Alles nur aus Zuckersand - Dirk Kummer - E-Book

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Dirk Kummer

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Beschreibung

Für Fred und seinen besten Freund Jonas ist jeder Tag ein Abenteuer. Am liebsten spielen sie in der verlassenen Fabrik, ganz in der Nähe der Grenze zu West-Berlin. Doch als bekannt wird, dass Jonas' Mutter einen Ausreiseantrag gestellt hat, werden die beiden aus ihrem unbeschwerten Alltag gerissen. Ab sofort dürfen sie sich nicht mehr treffen. Aber die Freunde haben einen Plan: Heimlich fangen sie an, einen Tunnel in den Brandenburger Sand zu graben. Auch wenn Jonas die DDR verlässt, werden sie sich wiedersehen. Ganz sicher.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Dirk Kummer

Alles nur aus Zuckersand

Für Fred und seinen besten Freund Jonas ist jeder Tag ein Abenteuer. Am liebsten spielen sie in der verlassenen Fabrik, ganz in der Nähe der Grenze zu West-Berlin. Doch als bekannt wird, dass Jonas‘ Mutter einen Ausreiseantrag gestellt hat, werden die beiden aus ihrem unbeschwerten Alltag gerissen. Ab sofort dürfen sie sich nicht mehr treffen. Aber die Freunde haben einen Plan: Heimlich fangen sie an, einen Tunnel in den Brandenburger Sand zu graben. Auch wenn Jonas die DDR verlässt, werden sie sich wiedersehen. Ganz sicher.

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Leseprobe

Für Dorothee und Max Landgrebe und besonders für ihren Sohn Arthur

Der Westen ist auf der anderen Seite.Dort, wo unsere Hauptstraße zu Ende ist, beginnt West-Berlin. Es ist ein anderer Staat. Ausland. Unerreichbar wie Mauritius.Mein bester Freund Jonas erzählt mir viel über die Grenze zwischen Ost und West.Zu Hause reden wir gar nicht darüber.

KAPITEL 1

Mein Vater hat ein breites Grinsen im Gesicht, als er von der Arbeit kommt. Mit großen Schritten geht er durch unseren Garten direkt auf Mutti zu, die gerade frisch gewaschenes Bettzeug auf die Leine hängt. Strahlend blauer Himmel über Falkensee, die Sonne scheint seit Tagen. Zu Vatis grauer DDR-Zolluniform gehört ab Sommeranfang ein kurzärmeliges Hemd. Sie nennen es Bluse. Obwohl Blusen doch was für Mädchen sind. Aber mein Vater sagt, Bluse ist die offizielle Bezeichnung. Er nennt das olle Grau der Uniform auch »Taubenblau«. Meine große Schwester Ramona hat ihn deswegen schon oft geärgert. Und auch diesmal kann sie es sich nicht verkneifen.

»Achtung, Mutti, da kommt dein Gatte ganz in TAUBENBLAU!«

Ramona lacht prustend über ihren eigenen Witz.

Vatis Sommerbluse hat dunkle Flecken unter den Achseln.

»Junge, Junge, Junge, ist das ’ne Dämmse …«, stöhnt er.

In der einen Hand trägt er seinen schwarzen Diplomatenkoffer. Die sind modern und man kann sie nur in Berlin kaufen. In der anderen Hand hält er einen Spankorb voll saftiger Kirschen. Meine Mutter geht Vati ein Stück entgegen.

»Wo hast du denn die Kirschen her? Gabs die am Bahnhof?«

Vati beugt sich über sie und säuselt ihr ins Ohr: »Zollkontrolle der Deutschen Demokratischen Republik. Machen Sie mal Ihren Kofferraum auf!«

Vati ist Zollbeamter und muss die Menschen, die in unser Land rein- und wieder rauswollen, am Grenzübergang kontrollieren. Ob er die Kirschen wirklich jemandem an der Grenze abgeknöpft hat? Kirschen in die DDR mitzubringen ist ja wohl nicht verboten. Aber an Vatis Lachen sehe ich: Er hat nur Spaß gemacht.

Jetzt fasst er Mutti um die Hüfte und pfeift.

»Nu lass mal, Günther …«, sie schiebt seinen Arm weg, doch Vati hält dagegen und drückt ihr noch einen Kuss auf die Wange. Mutti nimmt ihm die Kirschen ab. Und das nutzt Vati sofort aus. Mit der frei gewordenen Hand gibt er ihr auch noch einen Klaps auf den Po. Mutti kichert. Wenn ich nicht wüsste, dass das meine Eltern sind, könnte man denken, die hätten sich gerade verliebt. Peinlich! Ich hoffe, dass ich erwachsen werde, ohne diesen Quatsch mit Liebe und Kichern …

Meine Mutter läuft lachend ins Haus. Überhaupt wird bei uns viel gelacht. Aber das ist auch dringend nötig. Als Ausgleich. Denn oft geht es auch sehr, sehr ernst bei uns zu. Ob das vielleicht von unserem Nachnamen kommt? Ich heiße Fred Ernst. Vati meldet sich am Telefon manchmal so:

»Hallo?! Teilnehmer?! Ja! Ernst ist der Name, heiter die Stimmung.«

Ramona und ich finden das ziemlich doof. Und Ramona sagt mir immer, dass sie froh ist, den Namen irgendwann los zu sein. Denn, wenn sie heiratet, ist der Ernst aus ihrem Namen verflogen. Die hat es gut. Ich werde meinen Namen wohl ewig behalten.

Vati hat sich inzwischen umgezogen. Statt Uniformbluse trägt er jetzt wieder Zivil und sitzt mit uns im Garten beim Abendbrot. Auf einer Wachstuchtischdecke mit Blüten hat Mutti das Tablett abgestellt. Manche Blümchen sind mit Kugelschreiber ausgemalt. Da hatte meine Schwester wohl mal Langeweile. Diese Kuli-Linien gehen jetzt nie wieder weg, so wie mein Nachname.

Heute gibts Stulle mit Brot. Das sagen wir immer so. Natürlich kommt auf die Stulle was drauf. Kein Brot, sondern Tomaten oder Quark mit Kräutern oder Wurst. Für meine Mutter, Ramona und mich gibt es Rhabarbersaft und für Vati »das wohlverdiente Feierabendbier«.

Als wir mit dem Essen fertig sind, kommt unser Nachbar, Herr Marek. Er wohnt mit uns im Haus, unten im Erdgeschoss. Herr Marek ist Rentner, liest und tüftelt viel und kann spannende Geschichten erzählen.

Als Mutti ihn kommen sieht, springt sie auf: »Ach, der Herr Nachbar! Wollen Sie vielleicht ein Bierchen?«

»Nee, danke!«, antwortet Herr Marek. »Von Bier stoße ich immer so auf.«

Am Tisch holt er aus einer großen Papiertüte ein Stück Holz, das fast wie ein rechter Winkel gebogen ist.

»Hat jemand schon mal so was gesehen?«, will er wissen.

Alle schießen fast gleichzeitig von ihren Stühlen hoch, um es sich von Nahem anzuschauen. Vati kennt sich aus und hält mit seinem Misstrauen nicht hinterm Berg: »Das ist doch ein Bumerang. Haben Sie den aus’m Westen?«

»Nee, aus’m Süden«, brummelt Herr Marek zurück. Mein Vater und der Alte mögen sich nicht.

Ramona guckt sich den Bumerang durch ihre großen Brillengläser ganz genau an – von oben und unten, von vorne und hinten.

»Made in Australia«, liest sie, um dann stolz zu erklären: »Der kommt aus Österreich.«

Die Erwachsenen lachen und schauen belustigt zu meiner Schwester.

Ich nehme den Bumerang in die Hand. »Ist der echt?«, frage ich Herrn Marek.

Und ohne Zögern antwortet er: »Echter gehts nicht. In Australien jagen sie damit Kängurus! Kann man aber auch einfach nur so werfen.«

Herr Marek dreht sich in Richtung Haus, nimmt den Bumerang, winkelt den Arm leicht an, macht einen Ausfallschritt nach vorn und holt dann weit aus. Mit Karacho fliegt der Bumerang los: erst über die Bäume hinter der Wiese, hinterm Haus ändert er plötzlich seine Flugrichtung, dreht einen Kreis und kommt geradewegs zu Herrn Marek zurück. Wieder Ausfallschritt. Und gefangen. Das fetzt!

Mutti und Ramona bleibt vor Staunen der Mund offen – wie bei einer großen Artistik-Vorführung im Zirkus. Nur Vati guckt missmutig, fast ein bisschen neidisch, wahrscheinlich, weil er so was noch nie gemacht hat und weil Herr Marek von uns allen bewundert wird.

Herr Marek hält ihm den Bumerang vor die Nase: »Hier, es ist ganz leicht.«

»Klar, sonst könnten Sie es ja auch nicht«, kontert Vati.

Aber Herr Marek lässt sich die Laune nicht vermiesen.

Mein Vater versucht nun den Bumerang genau wie unser Nachbar zu werfen. Ganz lässig bringt er sich in Position, dann der Ausfallschritt und ab das Ding … Doch sofort merken wir, irgendwas ist anders als bei Herrn Marek. Zwar fliegt der Bumerang auch erst mal über die Wiese in Richtung Wald, dann aber kommt er von der Bahn ab. Vati lässt sich nichts anmerken und hält professionell die Hände auf. Doch bis dahin schafft es der Bumerang nicht mehr. Er schießt in das Sonnendach unserer schönen Hollywoodschaukel. Ratsch … macht es kurz aber lautstark. Der gute Stoff ist kaputt.

»Vati hat getroffen«, rufe ich und Mutti hält vor Schreck die Hand vor den Mund: »Oje, die schöne Markise …«

Herr Marek befreit den Bumerang aus dem Sonnendach und reicht ihn mir.

»Schenke ich dir. Kannst du gut gebrauchen, wenn es dich mal nach Australien verschlägt.«

Mein Herz macht einen doppelten Salto.

Aber Vati fährt unwirsch dazwischen: »Wir reisen lieber in den Harz oder nach Bad Schandau.«

Ich presse den Bumerang fest an mich. Den muss ich unbedingt Jonas zeigen. Gleich morgen in der Schule.

KAPITEL 2

Jonas Gramowski ist mein Freund. Mein bester Freund! Nach dem Unterricht gehen wir heute zu ihm nach Hause. Er wohnt nur ein paar Straßen weiter. Gramowskis haben keinen Garten wie wir und sie wohnen mit mehreren Familien zusammen in einem langen, mehrstöckigen Haus. Jonas’ Mutter findet das Haus hässlich. Sie sagt, es ist schlecht gebaut, obwohl es neu ist. Aber wenigstens müssen sie keine Schüsseln aufstellen – wie wir, wenn es durchregnet. Bei Jonas gibt es Fernheizung und warmes Wasser aus dem Hahn. Mir ist das nicht so wichtig. Vor allem gibt es bei Jonas jede Menge interessante Dinge.

Sein Kinderzimmer ist voller Bücher. Weil im Rest der Wohnung kein Platz für noch mehr Bücher ist, sind in Jonas’ Zimmer auch Regale. Auf dem alten Kachelofen stapeln sich Spiele. Der Ofen wurde nicht abgerissen, obwohl Gramowskis an das Fernheizungsnetz angeschlossen wurden. Zur Sicherheit hat man die Öfen stehen lassen. Wenn die Heizung im Winter ausfällt, kann man die Stube trotzdem schön warm kriegen. An den Wänden hängen Poster mit exotischen Tieren. Auf einem Poster sieht man eine Unterwasserlandschaft voller bunter Fische und Korallen. Jonas sagt, das ist die Karibik. Neben der Tür hängt eine alte Landkarte von England.

Die vielen Bücher bei Gramowskis sind sehr praktisch. Fast wie in der Bibliothek finden wir immer was zum Schmökern. Jonas hat auch das dicke Kinderlexikon, das ich mir immer gewünscht habe: »Von Anton bis Zylinder – das Lexikon für Kinder«. Das ist ein spannendes Buch, das uns die ganze Welt verständlich erklärt. Man erfährt alles über die Erde, die Kontinente, die Pflanzen, die Tiere, die sozialistische Partei und über unsere DDR. Im Kapitel »S« geht es viel um Sport und Sportwettkämpfe.

Heute sitzen wir in Jonas’ Zimmer und forschen über etwas ganz Besonderes. Unser neuestes Geheimprojekt sind die Ureinwohner Australiens.

»Die Aborigines können sich über riesige Entfernungen unterhalten, ohne Telefon. Nur mit der Kraft ihrer Gedanken«, erzählt Jonas. Er blättert gerade in einem dicken Buch, auf dem »Band I« geschrieben steht und »Meyers Neues Lexikon«. Dieser Herr Meyer weiß unheimlich viel!

»Die Aborigines sind ein Naturvolk. Ihnen werden viele Mythen zugeschrieben«, liest Jonas. Ich höre ihm gebannt zu.

In diesem Moment kommt Frau Gramowski und holt uns zum Essen. Einmal pro Woche darf ich bei ihnen Mittag essen. Das ist der schönste Nachmittag für mich.