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Ein einflussreicher Bauunternehmer ebnet einem Stromkonzern den Weg zum Bau eines Wasserkraftwerks in der idyllischen Voralpenregion. Kommissar Guntram Glattlinger sucht nach einer Verbindung zwischen dem Mord an einem Umweltaktivisten, dessen Leiche beim Bau der Stauseemauer einbetoniert wurde, und einem fast 30 Jahre zurückliegenden Autounfall im Bodensee-Grenztunnel, bei dem ein Manager des Stromkonzerns ums Leben gekommen war.
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Seitenzahl: 566
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Wolfgang Heinl
Allgäuer Höhenrausch
Kriminalroman
Tod in der Staumauer 1986: Der großspurig auftretende Bauunternehmer Alois Leibacher will hoch hinaus: Am geplanten Steighorn-Stausee soll das höchstgelegene Hotel der Allgäuer Voralpenregion entstehen. Doch das Stauseeprojekt scheitert an einer medienwirksamen Demo, initiiert durch den Umweltaktivisten Gottfried Monschkopf. 2012: Der Stromkonzern Hellwatt AG verspricht allen grünen Strom, und so wird der Stausee 26 Jahre später schließlich doch gebaut. Leibacher kann endlich den Bau seines Hotels verwirklichen und entledigt sich nebenbei seines immer noch aktiven Öko-Widersachers. Kommissar Guntram Glattlinger ermittelt gerade im Fall Monschkopf, als ihn Leibachers Tochter Carola aufsucht und ihm das Geheimnis ihres Vaters verrät. Bei der Einweihung des Alpenhotels ist auch Glattlinger mit einem Haftbefehl gegen Leibacher anwesend. Doch der Bauunternehmer ist plötzlich spurlos verschwunden, und auch dessen Tochter Carola scheint geheime Absichten zu haben …
Wolfgang Heinl, Jahrgang 1967, verschlug es in den ersten Lebensjahren von einem Augsburger Industrieviertel ins Allgäu. Beruflich betätigte sich der gelernte Installateur über 15 Jahre als selbstständiger Fachredakteur für Gebäude- und Energietechnik. Mit der täglichen Textarbeit entwickelte sich die Idee zu einem ersten Roman über ein aberwitziges Bauprojekt, einen großspurigen Bauunternehmer, seinen Öko-Widersacher – und um einen Hauptkommissar, der den Protagonisten fast drei Jahrzehnte wie ein Phantom verfolgt. Seine Freizeit verbringt Wolfgang Heinl gern in der Natur, hört Heavy Metal und hat eine Vorliebe für Dosenbier.
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Erich / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6858-2
++ September 1986 ++
In die schwarzen Rauchschwaden, die sich allmählich in Richtung der Tunnelventilatoren verzogen, mischte sich das Zucken des Blaulichts von Feuerwehrfahrzeugen. Die Tunnelbeleuchtung vermochte die Unfallstelle nur spärlich zu erhellen. Die letzten Flammen verloschen unter dem Schaum aus den Löschrohren.
Eine dunkle Gestalt stand breitbeinig in der Mitte der Fahrbahn und umklammerte mit beiden Händen ein großes Brecheisen; bereit, sich mit aller Kraft in den Angriff zu stürzen. Die Hitze, die von dem ausgebrannten Opel Kombi ausging, trieb ihm unter dem Helm den Schweiß aus den Poren, der die Atemschutzmaske mit seinem Gesicht zu verkleben begann.
Zwei Polizeibeamte waren hinzugetreten, und der Kommandant gab ihm ein Zeichen, dass er jetzt sein Werkzeug zum Einsatz bringen konnte. Die flache Spitze des Brecheisens landete krachend im Spalt der Fahrertür. Er setzte nochmal zu einem weiteren Hieb an. Das metallene Knirschen hallte zwischen den Tunnelwänden wider, als er sich gegen das Brecheisen stemmte und mit Hebelkraft die Fahrertür aufbrach. Ein zweiter Feuerwehrmann trat hinzu und zog die Tür auf. In der nächsten Sekunde lag ein verkohlter menschlicher Körper vor seinen Füßen.
*
++ März 1986 ++
Er war sich seiner Sache an diesem Mittwochvormittag ziemlich sicher. Trotzdem spürte Alois Leibacher eine ungewohnte Anspannung in sich hochsteigen, als er in der Hotellobby seine Konferenzmappe auf einem der niedrigen Tische ablegte, an denen sonst die Urlaubsgäste des Alpenhotels ihren Nachmittags-Cappuccino tranken. Er bestellte sich ein Glas Cola mit einem kleinen Schuss Whisky, um seine etwas zu verkrampften Gehirnwindungen zu lockern, und sank in einen der viel zu breiten und zu niedrigen dunkelbraunen Kunstledersessel, an deren Armlehnen die Spuren von verschütteten Getränken nicht zu übersehen waren.
In 20 Minuten würde er vor dem Aufsichtsrat, den Finanzmanagern und den für Kraftwerks-Bauprojekte verantwortlichen Ingenieuren des Stromkonzerns »Hellwatt AG« seine Planungen vorstellen, und er sollte ihnen dazu auch belastbare Zahlen präsentieren. Ihm war klar, dass diese Finanzhaie des Stromkonzerns andere Zahlen interessierten als Kubikmeter und Quadratkilometer. Er würde ihnen nicht sagen können, innerhalb welcher Zeit sich der Bau eines Stausees mit einer bautechnisch aufwendig zu erstellenden Staumauer amortisieren könnte.
Das war aber, zum Teufel, auch nicht seine Arbeit, wie er sich gerade gedanklich selbst zurechtrückte. Er war schließlich zum einen Bauingenieur und zum anderen derjenige, der für dieses – ihm fiel spontan der Begriff »Jahrhundertprojekt« ein – Vorhaben den Boden zu bereiten versuchte. Nicht mit Baumaschinen wie in seinem eigenen Tief- und Straßenbauunternehmen »Alois Leibacher GmbH & Co.«, sondern auf regionalpolitischer Ebene, in seiner Funktion als Mitglied von Bauausschüssen in Stadt- und Gemeindeverwaltungen – und er hatte in den letzten Monaten unzählige Gespräche geführt, die meistens zuerst kontrovers verliefen, bis er sie so weit hatte, dass sie dieses – vielleicht doch etwas irrwitzige? – Projekt durch die rosarote Brille betrachteten.
Bis zu diesem Moment hatte er eine ganze Riege von Regionalpolitikern, Unternehmern und einigen Machthabern in der lokalen Touristikbranche letztlich dadurch von seiner Stausee-Wasserkraftwerks-Idee überzeugt, dass er mit feinem psychologischem Instinkt genau auf ihre Eitelkeiten gezielt hatte.
Für einen Moment grinste er selbstzufrieden in sich hinein. Den gewöhnlichen Bürger musste man einfach in dem Glauben lassen, dass bei Entscheidungen dieser Tragweite ausschließlich rationale, ökologische und ökonomische Argumente zählten. Bei den Verantwortlichen aber gab es keinen Einzigen, der sich von Amts oder seines Postens wegen wirklich für die Machbarkeit interessierte oder sich ausschließlich von Vernunft und wirtschaftlichen Fakten hatte leiten lassen.
Als Inhaber des führenden Tiefbau- und Straßenbauunternehmens in der ganzen Voralpenregion wusste er längst, mit welchen Mitteln sich Genehmigungsverfahren beschleunigen ließen. Aber die Genehmigung für den Bau seines Sporthotels auf dem Plateau, das etwa auf halber Höhe vor dem Gipfel des Steighorns lag, wäre ihm auf normalen behördlichen Dienstwegen und selbst mit noch so guten Beziehungen niemals erteilt worden. Aber in unmittelbarer Verbindung mit dem Bau eines Wasserkraftwerks am Steighorn, für das ohnehin eine verkehrstechnische Erschließung nötig war, erschiene bei diesem Eingriff in die Berglandschaft der zusätzliche Bau eines Hotels im Vergleich wie der Bau eines Geräteschuppens neben einem Einkaufszentrum – und er setzte alles darauf, dass man ihm die Genehmigung dafür nebenbei durchwinken würde.
Allerdings gab es seit wenigen Jahren ein weiteres Hemmnis, wenn es um Erschließung und Ausbau neuer Baugebiete, Gewerbeflächen und Straßen ging. Einer zuerst kleinen Gruppierung von selbsternannten Umweltschützern war es zunehmend gelungen, mit ihren, wie er fand, archaischen und fortschrittsfeindlichen Ideologien in das öffentliche Bewusstsein vorzudringen. In dieser bald als »Grüne« benannten Bewegung waren zum Teil bereits die Kinder der Generation, die zur sogenannten 1968er-Bewegung gehört hatte, und sie erschienen wie Hippies, die sich vorwiegend von Grünzeug und Körnern ernährten und in selbstgestrickten Pullovern herumliefen. Von den auf ihre Publikumswirksamkeit bedachten Medien wurde das neue Thema bereitwillig aufgegriffen, denn Bilder und Berichte von Aktionen für saubere Wälder und Gewässer, von Demonstrationen gegen Atomkraft und gegen Straßenbauprojekte oder die Aufdeckung von Umweltskandalen der Großindustrie brachten Auflagen und Einschaltquoten.
Was die Medien dabei ausblendeten, waren solche offensichtlichen Widersprüchlichkeiten wie etwa diejenigen »Grünen«, die zu Demonstrationen gegen den Bau von Straßen und Atomkraftwerken statt zu Fuß oder mit dem Fahrrad mit ihren spritfressenden alten VW-Bullis vorfuhren, auf denen meist große Aufkleber mit ›Atomkraft – Nein danke‹ prangten. Nach seiner Ansicht propagierte diese Bewegung einen Freiheitsgedanken, der sich gegen die vorherrschenden gesellschaftlichen Strukturen richtete, aber in Wahrheit genau auf deren sozialen und technischen Errungenschaften gründete.
Bevor dieser Gedankengang in ihm Wut auslösen konnte, sah er durch die Wintergartenverglasung der Hotellobby, wie zwei hellblau-metallicfarbene Ford Sierra und ein Mercedes S-Klasse in gleicher Lackierung auf den Parkplatz einbogen. Der Schriftzug ›HELLWATT AG‹ mit einem orangefarbenen Glühbirnen-Symbol signalisierte Alois Leibacher, dass jetzt die große Stunde unmittelbar bevorstand, die das Projekt seines Lebens der Realisierung näher bringen würde, aber es auch kippen könnte.
Alois Leibacher erhob seinen stattlichen, aber sportlichen Körper mit einer eloquenten Bewegung aus dem Kunstledersessel. Wer ein Unternehmen erfolgreich führen und in der regionalen Wirtschaft eine einflussreiche Persönlichkeit sein will, muss sich vor allem durch Beweglichkeit auszeichnen, lautete einer seiner Leitsätze. Seine Augen, die von klar gezeichneten Lidern und dunkelblonden, kräftigen Augenbrauen umrahmt waren, fixierten mit wachem Blick die zwölf »Hellwatt«-Männer, die jetzt durch die Eingangstür mit den großen verchromten, bogenförmigen Türgriffen das Alpenhotel betraten und sich auffällig umsahen.
Mit seinen 1,86 Metern überragte er die meisten dieser Herren, mit denen er gleich im Konferenzraum »Waldhorn« zu tun haben würde. Alois Leibacher zog das Revers seiner hellbraunen, mit dezenten Trachten-Applikationen versehenen Wildlederjacke zurecht und fuhr mit der linken Hand kurz durch sein Haar, das ihn eher wie einen Politiker als wie einen Bauunternehmer aussehen ließ.
»Leibacher, grüß Gott«, begrüßte er den Aufsichtsratsvorsitzenden, der umständlich eine Visitenkarte aus seinem Jackett unter dem Mantel hervorfingerte und sich als Doktor Max Latern vorstellte. Hoffentlich hat diese Laterne auch ihre Birne angeknipst, dachte Alois Leibacher im Stillen über den untersetzten Latern, dessen Halbglatze in der hereinscheinenden Vormittagssonne glänzte. Leibacher deutete ihm und seinem Gefolge den Weg zur Treppe mit einer Handbewegung, wie ein Bauer eine Kuhherde scheucht.
Die für die Konferenzräume verantwortliche Hotelmitarbeiterin hatte bereits den Tageslichtprojektor eingeschaltet, neben dem Alois Leibacher nun seine säuberlich sortierten Präsentationsfolien auslegte. »Wenn Sie no ebbes bruuche, lüütet Sie bitte ei’fach auf Nummer zwölf«, sagte die zierliche Hotelmitarbeiterin in breitem Vorarlberger Dialekt und tippte mit dem rotlackierten Fingernagel ihres Zeigefingers auf den Hörer des giftgrünen Tastentelefons, dessen verdrehtes Spiralkabel über die Fensterbank hing. Leibacher wunderte sich kurz darüber, dass Hotels in der Voralpenregion des bayerischen Allgäus ihr Personal offenbar zum Teil aus dem benachbarten Österreich rekrutierten, bis ihm wieder bewusst wurde, dass die Grenzlinie ganz in der Nähe hinter dem Steighorn verlief. Als sie mit klackenden Absätzen und wehendem Pferdeschwanz die Tür des Konferenzraums hinter sich schloss, war dies der Startschuss für Leibachers Präsentation.
»Meine Herren«, setzte Leibacher an, »es gibt in der ganzen weiteren Umgebung dieser Region keine vergleichbare Topografie, die für Wasserkraft besser geeignet wäre. Sie profitieren vom Strom, und die Region wird noch mehr als bisher zum Touristenmagnet!« Alois Leibacher hatte mit den ersten zwei Sätzen bereits schlagkräftige Argumente ausgespielt, die den »Hellwatt«-Managern Aufmerksamkeit entlockten. Denn der zu erwartende touristische Effekt wäre dem Stromkonzern insofern dienlich, als sich damit die regionale Touristikbranche als Befürworter gewinnen ließe.
Mit den Folien auf dem Tageslichtprojektor zeigte er die bautechnischen Voraussetzungen für den Bau der Staumauer, erklärte den Gefälleverlauf der Rohrleitung vom Stausee zum Turbinenhaus und hatte für dieses Gebäude auch bereits eine vorbereitete Bauzeichnung. Von einem Ingenieurbüro hatte er errechnen lassen, welche Menge an Strom mit dem Inhalt des Stausees produziert werden konnte.
Auf einem Papier-Flipchart zeichnete er mit dicken Filzstiften wilde blaue Kurven und rote Maßlinien. »Etwa in der Mitte ist der Stausee, im Schnitt betrachtet, durch steil abfallende Wände in den oberen zwei Dritteln wie ein Kanister, sodass in diesem Bereich mindestens bis zur Hälfte das volle Volumen zur Verfügung steht«, versuchte Leibacher, die Stromkonzernler zu begeistern.
Die umgebenden Bergspitzen trugen an diesem bedeckten Tag Mitte März noch dicke Mützen aus weißem bis hellgrauem Schnee. Etwa die Hälfte der zwölf »Hellwatt«-Manager blickte mit einer Mischung aus Desinteresse und – nach Alois Leibachers manchmal etwas unbarmherziger Menschenkenntnis – wohl auch dem heimlichen Gelüst nach Aprés-Ski mit wollüstigen Skiurlauberinnen aus dem Panoramafenster im Konferenzraum des Hotels »Steighornblick«.
Alois Leibacher wollte gerade weiter zu bautechnischen Einzelheiten ausholen, als sich der »Hellwatt«-Vertriebschef Urs Thurbi über einen der Konferenztische zu Leibacher vorbeugte: »Dass mir chönnt eine Staumauer bauen, ischt glaub ich nüt das Problem«, wandte der Schweizer ein, der nach einer Karriere in der schweizerischen Atomkraft-Industrie zum deutschen Stromkonzern ›Hellwatt‹ gewechselt hatte. Thurbi, von Kollegen wegen seiner rotierenden Art »Turbine« genannt, wurde sogleich deutlicher und schaltete auf Business-Hochdeutsch um: »Was uns vorrangig interessiert, ist, ob Sie hier über den nötigen Rückhalt sowohl aus der regionalen Politik, insbesondere den auf Umweltschutz bedachten politischen Gremien, sowie auch aus der Bevölkerung verfügen, wobei ich vor allem den Teil der Bevölkerung meine, der von dem Stauseebau unmittelbar betroffen ist.«
Doktor Max Latern hakte mit ein: »Sie verstehen sicher, dass wir auch unseren Return-of-Invest im Blick haben müssen, und ich muss Ihnen sicher nicht erklären, dass unsere Risikoeinschätzung für die Gesamtinvestition auch zu einem großen Teil von den zu leistenden Entschädigungszahlungen abhängt.«
Nach diesem Einwand waren Alois Leibachers politische und unternehmerische Adern angestochen. Der sportlich wirkende Tiefbau- und Straßenbauunternehmer ging zwei Schritte auf Thurbi und Latern zu, während sich auf seiner vom letzten Skiwochenende gebräunten Stirn erste Schweißperlen zeigten. »Den betroffenen Einwohnern des Bergtals vor dem Steighorn bieten sich beste Perspektiven«, sagte Leibacher bewusst langsam und mit gesenkter Stimme, um dadurch überzeugender zu wirken. »Bisher sehen Sie in dem betroffenen Gebiet vor allem Bergbauernhöfe, die nur eine mäßige Ertragslage ermöglichen. Ein paar davon versuchen im Sommer, mit bewirtschafteten Berghütten ihre Einkommenslage aufzubessern. Im Winter sind einige der Fahrwege zu den Gehöften nur mit Geländefahrzeugen und Schneeketten befahrbar.«
Die »Hellwatt«-Manager waren mit ihrer Aufmerksamkeit wieder ganz bei ihm, besonders ein rothaariger jüngerer Mann mit auffallendem Stehhaarschnitt und langen Nackenhaaren, zu dessen Erscheinung Jackett und Krawatte nicht so recht passen wollten. Leibacher spielte jetzt die Tourismus-Karte aus: »Wenn Sie das Beispiel Ihrer Mitwettbewerber drüben im Grenzgebiet zwischen Vorarlberg, Tirol und dem Rätikon betrachten, haben sich dort um die Stauseen mit ihren Kraftwerken herum enorme touristische Kapazitäten entwickelt, die im Winter wie im Sommer so viele Urlaubsgäste anlocken, dass die Hotels und Pensionen immer gut gebucht sind. Hier werden ebenfalls um den Stausee herum neue Hotels, Skigebiete und Wanderrouten entstehen, wo sich für die betroffenen Bewohner neue Beschäftigungsperspektiven bieten.«
Der Vergleich mit den »Mitwettbewerbern« im benachbarten Österreich war zwar nicht ohne Substanz, vermieste aber den »Hellwatt«-Leuten die Stimmung. »Und Sie glauben, dass Sie dieses Konzept nur mal eben hier in das Allgäuer Grenzgebiet zu kopieren brauchen?«, raunzte Doktor Max Latern mit einem verächtlichen Grinsen.
Leibacher hatte das Problem mit den Entschädigungszahlungen kleinreden wollen und war dabei offenbar auf einen wunden Punkt gestoßen.
»Trotzdem hat das durchaus Potenzial«, entgegnete Vertriebschef Urs Thurbi in die Richtung von Laterns glänzender Halbglatze. Mit seinem Schweizer Akzent sprach er das Wort »Potenzial« mit starker Betonung auf der ersten Silbe. Er kreiste mit einem Zeigefinger über eine aufgefaltete Landkarte und schien im Gegensatz zu diesem brüskiert wirkenden Aufsichtsratsvorsitzenden bereits gerechnet zu haben: »Mit der Chapazität chönnt man u’gfähr ein Gebiet von den Allgäuer Alpen über das Illertal bis vor München mit Spitzenlaststrom abdecken, das ischt durchaus ein interessantes Potenzial.«
Doktor Max Latern ließ das von »Turbine« vermutete Potenzial bis hierhin wenig beeindruckt, und er hatte sich offenbar an den – nach Ansicht von Leibacher im Verhältnis zu den gesamten Baukosten fast vernachlässigbaren – Kosten für die Entschädigungszahlungen festgebissen. Latern aber befürchtete dabei eine nahezu unkalkulierbare Größe, wenn nach seiner Ansicht so ein Grundbesitzer erst einmal gewittert hatte, dass man sich nur richtig querlegen musste, um noch viel mehr Geld herauszuschlagen, als der ganze Grund überhaupt wert war.
»Wir können uns weiter über dieses Projekt unterhalten, wenn alle Besitzer und Bewohner des Gebietes, das irgendwann unter den Wassermassen liegt, die Verträge über die angebotenen Entschädigungszahlungen unterschrieben haben.« Offensichtlich schien jetzt für Leibacher, dass »Turbine« und »Laterne« sich gegenseitig in die Parade zu fahren pflegten.
Wie auf ein unausgesprochenes Kommando sprangen alle zwölf »Hellwatt«-Manager von ihren Konferenzstühlen auf, rückten ihre Krawatten zurecht und verabschiedeten sich eilig.
Alois Leibacher goss sich eine Tasse Kaffee aus einer der bereitgestellten Thermokannen ein, ließ zwei Stück Würfelzucker hineinfallen und rührte bedächtig um. Er stellte sich an das Panoramafenster des Konferenzraums und sah in der Entfernung den Gipfel des Steighorns, der einen davorliegenden Höhenzug leicht überragte. Er fixierte einen bestimmten Punkt seitlich des Steighorngipfels. Es war genau die Stelle, wo er sein Sporthotel bauen wollte. Vor seinem geistigen Auge reflektierte eine Glasfront seines noch imaginären Hotels die Vormittagssonne. Er nahm einen großen Schluck Kaffee. Die fahlbraune gezuckerte Brühe war zu heiß, sodass er sich fast den Rachen verbrühte, und schmeckte wie aus einer verkalkten Kaffeemaschine, in der das Wasser drei Tage gestanden hatte. Im nächsten Moment schob sich eine weiße Wolke vor den Gipfel, als ob sie das Panoramabild ausradieren wollte.
*
++ Mai 1986 ++
Er hatte gerade den Hörer auf das dunkelblaue Tastentelefon aufgelegt, als ihr cremefarbener Schuh mit dem spitzen Absatz die Stehlampe traf, dabei das Papier des Lampionschirms durchriss und die Glühbirne mit leisem Knall zertrümmerte.
Mit den Worten »In Ordnung, ich bin dann morgen um elf zum Dreh in München« hatte er den Auftrag der Filmproduktionsfirma bestätigt. Für eine neue Folge einer in der bayerischen Landeshauptstadt spielenden Krimiserie »Dezernat M wie Mord« sah das Drehbuch eine Verfolgungsjagd vor, wobei das Ende der Actionszene in einer nachgebauten Innenstadtstraße in den seitlichen Aufprall auf geparkte Fahrzeuge münden sollte. Als Stuntman war er auf alles spezialisiert, was irgendwie mit spektakulären Auto-Stunts zu tun hatte, und der Job für die Münchner Krimiserie war ein Routineauftrag, den er jedoch in seiner gerade finanziell klammen Situation dringend brauchte.
Nur hatte seine derzeitige Lebensgefährtin Lorena kein Verständnis für seinen Auftrag, denn damit ließ er mal eben nebenbei das verlängerte Wochenende in Marbella platzen. Die temperamentvolle Halbspanierin sah in diesem Moment rot und fegte wutschnaubend wie ein Stier beim Anblick des Toreros die Weingläser und das Geschirr von dem Esstisch aus dunklem Kirschbaumholz, den sie eigentlich für ein romantisches Dinner gedeckt hatte. Weil sie dabei beinahe mit dem Fuß umknickte und sich ihr Edelboutique-Schuh löste, schleuderte sie den Schuh in seine Richtung, verfehlte ihn allerdings knapp. Stattdessen war die Stehlampe nun ein Fall für den Sperrmüll.
»Am Samstag heiratet meine Schwester in Marbella, und du weißt genau, dass der Flieger morgen um zwei geht, und du sagst jetzt einfach so diesen blöden Auftrag zu! Du bist wirklich das Letzte, ich will dich nicht mehr sehen!« Bei »Letzte« überschlug sich ihre Stimme, als sie gerade einen silbernen Kerzenhalter auf den Terracotta-Fliesenboden knallte. »Wenn es darum geht, was auch immer an die Wand zu fahren, ob irgend so eine Filmkarre oder unsere Beziehung, dann bist du echt der Größte«, höhnte sie mit spanischem Akzent. Noch während sie sprach, stürmte sie aus dem Wohnzimmer, und er hörte, wie sie einen Koffer auf das Bett warf und ihre Sachen zu packen begann.
Wilfried Grätner, der Stuntman, den alle nur »Bill« nannten, lehnte mit verschränkten Armen an der Ecke der Kommode, auf der das Telefon stand, und sah durch die Balkontür auf den See hinaus. Er sah etwas älter aus als die 31 Jahre, die er im vergangenen Monat geworden war, und sein stets leicht gebräunter Teint passte zu seinem kräftigen, leicht gewellten schwarzen Haar, das er niemals frisierte und das ihm zusammen mit dem dunklen Dreitagebart über dem leicht vorstehenden Kinn etwas Machohaftes verlieh, was aber durch sein leichtes Übergewicht wieder etwas weicher gezeichnet erschien.
Er fand, dass sie mit ihrer schwarzen Lockenmähne, dem mit kirschrotem Lippenstift geschminkten Mund und in ihrem hautengen Kleid, das ziemlich viel von ihrer prallen Oberweite zeigte, als Furie auch noch ziemlich sexy war. Aber ihre Ansprüche waren für seine Verhältnisse einfach einige Nummern zu groß. Ihr vormaliger Lebensabschnittsgefährte fuhr einen Jaguar XJS, aber offenbar war ihr sein Umfeld in der Immobilienbranche, in dem Geschäftsessen mit betuchten, aber entsetzlich langweiligen Kunden an der Tagesordnung waren, auf die Dauer zu bieder. Genau bei einem solchen Termin waren Lorena und er an dem Jachthafen am baden-württembergischen Bodenseeufer zusammengetroffen, wo der Liegeplatz seines Motorbootes war.
»Du weißt ja, wo ich die nächsten Tage bin«, fauchte Lorena, während sie, zurück im Wohnzimmer, nach ihren Schuhen suchte. »Und es kann gut sein, dass ich bei der Gelegenheit gleich für immer in Spanien bleibe.« Sie setzte sich in einen grünen, auf antik gemachten Sessel und zog ihre Schuhe wieder an. Im linken Schuh steckte noch eine Glasscherbe von der zerborstenen Glühbirne der Stehlampe, die sich jetzt beim Anziehen seitlich in ihren Fuß bohrte. Sie schrie auf, und sogleich färbte ihr Blut das cremefarbene Leder an einer Stelle rot. Er bekam davon nur noch ihren Aufschrei mit, denn er war bereits, seine schwarze Lederjacke über der Schulter, an der Wohnungstür, die er wütend und verletzt hinter sich zuknallte.
Wilfried »Bill« Grätner zündete sich vor der Haustür erst einmal eine Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und lief dann die Ortsstraße in Richtung des Jachthafens hinunter. An diesem lauen Abend Mitte Mai waren am Bodensee die Terrassen der Weinlokale und Hotel-Restaurants bereits gut besucht. Er nahm den schmalen Fußweg zum Seeufer und ging über den Kiesstrand zum Hafen. Die meisten Boote und Jachten waren hier eher Mittelklasse, obwohl an manchen Stellen auch solche aus dem oberen Preissegment zu sehen waren. Auf einer dieser Nobelschaluppen beobachtete er im Vorbeilaufen unfreiwillig, wie auf der weiß gepolsterten Sitzbank hinter dem Steuerrad ein beleibter Mittfünfziger in weißem Hemd begehrlich eine dem äußeren Anschein nach steinreiche, aber ihrem Lachen nach zu urteilen ziemlich unterbelichtete blondierte Frau mittleren Alters nach dem Anstoßen mit Champagner zu begrapschen versuchte.
Grätner wandte sich angewidert ab und steuerte auf sein Motorboot zu. Zwischen der Jacht dieser zwielichtigen Gesellschaft und seinem Boot lag nur noch eine kleine hellgrüne Jolle mit dem gelb aufgepinselten Namen »Seeschwalbe«, die in dem leichten Seegang wie eine Gummiente auf und ab schwappte. Er drehte den Schlüssel, und der Außenbordmotor am Heck des hellgrauen Sportbootes mit seitlich aufgeklebten Flammen startete mit einem satten Grollen. Beim Zurücksetzen hätte er fast das Heck der Nobeljacht gerammt, worauf ihm der Typ mit der Bierwampe im weißen Hemd etwas hinterherbrüllte, was aber im Motorengeräusch unterging, als er mit Vollgas aus dem Hafenbecken auf den See rauschte.
Innerhalb einer knappen Viertelstunde durchpflügte das Motorboot das Wasser bis ans gegenüberliegende österreichische Ufer, wo er in einem kleinen Bootshafen anlegte, von wo aus man noch die aufwendig gebaute Bühnenkonstruktion der Opernbühne am Seeufer sehen konnte. Grätner konnte fast an jedem Tag der Woche ziemlich sicher sein, in der kleinen Café-Bar direkt am Ufer und am See-Radweg, die zu einem großen Wohnwagen-Campingplatz gehörte, jemanden zu treffen, mit dem man einige Bier oder auch Hochprozentigeres trinken konnte. An der Bar saß der Bootsverleiher Hubert, den er jovial mit »Servus, Hubbe« begrüßte. Er bestellte auf Hubbes Empfehlung einen doppelten Bodenseeschnaps und erzählte ihm von seinem Zoff mit Lorena.
Es war bereits 7.30 Uhr am Freitagmorgen, als Wilfried Grätner mit dröhnendem Kopf auf dem Sofa aufwachte, während die Morgensonne über dem See einen zwar nicht wolkenfreien, aber einigermaßen trockenen Tag zu versprechen schien.
Drehtermin, schoss es ihm durch den Kopf, er musste um 11 Uhr im Außenbereich der Filmstudios stehen, wo vor nachgebauten Stadtkulissen die Crash-Szene für »Dezernat M wie Mord« gedreht werden sollte. In der Café-Bar hatte er einfach zu viel Schnäpse und dazu noch ein paar Bier in sich reingeschüttet und darin seinen Ärger mit Lorena zu ertränken versucht. Wie war er eigentlich mit dem Motorboot wieder hierhergekommen? Er hatte diesbezüglich eine komplette Erinnerungslücke. Seine Turnschuhe, die neben dem Sofa standen – immerhin musste er es wohl noch irgendwie geschafft haben, seine Schuhe auszuziehen –, rochen nach Benzin. War ihm mitten auf dem See das Benzin ausgegangen, sodass er mit dem Reservekanister nachfüllen musste? Wenn ja, wie zum Teufel hatte er das in seinem Suff mitten in der dunklen Nacht geschafft? Offenbar hatte er, wenn es so gewesen war, beim Betanken danebengeschüttet und dabei womöglich noch einen Teil des Benzins in den See gekippt.
Darüber konnte er jetzt nicht weiter nachdenken; er ging, noch immer leicht benebelt, unter die Dusche, brauste sich zum Schluss kalt ab und packte nach dem Anziehen seinen Rucksack mit den Klamotten für seine Stunt-Einsätze. Mit noch halbnassem Haar lief er zur Bäckerei an der Straßenecke bei der Zufahrt zum Seebad, wo er sich noch Zeit nahm für ein Frühstück mit einem großen Becher Kaffee und einer belegten Käseseele.
20 Minuten später saß er bereits in seinem schwarzen 1978er VW Scirocco, den er zunächst durch zahlreiche Ortsdurchfahrten steuern musste, bevor es auf die B18 in Richtung München ging. Als endlich das kurze Teilstück der Autobahn A96 erreicht war, entlockte er dem 110-PS-Motor sämtliche Reserven, um mit 180 Stundenkilometern auf der linken Spur noch rechtzeitig zum Drehtermin zu erscheinen.
In seinen Gedanken flackerte wieder Lorena auf. Ihm fiel ein, dass sie jetzt eigentlich zur selben Zeit in Richtung Flughafen München-Riem unterwegs sein musste, vermutlich mit einem dieser Bummelzüge der Deutschen Bundesbahn, die direkt zwischen Lindau am Bodensee und München verkehrten und für diese Strecke gut dreieinhalb Stunden brauchten. Für einen kurzen Moment stellte er sich vor, wie sie auf dem Beifahrersitz neben ihm saß und ihre schwarze Lockenmähne sanft im Fahrtwind des geöffneten Schiebedaches wehte, während das untere Ende ihres engen, kurzen Sommerkleides im Sitz so weit hochgerutscht war, dass es den Blick auf ihren halbdurchsichtigen Slip freigab.
Die roten Bremslichter der Autos vor ihm boxten ihn schlagartig aus seinen erotischen Fantasien, als sich etwa zwei Kilometer vor der Autobahnausfahrt der Verkehr staute. Er fluchte leise in sich hinein, weil die kleine Zeigeruhr im Armaturenbrett des Scirocco bereits 10.50 Uhr zeigte. Gleichzeitig wurde ihm bewusst, dass er in seinen Gedanken an Lorena bei freier Fahrt jetzt ziemlich sicher die Ausfahrt verpasst hätte.
Exakt um 10.59 Uhr bog er von dem zweispurigen Autobahnzubringer direkt in die Einfahrt zum Tor Süd der Filmproduktionsfirma ein, die wie ein Fabriktor mit Pforte und Schranke abgeriegelt war. Der Pförtner kannte Bill, winkte ihm einen lässigen Gruß zu, legte seine Zeitung beiseite und betätigte einen Schalter, wodurch sich die Schranke nach oben bewegte.
Er hatte kaum die Schranke passiert, als ihm der stellvertretende Produktionsleiter mit wild fuchtelnden Armen entgegenstürmte. »Herrschaftszeiten noch mal, Bill, hier wart’ ois auf di’.« Franz Straubinger, dessen vollständiger Vorname identisch mit dem des bayerischen CSU-Ministerpräsidenten war und der deshalb spöttisch »Straußinger« gerufen wurde, schwang sich neben Grätner auf den Beifahrersitz. Bis zu dem Freigelände, auf dem die Auto-Stunts gedreht wurden, waren es innerhalb des Filmindustrie-Areals noch einige Hundert Meter. Franz nutzte die Zeit, um Grätner die nötigen Instruktionen zu geben. Hinter seinem dunklen Vollbart, seinem wild gelockten schwarzen Haaren und der großen Kassengestell-Brille war bei dem großgewachsenen Bayern nur noch mit Mühe ein Gesicht zu erkennen. Dafür hatte »Straußinger« hinter seinen dicken Brillengläsern einen scharfen Blick, der eine wache Intelligenz vermuten ließ, aber auch eine ständige Nervosität nicht verbergen konnte.
Das Stunt-Fahrzeug war am Anfang der Anlaufstrecke geparkt und wartete auf seinen Einsatz. Wilfried Grätner hatte sich schnell umgezogen und inspizierte kurz den Wagen. Den Fahrgastraum des dunkelgrünen BMW 518 hatte die Werkstatt bereits mit einem Käfig aus Stahlrohren ausgesteift. Die ganze rechte Seite des Wagens – Grätner schätzte das Baujahr auf etwa 1977 – zeugte von einem notdürftig reparierten Unfallschaden; weil in der Filmszene das Auto nur von links und hinten zu sehen sein würde, tat es für diesen Zweck wohl diese notdürftig zusammengeschusterte Schrottkiste.
Vorne am Set des Filmdrehs debattierten Regie und Aufnahmeleitung und wollten wohl in letzter Minute noch einmal die Kameraperspektive ändern. Grätner dachte, damit nochmals zwei Minuten Zeit gewinnen zu können, und startete den Motor, um noch eben auf einigen Metern wenigstens das Lenkverhalten testen zu können. In diesem Moment winkte Franz ihm hektisch entgegen, dass genau jetzt die Szene gedreht würde. Grätner überlegte eine Sekunde, streckte aber dann doch den Daumen der linken Hand nach oben. Er war schließlich Profi in seinem Metier.
In diesem Moment begann sein Kopf zu dröhnen; zugleich machte sich in seinem Magen ein flaues Gefühl breit. Er hatte sicher immer noch einen Restalkoholgehalt im Blut, der ihm am Vormittag – wäre er in eine Polizeikontrolle geraten – bestimmt den Führerschein gekostet hätte.
Stuntman Bill kämpfte gegen die Kopfschmerzen und gegen die aufsteigende Übelkeit und drückte das Gaspedal durch. Er musste auf etwa 70 Stundenkilometer beschleunigen, so knapp wie möglich vor der Reihe der geparkten Autos kurz herunterbremsen, den Wagen mit der Handbremse in einen rechten Winkel drehen und ihn mit der rechten Seite in einen hellgrauen VW-Bulli krachen lassen, der etwa in der Mitte der in Reihe geparkten Autos stand.
Der 5er-BMW war ein untermotorisiertes Modell und beschleunigte nur widerwillig. Als er in den dritten Gang hochschaltete, bemerkte er, dass die Lenkung ausgeschlagen war und sich der Wagen nur mit hastigen korrigierenden Lenkradbewegungen geradeaus halten ließ. Er steuerte jetzt geradeaus auf den grauen VW-Kastenwagen zu, lenkte leicht nach links, worauf die Lenkung ruckartig noch weiter nach links zog. Der BMW raste jetzt auf einen am linken Rand der Filmkulissenstraße abgestellten roten Ford Fiesta zu, hinter dem der Kameramann stand. Grätner zog die Handbremse, doch der Wagen schleuderte nicht wie geplant mit quietschenden Reifen in eine Rechtsdrehung, sondern bohrte sich krachend in die linke hintere Seite des Fiesta. Der BMW hob sich durch den Aufprall vorne links an, erfasste mit der Front den Kameramann und kippte auf die rechte Seite.
Franz Straubinger starrte mit großen, erschreckten Augen hinter seinen dicken Brillengläsern auf den Kameramann, der jetzt halb unter dem BMW lag. Unter seinem dichten Vollbart und dem weit in die Stirn ragenden Haar war ein kreideweißes Gesicht zu erkennen. Zwei der für die Sicherheit verantwortlichen Kollegen rannten mit Erste-Hilfe-Koffer und Feuerlöscher auf das umgekippte Auto zu und begannen, den schwerverletzten Kameramann zu bergen. Straubinger schlug mit dem Feuerlöscher die Heckscheibe ein, um Wilfried Grätner aus dem Autowrack zu befreien, der aber eine Sekunde später selbst durch die Öffnung herausrobbte.
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Die Fußgängerzone in der Wiener Innenstadt war an diesem Freitagnachmittag nur mäßig belebt. Trotz der frühlingshaften Temperatur bei bedecktem Himmel wehte ein unangenehm kühler Wind zwischen den Häuserzeilen der Altstadt. Carola fand vor dem Café »Schlagobers« einen Platz direkt an der Hauswand, der windgeschützt war und trotzdem den Ausblick auf die sie umgebenden historischen Gebäude und auf die vorbeiströmenden Passanten bot. Sie war an diesem frühen Nachmittag mit drei Einkaufstaschen von teuren Kleiderboutiquen unterwegs.
Der Vorlesung über die von alten Baumeistern für spätgotische Bauten angewandten Gesetzmäßigkeiten bei der Grundrissplanung war die Architekturstudentin Carola an diesem Nachmittag ferngeblieben. Sie bestellte sich einen »Braunen«, den ihr wenige Minuten später eine unmotivierte, von den vielen Touristen genervte Bedienung auf den kleinen, auf dem Pflaster etwas wackelig stehenden Bistrotisch servierte.
Für das, was sie in einer trockenen Vorlesung über sich ergehen lassen müsste, hatte sie an diesem Platz unmittelbar anschauliche historische Beispiele vor Augen. Falls sie die vor Jahrhunderten angewandten Grundsätze der Grundrissaufteilung wirklich interessierten, brauchte sie nur die zahlreichen Informationstafeln im Museum zu studieren. In Wahrheit aber hatte sie an dem ganzen Architekturstudium nur ein mäßiges Interesse. Sie zog es mit ihren 22 Jahren vor, ein anspruchsvolles Leben zu genießen und ihre Freundinnen zu Hause mit ihrem Lebensstil in einer Weltstadt zu beeindrucken.
Carola griff mit ihrer rechten Hand, an deren Ringfinger ein etwas zu protziger silberner Ring mit einem grünen Edelstein steckte, in ihre Lederhandtasche, um ihren Kaffee zu bezahlen. Sie musste sich beeilen, bevor die Bankfiliale in der Nähe des Rathausplatzes schloss, um noch Bargeld für das Wochenende von ihrem Konto abzuheben.
Der Bankangestellte blätterte die einzelnen Scheine auf die Marmorfläche des Schalters, reichte ihr das Bündel mit 1.000 österreichischen Schilling durch den Schlitz unter der gepanzerten Glasscheibe und sah sie dabei über den goldfarbenen Rand seiner etwas zu großen Brille an. Er räusperte sich kurz, und sein Gesichtsausdruck mit dem zu einem schmalen Strich rasierten schwarzen Oberlippenbart verriet, dass er ihr offenbar etwa Unangenehmes würde mitteilen müssen. »Ihr Konto ist, ja nun …« – er rückte den Knoten seiner Krawatte zurecht – »also Ihr Konto weist für eine weitere Abhebung in dieser Summe, wenn Sie verstehen, wie ich meine, nicht mehr die nötige Deckung auf – aber ich kann Ihnen anbieten, wertes Fräulein Leiberger …«
»Leibacher!«, zischte Carola gegen die Panzerglasscheibe, worauf der etwa 60-jährige Angestellte zusammenfuhr, als befürchtete er, dass die Scheibe gleich zerspringen würde. Ihre rosa geschminkten Lippen zogen sich zusammen, und das von ihren leicht gewellten halblangen blonden Haaren umrahmte Gesicht wirkte verkrampft.
»Bitte verzeih’n Sie, Fräulein Leibacher«, sprach er gedehnt in Wiener Dialekt und rückte sein Brillengestell zurecht, wobei sich sein Blick im Ausschnitt ihrer rosa Satinbluse verfing. »Wie schon angedeutet, unser Haus könnte Ihnen in einem gewissen Rahmen, der sich natürlich an Ihren Einkommensverhältnissen zu bemessen hätte, wenn S’ versteh’n, wie ich meine, einen Dispositionskredit einräumen, der Zinssatz wäre momentan bei 14 Komma …« Weiter kam er nicht, denn als er seinen Blick wieder von ihrem reizenden Dekolleté lösen konnte, steckte sie hastig das kleine Bündel Schillinge ein und stakste mit eiligen Schritten und nach oben gerichteter Nase über den Marmorboden zum Ausgang.
»Ich muss mir von so einem heimlichen Spanner hinter dem Bankschalter anhören, dass mein Konto nicht mehr die nötige Deckung aufweist«, krähte sie kurze Zeit später aufgekratzt in den Telefonhörer, wobei sie beim Aussprechen des Nebensatzes versuchte, den Wiener Dialekt nachzuäffen. Aus der Hörmuschel des Telefons in ihrem Studentenapartment knurrte eine verärgerte männliche Stimme: »Du könntest dieses Jahr mit deinem Architekturstudium fertig sein, und wenn du dich drum bemühen würdest, könntest du schon bald in einem großen Architekturbüro die tollsten Häuser planen und endlich dein eigenes Geld verdienen«, versuchte Alois Leibacher, seine Tochter zur Räson zu bringen.
Carola zog angespannt an ihrer Zigarette, an deren Filter sich ihr rosa Lippenstift abfärbte. »Wenn, dann mache ich gleich mein eigenes Architekturbüro auf.« Sie sprach diesen Satz wie ein trotziger Teenager, um gleich darauf die Mitleidstour aufzulegen: »Aber bis dahin brauch ich einfach noch mal Knete. Und nach diesem Semester mach ich den Abschluss, versprochen.«
»Das will ich hoffen, und bis dahin kannst du schon mal nebenbei ein Praktikum machen und nebenbei was verdienen«, bemerkte ihr Vater nachdrücklich. Sie drückte hastig ihre Zigarette am Rand des übervollen kleinen Blech-Aschenbechers aus, der dabei hochschnippte und die Asche auf dem weißen Spitzendeckchen und auf dem Teppich verteilte. Ihre Stimme wurde schrill. »Du musst ja gerade reden, du hast ja Mutter schließlich wegen einer Tussi verlassen, die lieber mit dem Sportwagen rumfährt, als dir in der Firma zu helfen! Also krieg ich jetzt meinen Scheck oder nicht?«
Der Frühling in Wien hatte in den letzten Tagen für milde Temperaturen gesorgt. Die Woche neigte sich an diesem Donnerstagnachmittag bereits wieder dem Ende zu, als Carola Leibacher auf dem Rückweg von der Universität an der Straßenbahnhaltestelle ausstieg, deren Linie Richtung Zentrum führte. An der Baustelle eines Wohn- und Geschäftshauses direkt neben der Haltestelle lärmten Baumaschinen. Männer in blaugrauen Arbeitsmonturen mit der Aufschrift einer Heizungsbaufirma trugen lange Kupferrohre auf den Schultern und fädelten sich damit zwischen Betonpfeilern zu einem Treppenhaus durch. Vor der Baustelle türmten sich Paletten mit Estrichbetonsäcken, rostige Gitterboxen mit Abflussrohrformteilen und einige auf einen Haufen geworfene Stahlstützen. Eine Frau um die 30 mit weißem Bauhelm, in verdreckten grünen Gummistiefeln und einer blauen Allwetterjacke diskutierte lautstark mit einem nervös rauchenden Mann irgendetwas über Termine. Der schrie mit einem Stapel Baupläne in der Hand achselzuckend etwas von »zu wenig Leute« in den Baulärm hinein. Aus einer schief stehenden, verbogenen Wellblech-Bautoilette kam ein Monteur heraus, der den Reißverschluss seiner staubverschmutzten Arbeitshose erst im Vorbeigehen an der Bauleiterin zuzog und dabei lüstern die Figur der Frau musterte.
Das ist also die Realität von »tolle Häuser planen«, dachte sie, als sie am Bauzaun vorbei in Richtung ihres Apartments ging, das sich in einem einstmals schmucken, aber inzwischen heruntergekommenen Stadthaus direkt an der Hauptstraße befand. Sie betrat den Hausflur, wo jeder Schritt hallte und am Sockel neben dem abgenutzten hellbraunen Mosaikboden an einigen Stellen der Putz von der Wand bröckelte. Aus dem Einwurf ihres Briefkastens ragten Reklameprospekte. Sie öffnete das dunkelbraune Blechtürchen des Briefkastens, das sie dabei wegen eines kaputten Scharniers immer leicht anheben musste. Zwischen den Prospekten steckte ein Brief ihres Vaters, den sie gleich noch im Hausflur hastig aufriss. In dem Brief steckte ein Scheck von einer Liechtensteiner Bank.
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++ Juni 1986 ++
Er verließ das Gerichtsgebäude als vorbestrafter Mann. Der Minutenzeiger der großen Uhr in der hohen Eingangshalle, die oberhalb der runden Betonsäulen an der Wand hing und vom Stuck der Decke umrandet wurde, bewegte sich ruckartig wie der Hammer des Richters bei der Urteilsverkündung und schnellte mit lautem Klacken auf den ersten Strich nach der halben Stunde. Es war eine 11.31 Uhr an diesem Montagvormittag, als er in den Frühsommerregen hinaustrat, der einen mit einer feinen, aber dicht fallenden Regendusche innerhalb kürzester Zeit durchnässen konnte.
Er zog die Kapuze seiner verwaschenen roten Jacke mit dem Aufdruck ›1965 Racing Team‹ über den Kopf und sah sich in dem Straßenzug im Zentrum der bayerischen Landeshauptstadt um. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdeckte er eine Ladenpassage und überquerte leicht humpelnd die Fahrspuren bis zur Mitte, wo er kurz stehen bleiben musste, als gerade auf der Trambahntrasse zwei blaue Straßenbahnen aneinander vorbeifuhren, deren Räder in den kurvigen Schienen schleifende metallische Geräusche von sich gaben.
Er betrat einen kleinen Tabak- und Zeitschriftenladen in der Passage, vor dem in einem drehbaren Zeitungsständer das Papier der größten deutschen und dazu türkischen und italienischen Tageszeitungen in dem Wind flatterte, der durch den Gang der Ladenpassage wehte. Im Laden streifte sein Blick die Reihe der Fernsehprogrammhefte. Auf dem Titelbild eines TV-Magazins war der Hauptdarsteller von »Dezernat M wie Mord« zu sehen. Er blätterte kurz darin, und der Bericht über die Serie versprach ab August neue spannende Folgen, immer dienstags um 18.30 Uhr.
Kein Wort stand in dem Artikel darüber, dass bei den Dreharbeiten kürzlich ein Kameramann bei einer Stunt-Szene auf tragische Weise ums Leben gekommen war. Was sollte dies auch den Fernsehzuschauer interessieren, dachte er. Für die Produktionsfirma war es ein Betriebsunfall, wie er in jeder Fabrik und auf jeder Baustelle auch hätte passieren können.
Ihm als Stuntman hatte die TV-Produktionsfirma eine manövrierunfähige Schrottkarre hingestellt, um die im Drehbuch vorgesehene Actionszene so billig wie möglich zu realisieren. Aber ihm wurde eine Teilschuld zugesprochen, weil er, so wie es eine knappe Stunde zuvor das Gericht erklärte, der Produktionsfirma als freiberuflicher Auftragnehmer gegenüberstand. Und damit stehe er mit in der Verantwortung, »die ihm überlassenen Arbeits- und Betriebsmittel auf sichere Anwendbarkeit hin zu prüfen«, wie es im Urteil in bester deutscher Amtssprache verkündet worden war. Sein Glück war dabei, dass die Polizisten bei der Aufnahme des Unfalls am Drehort offenbar keinen Verdacht hatten, dass bei ihm Alkohol mit im Spiel gewesen sein könnte. Ansonsten wäre er wegen seines Restalkoholpegels nach der durchzechten Nacht am Bodensee auch noch seinen Führerschein los gewesen.
Wilfried »Bill« Grätner war damit aber nicht nur seinen wichtigsten Auftraggeber los. Mit dieser Vorstrafe würde er überhaupt keine Stunt-Jobs mehr in der Filmbranche bekommen, außer er würde sich auf Fensterstürze und ähnliche halsbrecherische Akrobatik verlegen, wozu ihm aber die nötige körperliche Fitness fehlte. Dafür konnte ihm bei Auto-Stunts so schnell keiner etwas vormachen – schließlich hatte er mit 19 Jahren seinen ersten dreifachen Überschlag, als er gerade in einem Autohaus jobbte und einen Golf GTI von der Werkstatt zu einer wenige Kilometer entfernten Lackiererei fahren sollte. Die Neulackierung war damit hinfällig gewesen.
Er kaufte eine Packung Zigaretten und eines der neongrünen Einwegfeuerzeuge, die in einem kleinen Verkaufsständer für 1,40 DM angeboten wurden.
Der Regen hatte nachgelassen. Bill Grätner stieg in die nächste Tram ein. Irgendeine fährt immer zum Hauptbahnhof, dachte er und setzte sich auf einen freien Sitzplatz neben der Tür, der eigentlich für Gehbehinderte vorgesehen war. Bequem lehnte er sich mit verschränkten Armen in den Sitz und streckte die Beine aus. Der Knöchel seines rechten Fußes, der bei dem Unfall zwischen den Pedalen des alten BMW eingeklemmt war, begann wieder schmerzhaft zu pochen. Es war der Grund, weshalb er mit der Bahn unterwegs war, weil er mit dem schmerzenden Fuß nicht Auto fahren konnte.
Er stieg am Hauptbahnhof aus und sah sich nach dem Fahrkartenschalter um. Eine übergewichtige Punker-Göre mit pink gefärbtem Irokesenhaarschnitt und grün gefärbten Fingernägeln trat auf ihn zu und fragte ihn kaugummikauend: »Ey, hast mal ’ne Mark?« Grätner wandte sich ohne einen Blick ab und sah noch aus dem Augenwinkel, wie sie mit herausgestreckter Zunge eine obszöne Geste mit der rechten Hand auf Höhe des Unterleibs machte. Er wollte jetzt nur noch so schnell wie möglich von diesem Ort weg.
Im Zug setzte sich Wilfried Grätner in ein leeres Abteil und begann darüber nachzudenken, wie es weitergehen sollte. Doch seine Gedanken waren vollkommen von den Sekunden beherrscht, in denen das Filmauto umkippte und den Kameramann unter sich begrub. Hätte er es verhindern können, wenn er sich nicht nach einer durchzechten Nacht auf diesen Job eingelassen hätte? Hätte er dem Hektiker Franz Straubinger klarmachen müssen, dass er um der Sicherheit willen vor dem Dreh mit dem Wagen noch eine kurze Testfahrt machen musste – wodurch wahrscheinlich in nicht einmal zwei Minuten klar gewesen wäre, dass das Drehen dieser Action-Szene mit einem Fahrzeug dieses Zustands fahrlässig war? Hätte, wäre – sein Gedankenkarussell fand darauf keine Antwort, und in seinen Ohren hallte immer wieder das Wort »Teilschuld«.
Am späten Nachmittag rollte der Zug aus München auf den Inselbahnhof, dessen Gleise nur wenige Meter vor dem Seeufer endeten. »Lindau Hauptbahnhof!«, knarzte eine Stimme mit der Betonung auf »Haupt« aus einem grauen Lautsprecher, als hätte die Inselstadt am Bodensee noch ein halbes Dutzend weitere Bahnhöfe. Wilfried Grätner öffnete die Tür des nach über drei Stunden Bahnfahrt rauchgeschwängerten Abteils, lief zum Ausstieg und drückte mit einem kräftigen Ruck den roten Hebel zum Öffnen der Tür, die mit einem dumpf klappernden Geräusch aufsprang.
Neben dem Eingang zum Bahnhofsgebäude ratterten Straßenbaumaschinen. Eine Bautafel kündete vom Bau eines Omnibusbahnhofs für die verkehrenden Linienbusse. Grätner schlug den Weg durch einen mit Bauzäunen abgegrenzten Fußgängerweg ein. Ein Bagger zog mit einem Kettengreifer einen Betonschachtring hoch, drehte in seine Richtung und setzte ihn zentimetergenau an einer Stelle ab, wo er von zwei Straßenbauarbeitern auf einen Kanalschacht abgesetzt wurde.
Wilfried Grätner blieb für einen Moment am Bauzaun stehen und sah zu, wie ein anderer Trupp Randsteine auf einen aufgeschütteten Streifen frischen Betons setzte.
Ein für die Fläche der Baustelle übergroßer vierachsiger Kipplaster bog auf das Gelände ein und durchfuhr mit dem linken Vorderrad mit platschendem Geräusch eine große Pfütze. Die hellbraunen Spritzer schlugen bis zum Fenster der Fahrertür hoch, auf der die Aufschrift ›Leibacher Tief- und Straßenbau GmbH‹ stand.
Es war die Baufirma, bei der er Jahre zuvor seine Lehre als Betonbauer absolviert hatte. Dieser Moment erinnerte ihn wieder daran, dass er sich um einen neuen Job umsehen musste. Wenn er zum Arbeitsamt ginge, dachte er, würde er kurz darauf auf Baustellen wie diesen wieder knöcheltief im Dreck herumwaten und den ganzen Tag nichts als Beton und Frostschutzkies um sich herum haben.
In diesem Moment spürte er, wie sich ein schmaler, kantiger Gegenstand im Kragen seiner roten Kapuzenjacke verfing. Es war etwas Biegsames, das ihm an die Halsschlagader drückte, und es fühlte sich an, als wollte jemand seine Jacke auf einen Kleiderbügel hängen, ohne dass er sie vorher ausgezogen hatte. Grätner packte das stabförmige Teil ruckartig mit der rechten Hand und zog es aus seiner Jacke heraus.
Er hatte das Ende eines Meterstabs in der Hand. Verdutzt wanderte sein Blick langsam zum anderen Ende des Zollstocks. Dort sah er eine männliche Hand, die aus dem Ärmel einer hellbraunen Wildlederjacke mit Trachten-Applikationen ragte.
»Entschuldigung bitte«, sagte eine Stimme, die zu der Trachtenjacke gehörte und die ihm seltsamerweise bekannt vorkam. Der Mann stand am Bauzaun und hatte mit dem Meterstab herumgefuchtelt, während er einem Vorarbeiter die Verlaufslinie der zu verlegenden Betonrandsteine erklärte. Grätner blickte in das Gesicht eines Mannes, der etwa Anfang 40 war.
Wilfried Grätner erkannte ihn nicht gleich, doch der Meterstab-Mann schien ihn gut in Erinnerung zu haben. »Grüß dich, Bill, tut mir leid, dass ich dir mit dem Meterstab fast den Hals durchbohrt hätte, aber du weißt ja, wie’s am Bau zugeht«, begrüßte Alois Leibacher seinen ehemaligen Mitarbeiter mit seinem typischen breiten Grinsen.
Grätner war nicht in der Stimmung für Leibachers jovialen Ton. Alois hatte das Tief- und Straßenbauunternehmen von seinem Vater Alois Leibacher senior übernommen, kurz bevor Wilfried Grätner seine Betonbauer-Lehre abgeschlossen hatte. Bill erzählte in drei kurzen Sätzen von seiner momentanen Lage, während Alois Leibacher auf die Uhr sah. »Ich muss zu einem Baustellentermin. Komm morgen um halb fünf zu mir ins Büro, ich denke, ich hab da was Passendes für dich«, sagte Leibacher knapp und lief zu einem roten Opel Rekord Caravan, der genauso verdreckt aussah wie der Kipplaster hinter dem Bauzaun.
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++ Juli 1986 ++
Die Temperatur im Sitzungssaal hatte an diesem späten Sommernachmittag 31 Grad Celsius erreicht. Über den Tag hatte sich unter dem Dach des Rathauses im Kurort vor dem Steighorn die Hitze der Julisonne gestaut, die immer noch gleißend vom Himmel brannte. Volkmar Brambach las von seiner Digital-Armbanduhr die Uhrzeit 17.48 ab. Der Leiter des Ausschusses für Technik und Umwelt öffnete seinen Hemdkragen und wurde allmählich ungeduldig, weil er an diesem Abend eigentlich vorhatte, mit seinem Alfa Spider noch eine kleine Tour über den Riedbergpass nach Balderschwang zu fahren. Stattdessen klebte er mit schweißdurchtränktem Hemd an diesem Kunstleder-Konferenzstuhl und musste sich die Ausführungen eines Tiefbauunternehmers anhören, der offenbar jetzt in die Höhe bauen wollte und von dem er den Eindruck hatte, dass er dem Größenwahn verfallen sein musste.
Brambach sah sich im Sitzungssaal um und beobachtete auf den ebenfalls verschwitzten Gesichtern der Anwesenden – es waren sechs Männer und eine Frau – einen einhelligen Ausdruck von großer Skepsis, aber auch von Verlegenheit. Vom Oberbürgermeister über die Direktorin der Behörde für den Landschaftsschutz bis zu Vertretern des Wirtschaftsministeriums trieb die Hitze allen den Schweiß aus den Poren.
Er wusste aber, dass es noch einen anderen Grund gab, der die Herrschaften ins Schwitzen brachte. Alois Leibacher hatte jedem Einzelnen von ihnen seine skurrile Idee von einem Wasserkraftwerk am Steighorn damit schmackhaft gemacht, dass er unmittelbar neben dem Stausee ein Sporthotel bauen wollte und ihnen allen kostenlose Urlaube in einem der Seeblick-Zimmer der besten Kategorie in Aussicht gestellt hatte. Niemand hatte ihn letztlich wirklich ernst genommen, wenn er bei öffentlichen Empfängen und hochkarätigen Veranstaltungen innerhalb erlauchter Kreise wortreich seine Pläne für eine ökologische Energieversorgung ausmalte. Leibacher hatte sie alle dazu bringen wollen, darin eine große Zukunftschance für das Steighorntal zu sehen. Dass jeder dem verlockenden Sporthotel-Angebot scheinbar zustimmte, hatte Leibacher wohl tatsächlich für bare Münze genommen und wähnte sich jetzt als einflussreicher Großunternehmer, der glaubte, bei den Behörden und ministerialen Entscheidungsträgern die Fäden ziehen zu können.
Alois Leibacher stand vor dem Gremium und merkte, wie der Versuch seiner Überzeugungsarbeit ins Leere zu laufen begann, als er die wichtigsten Fakten seiner Präsentationsrede zusammenfasste.
»Bedenken Sie die enormen Chancen, die sich dadurch für diese Region ergeben. Das Steighorn-Wasserkraftwerk wird ein Aushängeschild für die ökologische Stromerzeugung. Und gleichzeitig wird sich der See in dieser Berglandschaft zu einem Touristenmagneten entwickeln. Für die Hotelbetreiber bedeutet das ein hohes Maß an Investitionssicherheit.«
Brambach wollte sich gerade gedanklich zurechtlegen, was er Leibacher entgegenhalten sollte, aber in dem Moment sah Oberbürgermeister Hermann Hüttinger den Zeitpunkt gekommen, den Plänen des Tiefbauunternehmers entschieden entgegenzutreten. Der mit seiner runden Brille und glatten, kantigen Gesichtszügen lehrerhaft wirkende Chef des Rathauses erhob sich von seinem Stuhl und stellte sich ohne Gesten wie das Zurechtrücken von Brille oder Krawatte neben Leibacher, den er mit entschlossenem Blick ansah. Hüttinger war ein Meister darin, überzeugend und kompetent aufzutreten, und Brambach grämte sich regelmäßig, dass sein Vorgesetzter ihm nicht nur rhetorisch überlegen, sondern auch stets mit seinen Gedanken eine Nasenlänge voraus war. So auch in diesem Moment.
»Ich will Ihnen mal was zeigen«, sagte Hüttinger mit ruhiger Stimme, nahm den ihn um etwa zehn Zentimeter überragenden Leibacher am Arm und führte ihn wie einen Schüler zu einem Fenster des Konferenzsaales, von wo man direkt auf das Tourismusbüro sehen konnte, an dessen Eingang ein großes ›I‹ angebracht war. Ständig gingen Urlauber in Wanderkleidung hinein und kamen wenig später mit Prospekten und Wanderkarten wieder heraus.
»Die Hotels und Pensionen sind hier bestens ausgelastet. Falls es Ihnen noch nicht aufgefallen sein sollte, ist die Region am Steighorn bereits ein Touristenmagnet«, belehrte Hüttinger, und die Vertreter der Touristikbranche nickten zustimmend. Er ging zu seinem Platz, holte aus seiner Aktentasche eine regionale Wanderkarte hervor und breitete sie auf einem der Tische aus. »Sie stellen sich vor, dieses Gebiet unter Wasser zu setzen«, sagte Hüttinger und blickte Leibacher streng über den Rand seiner Brille an. »Was sehen Sie hier? Und hier, und hier?«, fragte der Oberbürgermeister jetzt mit aufkommender Wut in der Stimme und tippte an mehreren Stellen so auf die Karte, dass sein Zeigefinger fast das Papier durchbohrte: »Hier: ein Berggasthof. Hier: ein Skilift, übrigens der zweitwichtigste am Steighorn. Hier: ein Weiler von vier Höfen mit Landwirtschaft, die Heimat von vier Familien. Und hier: die Kapelle zur heiligen Maria, erbaut 1611.«
»Und vor allem eine ursprüngliche Berglandschaft, unberührte Natur, idyllische Bachläufe, und Ihre Staumauer durchschneidet auch noch das Naturschutzgebiet ›Hohe Fichten‹ mit seltenem Baumbestand. Haben Sie sich das Gebiet jemals genauer angesehen?« Doktor Marie-Antoinette Kärrele-Deichsler hatte das Wort ergriffen, warf ihre langen dunklen Haare in den Nacken und blickte Leibacher vorwurfsvoll an.
In der hinteren Reihe erhob sich schließlich ein beleibter Mann von etwa Ende 30, dessen breites Gesicht von der Hitze gerötet war und der zu einer braunen, ausgeleierten Cordhose ein braun-weiß kariertes Hemd trug, dessen obere drei Knöpfe offen standen und sich im unteren Teil über seinen Bauch spannte. Josef Korschacher hatte bisher ruhig und mit verschränkten Armen der Sitzung beigewohnt und stützte nun seine enorm kräftigen, behaarten Unterarme auf dem Tisch vor ihm auf.
»Weideflächen für 200 Rindviecher wollts Ihr mit Eurem Stausee vernichten. Und mein’ Hof dazu! Bauen S’ Ihr Kraftwerk, wo Sie woll’n, aber mein Hof und meine Viecher bleib’n hier, wo unser’ Familie seit 300 Jahr’n lebt«, polterte der stämmige Landwirt und zeigte mit dem Finger auf Leibacher.
Volkmar Brambach hatte in der Zwischenzeit endlich das Argument gefunden, mit dem er sich vor dem Oberbürgermeister und den anderen Beteiligten profilieren konnte: »Sie hätten sich den ganzen Aufwasch hier sparen können, wenn Sie zuerst mit uns geredet hätten. Aber Sie haben zuerst Gespräche und sogar schon Verhandlungen mit ›Hellwatt‹geführt, bevor wir hier alle überhaupt einen blassen Schimmer davon bekommen konnten, was hier hinter unserem Rücken von einem Stromkonzern und einem Bauunternehmer heimlich geplant wird. Mit Verlaub, Herr Leibacher, so geht das nicht!«, bläute der Leiter des Ausschusses für Technik und Umwelt Leibacher ein, um gleich darauf nachzusetzen: »Sind Sie sich eigentlich im Klaren darüber, was hier los ist, wenn Ihr Vorhaben an die Öffentlichkeit gelangt?«
»Die Sitzung ist geschlossen«, sprach Oberbürgermeister Hüttinger machtvoll, öffnete die Tür des Sitzungssaals und blieb mit der Hand an der Türklinke stehen, bis alle den Raum verlassen haben würden. Alois Leibacher wollte sich formell von Hermann Hüttinger verabschieden, der jedoch auf seine Armbanduhr sah und »Schönen Abend« wünschte.
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Die Vormittagssonne trieb über den Gipfeln der Allgäuer Voralpen die Haufenwolken auseinander, als er den blauen Mercedes 307 D über den Riedbergpass steuerte. Der Transporter seiner Installationsfirma schaffte mit seinem 65-PS-Dieselmotor nur mit Mühe die Kurven über die Passstraße. Im Fahrerhaus übertönte das Motorengeräusch das Radio, aus dem über näselnde Lautsprecher ein Lied von einem österreichischen Liedermacher zu vernehmen war, der von einem Italien-Reisenden sang, der »keine Lire und keine Papiere« hatte. Franz Britzler musste in einer engen Serpentine in den ersten Gang herunterschalten, worauf sich der Mercedes-Transporter nach der Kurve mit lautem Getöse und einer schwarzen Rußwolke aus dem Auspuff die Steigung hochquälte.
Er summte den Refrain des Liedes mit und ließ sich von der langsamen Fortbewegung seines um die Kurven ruckelnden Transporters an diesem Samstagvormittag nicht die Laune verderben. Erstens wollte er sich nach langer Zeit mal wieder eine kleine Bergtour auf den Wannenkopf gönnen, von wo er den Blick auf die schroffen Felskegel der Allgäuer Alpen haben würde. Zweitens verband er – wie er es als Opportunist häufig tat – das Angenehme mit dem Nützlichen, weil er sich ziemlich sicher war, mit dem Hüttenwirt der Gehrenkopfhütte ins Geschäft zu kommen. Denn im Laderaum seines verschrammten Transporters mit der Aufschrift ›Britzler Elektro – Sanitär‹ hatte er etwas, was vor allem für abgelegene Berghütten und Bergbauernhöfe die Lösung eines Energieversorgungsproblems versprach. Von dieser neuartigen Technologie erhoffte er sich ein gutes Geschäft, mit dem er hoffentlich mehr Gewinn erzielen konnte als mit Elektroinstallationen und Reparaturen. Noch war Fotovoltaik kein ausgereiftes Serienprodukt, aber er war fasziniert von der technischen Möglichkeit, durch das Verlegen von Solarpaneelen auf einem Hausdach Strom aus Sonnenlicht erzeugen zu können – und davon überzeugt, dass er in dieser Alpenregion zahlreiche Kunden dafür würde finden können.
Er bog von der Passstraße auf die steile Zufahrt zum geräumigen Parkplatz vor der Gehrenkopfhütte und dem Wannenkopf-Skilift ein und war überrascht, dass der Parkplatz mehr als halbvoll belegt war. Er hatte gehofft, dass er mit Joschi, dem Hüttenwirt, in Ruhe über die Installation einer Fotovoltaikanlage reden und ihn schließlich davon würde überzeugen können, in eine alternative Stromerzeugung zu investieren. Bei diesem Betrieb aber würde Joschi alle Hände voll zu tun haben, um die Hüttengäste mit Getränken und Hüttenspezialiäten wie Brotzeittellern und Apfelstrudel zu versorgen.
Franz Britzler parkte den blauen Mercedes-Kastenwagen hinter der Gehrenkopfhütte, wo der Eingang zur Küche war. Er stieg in seiner leicht gebeugten Haltung aus dem Fahrerhaus des Transporters. Ihm waren mit seinen nur knapp 1,70 Metern, dem hageren Gesicht mit den kleinen listigen blauen Augen und der etwas zu weit oben sitzenden ausgeleierten Jeans die Jahre harter handwerklicher Arbeit anzusehen.
Auf der Terrasse waren nur drei Tische belegt; durch eines der mit alpenländisch typischen rotkarierten Vorhängen verzierten Kreuzsprossenfenster sah er, dass der Gastraum innen fast leer war. Erst jetzt bemerkte Franz Britzler, dass der Grund für den Menschenauflauf auf der Wiese in Richtung des Wanderwegs zum Wannenkopf zu suchen war. Mitten auf dem Weg standen sich in einigen Metern Entfernung zwei Traktoren gegenüber, zwischen deren hochgereckten Silogabeln ein großes, von Hand beschriebenes Transparent in roten Großbuchstaben ›KEIN STAUSEE AM STEIGHORN‹ verkündete. Auf einem Plakat aus Karton war ›Keine dunklen Geschäfte mit Hellwatt – im Steighorntal gehen die Lichter aus‹ zu lesen.
Es war eine Demonstration gegen den geplanten Bau eines Wasserkraftwerks, von dem erst kürzlich die Zeitungen erstmals berichtet hatten. Franz Britzler sah aus der Entfernung, wie einige Hundert Menschen aufgebracht diskutierten und Bauern mit gestreckten Fäusten in Sprechchören »Hellwatt raus« skandierten.
»Die sind ordentlich in Rage, die will ich lieber net als Gäst’ in der Hütte habbe«, sagte neben ihm eine männliche Stimme mit hessischem Dialekt. Joschi war aus dem Hintereingang zur Küche herausgekommen und stand jetzt in Lederhose und blau-weiß kariertem Hemd neben Britzler. Joschi war ein smarter Endvierziger mit dünnem, nach hinten gekämmtem Haar, der vor einigen Jahren nach einem Nervenzusammenbruch und nach bewältigter Identitätskrise seiner Karriere als Investmentbanker in Frankfurt am Main den Rücken gekehrt hatte und sich jetzt in seinem neuen Leben im Allgäu als Hüttenwirt betätigte.
Franz Britzler öffnete mit einem triumphierenden Lächeln die Schiebetür seines Transporters, beugte sich in den Laderaum und holte eine rechteckige, etwa einen Quadratmeter große dunkelblau schimmernde Platte heraus, die von einem Rahmen aus Aluminium eingefasst war. »Solche Kraftwerke wird es bald überhaupt nicht mehr brauchen. Strom machen wir hier in Zukunft damit«, präsentierte der Elektromeister stolz das Fotovoltaikmodul. Joschi betrachtete das glitzernde Rechteck mit den silbrigen Metallfäden unter der Glasabdeckung. »Ziemlich schweres Ding«, sagte er, »und wie viel brauch ich davon, dass ich damit auch bei Hochbetrieb meine Gäst’ was zu esse’ koche’ kann?«
Während Franz Britzler dem Hüttenwirt wort- und gestenreich die Ausführung der Fotovoltaikanlage vorrechnete, trat einer der Demonstrationsteilnehmer auf den gekiesten Weg in Richtung des Hütteneingangs, blieb an dem verwitterten Holzzaun stehen, beobachtete kurz mit fragendem Blick die Unterhaltung der beiden sowie das blauschimmernde Rechteck und suchte sich dann einen Platz an einem leeren Tisch auf der Terrasse. Sein rundliches Gesicht mit dunkelbraunem Oberlippenbart war von der Sonne gerötet. Er trug trotz des warmen Juliwetters eine verwaschene hellbraune Cordjacke über einem dunkelgrünen T-Shirt, bei dessen Knopfleiste drei Knöpfe offen standen und wo die Sonne auf der Haut zwischen Hals und Brust ein leuchtend rotes Dreieck gebrannt hatte.
Er hatte während der Demonstration offenbar sehr viel geredet und bestellte bei der Bedienung mit fast heiserer Stimme ein dunkles Hefeweizenbier und eine Portion Bratwurst mit Kartoffelsalat. Gottfried Monschkopf war im Moment ziemlich erschöpft, aber zufrieden mit dem Verlauf der Demonstration. Er war derjenige, der die Demo organisiert und die Leute und Bauern aus dem Steighorntal gegen dieses irrsinnige Stausee-Projekt mobilisiert hatte. Diese Irren von diesem Stromkonzern hatten tatsächlich vor, einen Teil des Tals vor dem Steighorn in einem Stausee zu versenken und noch dazu in einer ökologisch höchst sensiblen Umgebung ein Kraftwerk zu bauen. Höfe, Bergweiden, Bachläufe und seltene Pflanzen sollten hinter einer riesigen Beton-Staumauer verschwinden, um den immer größer werdenden Stromhunger zu stillen.
Als überzeugter Umweltaktivist und Mitglied der vor wenigen Jahren gegründeten Partei »Die Grünen« hatte er sich zum Handeln berufen gefühlt. Und zum guten Schluss war bei der Demo sogar noch ein Fernsehteam des österreichischen Rundfunks vor Ort, und er hatte die Chance genutzt, ein Interview zu geben und so vor laufender Kamera seine Überzeugungen gegen den Bau eines Wasserkraftwerks in dieser landschaftlich schützenswerten Bergregion zu vertreten. Während er sich schelmisch über das Fernsehinterview freute, servierte ihm die Bedienung sein Hefeweizenbier, das er sogleich in einem Zug zur Hälfte leerte.
Als er das Glas absetzte, hing der Bierschaum in seinem dunklen Oberlippenbart. Sein naiv wirkender Blick ließ erahnen, dass er sich bedingungslos für eine Sache einsetzen würde, aber auch, dass er einem intellektuell überlegenen Gegner nicht die Stirn würde bieten können. Genau diese fehlende souveräne Ausstrahlung war für Gottfried Monschkopf bisher das Hindernis, warum er es bei den »Grünen« noch nicht über eine Kreistagskandidatur hinaus geschafft hatte.
Er nahm noch einmal einen kräftigen Schluck Bier und blickte dabei in Richtung eines felsigen, steil aufragenden Berggipfels, dessen Gipfelkreuz in der Julisonne schimmerte. Das Fernsehinterview, war er jetzt überzeugt, würde ihn innerhalb der Partei nach oben katapultieren.
Joschi und Franz Britzler traten auf die Terrasse mit den Biertischen und -bänken, betrachteten eingehend die vordere Dachhälfte der Gehrenkopfhütte und waren ins Gespräch vertieft. »Ich will da schon was investiere’, mit Finanzierung kenn ich mich ja aus. Aber vielleicht sollt man erst mal genau gucke, ob das Dach auch hebe tut?«
»Die Dächer auf den Berghäusern sind für zwei Meter Schneelast gebaut, also die halten das Gewicht von der Fotovoltaikanlage ohne Probleme aus«, versuchte Franz Britzler ihn zu bestärken; er sah schließlich bereits einen lukrativen Auftrag vor Augen und wollte Joschis Bedenken möglichst schnell zerstreuen. Mit den Worten »Sag, was die Fotodingsda koste’ soll und dann schaue mer mal« verabschiedete sich Joschi wieder in die Küche, nachdem sich innerhalb von wenigen Minuten zwei Tische mit Wanderern gefüllt hatten, die sich lautstark gegenseitig mit ihren Gipfelerlebnissen zu überbieten versuchten.
Franz Britzler setzte sich an das freie Ende des Tisches, an dem Gottfried Monschkopf gerade ein Stück Bratwurst dick mit Senf bestrich und den Bissen etwas hastig in den Mund schob. Nachdem er noch eine Gabel voll Kartoffelsalat hinterhergeschoben und mit vollem Mund bei der Bedienung ein weiteres Hefeweizenbier bestellt hatte, wandte er sich Britzler zu. Monschkopf wischte sich mit dem Handrücken den Senf aus dem Oberlippenbart und zeigte mit der Gabel in Richtung des Hüttendaches. »Wollen Sie da so was mit Solar machen?«, fragte er Franz Britzler, der gerade an seinem Radler nippte.
»Fotovoltaik«, sagte Britzler kurz beim Absetzen des Glases, um gleich darauf weiter auszuholen. »Mit dem Sonnenlicht Strom produzieren und unabhängig von solchen Stromkonzernen werden, das ist die Zukunft.«
»Sie interessieren sich dafür?«, fragte der Elektromeister nach einer kurzen Pause, während seine kleinen blauen Augen listig aufblitzten.
»Wir bei den ›Grünen‹ wollen uns für die alternative Energieerzeugung einsetzen, von daher interessiert mich diese Technologie, einmal vom Umweltaspekt her, und ein bisschen auch aus meinem beruflichen Hintergrund als Bautechniker.« Gottfried Monschkopf versuchte sich als einflussreicher Lokalpolitiker darzustellen und schaffte es, damit bei Britzler auf Anhieb Eindruck zu schinden, obwohl sein Äußeres diesen überhaupt nicht vermitteln konnte.
»Sie meinen, dass die Politik etwas tun könnte, damit sich diese Solarstrom-Technik etablieren kann?« Franz Britzler, der soeben noch in geduckter Haltung mit aufgestützten Ellenbogen am Tisch gesessen hatte, saß jetzt aufrecht auf der Bierbank, als säße ihm ein Politiker vom Rang eines Wirtschaftsministers gegenüber.
»Ich will das Thema verstärkt in den Parteiausschuss einbringen«, hob Monschkopf bedeutungsvoll an. »Wenn ich zu diesem Thema mehr Hintergrundinformationen hätte, denke ich, dass ich damit was bewegen kann«, schloss der ambitionierte Grüne, in der Hoffnung, dass er von dem Elektriker mit dem listigen Blick mehr über die Solarstromtechnik würde erfahren können.
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Franz Britzler reichte es an diesem Montagvormittag bereits, nachdem sich am Morgen ein Monteur krankgemeldet hatte, ein Montagetrupp auf einer Baustelle wegen im Keller kniehoch stehenden Regenwassers keine Arbeiten verrichten konnte und ein Kunde reklamierte, dass beim Einschalten der Außenbeleuchtung stattdessen das Licht in der Küche ausging.
Während er noch überlegte, auf welche Baustelle er den Montagetrupp umdirigieren sollte, reichte ihm seine Frau Elfriede Britzler den Telefonhörer aus dem Bürofenster. »Franz, der Leibacher is’ dran. Ist dringend.« Er nahm ihr den orangefarbenen Hörer aus der Hand und musste dabei das Spiralkabel über die Fensterbank zerren, um beim Telefonieren nicht an der Hauswand kleben zu müssen. Alois Leibacher hatte ihm jetzt gerade noch gefehlt.
»Alois. Britzler, pass mal auf, ich hab da was für dich. Das Neubaugebiet Steighornblick mach ich als Generalunternehmer. Den Vertrag über die Erschließungsarbeiten hab ich am Freitag unterschrieben. Acht Einfamilienhäuser, zwei Reihenhauszeilen. Die Heizungen werden alle mit Nachtspeicheröfen und Elektroboilern fürs Warmwasser gemacht, dann kann ich da dem Hellwatt einen ganzen Schwung neue Stromkunden servieren, du weißt ja, das ist wichtig im Zusammenhang mit der Stauseegeschichte.«
