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«Mütter prägen uns, auch wenn wir es nicht wollen, sie nisten sich in unseren Köpfen und Herzen ein, flüstern uns zu, schimpfen, trösten, tun es auch noch, wenn sie verstorben sind, tun es selbst dann, wenn wir sie nicht oder kaum kannten. Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns», schreibt Lena Gorelik. Alle meine Mütter erzählt von einer besonderen, oft lebenslang komplexen Beziehung und auch davon, welche Mütter wir selbst zu sein versuchen. Wie wir manchmal scheitern, zweifeln, stolpern. Welche Ängste uns begleiten. Was uns bindet und prägt, was uns abhält. Was es heißt, ungewollt Mutter oder nicht Mutter zu sein, ein Kind anzunehmen, zu verlieren oder nicht loslassen zu können. Tiefste Liebe, Zweifel, ganz verschiedene Formen von Glück – in der ersten Bindung unseres Lebens tritt der ganze Kosmos menschlicher Beziehungen zutage. Dieses Buch geht alle an. «Tief bewegend, brutal ehrlich: einfach wunderbar.» Doris Dörrie
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Seitenzahl: 295
Veröffentlichungsjahr: 2026
Lena Gorelik
Roman
«Ich schreibe dies als der Mensch, den meine Mutter zu einem Menschen machte. Obwohl meine Mutter schon lange denkt, ich sei ihr entwachsen, und ich ihr das Gegenteil verschweige: wie ich hinwachse zu ihr.»
Lena Goreliks neuer Roman erzählt von einer besonderen, oft lebenslang komplexen Beziehung und auch davon, welche Mütter wir selbst zu sein versuchen. Wie wir manchmal scheitern, zweifeln, stolpern. Welche Ängste uns begleiten. Was uns bindet und prägt, was uns abhält. Was es heißt, ungewollt Mutter oder nicht Mutter zu sein, ein Kind anzunehmen, zu verlieren oder nicht loslassen zu können.
Tiefste Liebe, Zweifel, ganz verschiedene Formen von Glück – in der ersten Bindung unseres Lebens tritt der ganze Kosmos menschlicher Beziehungen zutage. Dieses Buch geht alle an.
Lena Gorelik, 1981 in St. Petersburg geboren, kam 1992 mit ihren Eltern nach Deutschland. Ihr Roman Hochzeit in Jerusalem (2007) war für den Deutschen Buchpreis nominiert, Mehr Schwarz als Lila (2017) für den Deutschen Jugendliteraturpreis. 2021 erschien ihr Roman Wer wir sind und wurde begeistert besprochen. Regelmäßig schreibt Lena Gorelik Essays zu gesellschaftlichen Themen, u.a. für die Süddeutsche Zeitung oder Die Zeit. 2024 wurde sie mit dem Heinrich-Mann-Preis für Essayistik ausgezeichnet.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, März 2026
Copyright © 2026 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg
Covergestaltung Lübbeke Naumann Thoben, Köln, nach einem Motiv von Aprile Hodgkins
ISBN 978-3-644-02377-2
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Für euch
Früher dachte ich, meine Mutter wird jeden meiner Texte auf jeden Fall lesen, also wäre ich mir früher sicher gewesen, sie liest auch diesen Text. So wird es uns beigebracht, dass unsere Mütter sich für alles, was wir tun, sagen, denken, schreiben, interessieren. Dass wir für sie das Wichtigste sind, jedes unserer Worte wertvoll.
Ich denke das nicht mehr, seit meine Mutter krank ist und ein eigener Mensch, mit eigenen Schmerzen. Seit diese Schmerzen so groß sind, dass sie mich, ihren größten Schmerz, so unterstelle ich manchmal, überlagern.
Sosehr ich ihr die Schmerzen nehmen möchte, sosehr ich mir wünsche, dass ihre Stimme wieder stark klingt, nach ihr, so sehr freut sich etwas in mir, dass die Schmerzen, die ich ihr nehmen möchte, nicht mich zum Grund haben. Dass sie ihre eigenen sind.
Ich verstehe nicht mehr alles, was du schreibst, sagte sie vor wenigen Tagen zu mir. Eine Erkenntnis, die mit den Schmerzen nichts zu tun hatte.
Ich schreibe dies nicht für meine Mutter. Auch nicht für meine Kinder. Obwohl ich als Tochter schreibe, als Mutter, in aller Verwundbarkeit, die in diesen Rollen steckt. Ich lege sie aus wie Pflastersteine. Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns.
Das erste Notizbuch zu diesem Text ist ein blaues Schulheft, DIN A5. Ein Minion ist darauf abgebildet, «Proud To Be A Minion» steht in schräger roter Schrift quer über dem Bild.
Das Kind hat das Heft beim Aufräumen aussortiert: Brauche ich nicht mehr. Meine Mutter hatte es ihm irgendwann mitgebracht, seine Großmutter. In der Hoffnung, dass er darin rechnet oder schreibt oder malt. In der Hoffnung, ihm eine Freude zu machen, deshalb der Minion auf dem Umschlag.
Meine Mutter weiß nicht, was ein Minion ist, sieht das gelbe Ding auf T-Shirts, Mäppchen und Schlüsselanhängern prangen auf einem ihrer Gänge durch die Läden, auf der Suche nach etwas, das ihrer Tochter und den Kindern ihrer Tochter eine Freude sein könnte. Bezahlt, lächelt, steckt es vorsichtig in die Tasche. Zeigt es zu Hause stolz meinem Vater, der bestimmt kommentiert: Wozu brauchen sie das? Sie haben doch schon alles.
Das Kind weiß, was ein Minion ist, aber es mag keine Minions. Ich nehme dem Kind das Heft ab, der Nachhaltigkeit wegen, schiebe es in die Schublade zu den schönen, überteuerten Notizbüchern. Hole es für diesen Text heraus, als stellte ich damit eine Verbindung zu meiner Mutter her. Als gäbe sie mir so die Erlaubnis, diesen Text zu schreiben, von dem sie noch nichts weiß. Von dem auch ich nur weiß, dass er Mütter versammeln soll und Nicht-Mütter, uns alle irgendwie, unsere Kinder, wie die Kinder, die wir nicht haben. Von dem ich auch weiß, dass ich mich nicht weglassen kann und damit auch nicht sie, meine Mutter.
Wenn ich dies schreibe, tue ich das als der Mensch, den meine Mutter erzog. Mensch, nicht Frau. Erzog, ich bin kurz davor, das Wort zu löschen. «Erziehen» hat in der deutschen Sprache diesen Beigeschmack, als würde man die Kinder ihrer Form und Eigenart berauben, der Freiheit, ein eigener Mensch zu werden. Als biege man sie zurecht.
Also schreibe ich: zu einem Menschen machte. Zu der, die diese Worte schreibt.
Obwohl meine Mutter schon lange denkt, ich sei ihr entwachsen, und ich ihr das Gegenteil verschweige: wie ich hinwachse zu ihr.
Schwarze Schuhe, mit Absatz. Die Absatzsohle abgelaufen, rechts. Und links ist ein Stück abgebrochen, vorletzte Woche schon. Sie müsste den Schuh zum Schuster bringen, aber der Schuster hat nicht die Zeit, ihren Schuh zu reparieren, und sie hat nicht die Zeit, zum Schuster zu gehen, um ihn sagen zu hören, dass er nicht die Zeit hat.
Außerdem hat sie sich nach nur wenigen Tagen daran gewöhnt, links das Gewicht nicht auf die Ferse zu legen. Sie läuft vorne auf den Zehenspitzen, wie eine Ballerina, aber an Ballerinen denkt sie nicht. An den linken Schuh mit dem kaputten Absatz denkt sie auch nicht, vielleicht lässt sich heute nicht denken, vielleicht hat sie sich heute das Denken verboten. Die Zeit hat sie im Kopf, sie eilt mit kleinen, aber hastigen Schritten. Einmal schiebt sie den dicken Pelzärmel hoch, umständlich, mit dem ebenfalls dicken Lederhandschuh, mit dem sich kaum greifen lässt, wurstelt den Ärmel irgendwie nach oben, um auf die Armbanduhr zu blicken. Seufzt, befiehlt den Füßen größere, noch schnellere Schritte. Eilt nur, den Blick auf die Straße geheftet.
Ihre Augen suchen den Schneematsch nach Schlaglöchern ab. Was ist grauer heute, der Schneematsch, mehr Erde denn Schnee, tropfende, glitschige Masse, oder ist es der Himmel?
Sie hat keine Antwort auf diese Frage, weil sie sich diese Frage nicht stellt. Der Matsch ein Störfaktor, in dem die Füße versinken, und der Himmel schickt zum Glück keine weiteren Hindernisse, keinen Regen, keinen Schnee. Dem Himmel ist heute alles egal.
Sie eilt, sie möchte, nein, sie muss als eine der Ersten da sein. Vor acht wäre am besten, am besten, sie wäre die Erste. Das ist das Mindeste heute.
Den Schuh kann vielleicht ihre Mutter zum Schuster bringen, vielleicht kann ihre Mutter den Schuster überreden.
Was ist grauer, der Schneematsch, mehr Erde denn Schnee, oder ist es der Himmel? Ich halte inne, versuche, sie in Farbe zu sehen, aber sie eilt weiter die Straße entlang, in Schwarz-Weiß, in Grau, farblos und einsam. Ich wünschte, ich könnte ihr einen warmen Schal um die Schultern legen, Kaschmir vielleicht, grün. Kennt sie dieses Wort, Kaschmir? Ich weiß es nicht, ich wünschte, ich könnte ihr den Schal um die Schultern legen mit einer zarten, wollenen Geste.
Ihre Mutter wird den Schuh für sie zum Schuster bringen, an einem anderen Tag. Ihre Mutter würde alles für sie tun, aber was tut ihre Mutter jetzt, in diesem Moment? Weiß sie von ihrer grauen, eilenden Tochter, weiß sie alles oder das Wichtigste heute, wartet sie nervös auf und ab laufend auf eine Nachricht, blickt sie ebenfalls auf die Uhr? Wie wird ihr die Nachricht überbracht, und wie könnte diese Nachricht lauten: Alles gut gegangen, so ein Glück?
Ich weiß nicht einmal, wie sie miteinander kommunizieren, die Mutter mit der Tochter und andersherum, all die Menschen, die noch keine Telefonapparate in ihren Wohnungen stehen haben. Wird sie später in der Metro stehen, weil die Sitzplätze besetzt sein werden, wird sie sich in die Metro quetschen, um zu ihrer Mutter zu fahren, um ihr die Nachricht zu überbringen, von der ich nicht weiß, wie sie lauten könnte, oder wird es ihre Mutter sein, die sich in die Metro stellt, um zu ihr zu fahren, mit einem Topf Suppe vielleicht? Weiß ihre Mutter nichts, kocht die Mutter gerade Suppe, ohne zu wissen?
Ich weiß nicht einmal, wie sie miteinander kommunizieren, und ich erzähle dennoch von ihnen, der Tochter, der Mutter.
Im Bus steht sie eingeklemmt zwischen Körpern. Ihr Körper gequetscht, der Busen, die Schultern, und alles, was sich im Körper befindet, auch. Die Körper um sie sind in Mäntel gewickelt, in Stoff, in Pelz. An ihrer Wange reibt ein rauer Herrenmantel, grauer Filz, ihr ist, als sei es die Farbe, die ihre Wange kratzt. Eine Faust ohne Absicht an ihrem Bauch, eine Faust, die eine Ledertasche umklammert, die Knöchel schneeweiß. Etwas warnt in ihr, Vorsicht, bitte! Aber sie denkt rechtzeitig daran zu schweigen.
Ein junger Mann, mützenlos, spindeldürr, steht auf, um einer älteren Dame den Sitzplatz frei zu machen, presst sich mit seinem dünnen Hinterteil an sie, sein Hinterkopf in ihrem Gesicht. Sie riecht nichts, das ist die Erkältung, sieht nur die strähnigen schwarzen Haare in seinem Nacken. Dass er nicht friert, ohne Mütze, bei diesem Wetter. Machen Sie Plätze frei für ältere Bürger, Menschen mit Behinderung, Passagiere mit Kindern und schwangere Frauen.
Die Erkältung schleppt sie seit vorletzter Woche mit sich herum, nachts schläft sie schlecht mit der verstopften Nase. Schläft nicht ein, wälzt sich hin und her. Seufzt manchmal, aber weint nie. Da sind einfach keine Tränen. Da ist auch kein Kind.
Dass ich das so genau weiß: dass sie nicht weint. Wer kann das schon brauchen, das Weinen, und wem sollen sie helfen, die Tränen? Weiß ihre Mutter, dass die Tochter nicht schläft? Weiß sie, dass ihre Tochter im Bus von Körpern gequetscht wird, jetzt gerade, dass ihr Körper gequetscht wird, dass sie schweigt, als die fremde Faust in ihren Bauch fährt, unabsichtlich, versteht sich.
Die Mutter weiß, dass heiße Milch mit Honig gegen eine Erkältung hilft, das hat sie zu wissen als Mutter. Mütze, Schal, die Füße müssen warm sein, warme Socken, aus Wolle, von jemandem gestrickt. Der Kopf muss auch warm sein.
Braune Socken trägt sie über der Strumpfhose, ihre Mutter weiß sicherlich, von wem gestrickt. Der Bus ruckelt über Schlaglöcher, gibt keine Ruhe, ein Ellbogen in ihrer Seite, eine Tasche, die gegen ihren Oberschenkel klatscht. Ihre Mutter weiß heute nichts, aber das glaube ich nur zu wissen. Ich schnappe mir, ohne um Erlaubnis zu fragen, eine fremde Geschichte, kleide sie in meine, in fremde Worte.
Sie steigt nicht aus, sie wird, genau genommen, gestoßen. Der spindeldürre junge Mann fällt beinahe in ihren Rücken, fängt sich im letzten Moment, überholt sie blitzschnell. Dass diesem Dummkopf der Kopf nicht friert. Weiß seine Mutter, dass er ohne Mütze, ohne Schal auf der Straße läuft, heute, in diesem März?
Auch sie hat sich gefangen, blickt sich um, da ist die Ampel, sie eilt darauf zu. Der Wind kreischt von rechts, sie schiebt noch einmal umständlich den Pelzärmel nach oben, noch neun Minuten bis acht. Wenn sie es nur pünktlich schafft, wenn sie es als Erste schafft, ja, was eigentlich dann? Für sie ist es, als ob dann alles gut gehen müsste.
Die vorbeifahrenden Autos spritzen den Matsch hoch, der auf ihrem Mantel kleben bleibt, und der Matsch macht dieses Geräusch, wenn sich die Reifen in ihn fressen, das Geräusch, das in den März gehört und manchmal in den April. Der Winter ist mit seiner Jahreszeit noch nicht am Ende.
Ich denke über dieses Geräusch nach, sie aber nicht. Ich sehe sie gekonnt einer Pfütze ausweichen. Sehe, wie ihr linker Arm beim Laufen schwingt, der rechte aber klemmt die Tasche in die Seite. Sehe ihr Gesicht nicht, sie hält die Augen auf dem Boden. Ich sehe sie, kann ihre Schritte zählen, aber ihren Namen kenne ich nicht.
Ich weiß nicht, ob ihre Mutter weiß, vielleicht sogar weiß, obwohl die Tochter nichts erzählte. Mütter wissen doch angeblich so viel, auch ohne dass die Töchter erzählten – manchmal zu viel und häufig alles, was sie nicht wissen sollten. Den Töchtern wiederum bleibt nur eine Ahnung, sie wissen, welche Fragen verboten sind, ohne dass sie jemals jemand mit Worten verboten hätte. Die Mütter bewahren die Töchter vor Schmerz und, so gut sie können, vor dem Leben.
Dann steht sie vor dem Gebäude. Rote Ziegelsteine, aber das Rot ist zu Braun mutiert, und der Himmel färbt das Braun heute grau. Sie hält inne, nur um sofort wieder tätig zu werden: Jetzt versucht sie, ihren Mantel vom Matsch zu befreien. Erst klopft sie ihn ab, dann wischt sie die Reste mit gehetzten Strichen hinunter, zum Schluss hebt sie den unteren Saum mit den Handschuhen an, rüttelt ein wenig. Der Mantel ist noch nass, aber er kann immerhin nicht mehr tropfen.
Ein schwarzes Geländer an der Treppe zum Eingang, zehn Stufen. Sie zählt sie nicht, der Farbe des Geländers schenkt sie keine Beachtung. Sie stampft mit den Füßen auf, um den Matsch nicht gleich drinnen auf dem Linoleumboden zu verteilen. Dass der Boden Linoleum ist: Sie war schon einmal in diesem Gebäude, in seinen Gängen, in seinen Zimmern, sie war schon ein Mal hier, oder zwei Mal.
Sie stampft noch einmal auf, weil der Matsch an den Schuhen hartnäckig ist, und kurz vergisst sie, dass ein Stück vom linken Absatz abgebrochen ist, und so verschätzt sich das Hirn um eine Hundertstelsekunde, und sie schwankt. Es ist das erste Mal heute, dass sie schwankt.
Für sie trägt das Schwanken keine Symbolik. Nur ein Schuh mit kaputtem Absatz, sonst nichts. Sie eilt die Stufen hinauf. Blickt sich, bevor sie die schwere Tür öffnet, noch einmal um, als könnte jemand ihr folgen, als käme ihr jemand vielleicht doch noch zuvor. Jemand – eine. Vielleicht muss sie sich ja auch gar nicht umblicken. Vielleicht fällt sie einfach ins Gebäude hinein, als hätte sie jemand gestoßen, wie vor ziemlich exakt neuneinhalb Minuten aus dem Bus.
Die Minutenanzahl weiß ich genau, aber den Namen der Frau kenne ich nicht, ich möchte ihn vielleicht gar nicht kennen. Vielleicht betritt sie das Gebäude auch eilenden, selbstsicheren Schrittes, entschlossen, mit erhobenem Kopf. Selbstsicher, so sehe ich sie eigentlich nicht. Oder ich suche die Selbstsicherheit an der falschen Stelle, eben in den Schritten, suche die Selbstsicherheit, die ich als solche erkenne.
Sie könnte Olga heißen, Natascha, Irina. Sie könnte Marina heißen oder Mascha, Maschenka, Maschutka. Maschutka, so hat ihre Mutter sie früher genannt. Vielleicht sagt ihre Mutter das immer noch zu ihr, oder verwendet sie den Kosenamen heute nur noch, wenn sie über sie spricht? In ihrer Gegenwart nennt sie sie Mascha, Maschka. Die Zärtlichkeit versteckt sie, damit die Tochter aufs Leben vorbereitet ist, damit die Tochter weiß, dass das Leben kein Spaziergang ist, obwohl sie doch genau da drinsteckt, mitten in diesem Leben, obwohl sie doch jetzt gerade dabei ist, das zu tun, was dieses Leben von ihr erwartet. Maschenka ist ein gehorsames Mädchen.
Sie könnte Julja heißen, Rosa, Rita, Magda, Tamara, Katja, Anjuta. Sie könnte heißen wie ich, könnte so heißen wie jemand, die ich kenne.
Sie eilt den Korridor entlang. Der Korridor ist nicht gut beleuchtet, mehrere Glühbirnen sind ausgebrannt. Sie eilt, die Schwingtüren wirft sie mit einer Verve auf, als beträte sie gleich eine Bühne, die nur ihr gehört. In einem der Korridore überholt sie eine andere Frau, die sofort mehr Tempo in ihre Schritte legt, das gibt es doch nicht, da wird sich doch nicht eine vordrängeln wollen. Die Frauen tauschen keinerlei Blicke aus, nicht abschätzige, nicht wissende, nicht freundliche, nicht herausfordernde, nichts. Sie sind hier, weil sie etwas zu erledigen haben, sie haben hier zu tun.
Bevor sie das Empfangszimmer betritt, zieht sie eilig die Handschuhe aus, die sie irgendwie in die Tasche stopft. Dann rückt sie den Pelzhut zurecht, richtet sogar die Schultern auf, ganz bestimmt. Ich wage es nicht, die Frau nach ihrem Namen zu fragen.
Die Frau im Empfangszimmer wiederum, die gelangweilt und Nägel feilend und wichtig und unwichtig und vom Ehemann verlassen und vom Hunger geplagt sitzt, heißt Jelena Iwanowna, das meine ich zu wissen.
Jelena Iwanowna hat fest vor, bis zu ihrem Geburtstag, der bereits in einem Monat ist, in dreieinhalb Wochen, um genau zu sein, noch zwei Kilo zu verlieren. Einstweilen sitzt sie mit übereinandergeschlagenen Beinen, die ihre neuen schwarzen Stiefel mit dem zehn Zentimeter hohen Absatz präsentieren – ihre beste Freundin hat sie im Kaufhaus am Moskauer Prospekt erstanden, erstanden im buchstäblichen, sozialistischen Sinne: weil sie stundenlang anstehen musste für diese Stiefel –, thront sie, Jelena Iwanowna.
Guten Tag.
Jelena Iwanowna grüßt, um ihre offensichtliche Macht zu zelebrieren, nicht sofort zurück. Die Nagelfeile wandert vom Zeigefinger zum Mittelfinger, was ihrer ganzen Aufmerksamkeit bedarf. Das «a» im Wort zieht sie in die Länge, sodass es alle Überlegenheit noch einmal vorführt.
Die Frau, die vielleicht Maschutka heißt, weiß um die Macht von Jelena Iwanowna, sie braucht kein in die Länge gezogenes «a», um an diese Macht erinnert zu werden, aber sie nickt dennoch, hat die Botschaft verstanden.
Die Frau, die nicht Maschenka heißt, ich glaube einfach nicht, dass sie Maschenka heißt, wo sie doch auch Tanjetschka heißen könnte, von Tanja, trägt ihr Anliegen vor. Sie trägt ihr Anliegen vor, so schreibe ich das, es ist mir unmöglich, es anders zu schreiben, dialogisch zum Beispiel. Es ist mir unmöglich, zu phantasieren, wie ihre Sätze im Wortlaut klingen könnten, ich kenne nur deutsche Sätze, zum Beispiel: Ich habe einen Termin.
Die Frau aber, die weder Maschenka noch Tanjetschka heißt, weiß nicht, was ein Termin ist. Sie ist hier, weil sie eine Nummer gezogen hat, wörtlich ein «Nümmerlein». Das ist so ähnlich wie ein Termin, aber ohne Gewähr. Vielleicht, wenn sie Glück hat, wenn sie es geschafft hat, wirklich die Erste heute zu sein, wird sie sogleich weitergeschickt. Den Korridor entlang, immer geradeaus, dann durch die große Schwingtür nach rechts, bis zur Treppe, hoch, nach links, wo sie nach der Schwester namens Matwejewa suchen soll, die sie, wenn das Glück anhält, erst in den Wartesaal und dann zum Arzt geleiten wird. Natürlich nicht, ohne sie zu tadeln: Ist da nicht doch ein Rest Matsch an ihrem Schuh?
Und jetzt ist der Matsch auf dem Linoleumboden, auf dem frisch geschrubbten Linoleumboden, sagt Matwejewa, obwohl der Boden nicht frisch geschrubbt ist. Im besten Fall hat die alte Frau mit dem Kopftuch – wie war noch ihr Name? – lustlos den klebrigen Wischlappen drübergezogen.
Aber das sagt Matwejewa natürlich nicht, Matwejewa sagt: Matsch, hier in der Klinik, wo doch alles sauber sein soll, keimfrei? Und warum hat sie ihren Mantel nicht in der Garderobe abgegeben, und wer ist sie? Maschenka, Tanjetschka, Juljenka, Saschenka, Anjutka?
Vielleicht wird sie aber auch nicht weitergeschickt, vielleicht wird Jelena Iwanowna, während die Nagelfeile vom Mittelfinger zum Ringfinger wandert, auf dem immer noch der Ehering steckt, obwohl der Ehemann noch im August, noch in der Pilzzeit von ihr weggegangen ist, ihr gleich mitteilen, dass sie zu früh dran ist oder zu spät. Vielleicht ist der Arzt heute nicht aufgetaucht, weil er gestern zu lange operiert oder zu viel getrunken hat, vielleicht sind die Betten alle belegt oder die Schubladen mit dem Verbandszeug leer. Vielleicht ist heute auch einfach nur der falsche Tag, der Mittwoch an sich könnte sich bereits als falsch entpuppen. Vielleicht ist es besser, wenn sie am Freitag wiederkommt oder wenn sie ihr Glück an einer anderen Klinik, in der Nr. 35 zum Beispiel, versucht, obwohl sie doch hier, in der Nr. 19, ein «Nümmerlein» ergattert hatte, über Beziehungen, über Beziehungen von Beziehungen, die nichts wissen durften, obwohl sie alles wussten, weil alle alles wissen, ohne dass etwas ausgesprochen wird. Oder vielleicht nicht alles, auf jeden Fall aber mehr als ich.
In diesem Moment klopft es kurz, aber voller Überzeugung an der Tür, und da geht die Tür auch schon auf, und die vorhin überholte Frau erscheint im Türrahmen, überholt Maschutka wiederum hier, in diesem Zimmer, obwohl sie sich kaum mehr als ein paar Schritte bewegt. Wie soll sie denn auch, der Raum ist vielleicht acht Quadratmeter groß.
Die Frau, die sie in den acht Quadratmetern überholt, trägt roten Lippenstift und in den Händen eine Pralinenschachtel, eine mit zwölf verschiedenen Sorten Konfekt und dem Denkmal des Eisernen Reiters auf der Packung.
Guten Tag, sagt die Frau, deren Name vielleicht Swetlana ist. Vielleicht hat ihre Mutter die Pralinen besorgt: für die Lehrerin des Enkels, der in Mathematik schon wieder versagt, er könnte dieses Jahr noch durchfallen. Was soll nur aus ihm werden, dem Jungen, seufzt sie, während sie ihrer Tochter die Pralinen überreicht, die angeblich für die Lehrerin gedacht sind.
Ich frage mich, ob der Junge im März auch ohne Mütze auf die Straße geht.
Die Mutter des Jungen, stelle ich mir vor, gibt sich größte Mühe, den Jungen zu erziehen, so wie meine Mutter sich bei mir Mühe gegeben hat. Erzogen, mich um andere zu kümmern, gut zu lernen, mich gut zu benehmen, in öffentlichen Verkehrsmitteln den Platz für ältere Bürger, Menschen mit Behinderung, Passagiere mit Kindern und schwangere Frauen zu räumen, eine gute Tochter zu sein, keine Fragen zu stellen.
Ich benehme mich gut, stelle keine Fragen. Keine Fragezeichen, und zwischen die Punkte schreibe ich Frauen hinein, die Freundinnen, die Schwestern meiner Mutter sein könnten, die all jene Frauen sein könnten, die mir über den Kopf strichen, wenn ich mich gut benahm, wenn ich all das war, wozu ich erzogen wurde, und vermutlich auch, wenn ich keine Fragen stellte.
Jelena Iwanowna schickt die Frau, die nun keine Pralinenschachtel mehr in den Händen hält – die Pralinenschachtel ist innerhalb weniger Augenblicke aus den Händen der Frau, die sich nicht überholen lässt, in die braune Tasche von Jelena Iwanowna gewandert, dorthin, wo auch schon eine Kaviardose steckt, 175 Gramm –, Jelena Iwanowna schickt die Frau namens Swetlana weiter.
Swetlana verlässt das Zimmer erhobenen Hauptes und eilenden Schrittes, den Korridor entlang, immer geradeaus, dann durch die große Schwingtür nach rechts, bis zur Treppe, hoch, dann links, wo sie nach der Schwester namens Matwejewa suchen soll. Jelena Iwanowna widmet sich wieder ihren bereits zur Perfektion gefeilten Fingernägeln.
Verzeihen Sie, sagt die Frau, die ich hätte sein können, wären die Dinge anders gelaufen: Und was ist mit mir?
Immerhin sagt sie diesen Satz.
Immerhin bin ich nicht diese Frau geworden. Ich bin nur die Frau, die diese Geschichte erzählt, die von Maschenka und von Swetotschka und von Tanja, Julja, Katja, von Anastasia und Jelisaweta, von Klara, Larissa und Alissa. Und von all den anderen Frauen, deren Namen ich im Internet fände, wenn ich in die Suchmaske eingeben würde: «sowjetische Frauennamen». Aber ich gebe das nicht in die Suchmaske ein, zumindest das möchte ich selbst schaffen, ihre Namen in meinem Kopf zu finden.
Und was ist mit Ihnen?, wiederholt Jelena Iwanowna. Sie legt die Nagelfeile ab, beugt sich nach vorne, die Ellbogen auf den Tisch, den Kopf in die Hände gestützt, theatralisch seufzend. Die darauffolgende Pause hält sie ebenfalls theaterreif ein.
Die Frau weiß, wofür diese theaterreife Pause vorgesehen ist. Sie beginnt ihre Tasche zu durchwühlen, indem sie zuerst die Handschuhe herauszieht, von denen ihr einer sogleich auf den Boden fällt. Oj, ruft sie aus, beugt sich hastig hinunter, hebt ihn auf, hält ihn mit zwei Fingern fest. Mit den anderen durchsucht sie die Tasche, aus der sie endlich auch eine Pralinenschachtel hervorzerrt, eine gelbe, sechs Sorten Konfekt und kein Ritter auf der Packung.
Wortlos legt sie die Pralinenschachtel auf den Tisch.
Wortlos wandert die Pralinenschachtel in Jelena Iwanownas Tasche, wird als kleine Schwester an die große gepresst. Es gibt Dinge, über die man einfach nicht spricht.
Über Frauendinge beispielsweise, die man genau so nennt, «Frauendinge». Sie ist beim Arzt wegen Frauendingen, sagte man zum Beispiel, wenn Frauen Gynäkolog:innen aufsuchten, und wegen «Frauendingen» wurden Frauen operiert, ohne dass man die «Frauendinge» jemals näher benannte.
«Frauendinge» klingen groß, und weil sie groß und geheimnisvoll und auch nicht gut klingen, lernen wir Töchter, dass wir besser nicht fragen. Wir lernen zu schweigen, gehen später selbst wegen «Frauendingen» zum Arzt.
Auch die Frau, deren Name nicht von Bedeutung ist, ist an diesem Tag wegen «Frauendingen» hier. Jelena Iwanowna, die mit ihren wohlgefeilten Fingernägeln geschäftig in Papieren mit Tabellen blättert, in die so gut wie nichts eingetragen ist – als würde sie nach etwas suchen, nach etwas, was sich nur mit allergrößter Mühe finden lässt: ein Löchlein Zeit. Der Arzt, Valerij Petrowitsch, er hat heute viel zu tun. Da ist das «Nümmerlein» auch keine Hilfe.
Jelena Iwanowna weiß viel und vermutlich alles. Sie hat auch schon, sechs Mal, sie lag auch schon auf dieser Liege. Valerij Petrowitsch scherzte noch, bevor er begann, er liebt kurze, schmutzige Witze, und Matwejewa, die brachte ihr die guten, die sauberen Binden. Jelena Iwanowna ist froh um die Arbeit an dieser Stelle, sie tauscht gekonnt «Nümmerlein» gegen Pralinen und Kaviardöschen.
Jelena Iwanowna seufzt nun zwischen Erleichterung und Erschöpfung. Ja, sie denkt, dass es heute noch klappen könnte, ein kleines Löchlein Zeit.
Rennen Sie, sagt sie, rennen Sie, dann kommen Sie diesen Morgen noch dran.
Und sie rennt, den Handschuh noch in der Hand, der Klickverschluss der Tasche geöffnet, ihr Körper leichter jetzt ob der Hoffnung, dass es heute noch klappen könnte, die Treppe hinauf, etwas außer Atem, und vielleicht zittern ihre Hände ein wenig. Niemand weiß, dass sie heute hier ist, nur ich.
Was ich auch weiß: dass die Sowjetunion einmal den Weltrekord an Schwangerschaftsabbrüchen gehalten hat. Dass viele Frauen bis zu zehn Mal abtrieben, und manche auch zwanzig Mal. Dass Abtreibungen, Aborte, wie man auf Russisch sagte, zur Verhütung zählten. Ich lese: vier Schwangerschaftsabbrüche auf eine Geburt. In jeder Abort-Sonderabteilung einer jeden Klinik wurden pro Tag bis zu zweihundertfünfzig Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen. Die Eingriffe waren kostenlos und legal, das weiß ich, und dass die Umstände, unter denen die Eingriffe vorgenommen wurden, menschenunwürdige waren. Ich weiß es im Sinne von: Ich habe gelesen. Ich lese, versuche Berichte zu finden, meine, Frauen zu sehen, ich weiß nichts, erfinde deshalb. Verschweige Fragen, ich hoffe, aus Respekt.
Matwejewa geht bald in Rente, sie hat schon alles gesehen, und bald, wenn sie in Rente ist, holt sie jeden Tag ihre Enkelin aus der Kinderkrippe ab. Sie kennt sie alle, die Maschenkas und die Tanjetschkas, sie kennt Marina, Rita, Rosa und Magda, sie kennt auch Sofia und Ljuba, sie kennt Sofias Tränen, kennt Ljubas Ängste, kennt die Routine, die Hast, kennt all die Fragen, die Wünsche, den Schmerz. Kennt die Verängstigten und die Abgebrühten, die Vernünftigen kennt sie, die Anspruchsvollen und die, die ihr nicht in die Augen blicken, kennt, worüber sie nicht spricht: Blutklumpen, Urin, Schreie.
Matwejewa kennt auch die Frau, die jetzt mit suchenden Augen, schnellen Schritten und offener Handtasche ihren Korridor betritt. Sie hat sie schon ein Mal, zwei Mal, fünf Mal, Tausende Male hier gesehen. Ihr Mantel hinten tropft, schwarzes Wasser, das einmal Schnee gewesen ist.
Nu, was soll denn das, hätten Sie den Matsch nicht abschütteln können? Das ist doch eine Klinik, hier muss alles sauber sein. Wir haben hier Kranke.
Matwejewa führt sie in einen Warteraum, es ist siebzehn Minuten nach acht, es sitzen bereits, sie zählt, eins, zwei, sieben Frauen hier. Auch die mit dem roten Lippenstift sitzt hier, Swetotschka vielleicht ihr Name.
Die Frauen blicken, als die Tür zum Wartesaal geöffnet wird, hoffnungsvoll auf, diese Hoffnung, dass gleich etwas geschieht. Dass es vorbei sein könnte, bald, in wenigen Minuten, dass das Warten ein Ende hat, dass alles gut geht, sie wieder nach Hause können, zu den Ehemännern, zu den Kindern, zu den Eltern, dorthin, wo das gestapelte Geschirr auf den Abwasch wartet, wo das Leben einfach und zum Glück weitergeht.
Matwejewa weist mit der Hand auf einen freien Platz auf der Holzbank, die Stühle sind alle besetzt.
Mädchen, bereitet schon einmal die Pässe vor, sagt sie, bevor sie den Wartesaal wieder verlässt.
Matwejewa muss nicht warten. Matwejewa wartet auf den Tag, an dem die Rentenzeit endlich beginnt, kein Blut, keine Frauendinge mehr, sie möchte ihrer Tochter helfen und die Enkelin aus der Kinderkrippe abholen, und eines Tages wird die Enkelin auch auf dieser Bank auf einem freien Platz sitzen, aber darüber denkt Matwejewa heute nicht nach. Und täte sie es doch, sie würde vielleicht mit den Schultern zucken.
Matwejewas Enkelin heißt Dina, und weil Dina noch in die Kinderkrippe geht, wird sie Dinotschka genannt – wenn sie ein braves Mädchen ist, wenn sie sich gut benimmt. Dinotschka weiß, dass ihre Großmutter in einer Klinik arbeitet, dass sie eine Krankenschwester ist, dass sie sich um kranke Menschen kümmert, dass sie sich um Frauen kümmert oder eben auch nicht kümmert, je nach Tageslaune, je nach diensthabendem Arzt, je nach Wetter.
Heute zum Beispiel ist der Himmel faulgrau, und der Frühling schafft es noch nicht, den Matsch zu vertreiben. Ich weiß, dass meine Mutter irgendwann zwischen zwei anderen, wichtigeren Sätzen sagte, sie hätte gerne so viel mehr Kinder als meinen Bruder und mich gehabt. Ich ahne, dass sie die Frage, warum sie nicht mehr Kinder bekommen hat, mit den Umständen beantworten würde. Du verstehst einfach nicht, wie wir lebten, kann ich sie sagen hören. Die wenigen Quadratmeter, der ständige Mangel an Lebensmitteln, das war kein Leben.
Was ich nicht ahne, sondern weiß: dass die Sowjetunion bereits im Jahre 1920 Schwangerschaftsabbrüche legalisiert hat und dass ich, statistisch gesehen, kaum eine Frau, die in der Sowjetunion gelebt hat, kennen kann, die keinen Schwangerschaftsabbruch hinter sich hat.
Tanjetschka blickt auf Kabel, die ungebündelt über die unverputzten Wände laufen, weiße, graue Kabel, ein schwarzes, das dicker als die anderen ist. Sie blickt hinunter, auf ihre Füße, der Matsch hat graue Schlieren auf den schwarzen Schuhen hinterlassen. Unter den Schuhen braune Keramikfliesen, vermutlich keine einzige ganze darunter, was ihr nicht auffallen wird. Ihr fallen nur die Kakerlaken auf. Eine, zwei, dahinten auch noch eine, man erkennt sie so schlecht im fahlen Licht.
Sie blickt nicht zu den anderen Frauen, nicht in ihre Gesichter, und in das Buch in ihrer Tasche blickt sie auch nicht. Sie hat das Buch vergessen, und die Heizungsrohre, die an den Wänden verlaufen, brodeln und brummen vor sich hin, überdecken mit diesem Geräusch alle Seufzer. Die Seufzer geben der Angst Laut, ob das Betäubungsmittel wohl reicht. Manche geben überhaupt kein Betäubungsmittel, sie sagen, sie hätten keins, sie spielen Bestrafung, oder sie spielen Macht. Oder sie spielen gar nicht, erfüllen ihr Plansoll von achtzehn Schwangerschaftsabbrüchen pro Mediziner:in pro Tag.
Wie oft blickt sie auf die Uhr, ohne die Uhrzeit lesen zu können, bevor Matwejewa wieder das Zimmer betritt?
Zwei Frauen trippeln hinter Matwejewa herein, schauen sich um nach freien Plätzen, vermeiden Augenkontakt. Es gibt keine freien Plätze mehr.
Matwejewa blickt sich auch um, tadelnd, als wären die Frauen daran schuld, dass freie Plätze fehlen.
Du, du, du und du, ja, mit dem dunklen Zopf. Kommt mit, Mädchen, alle hinter mir, die Pässe habt ihr ja bereit, ruft sie, wie in der Schule, dreht sich schon um, und die vier springen eilig auf, können ihr Glück nicht fassen, was für ein Glück.
Auch sie schnappt sich die Tasche, ihren Pass, ihre Angst, trippelt hinter Matwejewa zur Registratur. Trippelt: Schritt für Schritt, Kachel für Kachel. Die Kacheln sind alle zersplittert, die Risse zeichnen ein Spinnennetzmuster auf den Boden, und in den Rillen sammelt sich Dreck, Schritt für Schritt. Wie kleine Enten, die hinter der Mutter hereilen, trippeln sie Matwejewa hinterher, nur dass Matwejewa nicht ihre Mutter ist.
Die Angst trägt sie mit sich, legt sie ganz unten ab, unter all den anderen Nöten. Wenn sie dieses Gebäude, wenn sie die Klinik Nr. 19 verlässt, hat sie sie schon beinahe vergessen. Es ist eine kleine Angst, die keinen Namen hat.
Weiß sie, dass Ängste weitergereicht werden, mit den Genen zusammen, irgendwie zwischen diese gemischt, weiß sie, dass sie in der Muttermilch stecken, dass sie sie weitergibt, wenn ihre Hand zart und zittrig über die Neugeborenenhaut streicht, so weich, dieses Wunder?
Aber jetzt ist wirklich nicht der Zeitpunkt, um über die Weichheit von Neugeborenenhaut zu sprechen, ich weiß.
Frauen, die zur Operation kommen, sollen zu Hause geduscht haben, sollen nicht geschminkt sein, müssen die Nägel geschnitten haben. Sie liest den Aushang im Vorbeigehen, ohne den Sinn zu begreifen. Sie liest, wie Kinder lesen, die gerade das Lesen erlernen: um gelesen zu haben. Sie denkt noch nicht einmal daran, einen Blick auf ihre (tatsächlich geschnittenen) Nägel zu werfen.
Das tue ich, deshalb weiß ich, dass die Nägel geschnitten sind, im Bad geschnitten am Sonntag, und an die Badtür hatte die Nachbarin geklopft, schon wieder, obwohl sie es doch ist, die das Gemeinschaftsbad am häufigsten und am längsten besetzt, und die Toilette im Übrigen auch.
Warten Sie, Jewgenija Alexandrowna, gleich komm ich raus, hat sie gerufen, selbst verwundert über die eigene, so ruhige Stimme.
Swetlana, die vor ihr läuft, wo denn sonst, hat sich im Wartezimmer noch die Lippen nachgezogen. Swetlana hat gestern Abend gebadet, sie hat sich in die Badewanne gelegt, in das beinahe zu heiße Wasser, hat die Augen geschlossen und ihren Kopf ganz langsam zurücksinken lassen, als ziehe sie vorsichtig und leise eine Tür hinter sich zu. Das Wasser schwappte über ihr Gesicht, legte sich über alles wie eine Decke. Auch bei Swetlana klopfte die Nachbarin an die Tür, aber Swetlana hörte unter dem Wasser das Klopfen nicht.
Swetlana liest den Aushang ebenfalls, seufzt. Hat die Worte als solche verstanden, in ihrer Sinnhaftigkeit, seufzt beim Gedanken an ihren Bekannten. Ihr Bekannter weiß nicht, dass sie hier ist, warum sollte er auch. Sie hofft, dass er sie heute nicht besuchen kommt.
Das heiße Wasser ist nicht für Sie alleine da!, hatte die Nachbarin gerufen, und dann hatte sie noch einmal gegen die Tür geklopft, diesmal mit dem Knauf ihres Gehstocks.
In der Registratur bekommen sie Leinensäcke ausgehändigt, ungebleicht. Sie werden zu Blechnummern, die baumeln an den Säcken, in die sie nun ihre Kleidung ablegen, und die Frau, die die Registratur beherrscht, Walentina Walentinowna, so benannt nach ihrem Vater, nach ihrem Großvater, und wie der Urgroßvater hieß, hat sie nie gefragt, trägt die abgelegte Kleidung sorgfältig in eine Liste ein:
Wintermantel, Pelz, schwarz
Pelzmütze, grau
Schal, grau
Kleid, schwarz
Strickjacke, braun
Strumpfhose
Wollsocken, braun – von wem eigentlich gestrickt? (Obwohl das nicht wichtig ist, Wollsocken sind wichtig, um Erkältungen im Winter zu vermeiden.)
Unterhemd, weiß
Die Liste hält alles fest, und Walentina Walentinowna blickt, während ihre Hand routiniert und fehlerfrei und ordentlich Listen erstellt, kein einziges Mal in die Frauengesichter. Sie sieht Socken, Blusen und Röcke, und manchmal sieht sie eine Bluse, die ihr gut gefällt, und oft sieht sie Strumpfhosenlöcher. Sie reißt den Durchschlag der Liste mit einer zackigen, geübten Geste ab, steckt ihn in die Krankenakte. Das Original reicht sie den Frauen entgegen, Hände vollziehen einen rationalen Tausch: Liste gegen Pass. Blicke werden selten ausgetauscht und gleich wieder bereut.
