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Brian ist zwölf Jahre alt und seine Eltern sind geschieden. Er sitzt in einem kleinen Flugzeug und weiß nicht, ob er sich auf den Sommer bei seinem Vater freuen soll. Plötzlich erleidet der Pilot einen Herzinfarkt und stirbt, Brian ist allein am Himmel, vor sich Instrumente, mit denen er nicht umgehen kann, im Herzen die Gewissheit des Todes. Und dann kommt der Absturz. Doch Brian überlebt und es beginnt eine wahre Robinsonade. Er "erfindet" das Feuer neu, den Bau eines Unterschlupfs, er fertig Pfeil und Bogen ...
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Veröffentlichungsjahr: 2010
Von Gary Paulsen im Carlsen Verlag erschienen:Allein in der Wildnis Der Fluss
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Veröffentlicht im Carlsen Verlag 2003 Originalcopyright © 1987 Gary Paulsen Originalverlag: Bradbury Press, an affiliate of Macmillan, Inc., New York/N.Y. 1987 Dell Publishing Group, Inc., New York / N.Y. 1991 Originaltitel: »The Hatchet« Copyright © der deutschsprachigen Ausgaben: 1995, 2003 Carlsen Verlag GmbH, Hamburg Aus dem Amerikanischen von Thomas Lindquist Umschlagbild: Photocase.com/Bengelsdorf Umschlaggestaltung: formlabor E-Book-Umsetzung: GGP Media GmbH, Pößneck ISBN 978-3-646-92011-6
Alle Bücher im Internet:www.carlsen.de
© CARLSEN Verlag
Gary Paulsen wurde 1939 geboren und verbrachte seine frühe Kindheit im nördlichen Minnesota, eine Gegend, die in seinen Erzählungen immer wieder eine besondere Rolle spielt. Ursprünglich war Paulsen Elektrotechniker beim Militär, bis er eines Nachts beschloss Schriftsteller zu werden – ohne jemals etwas geschrieben zu haben. Inzwischen hat sich Gary Paulsen nicht nur in den USA einen festen Leserkreis erobert. Seine Bücher wurden in 18 Sprachen übersetzt und haben bereits zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Gary Paulsen lebt heute in New Mexico.
Aus dem Fenster des kleinen Flugzeugs starrte Brian Robeson hinab auf die endlose, grüne Wildnis des Nordens. Es war eine Cessna 206 – einer jener sagenhaften »Buschflieger«, die fast auf jeder Wiese landen können. Das Motorengeräusch war so laut, dass ein Gespräch unmöglich war.
Brian hätte auch nicht gewusst, was er sagen sollte. Er war dreizehn Jahre alt und er war der einzige Passagier in diesem Flugzeug, bei diesem schweigsamen Piloten – wie war sein Name: Jim oder Jack? Ein Mann von beinahe fünfzig Jahren, der bis zum Start wortlos an seiner Maschine herumgebastelt hatte: Genau fünf Wörter hatte er gesprochen, seit Brian mit seiner Mutter im Auto auf diesem kleinen Flugfeld bei Hampton – im Staate New York – angekommen war, wo das Flugzeug auf ihn wartete.
»Steig vorne in den Kopilotensitz!«
Das hatte Brian getan. Sie waren auf die Landebahn gerollt, hatten abgehoben – und dann dröhnte der Motor los. Zuerst fand Brian es aufregend: Noch nie war er in einem einmotorigen Flugzeug geflogen. Gebannt saß er im Cockpit und beobachtete die blinkenden Lichter und Schalter im Instrumentenbrett, das leise vibrierende Steuer und die Pedale vor ihm, während der wortkarge Pilot neben ihm die Maschine steil nach oben zog. Fünf Minuten später hatten sie eine Höhe von zweitausend Metern gewonnen und schwebten ruhig in Richtung Nordwesten. Noch immer schwieg der Pilot und nur das Dröhnen des Motors erfüllte die Kanzel. Bis zum endlosen Horizont, wo Himmel und Erde verschmolzen, rollten die Hügel mit sattgrünen Wäldern, mit düsteren Mooren und silbern blinkenden Flüssen und Seen dazwischen.
Brian saß da und schaute und hatte das einschläfernde Dröhnen des Motors in den Ohren. Vor seinem inneren Auge rollten die Ereignisse ab, die ihn hierhergeführt hatten – in den Kopilotensitz eines kleinen Flugzeugs auf dem einsamen Flug nach Norden.
Und wieder kamen die Gedanken.
Und wie immer kamen sie mit einem einzigen, hässlichen Wort: Scheidung.
Ein hässliches, trauriges Wort, das ihn an Streit und Tränen erinnerte. Und an Rechtsanwälte. Oh, wie er diese Rechtsanwälte hasste, die mit verlogenem Lächeln auf ihren Bürostühlen hockten und sich in einen Nebel juristischer Fachwörter hüllten. Was sie ihm da erklären wollten, war die einfache, harte Tatsache, dass sein Leben, wie er es bislang gekannt hatte, zerbrochen war; dass alle Sicherheit und Geborgenheit für ihn zu Ende war. Seine Familie, sein Leben mit Papa und Mama, mit seinen Freunden.
Scheidung. Ein hässliches, trauriges Wort. Scheidung – und Geheimnisse.
Oder nein. Es waren nicht »Geheimnisse«, sondern ein drückendes Geheimnis, über das er mit niemandem sprechen konnte. Er kannte das Geheimnis seiner Mutter, das zu der Scheidung geführt hatte. Brian wusste es. Und es war ein Geheimnis.
Die Scheidung …
Das Geheimnis …
Wieder spürte Brian das Brennen in seinen Augen. Und gleich würden die Tränen kommen. Ja, er hatte geweint, lange geweint. Aber das war vorbei. Jetzt weinte er nicht mehr. Jetzt brannten seine Augen nur noch, aber er weinte nicht mehr. Mit den Fingerspitzen fuhr er sich über die Augen und schielte nach dem Piloten – ob dieser etwas bemerkt hatte?
Der Pilot saß lässig in seinem Sitz, die Hände am Steuer, die Füße auf den Pedalen des Seitenruders. Er wirkte fast wie ein Teil der Maschine, gar nicht wie ein lebendiger Mensch. Brian sah auf der Instrumententafel all diese Zifferblätter und Skalen, Schalter und Hebel, Knöpfe und Griffe und Lampen, die zuckend und blinkend irgendwelche Informationen gaben, von denen er nichts verstand. Auch den Piloten verstand er nicht. Das war kein Mensch, sondern ein Teil der Maschine.
Aber der Pilot hatte Brians Blick aufgefangen und jetzt lächelte er. »Schon mal im Kopilotensitz mitgeflogen?«, fragte er. Den Kopfhörer seines Funkgeräts hatte er über die Schläfe geschoben. Er musste schreien, um den Motorenlärm zu übertönen.
Brian schüttelte den Kopf. Ein Cockpit kannte er nur aus dem Kino und aus Fernsehfilmen. Alles war so verwirrend. Und so laut. »Nein, zum ersten Mal.«
»Ist gar nicht so kompliziert, wie es aussieht. Ein gutes Flugzeug – wie dieses hier – fliegt beinahe von selbst.« Der Pilot zog die Schultern hoch. »Das erleichtert mir meinen Job.« Er beugte sich herüber. »Da, versuch’s einmal selbst. Leg die Hände ans Steuer und stell deine Füße auf die Pedale. Du wirst sehen, was ich meine.«
Brian schüttelte den Kopf. »Ach, lieber nicht.«
»Na, versuch’s doch mal.«
Brian streckte die Hände aus und umklammerte das Steuer so fest, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Mit den Füßen trat er auf die Pedale. Das Flugzeug kippte scharf nach rechts.
»Nein, nein! Nicht so stark. Du musst die Maschine leichter steuern. Ganz leicht.«
Brian lehnte sich zurück und entspannte seinen Griff. Vergessen waren die brennenden Tränen in seinen Augen. Er spürte nur noch das Vibrieren der Maschine im Steuer und in den Pedalen. Das Flugzeug reagierte beinahe wie ein lebendiges Wesen.
»Siehst du?«, sagte der Pilot. Er ließ das Steuer los, reckte die Hände hoch und hob die Füße von den Pedalen. Tatsächlich flog Brian das Flugzeug jetzt ganz allein. »Ganz einfach, nicht wahr?«, sagte der Pilot. »Jetzt dreh das Steuer etwas nach rechts und tritt auf das rechte Pedal.«
Brian drehte das Steuer und das Flugzeug kippte sofort zur Seite. Er drückte auf das rechte Pedal und schon glitt die Nase des Flugzeugs über den Horizont nach rechts. Als er den Fuß vom Pedal nahm und das Steuer zurückdrehte, richtete sich das Flugzeug wieder auf.
»Jetzt kannst du schon Kurven fliegen. Also, steuere noch ein wenig nach links.«
Brian drehte das Steuer nach links, drückte das linke Pedal und die Maschine folgte seinem Befehl. »Ganz einfach«, grinste er. »Wenigstens dieser Teil des Fliegens.«
Der Pilot nickte anerkennend. »Ja, fliegen ist einfach«, sagte er. »Nur muss man es lernen. Wie alles andere im Leben. Wie alles andere.« Er legte die Hände ans Steuer und übernahm wieder die Führung des Flugzeugs. Dann fuhr er sich nachdenklich mit der Hand über die linke Schulter. »Druck und Schmerzen hier oben. Anscheinend werde ich alt.«
Brian hatte das Steuer losgelassen und die Füße von den Pedalen genommen. Er sah den Piloten an. »Vielen Dank …«
Der Pilot hatte schon wieder seinen Kopfhörer aufgesetzt und das Dankeschön ging im Dröhnen des Motors unter. Brian schaute wieder hinaus auf das endlose Meer von Wäldern und Seen. Und die Erinnerungen kehrten zurück. Nicht mehr mit Tränen und brennenden Augen. Aber mit Worten. Immer wieder mit Worten:
Scheidung. Geheimnis. Streit. Trennung.
Ja, die Trennung. Brians Vater wusste nicht, was Brian wusste. Er verstand nicht, warum Brians Mutter sich von ihm trennen wollte. So war die Trennung gekommen und dann die Scheidung und alles war so schnell gegangen. Das Gericht hatte bestimmt, dass er bei seiner Mutter leben sollte. Bis auf die Sommerferien. Das war die »Besuchsregelung«, wie der Richter in seiner kalten Juristensprache gesagt hatte. Oh, wie Brian diesen Richter hasste – genau wie die Rechtsanwälte!
Dieser Richter, der sich von seinem Podest herunterbeugte und wissen wollte, ob Brian verstanden hatte, wo er jetzt leben sollte – und warum. Dieser Richter, der gar nicht wusste, was wirklich passiert war. Dieser Richter mit seinem mitfühlenden Blick, der gar nichts bedeutete. Wie auch die mitfühlenden Worte der Rechtsanwälte gar nichts bedeuteten.
In den Sommerferien sollte Brian bei seinem Vater leben. Während des restlichen Schuljahrs bei seiner Mutter. Das hatte der Richter gesagt, nachdem er die Papiere auf seinem Tisch studiert und die Reden der Anwälte angehört hatte. Leere Wörter. Gerede.
Das Flugzeug kippte plötzlich nach rechts und Brian sah den Piloten an. Er presste noch immer die Hand auf die Schulter – und auf einmal war schlechte Luft in der Führerkanzel des Flugzeugs. Brian wandte sich ab, um den Piloten nicht zu beschämen. Anscheinend hatte er Schwierigkeiten mit seiner Verdauung.
In diesem Sommer also, die Scheidung lag erst einen Monat zurück, war Brian unterwegs nach Norden, um zum ersten Mal die »Besuchsregelung« bei seinem Vater auszuprobieren. Sein Vater war Ingenieur und arbeitete auf den Ölfeldern im nördlichen Kanada – jenseits der Baumgrenze, am Rande der arktischen Tundra. Er hatte ein neues Bohrgerät erfunden, einen selbstreinigenden und sich selbst schärfenden Bohrkopf zur Erschließung neuer Ölquellen. Und Brian sollte ihm irgendwelche eigens angefertigten Werkzeuge aus New York mitbringen, die jetzt fest verschnürt im Laderaum des Flugzeugs lagen, gleich neben dem Seesack aus Segeltuch, den der Pilot als »Überlebenspaket« bezeichnet hatte: ein Sack voller Vorräte und Ausrüstung für den Fall, dass sie irgendwo notlanden mussten. Mit diesem kleinen Buschflugzeug, das beinahe überall landen konnte; mit diesem Pilot namens Jack oder Jim, der sich schließlich als ganz patenter Kerl erwiesen hatte. Immerhin hatte er Brian erlaubt allein das Flugzeug zu fliegen.
Aber dieser Geruch! Anscheinend ließ der Pilot einen Wind nach dem andern. Brian spähte zu ihm hinüber. Er presste noch immer die Hand auf die Schulter, rieb sich den linken Arm, furzte und stöhnte. Ob der Mann etwas Unrechtes gegessen hat?, überlegte Brian.
Frühmorgens war er mit seiner Mutter im Auto losgefahren, von New York City hinaus nach Hampton, wo das Flugzeug die Bohrgeräte übernehmen sollte. Es war eine schweigsame Fahrt, eine lange Fahrt fast ohne Unterhaltung. Zweieinhalb Stunden hatte er im Auto gesessen und aus dem Fenster gestarrt, ähnlich wie er jetzt aus dem Fenster des Flugzeugs starrte. Irgendwann, als sie schon längst aus der Stadt waren, hatte seine Mutter ihn angesehen.
»Hör mal. Können wir uns nicht aussprechen? Können wir die Sache nicht klären? Willst du mir nicht sagen, was dich bedrückt?«
Noch immer quälten ihn diese Wörter: Scheidung. Trennung. Das Geheimnis. Wie konnte er ihr sagen, was er wusste? Also hatte er geschwiegen. Stumm hatte er den Kopf geschüttelt und weiter mit leerem Blick auf die Landschaft gestarrt, während seine Mutter starr das Lenkrad umklammerte. Sie sprach erst wieder mit ihm, als sie den Flugplatz von Hampton beinahe erreicht hatten.
Da griff sie nach hinten und zog vom Rücksitz eine Tüte hervor. »Da, sieh mal. Ich hab dir was mitgebracht. Für deine Ferien.«
Brian nahm die Tüte und schaute hinein. Es war ein Beil; jene Sorte mit eisernem Schaft und einem gummibezogenen Handgriff. Die Klinge steckte in einem kräftigen Lederfutteral, das eine mit Messingnieten beschlagene Gürtelschlaufe hatte.
»Du kannst es am Gürtel tragen«, sagte seine Mutter, ohne ihn anzusehen. Vor ihnen auf der Straße rollte ein Traktor und beim Überholen musste sie aufpassen. »Der Verkäufer im Laden meinte, du könntest es gut gebrauchen. In der Wildnis, weißt du, bei deinem Vater.«
Papa, dachte er – nicht »mein Vater«. Mein Papa. »Vielen Dank. Wirklich nett von dir.« Sogar Brian spürte, wie hohl seine Worte klangen.
»Zeig doch mal, wie es am Gürtel aussieht. Mach schon.«
Am liebsten hätte er sich geweigert. Es war doch zu albern, mit einem Beil am Gürtel herumzulaufen! Am liebsten hätte er Nein gesagt. Doch ihre Stimme klang so verzagt, so verletzlich. Als könnte sie es nicht ertragen, wenn man ihr die Wahrheit sagte. Und Brian hatte ein schlechtes Gewissen, weil er auf der ganzen Fahrt noch kein Wort mit ihr gesprochen hatte. Trotz allem, was er von seiner Mutter wusste, trotz seiner Wut auf sie hatte er ein schlechtes Gewissen, weil er auf der ganzen Fahrt geschwiegen hatte. Darum tat er ihr den Gefallen, schnallte den Gürtel auf und schob das rechte Ende durch die Lederschlaufe am Kopf des Beils.
»Dreh dich um, damit ich es sehen kann.«
Er drehte sich auf dem Beifahrersitz herum – und kam sich ziemlich albern vor.
Sie nickte. »Ganz wie ein Pfadfinder. Mein kleiner Pfadfinder.« In ihrer Stimme lag jetzt die gleiche Zärtlichkeit wie damals, als er ein kleiner Junge war. Die gleiche Zärtlichkeit, mit der sie ihm die Hand auf die Stirn gelegt hatte, wenn er Fieber hatte, wenn er mit einer Erkältung im Bett lag. Tränen stiegen ihm in die Augen und er musste den Kopf abwenden. Den Rest der Fahrt saß er stumm auf dem Beifahrersitz und starrte blickleer aus dem Fenster. So kam es, dass das Beil noch immer an seinem Gürtel hing, als er ins Flugzeug kletterte.
Das Flugzeug war nur ein Buschflieger – ein Privatflugzeug auf einem kleinen Provinzflugplatz. Darum gab es beim Abflug keine Sicherheitskontrollen. Die Maschine stand schon mit laufendem Motor bereit und Brian war aus dem Auto gesprungen, hatte sich seinen Rucksack geschnappt und war über die Startbahn gelaufen, ohne das Beil abzuschnallen.
Jetzt hing es noch immer an seinem Gürtel. Zuerst war es ihm peinlich gewesen: ein kindliches Spielzeug! Der Pilot hatte jedoch nichts gesagt und Brian vergaß die ganze Sache, nachdem das Flugzeug sich in die Luft geschwungen hatte.
Aber, oh! Dieser fürchterliche Gestank. Was war nur mit dem Piloten los? Beschämt starrte Brian hinüber zu dem Mann, der beide Hände auf seinen Bauch drückte und qualvoll sein Gesicht verzog. Als er Brians Blick spürte, presste er wieder die Hand auf die linke Schulter.
»Ich weiß nicht, Junge …« Zischend, die Zähne zusammengebissen, stieß der Pilot die Worte hervor. »Grausamer Schmerz, hier oben. Grausamer Schmerz. Dachte zuerst, ich hätte irgendetwas gegessen. Aber jetzt …«
Wieder schüttelte ihn ein Krampf und er konnte nicht weitersprechen. Brian sah hilflos zu, wie schlecht es ihm ging. Mit schmerzverzerrtem Gesicht warf sich der Pilot gegen die Rückenlehne und zog die Beine an.
»Noch nie so etwas erlebt …«
Der Pilot tastete blind nach dem Schalter am Kabel seines Mikrofons. Mit einem Ruck zog er die Hand vom Magen hoch und drückte den Schalter und zischte gequält ins Mikrofon: »Dies ist Flug Nummer vier-sechs-…«
Ein neuer Krampf traf ihn mit der Wucht eines Hammers und warf ihn zurück in seinen Sitz. Brian streckte die Hand aus, wollte irgendwie helfen. Er wusste nicht, was dies alles zu bedeuten hatte.
Und plötzlich verstand er.
Der Pilot riss den Mund auf und schnappte nach Luft, fluchte und schlug den Kopf gegen die Nackenstütze. Mit der Hand umklammerte er seine linke Schulter. Und zischte fluchend: »Oh, mein Gott! Oh, verdammt! Es zerreißt mir die Brust!«
Der Pilot hatte einen Herzinfarkt. So etwas hatte Brian schon einmal gesehen. Damals, als er mit seiner Mutter in der Fußgängerzone einkaufen ging. Ein Mann war vor Paisleys Kaufhaus zusammengebrochen. Auf dem Straßenpflaster hatte er gelegen, seinen linken Arm umklammernd, und über furchtbare Schmerzen in der Brust geklagt. Es war ein alter Mann gewesen. Viel älter als der Pilot.
Ja, der Pilot hatte einen Herzinfarkt. Noch während Brian diese Erkenntnis dämmerte, sah er, wie der Pilot sich noch einmal aufbäumte – und mit furchtbarer Kraft rückwärts gegen die Sitzlehne fiel. Er strampelte mit den Beinen – und plötzlich kippte das Flugzeug zur Seite. Der Kopf des Mannes fiel schlaff nach vorn und weißlicher Speichel floss über seine Lippen. Er verdrehte die Augen nach oben, bis nur noch das Weiße zu sehen war.
Nur noch das Weiße in seinen Augen! Und der Gestank wurde immer schlimmer – hing wie ein Nebel im Cockpit. Alles ging so schnell, dass Brian es gar nicht mit dem Verstand aufnehmen konnte. Wie in Zeitlupe sah er alles vor sich abrollen.
Vor einer Minute noch hatte der Pilot gesprochen. Er hatte über Schmerzen geklagt. Er hatte sogar versucht über Funk eine Meldung zu machen.
Dann waren die Krämpfe gekommen, bei denen der Pilot sich aufbäumte und schließlich wie gelähmt nach hinten fiel.
Plötzlich drang Einsamkeit durch das Dröhnen des Motors. Ein Gefühl von schweigender Einsamkeit. Brian war allein.
Er war allein – und starr vor Angst. Er konnte sich nicht bewegen. Er konnte keinen Gedanken fassen, der über den Moment hinausging. Er schaute aus weit aufgerissenen Augen und fühlte nichts. Kaltes Entsetzen hatte ihn gepackt – so jäh, dass sein Herz und sein Atem stockten.
Sekunden verstrichen.
Und langsam begriff er, was hier passiert war. Es war so furchtbar, dass er nicht wagte sich die Wahrheit einzugestehen.
Hier saß er, in einem winzigen Flugzeug, hoch über der menschenleeren Wildnis. Und der Pilot neben ihm hatte einen schweren Herzanfall erlitten. Er lag bewusstlos neben ihm – und war vielleicht schon tot.
Brian war allein. In einem Flugzeug, das steuerlos – ohne Pilot – durch den Himmel raste.
Sekunden verstrichen und Brian konnte sich nicht bewegen. Auch als sein Kopf wieder zu funktionieren begann, als er erkannte, was passiert war, konnte er nichts tun. Es war, als hätte er Blei in den Armen und Händen.
Verzweifelt suchte er nach einem Ausweg. Er klammerte sich an die Wunschvorstellung, dass all dies gar nicht passiert sei. Er schläft ja nur, der Pilot!, versuchte er sich einzureden. Er schläft nur – und gleich wird er die Augen aufmachen, seine Hände werden nach dem Steuer greifen und seine Füße werden nach den Pedalen tasten. Aber nichts geschah.
Der Pilot bewegte sich nicht. Nur sein Kopf rollte kraftlos hin und her, während das Flugzeug von Turbulenzen geschüttelt wurde.
Das Flugzeug.
Irgendwie flog das Flugzeug noch immer. Fast eine Minute musste vergangen sein – und es flog immer noch, als sei nichts geschehen. Brian musste etwas tun. Er wusste nicht, was, aber er musste irgendetwas tun.
Helfen! Er musste helfen.
Er streckte die Hand nach dem Piloten aus. Mit zitternden Fingern tastete er nach der Brust des Mannes. Er wusste nicht, was nötig war. Ja, es gab Erste-Hilfe-Techniken, die man bei Opfern von Herzattacken anwenden konnte. Beatmung von Mund zu Mund, zum Beispiel, oder eine Herzmassage durch rhythmischen Druck auf den Brustkorb. Aber Brian wusste nicht, wie man so etwas machte. Außerdem war es unmöglich, weil der Pilot, von seinen Sicherheitsgurten gehalten, aufrecht im Sitz hing. Ängstlich fuhr Brian mit den Fingerspitzen über den Brustkorb des Mannes. Aber da war kein Herzschlag, kein Heben und Senken des Atems. Mit grausamer Klarheit wurde Brian bewusst, dass der Pilot wahrscheinlich tot war.
»Bitte!«, flehte Brian. Aber er wusste nicht, wer seine Bitte hören sollte. »Oh, bitte …«
Wieder sackte das Flugzeug durch, von Turbulenzen geschüttelt. Es stürzte nicht ab, aber Brian sah, dass die Nase in flachem Winkel nach unten zeigte. Dies bedeutete, dass die Maschine irgendwann zwischen den Bäumen landen musste. Wo Brian vorhin die Leere des Horizonts gesehen hatte, drohte jetzt das Dickicht der Wipfel.
Irgendwie musste es ihm gelingen, das Flugzeug zu fliegen. Er musste es steuern – und zwar allein. Der Pilot konnte ihm nicht mehr helfen. Er musste sich selber helfen und es versuchen. Er musste das Flugzeug fliegen.
Brian drehte sich wieder nach vorn, legte die zitternden Hände ans Steuer und tastete mit den Füßen nach den Ruderpedalen. Man musste das Steuer nach hinten ziehen, damit das Flugzeug sich aufrichtete. So viel wusste er aus Büchern. Er versuchte es und das Steuer glitt ihm ganz leicht entgegen. Viel zu leicht. Das Flugzeug, das sein Tempo im Sturzflug beschleunigt hatte, schwenkte so jäh in die Höhe, dass Brian sich fast übergeben musste. Er stieß das Steuer nach vorn, diesmal zu weit, und wieder tauchte die Motorhaube des Flugzeugs unter den Horizont. Wieder begann der schnelle, unausweichliche Sturz, hinab auf die Baumwipfel.
Oh, das war zu weit!
Er zog das Steuer wieder zurück, vorsichtiger als beim letzten Mal, und die Nase richtete sich auf. Schon wieder zu weit, aber nicht mehr so plötzlich! Brian drückte das Steuer nach vorn, zog es behutsam wieder zurück – und jetzt endlich hörte das schwindelerregende Auf und Ab der Maschine auf. Waagerecht dehnte sich der Horizont, ruhig schwebte das Flugzeug dahin und Brian konnte endlich wieder tief Luft holen. Jetzt hieß es gut überlegen, was er als Nächstes tun sollte.
Es war ein klarer, sonniger Tag, nur vereinzelte Wölkchen an einem stahlblauen Himmel, und Brian wagte einen Blick durch das Seitenfenster. Er hoffte etwas zu entdecken, irgendeinen Anhaltspunkt, aber da war nichts. Nur das Grün der Bäume, eine grüne Unendlichkeit, und dazwischen die blinkenden Wasserflächen von Seen, etwas zahlreicher in der Richtung, in der er flog. Aber wohin flog er denn?
Ja, er flog, aber er wusste nicht, wohin. Er hatte keine Ahnung, wohin die Reise führte. Er starrte auf das Armaturenbrett, studierte die Instrumente und hoffte dort auf Hilfe. In einem verwirrenden Durcheinander von Leuchtziffern, Skalen und Lampen hoffte er den Kompass zu entdecken. Eine beleuchtete Skala, in der oberen Mitte der Instrumententafel, zeigte die Zahl 342. Und eine andere, gleich daneben, zeigte die Ziffern 22. Gleich darunter gab es Instrumente mit schwankenden Linien, die offenbar Aufschluss über die Stellung der Höhen- und Seitenruder gaben. Eine andere Skala zeigte die Zahl 70 – und Brian rätselte, ob dies der Höhenmesser sei. Aber was zeigte er an? Etwa die Flughöhe über dem Boden oder die absolute Höhe über dem Meeresspiegel? Irgendwann hatte Brian etwas über Barometer und Höhenmesser gelesen – aber er wusste nicht, welche Höhe solche Instrumente anzeigten.
Links unter dieser Skala fand er ein schmales, rechteckiges Paneel mit zwei Schaltknöpfen. Dann aber sah er, dass dort Buchstaben ins Blech gestanzt waren: TRANSMITTER 221, konnte er entziffern – und jetzt wusste er, dass es das Funkgerät sein musste!
