, da sie offiziell zur Familie gehört, dabei sein darf. Mom öffnet die Fahrertür und steigt aus, bevor ich etwas erwidern kann.
Ich folge ihr nach drinnen und weiche nicht von ihrer Seite, bis uns Dr. Porter in ihr Büro ruft. Im Gegensatz zu dem altbackenen Wartezimmer ist dieser Raum modern und auf Hochglanz poliert, mit Glasoberflächen und einem flauschigen Teppich, dem alles anzusehen ist, was hier passiert. Mein Blick fällt auf den Abdruck, den einer der Stühle hinterlassen hat, und mir wird bewusst, dass die Stühle, auf denen Mom und Dad für gewöhnlich sitzen, inzwischen noch weiter auseinanderstehen.
Dad und LeAnne kommen fünf Minuten zu spät, aber immerhin zehn Minuten früher als sonst. Er setzt seine Baseballmütze ab, legt sie auf den Tisch und nickt Dr. Porter zu, deren Ohren sich kaum merklich bewegen, als sie die Zähne zusammenbeißt.
»Hey, Doc. Sorry, war viel los im Fitnessstudio. Wir mussten später schließen.«
»Du könntest die Leute auch einfach bitten, zu gehen«, schlägt Mom vor.
Dr. Porter tippt sich mit einem Kugelschreiber wieder und wieder aufs Knie.
»Schön, Sie alle wiederzusehen. Letztes Mal haben Sie darüber diskutiert, Julias Hälfte des Studios zu verkaufen. Julia, wollen Sie heute anfangen?«
»Diskutiert« ist nett ausgedrückt. Aber es war ja nicht so, als hätte Dad Mom mit wedelndem Zeigefinger ins Gesicht geschrien, während sie mit einer Kopie der Miteigentümervereinbarung auf ihn eingeprügelt hat. Nein, das wäre ja lächerlich.
Zu meiner Linken atmet Mom tief ein und dann lange durch die Nase aus. Sie richtet den Blick auf Dad.
»Ich verstehe, dass du nicht willst, dass ich meinen Anteil an irgendeinen Fremden verkaufe, aber findest du eine beidseitige Zustimmung nicht ein wenig übertrieben? Das Paar, das sich dafür interessiert hat, hätte einen hervorragenden Job gemacht, und die beiden hatten jede Menge Erfahrung.«
»Du hast dem Vertrag zugestimmt, als wir das Studio gekauft haben«, feuert Dad zurück und hebt eine Hand, als Mom protestieren will.
»Rick, Julia ist gerade an der Reihe«, erinnert ihn Dr. Porter.
»Sie war doch fertig.«
»Nein, war ich nicht. Du hast mich unterbrochen.« Mom zückt den Umschlag, den sie vorhin bis zum Bersten vollgestopft hat. »Ich habe eine andere Lösung, einen Kompromiss. Du könntest mir einfach meine Hälfte abkaufen und wärst somit der alleinige Eigentümer. Dann würde die Klausel mit dem beidseitigen Einverständnis auch keine Rolle mehr spielen.«
LeAnne schnaubt, doch als wir zu ihr hinüberblicken, schlägt sie sich eine Hand vor den Mund und hustet.
»Wenn ich der alleinige Eigentümer sein wollte, hätte ich das schon längst vorgeschlagen.«
Mom kniet sich auf den Fußboden und verteilt die Papiere wild durcheinander auf dem Couchtisch.
»Aber sieh es dir doch wenigstens mal an. Ich habe schon alles durchgerechnet.« Mit zitternder Hand deutet sie auf eine Zahl. »Wenn wir eine Ratenzahlung vereinbaren, wäre es monatlich gar nicht so viel.«
Dad steht auf und zeigt auf die Dokumente. Sein Schatten fällt über Mom.
»Ich werde nicht einfach meine Lebenspläne über den Haufen werfen, nur weil du festgestellt hast, dass du nicht mit Geld umgehen kannst. Du wusstest die ganze Zeit, dass wir einen Ehevertrag haben.«
»Tu nicht so, als würdest du besser dastehen als ich, wenn du nicht deine Mietobjekte hättest. Nicht jeder bekommt ein so hohes College-Stipendium, dass es noch für zwei Häuser reicht.«
»Dann hättest du dir eben mehr Mühe geben müssen.«
Dr. Porter erhebt die Stimme. »Ich spüre hier eine gewisse Feindseligkeit. Rick, würden Sie sich bitte wieder setzen? Wir sollten das noch mal ganz von vorn durchgehen.«
Mom drückt sich hoch und legt den Kopf in den Nacken, um Dad böse anzufunkeln. »Oh, Entschuldigung, dass ich es nicht habe kommen sehen, dass mir Scheidungspapiere vorgelegt werden, während du im Wohnzimmer sitzt und so tust, als wäre alles in bester Ordnung!«
»Deine Kurzsichtigkeit ist nicht mein Problem.«
»Würdet ihr jetzt bitte aufhören?«, gehe ich dazwischen und sehe Dr. Porter Hilfe suchend an. »Schreien bringt doch nichts.«
Aber die beiden hören nicht auf mich.
»Ich weiß, dass du die Kohle hast!« Mom wischt sich die aufsteigenden Tränen weg und hinterlässt dabei nasse Streifen auf ihren vor Wut geröteten Wangen. »Das ist nur wieder eins von deinen Machtspielchen, weil du den Gedanken nicht erträgst, dass wir gehen würden, wenn wir könnten! Aber wir sind nicht dein Eigentum, Rick.«
Dad greift nach einer Packung Taschentücher, die auf einem Beistelltisch bereitliegt. Während er Dr. Porter den Rücken zugedreht hat und denkt, niemand sonst würde es sehen, blickt er zu LeAnne hinüber und grinst.
Jeder redet davon, wie schön es ist, sich zu verlieben. Aber keiner redet davon, wie es ist, sich zu entlieben. Davon, dass die Liebe ehemals schöne Erinnerungen verdirbt wie eine langsam fortschreitende Fäulnis, die es nur auf die Vergangenheit abgesehen hat.
Ich hätte eine Software benutzen können, um Dad aus unseren Familienfotos zu schneiden, aber es mit einer richtigen Schere zu tun, ist viel befriedigender. Nach der Therapiesitzung zerschneide ich mitten in der Nacht einfach alles, angefangen bei meinen T-Ball-Fotos bis hin zu der Aufnahme, die auf der Achterbahn entstanden ist, als Dad einem völlig Fremden seinen Hotdog auf den Schoß gekotzt hat. Das Einzige, was ich nicht zerstöre, ist Moms Hochzeitsalbum, denn sie hat es verdient, es selbst zu tun.
Ich dachte, ich würde mit alldem klarkommen. Damit, dass er meine Mom betrogen und uns verlassen hat. Mit dem Verlust. Aber jetzt, an einem ganz gewöhnlichen Dienstag ein Jahr nach der Trennung, überrollt es mich wie eine Lawine, die jemand mit nur einem einzigen falschen Schritt losgetreten hat.
Trotzdem. Aus seinem Dad Konfetti zu machen ist wahrscheinlich keine von Dr. Porter empfohlene Bewältigungsstrategie.
Ich stehe auf, stolpere zum Schreibtisch neben der Eingangstür und bohre meine Fingerknöchel in die zerkaute Ecke der Spanplatte. Dann fahre ich Moms Laptop hoch, gehe auf die SeeMe-Seite und starte einen privaten Tagebucheintrag. Ich will das, was ich gerade fühle, protokollieren, nur für den Fall, dass Dad irgendwann wieder einen lächerlichen Versuch unternimmt, die Wogen zu glätten. Als könnte er es wiedergutmachen, dass er unser ganzes Leben zerstört hat, indem er mich den Pizzabelag aussuchen lässt.
Ich werfe einen Blick auf Moms Schlafzimmertür und stecke mir Kopfhörer in die Ohren, um die Geräusche auszublenden. Mit zitterndem Atem klicke ich auf »Record« und beobachte, wie ein krisseliges Bild von mir auf dem Monitor erscheint.
»Liebes Tagebuch«, beginne ich und überlege zögernd, wie ich den brennenden Schmerz in meiner Brust in Worte fassen soll. »Ich habe das Gefühl, festzustecken. Ich weiß, es ist jetzt schon lange her, aber ich kann immer noch nicht fassen, dass er weg ist. Und wofür? Warum? Ich meine, Mom ist der Hammer.« Um meine Worte zu unterstreichen, beuge ich mich über den Schreibtisch und greife nach dem Foto von ihr, das sie zeigt, wie sie beim »Winter Sprinter«-Hundertmeilenlauf die Ziellinie überquert. Ich halte es in die Kamera. »Diese Frau ist bei Minusgraden fünfundzwanzig Meilen gelaufen!« Nicht einmal Dad hatte an dem Wettlauf teilgenommen; stattdessen hatte er sie mit drei ihrer Freundinnen antreten lassen.
Aus der Zeit vor meiner Geburt gibt es Fotos von ihnen zusammen, wie sie sich hinter der Ziellinie in die Arme fallen oder zusammen Bier trinken, die Startnummern noch auf ihren Trikots.
»Habe ich ihnen nicht genug Zeit zu zweit gelassen? Ich bin doch keins von diesen nervigen Kindern, oder?« Seufzend lehne ich mich zurück und stöhne. »Ich wünschte, ich wüsste, warum Dad sich so verhält. Es ist seltsam, weiterhin zusammenzuarbeiten. Die Leute sagen immer: ›Wie cool, dass ihr ein Familienunternehmen habt.‹ Aber das geht alles den Bach runter, wenn dein Dad plötzlich eine Frau aus dem Yogakurs vögelt. Und jetzt ist er ganz anders als früher. Ich verstehe das einfach nicht.«
Und das Schlimmste ist, dass ich nicht weiß, ob das Dads neue Persönlichkeit ist oder ob er schon die ganze Zeit so war.
Ich atme tief durch, doch das hilft nicht gegen die Panik, die mich überkommt. Ich fasse mein Haar zusammen und drehe es auf meinem Kopf zu einem Knoten.
»Hey«, sagt Mom, als sie ins Wohnzimmer kommt. Sie trägt ein übergroßes T-Shirt und eine alte Sporthose. »Warum bist du so spät noch auf?«
Ich sammle ein paar der Schnipsel ein und halte sie in das Licht der Schreibtischlampe, damit Mom sie sieht.
»Ich verpasse Dad ein Facelift«, erwidere ich und werfe das Foto von unserem Vater-Tochter-Tanz in den Mülleimer.
»Cara.« Mom seufzt und lässt den Kopf so weit in den Nacken fallen, dass ihre Luftröhre deutlich hervortritt. »Das ist nicht gut für dich.«
»Oh, das ist so was von gut. Du solltest es auch mal ausprobieren. Schau.« Ich nehme die ausgefranste Kante eines weiteren Fotos zwischen Daumen und Zeigefinger und halte Dads Gesicht vor meins. »Du bist ein Vollidiot, und keiner mag dich.« Dann knülle ich es zusammen und widme mich dem nächsten. »Dein Chili, auf das du so stolz bist, schmeckt nach Hundescheiße mit Jalapeños.«
Ich könnte stundenlang so weitermachen.
Irgendwann kriege ich Mom doch noch dazu mitzumachen. Zuerst ist ihre Stimme noch leise, doch während sie den Fotos von Dad immer mehr Vorwürfe macht – angefangen beim Schnarchen bis hin zu der Tatsache, dass er sie bei ihrem dritten Date versetzt hat –, wird sie immer selbstbewusster. Sie geht durch zahlreiche Alben und fasst seine schlimmsten Vergehen so energisch zusammen, dass sie ihren monotonen und faultierartigen zweitklassigen Scheidungsanwalt bei Weitem übertrifft. Vielleicht hätte sie sich besser selbst vertreten sollen.
»Weißt du noch, wie er mich einmal an einer Raststätte vergessen hat, während ich auf dem Klo war?«, frage ich und lache, als ich mich daran erinnere, wie schrill seine Stimme geklungen hat, als er ans Handy gegangen ist. In den folgenden Tagen hat Mom ihn, wenn wir zusammen irgendwohin gingen, immer wieder gefragt: »Hey, Rick? Hast du daran gedacht, dein Kind einzupacken?«
Mom schnaubt. »Das war nur lustig, weil du schon wieder zu Hause warst, als ich es erfahren habe. Aber gut zu wissen, dass er schon immer dumm war.«
»Ja«, erwidere ich. »Wer dich verlässt, der kann nur dumm sein, Mom.«
Schlagartig breche ich in Tränen aus, bis ich durch den Bach, der über meine Wangen strömt, kaum noch etwas sehen kann. Die Tränen vermischen sich mit Rotze, Spucke und allem anderen ekligen Zeug, das aus meinem Gesicht kommt.
»Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Plötzlich tut es wieder weh.« Um die Tränen wegzuwischen, klatsche ich mir die Hände auf die Wangen, als wären es zwei Scheibenwischer, die gegen Platzregen ankämpfen.
Mom schlingt die Arme um mich und zieht mich vom Stuhl hoch. Dann drückt sie mich, bis sich der Verschluss ihres Armbands in mein Schulterblatt bohrt.
»Alles wird gut. Es muss gut werden.«
»Das glaube ich dir nicht«, schluchze ich, und meine Stirn stößt immer wieder gegen ihr Schlüsselbein. »Ich will einfach von vorn anfangen, Mom. Ich will ihn nicht die ganze Zeit sehen müssen. Er wollte uns nicht.«
Und er hat mir mehr genommen, als ihm bewusst ist. Als mich dieses Jahr zwei meiner Klassenkameraden gefragt haben, ob ich mit ihnen zum Schulball gehe, habe ich sie beide abgewiesen. Es ist, als wäre die Magie verschwunden. Welchen Sinn hat Romantik, wenn das alles doch nur Schall und Rauch ist? Wenn man sich nicht einmal mehr selbst ins Gesicht blicken kann, sobald sich der Rauch aufgelöst hat? Dank Dad sehe ich nur einen tiefen Krater, wenn ich an Blumen denke, an Telefonate mitten in der Nacht, an den beflügelnden Rausch der Liebe.
»Du wirst dich besser fühlen, wenn du ein wenig geschlafen hast«, sagt Mom und führt mich zurück zum Sofa. Dann betrachtet sie mit zusammengekniffenen Augen den Bildschirm. »Nimmst du das etwa auf?«
»Sorry. Ich war gerade dabei, einen Tagebucheintrag zu machen. Das habe ich ganz vergessen.« Ich beende die Aufnahme und schalte die Lampe aus. Hoffentlich reicht Mom das schummrige Licht aus der Küche, um zurück in ihr Schlafzimmer zu finden.
Sie gibt mir einen Kuss auf die Wange. »Ich hab dich lieb. Schlaf schön. Wir können morgen früh weiterreden, wenn du willst, okay?«
»Okay. Hab dich auch lieb.«
Die Fotos lasse ich einfach auf dem Sofa liegen. Sie zerknittern unter mir, während ich einschlafe, umgeben von verdorbenen Erinnerungen, den Trümmern eines anderen Lebens.
Ich weiß nicht, warum die Leute sagen, sie hätten geschlafen wie ein Toter. Ich habe geschlafen, wie es nur ein Lebender kann. Die Erschöpfung steckt mir tief in den Knochen, und meine Augen sind ganz aufgedunsen von den vielen Tränen der letzten Nacht. Ich würde auch noch weiterschlafen, wäre da nicht dieser fürchterliche Lärm vor der Tür.
Ich quäle mich vom Sofa hoch und winke ab, als Mom den Kopf zur Wohnzimmertür hereinsteckt. »Ich gehe schon.«
Für den Postboten ist es zu laut, für die Polizei zu leise. Vielleicht hat Mrs. Abernathy im Apartment unter uns mal wieder ihre Küche in Brand gesteckt.
Ich öffne die Wohnungstür und rümpfe genervt die Nase, obwohl es meine beste Freundin ist, die da auf dem umlaufenden Balkon wartet, die Arme vor der Brust verschränkt.
»Hey, was ist los? Ich habe dir schon mindestens fünfzig Nachrichten geschrieben.« Vanessa deutet auf die Wand, die zwischen unseren Wohnzimmern liegt. »Ich habe sogar an die Wand geklopft.«
»Oh.« Ich drehe mich zu dem Beistelltisch um, den ich als Nachttisch benutze. »Sorry, ich habe mein Handy auf ›Nicht stören‹ gestellt, bevor ich eingepennt bin. Was ist los?«
Vanessa hält mir ihr Smartphone so dicht vors Gesicht, dass ich den Kopf zurückziehen muss, um nicht mit den Wimpern gegen das Display zu stoßen.
»Ähm, du trendest gerade international«, sagt sie halb fassungslos, halb bewundernd. »Das ist los.«
Ich wische mir mit dem Ärmel über die Augen und blinzle, bis ich klar sehen kann. Auf dem Display erkenne ich meine Aufnahme von gestern Nacht, das Video an der Stelle gestoppt, an der sich Mom in ihrem improvisierten Schlafanzug über meine Schulter lehnt. Ich überfliege den Rest der Seite. Die Leute bezeichnen es jetzt schon als Heulsuses heiße Mom. Es gibt sogar eine Version, in der mein Gesicht gegen das eines riesigen Zeichentrickbabys ausgetauscht wurde.
»Warte mal. Das ist wirklich im Internet?«
»Ja!«, ruft Vanessa und schüttelt ihr Handy, um das Gesagte zu unterstreichen. »Und es geht viral!«
»Das ist unmöglich«, murmle ich und versuche mich an gestern Abend zu erinnern, an die Einstellungen, die ich gewählt habe, bevor ich die Aufnahme gestartet habe. »Das ist ein privater Tagebucheintrag.«
Das passiert gerade nicht wirklich. All meine persönlichen Geschichten!
Doch die Zahl unter dem Video lügt nicht.
Aufrufe: 1,3 Millionen.
Ich schicke Vanessa zurück in ihre Wohnung und lösche das Video von meiner Seite, bevor Mom noch Wind davon bekommt. Es kostet mich meine ganze Willenskraft, nicht die 3.864 Kommentare zu lesen oder meinen Namen in eine Suchmaschine einzutippen. Nach dem zu urteilen, was ich auf Vanessas Handy gesehen habe, wird es nicht viel bringen, den Originalpost zu löschen – außer dass ich mich vielleicht ein bisschen besser fühle. Doch wenn da auch nur eine winzige Chance ist, die Katastrophe aufzuhalten, bevor Mom davon erfährt, muss ich es versuchen. Mit der Therapie, meinem Zusammenbruch gestern Abend und dem immer höher werdenden Stapel an unbezahlten Rechnungen auf der Mikrowelle hat sie schon genug, worüber sie sich Gedanken machen muss.
Ich finde sie im Badezimmer, wo sie vor dem Spiegel steht. Ihre Haare sind so nass, dass das Wasser ununterbrochen auf die Fliesen tropft. Sie hält sich eine Bluse mit Blumenmuster vor die Brust, wirft sie dann beiseite und ersetzt sie durch ein schwarzes Etuikleid.
»Meinst du, das würde mir stehen?«
Ich kneife die Augen zu und halte mir sicherheitshalber noch zusätzlich die Hand vors Gesicht, während ich mich an ihr vorbeiquetsche.
»Einmal, nur einmal, hätte ich gern eine ganze Woche, ohne dich in Unterwäsche zu sehen.«
Zwischen uns gibt es die unausgesprochene Regel, dass es in Ordnung ist, halb nackt herumzusitzen, um die Kosten für die Klimaanlage so gering wie möglich zu halten, aber in letzter Zeit übertreibt sie es wirklich.
»Ich bitte dich! Immerhin habe ich dich geboren. Du weißt doch, wo die Babys herkommen, oder?« Sie senkt meinen Arm. »Also beantworte die Frage.«
»Sieht bestimmt gut aus.« Ich halte den Blick stur zur Zimmerdecke gerichtet. »Was hast du überhaupt vor? Ich dachte, du würdest zur Arbeit kommen.«
»Ich kann nicht. Ich habe ein Vorstellungsgespräch.«
Mitten im Haarebürsten halte ich inne. Die Bürste bleibt einfach hängen, während mein Griff ganz schlaff wird.
»Ich dachte, darüber hätten wir schon gesprochen. Du kannst keinen zweiten Job annehmen. Wann willst du denn schlafen?«
»Mir bleibt aber keine andere Wahl«, erwidert sie, schüttelt sich wie ein begossener Pudel und bespritzt mich mit Wasser. »Wenn ich nicht irgendwie zusätzlich Geld verdiene, können wir niemals umziehen.«
Halbherzig tätschle ich ihr die Schulter, während ich mich eilig fertig mache. Ich bin zu erschöpft, um schon wieder darüber zu diskutieren.
»Du solltest das Kleid anziehen. Es passt zu den High Heels, die du neulich gekauft hast. Die sind süß.«
»Keine schlechte Idee.« Sie wiegt den Kopf hin und her, als müsste sie noch darüber nachdenken, dabei ist das Kleid schon jetzt der eindeutige Sieger. Sobald die Schuhe ausgewählt wurden, ist der Wettbewerb vorbei. »Ich habe nur Angst, dass mein Trizeps nicht definiert genug ist. Und meine Waden sind auch ziemlich dick geworden. Auf der Hochzeit deines Vaters haben mich alle angestarrt.«
Ein Lachen quetscht sich am Griff meiner Zahnbürste vorbei. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Blicke eher etwas damit zu tun hatten, dass Mom gar nicht aufhören konnte zu betonen, wie umwerfend, jung und majestätisch meine Stiefmutter in ihrem rüschigen Prinzessinnenkleid aussieht. Mal ganz davon abgesehen, dass Mom überhaupt zur Hochzeit erschienen ist.
Ich spucke ins Waschbecken und spüle mir den Mund aus, während ich darüber nachdenke, wie vollkommen unangebracht das, was ich gleich sagen werde, eigentlich ist.
»Mom, du bist heiß, okay? Und damit meine ich echt heiß.«
Fast verrate ich ihr, dass 1,3 Millionen Menschen derselben Meinung sind, doch ehrlich gesagt hoffe ich, dass sie sich lange genug auf Dad konzentriert, bis der Spuk vorbei ist. Ein Video, das viral geht, wird ruck, zuck vom nächsten abgelöst, oder etwa nicht?
»Aber findest du, ich sehe immer noch ... na ja ... fit aus? Ich wirke nicht zu k. o.?«
»Nein, tust du nicht. Es widert mich an, wie die Männer dich ansehen.« Ich deute auf ihren durchtrainierten Körper, ihren makellosen Teint. Obwohl sie meint, jeder könne es sehen, wirkt ihr hüftlanges schwarzes Haar immer noch perfekt und natürlich, selbst mit der Farbe, die erste graue Strähnen kaschieren soll. »Auf einer Skala von eins bis Aphrodite bist du mindestens eine Sechs.«
Sie seufzt. »Aber Aphrodite hat nie einen Ironman-Triathlon gewonnen.«
»Okay, dann bist du eben ... ein halber Ares. Ist das besser?« Mein Tonfall ahmt ihre Verzweiflung nach. »Man braucht bestimmt mindestens fünf Bildhauer, um nur eine seiner Pobacken zu meißeln.«
Das Kinn fällt ihr auf die Brust, als sie an sich und ihrem XXS-Body herunterblickt und die Oberarme anspannt.
Die Art, wie sie den Mund verzieht, verrät mir, dass ich das Falsche gesagt habe.
»Was denn? Er ist ein unsterblicher Gott. Und du bist nur eine durchtrainierte Sterbliche.«
Anscheinend fasst sie das Wort »durchtrainiert« als Kompliment auf, denn sie hört auf, sich in die nicht vorhandenen Speckrollen zu kneifen, und trocknet sich weiter die Haare.
Ich erwähne jetzt lieber nicht, dass sie vor LeAnne nicht so war. Damals ging es ihr lediglich darum, ihre persönlichen Rekorde zu brechen, auch wenn sie es nicht auf das Siegertreppchen schaffte. Es ist, als hätte sie vergessen, ihr Selbstbewusstsein in altes Zeitungspapier zu wickeln und in eine Kiste zu packen, als wir umgezogen sind.
Ich werfe einen Blick auf die Uhr und knurre: »Da wir gerade von Arbeit sprechen ... Wir sind schon viel zu spät dran. Beeil dich.«
»Du scheinst dich ja richtig darauf zu freuen, den ganzen Nachmittag lang Turnmatten sauber zu machen.«
»Besser, als in die Schule zu gehen oder an einem weiteren Biologieprojekt zu basteln.«
»Turnmatten sauber zu machen ist ein Biologieprojekt.«
Da ist was dran. Im Yogakurs für Anfänger sind tatsächlich ein paar Leute, die eine Übungsstunde in Sachen herabschauendes Deodorant gut gebrauchen könnten.
Hastig stopfe ich mir ein mickriges Frühstück rein und stelle mich dann wieder in den Türrahmen des Badezimmers. Das mache ich so oft, dass es mich fast wundert, dass der Rahmen an der Stelle nicht schon längst eine Delle hat.
»Ich werde pro Stunde bezahlt«, schreie ich über den Lärm des Föhns hinweg. »Beeil dich.«
»Ist doch nur dein Dad. Er ist kein richtiger Chef. Es ist ja nicht so, als würde er dich feuern.«
Ich swipe zur Uhrzeit auf meinem Handy und deute darauf. Inzwischen bin ich schon über eine Stunde zu spät.
»Herausforderung angenommen.«
Irgendwie hat er uns ja schon gefeuert. Aus seinem Leben.
Es braucht viel Gejammer und den perfekten Frühlingsschal, um das schwarze Kleid ein wenig aufzupeppen, bevor Mom endlich der Meinung ist, das Haus verlassen zu können, ohne auszusehen wie ein Oger. Sie steigt ins Auto, stellt die Rückenlehne ihres Sitzes auf und dreht den Zündschlüssel ein bisschen zu energisch. Wir sind noch keine zwei Minuten unterwegs, da fangen ihre Beine an zu zittern.
»Du wirkst gestresst.«
»Ach ja?« Sie kippt den Rückspiegel herunter und reibt sich über die kaum sichtbare Falte unter einem Auge.
Meine Hand schnellt vor, um nach dem Lenkrad zu greifen.
»Ich schwöre, du bist echt die schlechteste Autofahrerin auf dem ganzen Planeten. Vielleicht solltest du an meiner Stelle in die Fahrschule.«
»Entschuldige mal. Mir ist noch nie was passiert.« Dann hält sie inne. »Im Gegensatz zu einer gewissen Person, die mal einen Briefkasten umgefahren hat. Kleiner Tipp: Sie sitzt in diesem Auto.«
Ich starre sie mit offenem Mund an. »Das war jetzt aber ein Tiefschlag, Mom. Immerhin ist mir das nur ein einziges Mal passiert.«
Sie sieht mich aus dem Augenwinkel an und hat Mühe, sich das Grinsen zu verkneifen.
»Das war tatsächlich ein Tiefschlag ... für den Kotflügel.«
Wir lachen immer noch, als wir den Parkplatz vor dem Fitnessstudio erreichen. Das Café nebenan hat die kleine Terrasse mit Möbeln vollgestopft, um das wärmere Wetter zu zelebrieren, und auf den gusseisernen Stühlen sitzen lauter Gäste in zusammenpassenden Fahrradoutfits.
Mom seufzt, und die Unbeschwertheit verschwindet. »Meinst du, die Leute werden jetzt, da das Wetter wieder schöner ist, ihre Mitgliedschaft kündigen?«
»Alles wird gut«, wiederhole ich unser inoffizielles Mantra des letzten Jahres. »Es regnet ja immer noch hin und wieder.«
»Dein Dad wird dich später nach Hause fahren müssen. Ich weiß noch nicht, wann ich zurück bin. Ich habe nach dem Vorstellungsgespräch noch ein paar Dinge zu erledigen.«
»Alles klar, ich sage es ihm. Viel Glück.«
Ich schwinge meinen Rucksack über eine Schulter und trete durch die Glastüren in die Lobby des Fitnessstudios. Die Mixer von der Saftbar sind so schrecklich laut, dass sie sogar die fröhliche Popmusik aus den Lautsprechern in den Ecken übertönen. Ich wage es, an einem der Smoothies zu schnuppern, und erschaudere. Es riecht, als hätte jemand Spinat in ein Abflussrohr gestopft.
»Ich will es gar nicht wissen«, murmle ich vor mich hin.
Dad kommt mit dem Mix-Behälter zurück an den Tresen und zuckt vor Schreck zusammen.
»Hey, Cara. Ich habe dich gar nicht hereinkommen hören.« Er gießt sich ein großes Glas grünen Glibber ein und trinkt einen Schluck. »Die Saftbar war eine großartige Idee.«
»Wenn du meinst ...« Ich beneide und verachte gleichermaßen Dads Fähigkeit, den Resetknopf zu drücken, als wäre gestern gar nichts geschehen. Die Therapiesitzung ist noch keine vierundzwanzig Stunden her, doch da steht er und tut so, als wäre ich kein Goldfisch, der in seinem Glas gefangen ist.
Wenigstens hat er das Video noch nicht gesehen. Wenn er wüsste, dass ich in der – virtuellen – Öffentlichkeit seine schmutzige Wäsche gewaschen habe, wäre er nicht so gelassen.
Er greift um mich herum, um einem Typen in einem neonorangen Tanktop einen der Smoothies zu reichen. Als er zum fünfzigsten Mal die gesundheitsfördernde Wirkung von Brokkoli lobpreist, seufze ich.
»Und er hilft auch bei Verstopfung! Nach diesem Shake läuft alles wie am Schnürchen.«
»Dad«, zische ich und schlage mir eine Hand vors Gesicht. »Bitte hör auf, dich mit den Leuten über die Konsistenz ihrer Kacke zu unterhalten. Das ist wirklich alles andere als okay.«
Ich glaube, auf seinen Wangen einen Anflug von Rot zu erkennen.
»Holt sich deine Mom noch einen Kaffee?«, fragt er und beginnt, die Gemüsereste vom Tresen zu wischen.
»Nein, sie hat noch etwas anderes zu erledigen. Sie hat gemeint, sie habe bereits mit Jake darüber gesprochen, dass er ihren Zumba-Kurs übernimmt.«
»Oh, schlechtes Timing. Dieses ganze Schlamassel mit der Inhaberschaft hat mich wieder daran erinnert, dass ich LeAnne dringend in den Vertrag aufnehmen lassen muss.«
Sein Blick wandert hinüber zur Empfangstheke, an der meine neue Stiefmutter sitzt und Mitgliedsausweise anfertigt, während sie auf einem Mini-Stepper steht.
»Du fügst sie als Miteigentümerin hinzu?«, frage ich ungläubig und unterdrücke die Empörung, die ich stellvertretend für meine Mutter empfinde.
»Das ist nur eine Formalität. Deine Mom kriegt trotzdem die Hälfte von allem. Nun, natürlich nur das, was ihr laut Ehevertrag zusteht. LeAnne will einfach mehr ins Business involviert werden.«
»Sie hat doch einen Job! Sie muss nicht die ganze Zeit hier abhängen, wo Mom ...« Ich schnappe mir einen Proteinriegel aus der Auslage, reiße die Verpackung mit den Zähnen auf und stopfe ihn mir in den Mund, damit ich nichts mehr sage. Dabei mag ich Pistazie nicht mal besonders, aber immer noch lieber als Schwachsinn. »Vergiss es. Ist der Spinningkurs schon vorbei?«
»Ja«, erwidert Dad und popelt mit dem Daumennagel am Endstück einer Karotte herum. »Der nächste geht erst um elf los. Du hast also noch Zeit.«
»Nein, ist schon okay. Ich werde jetzt mal sauber machen.« Alles, um von dieser Unterhaltung wegzukommen.
Ich trotte in Richtung der Kursräume und schließe den Schrank im Flur auf, in dem sich sowohl die Putzutensilien als auch die Snacks befinden, die wir als Mitarbeiter nicht vor den Kunden verspeisen wollen. Ich schiebe eine Tüte Doritos beiseite, um an die Lappen und das Putzmittel zu kommen, und schlage die Tür ein wenig fester zu als unbedingt nötig.
Das Spinningstudio ist der kleinste Raum von allen, deshalb brauche ich nur ungefähr zwanzig Minuten, um den Schweißgeruch und etliche verschiedene Haarprodukte zu eliminieren. Ich beäuge einen mysteriösen Fleck auf dem Fußboden und frage mich, ob es Spucke oder verschüttetes Wasser ist.
»Da bist du ja«, ruft LeAnne hinter mir mit einer Stimme, die bestimmt ein paar Oktaven höher ist als ihre echte. »Kannst du deiner Stiefmutter nicht mal Hallo sagen?«
Nein, kann ich nicht. Es würde mir körperliche Schmerzen bereiten.
»Sorry.«
Sie durchquert den Raum und schwingt sich auf eines der Räder eine Reihe vor mir.
»Ich habe nachgedacht«, sagt sie und stützt eine Hand auf den Griff.
Das ist ja ganz was Neues.
»Ich weiß, dass die Situation im Moment ganz schön angespannt ist. Vielleicht könnten wir ja ein wenig Zeit miteinander verbringen und uns besser kennenlernen. Warum kommst du am Donnerstag nicht zum Spieleabend vorbei?«
Ich kneife die Augen zusammen. »Fortnite oder Monopoly?«
»Wie bitte?«
»Nichts.« Das war's. Sie hat ihre einzige Chance, interessant zu sein, vertan. »Danke für die Einladung, aber ich glaube, eher nicht.«
Sie folgt mir zum Putzschrank und bleibt im Türrahmen stehen, während ich die Sachen verstaue.
»Hör mal, ich kann mir vorstellen, dass das schwer für dich ist. Dein Vater hat sich auch Sorgen gemacht, dass es dich vielleicht verletzen könnte, wenn er so schnell wieder heiratet.«
Ja, hat es.
»Mir geht's gut, okay? Und, ähm, ich gehe ... jetzt ... einfach.« Ich mogle mich an ihr vorbei, bevor sie etwas erwidern kann, und gehe ihr für den Rest des Tages so gut wie möglich aus dem Weg. Doch das ist in einem so kleinen Fitnessstudio mit nur zwei Kursräumen und jeweils einer Ecke für Kardio- und Krafttraining leichter gesagt als getan.
Immer mal wieder werfe ich einen Blick aufs Handy, doch von Mom kein Piep. Ich weiß nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist. Ich ignoriere die Flut an Nachrichten von Vanessa und anderen Freunden, die mir sehr unvorteilhafte Screenshots von mir schicken, die sie mit ungläubigen Bildunterschriften versehen.
IST DAS ECHT??????????
Jeder dieser Screenshots ist von einer anderen Internetseite. So viel zum Thema, es könnte irgendetwas bewirken, dass ich das Video von meiner Seite gelöscht habe.
Ich antworte nicht auf die Nachrichten. Es tut mir nur weh, als ich realisiere, dass es die Freunde aus meiner alten Nachbarschaft nicht in mein neues Leben geschafft haben. Wie sollte es auch anders sein, nachdem sich ihre Eltern auf Dads Seite gestellt und so fürchterliche Aussagen getätigt haben?
Julia hat ihre ... ganz eigene Vorstellung davon, wie viel Wein in ein einziges Glas gehört. Und sie flucht in Caras Gegenwart. So ein Benehmen dulden wir nicht in unserem Haus.
Sobald mich einer von den Kunden ansieht, ziehe ich schnell den Kopf ein und haue ab. Doch falls sie das Video gesehen haben, haben sie wenigstens genug Anstand, es nicht zu erwähnen, auch wenn ich mehr Blicke auf mir spüre als gewöhnlich, während ich die deckenhohen Spiegel putze. Vielleicht bin ich aber auch einfach paranoid.
»Kannst du mich nach Hause fahren?«, frage ich meinen Dad, sobald ich das Gefühl habe, dass ich trotz meines Zuspätkommens endlich gehen kann. »Und kannst du LeAnne bitte hierlassen? Und würdest du mich bitte nicht fragen, warum ich nicht will, dass LeAnne mitkommt?«
»Ähm, klar.« Er zuckt mit den Achseln und klopft die imaginären Taschen seiner Sporthose ab. »Verdammt. Lass mich noch kurz die Schlüssel holen.«
Er geht zum Empfangstresen, greift um LeAnne herum und drückt kurz ihr Knie, während er seinen Schlüsselbund aus der obersten Schublade holt.
Das Einzige, was mich davon abhält, auf den Fußboden zu kotzen, ist die Tatsache, dass ich es dann aufwischen müsste, was wiederum bedeuten würde, dass ich länger bleiben müsste.
Auf der Fahrt schaltet Dad die Radiosendung ein, die wir immer als Familie gehört haben. Ein paar Sekunden lang lasse ich sie laufen, bevor ich auf den Lautstärkeregler drücke und das Radio auf Stumm schalte.
»Und, ähm, machst du irgendwas Schönes im Sommer?«, fragt Dad.
Ich schnaube, halb aus Spott, halb aus Mitleid. Bei all dem Reichtum an Gesprächsthemen schafft es Dad jedes Mal, das größtmögliche Minengebiet auszuwählen.
»Nicht wirklich. Im Moment ist alles ein bisschen ...«
Düster? Eine finanzielle brennende Müllhalde? Oder angespannt, wie Erwachsene es gern ausdrücken?
»Nun, du weißt, dass du gern zu uns ziehen kannst.«
Lieber würde ich auf der brennenden Müllhalde leben.
»Danke.«
Wir erreichen den Parkplatz vor meinem Wohnkomplex und stellen uns in die Sonne. Dad wendet den Blick von der heruntergekommenen Fassade ab und richtet ihn auf den Glasvorbau, der mal der Empfangsbereich gewesen sein muss, als das Gebäude noch ein Motel war.
»Vergiss nicht, deiner Mom die Kopie der abgeänderten Eigentümervereinbarung zu geben.«
»Werde ich nicht. Danke fürs Fahren. Wir sehen uns dann am Samstag.«
Ich schließe die Tür, bevor er mir sagen kann, dass er mich lieb hat. Schon komisch, wie so ein Satz derart bedeutungslos werden kann, nicht mehr wert als ein Phrasen dreschender Bär am Valentinstag.
Als ich den Fuß der Treppe erreiche, die hinauf zum Außenkorridor im ersten Stock führt, fährt Dad die Scheibe herunter.
»Was ist mit Donnerstag?«, brüllt er über den Motorlärm hinweg. »Hat dich LeAnne nicht gefragt, ob du zum Spieleabend vorbeikommst?«
»Doch, hat sie.« Meine Wangen sind angespannt von dem Lächeln, das ich mühsam zustande bringe, und meine Brust zieht sich schmerzhaft zusammen. »Bis Samstag.«
Während ich mit einer Hand auf dem rostigen Geländer die Außentreppe unseres Gebäudekomplexes hochsteige, versuche ich so zu tun, als würde die Übelkeit, die sich in meinem Magen ausbreitet, nur vom Hunger kommen. Ich drehe mich kein einziges Mal um, nicht mal, als ich merke, dass sich Dads Auto noch kein Stück bewegt hat.
Auf halber Treppe bleibe ich stehen. Ich weiß, dass er erwartet, ich würde kehrtmachen und mich bei ihm entschuldigen, wie ich es immer tue, wenn ich ihn so behandelt habe, wie er es verdient. Irgendwie bin ich enttäuscht, dass er das Video nicht gesehen hat. Es würde mich davor bewahren, eine Wahrheit aussprechen zu müssen, die schon die ganze Zeit in mir brodelt: dass ich ihm seinen Verrat nie verziehen habe und auch nicht glaube, dass das jemals passieren wird.
Trotzig setze ich den Fuß auf die nächste Stufe. Dann noch mal. Und noch mal. Bis ich das Motorengeräusch seines wegfahrenden Autos höre. Ich erreiche den oberen Treppenabsatz und schnappe erschrocken nach Luft, als ich den Mann in dem schlichten schwarzen Anzug entdecke, der in unser Wohnzimmerfenster glotzt, in der rechten Hand ein Blatt Papier.
Es gibt keine Hausierer mehr, die von Tür zu Tür gehen, aber es gibt genug andere Dinge, die mit buntem Papier einhergehen. Räumungsklagen zum Beispiel.
Er muss meine Anwesenheit spüren, denn er richtet sich ruckartig auf und sieht mich an, als würde er mich von irgendwoher kennen. Ich weiche einen Schritt zurück und hebe abwehrend die Hände, während er immer näher kommt.
»Meine Mom ist gerade nicht zu Hause.«
»Bist du Cara Hawn?«
»Wer will das wissen?«
Hinter ihm ertönt ein abgehacktes Husten. Wir blicken beide in die Richtung und entdecken Vanessa, die im Türrahmen steht und einen nackten Fuß auf die Schwelle gestellt hat, obwohl es Sommer ist und das Metall bestimmt total heiß.
»Alles okay?«, fragt sie und deutet – wie es für sie typisch ist – nur wenig subtil auf den unbekannten Besucher. »Mein Anzugalarm ist angesprungen.«
»Ich glaube ... schon?«
Sie macht eine Handbewegung, um mich lautlos zu fragen, ob sie gehen soll, aber ich gebe ihr zu verstehen, dass sie lieber bleiben soll. Da wir im Unterricht ständig auseinander gesetzt werden, weil wir zu viel reden, sind wir ziemlich gut darin geworden, ohne Worte miteinander zu kommunizieren.
Der Mann sieht dreimal zwischen uns hin und her, bevor er sich an das Geländer lehnt, um uns beide im Blick zu haben.
»Hi, ich bin Jon Polk. Ich komme von Wingfield Productions.« Er streckt mir seine Hand hin.
Ich nehme sie zwar, halte aber ein wenig Abstand, wie bei einem fremden Hund, dem man ein Leckerli gibt.
»Ich bin Cara.« Jede Frage, die ich jetzt stellen könnte, würde irgendwie unhöflich klingen, also entscheide ich mich für meine Fitnessstudio-Empfangstresen-Stimme. »Kann ich Ihnen helfen?«
»Ich weiß, dass ich ohne Vorwarnung hier auftauche, aber ich habe dein Video gesehen, und ich liebe es. Es ist so ... real.«
»Es war echt. Ich habe aus Versehen die Kamera angelassen.«
»Stimmt. Natürlich.« Jon nickt. »Um direkt zur Sache zu kommen ... Wir casten gerade für eine Fernsehsendung, eine Datingshow, und wir fänden es toll, wenn ihr vorsprechen würdet. Wir sind im Moment in unserer Zentrale draußen in Pittsburgh.«
Nun, wenigstens werden wir nicht aus unserer Wohnung geworfen.
»Ich verstehe nicht ganz ... Ich bin noch gar nicht volljährig.«
Jon wird kurz bleich, doch dann kehrt die Farbe zurück in seine Wangen.
»Eigentlich meinte ich auch deine Mutter. Wir sind auf der Suche nach getrennt lebenden und geschiedenen Alleinerziehenden mit einem Kind, die eine neue Liebe suchen und wieder heiraten wollen. Es soll sozusagen vor laufender Kamera eine neue Familie entstehen.« Er reicht mir einen Flyer und einen Stapel zusammengeheftete Papiere. »Das sind der Casting-Aufruf und noch ein paar zusätzliche Informationen. Wir führen gerade die letzten Gespräche, aber wenn ihr Interesse habt, kriegen wir euch noch unter. Das wird die erste Staffel, daher wird die Show viel Aufmerksamkeit bekommen.«
»Wann ist das?«
»Morgen. Sorry, ich weiß, das ist ziemlich kurzfristig, aber ich musste einfach herkommen.«
Vanessa starrt ihn an, als hätte er mir gerade einen Mondflug angeboten. Ich bin mir allerdings ziemlich sicher, dass ich eher irritiert dreinblicke. Als Jon das Wort »Productions« erwähnt hat, dachte ich, er wolle nur die Erlaubnis, von uns irgendwelche GIFs oder so zu machen.
»Warum wir? Wir sind doch vollkommen uninteressant.«
»Nicht mehr!«, mischt sich Vanessa ein. »Inzwischen kennt euch das ganze Internet.«
»Woher wissen Sie, wo wir wohnen?« In dem Moment, in dem ich sie ausspreche, wird mir bewusst, dass das meine erste Frage hätte sein müssen, als ich den Fremden dabei erwischt habe, wie er mit den Händen am Fenster in unsere Wohnung geglotzt hat.
»Die Stadt steht in deinem SeeMe-Profil. Und dann haben wir den Namen deiner Mutter in eine Adress-Suchmaschine eingegeben.«
Okay, die Antwort ist nicht einmal annähernd so gruselig wie befürchtet, dennoch kann ich keinen klaren Gedanken fassen. Unangenehmes Schweigen breitet sich aus. Ich spüre, wie der Flyer in meiner schwitzigen Hand langsam aufweicht.
»Ich sollte besser meine Mom anrufen.«
Ich schreibe ihr und versuche auch, sie anzurufen, doch sie geht nicht ran. Hoffentlich nicht, weil sie gerade irgendwelche Verträge für einen Nebenjob unterschreibt, den sie eigentlich gar nicht machen sollte.
Ich lege die Hand auf mein Smartphone und lehne mich näher zu Jon.
»Kurze Frage: Gibt es für die Show Geld?«
Er holt tief Luft und zögert einen Moment.
»Eigentlich besprechen wir die Details erst, sobald wir eine Auswahl getroffen haben – nur um die Seriosität des Castingprozesses zu gewährleisten. Aber ich kann euch versichern, dass alle Teilnehmenden eine Aufwandsentschädigung erhalten.«
Als erneut nur die Mailbox rangeht, lege ich genervt auf.
»Okay. Nun, ich komme gerade nicht durch. Ich schätze, wir müssen Sie später zurückrufen.«
»Super. Ich freue mich, dass ich dich angetroffen habe, und hoffe wirklich, von euch zu hören. Eure Geschichte ist einfach perfekt.« In seinem Eifer, mir eine Visitenkarte zu reichen, gibt er mir aus Versehen zwei. Mit dem Daumennagel fummle ich an der Ecke von der einen herum, während ich Jon dabei beobachte, wie er die Treppe auf der anderen Seite des Gangs hinuntergeht und in einen weißen Kombi steigt.
Vanessa lässt sich nach vorn kippen und stützt die Hände aufs Geländer, die Füße immer noch auf der Türschwelle. Mit dem Blick verfolgt sie Jons Auto, das an der Kreuzung an der roten Ampel stehen bleibt.
»Ist das gerade wirklich passiert?«, fragt sie ungläubig.
Eure Geschichte ist einfach perfekt.
Ich drehe meinen Finger und begutachte die kleine runde Narbe, die ich mir durch ein Stück Draht an meinem Brautjungfernstrauß zugezogen habe, als wir bei der Hochzeit meines Dads die Gruppenfotos gemacht haben. LeAnne wollte nicht, dass ein Pflaster die Fotos ruiniert, also habe ich meine Hand einfach so fest um den Strauß geschlossen, dass das Blut in das rustikale Juteband gesickert ist.
Alles zusammenhalten – das ist es, was ich tue.
Doch jetzt, da die Wahrheit endlich raus ist, wird mir bewusst, dass ich vielleicht alles Alte loslassen muss, damit etwas Neues entstehen kann.
Ich höre quietschende Reifen und blicke auf. Fast rechne ich damit, dass Jon zurückkommt, weil er vergessen hat, mir irgendetwas Wichtiges zu sagen. Doch statt des weißen Kombis ist es Dads SUV, der wieder auf den Parkplatz fährt.
Mein Vater schlägt die Wagentür zu, umrundet die Motorhaube und rennt die Treppe hoch. Als er mich entdeckt, wird er noch schneller.
»Was hast du getan? Warum muss ich davon im Radio erfahren?«
Erwischt!
»Es war ein Versehen.« Mein Mund reagiert schneller als mein Gehirn. »Ich wusste nicht, dass die Kamera noch an war. Als es mir aufgefallen ist, habe ich das Video sofort gelöscht.«
Ich erwähne nicht, dass es bis dahin schon über eine Million Klicks hatte.
»Warum war die Kamera überhaupt an?«, brüllt er und reibt sich mit beiden Händen die Stirn. »Wie kann man nur so dumm sein und ...«
Vanessa macht einen Satz nach vorn, packt mich hinten am T-Shirt und zieht mich in ihr Apartment. Dann stellt sie sich mit erhobenem Zeigefinger in den Türrahmen.
»Sorry, Mr. Hawn, aber niemand bezeichnet meine beste Freundin als dumm. Sie können wiederkommen, wenn Sie nicht mehr ... so sind. Wie auch immer Sie gerade sind. Auf Wiedersehen.«
Sie knallt ihm die Tür vor der Nase zu, und ich schlinge einen Arm um sie.
»Danke. Ich kann das nicht, wenn er sich so aufführt.«
»Dafür bin ich ja da.«
Als Dad gegen die Tür tritt, gefolgt von einem leisen Fluchen, müssen wir uns das Lachen verkneifen. Ich spähe durch die Vorhänge und beobachte, wie er zur Treppe humpelt und kurz stehen bleibt, um seinen Fuß auszuschütteln.
Da es ziemlich unbequem ist, sich zu zweit auf das kleine Sofa zu quetschen, setze ich mich auf den Fußboden und strecke die Beine aus.
»Ich kann mich nicht erinnern, wann er das letzte Mal so wütend war.«
»Dabei weiß er das mit der Fernsehshow noch gar nicht«, fügt Vanessa hinzu.
Mein Seufzen klingt eher wie das Grunzen eines erschöpften Schweins. »Keine Ahnung, wie ich das meiner Mom verklickern soll.«
»Hast du ihr schon von dem Video erzählt?«
»Nein, ich habe mich nicht getraut. Aber vielleicht bringt sie mich ja gar nicht um.« Ich erzähle ihr von dem neuesten Therapie-Debakel. »Wenn wir bei der Show mitmachen, haben wir endlich das nötige Geld, um von Dad wegzukommen. Andererseits werden wir dann die nächsten x Jahre keine Privatsphäre mehr haben.«
Vanessa lehnt sich zurück und stößt so heftig die Luft aus, dass ihr Pony hochfliegt. »Das ist eine schwierige Entscheidung. Willst du denn überhaupt bei einer TV-Show mitmachen? Vom Geld mal abgesehen.«
»Wo besteht der Sinn darin, irgendetwas anderes zu wollen, wenn man kein Geld hat?« Ich zähle die Gründe an meinen Fingern ab. »Wir haben nicht das Geld, damit sich Mom aus dem Fitnessstudio freikaufen kann. Wir haben nicht das Geld, um wieder vor Gericht zu ziehen und ihnen zu sagen, dass ich meinen Dad nicht mehr sehen will. Wir haben nicht das Geld für einen Neuanfang. Es gibt nichts außer einem boshaften Ehevertrag und einer monatlichen Unterhaltungszahlung, die im Oktober eingestellt wird.«
Vanessa stößt mich mit dem Fuß an. »Komm schon. Du weißt genau, was ich meine. Jeder hat so etwas wie einen Plan. Ich will doch nur wissen, ob dir die Show irgendwie in die Quere kommen würde.«
Ich schüttle den Kopf, denn ich kann meiner Stimme gerade nicht vertrauen. Ich bin nicht wie Vanessa, die bereits einen Fünfjahresplan hat und derart von der Schule besessen ist, dass ich es niemals nachvollziehen können werde. Auch wenn sie sich für die Studienkredite hoch verschulden muss, weiß ich, dass sie eines Tages eine erfolgreiche Programmiererin sein wird, einfach, weil sie es so sehr will.
»Was kommt dir als Erstes in den Sinn?«
»Verdammt, ich weiß es nicht, okay?« Als ich Luft hole, wird mir wieder bewusst, wie aussichtslos die Situation ist. Ich ziehe mein Shirt bis zur Nase hoch und schluchze in den breiten Bund des Kragens, während die Verzweiflung von mir Besitz ergreift. Ich drücke den Stoff gegen meinen Mund, und mein stockender Atem wird von der einen Frage übertönt, die mir jeder Lehrer, jeder Kunde und jeder Cousin stellt, als müsste ich es unbedingt jetzt schon wissen: Was willst du mal werden, wenn du groß bist?
Vanessa beugt sich herunter und rüttelt an meinem Turnschuh.
»Nicht weinen. Tut mir leid.«
»Ich will einfach nicht, dass der Rest meines Lebens so aussieht.« Die Worte quälen sich meinen Hals hinauf, und ich fühle mich, als würde man mir die Pistole auf die Brust setzen. »Selbst wenn sich sonst nichts ändern würde, könnten Mom und ich glücklich sein, wenn wir allein wären.«
Jedes Mal wenn ich an Dad denke, komme ich mir vor wie ein Hund, den man in den Garten verbannt hat. Der dankbar sein muss, dass er eine Schüssel hat und hin und wieder etwas zu fressen und ein Kopftätscheln bekommt. Der versucht, in dem »Immerhin« so etwas wie Liebe zu erkennen.
Vanessa rutscht vom Sofa und krabbelt auf mich zu, um mich in die Arme zu schließen. Sie sagt nichts, und das muss sie auch gar nicht.
Ich lasse den Blick durch ihr vollgestopftes Wohnzimmer schweifen, über die Aufstellwand, die den Raum vom Schlafzimmer trennt. Ihre Wohnung ist genau wie meine: einfach viel zu klein. Menschen, die in einem kleinen Leben gefangen sind, trauen sich nicht, Träume zu haben, die darin keinen Platz hätten.
Nachdem ich mich beruhigt habe, hilft mir Vanessa, einen Plan auszuhecken, wie ich Mom die Neuigkeiten am besten mitteile. Doch nachdem wir uns eine Stunde lang nur im Kreis gedreht haben, kommen wir zu dem Ergebnis, dass es keine schonende Art gibt.
»Du musst es einfach raushauen«, sagt Vanessa und spielt an der Kordel ihres Sweatshirts herum.
»Ich bin nicht gut in so was.«
»Ich glaube an dich.« Sie deutet auf den Fußboden. »Dein Handy klingelt.«
Es ist Mom. Ich gehe ran und halte das Smartphone ein paar Zentimeter von meinem Ohr weg.
»Hallo?«
»Hey. Alles in Ordnung bei dir? Dein Dad hat mir diese merkwürdige Nachricht auf der Mailbox hinterlassen. Er sagt, dass ihr euch gestritten habt und er sich vielleicht den Zeh gebrochen hat. Was ist passiert?«
»Können wir reden, wenn du zu Hause bist?«
»Okay. Ich bin in ungefähr einer Viertelstunde da. Versuch bitte, deinen Vater nicht mehr so wütend zu machen. Ich kann es nicht gebrauchen, dass er mir morgen, wenn ich endlich mal keine Kurse habe, den ganzen Tag hinterherläuft und sich beschwert«
»Was ist mit Kickboxen?«
»Morgen ist Mittwoch.«
Oh, stimmt. Ich habe das Gefühl, dass seit heute Morgen mindestens achthundert Jahre vergangen sind.
»Ich versuche nicht mal, so zu tun, als wüsste ich, welcher Tag heute ist. Wir sehen uns dann in ein paar Minuten.«
Ich umarme Vanessa zum Abschied und schlurfe nach nebenan. Mein Gehirn spielt alle möglichen Szenarien durch, doch fast alle enden schlecht. Ich stelle mir vor, dass Mom nicht mehr mit mir redet, dass ich nicht mehr an den Computer darf und dass ich in meinem letzten Highschool-Jahr das Mädchen bin.
Ich lege den Flyer und die Eigentümervereinbarung, die mir Dad mitgegeben hat, umgedreht neben den Laptop, damit die Unterlagen nicht in dem Fotoberg verschwinden, der immer noch fast den ganzen Boden bedeckt.
Mein Bauch tut sein Unwohlsein mit einem Grummeln kund, und mir kommt so viel Magensäure hoch, dass ich sie fast schmecken kann. Ich gehe zum Kühlschrank und schiebe die gesunden Nahrungsmittel beiseite. Ich brauche jetzt etwas, das Trost spendet. Irgendwann gebe ich die Suche auf und schütte die Überreste meiner selbst gemachten Chips auf einen Teller. Dann rühre ich noch schnell einen wässrigen Dip aus Margarine und Moms fürchterlichem Tofu-Streichkäse an. Zum Schluss gebe ich noch ein paar Gewürze hinzu und kippe alles über die Chips. Boom, Nachos.
Dank Moms Obsession, was gesunde Ernährung betrifft, und den ganzen Kochsendungen im Fernsehen bin ich in so was mittlerweile ziemlich gut geworden.
Ich lasse mich aufs Sofa plumpsen, das auch gleichzeitig mein Bett ist, und schlage den Ordner mit der Eigentümervereinbarung auf. Es sind nur anderthalb Seiten. Eigentlich verstehe ich nichts von solchen Dingen, doch die Bedingungen sind so deutlich formuliert, dass schnell klar wird: Es gibt kein Entrinnen, es sei denn, Mom und Dad einigen sich auf einen Verkauf. Als ich LeAnnes Namen sehe, der den Briefkopf ruiniert, würde ich am liebsten zurück ins Fitnessstudio stapfen und sie mit einem der ergonomischen Springseile erdrosseln.
Immer schneller stopfe ich mir die Nachos in den Mund, bis das rhythmische Knirschen irgendwann so laut geworden ist, dass ich das Pulsieren in meinen Ohren nicht mehr wahrnehme. Langsam lassen die Bauchschmerzen – und damit auch meine Wut – ein wenig nach. Ich sinke in die verklumpten Kissen und schließe die Augen.
Das Geräusch von Mom, die versucht, den Schlüssel ins Schloss zu schieben, reißt mich aus meiner durch unechten Käse verursachten Trance. Als sie das Wohnzimmer betritt, schiebe ich schnell den Ordner in die Sofaritze.
»Cara?«
»Ich bin hier«, sage ich und tätschle das Sofakissen neben mir.
Nachdem sie ihre Handtasche aufgehängt und die Tür verriegelt hat, setzt sie sich auf die äußerste Kante und zieht besorgt die dichten Augenbrauen zusammen.
»Was ist los? Als ich nach dem Vorstellungsgespräch mein Handy eingeschaltet habe, hatte ich all diese merkwürdigen Nachrichten von Leuten, mit denen ich seit Ewigkeiten nicht mehr gesprochen habe.«
»Versprich mir, dass du mich zuerst ausreden lässt, bevor du etwas sagst.«
