Alles ganz normal - Roberta Marasco - E-Book

Alles ganz normal E-Book

Roberta Marasco

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Beschreibung

Neue Schule, neues Zuhause und neue Stiefmutter: Camilla hat es gerade echt nicht leicht. Bei Luna dagegen scheint alles super zu laufen: Als Tiktokerin unter dem Namen Lunatika hat sie Tausende Follower. Aber auch ihr Leben ist nicht so toll, wie es scheint: Papa lebt am anderen Ende der Welt und ihre überengagierte Mama hat viel zu viel um die Ohren, um Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen. Als Camilla nun neu in Lunas Klasse kommt, sprechen die beiden kaum miteinander, sie haben einfach nichts gemeinsam. Bis zu dem Tag, an dem ein peinliches Video von Camilla viral geht, in dem sie über ihre erste Regelblutung spricht. Nicht nur zwischen Camilla und Luna, sondern unter allen Mädchen der Klasse zeigt sich plötzlich eine ganz neue Solidarität, und neue Freundschaften entstehen …   »Spricht mit großer Offenheit und Mut ein wichtiges Thema an!« Leggendoleggendo.it

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Veröffentlichungsjahr: 2021

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Roberta Marasco: Alles ganz normal

Neue Schule, neues Zuhause, neue Stiefmutter: Camilla hat es gerade echt nicht leicht. Bei Luna dagegen scheint alles super zu laufen: Als Tiktokerin unter dem Namen Lunatika hat sie Millionen Follower. Aber auch ihr Leben ist nicht so toll, wie es scheint: Papa lebt am anderen Ende der Welt und ihre überengagierte Mama hat viel zu viel um die Ohren, um Zeit mit ihrer Tochter zu verbringen. Als Camilla nun neu in Lunas Klasse kommt, sprechen die beiden kaum miteinander, sie haben einfach nichts gemeinsam. Bis zu dem Tag, an dem ein peinliches Video von Camilla viral geht, in dem sie über ihre erste Regelblutung spricht. Nicht nur zwischen Camilla und Luna, sondern unter allen Mädchen der Klasse zeigt sich plötzlich eine ganz neue Solidarität, und neue Freundschaften entstehen …

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Für Maria, die mir beim Schreiben dieser Geschichte geholfen hat. Möge ihr Frausein sie immer stolz machen.

1    Camilla

Der große Moment ist da.

Die Aula ist megavoll. Alle sind gekommen und drängeln sich zwischen den verblichenen Wänden. Vielleicht war diese Farbe von Erbrochenem ja irgendwann einmal modern, vielleicht wollte man damit auch nur die Schüler und Schülerinnen ruhigstellen und in Schach halten. Wie auch immer, heute funktioniert das nicht. Wir sind so aufgeregt, dass die Lehrer uns schon gar nicht mehr ermahnen, still zu sein, sondern selbst miteinander quatschen. Aber schließlich landet man ja auch nicht jeden Tag im Fernsehen.

Die Einzige, die in der großen Aula fehlt, ist Rossana. Ihr Platz neben mir ist leer. Die Hausmeisterin hat sie aus dem Saal geworfen, nachdem sie ein Schild hochgehalten hat. »Schon gut«, hat sie gesagt, als ich dagegen protestieren wollte. »Dieses Mal lasse ich mich nicht so leicht einschüchtern.«

Ich bin so aufgeregt, dass ich nur die Hälfte von dem mitbekomme, was auf der Bühne gesagt wird. Erst als plötzlich alle still werden und sich zu mir drehen, begreife ich, dass ich dran bin. Ich schlängele mich an den Knien meiner Mitschüler entlang und über ihre Rucksäcke zum Gang. Ich bin fast am Ende der Reihe angekommen, als ich sehe, wer auf dem letzten Platz sitzt: Elena Soggi, siebzig Kilo Muskeln und Bösartigkeit.

Gerade als ich an ihr vorbeiwill, rutscht sie auf dem grünbeigen Samtpolster nach vorn und versperrt mir mit den Beinen den Weg. Mein Herz beginnt zu rasen. Nicht jetzt, denke ich. Nicht vor der ganzen Schule. Nicht schon wieder.

Ich hole tief Luft und sehe ihr in die Augen, und da passiert etwas Unglaubliches. Sie rührt sich zwar keinen Millimeter, aber zum ersten Mal mustert sie mich nicht wie ekligen Schleim auf dem Gehweg. Sie zieht sich das Tuch zurecht, das sie um den Hals trägt, und sieht mich an.

»Du bist stark«, sagt sie mit ihrer kratzigen und feindseligen Stimme. »Echt stark, Tampon.«

Mein hoffnungsfrohes Lächeln wird im Keim erstickt.

»Also, ich mein, Camilla.« Dann steht sie auf und lässt mich durch. Ihre Freundinnen neben ihr wundern sich vermutlich mehr als ich, denn für einen Augenblick hört man nicht mal das Surren einer Fliege.

Mit gesenktem Blick gehe ich zur Bühne. Wenn ich mich jetzt umsehe, ist es mit meinem Mut vorbei. Ich suche nach Luna und brauche ein bisschen, bis ich sie entdecke, und schon schauen alle nur zu ihr, während sie mit ihrem Gazellengang auf mich zukommt. Gemeinsam steigen wir die drei wackligen Stufen zur Bühne hoch und treten an das Mikrofon.

An einem Tisch sitzen ein paar Erwachsene und reden miteinander. Ich nutze die Zeit für ein paar gleichmäßige Atemzüge. Eigentlich muss ich ja nur ein paar Zeilen vorlesen, was sollte da schon schiefgehen? Also senke ich wieder den Blick und stelle fest, dass Luna gar nichts in den Händen hält. Wahnsinn. Hat sie den Text etwa nicht mitgebracht? Ich habe ihn wieder und wieder gelesen, Dutzende Male, aber ich kann ihn trotzdem nicht auswendig. Und selbst wenn, in diesem Moment ist mein Kopf so leer, dass nur das Echo meiner Gedanken darin widerhallen würde.

»Mädchen, seid ihr so weit?«, fragt die Lusardi ungeduldig.

Ich und Luna nicken. Zum Glück schiebt Luna jetzt ihre zarten Finger in die hintere Tasche ihrer Skinny Jeans und zieht ein Stück Papier hervor. Ich seufze erleichtert.

»Als Vertreterinnen der Mittelschule Rosaspina«, krächzt die Stimme unserer Lehrerin aus dem Lautsprecher und hallt über die Köpfe meiner Mitschüler, »lesen nun Camilla und Luna einen Text über die Familie, den sie selbst verfasst haben.«

Ich lächle. Alles wird gut. Das wird ein Spaziergang. Luna reicht mir das Blatt. Ich sehe darauf, hole tief Luft und verschlucke mich fast. Auf dem Blatt steht nicht der Text, den wir der Lusardi abgegeben haben. Panisch blicke ich zu Luna, doch sie zwinkert mir einfach nur zu. Meine Hände mit dem Blatt zittern so wie damals, als ich mir im Auto die Nägel lackieren wollte. Der Azetongestank war monatelang zu riechen. Dieses Mal jedoch ist es schlimmer. Mein peinlicher Live-Auftritt im Fernsehen wird bestimmt nicht so einfach in Vergessenheit geraten.

Was mache ich jetzt?

»Mädchen, los, fangt an!«, ruft die Lusardi. »Der Herr Senator hat keine Zeit zu verlieren.«

Ich blicke wieder auf das Blatt. Anstelle unseres Textes, den ich vor der versammelten Schule und im Fernsehen vorlesen sollte, stehen da nur drei Worte, geschrieben mit rosa Filzstift.

ERZÄHL VON UNS.

2    Camilla

Anderthalb Monate zuvor.

»Los, kommt schon. Wir habens gleich geschafft.«

Ich schnaufe etwas heftiger. Mein Vater soll denken, dass ich zu sehr außer Atem bin, um zu antworten. Dass mir einfach die Luft dafür fehlt. Und nicht auch alles andere. Ich habe nämlich keine Lust. Und keine Kraft. Mir fehlt mein Leben.

»Meine Beine tun weh«, jammert Lorenzo hinter mir.

»Ach komm, in ein paar Tagen ist der Aufzug wieder repariert.« Mein Vater wird etwas langsamer. »Es sind doch nur drei Stockwerke.«

»Ich streike«, sagt mein Bruder. »Das ist das letzte Mal, dass ich zu Fuß gehe.«

»Weiter, du kleines Weichei. Davon kriegst du kräftige Beine. Dann läufst du allen davon.«

Genau diese Nummer finde ich echt schwer zu ertragen. Wie mein Vater krampfhaft versucht, Begeisterung zu verbreiten. Man kapiert auf einen Kilometer Entfernung, dass das künstlicher ist als die Haarfarbe meiner Musiklehrerin. Warum merkt er nicht, dass uns total die Lust vergeht, je toller er etwas findet?

Wie das eine Mal, als wir campen waren. Es waren unsere ersten Ferien ohne Mama, und alles war fürchterlich. Das Zelt war ganz verschimmelt und stand total schief, weil er nicht fähig war, es richtig aufzubauen. Der Kocher stank nach Gas, die Nudeln waren zu hart, alles war voller Mücken, und die Klos waren verstopft und halb überschwemmt. Es war ein schrecklicher Urlaub, und ich hätte mir gewünscht, er hätte zugegeben, dass es eine Katastrophe war. Dann wäre er wenigstens ehrlich gewesen. Und ich könnte ihm vertrauen. Vor allem wenn er immer sagt, dass wir trotzdem zurechtkommen, allein, zu dritt.

»Ich laufe sowieso schon schneller als alle anderen«, erwidert Lorenzo hinter mir. »Drei Stockwerke Treppen mach ich aber nicht mehr mit.«

»Und wie willst du dann nach draußen kommen?«, fragt mein Vater in einem absoluten Besserwisser-Ton.

Manchmal wundere ich mich echt, wie wenig er seinen Sohn kennt.

»Ganz einfach«, antwortet Lorenzo. »Ich gehe nicht mehr raus.«

Mein Vater dreht sich zu mir und lächelt, ein erschrecktes Lächeln, ein bisschen schief und schuldbewusst, mit dem er sich mit mir verbünden will. Aber ich mache etwas ganz Schreckliches. Ich mache es, ohne richtig darüber nachzudenken, und dann ist es auch schon zu spät.

Ich lächle nicht zurück, sondern senke den Kopf. Allerdings nicht schnell genug, sodass ich seine Enttäuschung noch mitkriege.

Ich möchte ihm sagen, dass es mir leidtut. Und irgendwo tief in mir drin tut es mir ja auch wirklich leid. Aber ich bin so wütend, traurig, sauer und selbst enttäuscht, dass mein Mitleid in irgendeiner Ecke ganz hinten gelandet ist, unter all dem anderen Zeug, wo ich es niemals wieder rauskriege.

Ich habe die Erste NMT-Regel (Nach-Mamas-Tod-Regel) verletzt: Sei nicht wütend auf Papa.

Und das macht mich noch wütender.

Mein Vater stößt die Wohnungstür auf und wir treten ein.

»Carla wollte eigentlich da sein«, sagt er, »aber montags hat sie immer Yoga, und das konnte sie einfach nicht ausfallen lassen.« Seine Stimme klingt viel zu schrill und hallt durch den leeren Flur, in dem es leicht nach Brokkoli und Deo riecht.

Ich sehe ihn an, warte auf Anweisungen, mein Rucksack zieht schwer an meiner Schulter. Er starrt mich an, atmet kaum und ein fast unsichtbares Lächeln dringt durch seinen Bart, den er sich hat wachsen lassen. ›Heute trägt man den wieder, um jünger auszusehen‹, hat mir Enrica im Chat erklärt. Sie ist anderthalb Jahre älter als ich und weiß eine Menge Sachen. ›Das kommt von den Hipstern. Das ist wie mit den Jacken, die jetzt immer zwei Nummern zu klein sind.‹

Seit sie mir das geschrieben hat, fällt es mir tatsächlich öfter auf, und sie hat recht. Zwei Nummern sind es vielleicht nicht, aber eine mit Sicherheit.

Ich könnte es nicht erklären, selbst wenn ich es versuchte, aber das Merkwürdige ist, dass ich das gar nicht mit Absicht mache. Ich habe nicht beschlossen, so abweisend zu sein. Papa ist allerdings davon überzeugt, dass das alles nur Strategie ist, damit er seine Meinung ändert. So als wäre das die dreizehnjährige Version meiner Kleinkindbockigkeit.

Aber ich habe hier überhaupt nichts beschlossen. Es ist einfach stärker als ich. Es ist, als hätte sich in meiner Brust ein Stein gebildet. Vielleicht war er auch schon immer da, aber jetzt ist er in Bewegung geraten, wie die Gallensteine von Enricas Tante. Er rollt in mir herum und reißt alle Nähte auf, mit denen ich die Wunden von Mamas Tod verschlossen habe. Er ist immer größer geworden und manchmal tut er weh, vor allem, wenn ich lächle oder wenn ich mich zu schnell bewege. Oder wenn ich hoffe, dass alles besser wird.

Und daher bleibe ich regungslos stehen und warte, dass mir Papa sagt, wo ich hinsoll, auch wenn ich genau weiß, dass mein Zimmer hinten rechts ist, das lange, schmale mit der grün-weiß gestreiften Tapete und den Klebestreifen, die Anna zurückgelassen hat. Anna, die alle Annina nennen, nur ich nicht. Ich nenne sie Anastasia, aber nur, wenn niemand mich hört. Ich habe eine Stiefschwester, genau wie Cinderella. Es ist zwar nur eine, aber die zählt doppelt.

Theoretisch hätte ich mit ihr das Zimmer teilen sollen. »Ist das nicht fantastisch?«, hat Carla gequiekt. »Euer Reich, girls only.« Carla streut immer ein paar englische Wörter ein, ich glaube, das kommt, weil sie sich keinen Hipsterbart wachsen lassen kann.

Doch wie es scheint, hat Anastasia das nicht so fantastisch gefunden, weil sie schließlich ein neues Zimmer ganz für sich bekommen hat und ich meines jetzt mit Lorenzo teilen muss. Seit ich acht bin, schlafe ich nicht mehr mit meinem Bruder in einem Zimmer, aber ich glaube nicht, dass er sich sehr gebessert hat.

»Ich gehe nie mehr raus«, erklärt Lorenzo da und beendet den Streit, indem er Papas Standardantwort vorwegnimmt: »Selbst wenn du mir die Playstation wegnimmst.«

3    Camilla

Wenn es eine Sache gibt, die ich hasse, dann sind es Veränderungen. Jede Art von Veränderung.

Ich hasse es, wenn die Verpackung der Schokoflocken neu designt wird und beim Frühstück eine völlig neue Schachtel auf dem Tisch steht. Ich hasse es, wenn ich in der Schule an einem anderen Platz sitzen muss. Ich hasse es, wenn meine Freundinnen das Gruppenbild auf WhatsApp verändern, so wie es die drei Feen mit der Farbe von Auroras Ballkleid gemacht haben (Sveva wollte ein Foto von uns vieren als Einhörner von der Schulaufführung in der vierten Klasse, Maura eines der Selfies auf der Schaukel, Martina das vom Ausflug in die Berge). Ich hasse es, wenn Papa mir das falsche Shampoo kauft, und ich hasse es, dass es nicht mehr das Apfel-Duschgel gibt, das Mama immer benutzt hat.

Enrica behauptet ja, dass es für alles einen Grund gibt und jede Veränderung auch eine gute Seite hat, man muss sie nur finden. Sie liebt Veränderungen. Sie war sogar glücklich, als ihr Vater einen Job in Rom bekam und sie wegziehen mussten. Aber dieses Mal konnte selbst sie mich nicht trösten.

Größeres Zimmer?, hat sie mich im Chat gefragt. Deins war doch winzig.

Das hier hat eine Streifentapete  

Aber irgendwas ist bestimmt gut. Denk mal nach. Die Markenklamotten, die du von Anastasia erbst?  

Sie ist 1,70 groß. Bis die mir passen, hab ich zwei Kinder. Mindestens.

Vielleicht sind sie dann wieder modern. So wie Schulterpolster  

Ich drehe mich auf der viel zu harten Matratze um. Wer kann bitte auf so was schlafen?

Ich weiß nicht, wie Lorenzo das macht. Nach dem Abendessen hat er seinen Schlafanzug aus dem Koffer geholt, sich die Zähne mit der neuen Zahnbürste geputzt, die Carla uns hingestellt hat (als Willkommensgeschenk? Echt jetzt? Eine Zahnbürste?), und hat sich in das Klappbett gelegt (»Nur bis das neue geliefert wird«, hat Carla betont. »Es sollte vergangene Woche kommen, aber laut Tracking hängt es in Bulgarien fest«). Zwei Sekunden später schnarchte er schon.

Ich hebe das Handy vom Boden auf, da ich noch kein Nachttischchen habe, ich öffne TikTok und sehe mir die Videos meiner liebsten Tiktokerin an. Bei ihr bekomme ich immer gute Laune. Enrica sagt, das liegt an der Musik, weil sie großartige Stücke auswählt, aber das ist es nicht allein. Sie ist wunderschön, hat lange kastanienbraune Haare, ein Gesicht wie ein Topmodel, ist schlank, aber nicht zu dürr, sogar ihre Hände sind schön. Und sie bewegt sich voll elegant. Sie schafft es, sympathisch und sexy rüberzukommen, ist dabei aber nie vulgär. Und es scheint – ja, ich weiß, dass das Unsinn ist –, aber es scheint, dass sie sich wirklich für ihre Follower interessiert, während sie uns vom Bildschirm aus ansieht.

Sie schafft es immer, dass ich mich nicht mehr so allein fühle. Nacht, liebe Leute hat sie unter ihr letztes Video geschrieben. Und die perfekten Hashtags ergänzt: #morgenisteinneuertag #träumschön #auchamtag #goodnight.

Nacht, Lunatika, schreibe ich als Kommentar, auch wenn ich nicht weiß, ob sie es liest. Einmal hat sie mir sogar geantwortet, und ihre Antwort hat mein Leben verändert.

Mein Vater hat die Zimmertür nur angelehnt, und ich höre, wie er leise in der Küche am Ende des Korridors mit Carla redet. Ich verstehe nicht, was sie sagen. Aber eine Sache kapiere ich: Papa ist überhaupt nicht sauer auf sie.

Carla ist keuchend vom Yoga gekommen und hat sich voll aufgeregt, weil er Nudeln gekocht hat. Sie hat gesagt, dass das Pilzrisotto doch schon fertig wäre und nur aufgewärmt werden müsste. Es war tatsächlich so fertig, dass der Reis völlig verkocht war, außerdem war es fade und die Pilze waren steinhart. Ich konnte Carlas Rückkehr gar nicht erwarten, aber nur, weil ich sicher war, dass Papa ihr den Marsch blasen würde, nachdem sie uns hier allein gelassen hat und wir auf sie warten durften.

Es war schon nach neun, und wir sind fast verhungert und durften nicht mal die Schokoriegel essen, die auf dem Tisch lagen, »die sind für Anna, weißt du, ich glaube, sie macht so eine spezielle Diät«, und als es an der Tür klingelte, musste ich lächeln, weil Papa bereits rauchte wie ein Schmorbraten.

Doch nachdem Carla ein paar Mal beteuert hatte, wie leid es ihr täte, wie wichtig es ihr sei und wie zerknirscht sie wäre, hat er sie zärtlich angelächelt und gesagt, es sei nicht schlimm und was zählte, sei einzig und allein, dass die ganze Familie nun zusammen war.

Und da ist mir eine Sicherung durchgebrannt. Die ganze Familie zusammen?

»Nicht die ganze, Alberto«, hat Carla ihn sanft ermahnt.

Dachte sie etwa das Gleiche wie ich?

»Annina fehlt.«

»Ja, du hast recht«, sagte er sofort. »Entschuldige.«

Entschuldige? ENTSCHULDIGE?

Ich habe meinen Vater angesehen. »Und Mama auch«, habe ich vorwurfsvoll geflüstert. »Sagst du nicht immer, dass sie noch zu unserer Familie gehört?«

Carla ist neben mir zusammengeschreckt, und ich glaube, sie hat leise gestöhnt. Aber vielleicht war es auch Lorenzo, der mit dem Stuhl rückte und erklärte, dass er halb verhungert sei, und zu essen anfing. Es war ihm völlig egal, wie viele wir waren.

Mein Vater hat Carla einen peinlich berührten Blick zugeworfen, als wollte er sie bitten, es für dieses Mal gut sein zu lassen. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte mir eine Ohrfeige verpasst.

Denn innerhalb weniger Stunden hatte ich nun auch die Zweite NMT-Regel missachtet: Sprich niemals von Mama, um etwas Böses zu sagen.

Ich bin schon fast eingeschlafen, als mein Handy auf dem Fußboden vibriert. Ich taste danach und hole es mir zurück ins Bett. Der Bildschirm strahlt wie ein Scheinwerfer im dunklen Zimmer und für einen Moment muss ich die Augen schließen. Ich blinzele etwas, dann lese ich:

Bist du wach?

Jetzt ja

Ich habe die Antwort auf deine Frage  

Welche Frage?

Was die positive Seite an deiner neuen Situation ist  

Erri, lass uns morgen darüber reden. Ich schlaf schon

Na gut

Wenn du nicht wissen willst

was die positive Seite für dich ist

kann ich dir immer noch sagen

wie sie heißt!!!

4    Luna

»Luna!«

Oh, Mist

»Luna, bist du das?«

Ich muss los, Giu

»Was ist?«

»Komm her, dein Vater ist da!«

Es ist mein Pa

Ist er zurück

Nein. Auf Skype. Er ruft immer nach der Schule an.

Bei ihm ist jetzt Nacht, oder?

(Seufz.) Nein, Vormittag. Er ist fünf Stunden zurück. Hast du die Zeitzonen in Erdkunde nicht gelernt?

Krass!

»Luna! Beeil dich, dein Vater muss los!«

Schon gut. Ich bin weg, Giu  

Ok, ich schreib dir dann auf Insta, ok?  

»Luna!«

»Komme!«

Ich knalle die Haustür zu, werfe den Rucksack auf den Boden, sodass meine Glücksbringer am Reißverschluss klingeln, öffne das letzte Video und checke die Mitteilung und die Likes. Ich lese die ersten beiden Kommentare, dann werfe ich einen Blick auf WhatsApp, während ich die Treppe hinaufgehe.

Nein, ich brauche nicht aufzupassen, wo ich langlaufe, wie meine Mutter immer sagt. Ich kenne die Treppe in meinem Zuhause in- und auswendig. Und um in ihr Arbeitszimmer zu gelangen, brauche ich nur dem Duft von Sandelholz und Zimttee zu folgen. Selbst blind würde den Weg finden. Als ich oben bin, schließe ich die App und schiebe das Handy in die hintere Tasche meiner Jeans, in der Hoffnung, dass sie es nicht sieht und mir wieder eine ihrer Predigten hält.

»Dieses Mal hab ich ein gutes Gefühl«, sagt meine Mutter gerade zum Computerbildschirm. Wenn sie skypt, beugt sie sich immer etwas vor, so als ob man sie dann besser hören könnte. Mein Vater ist Tausende Kilometer weit entfernt. Meint sie wirklich, dass zehn Zentimeter dabei etwas nützen? »Er schien interessiert. Ich glaube, er wusste nicht mal, was die vierte feministische Welle war, bevor ich ihm davon erzählt hab. Er wollte nur wissen, ob ich Veganerin bin, denn er hat mit dem Thema schon mal Probleme gehabt, und es scheint …«

»Hallo Schatz«, unterbricht Papa sie auf dem Monitor, als ich hinter meiner Mutter im Bild auftauche.

»Hi Papa.« Ich schicke ihm einen Luftkuss, und er tut, als würde er ihn fangen, so wie immer. Er sieht lustig aus in seinem dicken schwarzen Pullover und mit den abstehenden Haaren. Hinter ihm liegen ein zusammengeknüllter Schlafsack und ein Haufen Klamotten. Ich werde neidisch. Niemand nervt ihn damit, dass er aufräumen soll. »Wie gehts den Seelöwen?«

»Elefanten«, verbessert mich meine Mutter.

Ich verwechsel das jedes Mal.

Die Verbindung fängt an zu haken, und mein Vater bewegt sich ruckartig auf dem Schirm. »Wie läufts in der Schule?«, fragt er, wobei Bild und Ton nicht mehr zusammenpassen.

Cool, denke ich. Diesen Effekt sollte ich in meinen Videos mal ausprobieren.

»Alles okay. Und bei dir? Ist es kalt?«

Ich betrachte uns drei auf dem Bildschirm, während mein Vater eine Reihe von Zahlen und Daten runterrappelt, von denen ich nicht eine verstehe. Er nimmt mit seinem wilden Aussehen und seinem Glück den ganzen Bildschirm ein, während ich und meine Mutter ganz klein in dem Rechteck rechts unten zu sehen sind. Mama mit ihrem schmachtenden Lächeln, den langen Haaren, die mittlerweile grau werden, und den leicht gebeugten Schultern. Wir sehen uns überhaupt nicht ähnlich, das sagen alle. Ich muss mich ein bisschen über sie beugen, damit ich nicht aus dem Bild rutsche.

Mein Vater redet noch, als hinter ihm jemand entlangläuft und nicht merkt, dass er skypt. Das Gesicht ist nicht zu sehen, aber das ist auch gar nicht nötig. Diese umwerfenden nackten Beine können nur einer Frau gehören. Ich lache los und sehe meine Mutter an, die völlig erstarrt.

»Oh, sorry, Enrico, I didn’t know you had a call«, sagt eine junge Frauenstimme im Hintergrund, mit russischem Akzent vielleicht. Und schon verschwinden die Beine.

Mein Vater sagt ihr auf Englisch, dass es nichts macht, aber als er sich wieder zu uns dreht, scheint es ihm peinlich zu sein.