Planet Magnon - Leif Randt - E-Book

Planet Magnon E-Book

Leif Randt

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Beschreibung

Ein kühner, kunstvoller Gegenwartsroman aus einem anderen Sonnensystem In den unendlichen Weiten des Weltraums existiert ein Sonnensystem, in dem endzeitlicher Frieden herrscht. Seine sechs Planeten und zwei Monde werden von einer weisen Computervernunft regiert, die auf Grundlage von perfekter Statistik und totalem Wohlstand die fairsten Entscheidungen trifft. Zwischen Metropolenplanet Blossom und Müllplanet Toadstool ist längst die neue Zeit angebrochen, eine postdemokratische Ära des Friedens und der Selbstkontrolle. Menschen haben sich zu Kollektiven zusammengeschlossen, zu ästhetischen Gemeinschaften, die um die besten Lebensstile konkurrieren. Marten Eliot und Emma Glendale, die beiden jungen Spitzenfellows des Dolfin-Kollektivs, verlassen ihren heimischen Campus und reisen von Planet zu Planet, um neue Mitglieder anzuwerben. Doch das Sonnensystem wird erschüttert, als das aggressive Kollektiv der gebrochenen Herzen von sich reden macht, von dem man annimmt, es bestehe aus emotionalen Verlierern. Minzefarbene Giftwolken steigen von Marktplätzen und Sommercamps auf, tatsächliche Gewalt droht in die Planetengemeinschaft zurückzukehren. Auf ihren Reisen rücken Marten und Emma die gebrochenen Herzen gefährlich nahe. Können die beiden den Umsturz verhindern? In »Planet Magnon« schickt Leif Randt seine Protagonisten in eine bizarr utopische Welt, in einen Kosmos der Saurier und Raumschiffe, der an neue Popmythen ebenso erinnert wie an Klassiker des Hollywoodkinos. Ihm gelingt die Vereinigung von poetischer Eleganz, literarischem Wagemut und packendem Genre.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 320




Leif Randt

Planet Magnon

Roman

Kurzübersicht

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> Inhaltsverzeichnis

> Über Leif Randt

> Über dieses Buch

> Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Karte des SonnensystemsPopuläre Kollektive der Gegenwart (48n. AS)CROMITEpisode EinsBLOSSOMSNOOPBLINKBLOSSOMSEGABLOSSOMEpisode ZweiBLOSSOMSNOOP»NIEMAND VON UNS STEHT STILL«CROMITBLOSSOMBLINKEpisode DreiTOADSTOOLGLOSSAR
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Populäre Kollektive der Gegenwart (48n. AS)

traditionsreich & pragmatisch

KELLY

WESTPHAL

 

traditionsreich & ideal

VOLTA

ZELDA

 

neuzeitlich & ideal

CX-2

POST-VOLTA

 

neuzeitlich & pragmatisch

DOLFIN

FUEL

PURPUR

SHIFT

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CROMIT

Es war die erste Woche der Sommerferien. Wir saßen im Reisebusshuttle, wir tranken Colabiere und hörten Musik. Draußen zog die Küste vorbei, eine menschenleere Region voller Palmen und Kliffs, wenige Wolken. Die Scheiben waren getönt. Sonnenbrillen brauchten wir nicht.

 

Am frühen Morgen hatten wir uns vor dem Wohnheim im Westend von Blossom City versammelt, siebzehn Jungs in weißen Shorts. Es bestand keine Uniformpflicht, trotzdem mochten wir es, einheitlich gekleidet zu sein. Es war der Sommer unseres zweiten Jahres an der Akademie, wir kannten uns bereits gut.

 

Duncan gab als Erster zu, dringend aufs Klo zu müssen. Er war schon ziemlich angetrunken, ich glaube, er hatte im Transfershuttle nacåh Cromit zu wenig gefrühstückt. Auf dem Weg zur Fahrerkabine baumelten seine Arme an ihm herunter. Ich habe diese schlackernden Gliedmaßen noch genau vor Augen, obwohl er heute, nach mehreren Jahren Kraftsport, völlig anders aussieht. Der dürre Duncan von vor dreizehn Jahren und der kompakte Duncan von heute sind für mich kaum zusammenzudenken. Unser Fahrer war sehr geduldig, auch wenn wir mal laut wurden, er beklagte sich nie.

 

Die Tankstelle, an der wir hielten, hatte zwei Ladestationen, sie waren von feinem Sand bedeckt. Draußen war es viel windiger, als ich es im Bus angenommen hatte. Unsere blütenweißen Shorts, deren Schnitt für unsere jugendlichen Stabbeine etwas zu weit war, plusterten sich auf. Selbstverständlich fotografierten wir uns in diesen vom Wind deformierten Hosen. Wir posierten mit erhobenen Daumen oder streckten unsere Colabiere ins Bild. Es waren die Gesten der Jahrgänge vor uns, die wir pedantisch kopierten, um sie erst zu umarmen und dann zu überwinden. Wir wussten, was man von uns erwartete, wir spielten mit diesen Erwartungen, und die Dozenten wussten, dass wir mit ihren Erwartungen spielten.

 

An der unverputzten Tankstellenaußenwand hing eine Werbung für Tabak. Ein Mädchen in unserem Alter war auf dem Plakat abgebildet, es hatte rötlich koloriertes Haar, lehnte an einer Hausfassade und trug ein halboffenes Hemd. Das Mädchen rauchte zwar nicht, denn rauchende Teenager durften zu dieser Zeit auf Cromit nicht gezeigt werden, aber ihr Blick schien zu fragen, ob man nicht eine Zigarette mit ihr teilen wollte, eine Zigarette am Strand, die glasige Augen und ein blümerantes Körpergefühl hinterlässt. Niemand von uns war Raucher, aber wir dämonisierten Tabak auch nicht. Wir waren diversen Substanzen gegenüber offen oder ihnen sogar zugeneigt, das lernten wir früh, das war normal unter Juniordolfins. Bereits am Tag des Akademiebeitritts hatten erste Trinkspiele stattgefunden. Natürlich gab es Einzelne, die bewusst gegen diese Spiele anrebellierten, eine solche Verweigerung kam in jedem Jahrgang vor, das war üblich und auch erwünscht. Die Mehrheit von uns lernte Alkohol jedoch schnell als produktiven Schutzraum kennen, und das bereits Jahre bevor wir mit dem tatsächlich produktiven Schutzraum, mit der Flüssigkeit Magnon nämlich, vertraut gemacht wurden.

 

Unser Fahrer stand neben dem Bus, er führte Dehnübungen durch und nippte zwischendurch an einer Dose Mineralwasser. Heute weiß ich, dass er ein unglaublicher Profi war, der ideale Chauffeur, der sich niemals aufdrängt, aber jederzeit alles im Griff hat. Allein die Tatsache, dass er unseren damaligen Musikgeschmack, der ja noch ungelenk und voller Ressentiments vor sich hin brütete, perfekt zu bespielen und zu lenken wusste, sprach für ihn. Er war emphatisch und unterkühlt zugleich, ein respektabler Dolfin durch und durch.

 

Zurück im Reisebusshuttle sprachen wir über Mädchen. Die wenigsten blieben auf ihren Plätzen, viele standen auf dem Gang herum, andere knieten sich auf die Sitzpolster und schauten über die hohen Lehnen hinweg. Alle redeten durcheinander. Das Model vom Tabakplakat hatte Eindruck hinterlassen. Einige notierten sich in ihre Telefone, dass sie bei Ankunft im Camp in ihren Telefonen nachsehen wollten, wie das Model hieß und welchem Kollektiv es wohl angehörte. Auf den Landstraßen von Cromit gab es kein Internet, zumindest glaubten wir das, dabei hatte unser Fahrer das Busshuttle für die Dauer der Reise bloß davon abgeschirmt.

 

Im Sommercamp würden uns auch weibliche Juniordolfins begegnen, unzählige Dolfingirls, vor allem aber würden unweit von unserem Camp auch die Junioren anderer Kollektive ihren Sommerurlaub verbringen. Die anvisierten Romanzen über ästhetische Grenzen hinweg wurden von unseren Dozenten nicht nur toleriert, sie wurden sogar befürwortet, ermöglichten sie doch Austausch und Konflikt und langfristig die Schärfung des eigenen Profils. Kein Dozent fürchtete, dass wir zu Fans eines anderen Kollektivs werden könnten, vielmehr gingen sie davon aus, dass wir durch unser Begehren neue Mädchen und Jungs für die Haltungen und Konzepte der Dolfins begeistern würden.

- - -

In den Campzimmern gab es jeweils zwei Etagenbetten, einen kleinen Hygieneraum mit Duschkabine sowie einen Kühlschrank, der mit Mineralwasserdosen gefüllt war. Ich sollte mit Duncan, Lando und Gordon zusammenwohnen. Nach der Ankunft waren die meisten etwas überdreht. Aus einigen Duschkabinen hörte man Geschrei, auf dem Flur wurde ein Ball gekickt, Flaschen klirrten, trampelnde Schritte, irgendwann ein Krachen, und dann Gelächter. Einige schossen übers Ziel hinaus, aber das durften sie ja.

 

Unsere hastigen Recherchen ergaben, dass dem Mädchen vom Tabakplakat eine Nähe zum Kollektiv Zelda, einem Ideal-Kollektivaus der Alten Zeit, nachgesagt wurde. Dies überraschte viele von uns, denn die Zeldas waren mit ihren Sportfestspielen und Großfamilien bislang keinesfalls mit Tabak assoziiert. Entsprechend verwirrt blickten wir in unseren Campzimmern auf die großteils unscharfen Fotos, die das Mädchen mit den kolorierten Haaren zeigten. Wir lagen auf unseren Betten, die Telefonbildschirme erhellten unsere Gesichter. Dass es sich bei der Plakatierung um eine Zelda-Imagekampagne handeln könnte, ahnte vermutlich nur ich. Aber ich traute mich noch nicht, diese Ahnung zu äußern. Erst Wochen nach den Ferien fanden wir heraus, dass es den beworbenen Tabak nirgendwo zu kaufen gab. Die Gestalter des Plakats hatten unsere nachfolgenden Recherchen offensichtlich mit einkalkuliert.

 

Ich hatte damals die Vermutung, dass ich vieles schon besser verstand als meine Freunde aus der Akademie und dass ich die meisten von ihnen recht schnell durchschaute. Heute bin ich sicher, dass es so war. Ich wusste mehr. Aber ich war nie selbstbewusst genug, um es den anderen vorzuführen. Viel öfter passte ich mich ihnen an, um nicht negativ aufzufallen. Vermutlich bin ich deshalb manchmal aggressiv geworden. Aber das wurden die anderen auch. In uns allen wohnte etwas Zerstörerisches, eine dunkle Seite, es ist zwecklos, das abzustreiten.

 

»Ihr seid ein Haufen hochnäsiger Fucker. Ihr werdet niemals zu echten Dolfins«, rief Duncan am ersten Abend unter Tausenden von Sternen. Er taumelte durch den Sand. Ein dubioses Mischgetränk schwappte aus seinem Becher. Wir hatten uns alle gemeinsam am Meer betrunken, Duncan ein wenig schlimmer als der Rest, er war ja so dürr und so verbissen. Man konnte ihm seine Unkontrolliertheit kaum übel nehmen, Duncan trug Probleme mit sich herum, die für einen Juniordolfin durchaus untypisch waren.

 

So war es ihm zuwider, dass sich Lando und Gordon im Rahmen einer Mutprobe küssten. Zuerst zart und unsicher, später heftig und rau. Wir anderen beklatschten die Szene. In der Nacht saß Duncan, wieder einigermaßen nüchtern, auf der oberen Kante des Etagenbettes. Seine langen, gänzlich unbehaarten Beine hingen wie leblos im Raum. Ich stand am Fenster, Gordon und Lando blieben länger am Strand, sie ließen sich anfeuern, ich habe nie erfahren, wie weit es in dieser Nacht noch gegangen ist, aber ich habe auch nie danach gefragt. Unter vier Augen erzählte Duncan, dass er in den Athletikkursen angefangen habe, wie sein biologischer Vater zu riechen. Und das sei keine pauschale Klage über seine Pubertät, sagte er, er würde ja schon seit fast drei Jahren nach Schweiß riechen, wenn er nicht die besten Deosprays unseres Sonnensystems benutzte. Doch es irritierte ihn, dass sein Körper nun tatsächlich so ähnlich roch wie der seines Vaters.

 

Duncan hatte Tränen in den Augen, während er vor sich hin redete: »Sind unsere Wege am Ende nicht doch vorgezeichnet? Können wir uns wirklich befreien? Was hilft all die Postpragmatik, wenn ich doch nur ein Mix aus meinen unbegabten Eltern bin?«

Ich war mit fünfzehn noch nicht gut im Trösten, und ich bin es wohl bis heute nicht. Doch schon seinerzeit neigte ich im angetrunkenen Zustand zu prägnanten Wahrheiten: »Vielleicht müssen wir uns gar nicht befreien, um glücklich zu werden. Vielleicht reicht es ja, wenn wir uns die Unfreiheit immer nur klar vor Augen führen.«

 

Das habe ich wirklich so gesagt, schon vor dreizehn Jahren. Mir war schließlich klar, dass es Duncan gar nicht um die großen Kollektivfragen ging. Der Hintergrund seiner Krise war nichts weiter als ein innerfamiliäres Problem. Duncan hatte früh entschieden, sich an der Akademie zu bewerben, schon mit elf, so früh wie noch niemand vor ihm. Er hatte seinen Vater und seine Schwester verlassen wollen. Doch noch bis zu diesem Sommercamp, vier Jahre später, arbeitete es in ihm. Das hatte sich in den biographischen Basisseminaren wiederholt angedeutet. Immer wieder war Duncan auf seinen Pa zu sprechen gekommen, selbst wenn es sich überhaupt nicht anbot. Auch war er der Einzige, der Pa sagte und nicht Dad. Es bestand kaum ein Zweifel, Duncan ersehnte eine biosoziale Revanche. Aber das gab er natürlich nicht zu. Das war ihm, diesem dürren Fünfzehnjährigen, noch viel zu peinlich.

 

Heute, ein ambitioniertes Jahrzehnt später, ist Duncan Labrea der wahrscheinlich einflussreichste Dozent der PostPragmaticJoy-Theorie. Sein Almanachkapitel ist das am häufigsten zitierte der letzten drei Jahre, und er hat es in der Tat über seinen Vater geschrieben. Er ist nach Blink gereist und hat seinen Pa interviewt. Er hat ihn zum Gegenstand gemacht, enorm kühl, wenn auch aus einer Kälte heraus, die nie ganz ernst gemeint scheint und hinter der, wie Dozent Gromwell so malerisch analysiert hat, eine tiefe Verletzlichkeit zittert. Mir ist Duncans Almanachartikel immer auf eine etwas zu kalkulierte Weise anrührend vorgekommen. Aber das hängt vermutlich damit zusammen, dass ich neidisch werde, sobald ich unzufrieden mit mir selbst bin. Auf meinen Artikel wartet das Kollektiv bis heute.

- - -

Wir wurden an den Vormittagen mit wechselnden Workshops beschäftigt, nie länger als zweieinhalb Stunden, über den Rest der Zeit konnten wir frei verfügen. Die Dozenten Vincent Mariano und Toby Anaheim waren als Theoretiker dabei, Tara Scully leitete die Athletikkurse. An den meisten Tagen versammelten wir uns kurz vor Einbruch der Mittagshitze unter einem weißen Sonnensegel am Strand. Unser Sonnensegel war das einzige, auf das kein Kollektivlogo gedruckt war, es war leicht zu finden. Im Schatten unterrichtete Dozent Mariano die allereinfachsten Versenkungsübungen. Von diesen Übungen profitieren wir fraglos bis heute, während des Sommercamps habe ich sie jedoch häufig bloß zum Weiterschlafen genutzt. Wie heiß es auch wurde, Mariano trug immer Oberteile mit langen Ärmeln, und manche vermuteten, seine Wortkargheit deute darauf hin, dass er uns gleichgültig gegenüberstand. Das glaubte ich aber nie, Mariano hatte sich viel eher einen gesunden Schwebezustand erarbeitet. Er wusste seine Umwelt jederzeit auszublenden. Manchmal lächelte er in Momenten, in denen es wahrlich nichts zu lächeln gab, und wenn man ihn darauf ansprach, dann entschuldigte er sich höflich. Er sei mit seinen Gedanken woanders gewesen, bei einer Szene, die er sich gerade ausgemalt hatte. Ohne jeden Zweifel wusste er mehr, als er direkt kommunizierte. Mariano war nie ganz greifbar, und doch vertrauten wir ihm. Ganz gleich, wie viel wir in der Nacht zuvor getrunken hatten, zu seinen Workshops kam niemand zu spät. An den Vormittagen dagegen, die mit Toby Anaheims postpragmatischen Talkrunden starteten, schafften es manche gar nicht erst aus ihren Etagenbetten. Dieses Gefälle hat die Stimmung unter den Dozenten zweifellos belastet, auch wenn Toby Anaheim, der zu jeder Tageszeit einen großen Limonadenbecher in der Hand hielt, das nie zugegeben hätte.

 

Je länger das Camp andauerte, desto häufiger suchte Duncan meine Nähe. Er brachte mir Kaltgetränke und Eiskonfekt, er nahm mich mit in den Palmenschatten oder hinter den Zaun der Sportanlage, nur ich sollte ihm zuhören. Er dachte dann laut über seine Kindheit nach, was meistens nicht sehr interessant war, größtenteils ging es um längst verhandelte Themen. Mitunter nahm er aber auch Seminarinhalte späterer Jahre vorweg. An einem Tag, an dem wir besonders übernächtigt waren, ich glaube, es war der drittletzte, kam Duncan vom Schwimmen im Ozean zurück und setzte sich zu mir auf die Stranddecke. In der Nachmittagssonne trocknend fing er an, mir seine Gänsehautfähigkeit zu erläutern.

 

Er beschrieb sie als Talent: »Gib mir zwanzig Sekunden, und ich erschauere.«

»Aber das kommt doch vom Meereswind«, sagte ich, als er mir seine dünnen Unterarme hinstreckte.

»Nein. Schau zu.«

 

Duncan konnte seine Gänsehaut nach Belieben aktivieren. Er musste nur kurz die Augen schließen oder für einen Moment leicht verloren aufs Meer hinausblicken, schon stellten sich seine hellen Armhärchen auf. Duncan brauchte dafür nicht einmal Musik, er brauchte überhaupt keinen äußeren Reiz, ihm genügte ein kurzer Augenblick marianoscher Versenkung. »Es lässt sich trainieren«, sagte er, »ich glaube, ich könnte das vielen von uns beibringen. Ich würde dann nur ein anderes Wort dafür benutzen wollen. Gänsehaut trifft es nicht.«

 

Ich kann mich ziemlich genau an den Blick erinnern, mit dem mich Duncan in diesem Moment ansah. Eine kompromisslose Strenge lag darin, eine Strenge, von der ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, ob sie mir imponieren oder ob ich sie fürchten sollte.

 

Die Sonnenuntergänge auf Cromit hatten in den Sommercampwochen unseres zweiten Jahres eine besondere Qualität. Wir sahen die Planeten Sega und Blossom am Horizont entlangwandern, einen olivfarbenen und einen dunkelblauen Himmelskörper, der eine sehr nah, kaum besiedelt und klar vom Kollektiv Westphal dominiert, der andere weit entfernt und als Metropolenplanet ideell kaum zu definieren. Von unserem Ferienstrand aus betrachtet, sahen diese beiden Lebensräume völlig gleichbedeutend aus.

 

An unserem letzten Abend tranken wir noch einmal sehr viel, und unser Fahrer spielte lautere Musik als zuvor. Es waren auch Jungs und Mädchen aus anderen Kollektiven gekommen, junge Talente, die sich uns gerne anschließen wollten. Sie würden sich in den Tagen nach ihrer Heimkehr an unserer Akademie bewerben, sie würden um die Möglichkeit eines Quereinstiegs bitten, und auch wenn die allermeisten von ihnen postwendend abgelehnt würden, so trugen sie an jenem letzten Abend doch eine große Hoffnung in sich. Sichtlich beseelt wippten sie im Rhythmus der Musik, die bis weit aufs Meer hinausdonnerte. Und als sich Planet Sega für einen kurzen Augenblick vor die tief stehende Sonne schob, so wie es nur an wenigen Tagen innerhalb eines Jahrzehnts geschah, als das glühende Abendlicht kurz flackernd verschwand und darüber gelacht und gejubelt wurde, da überflutete mich eine Gänsehaut, in mehreren Wellen vom Nacken her. Ich ahnte, dass es die letzte Gänsehaut sein würde, die ich noch als solche bezeichnete. Ich schaute in Duncans Richtung, der merkwürdig nüchtern blieb in dieser letzten Nacht. Er nickte mir zu.

- - -

Am darauf folgenden Vormittag blickte ich wie die meisten meiner Kommilitonen blass und nachdenklich durch die großen Fensterscheiben des Busshuttles. Ein Unwetter zog auf. Wir waren alle sehr still. Im Gegensatz zu vielen anderen hörte ich keine Musik, ich lauschte bloß dem Summen des Fahrzeugs, dem sich nähernden Donnergrollen und etwas später dem Trommeln der Wassertropfen auf dem Shuttledach. Es war das einzige Gewitter, das wir auf Cromit jemals erlebten. Unser Fahrer blieb seiner Linie treu. Wir drosselten unser Tempo nicht.

 

Bevor wir in den Starkregen hinaustraten, zogen wir beschichtete Jacken an. Die Kapuzen waren etwas zu groß für unsere Köpfe. Manchen rutschten sie über die Augen, während wir vom Busshuttle hinüber zum Transfershuttle hetzten, das auf dem Flugplatz für uns bereitstand. Auch unsere Dozenten hatten keine elegantere Lösung parat, auch sie rannten einfach durch die Regenfront, leicht nach vorn gebeugt, um sich dann, im Eingangsbereich des Shuttles, eilig trocken zu föhnen. Ich bin auf dem Weg als Einziger gestolpert, sodass meine Hosenbeine nass und schmutzig wurden. Aber das hätte jedem passieren können, niemand hat mich ausgelacht.

 

Im Shuttle machten wir es uns frisch geföhnt auf großzügigen Doppelsitzen bequem. Einige stellten umgehend die Lehnen zurück und setzten Schlafbrillen auf. Heute macht das keiner mehr. Keiner trägt mehr Schlafbrillen im Transfershuttle, obgleich sich die Beleuchtungssituation dort kaum verändert hat. Ich werde nicht sentimental deswegen. Ich habe mir nie eine Schlafbrille aufgesetzt.

 

Trotz aller Erschöpfung hielt ich mich während der gesamten Flugzeit wach. Ich blickte hinaus ins All, wo wie so oft nicht viel zu sehen war, nur ein paar entfernte Lichter, sonst nichts. Die Juniordolfins um mich herum waren in teils grotesken Positionen eingeschlafen. Keiner von ihnen sprach im Schlaf, keiner gestikulierte oder zuckte, es ging ihnen gut. Und dann, als ich gerade wieder durch das kleine quadratische Fenster hinausblicken wollte, in der Hoffnung, wenigstens eines der helleren Voltasternenbilder zu erkennen, da tippte mich Dozent Mariano an. Er musste extra aus einer der Dozentenkabinen getreten sein, um mir etwas mitzuteilen. Ich bin bis heute nicht sicher, ob der hagere Vincent Mariano bei vollem Bewusstsein vor mir stand oder ob er schlafwandelte. Sein Blick wirkte fokussiert, zielte jedoch haarscharf an meinen Augen vorbei. Vielleicht war er damals schon erkrankt, schließlich sollte er unser Sonnensystem viel zu früh verlassen, aber davon ahnte ich noch nichts in jener Nacht. Weil ich übermüdet sitzen blieb, beugte sich Dozent Mariano über einen freien Platz zu mir herunter, so dicht, dass ich seinen Atem spürte, der nach gar nichts roch, und er flüsterte mir etwas zu, das ich nicht wieder vergessen sollte:

 

»Du wirst ein großer Dolfin sein, Marten. Du ahnst es längst. Du bringst den Neubeginn. Bleib jedoch wachsam. Man wird dich beneiden, man wird versuchen, dich aufzuhalten. Beobachte die, die dir am nächsten stehen, und spiele immer dein eigenes Spiel.«

 

Dozent Mariano, der einen baumwollenen Ganzkörperreiseanzug trug, legte seine Hand auf meine Schulter und drückte für einen Moment fest zu. Kurz verdrehte er die Augen. Dann blinzelte er und verschwand. Ich konnte gar nichts sagen. Ich wusste nicht, was er meinte. Aber ich glaubte ihm. Ja, ich glaubte ihm sogar sehr.

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Episode Eins

»Heute noch werden wir aus dem Halbschlaf erwachen«

BLOSSOM

1

Die meisten Hausbewohner haben ihre elektrischen Zigaretten auf dem Dach installiert. An den Stationen leuchten grüne oder rote Lichter, je nach Aufladungsgrad. Kristen und ich stehen Arm in Arm unter den transparenten Waben der Solarkuppel. Wir hatten wirklich Glück miteinander. Da war immer ein ganz einfaches Begehren zwischen uns, ein Begehren auf der ersten Ebene, und auf der zweiten vielleicht. Anfangs hat uns das beide überrascht. Ich war ihr erster Dolfin und sie für mich das erste Mädchen, das eher zu viel als zu wenig wog. Trotzdem gab es physisch keinen Widerstand zwischen uns, unsere Nähe hatte etwas Leichtes, es schien nie um viel zu gehen. Kristen gehört keinem Kollektiv an. Sie definiert sich über ihre Arbeit im Management des Waisenhauses auf der 11. Straße. Und wenn sie dort genug Gutes getan hat, nach vielen Überstunden, geht sie raus und holt sich Sex. Wie bei unserer ersten Begegnung im Platin. Sie saß an der Theke, ein alkoholfreies Getränk mit Schaumkrone vor sich, und sie verzichtete ebenso wie ich auf das Inhalieren von Platindämpfen. Wenige Stunden später küssten wir uns im Sonnenaufgang auf meinem Raucherdach.

 

Heute schließen wir den Kreis. Es ist ein guter Zeitpunkt. Man kann an diesem klaren Herbstvormittag weit hinausblicken, über die dreizehn Bezirke des Westens hinweg, bis in die Waldberge, wo die Blossom Extras beginnen. Sogar die Freistraßen sind zu erkennen, vier schmale Linien, die einem gemeinsamen Punkt entspringen und dann immer weiter auseinanderdriften, bis sie sich nach 8740 Kilometern im Osten der Stadt wieder vereinen. Ich fahre Kristen durch ihr halblanges, brünett gesträhntes Haar. Wir werden beide gerne an unsere gemeinsame Zeit zurückdenken.

 

»Lasst euch nicht stören«, sagt jemand. Wir drehen uns zu ihm um. Es ist der Beinlose aus dem fünften Stock. Er sitzt aufrecht in einem Rollstuhl, dessen Fahrwerk viel zu laut summt. Der Hauslift schließt sich hinter ihm. Kristen löst sich von mir und grüßt den Mann mit einem Nicken. Er trägt schwarze Glycerenkleidung und rollt unnötig dicht an uns heran. Sein Vollbart, der bereits eineinhalb Zentimeter unter den Augen beginnt, sieht frisch gewaschen aus. Der Beinlose schaltet seine Zigarette an, es ist ein neueres Modell, das Funken simuliert und Geräusche macht.

»Genießt ihr auch das schöne Epiphildrielicht?«, fragt er.

»Was soll das sein?« Kristen stellt auch mir oft solch einfache Fragen. Sie will immer alles wissen. An meinen schlechteren Tagen halte ich das für kokett, an meinen besseren für ehrlich und selbstbewusst.

»Es weht uns von Toadstool entgegen …«, antwortet der Schwarzgekleidete und zieht knisternd an seiner Zigarette, »… die Epiphildrie ist viele Monate alt. Sie besteht aus Schadstoffen. Gift für unsere Lungen und unsere Haut. Aber sie sieht wunderschön aus, findet ihr nicht? Lasst sie uns genießen.«

 

Ich halte nichts von der Epiphildrie-Theorie. Es gibt einhundert Jahre alte Fotos, auf denen bereits ein ähnliches Horizontlicht zu sehen ist, aus einer Zeit, in der auf Müllplanet Toadstool noch Alpinsport getrieben wurde. Das Licht von heute ist ebenso ungefährlich wie das Licht von damals.

 

»Warum glauben Sie an die Epiphildrie?«, frage ich.

»Das hat mit Glauben nichts zu tun, junger Mann. Der Zusammenhang ist schon lange nachgewiesen. Weshalb wohl werden sonst Schutzschirme über Blossom aufgespannt?«

»Weil es eine Mehrheit der Bewohner von Blossom beruhigt, wenn diese Schilde über uns schweben.«

»Na bitte …«, haucht der Mann und zeigt damit, dass er keinerlei Verständnis für die Entscheidungsfindung der ActualSanity hat. Die Spitze seiner Zigarette leuchtet orange auf, und es ist hübsch mitanzusehen, wie der Dampf durch die Waben der Solarkuppel entweicht. Für wenige Sekunden verfärbt sich ein Teil der Kuppel, so als würde in den Solarzellen eine Galaxie entstehen, die aber gleich wieder in sich zusammenfällt. Ein beliebter Effekt, und sicher ein Grund, weshalb in diesem Apartmenthaus so viele das Rauchen anfangen.

 

Kristen lehnt sich an meinen Oberarm, wir haben nicht explizit darüber gesprochen, dass wir uns heute verabschieden. Ich werde für einige Zeit traurig darüber sein, aber ich werde Energie aus dieser Traurigkeit ziehen, und ich denke, Kristen wird dies ebenfalls gelingen, wenn vielleicht auch weniger leicht, so kollektivlos, wie sie ist. Kristen greift nach meiner Hand und küsst mich. Wir ignorieren das abfällige Seufzen des Rauchers, und für einen Moment glaube ich, über uns das Stromrauschen in der Solarkuppel zu hören. Kristen presst ihre Lippen fest auf meine, sie öffnet ihren Mund nur ganz leicht. Sie ahnt wohl, dass es unser letzter Kuss sein könnte. Plötzlich sticht mir der Rollstuhlfahrer mit seinem mageren Zeigefinger in die Hüfte: »Entschuldigung. Aber schaut mal da vorn … was ist da los?«

 

Er deutet Richtung Westen. Minzefarbener Qualm steigt zwischen den Ceranglasbauten auf, zuerst als feiner Streifen, dann in unkontrollierten Schwaden. Ich glaube, dass es die 26. Straße ist, ja, der Qualm könnte vom Blauen Marktplatz kommen, dort, wo heute frisches Anaseptusfleisch verkauft wird.

»Vielleicht kommt das von einem neuen Stand, der auf sich aufmerksam machen will«, sagt Kristen, aber ihrer Stimme ist anzuhören, dass sie selbst nicht daran glaubt. Der Qualm wird noch dichter, und auf der Straße weit unter uns heulen Sirenen.

Der Beinlose schüttelt langsam den Kopf. Er raunt: »Letztlich war es vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis so etwas passiert.«

 

Ich werde nicht darauf reagieren. Das sind bloß die Worte eines Post-Voltaners. Er wird immer pessimistisch sein, er wird immer rauchen. Als ich die Vibration meines Messengers in der Hosentasche spüre, drücke ich Kristen ein letztes Mal fest an mich: »Ich muss los. Mach’s gut.«

2

Man sagt, die Geschichte unseres Sonnensystems habe sich durch ActualSanity maßgeblich beschleunigt. Ich weiß wenig über diese Beschleunigung. Seit ich ein kleiner Junge war, schwebt die AS weit über uns in den Sternen, auf einem stationären Shuttle neben dem türkisfarbenen Mond. Im Laufe der Jahre erhöhte sich ihre Effektivität, Gesetzesänderungen wurden schneller lanciert, und es kamen stabilisierende Backups hinzu, die ersten drei wurden auf Blossom, Snoop und Cromit installiert, zwei weitere sind nun auf Blink und Sega geplant. In den Dekaden zuvor mussten auf jedem Planeten unzählige Wahlen stattfinden. Es wurde immerzu über Neuformulierungen gestritten, zu denen es aber oft gar nicht kam, weil sich die Missverständnisse zwischen den Kollektiven längst verhärtet hatten. Heute passt die AS ihre Gesetzestexte auf Grundlage statistischer Auswertungen immer präziser und unmittelbarer an die sich stets erneuernden Verhältnisse an. In Bereichen, die ich selbst wenig oder gar nicht überblicke, scheint sie unserer Zeit meist sogar einige Schritte voraus zu sein. Als Kind lernte ich zu glauben, dass sie alles sieht und alles richtig macht. Heute weiß ich, dass auch die AS fehlbar ist. Nicht jede Auswertung gelingt, Unschärfen sind noch immer möglich. Doch sie ist stets in der Lage, ihre Fehler rasch zu korrigieren. Die Handlungen kollektivloser Einzelcharaktere werden dabei ebenso beobachtet wie demonstrative Aktionen mitgliederstarker Gruppen. Die AS bezieht alle mit ein. Die Zahl der Kollektivlosen ist in der Neuen Zeit von 34 % auf 31 % zurückgegangen, obgleich schon lange keine Notwendigkeit mehr besteht, als engagierter Fellow auf sich aufmerksam zu machen. Wir Dolfins, aber auch die allermeisten anderen Kollektive, sehen in ActualSanity die magischste Errungenschaft unserer Zivilisation, dicht gefolgt von der Flüssigkeit Magnon vielleicht, aber das ist ein anderes Thema.

3

Dozent Gromwells Büro wurde gründlich aufgeräumt. Ich fühle mich umgehend wohler als letzte Woche, als sich noch alte Printalmanachs am Boden stapelten. Wir sitzen uns auf etwas zu kleinen Schreibtischstühlen gegenüber. Gromwell trinkt einen Schluck Kamisadentee. Den henkellosen Becher umfasst er mit einer gefalteten Serviette. Er sagt: »Alles deutet darauf hin, dass wir es auf dem Blauen Marktplatz mit Vorsatz zu tun haben … Mit dem Aufscheinen tatsächlicher Gewalt.«

 

Wenn ein älterer Mensch das Wort Gewalt benutzt, hallt häufig etwas nach, das ich als jüngerer Mensch gar nicht richtig begreifen kann. Dabei hat auch Dozent Gromwell, der bald ins BestAge-Komitee aufsteigen wird, gar keine gewalttätige Phase mehr miterlebt. Ich kenne Gromwell seit meinem vierzehnten Lebensjahr. Er ist als Kopfmitglied des MidAge-Komitees völlig unumstritten, hat aber auch nur wenige echte Fans. Viele sagen, ihm fehle das Charisma, seine Sprechweise sei zu sanft, zu bedacht, deswegen könne er niemanden mitreißen. Aber Gromwells Sprechweise ist nicht das Problem. Er sieht mit seinem rundlichen Gesicht und der leicht kegelförmigen Statur einfach nicht gut genug aus. Deshalb ist er weniger beliebt als andere. Aber er ist ein brillanter Dolfin, und das sage ich nicht nur, weil ich ihm viel zu verdanken habe.

 

»Wir bekommen es mit einer naiven Aggression zu tun, Mister Eliot. Diese neuen Kollektivisten sind gefährlich. Weil der Schmerz gefährlich ist, den sie in sich zu tragen glauben … Fellows, die annehmen, an einem gebrochenen Herzen zu leiden. Wissen Sie, was das bedeutet?«

»Ich glaube, ich kann es mir ungefähr vorstellen …«

»Da wäre ich nicht so sicher. Sie sind schon früh bei uns gewesen, Sie hatten großes Glück … Personen, die auf öffentlichen Plätzen Ketasolfindämpfe einsetzen, hatten weit weniger Glück. Das sind zutiefst enttäuschte Charaktere. Sie glaubten, eines Tages jemanden zu treffen, der sie für immer begeistert, eine einzelne Persönlichkeit, mit der sich alles zum Guten wendet. Diese Hoffnung musste enttäuscht werden. Wir gehen davon aus, dass sie nun Rache suchen.«

»Aber an wem wollen sie sich denn rächen?«, frage ich. »An den Partnern, die sie abgelehnt haben?«

»Nein. Es ist viel grotesker. Diese jungen Leute überhöhen ihren Schmerz. Schuldig ist nicht der Einzelne, nicht derjenige, der verneint. Schuld sind die Verhältnisse, in denen sie abgelehnt wurden …«

 

Dozent Gromwell schaut mich an. Ich verstehe nicht ganz, was er meint, und ich glaube, dass auch er selbst es nicht vollends begreift: »Wir besitzen nur vage Informationen über dieses Kollektiv der gebrochenen Herzen. Bislang wird es hinter vorgehaltener Hand als …«, Gromwell zeichnet nun, und diese Geste habe ich von ihm zuvor noch nie gesehen, mit seinen beiden Händen eine Kursivsetzung in die Luft, »… Kollektiv Hank… bezeichnet. Wir gehen davon aus, dass es sich um ein pathetisches Ideal-Kollektiv handelt. Es verzichtet auf Repräsentationsfiguren. Es könnte sich überall versammeln. Die Annahme, dass die Hanks nur in Blossom City aktiv sind, hat sich seit heute erübrigt …« Gromwell lässt einen seiner Daumen knacken. Das ist eine Angewohnheit von ihm, ein Tick, über den er keine Kontrolle hat. »Auf Snoop wurde eine Therme mit Ketasolfinsäure geschäumt. Das Wasser ist in minzefarbenen Wolken aus dem Grundstück hervorgequollen. Bis auf den Parkplatz hinaus. Auch dort ist niemand zu Schaden gekommen. Aber auch in dieser Therme wird es auf absehbare Zeit keine Zusammenkünfte mehr geben. Dort war es ein Angriff auf das Kollektiv Purpur. Und hier auf dem Blauen Marktplatz wurden die Shifts attackiert. Das Ziel scheinen jüngere Kollektive zu sein, die das Konzept Liebe für sich neu definieren. Kollektive wie wir, die in den vergangenen Jahrzehnten organisch in die Planetengemeinschaft hineingewachsen sind …« Dozent Gromwell hält einen Moment inne: »Können Sie etwas mit dem Geruch hier drin anfangen?«

 

Er spielt auf die Duftsonden an, mit denen er sein Büro nahezu wöchentlich neu bestücken lässt. Es sind einzigartige, projektbezogene Gerüche, die in unseren Labors destilliert werden. Ich atme einmal tief durch.

 

»Es riecht nach Snoop. Der Duft erinnert mich an das frisch gemähte Gras im Lammenland, an jene friedliche, akkurat zurechtgestutzte Gartenlandschaft auf der dünn besiedelten Nordhalbkugel.«

»Exakt, Mister Eliot. Für einige ist das der Geruch vollkommener Sicherheit. Sicherheit unter blauem Himmel. Andere glauben sich in den weiten Rasenfeldern zu verlieren, ihnen wird schwindlig. Auf welcher Seite stehen Sie?«

»Ich denke an lange, grüne Grashalme. Und an Bewässerungsanlagen. Diese Bilder sind mir weder angenehm noch unangenehm. Sie sind Teil meiner Kindheit. Ich habe mich bei den Ausflügen ins hohe Gras nie gefürchtet. Ich wusste ja, dass es in dieser Region keine gefährlichen Tiere gibt.«

 

Ich lächle, aber Dozent Gromwell erwidert mein Lächeln nicht. Bei den meisten anderen MidAgern hätte das zu bedeuten, dass sie Strenge und Autorität beweisen wollen. Gromwells ausbleibendes Lächeln bedeutet dagegen nur, dass ihm gerade nicht nach Lächeln zumute ist. Das Fenster seines bescheidenen Büros ist nicht sehr groß. Gromwell stellt sich davor und blickt über die goldenen Tarobäume auf dem Campus hinweg.

 

»Sie und Emma Glendale sind die ersten Spitzenfellows aus dem EarlyAge. Die mit Abstand jüngsten in der Geschichte der Dolfins. Wir alle sind stolz auf diese Entscheidung. Mit Ihnen beiden wollen wir nach schwierigen Jahren wieder einen Schritt nach vorne machen. Wir sind endlich bereit zu wachsen.«

 

Gromwell weiß, dass ich die Namen derer, die Emma und mich als Spitzenfellows jederzeit ersetzen könnten, perfekt aufzulisten weiß. Ich kenne sie alle persönlich, die meisten schätze ich sehr. Man wird uns daran messen, ob die Anzahl der Bewerbungen steigt. Gromwell dreht sich vom Fenster weg und scheint dann nicht richtig zu wissen, wie er seine Arme halten soll.

 

»Wir schicken Emma und Sie in eine schwierige Zeit. Wir werden uns verändern müssen. Aber darin sind wir gut. Unsere kurze Historie steckt voller Transformationen. Und doch sind wir uns treu geblieben. Wir waren immer streng mit uns und anderen. Wir haben immer genau hingesehen. Aber wir sind niemals kalt gewesen. Und wir werden es niemals sein. Und wenn Menschen uns dafür anfeinden, dass wir sie nicht lieben, dann werden wir besonnen darüber hinwegsehen. Wir werden ihnen nichts entgegnen, wir werden uns nicht streiten. Doch sollte man uns eines Tages tatsächlich angreifen, weil man uns nicht versteht oder weil man uns beneidet oder aus welchen Gründen auch immer … Sollte man uns gefährden, Marten Eliot … dann … können wir Dolfins uns das nicht bieten lassen.«

 

Dozent Gromwell weicht meinem Blick aus. Es ist, als hätte er gar nicht zu mir gesprochen, sondern sich nur selbst vergewissert. Er führt seinen Teebecher mit beiden Händen zum Mund. Es ist wichtig, nun für einen Moment zu schweigen.

 

»Entschuldigen Sie«, sagt Gromwell und atmet tief durch, »es ist ein schwieriger Tag … Sie wissen, dass Ihre erste Reise keine leichte wird. Wir haben auf Planet Sega noch nie für die Akademie geworben. Die Potenziale sind ungewiss. Aber die Zeiten, in denen man die Kommunen von Sega ignorieren konnte, sind vorbei. Betrachten Sie es als Experiment.« Gromwell schaut mich an. Er wird in meinen Augen keine Furcht entdecken. »Sie und Emma haben einen einzigartigen Zugriff auf unsere Junioren, Mister Eliot. Sie werden verehrt. Sie vereinen Nahbarkeit mit Unnahbarkeit, wie es nur wenigen gelingt.«

 

Ich bedanke mich für all das Lob, obgleich ich mir vorgenommen habe, mich nicht mehr für Lob zu bedanken. Und als Gromwell bemerkt, dass ich diesen Dank lieber nicht geäußert hätte, da lächelt er endlich aus seinem rundlichen Gesicht heraus, und ich kann gar nicht anders, als zurückzulächeln. Er bringt mich zur Tür seines Büros, es sind nur wenige Schritte. Wir verabschieden uns mit einer kurzen gegenseitigen Berührung des jeweils linken Oberarms.

4

Auf dem Campus sind nur die steinernen Pfade nicht von Herbstlaub bedeckt. Unsere Tarobäume werden ihre Blätter noch drei weitere Male verlieren, bevor sich ihre Äste mit Winterkristallen versiegeln. Vielen Fellows gefällt unser Campus im Herbst am besten. Ich finde, die rubinrote Fassade des Hauptgebäudes kommt ebenso gut in blassem Winterlicht zur Geltung, besonders wenn der erste Schnee fällt.

 

In diesen Minuten gehen die Mittagsseminare zu Ende. Die Junioren strömen diskutierend aus dem Gebäude. Von den Ereignissen auf der 26. Straße haben sie entweder noch nichts gehört, oder sie lassen es sich nicht anmerken. Eine vierköpfige Gruppe kommt auf mich zu, zwei Mädchen und zwei Jungs, sie alle tragen Sonnenbrillen, obwohl es bewölkt ist. Durch die nur leicht getönten Gläser sind ihre Augen noch zu erahnen.

 

»Dozent Eliot, Dozent Eliot! Findet der Kurs morgen normal statt?«

»Habt ihr etwas anderes gehört?«

»Na ja, das ist doch die letzte Sitzung vor Ihrer Tour. Und vergangene Woche haben wir ja ein bisschen früher Schluss gemacht …«

»Das … kann auch diese Woche passieren.«

 

Die Mädchen und Jungs strahlen mich an, mit einer Durchlässigkeit, die ich in ihrem Alter noch lange nicht erreicht hatte. Zweifellos mache ich mich gerne bei ihnen beliebt. Trotzdem fordere ich viel von ihnen. Ich erwarte, dass unsere Junioren einen schärferen Blick haben als wir früher, dass sie offener sind, und vor allem anders. Ich traue ihnen fast allen zu, dass sie den Sprung ins EarlyAge schaffen werden. Es hat in den vergangenen Jahrgängen nicht mehr so viele Bewerber gegeben, dafür einen größeren Anteil auf einem immens hohen Niveau.

 

Unsere Best- und MidAge-Komitees sind sich bis heute einig, dass wir die Kriterien zur Aufnahme nicht lockern sollten. Und die Fakten sprechen weiterhin für diesen Weg. Obwohl wir schrumpfen, hat ActualSanity unsere Finanzmittel bis heute nicht gekürzt. Sie stuft die ästhetisch-kommunikative Bedeutung der Dolfins für die Planetengemeinschaft unverändert hoch ein.

 

Gordon und ich sind am kleinen Picknicktisch verabredet. Der Tisch hat nunmehr eine rein dekorative Funktion, er stammt aus einer Zeit, als man noch mit Lunchpaketen bepackt auf den Campus kam, bevor es die große Cafeteria gab. Gordon wird ab nächster Woche meine beiden Seminare übernehmen, die Einführung in unseren Almanach und den Workshop zur Rauschkalkulation. Ob Gordon die optimale Vertretung für mich ist, müssen andere beurteilen. Seine persönliche Nähe zu Duncan sollte ihn überhaupt erst in die Position gebracht haben, dass er mich vertreten darf. Gordon ist nicht pünktlich. Das war absehbar. Dieses Faible für leichte Verspätungen tragen wir EarlyAger noch immer tief in uns.

 

Um die Wartezeit zu genießen, schließe ich die Augen und nehme Kontakt mit meinem Atem auf. Ich vergesse meine Umgebung rasch. Dieses kurze Wegtauchen an der Schwelle zum Traum ist eine sehr einfache Übung, sie ist mittlerweile etwas antiquiert, aber sie hellt noch immer meine Stimmung auf. Als ich gerade anfangen will, mich auf die Farben hinter meinen geschlossenen Lidern einzulassen, ist Gordon schon da: »Hey Marten, störe ich?«

»Nein, gar nicht.« Er trägt eine offene Wachstuchjacke. Ich habe ihn gefühlt seit mehreren Jahren in keiner anderen Jacke mehr gesehen, trotzdem sind keine Gebrauchsspuren zu erkennen. Die Ärmel hat er sauber umgeschlagen.

»Lass uns ein wenig spazieren gehen«, sage ich. Ich weiß, dass Gordon sich freier unterhalten kann, sobald er sich bewegt. Er nickt nervös. Gordon hat noch nie mehr als einen Kurs pro Quartal gegeben. Zuletzt war er komplett auf das Verfassen eines eigenen Almanachartikels fokussiert. Damit versuchte er, sich mir gegenüber zu profilieren. Er schreibe ja jetzt seinen Eintrag, sagte er oft wie nebenbei, und er erwähnte auch, dass unser gemeinsamer Freund Duncan seinen Ansatz sehr gelobt habe. Ich habe nie Nachfragen gestellt, und so hat Gordon nach einiger Zeit auch nicht mehr davon erzählt, weder von seinem Textprojekt noch von Duncans Rückmeldungen dazu. Ich weiß bis heute nicht, zu welchem Thema Gordon arbeitet. Dass er so viel Zeit dafür braucht, sehe ich jedoch als schlechtes Zeichen.

 

Wir gehen abseits der Wege, wir schieben trockenes Herbstlaub vor uns her. In meinem Kurs zum Almanach, den mir das MidAge-Komitee aufgetragen hat, um mich überdeutlich an das Fehlen meines eigenen Eintrags zu erinnern, wird Gordon viel über sich und sein Projekt zu sagen wissen. Das könnte eine motivierende Wirkung auf die Junioren haben, aber auch eine lähmende. Als er selbst Junior war, hat Gordon manchmal den Beutel mit seinen Sportschuhen in der Athletikhalle liegen lassen, er musste dann von den Seminarräumen noch einmal zurück zur Halle laufen, bevor diese abgeschlossen wurde, quer über den Campus. Für diesen Sprint war er bekannt. Überhaupt habe ich, wenn ich an unsere Juniorenzeit zurückdenke, oft hektische Szenen im Kopf. Als wären wir aufgeregt durch die frühen Jahre unserer Ausbildung geeilt. Die aktuellen Junioren wirken im Vergleich nie gehetzt, sie teilen sich ihre Zeit gut ein, sie gehen ihren Weg durchs raschelnde Laub, und manchmal ist mir, als sähe ich ihre Bewegungen in Zeitlupe.

 

Gordon sagt: »Ich glaube, das Körpergefühl der neuen Junioren hat mit unserem von damals überhaupt nichts gemein. Schau sie dir an. Die wachsen doch noch. Und trotzdem sind das längst elegante junge Frauen und Männer. Glaubst du, das hängt mit diesen postpragmatischen Tanzkursen zusammen?«