Allegro Pastell - Leif Randt - E-Book

Allegro Pastell E-Book

Leif Randt

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18,99 €

Beschreibung

Germany’s next Lovestory. Leif Randt erzählt vom Glück. Von Tanja und Jerome, von Wirklichkeit und Badminton, von idealen Zuständen und den Hochzeiten der anderen. Eine Lovestory aus den späten Zehnerjahren. Tanja Arnheim, deren Debütroman PanoptikumNeu Kultstatus genießt, wird in wenigen Wochen dreißig. Mit Blick auf den Berliner Volkspark Hasenheide wartet sie auf eine explosive Idee für ihr neues Buch. Ihr fünf Jahre älterer Freund, der gefragte Webdesigner Jerome Daimler, bewohnt in Maintal den Bungalow seiner Eltern und versucht sein Leben zunehmend als spirituelle Einkehr zu begreifen. Die Fernbeziehung der beiden wirkt makellos. Sie bleiben über Text und Bild eng miteinander verbunden und besuchen sich für lange Wochenenden in ihren jeweiligen Realitäten. Jogging durchs Naturschutzgebiet und Meditation im südhessischen Maintal, driftende Dauerkommunikation und sexpositives Ausgehen in Berlin – Jerome und Tanja sind füreinander da, jedoch nicht aneinander verloren. Eltern, Freund*innen und depressive Geschwister spiegeln ihnen ein Leid, gegen das Tanja und Jerome weitgehend immun bleiben. Doch der Wunsch, ihre Zuneigung zu konservieren, ohne dass diese bieder oder schmerzhaft existenziell wird, stellt das Paar vor eine große Herausforderung. Allegro Pastell ist die Geschichte einer fast normalen Liebe und ihren Transformationen. Ein Roman in drei Phasen, beginnend im Rekordfrühling 2018.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 302




Leif Randt

Allegro Pastell

Roman

Kurzübersicht

> Buch lesen

> Titelseite

> Inhaltsverzeichnis

> Über Leif Randt

> Über dieses Buch

> Impressum

> Klimaneutraler Verlag

> Hinweise zur Darstellung dieses E-Books

Inhaltsverzeichnis

MottoPhase Eins1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. KapitelMottoPhase Zwei8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. KapitelMottoPhase Neu18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel
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»Der ›utopische Sexraum‹ war natürlich vor allem als Gag gemeint, das weiß ich auch heute noch, selbst wenn die Erinnerung bereits verklärt ist und mir meine Aussage im Nachhinein fast wahrhaftig vorkommt.«[1]

* Wim Endersson

»Einige spirituelle Lehren sagen, dass aller Schmerz letztendlich eine Illusion ist, und das ist wahr.«[2]

* Eckhart Tolle

»Vorauseilende Wehmut –  – bester Zustand!«

* Tanja Arnheim

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Phase Eins

1

Gründonnerstag, 29. März 2018. Der Frankfurter Hauptbahnhof wurde von milder Abendsonne geflutet, die wartenden Passagiere an Gleis 9 warfen lange Schatten. Auf die Minute pünktlich um 18 Uhr 30 fuhr Tanja Arnheim mit ICE 375 aus Berlin ein. Als Jerome Daimler, der eine Tüte mit frischen Backwaren in der Hand hielt, Tanja auf Höhe des Bordbistros aussteigen sah, überlegte er für einen Moment, ob er ihr entgegenlaufen sollte, aber dann fand er es charmanter, einfach stehen zu bleiben. Tanja, die ihr glattes Haar streng hinter die Ohren gewachst hatte und Kopfhörer trug, ging mit ihrem Rollkoffer direkt auf Jerome zu, ohne ihn zu sehen. Jerome konnte gar nicht anders, als zu lächeln, und als Tanja ihn zwischen den umhergehenden Passagieren endlich wahrnahm, strahlte auch sie, was für Jerome erneut ein Ereignis war, denn bei Tanja Arnheim hätte man annehmen können, ihr Gesichtsausdruck ändere sich nie. Und dann plötzlich: hellwach glänzende Augen, gerade Zähne. Tanja setzte ihre Kopfhörer ab, sie küssten sich.

»Wie sieht es aus, hast du Hunger?« Diese Frage musste Jerome eigentlich gar nicht stellen, denn Tanja hatte meistens Hunger, und nach einer vierstündigen Zugfahrt gewiss.

»Ich habe lange im Bordbistro gesessen, die Maultaschen waren ganz okay.«

Sie küssten sich noch mal.

»Wollen wir gleich nachhause? Oder sollen wir uns hier irgendwo einen antrinken?« Jerome zwinkerte. Und Tanja zwinkerte auch.

»Lass uns zuhause trinken.«

 

Sie gingen Hand in Hand in Richtung U4. Jerome hatte sich nur selten zuvor dafür entschieden, an der Hand eines Girlfriends durch Menschenansammlungen zu gehen. An der Seite von Tanja hinterfragte er dieses Bild nicht einmal mehr. Vor einem Stand für frisch gepresste Fruchtsäfte hatte sich eine kleine Schlange gebildet, und es gab noch immer Kunden, die den riesigen Zeitschriftenhandel neben der Burger-King-Filiale besuchten, um Hochglanzmagazine zu kaufen.

Tanja hatte während ihres letzten Besuchs erzählt, dass es ihr deutlich mehr Spaß mache, kurze Videos und Fotos aus der Peripherie zu senden als aus der Hauptstadt, die jeder kannte. Aus beruflichen Gründen fuhr sie häufig mit Schnellzügen durch Deutschland, Österreich und die Schweiz, außerdem bemühte sie sich, jährlich mindestens eine Fernreise zu unternehmen. Ihre Meinung war, dass viele Menschen ihr Potenzial verschenkten, weil sie ihren eigenen Kosmos zu selten verließen. Jerome hatte ihr zugestimmt.

 

In der gut besuchten U-Bahn saßen sie nebeneinander und küssten sich mit geschlossenen Augen. Jerome kokettierte mit der Rolle des überglücklichen heterosexuellen Partners. In einem Moment machte er die U4 in Richtung Enkheim zu seiner eitlen Bühne, im nächsten vergaß er seine Umwelt komplett. Als er in einer Kusspause mit einer auffälligen Bewegung seinen rechten Arm um Tanjas vergleichsweise breite Schultern legte, setzte er ein sanftes Lächeln auf. Er merkte, dass er nicht die volle Kontrolle über seine Mimik hatte, und das empfand er als gutes Zeichen. Jerome mochte den Gedanken, dass er sich selbst gegebenenfalls unerträglich finden würde, könnte er sich hier in der U4 von außen sehen. Einen Gedanken zu mögen, der andere verunsichern würde – das war typisch für den neuen Jerome, der mittlerweile spielerisch unterschied zwischen einer inneren Persönlichkeit, die nur er selbst kennen konnte, und einer äußeren Persönlichkeit, die sich aus den Zuschreibungen der Umwelt zusammensetzte. Seine äußere Persönlichkeit konnte er auf Fotos und im Spiegel erahnen, da er dort die Blicke, Unterstellungen und Assoziationen anderer automatisch mitdachte. Seine innere Persönlichkeit spürte er besonders dann, wenn er einmal täglich die Augen schloss, um vorzugeben, dass er meditierte. Er hatte in den vergangenen elf Monaten zwar kein einziges Mal einen Zustand erreicht, den er als klassisch meditativ beschrieben hätte, weil er gar kein Interesse daran hatte, nicht nachzudenken, dennoch empfand er seine Meditationsversuche als wertvoll. Er glaubte, dass die Stimme, die währenddessen in ihm sprach und die ihn an die Vorleseautomatik seines Laptops erinnerte, die Stimme seiner inneren Persönlichkeit war. Seit Jerome diese Stimme kannte, ließ er sich von den Blicken anderer Leute kaum noch irritieren, und so hielt ihn auch nichts mehr davon ab, gelegentlich auffälligere Accessoires zu tragen, wie in der vorletzten Freitagnacht eine orangefarbene Oakley-Sonnenbrille aus dem Jahr 1999.

Jerome wunderte sich, dass in der U4 verhältnismäßig wenige Passagiere auf ihre Telefone blickten. Eine Teenagerin starrte Tanja an. Das Mädchen war auffällig gut geschminkt. »Ob die dir wohl auf Insta folgt?«, flüsterte Jerome. Für die Aufmerksamkeit von Fremden hatte Tanja einen sicheren Blick entwickelt. »Die mag nur meine Schuhe«, sagte sie. Seit Tanja vor dreieinhalb Jahren den kurzen Roman PanoptikumNeu veröffentlicht hatte, kannten einige kunstinteressierte Menschen ihr Gesicht. Weil es in ihrem Buch um eine sinnstiftende Virtual-Reality-Erfahrung von vier befreundeten Männern in einem stillgelegten Landschulheim ging, war sie als Expertin für VR unter anderem in eine Talkshow von Markus Lanz eingeladen worden. Tanja hatte das Missverständnis dankend angenommen, dann in der Talkshow aber betont, dass sie selbst nur etwa so viel über Virtual Reality wisse wie jede andere Person, die den Begriff schon einmal nachgeschlagen habe. Diese Haltung wurde ihr wahlweise als kokett und überheblich oder als erfrischend ehrlich ausgelegt. Liam, die Hauptfigur in Tanjas Romanminiatur, hatte eine Achtsamkeits-VR gestaltet, durch die seine Freunde ihre Sucht nach sexueller Bestätigung zunehmend in den Griff bekamen, zumindest so lange, bis ein eifersüchtiger Exfreund das System hackte und die Protagonisten gegeneinander ausspielte. Jerome hatte während der Lektüre häufig gelacht. Die zahlreichen Kritiken zu dem Buch hatte er erst nachgelesen, als er Tanja schon persönlich kannte. Offenbar hatten zu PanoptikumNeu viele verschiedene Menschen viele verschiedene Zugänge gefunden. Einige Fans gingen so weit, zu behaupten, dass sie die Lektüre verändert habe. Und diejenigen, die das Buch nicht mochten, wirkten peinlich stolz darauf, es nicht zu mögen, denn sie mochten ein Buch nicht, das anderen etwas bedeutete, was ihnen ein Gefühl dunkler Überlegenheit gab. Dass Tanja über Männer schrieb, obwohl sie eine Frau war, war in zwei Aufsätzen von Frauen kritisch thematisiert worden. Außerdem war im Essay eines Juniorprofs zu lesen gewesen, dass Tanja Arnheim, deren Gesichtszüge immer wieder als apart beschrieben wurden, für schwule Akademiker zwischen zwanzig und fünfundvierzig eine Art Ikone darstellte.

 

Jerome hatte seinen gemieteten Tesla-Jahreswagen an der U-Bahn-Station Kruppstraße geparkt, unweit des Hessen-Centers, einer vollends überdachten Shoppingmall am Stadtrand, an die Jerome zahllose, großteils positive Kindheitserinnerungen knüpfte. Im Hessen-Center war er oftmals zu Ferienbeginn mit seiner Mutter chinesisch essen gegangen, aber dieses Chinalokal gab es schon lange nicht mehr. Seinen letzten Lunch in dem tageslichtarmen Restaurant mit dem Aquarium datierte Jerome auf das Jahr 2004. Es war das Lokal einer völlig anderen Zeit, und doch hatte Jerome lebendige Erinnerungen daran. Während Tanjas letztem Besuch war er mit ihr durch das Hessen-Center gestreift und hatte erklärt, inwiefern sich die Mall verändert habe und inwiefern sich an diesen Veränderungen eine Transformation des generellen Konsumverhaltens ablesen lasse. Der Besuch in Vorstadt-Malls habe in den Neunzigerjahren auch für wohlhabende Städter noch einen gewissen Reiz gehabt, sodass sich im Hessen-Center anspruchsvollere Boutiquen hatten halten können wie auch Restaurants, in denen man gerne mehr als dreißig Minuten verbrachte. Während seines Monologs hatte Jerome die Wörter Ente kross süßsauer auf eine Weise betont, als läge etwas glühend Nostalgisches darin, und während des Sprechens war ihm aufgefallen, dass er manchmal Dinge erläuterte, die für Tanja nicht zwingend interessant waren. Tanja hatte geantwortet, dass sie genau das an ihm schätze. Dass so wenige Menschen sich trauten, ihre echten Erinnerungen zu erzählen, da diese naturgemäß arm an Pointen waren – darin erkannte sie ein strukturelles Problem, das eng mit der globalen Ökonomie verwoben war. »Doch gegen Probleme dieser Art ist mein Boyfriend Jerome Daimler offensichtlich immun«, hatte sie im Hessen-Center gesagt und Jerome angelächelt. Jerome hatte ein warmes Ziehen im Bauch gespürt und Tanja auf den Mund geküsst.

Immun hatte sich Jerome zu keinem Zeitpunkt seines Lebens gefühlt. Die Welt um ihn herum hatte ihn stets beschäftigt. In den Nullerjahren, mit Anfang bis Mitte zwanzig, war von der Gesellschaft aber noch ein größeres Belastungsmoment ausgegangen. Wenn er früher eine Mutter mit ihrem Kind streiten sah, hatte er sich zuerst überlegt, wie er als Kind reagieren, und kurz darauf, wie er als Mutter argumentieren würde. Beide Überlegungen hatte er als zehrend empfunden. Mittlerweile dachte Jerome an nichts, wenn er Mütter und Kinder streiten sah. Er hielt eine souveränere Distanz zu den Dingen, ohne dabei an Empathie einzubüßen, im Gegenteil, er konnte die Sorgen anderer heute leichter nachvollziehen, er war fairer und gütiger, aber er litt nicht mehr stellvertretend. Diese Verbesserung seines allgemeinen Lebensgefühls vergegenwärtigte sich Jerome immer dann, wenn er drohte nostalgisch zu werden. Denn Nostalgie war nur ein träger Reflex, der einem Mangel an Ideen entsprang – so ähnlich hatte es seine Mutter einmal formuliert, auf Englisch jedoch, vor etwas mehr als zehn Jahren.

 

Gerne hätte Jerome gewusst, wie viele Tesla-Fahrzeuge im Rhein-Main-Gebiet kursierten, aber er hatte nicht versucht, es zu recherchieren, denn so dringend wollte er es dann doch nicht wissen. Bei Jenny Köhler’s Electric Rental, einer neuen Institution auf der Hanauer Landstraße, bekam er bereits Treuerabatt, obwohl er dort erst zum dritten Mal einen Wagen gemietet hatte. In dem Autoverleih, über dessen Parkplatz nach US-amerikanischem Vorbild farbige Wimpel wehten, arbeiteten ausschließlich junge Frauen in weiten, teils ölverschmierten Uniformen. Am Rückspiegel des Tesla hing ein grüner Duftbaum, bedruckt mit der blumig geschwungenen Unterschrift von Jenny Köhler. Jerome dachte gar nicht erst daran, den Duftbaum aus seinem Sichtfeld zu entfernen. Er mochte es, Dinge exakt so zu nutzen, wie sie ihm angeboten wurden. Er war auch immer ein Freund von Zwischenmieten in bereits möblierten Zimmern gewesen und von Restaurants, die nur wenige Tagesgerichte auf der Karte hatten. Diese Haltung hatte er eine Zeitlang als Bescheidenheit missverstanden, dabei beruhte sie auf einer Sehnsucht nach Ordnung und Struktur, die zu einem gewissen Maß auch sein Interesse an Gestaltung begründete. Den Drang, zu gestalten, sah Jerome eng mit dem Zwang verbunden, Dinge ordnen zu müssen. Und wenn mal nichts geordnet werden konnte, weil alles schon vorgegeben war, war die Erleichterung enorm. Die meisten seiner Eigenschaften konnte sich Jerome aus seiner Biographie ableiten – schon als Kind hatte er seine Spielsachen gerne in Reihen auf dem Teppich ausgelegt –, aber er war gemeinhin kein Freund klassisch psychologischer Ansätze. Die Fakten waren schnell benannt: Jerome Daimler, freier Webdesigner, im November 1982 geboren im Hospital zum Heiligen Geist in Frankfurt am Main, aufgewachsen in Maintal, Studium in Düsseldorf und Den Haag, Berufseinstieg in Offenbach, wohnhaft jetzt wieder in Maintal.

 

Auf der kurzen Fahrt über die A66 gab es keine Komplikationen. Der grau-schwarze Innenraum des Tesla roch so, wie neue Autos auch früher schon gerochen hatten. Tanja benutzte Bluetooth, um ihr Telefon mit der Anlage zu verbinden, und spielte ihre Spotify-Playlist der Woche, die Jerome wie so oft besser gefiel als gedacht. »Guter Track«, sagte er über ein schwermütiges Lied, »das ist Bladee.« Tanja schaute nach. »Ja. Der Track heißt Numb/Beverly Hills.«

Auf dem Beifahrersitz las Tanja nun den Wikipedia-Eintrag zu Bladee und schaute sich Bilder von ihm an. »Schwede, Jahrgang 1994. Die meisten Fotos sind gut inszeniert und andere gar nicht. Sympathisch.« Jerome hatte Tanja gegenüber schon einmal erwähnt, dass ihm die Musik jüngerer Künstler meist mehr gebe als die von gleichaltrigen oder älteren. »Ich bin froh, dass es jetzt schon wieder so viel länger hell bleibt«, sagte Tanja. Jerome wusste, dass sie Derartiges nicht etwa sagte, um Gesprächszeit zu füllen, sondern weil sie tatsächlich erleichtert war. Ihre Bereitschaft, auch gewöhnlichere Gedanken zu teilen, war etwas, das Jerome sehr an ihr schätzte.

Von Fremden wurde ihr mitunter ein Leidensdruck unterstellt, vermutlich weil sie selten lächelte. Dabei wusste Jerome, dass Tanja meistens in der Lage war, sich auf etwas zu freuen. Er konnte sich kaum vorstellen, dass es viele Menschen gab, denen es emotional besser ging als Tanja. Ihre jüngere Schwester Sarah, die Drehbuch in Potsdam studierte, litt hingegen an Depressionen. Tanja hatte einmal erzählt, dass der Jahrgang 1988 besonders anfällig für psychische Erkrankungen sei, keinem anderen Geburtenjahrgang der Achtziger und Neunziger würden angeblich mehr Antidepressiva verschrieben. Ausgerechnet in der Familie Arnheim sei es aber so, dass es Tanja, Jahrgang 88, meistens gut ging, während Sarah, Jahrgang 92, ohne medizinische Hilfe in akuter Selbstmordgefahr schwebte. Als Tanja dies als eine statistische Kuriosität bezeichnete, hatte Jerome zunächst keine Antwort gewusst. Später hatte er gesagt: »Du kannst nichts dafür, dass Sarah traurig ist.«

 

In Maintal sahen viele Gebäude aus, als wären sie von Grundschülern entworfen: symmetrische Dreiecke, die auf rau verputzten Fassaden saßen, darin Eheleute, die Kinder aufzogen. Die meisten Einfamilienhäuser der Kleinstadt, selbst die mit den bräunlich verwitterten Dachziegeln, mussten innerhalb der letzten vier bis sechs Dekaden entstanden sein – eigentlich war diese Welt neu. Dass sich jedoch nichts daran neu anfühlte, fand Jerome zu gleichen Teilen bedrückend und charmant. Es ging in Maintal weder um Aufbruch noch um Restauration, wahrscheinlich ging es primär darum, nicht gestört zu werden, und diesen Wunsch konnte Jerome – auch wenn es nicht sein größter war – durchaus nachempfinden.

Er parkte den Mietwagen in der Einfahrt seines Elternhauses, einem unterkellerten Bungalowbau aus dem Jahr 1978, der für Maintal ungewöhnlich war. Die anthrazitfarbenen Wände und das Flachdach fielen positiv aus der Reihe. Ab einem Alter von neunundzwanzig hatte sich Jerome weitgehend mit diesem Gebäude an der Grenze zum Naturschutzgebiet Hartig identifizieren können. Dass er noch immer Elternhaus dachte, schob er vor allem auf seine demütige Grundhaltung, dabei hatte es sicher auch etwas mit Scham zu tun. Rein formal gehörte der Bungalow ja mittlerweile ihm, auch wenn er ihn weder entworfen noch bezahlt hatte. Jeromes Vater war zurück nach Frankfurt gezogen, in eine kleine Wohnung mit Blick auf den Eisernen Steg, und seine Mutter, die in Cambridge (UK) geboren und aufgewachsen war, wohnte seit drei Jahren in Lissabon, wo Jerome sie seither fünfmal besucht hatte. Ursprünglich war es der Plan beider Elternteile gewesen, den gemeinsam erworbenen Bungalow, den sie als eine Art Missverständnis aus der Mitte ihres Lebens einstuften, wieder zu verkaufen. Die Frage, ob Jerome vielleicht dort einziehen wolle, hatte sein Vater eher rhetorisch gestellt, doch am ersten Weihnachtstag 2016 hatte Jerome plötzlich gesagt: »Warum eigentlich nicht?«

 

Über den Abend ihrer ersten Begegnung unterhielten sich Tanja und Jerome gern. Beide fanden, dass es eher ungewöhnlich war, eine Beziehung mit einem One-Night-Stand zu beginnen, denn wie ein solcher hatte sich das Abstürzen im Hotel Fleming’s am Eschenheimer Tor zunächst angefühlt. Das allererste Screening der Webserienadaption zu PanoptikumNeu, gedreht mit Telefonen des Typs Samsung Galaxy S7, hatte in Frankfurt stattgefunden, in der Bar AMP, gegenüber dem großen Eurozeichen am Willy-Brandt-Platz. Im Publikum saßen mehr Männer als Frauen, und einige dieser Männer trugen auch im Spätsommer 2017 noch pedantisch gepflegte Vollbärte und dunkle Kleidung. Jerome, der selbst noch nie einen Bart getragen hatte, saß in der letzten Reihe und mochte Tanja sofort, stellte aber keine Publikumsfrage. Erst nach dem Screening, als Tanja mit der Moderatorin des Abends – einer Lehrbeauftragten der HfG Offenbach, die Jerome über Freunde kannte – bei einem Mineralwasser in Nähe des DJ-Pults stand, machte sich Jerome mit ihr bekannt. Er sagte, dass ihm die Präsentation der vierteiligen Miniserie gut gefallen habe, ohne dabei überschwänglich zu werden.

Die beiden waren im AMP geblieben, bis die Bar zumachte, und danach in die Terminus Klause gegangen, wo sie anfingen, sich zu küssen, und nach zwei großen sauer gespritzten Apfelweinen entschieden, sich vor dieser heiklen ersten Nacht nicht etwa zu schützen, sondern sie im Gegenteil mit einer gewissen Kälte durchzuziehen. Sie winkten ein Taxi herbei und fuhren in Tanjas Hotel. Der Sex im erstaunlich stickigen Zimmer war nicht besonders gut, aber es war spürbar, dass er einmal gut werden könnte, er trug ein Versprechen in sich, fand Jerome, also war es letztlich doch guter Sex.

Als sich Tanja am nächsten Vormittag nach nur vier Stunden Schlaf die Haare wusch, in einer gläsernen Duschkabine, die sich im Hotel Fleming’s absonderlicherweise mitten im Zimmer befand – bedruckt mit einem halbtransparenten Fleming’s-Schriftzug –, blieb Jerome die ganze Zeit respektvoll mit dem Rücken zu ihr auf der Bettkante sitzen und blickte auf sein Handy. Abends schrieb sie ihm aus München, dass es ›in ganz Bayern offensichtlich absolut niemanden zum Abstürzen gibt‹. Und Jerome schrieb, dass das Abendessen mit seinem Vater erstaunlich harmonisch verlaufen sei. Seine Unausgeschlafenheit habe dafür gesorgt, dass er geduldiger gewesen sei als sonst. Jerome musste wenig darüber nachdenken, was er Tanja textete, es fühlte sich normal an, ihr mehrere kleine Messages hintereinander zu schicken, und aufregend war es trotzdem, sodass er ahnte, dass dies der Beginn von etwas Neuem war.

 

Bei Tanjas letztem Besuch in Maintal hatten sie zuerst eilig miteinander geschlafen, waren dann bei einsetzender Dunkelheit zum Tegut gefahren und hatten sich im Anschluss Sojasteaks gebraten. Insgeheim war Tanja vermutlich davon ausgegangen, dass sie diesen Ablauf als eine Art Tradition wiederholen würden, doch diesmal hatte Jerome den Einkauf schon erledigt. »Espresso oder Drink?«, fragte er,und dann tranken sie zuerst einen Espresso und danach mehrere Gläser des zweitpreiswertesten Crémants, den es bei Tegut zu kaufen gab. Sie saßen Arm in Arm auf Jeromes anthrazitfarbener Couch in Südhessen. Zu keinem Zeitpunkt hatte Jerome das Gefühl, dass ihnen beiden dieses Bild vollends entsprach, er hatte auch nicht das Gefühl, auf seiner Couch in seinem Haus zu sitzen, aber er fühlte sich gut. »Morgen soll es regnen«, sagte Tanja mit Blick auf ihr Telefon. Sie wirkte überrascht. Auch Jerome war automatisch davon ausgegangen, dass sie ein ungewöhnlich sonniger und warmer Karfreitag erwartete. Gemeinhin herrschte bombastisch gutes Wetter, wenn er Zeit mit Tanja verbrachte. Sie fragte, ob sie im Laufe des Tages auch ein wenig an ihrer Webseite arbeiten wollten. Schon während ihres zweiten Treffens – das am Bahnhof von Hannover vor dem Imbiss Wurstbasar begann, sich in einem Bierpub am Südausgang des Bahnhofs fortsetzte, wo dann beide ihren jeweils letzten Zug verpassten – hatten sie sich darauf geeinigt, dass Jerome ihr eine Webseite bauen sollte – tanja-arnheim.space –, und zugleich darauf, dass sie von nun an ein Paar sein wollten. Tanjas Homepage, programmiert und gestaltet von Jerome Daimler, hatte unweigerlich den Charakter eines Love Commitments angenommen. »Anstatt an der Page zu arbeiten, könnten wir morgen auch in die Schirn Kunsthalle und danach ins Kino gehen«, schlug Jerome vor. Tanja war sofort einverstanden. »Ja, das ist besser.« Insgeheim hatte sie Angst vor ihrer Webseite, das wusste Jerome genau. Mit welchen Farben, Formen und Gesten konnte sie sich im Frühjahr 2018 identifizieren – diese grundsätzlichen Fragen setzten sie ziemlich unter Druck. Deshalb hatte Jerome längst entschieden, die Webseite alleine zu bauen und Tanja pünktlich am 30. April, dem Tag ihres dreißigsten Geburtstags, einen schlüssigen Entwurf zu präsentieren. Ein Geschenk wie in längst vergessenen Zeiten, dachte er, die erste eigene Homepage. Jerome arbeitete mit Hochdruck daran.

 

»Werden in deinem neuen Text Figuren aus Panoptikum wiederkehren? Hast du dir eine Ausgangsfrage gestellt? Gibt es sowas wie ein thematisches Zentrum?« Als die erste Flasche Crémant leer war, fühlte sich Jerome ein wenig so, als würde er seine Freundin interviewen, und er ahnte, dass ihr das gefiel, denn sein Interesse war aufrichtig, er befragte sie als Partner und Fan. Als er in die Küche ging und neue Gläser aus dem Regal nahm, die er mit Eiswürfeln, Cranberrysaft und Sky-Wodka füllte, hörte er Tanja sagen: »Ich glaube, man sollte sein Thema nie zu genau definieren.« Und nach einer kurzen Pause: »Die Figuren sind ähnlich, aber trotzdem neu. Sie kommen mir religiöser vor.«

In PanoptikumNeu waren die durchweg männlichen Figuren emotional labil, sie verhielten sich mitunter zwanghaft und es gab einige Verweise auf die Eltern dieser Figuren. Dass es nun wohl verstärkt um Religion anstatt um Psychologie gehen sollte, hielt Jerome für einen sinnvollen Schritt. Irgendwie kam ihm das freier vor. Denn während man seiner Psyche oft schutzlos ausgeliefert schien, ließ sich die eigene Religiosität womöglich designen. Jerome hatte sich mit dreizehn gegen eine Teilnahme am Konfirmationsunterricht entschieden, zahlte aber bis heute Kirchensteuer. An Heiligabend 2017, als ihn seine Mutter in Maintal besuchte, waren die beiden zur Christmesse gegangen. Es war eine spontane Entscheidung gewesen, sich die Zeremonie einmal anzusehen, einfach, weil Jerome und seine Mutter das an Weihnachten noch nie zuvor getan hatten. Als sie in die Kirche kamen, gab es freie Sitzplätze nur noch auf dem Balkon im linken Seitenschiff. Von dort oben konnten sie den voll besetzten Innenraum überblicken, Jerome schickte Tanja ein kurzes Video, und Tanja, die bei ihren Eltern in Kiel war, antwortete umgehend: ›Hübsche Kirche.‹ Die regelrecht ausgelassene Stimmung unter den Besucherinnen und Besuchern des Gottesdienstes überraschte Jerome, was darin begründet lag, dass er Kirchen zuvor ausschließlich im Rahmen von Beerdigungen betreten hatte. Fünf Trauerfeiern insgesamt: seine beiden Großmütter Greta und Mary, der Vater seines Grundschulfreundes Mark, seine Düsseldorfer Kommilitonin Judith und sein Patenonkel Falk. Nach drei der fünf Beerdigungen hatte sich Jerome vorgenommen, aus der Kirche auszutreten, da ihn das christliche Ritual nicht getröstet, sondern wiederholt befremdet hatte. Schließlich hatte ihn wohl der Kommentar seines Vater, dass die Kirche auch viel Allgemeinnütziges leiste, davon abgehalten, tatsächlich auszutreten.

Mit einem cranberryfarbenen Glas in der Hand erzählte Jerome jetzt: »Während des Gottesdienstes verspielte sich eine minderjährige Flötistin bei einem Solo sehr oft. Es war eigentlich zum Lachen. Aber anstatt zu lachen, hat sich die gesamte Kirchengemeinde geschämt. Man war mitleidig berührt. Ich glaube, in diesem Moment habe ich die protestantische Religion verstanden: einem biederen Flötenkonzert aufmerksam zuhören, hoffen, dass sich niemand blamiert, und dann mitleiden, wenn die Schülerin nicht gut genug geübt hat, weil man ahnt, dass ihr dieses Versagen lange nachhängen wird. Das ist Protestantismus.«

Tanja grinste. »Du schießt dich in letzter Zeit ziemlich auf deine Herkunft ein.« Sie stellte das nur fest, dennoch fühlte Jerome sich angegriffen.

»Ja, sorry … du hast recht. Ich rede zu oft darüber.«

»Jerome-Baby«, Tanja griff nach den weiten Ärmeln seines Hemdes, »ich habe das nicht als Kritik gemeint. Es ist cute, wenn du Sachen mehrfach erzählst.«

Als Jerome die Augen schloss, um Tanja zu küssen, wurde ihm schwindlig. »Ist dir auch schwindlig?«, fragte er. »Total«, lachte Tanja. »Wird dir schlecht?« – »Nein.« – »Mir auch nicht.«

In der Folge hatten sie leicht pathetischen Sex auf der Couch, bestimmt von der Überzeugung, dass sie nun etwas fraglos Gutes für ihren Geist und ihren Körper taten. Jerome glaubte in einem Moment sogar, dass sie durch ihren Akt an einer energetischen Verbesserung des gesamten Planeten Erde mitwirkten. Er bewegte sich ungewohnt eckig, und Tanja drängte sich ihm entgegen, in einem Rhythmus, der ihm neu erschien. Nachdem zuerst er und kurz darauf Tanja gekommen war, musste er über seinen Energiegedanken lachen. Jeromes erster Impuls war, Tanja sofort von seiner Energiethese zu erzählen, aber dann dachte er, dass man ja nicht alles gleich zerreden musste. Er würde ihren gemeinsamen Sex und den Planeten Erde einfach weiter beobachten. Tanja küsste seine linke Schläfe, dann lachte auch sie. Gemeinsam standen sie von der Couch auf und sanken sieben Schritte entfernt leicht benommen auf Jeromes 1 Meter 40 breite Matratze. Sie schliefen Rücken an Rücken.

2

Die Woche nach Ostern war sonnig und warm. Tanja kehrte am Dienstagabend in ihre Zweizimmerwohnung zurück, von deren Balkon aus sie auf den Volkspark Hasenheide blicken konnte. Hätte sie die gleichen depressiven Tendenzen gehabt wie ihre Schwester Sarah, hätte Tanja die Stimmung auf den Straßen womöglich als bedrückend empfunden. Die ersten warmen Tage eines Jahres trugen in großen Städten ein soziales Stresspotenzial in sich, in Berlin ging es darum, möglichst publikumswirksam eine gute Zeit zu haben. Tanja glaubte, dass es einer Vielzahl von Zugezogenen auch nach Jahren noch schwerfiel, zu akzeptieren, dass sie trotz wärmenden Sonnenlichts lieber im Schatten arbeiten wollten, anstatt neuerlich vor einem Spätkauf zu sitzen und Sekt zu trinken. Auch Tanja hatte einige Zeit gebraucht, um zu erkennen, dass es ihr auf Dauer nicht reichte, draußen abzuhängen und gemocht zu werden. Entscheidend für sie war, dass sie etwas herstellte, das einem möglichst strengen Publikum gefallen könnte. Dass dabei Texte entstanden, war eigentlich nicht zwingend, es hätte auch Kleidung oder Videokunst sein können, dachte Tanja manchmal. In Wahrheit hatte sie aber immer nur geschrieben, es fiel ihr leicht, und es ging ihr besser, wenn sie es regelmäßig tat.

Im Nachhinein fand Tanja es positiv, dass sie sich mit Jerome am späten Karfreitag über Call Me by Your Name gestritten hatte. Der Streit zeigte, dass sie beide weiterhin eigene Gedanken und Perspektiven entwickelten und dass ihre Urteile nicht voneinander abhingen. Im Metropolis Kino am Eschenheimer Tor hatten sie auf einem Partnersitz ohne Zwischenlehne gesessen, teilweise Arm in Arm, und Call Me by Your Name dennoch sehr verschieden empfunden. Während Jerome sich hinreißen ließ von der offensichtlichen Schönheit der gezeigten Welt, so wie es den meisten Menschen ergangen war, die Tanja von dem Film über eine homoerotische Sommerliebe zwischen einem Teenager und einem Promotionsstudenten im Italien der Achtzigerjahre berichtet hatten, fühlte sich Tanja abgestoßen. Sie fand Call Me by Your Name schrecklich eitel. Die Spannung zwischen den beiden Hauptfiguren hatte sie zwar nicht völlig kalt gelassen, aber sie störte, dass der Film implizit erzählte, dass Glück, Toleranz und Menschlichkeit nur auf der Grundlage von Wohlstand und elitärer Bildung möglich waren. Als Jerome auf dem Heimweg im Tesla vermutete, dass ihr das alles vielleicht einfach zu schmerzhaft nah an ihrem eigenen Erleben war, als hübsche Tochter High-End-akademischer Eltern, und dass sie doch zumindest die perfekte Stilistik des Films anerkennen müsse, wurde Tanja laut. Jerome solle gefälligst akzeptieren, dass der Funke des Films nicht auf sie übergesprungen war. Und als Jerome dann noch etwas erwidern wollte, sagte Tanja: »Halt jetzt die Fresse, Jerome.« Für den Rest der Heimfahrt schwiegen sie.

Dass Tanja ausfällig wurde, kam vor. Ihre Mutter und ihre Schwester wussten das am besten. Doch abgesehen von ihrem Exfreund Max hätten wohl die allerwenigsten Menschen, die nicht mit Tanja verwandt waren, ihr eine cholerische Seite zugetraut. Tanja Arnheim wurde wahlweise für entrückt, lethargisch oder arrogant gehalten, aber nie für aggressiv.

Da es für Jeromes Selbstbild wichtig war, sich nicht nachtragend zu verhalten, war es rasch zu einer Versöhnung gekommen. Während Jerome die Tür zum Bungalow aufschloss und Tanja das Schweigen brach – »Jerome, es tut mir leid« –, hielt er für einen Moment inne, schaute ihr in die Augen und ließ sich im Anschluss intensiv umarmen.

 

Am 5. April roch es fast schon nach Sommer. Tanja setzte sich nach achteinhalb Stunden Schlaf mit einem zuckerfreien Red Bull in die Hasenheide, unweit des noch immer unfertigen hinduistischen Tempels, um den seit Monaten ein Gerüst stand. Nur die Tempelspitze war bislang vielfarbig angemalt. Tanja gefiel die Vorstellung, dass es in ihrer Nachbarschaft eines Tages repräsentative Bauten für sämtliche Religionen geben könnte. Alles, was sie über Hinduismus wusste, hatte sie in der neunten Klasse ihres Kieler Gymnasiums gelernt: dass man von Wiedergeburt zu Wiedergeburt zwischen verschiedenen Kasten und Lebensformen auf- und absteigen konnte und dass es viele Götter gab, die als Mischwesen zwischen Tier und Mensch dargestellt wurden. Das war im Grunde genommen sympathisch. Vielleicht würde Hinduismus eines Tages eine Option werden, nicht unbedingt für Tanja, die ja nicht mal Yoga mochte, aber womöglich für irgendwen, den sie kannte.

In einer Textnachricht hatte Amelie erwähnt, dass sie verkatert sei und auf der Sonnenallee bei City Chicken essen gehen wolle, aber Tanja hatte gerade erst zuhause gefrühstückt. Dass sie Amelie einfach zum Essen begleitete, kam nicht infrage, da es für Amelie, die größer als 1 Meter 80 und dabei nicht völlig hager war, ausgeschlossen zu sein schien, im Beisein einer anderen Person zu essen, wenn diese nicht auch etwas aß. Tanja und Amelie hatten gelernt, auch die eher anstrengenden Eigenschaften der jeweils anderen zu mögen, Reibung war jederzeit möglich, aber es eskalierte nie. Häufig verwendete Amelie das Wort austherapiert, wenn sie von sich sprach, da ihr innerhalb von acht Jahren von drei verschiedenen Therapeuten Fortschritte bescheinigt worden waren. Tanja wusste, dass Amelie weiterhin unter einem gewissen Leidensdruck stand, aber immerhin schien sie nunmehr zu wissen, welche Ursachen dieser Druck hatte, und das war dann vielleicht schon viel. Alle zwei bis drei Wochenenden trafen sich Tanja und Amelie sonntags gegen 13 Uhr, tranken Negroni und gingen danach in eine Diskothek, die tagsüber geöffnet hatte. Da sie beim Ausgehen viel redeten und stark aufeinander fixiert waren, näherten sich ihnen die anderen Partygäste kaum, eine Art Schutzraum entstand, und in diesem hatten Tanja und Amelie oft eine verdammt gute Zeit.

Auf dem Weg zu City Chicken kam Amelie in der Hasenheide vorbei. Sie trug ein dunkles Kleid, es stand ihr, es wirkte zeitlos und entspannt. Generell blieb sie eher unbeeindruckt von Moden, nur ihre Turnschuhe wirkten meistens brandneu. Amelie war abends zuvor in der Bar Heiners und später noch im frisch renovierten Bäreneck gewesen. Das klang in Tanjas Ohren nach schrecklichen Kopfschmerzen und unnötig existenziellen Gesprächen. Es war eigentlich nicht typisch für Amelie, dass sie mitten in der Woche in Bars versumpfte, Tanja fragte nach dem Anlass, und Amelie sagte: »Naja, Janis halt.« Tanja hatte Janis, der eine auffällige Unterarmtätowierung trug, im Beisein von Amelie im Januar auf einer Party des Labels Trade kennengelernt. Noch unerträglicher als an Männern fand Tanja Tätowierungen an Frauen, es sei denn, es war gleich der ganze Körper bemalt. Tanja konnte es gutheißen, wenn sich jemand dafür entschied, eine krass tätowierte Person zu werden, so wie Justin Bieber, aber nicht, wenn jemand bloß tätowiert sein wollte. In Stilfragen wäre Tanja gerne toleranter gewesen, aber sie kam gegen ihr Empfinden einfach nicht an.

Amelie erzählte, dass sie in der Woche vor Ostern zweimal mit Janis geschlafen habe, sie könne sich von einem Crush nicht völlig freisprechen. Gestern Nacht habe ihr Janis jedoch im Bäreneck gestanden, dass er schon seit längerem auf Tanja stehe. Amelie zitierte Janis mit leicht nach unten verstellter Stimme: »Hatte gedacht, dass ich es für mich behalte, aber es beschäftigt mich jetzt doch … sonst kommt es vielleicht irgendwann zum Supergau.« Amelie betonte, dass er wirklich das Wort Supergau benutzt habe, um 4 Uhr 30 im Bäreneck. Sie sei sauer und geschockt gewesen, kurz auch sprachlos. »Dann habe ich ihm gesagt, dass du Tattoos nicht leiden kannst und fest vergeben bist. Ich glaube, er hat bald ziemlich bereut, dass er es überhaupt erzählt hat. Er hat sich entschuldigt, aber ich war erstmal raus.« Als sie das sagte, schossen ihr Tränen in die Augen. Tanja saß neben ihr auf der Wiese, die leere Dose zuckerfreies Red Bull in der Hand, und suchte nach einer Aussage, die weder unsinnig noch verletzend war. Tanja wusste, dass Janis sich bei nahezu jedem Clubbesuch eine Frau mit nachhause nehmen konnte, er war drahtig und groß genug, er hatte eine angenehme Stimme, gerade Zähne, und soweit Tanja wusste, schrieb er an einer Doktorarbeit über ein feministisches Thema. Zudem traute sie ihm zu, unter seiner Understatement-Mode eine krass tätowierte Person zu sein. Vermutlich war er auch Fan von PanoptikumNeu. Eigentlich wollte Tanja das Thema wechseln, doch dann sagte sie: »Gib ihm mal ein paar Tage Zeit. Es ist letztlich leicht für dich. Er muss sich verhalten. Er hat das Problem. Versuch zu entspannen.« Amelie nickte und sah dabei sehr traurig aus. »Ich geh jetzt mal essen«, sagte sie. »Mach das«, sagte Tanja. Sie standen auf und umarmten sich. Tanja wollte zunächst noch fragen, ob sie am Wochenende wie geplant auf die Cocktail-d’Amore-Party gehen wollten, aber es schien nicht der richtige Zeitpunkt für diese Frage zu sein. Als sie schon einige Schritte gegangen war, drehte sich Amelie noch einmal um: »Ich melde mich wegen Cocktail d’Amore.« Und Tanja sagte: »Cool.«

 

Tanja und Jerome hatten keine Policies der Informationsvergabe vereinbart. Sie erzählten sich, wonach ihnen war, zumeist in langen iMessages, und in selteneren Fällen e-mailten sie. Die persönliche, lose vor sich hin erzählende E-Mail, die man abschickte, ohne sie ein zweites Mal gelesen zu haben, mochte Tanja vielleicht von allen Textformen am liebsten. Seit jedoch im Jahr 2015 auch die letzten ihrer Freunde auf Smartphones umgestiegen waren, wurde die E-Mail zunehmend von ungleich unkonzentrierter formulierten Sprechblasen in diversen Messenger-Diensten verdrängt. Umso wertvoller fand Tanja es, dass sie in Jerome ein würdiges E-Mail-Gegenüber gefunden hatte. In seinen längeren Briefen, die er circa einmal pro Woche schrieb, schien er das Tagebuch zu kompensieren, das er nie geführt hatte, und das war stets unterhaltsam. Oft erzählte er von Freunden, die Tanja noch gar nicht persönlich kannte, theoretisch hätte er sich diese Charaktere also auch einfach ausdenken können, aber sie vertraute ihm, und sie war sich sicher, dass auch er ihr vertraute. In ihren E-Mails erzählten sie einander die Wahrheit, wenn auch nicht alles. Über die Gründe für Amelies Liebeskummer würde Tanja vorläufig schweigen.

 

Am Wochenende meldete sich Jerome mit einem Selbstportrait, das er beim Joggen aufgenommen hatte. Er war darauf mit einem weißen Stirnband zu sehen, im Hintergrund Windräder und ein wolkenloser Himmel. Unter das Bild textete er: ›300% Joy‹. Tanja gefiel die Nachricht. Das Foto war eitel und uneitel zugleich, da Jerome mit schweißnassem, leicht gerötetem Gesicht älter aussah als sonst, gleichzeitig war aber der Winkel vorteilhaft gewählt – von halb links unten, seine markante Kinnpartie betonend –, und der Gesichtsausdruck war auf eine gute Weise albern. Man sah Jerome an, dass er beim Joggen Freude empfand, und selbst Menschen, die noch viel älter waren als er, konnten attraktiv wirken, wenn sie Freude ausstrahlten.

An ihrem Schreibtisch sitzend, betrachtete Tanja Jerome für einen Augenblick nicht als den Mann, mit dem sie schlief und über fast alles redete, sondern als einen Mann aus Hessen, der Mitte dreißig war und sich beim Sport gut gelaunt selbst fotografierte. Sie dachte dann vergleichend an die Männer, die ihr während ihrer Probemitgliedschaft im Holmes-Place-Fitnessstudio am Hermannplatz begegnet waren. Viele dort hatten gut ausgesehen, mitunter auf eine aristokratische Weise, was auch damit zusammenhing, dass das Holmes Place einen hohen Monatsbeitrag verlangte. Jerome wäre dort positiv aufgefallen, als ein Mann, dessen Eitelkeit erfrischend anders gelagert war. Zwar mochte er sein Aussehen, doch war es nicht sein Ziel, eine Fitnessnorm zu erfüllen. Tanja hatte bei Holmes Place letztlich nicht Mitglied werden wollen. Stattdessen hatte sie im Mai 2017 Badminton für sich wiederentdeckt, ein Spiel, das sie noch aus ihrem Kieler Gymnasium kannte und in dem sie eine gewisse Aggressivität ausleben konnte, ohne dass der Sport in irgendeiner Weise gefährlich wurde.

 

›Liebe Tanja, hat Amelie mit dir gesprochen? Könntest du ihr sagen, dass es mir leidtut? Und dass sie sich bitte bei mir melden soll? Sie hat meine Nummer blockiert. Janis‹

Tanja war nicht sicher, woher er ihre Nummer hatte. Sehr wahrscheinlich nicht von Amelie, aber womöglich von ihrem Exfreund Max, denn Max leitete ihre Kontaktdaten stets bereitwillig weiter, um zu markieren, dass ihm Tanjas Privatsphäre nichts mehr bedeutete. Tanja hatte noch nie in ihrem Leben eine Nummer blockiert, sie hatte auch nie E-Mails oder Textnachrichten mit verletzendem Inhalt gelöscht, und sie hatte ihrerseits nie Abrechnungen formuliert, sie hatte nie die Notwendigkeit gesehen, einen pathetischen Schlussstrich zu ziehen, darauf war sie stolz. Anstatt Janis direkt zu antworten, schrieb sie Amelie eine Nachricht, was im Nachhinein betrachtet nicht klug war. Denn Amelie behauptete, dass sie Janis’ Nummer gar nicht blockiert habe. Es folgte ein Anruf von Amelie, den Tanja als hysterisch bezeichnete, obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, das Konzept Hysterie nicht mehr auf Frauen anzuwenden, weil sich das immer ein wenig billig anfühlte. Ihre Erfolge als Autorin hatten ihr jedoch den Eindruck vermittelt, dass die Wörter, die ihr spontan einfielen, zumeist treffend und richtig waren. Tanja glaubte, sich auch in diesem Moment auf ihre Wortwahl verlassen zu können. Amelie verletzte der Hysterievorwurf sehr.

 

In der Schlange der Cocktail-d’Amore-Party trug Tanja Badmintonschuhe der Decathlon-Eigenmarke Artengo.