Alles, was du suchst - Marie Force - E-Book

Alles, was du suchst E-Book

Marie Force

4,5
7,99 €

Beschreibung

Alles, was du suchst‹ von Marie Force ist ein romantischer und witziger Liebesroman und zugleich der 1. Band der Bestseller-Reihe ›Lost in Love – die Green-Mountain-Serie‹. Als die New Yorker Webdesignerin Cameron den Auftrag erhält, für einen familiengeführten Country-Store einen Online-Shop mit Landlust-Ambiente zu gestalten, ahnt sie nicht, was sie in Vermont, USA, finden wird: eine charmante Kleinstadt, unberührter Natur, eine warmherzige Großfamilie und den Sohn des Auftraggebers, Will. Weil dieser nicht begeistert von der Idee eines Internetauftritts ist, fliegen zwischen Cameron und Will zuerst die Fetzen, dann die Funken und schließlich die Gefühle. Eine Webseite für den Green Mountain Country Store zu gestalten, wäre die letzte Rettung für Cameron Murphys Firma in New York. Also macht sich Cameron im nagelneuen Auto auf den Weg nach Butler, einer Kleinstadt in Vermont, USA. Doch nach ihrer ersten Begegnung mit dem dorfeigenen Elch Fred ist ihr Mini ein Totalschaden, und ihre teuren Wildlederstiefel stecken im Matsch fest. Auch ihr Retter Will Abbott verhilft Cameron nicht zu einem guten Start dort draußen im Nirgendwo, denn der ist mindestens so unfreundlich, wie er gut aussieht. Außerdem ist er der Sohn des Auftraggebers und macht ihr schnell klar, dass seine Geschwister und er die Idee eines Online-Shops alles andere als gutheißen. Denn in ihrem Geschäft, das Dreh- und Angelpunkt des Lebens in Butler ist, werden ausschließlich regionale Produkte angeboten, vom Gebäck, über Ahornsirup bis zu den Lammfell-Boots. Wofür braucht man da einen Online-Shop? Trotzdem ist da sofort dieses Prickeln zwischen Cameron und Will. Auch die restlichen Abbotts sind warmherzige Menschen mit dem Herzen am richtigen Fleck. Bietet sich etwa ausgerechnet hier in Butler, Vermont, die Chance für Cameron einen Neustart zu wagen? Lass dich entführen … … in die unberührte Natur Vermonts, … in eine idyllische Kleinstadt, ... in eine Großfamilie, die glücklich macht … und finde die ganz große Liebe! Die ›Lost in Love – Die Green-Mountain-Serie‹ Band 1: Alles, was du suchst Band 2: Kein Tag ohne dich Band 3: Mein Herz gehört dir Band 4: Schenk mir deine Träume Band 5: Sehnsucht nach dir Die Kurzgeschichten zu: Die ›Lost in Love – Die Green-Mountain-Serie‹ Kurzgeschichte 1: Endlich zu dir Kurzgeschichte 2: Ein Picknick zu zweit Kurzgeschichte 3: Ein Ausflug ins Glück Kurzgeschichte 4: Der Takt unserer Herzen Kurzgeschichte 5: Ein Fest für alle

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Marie Force

Alles, was du suchst

Lost in Love Die Green-Mountain-Serie 1

Aus dem Amerikanischen von Tatjana Kruse

FISCHER E-Books

Inhalt

12345678910111213141516171819EpilogAnmerkung der AutorinLeseprobe Band 212Lost in Love - Die Green-Mountain-Serie

1

Eine schwierige Aufgabe ist wie eine holprige Straße.

Lebensweisheit des Elmer Stillman

»Was um Himmels willen ist ein Frosthub?«, erkundigte sich Cameron bei Troy. Für kurze Zeit waren sie beide mal ein Paar gewesen, bis sie erkannt hatten, dass sie sich als Freunde besser verstanden denn als Liebespaar.

»Suche läuft.« Troy half ihr sofort. So wie er es während dieser schier endlosen Fahrt von Manhattan ans Ende der Welt schon mehrmals getan hatte.

»Und?«

»Man muss in Geologie promoviert haben, um diese ganzen Erklärungen überhaupt lesen zu können, aber wenn ich es richtig verstehe, tritt Frosthub auf, sobald Wasser unter der Straße gefriert und den Asphalt anhebt.«

»Das passiert hier offenbar ständig. Alle zwei Minuten macht ein Schild darauf aufmerksam.« Camerons Finger verkrampften sich um das Lenkrad ihres leuchtend roten Mini Cooper, den sie erst gestern und nur wegen dieser Fahrt erstanden hatte. »Was glaubst du passiert, wenn ich auf so einen Frosthub treffe?«

»Du könntest aufs Gas treten und ihn mit Schwung überspringen?«

»Danke. Sehr hilfreich.«

Troy gähnte laut, und auch Cameron spürte, wie sie eine bleierne Müdigkeit erfasste. Es hätte eigentlich eine gemütliche, fünfeinhalb Stunden lange Fahrt auf dem malerischen Taconic Parkway werden sollen, aber die hatte sich in sieben angespannte Stunden verwandelt, in denen sich zeigte, dass ihre dürftigen Fahrkünste der kurvenreichen Bergstrecke nicht gewachsen waren.

»Bist du bald da? Ich werde langsam müde.«

»Laut Navi noch zwanzig Minuten.« Plötzlich gab das Handy eine Reihe seltsam klickender Geräusche von sich. »Troy? Hallo? Mist!«

Ihre Mitarbeiter hatten sie gewarnt, dass es in den Bergen bestenfalls punktuell Funkempfang gab, aber sie hatte sich strikt geweigert, sich ein Szenario vorzustellen, in dem ihr die Welt nicht auf einen Fingerdruck hin zur Verfügung stand. Cameron presste die Wahlwiederholungstaste ihres Smartphones, erreichte aber nur Troys Voicemail. Wenigstens versuchte er, sie erneut anzurufen. Sie unterbrach die Verbindung und konzentrierte sich aufs Fahren. Abgesehen von den Frosthub-Schildern beunruhigten sie auch die ständigen Hinweise auf Wildwechsel durch Elche. Was sah die Straßenverkehrsordnung bezüglich Elchen vor? Wer hatte da Vorfahrt? Oder Vorgang? Die Fragen machten ihr bewusst, dass sie über das Ziel ihrer Reise noch sehr viel Recherche zu betreiben hatte. Als ihr Handy klingelte, nahm sie das Gespräch hektisch an: »Bist du wieder da?«

»Ja.«

»Gut.« Cameron war so erleichtert, seine Stimme zu hören. »Der Empfang hier ist beschissen.«

»Wie lange musst du da oben eigentlich bleiben?«

»Wenn sie uns beauftragen, und das ist momentan noch ein großes WENN, dann bestimmt eine Woche. Vielleicht auch zwei. Das wird meinen Vater beruhigen, und ich kann in die Zivilisation zurückkehren.« Cameron dachte nicht gern daran, wie schwer die Verantwortung auf ihr lastete, diesen Großauftrag an Land ziehen zu müssen.

»Klingt nach einem guten Plan.« Troy musste schon wieder gähnen.

»Hör auf damit!«

»Tut mir leid.«

Cameron war noch nie auf einer so dunklen Straße unterwegs gewesen und fürchtete, eine Kurve zu übersehen und womöglich einfach über den Rand hinauszufahren. O Gott! Ihr taten schon die Finger weh, so fest umklammerte sie das Lenkrad. »Sprich mit mir.«

»Worüber willst du reden?«

Im Lauf ihrer zehnjährigen Freundschaft, für die es keine genaue Definition gab, hatten sie bereits jedes nur mögliche Thema abgehakt. »Keine Ahnung. Denk dir etwas aus.«

»Du hast mir noch gar nichts über das Projekt erzählt.«

Cameron atmete schwer aus, versuchte, ihre Nerven zu beruhigen.

»Der Green Mountain Country Store braucht eine Website. Soweit ich weiß, leben die immer noch im finsteren Zeitalter des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Mein Dad hat mit dem Chef des Ladens studiert, und neulich sind sie sich auf einem ihrer Yale-Ehemaligentreffen begegnet. Dad hat ihm erzählt, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene, und so führte eins zum andern.«

»Es führte vor allem zu Frosthüben und Elchwildwechseln.«

Trotz ihrer Anspannung musste Cameron lachen. »Mein Gott, Troy, was mache ich hier nur?«

»Du opferst dich für die Familienehre, wie du es immer tust.«

»Ja, vermutlich.« Ihr Vater war ihre Achillesferse. Das hatte er ausgenutzt und ihr so gut wie befohlen, sich mit seinem alten Kommilitonen zu treffen. Aber da ihre Firma für Webdesign immer noch an der Finanzkrise von vor einigen Jahren zu knabbern hatte, war ihr jeder neue Auftrag recht – selbst wenn das einen Ausflug in die Wildnis erforderlich machte. »Es ist so dunkel, dass ich kaum sehen kann, wohin ich fahre.«

»Du sprichst doch hoffentlich über die Freisprechanlage, oder?«

»Ja. Meine Hände kleben am Lenkrad.«

»Ich hätte mitkommen sollen.« Sie konnte das Bedauern in Troys Stimme hören.

»Du hast diese Woche doch einen Termin vor Gericht.«

Troy arbeitete als aufstrebender Anwalt in Manhattan, und Cameron war stolz auf das, was er schon alles erreicht hatte. Sie fand es natürlich auch gut, dass er ihre Firma kostenlos vertrat, wann immer es nötig war.

»Wir hätten schon gestern fahren können, dann hätte ich rechtzeitig zurück sein können.«

»Das ist lieb von dir, aber ich will das alleine schaffen.«

»Du willst dir wohl selbst etwas beweisen, oder?«

»Na ja, wann bin ich das letzte Mal Auto gefahren? Oder habe überhaupt Manhattan verlassen? Ich bin fast dreißig, und bis gestern habe ich noch nie ein Auto besessen.«

»Ich bin stolz auf dich, Cam. Du hättest auch ablehnen können – oder einen deiner Angestellten schicken. Ich finde es großartig, dass du beschlossen hast, das selbst in die Hand zu nehmen.«

Seine Worte rührten sie, und sie lachte nervös. »Wir werden ja sehen, wie stolz du auf mich sein wirst, wenn sich nach einer Woche hässliche Großstadtentzugserscheinungen bei mir zeigen.« Ihr Blick fiel auf die Anzeige ihres Navigationssystems. »Noch fünf Minuten. Von jetzt an komme ich allein klar.«

»Ganz sicher?«

»Absolut. Danke, dass du mir Gesellschaft geleistet hast.«

»Jederzeit gern, Kleines. Rufst du mich morgen an?«

»Mach ich. Viel Erfolg vor Gericht.«

»Danke.«

Cameron blickte kurz auf das Handy, um das Gespräch zu beenden. Als sie gleich darauf wieder aufsah, stand etwas Großes und Schwarzes direkt vor ihr. Sie schrie und trat auf die Bremse. Das winzige Auto geriet ins Schlingern, und sie war sicher, dass sie jede Sekunde von der Straße abkommen und den Berghang hinabstürzen würde. Stattdessen rutschte ihr Auto genau auf das schwarze Etwas zu, das sich nicht von der Stelle rührte. RUMMS! Die Airbags öffneten sich.

Das war das Letzte, was sie sah, bevor ihr schwarz vor Augen wurde.

Cameron hielt eine Ohnmacht für ausgeschlossen. Es waren bestimmt nur die Scheinwerfer ausgegangen, und das tauchte die Welt in eine Schwärze, die sie so noch nie zuvor erlebt hatte. In der Stadt, die niemals schläft, wurde es niemals völlig dunkel. Jedenfalls nicht derart nachtschwarz. Mit den Scheinwerfern fiel auch die Heizung aus, und innerhalb weniger Minuten zitterte sie vor Kälte und vor Angst, mitten im Nichts allein mit dem zu sein, was ihr den Weg versperrte. Es half auch nicht, dass ihr der Airbag voll ins Gesicht geschlagen war. Ihre Nase tat höllisch weh, und ihre Augen tränten. Cameron wollte nach ihrem Handy greifen, aber es entglitt ihren Fingern und fiel in den Fußraum. Sie tastete eine Weile herum und fand es schließlich auch, aber als sie es aktivierte, hatte sie keinen Empfang. »Verdammt, das darf doch alles nicht wahr sein!«

Sie blinzelte und versuchte herauszufinden, was ihr da den Weg verstellte, aber es schien einfach nur eine riesige schwarze Wand zu sein. Sie stieß den Airbag zur Seite und drehte den Zündschlüssel im Schloss. Der Motor tuckerte, startete aber nicht. »Na toll.«

Wen rief man hier draußen in so einem Fall wohl an? Schickte der Automobilclub mitten in der Nacht Abschleppfahrzeuge ins Nirgendwo? Sie wollte es gerade noch einmal mit ihrem Handy versuchen, als sie Scheinwerfer auf sich zukommen sah. Hektisch fummelnd gelang es ihr, die Wagentür zu öffnen. Ihre Beine versagten ihr im ersten Moment den Dienst, als sie sich aus dem Auto zwang, und dann versank sie knöcheltief in etwas Nasskaltem. Cameron musste an die fünfhundert Dollar teuren zimtfarbenen Wildlederstiefel an ihren Füßen denken, nach denen sie sich monatelang verzehrt und die sie schließlich mit einem Gutschein ihres Vaters gekauft hatte, und wimmerte.

Auf der anderen Seite der großen schwarzen Wand, die nun von hinten angestrahlt wurde, hörte sie eine Stimme.

»Alles in Ordnung, Fred? Tut dir was weh?« Die Wand stieß ein tiefes »Muh« aus und setzte sich in Bewegung. Wenn Cameron nicht in etwas Ekligem feststecken würde, wäre sie vor Schreck nach hinten getreten, als ihr klarwurde, dass »die Wand« lebte.

»Was zum …?«

Das Tier zottelte in den Wald, und nun konnte Cameron den Umriss eines Mannes im Scheinwerferlicht seines Trucks ausmachen. Er war groß, bestimmt über einen Meter neunzig, mit breiten Schultern, und seine Haltung schien bedrohlich. Ihm fehlte nur eine Kettensäge, um das Standbild aus dem Film Das Texas Kettensägenmassaker zu komplettieren, das ihr plötzlich nur allzu lebhaft vor Augen stand.

Cameron fragte sich, ob es in Vermont Kettensägen- oder Axtmörder gab. Aus der Anzahl der Bäume zu schließen, die sie hier umgaben, hätte man für beide Werkzeuge reichlich Gebrauch gehabt. Sie sah nach rechts auf die eingedrückte Kühlerhaube ihres funkelnagelneuen Autos, die man im Scheinwerferlicht des Trucks sehen konnte. »O nein, mein Auto!«

»Sie haben Fred angefahren«, sagte der mutmaßliche Axtmörder.

Ohne den Blick von ihrem ehemals makellosen Auto zu wenden, fragte sie: »Wer ist Fred?«

»Unser Stadtelch.«

Cameron starrte ihr Gegenüber mit offenem Mund an. »Die Stadt hat einen Elch?«

»Sehr richtig.« Er klang, als sei das vollkommen normal.

»Und was ist mit meinem Auto? Sehen Sie nicht, was er meinem Auto angetan hat?«

»Haben Sie denn die Warnschilder nicht gesehen?«

»Ich habe die Elchwarnschilder und noch ungefähr tausend weitere gesehen, aber ich dachte nicht, dass ein Elch dumm genug sein könnte, mitten auf der Straße stehen zu bleiben, wo ihn jederzeit ein Auto überfahren kann.«

»Wollen Sie damit sagen, Fred sei dumm?«

Der nasskalte Matsch kroch in ihre Stiefel, und Cameron hätte am liebsten geschrien. Das Ganze war einfach furchtbar! Sie wünschte, sie könnte einfach die Augen schließen und würde sich wieder in ihrem Apartment in SoHo befinden, in einer Welt, die Sinn für sie ergab. Ein »Stadtelch«, der mitten auf der Straße stand, ergab definitiv keinen Sinn. Wenn sie nur ihre Füße aus dem Schlamm bekommen würde, dann könnte sie ihre Fersen dreimal aneinanderschlagen, in der Hoffnung, dass sie das unmittelbar nach Hause versetzte. Bei Dorothy im Zauberer von Oz hatte das schließlich auch funktioniert. Der Gedanke an ihren Lieblingsfilm machte ihr wieder Mut.

»Sind Sie verletzt?«, wollte der Mann wissen und klang beinahe etwas besorgt.

»Ich glaube nicht.«

»Wohin wollten Sie denn?«

»Nach Butler.«

»Bis dahin ist es nicht mehr weit.«

»Ich weiß. Das Navi meinte, es seien nur noch ein paar Minuten, aber dann warf sich mir Fred ja quasi in den Weg.«

»Für mich sieht es eher so aus, als hätten Sie ihn gefährdet und nicht andersrum.«

»Klären Sie das mit meiner Versicherungsgesellschaft«, sagte Cameron und fragte sich kurz, ob ihre Versicherung Elchschäden abdeckte. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Vielleicht war das ja nur ein Traum, wie bei Dorothy. Wenn sie aufwachte, würde sie über den Kerl lachen, der sich mehr Sorgen um einen Elch machte als um die Karosserie ihres brandneuen Wagens.

»Fred hat es eindeutig besser getroffen«, murmelte sie.

»Holen Sie Ihre Sachen aus dem Auto, ich bringe Sie in die Stadt.«

Cameron hatte ihr Leben lang gefährliche Situationen vermieden. Nie verließ sie ohne Pfefferspray die Wohnung und sprach auch niemals mit Unbekannten auf der Straße. Sie hatte keine Ahnung, ob sie in den Wagen eines völlig Fremden steigen sollte, der sehr wohl ein Axtmörder sein konnte. Dann fiel ihr das Pfefferspray in ihrer Handtasche ein.

»Was ist mit meinem Wagen?«

»Ich sage Nolan, dass er ihn für Sie abschleppen soll.«

»Wer ist Nolan?«

»Der Automechaniker bei uns im Ort.«

»Oh.«

Cameron ging ihre beschränkten Optionen durch und kam zu dem Schluss, dass sie keine andere Wahl hatte, als ihn zu begleiten. Sie würde aber immer ihr Pfefferspray in Reichweite behalten.

»Nur keine Eile. Ich habe die ganze Nacht Zeit, hier zu stehen und auf Sie zu warten«, brummte er.

»Meine … äh … Füße stecken irgendwie fest.«

»Sie stecken fest?«

»Wie nennt man das Zeug hier auf der Straße?«

»Das wäre dann wohl der Schlamm.« Zum ersten Mal lag so etwas wie Humor in seiner tiefen Stimme. Sie musste zugeben, dass er eine nette Stimme hatte. Wirklich schade, dass sie zu jemand gehörte, dem ein Elch wichtiger war als ihr armes Auto. »Willkommen zur Schlammsaison in Vermont.«

»Schlamm hat hier eine eigene Saison? Das wird ja immer besser.«

Der Fremde ging zu seinem Truck, und einen entsetzlichen Moment lang glaubte sie, er würde sie hier einfach zurücklassen. Stattdessen holte er einen langen schwarzen Gegenstand, der einem Schlagstock der New Yorker Polizei ähnelte, und kam damit auf sie zu. Camerons Herz pochte zum Takt der bedrohlichen Filmmusik des Texas Kettensägenmassakers in ihrem Kopf. Wenn sie nicht im Schlamm feststecken würde, wäre sie jetzt womöglich in den weitaus weniger bedrohlich wirkenden Wald gelaufen.

Der Axtmörder leuchtete plötzlich mit einer Taschenlampe auf ihre Füße und lachte herzhaft.

»Was ist denn daran so lustig?«

Im Licht der Taschenlampe erhaschte sie einen Blick auf seine Gesichtszüge, die ziemlich ansprechend wären, würde er ihr nicht so unsympathisch sein. Wie gemeißelt, war ihr erster Gedanke. Markant, ihr zweiter. Sie hasste sich dafür, dass sie sich wünschte, ihn besser sehen zu können, wo sie es im Moment doch mit viel größeren Problemen zu tun hatte. Sie spürte nämlich ihre Füße nicht mehr.

»Sind das Wildlederstiefel?«

»Ja. Und?«

»Nur zu Ihrer Information: Während der Schlammsaison kommt man in Vermont mit Wildlederstiefeln nicht weit.«

»Vielen Dank für diesen Hinweis. Wenn Sie mir jetzt freundlicherweise sagen könnten, wie ich mich aus diesem Schlamm befreien kann?«

»Am leichtesten geht es, wenn Sie einfach aus den Stiefeln klettern und sie zurücklassen.«

»Sie zurücklassen? Diese Stiefel haben fünfhundert Dollar gekostet!«

»Autsch.« Er verzog das Gesicht. »Ich sage es Ihnen nur ungern, aber die können Sie vermutlich auf den Müll werfen.«

Cameron weigerte sich, das zu glauben. Ihre Reinigung in der Stadt bekam das bestimmt wieder hin. »Woher kommt denn all der Schlamm?«

Er zeigte mit der Taschenlampe nach links, zu einem beeindruckenden Berg. Der Schlamm ergoss sich wie ein Fluss an dessen Hang herab und quer über die Straße.

»Wenn der Schnee schmilzt, gibt es Schlamm.«

»Wie reizend.«

»Nachdem hier monatelang der Schnee hüfthoch lag, ist der Schlamm für uns ein willkommener Frühlingsbote.« Er strahlte mit der Taschenlampe wieder ihre Füße an. »Wie geht’s denn nun weiter, Prinzessin? Wollen Sie die Stiefel retten oder sich selbst?«

»Mein Gott, was für eine Entscheidung.«

In dem Licht der Taschenlampe sah sie, wie er mit den Augen rollte. Verärgert, verkühlt und wütend darüber, dass sie ihre Lieblingsstiefel verlieren würde – ganz zu schweigen von dem Massaker an ihrem Wagen –, beugte sie sich vor, um den Reißverschluss des linken Stiefels zu öffnen. »Und wohin soll ich treten, wenn ich ihn ausgezogen habe?«

»Ich trage Sie zu meinem Truck.«

»Aber ich muss meine Sachen holen.«

»Das erledige ich für Sie.«

Obwohl sie ihn unsympathisch finden wollte, weil er den Elch wichtiger fand als ihr Wohlergehen, musste sie zugeben, dass er schon irgendwie zuvorkommend war – aber eben auch herablassend und besserwisserisch. Das durfte sie nicht vergessen.

»Na schön.« Sie öffnete auch den Reißverschluss des rechten Stiefels und versuchte, nicht daran zu denken, dass sie ihre Lieblinge dem Vermonter Schlamm überlassen musste.

»Fertig?« Er ging vor ihr in die Knie. Cameron schlüpfte aus ihren Stiefeln und ließ sich von ihm Huckepack nehmen. Sie atmete überrascht aus, als er sich so mühelos erhob, als sei sie nur ein Sack Mehl und keine erwachsene Frau. Er setzte sie auf dem Beifahrersitz seines herrlich warmen Trucks mit derselben Finesse ab, mit der man eben genannten Mehlsack auf den Boden einer Bäckerei werfen würde.

»Tut mir leid«, murmelte er nach der harten Landung.

»Kein Problem.« Wie Wärmesuchraketen schoben sich ihre Füße ganz von allein der Warmluft entgegen, die unter dem Armaturenbrett seines relativ neuen Trucks hervorblies. Der Truck hatte noch diesen Neuwagengeruch. Wie er sich wohl fühlen würde, wenn Fred dessen Vorderseite eindrückte?

Bevor sie ihm diese Frage stellen konnte, kam er ihr schon zuvor: »Was brauchen Sie alles aus Ihrem Wagen?«

Sie sah zu ihm auf und hielt den Atem an. Im Innenraumlicht des Trucks sah man, dass markant nicht das richtige Wort war, um sein Gesicht zu beschreiben. Er war wunderschön. Ausgeprägte Wangenknochen, lange Wimpern und volle Lippen brachten Cameron zum Schmachten, auch wenn der Fremde sie gerade ziemlich verärgert ansah. Da er eine Strickmütze trug, wusste sie nicht, welche Farbe seine Haare hatten, aber angesichts seiner Augenbrauen waren sie bestimmt hellbraun. Cameron seufzte ausgiebig.

»Wann immer Sie bereit sind.« Er riss sie aus ihrer Versunkenheit.

Sie räusperte sich. »Ich brauche meine Handtasche, mein Handy, das Navi und die beiden Koffer aus dem Kofferraum.«

»Sonst noch etwas, Euer Hoheit?«

»Was denn? Sie haben es doch angeboten.«

»Bleiben Sie, wo Sie sind.« Er stapfte in die Dunkelheit. Cameron schäumte angesichts seiner bärbeißigen Art. Typisch, dass sie an jemand geraten musste, der das Gesicht eines Engels, aber den Charme eines Griesgrams hatte. Sie sah sich im Innenraum seines Wagens um. Zu ihrer Erleichterung konnte sie keine Axt und auch keine Kettensäge ausmachen.

Mit lautem Poltern landeten ihre Koffer einige Minuten später auf der Ladefläche des Trucks. Er stieg ein und warf ihr Handtasche, Navi und Handy in den Schoß.

Cameron fing sie unbeholfen auf und aktivierte dabei versehentlich ihr Handy-Display. Immer noch kein Empfang. Sie stöhnte. »Das gibt’s doch nicht!«

»Dieses Teil wird Ihnen hier oben nicht viel nützen«, sagte der Fremde in dem herablassenden Ton, den sie mittlerweile von ihm gewöhnt war.

»Das ist mir auch schon aufgefallen.«

Sie warf einen letzten Blick auf ihr Auto. Er hatte die Warnblinkanlage eingeschaltet, damit ihr Mini Cooper morgen früh hinten nicht genauso eingedrückt sein würde wie vorn. In den zunehmenden Schlammmassen wirkten ihre verlassenen Stiefel wie Spielzeugsoldaten, die das Autowrack bewachten.

Willkommen in Vermont.

Die kurze Fahrt in die Stadt verlief in peinlicher Stille. Cameron spürte, dass er wütend auf sie war, und stellte ihm daher lieber keine Fragen über die Stadt Butler, über Vermont und was er über den Green Mountain Country Store wusste.

»Wie heißen Sie eigentlich?«, wollte er wissen.

»Cameron.«

»Was ist das denn für ein Name für eine Frau?«

Cameron ging sofort in die Defensive. »Das ist der Name, den meine Eltern mir gegeben haben – und ich hatte ihn schon lange, bevor Cameron Diaz berühmt wurde.«

»Wer?«

Verblüfft wirbelte Cameron herum. »Okay, geben Sie es zu – ich werde gerade von einem Außerirdischen entführt! Ist schon in Ordnung, sagen Sie es ruhig, ich halte das aus.«

»Mit Außerirdischen kenne ich mich ebenso wenig aus wie mit irgendwelchen Promis.«

»Das klingt ja, als wären Sie auch noch stolz darauf!«

»Na ja, ich weiß zumindest, dass man im März nicht mit Wildlederstiefeln nach Vermont fährt.«

»Verzeihung, aber ich war noch nie zuvor hier.«

»Trotz all der elektronischen Geräte in Ihrem Schoß haben Sie sich vor Ihrer Abreise nicht über den hiesigen Schlamm schlaugemacht?«

»Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie manchmal unausstehlich sind?«

Er hob eine Augenbraue und grinste. »Nur manchmal? Ich lasse offenbar nach.«

Gereizt sah Cameron aus dem Seitenfenster.

»Habe ich etwas Falsches gesagt?«

Sie schüttelte ungläubig den Kopf. Der Kerl war echt unglaublich. »Wie heißen Sie überhaupt?«

»Will Abbott.«

Das machte sie stutzig. »Sind Sie mit Lincoln Abbott verwandt?«

»Er ist mein Vater. Kennen Sie ihn?«

»Ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich habe morgen einen Termin mit ihm.«

»Worum geht es dabei?«

»Ich soll eine Website für seinen Laden entwerfen.«

»Verdammt!« Will schlug mit der Handfläche auf das Lenkrad ein. »Das glaube ich einfach nicht! Wir haben ihm explizit gesagt, dass wir keine wollen!«

»Wer ist wir?« Camerons Stimme zitterte fast. Würde dieser unerträgliche Tag denn niemals enden?

»Meine Geschwister und ich. Wir sind seine Geschäftspartner.«

»Oh.« Da der Laden keine Website besaß, hatte sie online kaum Informationen über ihn gefunden. Sie hatte geplant, vor Ort alles Relevante in Erfahrung zu bringen.

»Lassen Sie mich raten – als er den Termin mit Ihnen vereinbarte, hat er nicht erwähnt, dass seine Kinder gegen einen Internetauftritt sind?«

»Äh, nein, das kam nicht zur Sprache.«

»Das ist wieder mal typisch für ihn! Er präsentiert uns eine seiner grandiosen Ideen, wir sagen ihm, dass wir dagegen sind, und er setzt sie trotzdem um.«

»Wie kann er damit durchkommen, wo Sie doch Geschäftspartner sind?«

»Weil er Mehrheitseigner ist – ihm gehören fünfzig Prozent der Firma. Die anderen fünfzig Prozent teilen wir zehn unter uns auf. Fünf von uns arbeiten in der Firma, die anderen fünf liefern die Produkte für den Laden.«

»Sie sind zu zehnt?«

»Ja.«

»Ihre Eltern haben zehn Kinder?«

»Ja, und?«

»Ich bin noch nie jemand begegnet, der mehr als drei Geschwister hatte.«

»Tja, jetzt kennen Sie jemand, der neun hat.«

Cameron war Einzelkind. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es sein musste, in einer so großen Familie aufzuwachsen. »Wie heißen sie?«

»Sie wollen die Namen meiner Geschwister erfahren?« Es klang so, als sei das die dümmste Bitte, die jemals an ihn gerichtet worden war.

»Ja, natürlich. Wenn ich schon in eine Familienfehde hineingerate, dann sollte ich wissen, mit wem ich es dabei zu tun bekomme.«

»Fehde ist übertrieben, aber wir streiten uns. Oft.« Er seufzte. »Hunter und Hannah sind die Ältesten. Sie sind Zwillinge.«

»Zehn Kinder und dann auch noch ein Zwillingspaar?«

»Zwei Zwillingspaare. Lucas und Landon sind die Zweitjüngsten. Sie sind eineiig.«

»Cool.«

Er warf ihr einen Blick zu. Ihr Interesse an seiner Familie schien ihn zu verblüffen. Aber Cameron hatte sich immer sehnlichst Geschwister gewünscht, und so große Familien kannte sie nur aus ihren Lieblingsserien im Fernsehen, die sie stets mit Begeisterung angeschaut hatte.

»Ich komme nach Hunter und Hannah, dann kommen Ella, Charlotte, Wade, Colton, Lucas und Landon und schließlich Max.«

»Was für ein Haufen Kinder.«

»Stimmt.«

»Ist Ihre Mutter im Irrenhaus gelandet?«

Sein angenehmes Lachen überraschte sie. »Nein, sie genießt das Chaos. Ich kenne niemand, der auf so ruhige Weise effizient ist wie sie. Bei ihr wirkt immer alles einfach.«

»Wie kann man zehn Kinder für einfach halten?«

»Keine Ahnung, aber sie schafft das mit links.«

»Und wer von Ihnen führt den Laden?«

»Hunter, Ella, Charlotte, Wade und ich. Colton ist der Chef unserer Ahornsirup-Herstellung, Max hilft ihm neben seinem Studium. Landon hat eine Holzverarbeitungsfirma und ist Chef der freiwilligen Feuerwehr von Butler. Hannah stellt Schmuck her. Lucas führt das Weihnachtsbaumgeschäft und ist ebenfalls Feuerwehrmann. Ich glaube, jetzt habe ich alle abgedeckt.«

»Nur so aus Neugier – warum wollen Sie und Ihre Geschwister keine Website?«

»Weil wir keine brauchen. Unsere Geschäfte laufen gut. Ein Internetgeschäft bringt nur Probleme.«

»Die da wären?«

»Wir müssen Leute einstellen, die sich um die Onlinebestellungen kümmern. Wir brauchen ein Vertriebszentrum, müssen uns um den Versand kümmern. Das führt nur zu Kopfschmerzen.«

»Aber Ihr Umsatz könnte exponentiell wachsen.«

»Wir wollen kein Umsatzwachstum. So wie es ist, ist es gut.«

Sie kamen zu einer idyllischen, kleinen Stadt, die typisch für New England war, mit einem weißen Kirchturm, der freiwilligen Feuerwehr, einem Café mit Kunstgalerie und in der Ortsmitte dem Green Mountain Country Store.

Im Dunkeln konnte man nicht viel erkennen, aber das Gebäude schien vergleichsweise klein und hatte eine einladende Holzveranda. Bevor Cameron noch mehr sehen konnte, waren sie schon daran vorbeigefahren.

Will bog auf den Parkplatz hinter einem großen weißen Haus im viktorianischen Stil.

»Wo sind wir?«

»Ich nehme an, Sie übernachten hier. Es gibt in Butler kein anderes Hotel.«

Cameron zog die Buchungsbestätigung aus der Tasche, die sie sich zu Hause ausgedruckt hatte. »Das Admiral Frances Butler Inn?«

»Genau.« Er stieg aus dem Truck und hatte schon ihre Koffer abgeladen, als sie auf den erfreulicherweise unverschlammten Gehweg trat. »Könnten Sie mir die schwarze Tasche reichen? Meine Joggingschuhe sind da drin.«

Er ließ die Tasche vor ihr auf den Boden fallen.

»Sie brauchen den Boten nicht zu erschießen, das ist Ihnen klar, oder?«, sagte Cameron.

»Wie meinen Sie das?«

»Nur weil Sie sich über Ihren Vater ärgern, müssen Sie nicht so unfreundlich zu mir sein!«

»Sie haben mich schon wütend gemacht, noch bevor ich wusste, dass mein Vater Sie herbestellt hat.«

»Sie sind ein richtiger Charmebolzen!« Cameron zog ihre Schuhe an.

»Ja, das höre ich öfter.«

»Von wem?«

Er wackelte mit den Augenbrauen. »Das wüssten Sie wohl gern.«

»Eigentlich … nicht.«

»Wie Sie meinen.« Er zuckte mit den Schultern und führte sie durch eine Hintertür in die Pension. Er schien den Weg zu kennen, und so folgte sie ihm durch einen Flur zur Lobby, wo er die Glocke auf dem Tresen anschlug. Im Haus roch es nach Potpourri und zitroniger Möbelpolitur.

Eine ältere Frau in einer Kittelschürze und mit Lockenwicklern in den Haaren kam aus einem Hinterzimmer. Sie lächelte herzlich.

»Hallo, Will. Was für eine nette Überraschung. Wen bringst du mir da?«

»Hallo, Mrs Hendricks. Ich habe Ihnen einen Gast mitgebracht. Cameron …«

»Herrje.« Die ältere Frau fasste sich mit der Hand an den Kopf, als sei ihr eben erst eingefallen, dass sie ja Lockenwickler trug. »Ich sehe ja schrecklich aus.«

»Sie sind so schön wie eh und je«, schmeichelte er.

»Will Abbott!« Das Gesicht von Mrs Hendricks lief rot an. »So charmant! Ach, du könntest selbst einen Eisberg zum Schmelzen bringen.«

Will lächelte Cameron breit an, als wollte er sagen: »Wusst ich’s doch.«

Cameron räusperte sich. Sie wollte Mrs Hendricks daran erinnern, dass ein zahlender Gast darauf wartete, einchecken zu können. »Ich heiße Cameron Murphy. Schön, Sie kennenzulernen, Mrs Hendricks.«

Die ältere Frau sah sie zum ersten Mal an und schnappte nach Luft. »Meine Güte, was ist denn mit Ihrem Gesicht passiert?«

Besorgt sah sich Cameron nach einem Spiegel um. »Ist etwas mit meiner Nase?« Sie ging quer durch die kleine Lobby zu einem gerahmten Spiegel und schrie auf, als sie ihr Gesicht sah. Ihre Nase war geschwollen, und sie hatte zwei Veilchen. »O Gott!«

Sie wirbelte herum. Will lehnte entspannt am Tresen, Mrs Hendricks schaute besorgt.

Cameron stapfte auf Will zu. »Warum haben Sie kein Wort gesagt?«

»Was sollte ich Ihnen denn sagen?«

»Dass mein Gesicht völlig demoliert ist!«

»Äh … vielleicht dachte ich ja, Sie hätten von allein gemerkt, dass Ihnen etwas gegen das Gesicht geknallt ist.«

»Das muss der Airbag gewesen sein.« Ihr fiel wieder ein, dass sie einen Blackout gehabt hatte. War sie womöglich doch ohnmächtig geworden? Die Schmerzen in ihrem Gesicht hatte sie während ihrer Interaktion mit Will verdrängt, aber jetzt pochte ihre Nase ziemlich hartnäckig.

»Der Airbag würde auch die Brandwunde an ihrem Hals erklären«, fügte Will hinzu.

»Brandwunde?« Ihre Stimme quietschte. »Was für eine Brandwunde?«

Er beugte sich vor, und sie hätte schwören können, dass ihr Herz einen Schlag aussetzte, als ihr sein Duft in die Nase stieg. Die Berührung seiner Finger an ihrem Hals sandte Schockwellen durch ihren Körper. Zwischen ihren Beinen kribbelte es. Was zum Teufel war nur los mit ihr?

»Hier.« Will zog seine Hand rasch wieder zurück, als ob er sich verbrannt hätte.

Die beiden starrten sich einen Moment lang an.

»Hatten Sie einen Unfall?« Mrs Hendricks unterbrach dieses intensive Intermezzo.

»Sie hat Fred angefahren«, klärte Will sie auf.

Mrs Hendricks fuhr sich mit der Hand an den üppigen Busen. »Herrje, geht es ihm gut?«

»Allem Anschein nach ja«, sagte Will. »Gut, dass es nur ein Kleinwagen war.«

»Es war ein nigelnagelneuer Kleinwagen!« Cameron fragte sich, ob es irgendjemand in dieser gottverlassenen Kleinstadt interessierte, dass ihr wunderhübsches Auto nicht länger wunderhübsch war.

»Na, solange es ihm nur gutgeht«, erklärte Mrs Hendricks, als hätte sie Cameron gar nicht gehört. »Ich kann Doc Edwards für Sie rufen«, bot sie Cameron an.

»Danke, das ist nicht nötig.« Cameron wollte nichts weiter als ein heißes Bad und einen Eisbeutel für ihre pochende Nase.

»Darf ich Nolan von Ihrem Telefon aus anrufen?«, bat Will.

»Natürlich.« Mrs Hendricks reichte ihm das schnurlose Telefon, und er tippte eine Nummer ein, die er offensichtlich auswendig wusste.

Während Cameron das Anmeldeformular ausfüllte und Mrs Hendricks ihre Kreditkarte gab, erzählte Will Nolan alles über den Unfall.

»Ja genau, sie hat den armen, alten Fred angefahren.« Kurze Pause. »Nein, er schien so weit in Ordnung, aber wir sollten morgen früh den Doc nach ihm sehen lassen, nur um auf Nummer Sicher zu gehen.«

Cameron warf ihm einen finsteren Blick zu und zischte: »Vergessen Sie den Wagen nicht!«

Er fing ihren Blick auf. »Und jetzt zum Wagen.«

Endlich, dachte Cameron. Sie unterschrieb und ließ sich von Mrs Hendricks den Schlüssel für ihr Zimmer im zweiten Stock geben.

Will legte das Telefon auf den Tresen und sah zu Cameron. »Nolan holt den Wagen noch heute Nacht, damit niemand auffährt. Sie sollen morgen früh bei ihm vorbeischauen. Die Werkstatt befindet sich auf der anderen Straßenseite.« Er zeigte zur Vordertür. »Gleich dort.«

»Danke.« Cameron zwang sich, ihn in all seiner Schönheit anzusehen. »Vielen Dank für Ihre Hilfe.« Seine Augen waren hellbraun, fast golden. Warum musste er nur so umwerfend gut aussehen, wo er doch so unglaublich nervig war?

»Brauchen Sie Hilfe, um die Koffer nach oben zu tragen?«

Die Vorstellung, er könne ihr ins Hotelzimmer folgen, sandte weitere Schockwellen durch ihren Körper. »Das schaffe ich schon allein.«

Aber sie hatte noch gar nicht zu Ende gesprochen, da war er bereits mit ihrem Gepäck auf der Treppe. Cameron bedankte sich noch rasch bei Mrs Hendricks, dann lief sie ihm hinterher.

Im zweiten Stock stellte er ihre Koffer vor Zimmer achtzehn ab. Er blieb so abrupt stehen, dass Cameron auf ihn auflief.

Als er sich umdrehte, spürten sie beide die elektrische Aufladung zwischen ihnen. Cameron hatte noch nie ein so überwältigendes Gefühl verspürt, einen anderen Menschen berühren zu wollen. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten, um dem Drang besser widerstehen zu können.

»Hören Sie«, sagte er stockend. »Sie scheinen eigentlich ganz nett zu sein.«

»Danke.« War das jetzt als Kompliment gemeint?

Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Ich wollte eigentlich sagen, dass es morgen auf dem Treffen ziemlich heftig zugehen könnte. Nehmen Sie das nicht persönlich, okay? Wir haben mit meinem Vater ein Hühnchen zu rupfen, nicht mit Ihnen.«

»Ich bin nur hier, um einen Job zu erledigen. Da bleibt alles Persönliche außen vor.«

»Gut.« Offenbar verstand er ihre Anspielung. »So wollen wir es halten.«

»Sehr schön.«

»Sie sollten Ihre Nase mit Eis kühlen«, sagte er noch, als er schon auf dem Weg nach unten war.

Wirklich schade, dass er verpasste, welche Geste sie seinem entschwindenden Rücken hinterherschickte …

2

Wenn du jemandem den Rücken kehrst, pass auf,

dass er kein Messer in der Hand hat.

Lebensweisheit des Elmer Stillman

Ihr Duft hing noch im Wagen. Auf der Fahrt zu seiner Hütte in den Wäldern außerhalb der kleinen Stadt wurde Will ständig an seine Begegnung mit dieser Großstadtfrau erinnert. Das weckte Erinnerungen an die Frauen, die er während des Studiums kennengelernt hatte. Sie waren aus der Großstadt an die University of Vermont gekommen und hatten sich vier Jahre lang über die Lebensweise in den Bergen lustig gemacht, die ihm so viel bedeutete.

Genauer gesagt erinnerte sie ihn an eine ganz bestimmte junge Frau, an Lisa aus Boston. Will hatte den Riesenfehler begangen, sich in sie zu verlieben und zu glauben, er könne sie überreden, nach dem Uni-Abschluss bei ihm zu bleiben. Er ignorierte die Signale, die sie aussandte. Lisa konnte es kaum erwarten, wieder in die Großstadt zurückzukehren. Er machte ihr dennoch einen Heiratsantrag, weil er hoffte, seine Liebe zu ihr könne sie zum Bleiben bewegen.

Das tat es nicht.

Will hatte schon sehr lange nicht mehr an diesen Reinfall gedacht, und es war kein Zufall, dass die Begegnung mit Cameron ihm wieder in Erinnerung rief, dass er sich von Frauen wie ihr fernhalten musste, Frauen, die nicht in diese Welt gehörten. Von den extravaganten Wildlederstiefeln über die lächerliche Weste mit dem Fellkragen bis hin zu ihrer Art, sich auszudrücken – sie war durch und durch ein Großstadtmädchen. Sogar ihr alberner Kleinwagen wirkte in den Bergen deplatziert.

Nur weil ihr Anblick ihn daran erinnerte, dass er ein Mann war, hieß das ja noch lange nicht, dass er deshalb auch aktiv werden musste. Im Gegenteil, es wäre viel vernünftiger, weiterhin so zu tun, als ob sie für ihn keinerlei Reiz besaß. Morgen würde sie mitten hinein in die Familiendynamik der Abbotts geraten, und wenn sie klug war, würde sie noch in derselben Minute, in der ihr Wagen wieder fahrbereit war, zurück in die Stadt brausen.

In diesem Moment kam er an der Unfallstelle vorbei. Nolan hatte ihren Wagen eben ins Schlepptau genommen.

Will wurde langsamer und öffnete das Wagenfenster. »Danke, Nolan.«

»Kein Problem, Will. Fred hat sich also vor den Wagen geworfen?«

»Hat er«, bestätigte Will. »Die Besitzerin des Wagens heißt Cameron.«

»Ist das ein Mädchenname?«

»Das hat sie mir zumindest gesagt. Sie schaut morgen früh bei dir vorbei. Gute Nacht, Nolan.«

»Nacht, Will.«

Ein paar Meilen weiter bog Will auf den schlammigen Weg, der zu seinem kleinen Häuschen führte. Zu dieser Jahreszeit war es der Schlamm, nicht der Schnee, der die Straßen unpassierbar machte. Im Schritttempo fuhr er auf seine Hütte zu.

Als er ausstieg und sich der Haustür näherte, hörte er aufgeregte Pfoten auf Holz, wie immer nach der Arbeit, wenn seine Hunde ihn tagsüber nicht hatten begleiten dürfen. Er schloss die Tür auf und wurde begeistert von seinen beiden Labrador-Rüden Trevor und Tanner begrüßt. »Hallo, Jungs, tut mir leid, dass es heute so spät wurde. Ich musste einer Lady in Not zu Hilfe eilen.«

Will fütterte die Hunde und machte sich ein Bier auf, dann rief er Hunter an.

»Hallo, Bruderherz«, meldete sich Hunter. »Was ist los?«

»Dad hat es schon wieder getan.«

»Was ist jetzt wieder?«

Will erzählte seinem Bruder von der Begegnung mit der Web-Designerin aus New York.

»Ist das dein Ernst? Welchen Teil von ›wir wollen keine Website‹ hat Dad nicht verstanden?«

»Offenbar den Teil, als wir nein sagten.«

»Verdammt! Wann geht er endlich in Rente?«

»Wenn ich das wüsste …«

»Na toll.« Hunter seufzte. »Ich hab so was von keine Lust auf eine weitere Auseinandersetzung mit ihm.«

»Ich auch nicht.« Will nahm einen Schluck Bier. »Wie sollen wir jetzt vorgehen?«

»Ich hab nicht die leiseste Ahnung. Vermutlich müssen wir uns anhören, was sie zu sagen hat, und uns dann überlegen, wie wir sie möglichst höflich abservieren.«

»Warum will er aus unserem absolut perfekten Kleinstadtbetrieb unbedingt ein landesweit agierendes Unternehmen machen? Wir verdienen doch genug Geld für uns alle. Warum reicht ihm das nicht?«

»Du kennst ihn doch. Er denkt, größer sei grundsätzlich besser.«

»Und wir denken, kleiner ist gut – und überschaubar.«

»Stimmt. Und? Wie ist sie so? Die Web-Designerin?«

»Typische Großstadtpflanze. Du kennst den Typ ja. Stell dir vor, sie hatte unterwegs einen Crash mit Fred.«

»Echt jetzt?« Hunter lachte laut auf. »Was für ein Einstieg. Geht es Fred gut?«

»Er schien ganz in Ordnung, was man allerdings nicht von ihrem Auto sagen kann. Sie selbst hat sich am Airbag die Nase angeschlagen und zwei Veilchen abbekommen.«

»Aua. Tja, hoffentlich begreift sie, dass wir sie hier nicht wollen, und macht sich zügig vom Acker.«

»Wollen wir es hoffen.« Will mochte gar nicht an die Alternative denken. Wenn sie in der Gegend blieb, würde das definitiv seinen Vorsatz untergraben, sich von Frauen wie ihr fernzuhalten. Es war sehr viel besser, wenn sie verschwand, bevor er der Versuchung nicht länger widerstehen konnte.

Als Cameron am nächsten Morgen aufwachte, fühlte sie sich, als hätte sie zehn Runden gegen Mike Tyson gekämpft. Ihr ganzes Gesicht pochte, sogar ihre Lippen schienen geschwollen. Bilder vom Elch-Desaster tauchten vor ihrem inneren Auge auf. Stöhnend zwang sie sich aus dem unglaublich bequemen Bett und schleppte sich ins Badezimmer, um den Schaden zu begutachten.

Beim Anblick ihres Spiegelbildes entfuhr ihr unwillkürlich ein Schrei. Ihr Gesicht war ein einziger Bluterguss und beinahe zur Unkenntlichkeit angeschwollen. Ihre Lippen schienen über Nacht explodiert zu sein. Das ließ sich nie und nimmer mit Make-up kaschieren. Mit Tränen in den Augen langte sie nach ihrem Handy. »Bitte, lass mich hier Empfang haben. Biiitte.« Sie hatte drei kräftige Balken. »Danke, Jesus!«

Cameron gab die Kurzwahlnummer ihrer Freundin und Geschäftspartnerin Lucy ein.

»Buenos dias«, rief Lucy, die morgens immer unglaublich gut drauf war, woran sich Cameron, die ein ausgeprägter Nachtmensch war, jedoch schon vor vielen Jahren notgedrungen gewöhnt hatte. »Bist du heil und in einem Stück angekommen?«

»Luce.« Cameron versuchte, keinen Nervenzusammenbruch zu erleiden.

»Was ist passiert?«

»Ich bin auf den ortsansässigen Elch aufgefahren, mein komplettes Gesicht ist angeschwollen, ich habe meine Wildlederstiefel verloren, und das Auto ist ein Wrack.«

»Du hast deine neuen Wildlederstiefel verloren?«

War ja klar, wo ihre Prioritäten lagen. »Lucy! Mein Gesicht ist vollkommen entstellt, und ich habe in einer guten Stunde ein Meeting! Was soll ich jetzt nur tun?«

»Äh … wie wäre es, wenn du es einfach überschminkst?«

»Bleib dran.« Cameron ging ins Badezimmer, schoss ein Foto von ihrem Spiegelbild und schickte es per SMS an Lucy. Eine Sekunde später hörte sie, wie ihre Freundin entsetzt aufschrie.

»Na danke, das hilft mir!«

»Allmächtiger«, rief Lucy, »wie konnte das denn geschehen?«

»Hast du mir überhaupt zugehört? Ich bin auf den ortsansässigen Elch aufgefahren. Der Airbag hat das meinem Gesicht angetan.«

»Die haben da einen Elch?«

»Lucy, hast du heute Morgen deine ADHS-Medikamente genommen?«

»Scheiße, hab ich vergessen.«

Cameron fiel ein, dass sie selbst auch etwas nehmen sollte, das sie den Tag über konzentriert arbeiten lassen würde. Sie schluckte eine der winzigen Pillen mit etwas Wasser. »Ich kann so nicht zu dem Meeting. Ausgeschlossen.«

»Du musst aber. Wir brauchen den Vorschuss, Cam. Nächste Woche sind die Gehälter fällig, und unsere finanzielle Lage ist etwas angespannt.«

Da Lucy schlechte Nachrichten zu beschönigen pflegte, wusste Cameron, dass »etwas angespannt« so viel bedeutete wie katastrophal. »Mein Gehalt musst du nicht auszahlen.«

»Angespannt beinhaltet bereits, dass dein Gehalt nicht ausgezahlt wird.«

»Mist.«

»Zieh den Klienten an Land, dann sind wir gerettet.«

»Wie soll ich das, solange ich so aussehe?«

»Weiß er denn über deinen Unfall mit dem Elch Bescheid?«

»Einer seiner Söhne weiß es. Er hat mich gerettet. Und mich gleichzeitig unglaublich wütend gemacht.«

»Erzähl mir alles! Das klingt nach einer guten Geschichte.«

»Er sieht echt heiß aus, ist aber launisch. So gar nicht mein Typ.« Noch während sie das sagte, spürte Cameron, wie ihr ein Schauder über den Rücken lief. Aber egal, was ihr Rücken ihr damit sagen wollte, sie fühlte sich nicht zu Will Abbott hingezogen. Sie mochte ihn nicht einmal!

»Heiß, aber launisch? Hört sich interessant an.«

»Lucy, konzentriere dich! Was soll ich jetzt mit meinem Gesicht machen?«

»Tja, du kannst trotz allem noch reden und sie durch unsere Power-Point-Präsentation führen, oder etwa nicht? Ich wüsste nicht, warum du nicht einfach zu dem Meeting gehen und dich für dein entstelltes Gesicht entschuldigen solltest.«

»Das kann ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen«, stöhnte Cameron. »Und mein wunderschönes, neues Auto, das ich mir eigentlich gar nicht leisten konnte.«

»Cam, ich weiß, dass du dich nicht an deinen Vater wenden willst, aber …«

»Hör auf! Rede jetzt ja nicht weiter! Das ist keine Option!«

»Dann solltest du tunlichst diesen neuen Auftrag an Land ziehen – Blutergüsse hin oder her.«

»Ich tue mein Bestes.« Der Gedanke, den grummeligen, aber erotischen Will Abbott gleich wiederzusehen, wo sie dem Monster aus der schwarzen Lagune ähnelte, verursachte Cameron akutes Unwohlsein. Sie war immer sehr stolz auf ihr makelloses Erscheinungsbild gewesen und verließ sich normalerweise auf ihr unantastbares Stilgefühl, wenn es darum ging, potentielle Kunden zu beeindrucken.

Nun ja, ihr Gesicht mochte entstellt sein, aber Stil konnte sie trotzdem noch auffahren. »Ich sollte jetzt los, wenn ich pünktlich um zehn dort sein will. Außerdem muss ich noch herausfinden, was mit meinem Auto ist.«

»Halte mich auf dem Laufenden. Wir drücken dir alle die Daumen!«

»Danke, Luce. Ich rufe dich später an – falls ich Empfang habe.«

Cameron duschte und wusch sich die langen, blonden Haare. Sie verbrachte zwanzig Minuten damit, ihre Haare glattzuföhnen. Es tat ihr gut, sich darauf zu konzentrieren, so geriet sie nicht wegen der Blutergüsse in ihrem Gesicht aus der Fassung – oder wegen der Tatsache, dass das Weiß ihrer Augen jetzt rot war.

Da in Vermont immer noch recht kühle Temperaturen herrschten, entschied sie sich für ein braunes Kaschmir-Kleid und ihr zweites Paar Stiefel. Gott sei Dank hatte sie Ersatz mitgebracht. Der Gedanke an ihre herrlichen zimtfarbenen Wildlederstiefel ließ sie stöhnen. Vielleicht konnte sie heute zurück an den Unfallort und die Stiefel retten?

Ihr Magen knurrte und erinnerte sie daran, dass sie vor dem Meeting noch rasch etwas essen musste – und auch dringend Kaffee brauchte. Als sie in ihre Weste mit dem falschen Fellkragen schlüpfte, fiel ihr der LCD-Projektor auf dem Rücksitz ihres Autos ein. Den brauchte sie für die Präsentation. Also erst Kaffee, dann den Wagen suchen und den Projektor holen.

Cameron schulterte ihre Handtasche und die Computertasche, öffnete die Hotelzimmertür und wäre beinahe über eine Papiertüte im Flur gestolpert. »Was zum …?« Sie sah in die Tüte mit dem Logo des Green Mountain Country Store und entdeckte schicke dunkelbraune Schneestiefel mit Pelzbesatz in Hellbraun und Weiß. Cameron musste lächeln, während sie in der Tüte nach einer Karte suchte, aber keine fand.

Nett von ihm, dachte sie widerwillig. Sie zog die neuen Stiefel an. Möglicherweise nahm es ihn für sie ein, wenn sie mit den neuen Stiefeln zur Präsentation kam. Oder vielleicht auch nicht …

Die Stiefel waren mit etwas Weichem, Warmem ausgekleidet.

»Himmlisch!«, flüsterte sie und fragte sich, woher er wusste, welche Schuhgröße sie hatte. Die Stiefel passten hervorragend zu ihrem Kleid und der Weste. In New York wollte sie in ihnen nicht gesehen werden, aber für die Schlammsaison in Vermont waren sie genau das Richtige.

Cameron sammelte ihre Siebensachen wieder ein und folgte dem Kaffeeduft nach unten. Es erleichterte sie sehr, dass ihre Nase zumindest noch funktionierte. Als sie in der Lobby an einem Pärchen vorbeikam, fing sie den entsetzten Blick der Frau auf.

»Airbag kontra Gesicht«, erklärte Cameron mit einem Grinsen, das sie sofort wieder bedauerte. »Der Airbag hat gewonnen.«

»O Gott, geht es Ihnen gut?«

»In ein paar Tagen bestimmt wieder, aber bis dahin muss ich meine Karriere als Fotomodel auf Eis legen.«

Das brachte die beiden zum Lachen, und genau das hatte Cameron damit auch bezweckt. Sie glaubte fest daran, dass man nicht das Recht hatte, über andere zu lachen, wenn man nicht auch über sich selbst lachen konnte.

»Ich hoffe, es geht Ihnen bald wieder besser«, sagte der Mann.

»Danke.«

Cameron folgte den Stimmen und dem verlockenden Duft in den hinteren Teil der Pension. Der Frühstücksraum befand sich in einem rundum verglasten Wintergarten, von dem aus man einen atemberaubenden Blick auf den Wald und den Burke Mountain in der Ferne hatte.

»Guten Morgen, Cameron.« Ohne Lockenwickler und Kittelschürze sah Mrs Hendricks völlig anders aus. Sie trug einen roten Pulli und Jeans und wirkte um Jahre jünger als noch am Abend zuvor.

»Guten Morgen.«

»Ach, Sie Arme.« Mrs Hendricks musterte Camerons Gesicht. »Tut es weh?«

»Es könnte schlimmer sein. Wenigstens ist nichts gebrochen.«

»Das ist gut. Möchten Sie frühstücken?«

»Nur etwas Kaffee und ein Muffin zum Mitnehmen.«

»Kommt sofort.«

Fünf Minuten später trank Cameron erstaunlich guten Kaffee aus einem Thermobecher, während sie in die kalte Luft hinaustrat und die Elm Street überquerte. Auf dem Schild neben der Tür zu Nolans Autowerkstatt stand Sprit, Reparaturen, Ölwechsel, Gebrauchtwagen, Pflüge und Brennholz.

Diese Kombination hat man auch nicht alle Tage, dachte Cameron. Zum ersten Mal sah sie die reizende Kleinstadt bei Tageslicht. Sie bestand fast ausschließlich aus bunt bemalten Holzhäusern, in denen sich eine Vielzahl von Geschäften befanden. Von ihrem Standort aus sah sie den Friseursalon mit einem Schild im Schaufenster, das darüber informierte, dass auch Kosmetikbehandlungen durchgeführt wurden. Das beruhigte sie sofort. An den Salon schloss sich ein Outdoor-Geschäft an, mit Snowboards, Angelruten und Wanderstiefeln im Schaufenster.

Das Café war gleichzeitig auch eine Kunstgalerie, und dann kamen das Atelier eines Glasbläsers, zwei Restaurants und eine Buchhandlung. Cameron sah in die andere Richtung zu dem braunen Gebäude im viktorianischen Stil, in dem sich das Rathaus befand, und gleich daneben die Feuerwache und die Kirche mit dem weißen Turm. Schließlich fiel ihr Blick auf den Green Mountain Country Store, der ihr größer erschien als in der Nacht zuvor.

Es war ein zweistöckiges grünes Schindelhaus mit einer entzückenden Veranda, auf der schwarze Schaukelstühle zum Verweilen aufforderten. Sie hätte es für ein Wohnhaus gehalten, wenn über der Veranda nicht GREEN MOUNTAIN COUNTRY STORE gestanden hätte.

Cameron konnte es kaum erwarten, sich den Laden noch vor dem Meeting anzuschauen, aber eins nach dem anderen. Sie betrat Nolans Werkstatt, um sich nach ihrem Wagen zu erkundigen.

Ein gutaussehender Mann, den Cameron auf Mitte dreißig schätzte, tauchte aus den Tiefen der Werkstatt auf und wischte sich die Hände an einem roten Tuch ab. Er trug einen Blaumann und feste Stiefel – von der Art, die einen durch den Vermonter Winter und die Schlammsaison brachten. Als er ihr Gesicht sah, schnitt er eine Grimasse.

»Sie müssen die Frau sein, die es letzte Nacht mit Fred aufgenommen hat?«

»Ja, genau. Cameron Murphy. Sie sind vermutlich Nolan?«

»Treffer. Ich würde Ihnen ja die Hand geben, aber dann mache ich Sie nur schmutzig.« Er hatte dunkle Haare und braune Augen, die funkelten, sobald er lächelte.

»Danke. Und danke auch, dass Sie meinen Wagen aus dem Schlamm befreit haben.«

»Kein Problem.« Er konnte nicht anders, als ihr ramponiertes Gesicht anzustarren. »Haben Sie sich von einem Arzt durchchecken lassen?«

»Nein. Es sieht schlimmer aus, als es ist.«

»Wenn Sie meinen.«

»Wie geht es meinem armen, kleinen Auto?«

»Es hat schon bessere Tage gesehen.«

»Gestern beispielsweise. Dem einzigen Tag, an dem es mir gehörte, bevor es so übel eingedellt wurde.« Sie sah, wie er ein Lachen unterdrückte. »Nur zu, lachen Sie. Es ist ja auch irgendwie lustig.«

Nolan räusperte sich. »Es ist aber nicht lustig, dass Sie sich weh getan haben.« Plötzlich schien ihm sein Mitgefühl peinlich zu sein. »Kommen Sie, sehen Sie es sich an.«

Cameron folgte ihm zu ihrem Auto, das auf einer Hebebühne stand. »Oje, bei Tageslicht sieht es noch viel schlimmer aus.«

»Volle Breitseite. Der alte Fred ist ein strammer Kerl. Wahrscheinlich hat eines seiner Beine die Nase Ihres Kleinen eingedrückt. Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten: Wir können es als Totalschaden abhaken, und Sie klären das mit Ihrer Versicherung. Oder ich mache ihn wieder wie neu, das wird dann aber dauern.«

»Wie lange?«

»Wie lange bleiben Sie hier?«

»Eine Woche, vielleicht zwei.«

»Das sollte reichen. Ich bin ein Ein-Mann-Betrieb, darum muss ich Sie zwischen meine anderen Jobs schieben. Ich habe jemand an der Hand, der bei Karosseriearbeiten unschlagbar ist, aber leider ist er nicht ganz so zuverlässig. Die zwei Wochen sind eigentlich ein reiner Schätzwert. Vielleicht dauert es auch länger.«

Cameron dachte über ihre Optionen nach. Ihr wurde klar, dass sie womöglich länger in Butler bleiben musste, als ihr lieb war. Sie betrachtete die eingedrückte Vorderseite. »Das ist mein erstes Auto.« Sie teilte ihm nicht mit, dass sie für den Kauf ihre letzten Ersparnisse aufgebraucht hatte, damit sie mit ihren ganzen Arbeitsmaterialien nach Vermont fahren und hier Recherche betreiben konnte.

»Wenn der Wagen erst einen Tag alt ist, dann scheint es mir die Mühe wert, ihn zu reparieren. Der Motor hat schließlich keinen Kratzer abbekommen, und er ist verdammt gut!«

»Wenn es Ihr Auto wäre, würden Sie es also retten?«

»Auf jeden Fall! Aber ich muss in den nächsten Wochen ja nirgendwo sein. Sie haben möglicherweise Pläne.«

Cameron rauchte der müde Kopf. Wenn Sie zurück in die Stadt musste, noch bevor der Wagen repariert war, könnte sie natürlich fliegen. Ursprünglich hatte sie ja ohnehin nach Burlington fliegen wollen, aber sie hatte zu viele Sachen, wie beispielsweise den LCD-Projektor, da war ein Flug unpraktisch. In zwei Wochen hatte sie Karten fürs Ballett, die sie zu gern verfallen lassen würde, aber ihr Vater hatte ihr die Karten geschenkt. Er würde erwarten, dass sie sie auch nutzte.

Abgesehen davon gab es nichts, was sie nicht auch von Vermont aus regeln konnte, vorausgesetzt sie hatte ein anständiges Telefonsignal und eine gute Internetverbindung.

Will Abbott hatte sie letzte Nacht mit seiner Schilderung der Großfamilie, die zusammen einen Familienbetrieb führte, fasziniert. Cameron musste zugeben, dass sie gern etwas Zeit mit solch einer Familie verbringen würde – falls man ihr den Auftrag erteilte und falls Will und seine Geschwister sie nicht dafür hassten. Sollten Sie ihr den Auftrag nicht geben, würde sie eben nach Hause fliegen und den Wagen abholen, sobald er fertig war.

Cameron sah zu Nolan, der sie bei ihren inneren Kämpfen beobachtet hatte. »Also gut, reparieren Sie den Wagen. Ich informiere die Versicherung.«

Er zog eine Visitenkarte aus der Tasche seines Blaumanns und reichte sie ihr. »Die können mich jederzeit anrufen, wenn sie Fotos und einen Kostenvoranschlag haben wollen.«

»Danke.«

»Ich versuche mein Bestes, um den Kleinen wieder so neu wie möglich herzurichten.«

»Das ist sehr nett von Ihnen. Kann ich ein paar Sachen vom Rücksitz bekommen?«

»Klar, was brauchen Sie?«

»Den LCD-Projektor hinter dem Fahrersitz. Den benötige ich für mein Zehn-Uhr-Meeting mit den Abbotts.«

»Ich hole ihn raus und bringe ihn rüber.«

»Großartig. Und danke noch mal. Ich melde mich wieder.«

»Gern.«

Cameron hatte noch eine knappe halbe Stunde bis zu dem Meeting. Sie schlenderte zum Laden. Als sie eintrat, überkam sie das Gefühl, eine Zeitreise in die Vergangenheit zu machen. Alle Sinne wurden angesprochen, jeder Zentimeter Platz wurde genutzt – Fässer mit Erdnüssen, Coca-Cola-Emailleschilder an den Wänden, uralte Haushaltsgegenstände auf dicken Holzregalen. Es war fast zu viel der Eindrücke. Cameron ging zu einem Regal voller Spielzeuge, drückte auf den Deckel einer Springteufelschachtel und trat grinsend einen Schritt zurück, als das Schachtelmännchen herauskatapultiert kam.

»Kann ich Ihnen helfen?«, erkundigte sich eine gutgelaunte Frau.

Cameron sah extra nicht zu ihr, damit sie ihr ramponiertes Gesicht nicht erklären musste. »Ich sehe mich nur um, danke.«

»Genießen Sie es. Wenn Sie etwas brauchen, finden Sie mich vorn.«

Nach den Spielzeugen kamen Kosmetikprodukte und ein Tisch, auf dem Körbe mit duftenden, handgefertigten Seifen in unterschiedlichen Farben und Formen lagen. Cameron nahm eine braune Seife in die Hand und atmete den würzigen Duft ein, bevor sie sie wieder in den Korb legte. Dann griff sie nach einer Probierflasche mit Bodylotion, auf der Made in Vermont stand, und rieb sich einen Klecks davon auf den Handrücken. Sie zog sofort ein und duftete herrlich nach Lavendel.

Auf den Regalen mit Küchengeräten fanden sich Pfannen, moderne Mixer mit praktischen Zusatzteilen, die sie noch nie zuvor gesehen hatte und mit denen sie auch nichts hätte anfangen können. Dann folgten Gewürze, Maisgrieß und Pfannkuchenmischungen in braunen Papiertüten, auf denen ebenfalls Made in Vermont stand. Eine ganze Wandseite war den verschiedenen Ahornsirups vorbehalten, die es augenscheinlich in einer unglaublichen Anzahl von Farben und Qualitätsstufen gab. Cameron, die keine Freundin von Ahornsirup war, las trotzdem das Schild neben dem Regal, auf dem in aller Kürze der Herstellungsprozess erklärt wurde.

Sie nahm eine Flasche zur Hand, bemerkte das Abbott-Etikett, und ihr fiel wieder ein, dass Wills Bruder Ahornsirup herstellte. Welcher Bruder war das gleich noch mal? Sie konnte sich nicht erinnern. Falls sie den Auftrag bekam, musste sie sich unbedingt alle Namen aufschreiben.

Auf der Rückseite der Flasche befand sich das Foto eines Mannes, der Will ähnelte, nur dass er einen Bart hatte. Trotz der Gesichtsbehaarung strahlte er denselben rauen Charme aus wie sein älterer Bruder. Wir garantieren Ihnen den besten Ahornsirup oder Sie bekommen Ihr Geld zurück – Colton Abbott, Abbott Family Farms. Darunter Coltons Unterschrift. Ein goldener Aufkleber auf der Vorderseite verkündete Vermont Fancy Grade. Was immer das bedeuten mochte.

In Cameron erwachte das Interesse, es herauszufinden. Sie wollte wissen, wie man Sirup herstellte, welche unterschiedlichen Qualitätsstufen es gab, und wofür genau Vermont Fancy Grade stand.

Sie stellte die Flasche auf das Regal zurück und ging weiter. Mitten im Raum befand sich ein alter Kanonenofen. Daneben saßen zwei alte Männer über ein Schachbrett gebeugt. Sie gingen ganz in ihrem Spiel auf und schenkten ihr keine Beachtung.

Der intensive Geruch nach Käse führte Cameron zu einer Kühltheke mit allen nur vorstellbaren Käsesorten, von denen die meisten den Made in Vermont-Aufkleber trugen.

Einen Großteil des Platzes nahm der Cheddar ein. Cameron, die durch und durch Käseliebhaberin war, würde auf jeden Fall etwas davon mit nach Hause nehmen.

Sie ging weiter zur Oberbekleidung und prallte unverhofft auf eine rote Flanellbrust.

Die Brust gehörte zu Will. Er hielt sie am Arm fest, damit sie nicht umfiel, und brachte es gleichzeitig fertig, mit der anderen Hand nach ihrem Kaffeebecher zu greifen, so dass sie nichts verschüttete.

»Gut gehalten«, lobte sie, als er ihr den Becher zurückgab.

Er betrachtete ihr geschwollenes Gesicht, zeigte jedoch keine Reaktion, wie sie zufrieden feststellte. Ohne die Mütze, die er in der Nacht zuvor getragen hatte, konnte sie sehen, dass seine Haare dieselbe Farbe hatten wie die von Colton. Er trug sie etwas länger, weshalb sie sich nicht ganz so sehr kräuselten. »Auf andere aufzuprallen, ist ihr großes Talent, oder?«

»Nur, wenn sich andere mir in den Weg stellen«, konterte sie. Bei Licht sah er sogar noch umwerfender aus, was sie aus irgendeinem Grund ärgerte.

Er war frisch rasiert, hatte volle, sinnliche Lippen, golden gesprenkelte braune Augen und, aus dem Aufprall zu schließen, einen durchtrainierten Oberkörper. Dann lächelte er und ruinierte alles. Oh. Mein. Gott. Cameron, die in einer Stadt voll von enorm gutaussehenden Männern lebte, hatte noch nie jemand wie ihn getroffen. Sexy, umwerfend und hinterwäldlerisch. Wer hätte geahnt, dass hinterwäldlerisch so sexy sein konnte? Sie bestimmt nicht. Nicht vor dem heutigen Tag.

Dann fiel ihr wieder ein, wie entsetzlich sie aussah. Plötzlich wurde sie schrecklich unsicher. Ihre Hand fuhr unwillkürlich an die geschwollene Oberlippe.

»Tut es weh?«, wollte er wissen. Einen so sanften Tonfall war sie von ihm nicht gewöhnt.

»Halb so wild.« Sie zwang sich, ihm in die Augen zu schauen. »Danke für die Stiefel.«

»Kein Problem. Ich dachte, Sie brauchen etwas Robustes für den Schlamm.«

»Woher wussten Sie, welche Schuhgröße ich habe?«

»Ich … hab’s geraten. Lag ich nah dran?«

»Genau richtig.«

Die Worte hingen in der angespannten Stille zwischen ihnen. Er starrte sie an, und sie schaute ihm in die Augen, nicht in der Lage, ihren Blick abzuwenden.

»Was hat Nolan wegen Ihres Wagens gesagt?«

»Es wird eine Weile dauern, ihn zu reparieren, aber er glaubt, dass er es schaffen wird.«

»Haben Sie Skeeter kennengelernt?«

»Wer ist das?«

»Nolans Aushilfe. Der Kerl ist echt ein Unikum. Was Autos angeht, macht ihm keiner was vor, aber ansonsten ist er total durchgeknallt.« Will beugte sich zu ihr, brachte ihr Herz zum Pochen. »Es heißt, als seine Katze starb, hat er sie eingewickelt und in die Tiefkühltruhe seiner Mutter gelegt, bis er irgendwann dazu kommen würde, sie zu begraben. Man fand die Katze erst, als seine Mutter zehn Jahre später starb!«

»Das erfinden Sie gerade!«

»Aber nein. Skeeter ist verrückt, aber was Karosserien angeht, ist er ein Zauberer.«

»Sehr beruhigend.«

Will grinste. »Soll ich Sie herumführen?«

»Ja, sehr gern«, sagte sie, obwohl ihr Verstand ihr riet, die Beine in die Hand zu nehmen und vor ihrem sexy Retter zu fliehen. Ihr Herz schlug in einem seltsamen Stakkato, als er ihr die schwere Computertasche abnahm.

»Die trage ich für Sie.«

»Okay, danke.« Warum ist es hier drin nur plötzlich so warm? Cameron versuchte verzweifelt, ein unverfängliches Gespräch anzufangen, irgendetwas, um sich davon abzulenken, dass jede Zelle ihres Körpers ihm entgegenfieberte. »Was genau ist Ihre Aufgabe hier im Laden?«

»Ich kümmere mich um die Produktlinie Made in Vermont.«

»Ich habe den Aufkleber auf dem Ahornsirup und einigen anderen Produkten gesehen.«

»Haben Sie schon einmal Ahornsirup aus Vermont probiert?«

Cameron rümpfte die Nase und bedauerte das sofort. Der plötzliche Schmerz trieb ihr Tränen in die Augen. »Ich sollte mir merken, dass eine verletzte Nase nicht gerümpft werden will. Aua.«

»Geht’s wieder?«

Seine Fürsorge rührte sie. »Ja, aber das hat jetzt weh getan. Jedenfalls mag ich keinen Ahornsirup.«

Er sah sie an, als hätte sie gerade etwas absolut Unamerikanisches gesagt. »Echt jetzt? Wer mag keinen Ahornsirup?«

»Äh … ich?«

»Haben Sie denn überhaupt schon einmal einen probiert, der nicht aus einer Massenfertigung stammte?«

»Ich glaube nicht. Aber Sirup war noch nie nach meinem Geschmack.«

»Sie müssen unseren Ahornsirup probieren, bevor Sie sich ein für alle Mal entscheiden.«

»Ich glaube Ihnen ja, dass Ihr Sirup köstlich ist.«

»Sie müssen ihn probieren.«

»Nein, muss ich nicht.« Cameron drehte sich um und roch plötzlich etwas, das ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. »Was ist das? Was rieche ich da?«

»Süßmost-Krapfen aus Vermont. Die besten Krapfen im Universum. Möchten Sie einen?«

Der Muffin, den sie aus der Pension mitgenommen hatte, war sofort vergessen. »Unbedingt.«

Verdammt, er lächelte schon wieder. Dieses Lächeln war tödlich. »Einen normalen oder einen mit Zimtzucker?«

»Zimtzucker!«

»Guten Morgen, Dottie«, begrüßte er die Frau hinter der Verkaufstheke.

Bei seinem Anblick breitete sich ein warmes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. »Morgen, Will. Was kann ich dir Gutes tun?«

»Wir hätten gern zwei Zimtkrapfen, einen frischen Kaffee für mich und den Becher von Cameron bitte auffüllen.«

»Hallo, Cameron.« Dottie machte sich gleich daran, die Bestellung zu erledigen, darum bemerkte sie Camerons zerstörtes Gesicht erst, als sie aufblickte, um ihnen die Krapfen zu geben. Sie schnappte nach Luft. »Schätzchen, was ist denn mit Ihnen passiert? Ach, Sie müssen die Frau sein, die gestern Fred angefahren hat, nicht wahr?«

»Weiß jeder im Ort schon darüber Bescheid?« Cameron stöhnte.

»Ich fürchte, ja.« Will grinste. »In einer Kleinstadt machen Neuigkeiten schnell die Runde.«

Voller Sehnsucht dachte Cameron an die Anonymität New Yorks. »Na toll.«

»Keine Angst.« Dottie tätschelte Camerons Hand. »In ein oder zwei Tagen passiert etwas Neues, und dann wird Ihre spektakuläre Ankunft vergessen sein. Und bis dahin …« Sie lächelte und zuckte mit den Schultern.

»Bis dahin reden alle von mir und Fred?«

»Ganz genau.«

Neben ihr fing Will an, leise zu lachen, aber Cameron würdigte ihn keines Blickes. Sie musste dieses Lächeln nicht schon wieder sehen. Zweimal war genug für einen Vormittag, dachte sie, biss in den warmen Krapfen und schwebte sofort im siebten Himmel. »Wow, ist der lecker!«

»Sag ich doch«, meinte Will. »Danke, Dottie.«

»Ja, danke«, sagte auch Cameron. »Übrigens, freut mich, Sie kennenzulernen.«

»Gleichfalls. Ich hoffe, Ihr Gesicht heilt rasch wieder ab.«

»Das hoffe ich auch.«

Aus der Ladenmitte war auf einmal ein lautstarker Streit zu hören.

»Die beiden besten Freunde meines Großvaters kabbeln sich ständig.« Will ging zu den beiden Streithähnen. »Was gibt es für ein Problem?«

»Er schummelt, wie immer.«

»Pass auf, was du sagst! Ich bin noch nicht zu alt, um dich mit einem rechten Haken zu fällen!«

»Cameron, darf ich Ihnen Cletus Wagner und Percy Flanders vorstellen?«

Die beiden schüttelten ihr die Hand. Cletus war kahlköpfig, mit einem buschigen weißen Schnauzer und blauen Augen. Percy hatte freundliche braune Augen und einen Schopf wirrer weißer Haare.

Sie murmelten eine Begrüßung, dann widmeten sie sich wieder ihrem Spiel.

Will bedeutete Cameron, ihm zu dem Bereich mit der Oberbekleidung zu folgen, wo immer noch warme Wintersachen verkauft wurden, die in New York längst durch die Frühlingskollektionen ersetzt worden waren.

»Zwei echte Originale«, staunte Cameron.

»Sie sind jeden Tag hier, das ganze Jahr über. Und sie streiten sich auch jeden Tag.« Er sah über seine Schulter, um sicherzugehen, dass die beiden Alten ganz in ihrem Spiel aufgingen. »Gramps hat mir erzählt, dass sie Cletus während der Schulzeit den Spitznamen ›Klitoris‹ gegeben haben.«

Cameron musste laut lachen, während ihre eigene Klitoris zu kribbeln anfing. »Warum erzählen Sie mir das? Ich werde ihm nie wieder in die Augen schauen können, ohne daran zu denken.«

»Willkommen in meiner Welt!« Will grinste wieder, und nun kribbelten all ihre erogenen Zonen. Er sah einfach unbeschreiblich gut aus.

»Die Pullover gefallen mir«, lenkte Cameron ab und biss in den köstlichen Krapfen. Sie brauchte unbedingt einen Themenwechsel, etwas, bei dem es nicht um erogene Zonen ging. Die Islandpullis gab es in Rot, Blau, Dunkel- und Hellbraun, und sie trugen ebenfalls ein Made in Vermont-Etikett.

»Die strickt eine Frau aus Rutland für uns. Immer im September kommt sie mit einem Truck voller Pullover angefahren.«

»Die sind toll. Schauen Sie nur!« Sie musste lachen, als sie neben den Pullis einen Flanellpyjama mit einem aufgestickten Elch sah. »Den muss ich kaufen, damit ich immer an meine Begegnung mit Fred erinnert werde.«