Alligatoren - Deb Spera - E-Book
Beschreibung

Seit Stunden belauern sie sich gegenseitig: das Alligatorweibchen, das seine Jungen beschützen muss, und Gertrude, deren vier Töchter seit Tagen nichts gegessen haben. Ein Schuss fällt, doch er trifft nicht das Reptil - es gibt Schlimmeres als den Hunger. Auch Annie, die Plantagenbesitzerin, hat einen größeren Feind, als sie wahrhaben möchte. Ihren jüngsten Sohn kostete das bereits das Leben. Doch als Oretta, Annies schwarze Haushälterin und in erster Generation von der Sklaverei befreit, Gertrudes kranke neunjährige Tochter bei sich aufnimmt, finden diese drei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können, zusammen. Denn sie alle haben eins gemeinsam: die unstillbare Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung. "Ein beeindruckender Text, der seinesgleichen sucht." Fuldaer Zeitung "Gerade durch Deb Speras unsentimentalen Ton ist mir die Geschichte richtig unter die Haut gekrochen. Zugegeben: keine Feel-Good-Geschichte, aber dafür umso stärker eine Feel-Strong-Geschichte!" Annalena Lüder / emotionDE "In stimmungsvollen Tableaus werden große Themen wie Sklaverei, Feminismus, Wirtschaftskrise abgearbeitet, garniert mit Gewalt, Gefühl und Perversion." Die Presse "Spera kreiert mit Worten Bilder, klar, farbig und mit einer Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann." buchzeiten "Atmosphärisch dicht mit vielen Details lässt Deb Spera das damalige Leben lebendig werden." Belletristik-couch.de "Mit diesem Roman ist Spera ein interessanter und spannender Einblick in die Lebenswelt dreier unterschiedlicher Frauen in den Südstaaten der 1920er gelungen." Buchprofile/medienprofile

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EPUB

Seitenzahl:527


HarperCollins®

Copyright © 2018 by HarperCollins in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Alligator Copyright © 2018 by Deb Spera erschienen bei: Park Row Books, Toronto

Covergestaltung: Hafen Werbeagentur, Hamburg Coverabbildung: Magdalena Russocka / Trevillion, mammuth / iStock, Circa / Glasshouse Images / ullstein bild Lektorat: Claudia Wuttke E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book 9783959677882

www.harpercollins.de

I.

Mrs. Gertrude Pardee

Einen Menschen töten ist leichter als einen Alligator töten, aber Geduld brauchst du für beides. Du musst den schwächsten Punkt finden und in den Hinterkopf schießen. Die Alligatormama, die ich beobachte, beobachtet mich auch. Sie wittert den letzten Rest von meinem Monatsblut, deshalb liegt sie halb im Wasser und halb auf dem schmalen trockenen Damm, unserem Fußweg durch den Sumpf, der dann raus auf die Hauptstraße geht. Ich lehne an einer alten Zypresse. Wir sind ein komisches Paar. Mir ist schlecht vor Schmerzen. Nach der stundenlangen Warterei bin ich ganz steif, aber das ist egal. Alles ist egal. Wichtig ist bloß dieser Damm, der sich wie ein Seil zwischen uns erstreckt. Das fette alte Biest liegt mit dem Rücken zu dem Nest, das meine kleine Alma vor ein paar Stunden entdeckt hat. Eine Drei-Meter-Mama, die uns den ganzen Herbst durch satt machen würde. Hab zwei ­Patronen in der Flinte, aber nur eine Chance für den töd­lichen Schuss.

Als wir nach Reevesville gekommen sind, hab ich noch gehofft, ich würde Alvin zur Vernunft bringen, aber es sieht eher so aus, dass er mich verrückt macht. Seit fast einem Jahr, seit der Baumwollkäfer unsere Ernte gefressen hat, säuft er nur noch. Wir haben alles, was wir hatten, in ­Branchville zurückgelassen, auch zwei von unseren vier Töchtern, und sind hierhergekommen, weil er in dem Säge­werk von seinem Dad arbeiten sollte. Ich hab gehofft, mit regelmäßiger Arbeit und was zu essen in unseren Bäuchen würde er sich wieder einkriegen, aber nichts da. Vielleicht kriegt er sich nie wieder ein. Zuerst hat er das Sägewerk gestern schon um eins geschlossen und ist erst spät nachts nach Hause gekommen. Dann hat er den Brief von meinem Bruder Berns gefunden. Darin stand was von Arbeit für mich drüben in Branchville. Er kann Berns nicht ausstehen, weil der sich um Sachen kümmert, um die er sich nicht kümmern kann. Er hat mich verdroschen und mir gedroht, ich soll mich ja nicht vom Fleck rühren. Er ist noch immer wütend, weil ich das letzte Mal zu Berns gegangen bin und ihn um Hilfe gebeten hab. Jetzt ist mein Auge zugeschwollen, ich kann nicht mehr gucken damit, und der einzige Brief, den ich seit einem Monat gekriegt hab, mit Neuigkeiten über meine beiden Mädchen, ist verbrannt und futsch.

Alvin hat den ganzen Vormittag im Bett gelegen, bis sein Daddy vom Sägewerk rübergekommen ist und einen Aufstand gemacht hat. Jetzt ist er ganz verkatert zur Arbeit, und wir haben nichts außer unsere knurrenden Mägen. Ich hab mich hier halb tot geschuftet, und es hat nichts genützt. Ich bin eine Hausfrau ohne Haus.

Der Daddy von Alvin gibt mir die Schuld. Er sagt’s nicht, aber ich merk’s ihm an. Er guckt mich nicht mal an, wenn ­Alvin säuft, und er säuft ständig. Mein Körper ist das Schlachtfeld, auf dem sich die Krankheit von meinem Mann austobt. Mehr wie einmal hab ich gehört, dass der Daddy von Alvin zu ihm gesagt hat, es wär besser gewesen, er hätte einen Sohn gekriegt, dann hätte er wen, der ihm helfen könnte. Wenn ich mir Alvin so angucke, versteh ich nicht, was sein Daddy ihm da sagt. Und jetzt tönt Alvin rum, wenn wir einen Jungen gekriegt hätten, hätten wir das bisschen retten können, was wir in Branchville gehabt haben. Er sagt, es wär meine Schuld, dass er immer so wütend ist.

Wir haben vier Mädchen, und zwei kommen allmählich in das Alter, wo sie heiraten könnten. Das könnte was Gutes sein, aber ich weiß nicht, wer sie nehmen soll – sie haben keine Mitgift. Ich mach mir jetzt schon Sorgen, was da auf uns zukommt. Edna, meine Älteste, ist jetzt fünfzehn, und sie redet mit jedem, der ihr über den Weg läuft, ohne sich was dabei zu denken. Sie wird mal mächtig Scherereien kriegen. Meine zweite Tochter, Lily, ist dreizehn und hält sich für wunders wie mutig, ist sie aber nicht. Die kann auf dem ganzen Weg nach Hause hinter dir herlaufen und auf dich einschimpfen, aber wenn’s dann dunkel wird, kriegt sie’s mit der Angst und ist froh, wenn du sie zur Hintertür reinlässt. Meine zwei Jüngsten, Alma und Mary, sind zehn und sechs.

Als ich in dem Alter von Lily war, ist meine Mama schon durcheinander gewesen und hat die ganze Zeit wirres Zeug geredet, aber hin und wieder hatte sie klare Momente, und dann hat sie sich daran erinnert, mich zu bemuttern.

»Gertie«, hat sie mal zu mir gesagt, »wenn du erst verheiratet bist und Kinder hast, dann wünsche ich dir alles Glück auf der Welt, aber ich hoffe, du kennst und verstehst die Pflichten von einer Frau; eine Frau kann nämlich aus einem Mann was machen oder ihn zugrunde richten. Beide müssen zusammenarbeiten, aber auf die Frau kommt’s an, damit eine Familie glücklich wird.«

Als Alvin angeritten kam, um mich mitzunehmen, da hatte ich ihn überhaupt noch nie gesehen. Mein Daddy hat das ausgehandelt, dass ich ihn heiraten soll. Alvin ist ein großer Kerl, und er ist von Anfang an grob zu mir gewesen, aber er ist in die Kirche gegangen, und Daddy hat gesagt, er wäre fleißig. An dem Tag, als ich von zu Hause weggegangen bin, hat Mama am Tisch gesessen und die Hände gerungen und was von einem Hurrikan gebrabbelt. An dem Tag sind aber nur Regenwolken am Himmel gewesen, und doch hat sie nicht aufgehört, den Sturm zu beschwören.

Wenn ein Mädchen das Elternhaus verlässt, braucht es doch seine Mutter, aber meine hat mich gar nicht mehr gesehen. Ich hab eine leichte Tasche gepackt, nur mit einem Nachthemd und einem zweiten Kleid, zwei Schürzen und etwas Unterwäsche. Als die Tasche voll war, hab ich einen Quilt genommen, den ich und meine Mama zusammen genäht hatten. Der größte Teil war von mir, weil da noch Baumwollsamen in den Vierecken waren, und in Mamas Decken gab’s kaum mal welche. Ich hab eine schwere Bratpfanne und ein paar Töpfe und etwas Bett- und Tisch­wäsche genommen, die ich für meinen Hochzeitstag gesammelt hatte, und hab alles in die Mitte gelegt. Ich hab mir die Decke um den Hals gebunden und die Tasche über die Schulter gehängt. Ich hab meine alte Flickenpuppe geholt, die an dem Haken an der Wand in dem Zimmer hing, in dem ich und Berns geschlafen haben, und hab sie Mama in die Arme gelegt.

»Pass gut auf das Baby auf«, hab ich zu ihr gesagt. Das half. Damit hörte sie endlich mit dem Gebrabbel über den Hurrikan auf. Sie hat das Baby geküsst und gewiegt. Ich hab mir die ganze Zeit gewünscht, die Puppe wäre ich gewesen.

Die Zikaden schreien heute Morgen, als ob sie mich warnen wollten, aber ich weiß auch so, wie heiß es ist. Der ­August lässt einfach nicht locker. Noch nicht mal sieben, und mein Kleid ist schon durchgeschwitzt. Alt und abgetragen klebt es nass an meinem Körper. Wegen der Monatsblutung hab ich mir die letzten sauberen Lappen in die ausgeleierte Unterhose gestopft. Ich muss Alma und Mary nach Branchville bringen, sonst überleben sie nicht. Mary, die Kleinste, ist krank. Ihre Haut ist so blass, dass ich die Adern darunter sehen kann, wie winzige Bäche. Das Kind hat seit zwei Tagen nichts zu essen gehabt, und jetzt hab ich Angst davor, was der Tag bringt. Ich gebe ihnen ein bisschen Schnupf­tabak gegen den Hunger und wasche sie, so gut es geht, draußen an der Pumpe. Sie sind beide abgemagert, ich weiß. Wir sind alle schwach vor Hunger, und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Zeiten sich ändern, bevor ich eine von ihnen oder beide verliere.

Ich will zu meinem Bruder, mit ihm über seinen Brief reden, und vielleicht können Mary und Alma ein Weilchen bei ihm und seiner Frau bleiben, während ich mir was einfallen lasse. Ich muss es versuchen. Mary kann ein bisschen nähen und putzen. Sie ist kein großer Esser, und Alma kann mit einem Gewehr umgehen und ein Schwein ausnehmen. Und sie kann rechnen. Ich hab’s ihr beigebracht, obwohl das dieser Tage nicht viel nutzt, wo’s nichts zu zählen gibt. Null ist null, da führt kein Weg dran vorbei – trotzdem ist es gut, wenn eine Zehnjährige das kann.

Ich hole die Schrotflinte für unterwegs und kümmere mich nicht um das Erbrochene und den Dreck von Alvin aus der letzten Nacht. Winzige Insekten schlüpfen durch die eingerissene Fliegengittertür und lassen sich auf der Sauerei nieder.

Draußen ist es keinen Deut besser. Der Sumpf kennt keine Gnade. Ich hab schon Blutegel so groß wie kleine Strumpfbandnattern von meinen Mädchen gezogen, und von der dauernden Nässe haben sie Geschwüre an den Füßen. Der Sumpf ist grässlich. Voll mit Dingen, von denen keiner was wissen will.

Die Flinte hat meiner Mama gehört, eine doppelläufige Fox Sterlingworth. Ihr Daddy hat sie ihr geschenkt, und als mein Daddy gestorben ist und Alvin mich nicht aus dem Haus lassen wollte, um zur Beerdigung zu gehen, hat Berns sie mir gebracht. Berns hat auch dafür gesorgt, dass der Leichenzug über den Feldweg gekommen ist, an dem wir damals gewohnt haben, sodass ich meinem Daddy durch die Fliegengittertür die letzte Ehre erweisen konnte. Nach der Beerdigung ist Berns zurückgekommen, und Alvin hat ihn ins Haus gelassen, als er gesehen hat, dass er die Flinte dabeihatte. Berns hat sie auf den Tisch gelegt und gesagt, sie käme von unserer Familie mütterlicherseits, weshalb es bloß richtig wäre, wenn die Tochter sie kriegt. Alvin hat sie sich unter den Nagel gerissen und wollte sie verkaufen, aber ich hab gesagt, wir könnten doch damit jagen. Diese Flinte hat uns mehr als einmal die Bäuche gefüllt. Ich werde sie auf unserem Fußmarsch heute mitnehmen. Die Zeiten sind hart, und wenn du unterwegs an den Falschen gerätst, kannst du schon für ein paar Cent umgebracht werden. Das ist mal sicher.

Keine halbe Stunde später gehen wir los, quer durchs Sumpfgebiet, wo die Bäume uns vor der Sonne schützen. Ich kenne den Weg durch den Sumpf nach Branchville. Dauert länger, wie wenn du die Bahngleise entlanggehst, aber wir brauchen Schutz vor der Hitze tagsüber. Kriebelmücken stürzen sich auf uns, als wäre es Zeit zum Abend­essen. Ach, wenn wir doch auch was Essbares hätten, auf das wir uns stürzen könnten! Alma späht die ganze Zeit auf den Rand vom Fußweg, hält Ausschau nach Schlangen oder irgendwas, das wir fangen können.

»Mama, guck mal«, ruft sie mir von weiter vorne zu. Ich folge ihrem ausgestreckten Finger, und da ist das größte ­Alligatornest, das ich je gesehen hab. Ich halte rasch Ausschau nach der Mama, aber die ist nirgends zu sehen. »­Großer Gott, Alma, das ist ein ganz schöner Oschi, was?«

Sie lächelt, stolz, dass sie es entdeckt hat. Mary zupft ihrer Schwester am Kleid und fragt: »Was ist da? Will auch mal gucken.«

Alma zieht Mary näher und zeigt so lange auf das Nest, bis die Kleine sieht, was ihre Schwester gefunden hat, dann dreht sich Mary erschreckt zu mir um, aber ich gehe weiter.

»Alligatoren jagen nur nachts – keine Angst«, sage ich zu ihr, und gemeinsam stapfen wir über den Damm und durch die Schlingpflanzen.

Alma läuft vor, will zeigen, dass sie den Weg kennt. Sie ist schnell. Ich hab mal gesehen, wie sie ein Eichhörnchen am Schwanz gepackt und ihm das Genick gebrochen hat, bevor es sich umdrehen und sie beißen konnte. Sie ist schon immer flink gewesen, aber jetzt lässt ihre Schnelligkeit vor Hunger nach. Öfter, als ich sagen kann, ist sie schon den wütenden Händen von ihrem Daddy entwischt. Ich hab Angst, dass er eines Tages nach der Flinte greift und sie abknallt. Wenn er uns wirklich irgendwann umbringt, wird das auf meiner Seele lasten. Diese zwei Kinder werden für die Sünden der Mutter in die Hölle kommen, weil ich sie noch nicht getauft hab.

Mein Daddy hat mir das Jagen beigebracht. Das Wichtigste ist das Warten. Also hocke ich hier in Deckung und warte. Der Alligator starrt mich die ganze Zeit an. Daddy hat regel­mäßig Alligatoren gejagt, und er hat mir beigebracht, wie sie brüten. Sie legen ihre Eier am Ufer ab und decken sie mit Zweigen, Blättern und was nicht alles zu. Wenn so eine Mama ihre Eier gelegt hat, bleibt sie immer in der Nähe, auch beim Jagen und Fressen, und wartet auf den Ruf von den Jungen. Daddy hat mir mal erzählt, wenn die Jungen im Ei fertig sind, schreien sie, bis ihre Mama kommt und sie befreit. Dann trägt sie die Babys eins nach dem anderen im Maul zum Wasser und bleibt fast sechs Monate bei ihnen. Keine andere Echse tut das. Wenn die Babys sich nach dieser Zeit kein anderes ­Gewässer suchen, bringt sie sie um, damit die ihr nicht das Futter wegnehmen. Ich hab in meinem Leben schon große Nester gesehen, aber das hier sieht aus, als wären da mehr als fünfundsiebzig, vielleicht sogar hundert Eier drin. Ich bin nicht so für Alligatorfleisch. Es wird ganz klumpig im Mund, und du musst lange kauen, bis du’s schlucken kannst. Wir hatten es oft auf dem Teller, und ob du es magst oder nicht – Alligatoren sind keine leichte Beute.

Als wir in die Stadt kommen, seh ich Gesichter, die älter wirken, wie sie sind. Manche Leute sind mit vollgestopften Pappkartons auf dem Weg zum Bahnhof. Wahrscheinlich glauben sie, es ist im Norden besser – vielleicht stimmt das ja. Wenn ich was Geld hätte und keine Mäuler zu stopfen, würde ich’s auch versuchen. Du musst immer was versuchen. Ich will keinen treffen, den ich kenne, deshalb halten wir uns am Rand der Stadt und gehen durch den Wald zum Haus von meinem Bruder. Diese Schande in meinem Gesicht bleibt besser ungesehen. Branchville tratscht gern, und meine großen Mädchen, die bei meinem Bruder wohnen, sollen nicht erleben, dass sie mit noch mehr Dreck beworfen werden von den bösen Zungen von Leuten, die sich einbilden, Gott hätte sie dazu auserkoren, Urteile zu fällen.

Mary ist ganz schlapp vom Fieber, aber wir gehen weiter. Ich trage sie, während Alma die Flinte hält, und ich singe ihnen das Lied vor, das meine Mama mir immer vorgesungen hat. »Erzähl Tante Rhodie, erzähl Tante Rhodie, erzähl Tante Rhodie, die alte Gans ist tot.«

Mary ist ein zartes Pflänzchen. Wiegt nicht mehr als eine Vierjährige. Sie legt den Kopf an meine Schulter und schläft, während ich singe. »Die sie behalten hat, die sie behalten hat, fürs neue Federbett.«

Alma hält sich an meinem Kleid fest, als wir durch hohes Unkraut gehen.

»Die Küken, sie weinen, die Küken, sie weinen, die Küken, sie weinen, um ihre Mama.«

Der Schmerz in meinem einen Auge pocht mit jedem Herzschlag und schießt mir durch den Kopf und die Schultern wie eine wilde Flamme. Ich glaube, Alvin hat einen Knochen gebrochen – auf dem Auge kann ich nicht sehen. Nach all den Jahren kenn ich Alvin ziemlich gut, aber er stand mit dem Rücken zu mir, und deshalb hab ich seine Faust erst bemerkt, als er sich blitzschnell umgedreht und mich niedergeschlagen hat. Dann hat er torkelnd über mir gestanden, hat den Brief mit einem Streichholz angesteckt, den Boden vollgekotzt und ist ins Bett gefallen.

So böse ist er nicht immer gewesen. Alvin hat’s nie leicht gehabt, genau wie wir alle, aber als dann 1921 der Baumwollkäfer gekommen ist, das hat ihn kleingekriegt. Die Käfer haben alles niedergemacht. Um uns herum ist die Welt in der schwarzen Schicht verschwunden, die alles bedeckt hat. Jeden Abend, wenn ich mich schlafen gelegt hab, und jeden Morgen, wenn ich aufgestanden bin, hab ich das Geräusch gehört, wie die Käfer sich durch alles durchfraßen, was wir hatten. Die sind gekommen wie eine Welle im Ozean, haben ihre Eier gelegt und sind wiedergekommen, um die nächste Aussaat zu vernichten. Irgendwann war’s dann so schlimm, dass sie sich sogar im Mehl einnisteten und wir sie in unseren Brötchen essen mussten, aus Angst, sonst gar nichts mehr zu haben.

In der Anfangszeit hat Alvin genug verdient, um uns alle satt zu kriegen, aber das änderte sich, als er anfing, regelmäßig zu trinken. Zuerst war es nur hier und da mal eine Flasche, aber es dauerte nicht lange, und er hätte noch den letzten Cent für Alkohol ausgegeben, wenn ich ihm vorher nicht noch ein paar Münzen aus der Tasche stibitzt hätte. Wenn er trank, hatte mein Mann das Gefühl, wieder wer zu sein, aber er hat nicht sehen können, dass ihn das bloß kaputt gemacht hat. Eine Zeit lang hab ich noch Sachen mit den Nachbarn getauscht: ein Glas Tomaten, ein Geschirrtuch oder eine Schürze, die ich aus alten Lappen genäht hatte, alles, was ich hab zusammenkratzen können, das für irgendwen noch nützlich sein könnte. Aber dann hat irgendein alter Knilch in der Kirche gesagt: »Der gute Alvin ist schwer geschlagen mit einer Frau, die nicht weiß, wo ihr Platz ist. Der arme Teufel.«

Und da hat er angefangen, über mich herzuziehen. Irgendwann war’s so schlimm, dass keiner mehr mit mir tauschen wollte, als wäre ich eine Aussätzige. Wir haben uns von der Kirche ferngehalten, und ich hab gelernt, immer schön nach unten zu gucken. Schließlich hab ich getan, was getan werden musste. Ich bin zu Fuß den weiten Weg bis zum Haus von Alvins Daddy in St. George gegangen und hab ihm gesagt, sein Junge wär ein Trunkenbold und dass er vier Kinder hätte, die hungrig wären. Ich hab ihm erzählt, wie’s war. Und jetzt guckt mich Alvins Daddy nicht mehr an, weil ihm eine Frau die Augen öffnen musste, und das hat kein Mann gern.

Als wir aus dem Wald kommen, seh ich meinen Bruder und meine Mädchen beim Ernten der letzten Reste Baumwolle. Auf einem weiten, sonnenverbrannten Feld sind überall weiße Wattebausche umgeben von schwarzen Dornen. Die drei haben Jutesäcke um die Schultern gehängt, und ich sehe ihre gekrümmten Rücken und das Blut an ihren Händen, lange bevor sie die Augen heben und in meine Richtung schauen.

Berns ist über seine Arbeit gebeugt. Berns Caison der Dritte haben wir ihn immer genannt. Er war nie der Dritte von irgendwas, aber wir haben ihn so genannt, weil er gern in die Schule gegangen ist und gut mit Worten war. Meine Älteste, Edna, reckt die Arme in die Luft, genau wie sie das macht, wenn sie morgens wach wird. Und da sieht sie mich. Sie strahlt übers ganze Gesicht, und ich sehe das junge Mädchen in ihr. »Mama!«, ruft sie und rennt quer übers Feld auf mich zu. Meine Lily bleibt stehen und guckt, beide Hände in die Hüften gestemmt, als wäre sie auf einen Kampf aus. Berns hebt die Hand ans Gesicht und blinzelt, genau wie Daddy immer geblinzelt hat. Für einen Moment denke ich, ich hätte einen Geist gesehen. Er ist ein schmächtiger Mann, aber er hat Mumm, auch wenn er nicht viel größer ist wie eine Frau. Er guckt mich finster an, sieht, dass ich mit meinen beiden Jüngsten allein bin, und seine Schultern werden steif. Er weiß, warum ich gekommen bin.

Es gibt nur eine gute Methode, einen Alligator mit einer Flinte zu töten. Wenn’s schnell gehen soll, musst du den Hinterkopf treffen, die runde Stelle ziemlich weit oben, wo der Kopf in den breiten Rücken übergeht. Du musst dich hinter ihn schleichen, ohne dass er’s merkt. Das ist gar nicht so einfach. Daddy sagt, er hat mal am Edisto River einen Hirsch gejagt, und der wurde ihm von einem Alligator vor den Augen weggeschnappt. Er hat gesagt, der Alligator ist praktisch aus dem Wasser gesprungen, hat den Hirsch am Hals gepackt und in die Todesrolle gerissen. Heute weiß ich, das war gelogen – Daddy hat immer gern Märchen erzählt. Nach dem, was er mir alles beigebracht hat, weiß ich, dass ein Alligator sich für so eine scheue Beute wie einen Hirsch gar nicht erst anstrengt. Nein, er schnappt sich ein Schwein oder einen Waschbären, vielleicht sogar einen Luchs, aber Hirsche sind zu nervös, zu schreckhaft. Wenn dich ein Alligator erwischt, dann bloß, weil du träge bist oder dumm. Ich bin keins von beidem.

Berns gibt den Mädchen etwas Brot und Butter und schickt sie nach draußen unter die Weide im Hof, damit wir in Ruhe reden können. Dann gießt er mir einen Kaffee ein, der vom Morgen übrig geblieben ist. Er stellt die Kanne zurück auf den Herd und setzt sich zu mir an den Küchentisch. Er schiebt mir die Zuckerdose hin, aber ich schüttele den Kopf. Ich vertrag jetzt nichts Süßes.

»Hast du meinen Brief gekriegt?«, fragt er.

»Alvin hat ihn verbrannt, ehe ich ihn zu Ende lesen konnte, aber das mit der Arbeit in der Näherei hab ich noch mitgekriegt.«

»Mrs. Walker ist gestorben, darum ist die Stelle jetzt frei, und ihr Haus ist zu vermieten. Zehn Dollar im Monat.«

»Ich hab keine zehn Dollar, Berns.«

»Hättest du aber, wenn du die Stelle kriegen würdest.«

»Ich muss mich um Alvin kümmern.«

Berns guckt auf seine Hände, die Knöchel fast bis auf die Knochen abgescheuert.

»Auch, wo Alvin sich kein bisschen um dich und die Kinder kümmert?«

Dazu kann ich nichts sagen, also tu ich’s auch nicht. Ich trinke meinen Kaffee und gucke aus dem Fenster zu den Mädchen im Hof rüber. Mary, mein armer, kranker Schatz, liegt da, mit dem Kopf auf Almas Schoß. Edna erzählt die ganze Zeit irgendwas – das Mädchen redet so viel, sie könnte jedem ein Ohr abquatschen. Lily sitzt ein Stück entfernt von den anderen. Sie hat viel von ihrem Daddy.

»Warum war’s diesmal?«

Berns guckt mich jetzt genau an.

»Er war betrunken.«

»Er trinkt viel, was?«

»Als müsste er lebenslänglich ins Gefängnis. Er will, dass Lily zu seinem Daddy zieht. Als Haussklavin, für wenn das neue Baby da ist. Er sagt, er kann da nicht Nein sagen, also hab ich’s für ihn getan.«

Berns steht auf und spült seine Tasse aus. Berns ist ein guter Ehemann. Er und seine Frau Marie haben eine gute Ehe. Vor zwei Jahren hat sie die Sumpfkrankheit gekriegt und überlebt, aber jetzt hinkt sie und braucht einen Stock zum Gehen. Trotzdem steht sie jeden Morgen vor der Sonne auf und humpelt die fünf Meilen zur Näherei draußen vor der Stadt, wo sie Jutesäcke für Futter und Saatgut nähen. Kinder haben sie keine, und Marie würde das auch wahrscheinlich umbringen. Von daher ist es Berns so vielleicht auch lieber. Er ist eine andere Sorte Mann, aber er wird nicht dafür belohnt.

»Marie sagt, Mrs. Coles würde die Stelle vielleicht für dich frei halten, wenn du sie drum bittest.«

Ich starre meinen Bruder an. »Ich kann doch nicht rüber zu den Coles gehen, so wie ich ausseh.«

Er setzt sich mir gegenüber und stützt die Ellbogen auf den Tisch. Dann sagt er: »Gert, wir haben so schon kaum genug zu essen, und wir können die Mädchen nicht großziehen. Ich versteh nix von so jungen Dingern, und Marie hat nicht die Energie für sie. Lily treibt sich mit diesem Barker-Jungen rum. Der taugt nichts, aber wenn ich ihr das sage, sagt sie, ich bin nicht ihr Daddy und sie muss nicht auf mich hören.«

»Ich rede mit ihr.«

»Das reicht nicht, Gertrude. Sie hat ja recht, ich bin nicht ihr Daddy, und Marie ist nicht ihre Mama. Die Mädchen brauchen dich.«

Ich lege den Kopf auf die Arme, nur um mal eine Minute Ruhe zu haben. Berns atmet laut aus, dann schiebt er seinen Stuhl zurück und steht auf.

»Ich kann Alma nehmen. Mehr ist nicht drin. Ich kann mich nicht um ein krankes Kind kümmern, Gert. Ich komm ja kaum mit den gesunden nach. Du musst das mit Alvin regeln.«

Bevor er geht, um weiterzuarbeiten, sagt er, ich soll Mary zum Arzt bringen, und dann schließt sich die Tür. Es ist still in der Küche. Mama hat oft meinen Kopf auf ihren Schoß gelegt, wenn sie auf dem Sofa saß, und mein Haar gestreichelt, bis ich die Augen geschlossen hab, um zu schlafen. Ich hatte immer Angst davor, was die Nacht bringen könnte. Wenn ich die Augen zumache und ganz still bin, hör ich immer noch im Kopf, wie sie mit ihrer zittrigen Stimme dasselbe Lied singt, dass ich jetzt meinen Mädchen vorsinge: »Der alte Gänserich schluchzt, der alte Gänserich schluchzt, weil seine Frau tot ist.«

Als ich meinen schmerzenden Kopf hebe, liegen vor mir zwei Dollar, die Berns für mich auf den Tisch gelegt hat.

Unter der Weide an der Straße erzähle ich den Mädchen die Neuigkeit. Mary heult und will ihre Schwestern nicht loslassen, bis ich sie auseinanderziehe und Alma und Edna sage, sie sollen zurück aufs Feld. Sie geben mir einen Kuss und tun, was ich gesagt hab. Lily will ihnen hinterher, aber ich reiße sie an den Haaren zurück und sage ihr, wenn sie in diesem Haus zu irgendwem frech wird, würde ich ihr den Hintern versohlen, bis sie nicht mehr sitzen kann. Ich ohrfeige sie, damit sie mich ansieht, und sage: »Lily Louise, wenn ich noch ein Wörtchen über diesen Harlan Barker höre, erzähl ich’s deinem Daddy. Weißt du, was das heißt?«

»Ja, Ma’am.« Ihr Gesicht ist versteinert.

»Du weißt, was dein Daddy mit dem Jungen macht und wahrscheinlich auch mit dir?«

»Ja, Ma’am.«

»Sag’s.«

Ich will wissen, dass sie mich verstanden hat.

»Mama, bitte, ich treff mich nicht mehr mit ihm.«

»Wenn er sich blicken lässt, was sagst du ihm dann?«

»Dass mein Daddy ihn umbringt.«

»Wenn er sich blicken lässt, sagst du ihm, dass dein Daddy ihm die Gurgel durchschneidet. Das sagst du ihm.«

Sie heult jetzt, und das ist gut so.

»Hör auf deine Tante und deinen Onkel. Los, ab mit dir.«

Und ich schiebe sie in Richtung Feld, wo Alma schon fast eine Reihe Baumwolle abgeerntet hat, gestärkt von dem Brot mit Butter, das sie gegessen hat.

Ich trage Mary auf einem Arm und die Flinte in der Ellbogenbeuge des anderen. Wir sind ein elender Anblick für jeden auf der Main Street, der uns überhaupt zur Kenntnis nimmt, aber ich halte den Kopf gesenkt, damit die Leute nicht glotzen. Der Familie Coles gehört die Näherei und fast alles Land um Branchville. Vielleicht gehört ihnen die ganze Stadt. Weiß ich nicht genau. Mein Daddy hat für sie gearbeitet und vor ihm schon sein Daddy. Wir hatten Land von den Coles gepachtet, aber das war, bevor der Baumwollkäfer uns alles weggefressen hat. Danach haben die Coles ihren Pächtern gesagt, sie sollen Hühner züchten. Daddy hat sein Lebtag auf dem Feld gearbeitet, und früher, als die Zeiten noch gut waren, haben die Coles uns jedes Jahr zu Weihnachten einen mit Rum getränkten Früchtekuchen geschenkt, aus dem Laden und in rotes Zellophan eingeschlagen. Damals ging’s uns gut.

Einmal, als Präsident Taft in die Stadt gekommen ist und am Eisenbahndepot eine Rede gehalten hat, da haben alle einen Tag freigekriegt, und wir durften hin und ihm zu­hören, die Weißen und die Farbigen. Die Leute sind von meilenweit her gekommen. Ich war acht Jahre alt, und Mama und Daddy sind mit Berns und mir an der Hand in die Stadt gegangen. Als der Zug angekommen ist, hat er ausgesehen wie ein lebendes Tier, hat Wasser verspritzt und schwarze Rauchsäulen ausgestoßen. Ein farbiges Mädchen, das von irgendwo weiter weg war, hatte noch nie im Leben einen Zug gesehen. Sie hat geschrien: »Das ist der Teufel, mit Feuer und Schwefel! Gott schütze uns alle!«, und dann ist sie ohnmächtig geworden, weil sie gedacht hat, die Hölle hätte sich aufgetan. Ich hab Daddy gefragt, ob das stimmt, aber er hat gelacht und gesagt: »Nein, das ist bloß Nigger-Geschwätz«, und er hat mich auf seine Schultern gesetzt, damit ich den Präsidenten sehen konnte. Das Einzige, was ich über die Hölle weiß, ist das, was in der Bibel steht. Mama hat gedacht, wenn du über die Hölle redest, kann sie über dich kommen, darum hat sie im Garten einen Geisterbaum gehabt, der die Dämonen vom Haus fernhalten sollte. Viele Jahre lang hab ich nur die Angst vor dem gekannt, was so im Kopf von einem kleinen Mädchen rumspukt, Geister und Ungeheuer und so, aber nicht vor dem wirklichen Leben.

Das Haus von den Coles ist ganz weiß und prächtig wie der Eingang zum Himmel. Alte Eichen wachsen rechts und links vom Weg bis zur Veranda, wo Schaukelstühle einladen, sich an einem kühlen Tag drin auszuruhen. Wenn du zwischen diesen Bäumen durchgehst und diese prächtigen Stufen hochsteigst, fühlst du dich, als wärst du auf dem Weg in die Herrlichkeit. Die Säulen tragen zwei Stockwerke, in denen ein König wohnen könnte, und das Blau von der breiten Tür hab ich überhaupt nur mal auf einem Rotkehlchenei gesehen. Ich sage Mary, sie soll hinter einer Eiche warten, während ich was erledige. Der Messingtürklopfer ist so schwer, dass ich mich kaum traue, ihn zu heben, aber die Sonne steht hoch am Himmel, und ich hab keine Zeit zu verlieren. Ich muss vor Alvin wieder zu Hause sein. Ich klopfe zweimal, dann trete ich einen Schritt zurück, weil ich höflich sein will.

Die alte schwarze Retta macht die Tür auf. Sie trägt ihre Hausmädchentracht, schön frisch und weiß. Sie ist so alt wie nur was und arbeitet schon für die Coles, seit sie ein kleines Mädchen war. Ihre eigene Mutter hat den Coles gehört, darum hat sie keinen Grund, sich aufzuspielen, aber sie sieht mich nur kurz an und zischt: »Wenn du was brauchst, komm hinten rum. Die Tür hier ist für anständige Leute.«

Ich guck ihr ins Gesicht und sage ganz laut: »Ich will die Missus sprechen.«

»Wenn du was willst, geh zur Hintertür.«

Sie will mir schon die Tür vor der Nase zumachen, als ich Mrs. Coles’ Stimme aus der Eingangshalle höre: »Retta, wer ist denn da?«

Ich rufe laut, damit sie’s auch hört: »Ich bin’s, Gertrude Caison, Missus. Ich wollte Sie sprechen.«

»Runter mit dir von der Veranda, eine wie du darf da nicht stehen«, flüstert Retta. Ihre Zuckerstimme hat sie immer nur, wenn der Mister und die Missus dabei sind.

Ich tu, was sie sagt, und haste die Stufen runter zurück auf den Plattenweg. Ich lege die Flinte auf den Boden und streiche mir die Haare aus dem Gesicht. Retta hält die Tür auf, damit Mrs. Coles auf die Veranda kommen und mich ansehen kann. Sie ist eine feine alte Lady. Ihr Haar ist hochgesteckt, und sie trägt ein grünes Kleid mit weißen Perlenknöpfen um den Hals. Ich weiß ein bisschen was über sie. Ich weiß, dass sie Elektrizität im Haus hat. Ich weiß, dass sie sich hat registrieren lassen, damit sie wählen gehen kann, und dass sie fünf Kinder großgezogen hat, aber ein Junge von ihr hat sich in der Scheune aufgehängt, als er noch ganz jung war. Ich weiß, dass ihr Daddy aus New York war und dass ihr die Näherei gehört. Enkelkinder gibt’s keine, und nach dem, was die Leute so erzählen, sollen der Mister und die Missus jeden Abend von Porzellantellern essen, mit Stoffservietten auf dem Schoß, obwohl sie bloß zu zweit sind.

Mrs. Coles kommt raus und guckt zu mir runter und fragt: »Gertrude Caison?«

»Ja, Ma’am. Ich heiß jetzt Pardee, aber bevor ich geheiratet hab, hab ich Caison geheißen.«

»Sie sind Lillian Caisons Tochter?«

»Ja, Ma’am.«

»Sie war eine gute Frau.«

»Ja, Ma’am, das war sie.«

»Was ist mit Ihrem Gesicht passiert, Gertrude?«

»Bin hingefallen, Missus.«

Sie guckt mich ganz genau an, dann sagt sie: »Was möchten Sie?«

»Ich wollte wegen der Arbeit in der Näherei fragen und ob ich das Haus von Mrs. Walker mieten kann.«

»Können Sie nähen?«

»Oh ja, Missus. Ich kann gut nähen. Hat mir meine Mama beigebracht.«

»Ihre Mutter konnte alles nähen.«

Sie faltet die Hände unterm Busen, wenn sie redet, genau wie Mama immer. Retta kommt auf die Veranda und stellt sich hinter die Missus.

»Ja, Ma’am. Ich hab zwei Dollar als Anzahlung für das Haus, und wenn Sie mir die Arbeit in der Näherei geben, sorg ich dafür, dass ich Mitte nächster Woche hier bin.«

»Warum erst dann? Was, wenn ich Sie schon ab morgen brauche, Gertrude?«

»Ma’am, morgen kann ich noch nicht anfangen. Ich muss das mit meinem Mann klären und mit meinen vier Mädchen umziehen. Aber Mittwoch kann ich anfangen.«

Ich gehe die Stufen rauf und halte ihr die zwei Dollar hin. Sie guckt das Geld an und fragt mich noch mal: »Was ist mit Ihrem Gesicht passiert, Gertrude?«

»Ich bin geschlagen worden, Missus.«

»Ist das Ihre Tochter?«, fragt sie mich.

Ich drehe mich um und sehe, wie Mary rasch wieder hinter dem Baum verschwindet.

»Eine von ihnen«, antworte ich. »Das ist meine Mary.«

»Mary, komm mal her und lass mich dich ansehen.«

Aber Mary tut, was ich ihr gesagt hab, und bleibt hinter dem Baum.

»Tut mir leid, Missus. Sie ist ziemlich schüchtern.«

Mrs. Coles lässt die Hände sinken und guckt nach oben in die Eichen.

»Heute sind schon den ganzen Tag Rotkardinäle im Hof«, sagt sie. »Retta gefällt das gar nicht, stimmt’s, Retta?«

Retta nickt. »Ja, Ma’am. Stimmt.«

»Ich glaub, das gefällt keinem«, sage ich. Rotkardinäle im Hof bedeuten, dass bald einer stirbt, das weiß jeder.

»Ich weiß nicht«, sagt die Missus, und ich weiß, dass sie mich meint.

»Ich werde fleißig arbeiten, Missus. Sie werden keinen Grund zur Klage haben, niemals, versprochen.«

»In dem Walker-Haus gibt es kein fließendes Wasser. Wie wollen Sie Ihre Kinder waschen?«

»Samstags in der Küche. Wir machen Wasser auf dem Herd heiß. Die Mädchen werden immer sauber sein.«

Ich glaub, ich hab die Missus überzeugt, weil sie endlich das Geld nimmt und sagt, dass sie die Stelle und das Haus von Mrs. Walker für mich frei hält, aber die erste Monatsmiete behält sie von meinem Lohn ein, was mir nur recht ist. Ich krieg zwölf Dollar die Woche. Mit so viel Geld kommen wir gut über die Runden. Als sie schon fast wieder im Haus ist, dreht sie sich um und sagt zu mir: »Wenn Sie noch einmal so, wie Sie jetzt aussehen, hier erscheinen, setze ich Sie auf die Straße, haben Sie mich verstanden?«

Ich sage, jawohl, Ma’am, und warte, bis sie durch die Tür verschwunden ist, bevor ich meine Flinte aufhebe und Mary ums Haus herum ziehe, damit uns auch ja keine feinen Leute sehen. Ich nehme das Kind in die Arme und drücke es, ehe wir uns auf den Heimweg machen, aber dann knallt eine Fliegengittertür, und ich hör ein lautes »Pschhhh. Pschhhh.«

Als ich mich umdrehe, kommt Retta auf mich zu. Ihre Handtasche hängt über einem Arm, und sie hat irgendwas in ein Geschirrtuch eingewickelt.

»Gertrude Pardee.«

Sie ist wütend, weil ich nicht auf sie gehört hab, aber das ist mir egal, und als ich das gerade sagen will, hält sie mir das Päckchen hin.

»Da sind getrocknete Bohnen und selbst gebackene Brötchen drin. Und ein bisschen Fleisch.«

Die Frau gibt keinem was für umsonst, aber meine Not ist größer wie meine Bedenken – ich nehme, was ich kriegen kann.

»Komm her, Kind«, befiehlt sie Mary.

Mary tut, was sie bei der Missus nicht tun wollte. Sie gehorcht. Sie hält sich an meinem Rock fest und stellt sich vor mich.

Die Alte guckt zu ihr runter und sagt: »Zeig mir deine Zunge.«

Mary streckt brav die Zunge raus, und Retta äugt nach unten. Sie guckt Mary in die Ohren und dreht sie rum, untersucht ihre Arme und Beine und Füße. Mary drückt das Gesicht an mich und zittert.

»Das Kind ist voll mit Würmern und glüht vor Fieber.«

Sie redet, als wäre ich blöd. Ich spüre das Feuer in mir.

»Sie braucht einen Arzt«, sagt sie, als ob ich das nicht wüsste.

»Dafür ist kein Geld da.«

Retta guckt zum Coles-Haus rüber, und ich wende mich ab, bevor sie reingehen und der Missus sagen kann, sie soll ihre Zusage zurücknehmen.

»Wenn deine Mama dich sehen könnte, Gertrude, würde es ihr das Herz brechen. Du bist ihr Ein und Alles gewesen.«

»Das weiß ich«, sage ich.

»Sollte man gar nicht meinen, wenn man dich so sieht.«

Ich hab Angst vor dem, was mir auf der Zunge liegt, aber ich will’s trotzdem sagen. Ich weiß, was das für Folgen haben wird – wie die Leute sich das Maul zerreißen werden. Die Sonne am Himmel steht schon im Westen. Im Sumpf wartet bloß der sichere Tod auf mein Kind.

»Pass für mich auf Mary auf. In vier Tagen komm ich wieder«, sage ich.

Retta klappt der Mund auf, und sie lässt ihn so.

»Nein, Mama, nein!«, schreit Mary und klammert sich an meine Beine. »Ich will auch ganz lieb sein.«

»Sei still, Kind. Halt den Mund, sonst stopf ich ihn dir.« Ich schüttele sie. Sie hört auf zu heulen, aber sie lässt nicht los. »Sie ist ein braves Kind, und sie isst nicht viel.«

»Wieso ich?«, fragt Retta und starrt mich mit zusammengekniffenen Augen an, als wollte ich etwas stehlen, was sie mir längst gegeben hat.

»Mama hat immer gesagt, wenn du keinen um Hilfe bittest, weiß auch keiner, dass du welche brauchst«, kommt mir über die Lippen. Ich weiß gar nicht, ob Mama das je zu mir gesagt hat, aber jetzt ist es trotzdem heraus.

Retta stemmt eine Hand in die Hüfte und guckt von Mary zu mir. Damit hat sie nicht gerechnet.

»Es wär Christenpflicht«, sage ich.

Sie ringt sich zu einer Entscheidung durch, tritt dann vor und streckt die Hand aus. Ich versuche, Marys Hände von mir zu lösen, während sie flüstert: »Ich will ganz lieb sein, Mama, versprochen. Ich will lieb sein.«

Als Retta sieht, dass Mary nicht loslässt, reißt sie das Kind von mir weg und marschiert die Straße runter, die mitten durch die Stadt führt, sodass alle sehen können, wie sie ein weißes Kind zu sich nach Hause führt, mit dem Herrgott als Begründung. Nicht mal Rettas Mann kann dagegen was sagen. Ich gucke in die Sonne, obwohl sie im Wasser von meinem guten Auge wabert, und mache mich auf den Weg nach Hause.

Die Sonne wirft lange Schatten aufs Land. Nicht mehr lange. Alle Nachttiere haben mit ihren Rufen angefangen, als wär’s ein Wettkampf, so laut, dass ich kein Geräusch vom anderen unterscheiden kann. Es ist ein Wunder, dass irgendeine Mutter die Schreie von ihren Babys bei dem Krach überhaupt noch hören kann. Die Alligatormama würde mir nicht mal dann den Rücken zudrehen, wenn ihre Jungen bereit für die Welt wären. Das Nest sitzt dick und fett auf einer Seite von dem Pfad. Alle möglichen Pflanzen liegen drüber, wie ein hastig zugedecktes Grab. Der Tag geht zu Ende. Ich höre Alvin den Pfad hochkommen, noch bevor ich ihn sehe. Ich erkenn seine stapfenden Schritte, wenn er betrunken ist, erkenn sein tiefes Rülpsen.

Die Stimme von meiner Mama beruhigt meine Nerven. »Die Küken, sie weinen, die Küken, sie weinen, die Küken, sie weinen, um ihre Mama.«

Ich schiebe mich langsam an dem Baum vorbei, und die Alligatormama greift an. Ich hebe die Flinte. Alvin ist direkt neben ihr, bevor die beiden sich bemerken. Zu spät reißt sie den Kopf zu Alvin herum und von mir weg. Er schreit auf und springt zurück. Ich trete unter dem Baum hervor auf den freien Damm und ziele mit meinem guten Auge. Als ich abdrücke, platscht Wasser, und ihr Schwanz verschwindet in grünem Moos. Alvin taumelt, als wär er zu schnell von einem schweren Barhocker aufgestanden, dann kippt er nach vorne in das trübe, dunkle Wasser.

»Sie ertrank im Teich, sie ertrank im Teich, sie ertrank im Teich, beim Kopfstandmachen.«

Sein Körper dümpelt im Schilf. Leichte Beute.

Mrs. Annie Coles

Jedes Mal, wenn das Telefon läutet, muss ich staunen. In den ersten Wochen kam mir »Hallo« als Begrüßung zu banal vor, andererseits erschien es mir viel zu förmlich, erst den Namen der Familie und dann meinen eigenen zu nennen. »Sie haben die Familie Coles erreicht, Ann Coles am Apparat«, klingt lächerlich. Ich sage mich quasi selbst an. In der Stille meines eigenen Hauses sollte ein schlichtes Hallo genügen. Mein Mann hat Gott weiß wie viele Beziehungen spielen lassen und mir nicht nur ein Telefon, sondern gleich zwei verschafft – eins für das Haus und eins für die Näherei. Ganz Branchville hat von der Weitsicht meines Mannes profitiert, und jetzt sind wir die erste ländliche Kleinstadt im Umkreis von Meilen, die mit der modernen Welt verbunden ist.

»Die Glocken«, so nennt Edwin das Läuten des Telefons, und der Ausdruck ist hängen geblieben. Es ist sonderbar, den Hörer abzuheben und im eigenen Ohr die Stimme eines anderen Menschen zu vernehmen, der irgendwer und irgendwo sein könnte, vielleicht zu Hause oder in einem Geschäft, wo sich ein völlig anderes Leben abspielt. Elektrizität, das Automobil und jetzt das Telefon haben deutlich gemacht, dass einem unternehmerischen Geist keine Grenzen gesetzt sind. Ich kann mir kaum vorstellen, wie es gewesen sein muss, mit dem Schiff eine flache Erde zu erkunden und dann festzustellen, dass sie rund ist. Aber das Erstaunlichste ist für mich erst das, was nach jeder großen Entdeckung kommt. Das »Aha« der Verwunderung klingt ab, und das »Warum nicht?« erobert sich seinen rechtmäßigen Platz in der Welt. Und bald denkt man: »Ja, natürlich.« Nach nur einem Monat ist es, als hätte das Klingeln schon immer zu unserem Leben gehört. Der Juli ist mit einem Schlag vorbei. Das Neue ist hereingerauscht und hat sich fest eingenistet. Jetzt muss ich, anstatt durchs Haus und nach draußen zum Automobil zu gehen, stehen bleiben und einen Telefonanruf entgegennehmen.

Zweimal langes Klingeln bedeutet, dass der Anruf für unser Haus gedacht ist, und mein Schlenker vom Ess­zimmer in den Salon ist das Natürlichste von der Welt. Nur ein einziges Mal habe ich den Fehler begangen, den Hörer abzunehmen, als der Anruf nicht für uns bestimmt war. Ich habe zwar gleich wieder aufgelegt, konnte aber noch mithören, wie Mr. Laing, der Besitzer des Mercantile, vom Tod seines Vaters erfuhr. Ich habe meine Lektion gelernt. Seitdem lasse ich Vorsicht walten. Ich bin kein abergläubischer Mensch, aber der neue Apparat hat diesem Haus nur gute Nachrichten gebracht. Ich ertappe mich dabei, dass ich stets zum Telefon eile, als wäre ich ein Kind, das dem Nikolaus nachläuft, um auch ja kein Geschenk zu verpassen, deshalb bin ich ein wenig außer Atem, als ich den Hörer schließlich abhebe.

»M-Mutter, ich hab N-Neuigkeiten«, sagt Lonnie. Für meinen Sohn ist Sprechen eine Herausforderung. Schon allein die Tatsache, dass er anruft, ist ein Beweis für die Großartigkeit der Erfindung. Dieser Junge hatte panische Angst vor seinem fünften Geburtstag, weil er nicht in die Schule gehen wollte. Sein Wille ist da, aber sein Mut steckt noch in den Kinderschuhen. Besser spät als nie, selbst mit achtundvierzig. Diesen Spruch habe ich schon so oft gesagt, dass er vielleicht allmählich anfängt, ihn zu glauben.

»Was denn für welche?«, frage ich.

»W-Wir h-haben einen Anruf b-bekommen.« Er seufzt schwer, schon wieder frustriert von seinem Sprach­fehler. »B-Berlin’s in Charleston interessiert sich f-für unsere ­H-Herrenmode.«

»Das wundert mich nicht.«

»Ja, aber s-sie haben ein T-Treffen vorgeschlagen, um sich die H-Hemden p-persönlich anzuschauen, am M-Montag.«

Was für eine fantastische Nachricht. Lonnie sollte diesen Erfolg genießen, schon allein, weil er das ohne mich geschafft hat. Es war seine Idee, die Näherei zu vergrößern. Er hat sich über die neusten elektrischen Nähmaschinenmodelle informiert und ausgerechnet, wie schnell sich die Investition bezahlt machen würde. Er hat die Hemden entworfen, den Stoff ausgewählt und die Angebote rausgeschickt. Alles ganz allein.

Monatelang bekam er nur Absagen, und nach so vielen Neins verlor er allmählich die Hoffnung. Ich habe ihm gesagt, seine pessimistische Haltung sei töricht; gut ist gut, und richtig ist richtig. Er ist die Zukunft. Er meint, eine Mutter muss so etwas sagen, aber das sehe ich anders. Lonnie hat eine kreative Ader und ein Näschen fürs Geschäft. Das sind schlichte Tatsachen, und das sage ich nicht, nur weil er mein Sohn ist. Ich bin mir der Talente, die meine Kinder besitzen, ebenso bewusst wie ihrer Schwächen.

»Entspann dich und genieß deinen Sieg«, sage ich zu ihm. »Ich komme gleich rüber. Wir kriegen das schon hin.«

Mein erster Gedanke ist, jetzt hast du einen Grund, nach Charleston zu fahren. Es ist schon so lange her, dass ich zuletzt dort war. Mein zweiter Gedanke ist, Lonnie hat eine richtige Belohnung verdient. Er hat immer im Schatten seines älteren Bruders gestanden, besonders bei seinem Vater, aber er hat gezeigt, was in ihm steckt, und jetzt zahlen sich seine Anstrengungen aus. Er sollte etwas bekommen, das ihn stets an diesen bedeutsamen Tag erinnern wird. Mein Papá sagte immer: »Wenn wir die kleinen Erfolge nicht feiern, vergessen wir, dass es sie überhaupt gab.«

Auf dem Speicher ist es an die zehn Grad wärmer als im übrigen Haus. Die Hitze ist erdrückend, selbst für mich, die ich nicht besonders wärmeempfindlich bin. Es riecht widerlich. Irgendein Tier muss hier hochgekrochen und verendet sein, obwohl ich nirgendwo Exkremente sehe. Ich versuche, das Speicherfenster zu kippen, damit der Gestank abziehen kann, aber es ist alt und klemmt, also schlage ich auf beiden Seiten dagegen, bis es sich ein bisschen bewegen lässt. Ich öffne es einen Spalt und nehme mir vor, später zurückzukommen, um es wieder zu schließen. Wir haben mehr als einmal erlebt, dass Tiere sich hierher verirrt haben und in diesem alten Raum gestorben sind. Bei all den Dingen, die auf dem Speicher verstaut sind, ist es ein Wunder, dass ­unsere Vergangenheit noch nicht über uns zusammengebrochen ist. In einer Ecke befinden sich eine Blechwanne, in der Edwin selbst gebadet wurde, die Schlafzimmermöbel seiner Eltern, wuchtig und alt, und alles, was seinen ver­storbenen Brüdern gehört hat, zwei Jungen, die Krankheiten erlagen, ehe Edwin zur Welt kam. In einer anderen Ecke steht das Schaukelpferd, um das sich unsere Töchter so oft gestritten haben. Die Narbe in Sarahs Gesicht, wo Molly sie gekratzt hat, war noch jahrelang zu sehen. Ringsherum sind viele Dinge, die uns Leid gebracht haben. Nachdem mein kleiner Buck gestorben war, packte ich seine Sachen in Kartons und ließ alles von Edwin hier auf den Speicher schaffen. Und dann, nachdem unsere Töchter so plötzlich und voller Zorn den Kontakt zu uns ab­brachen, räumte ich ihre Sachen aus ihren früheren Zimmern und lagerte sie hier. Ich weiß selbst nicht, was ich mir dabei dachte. Vielleicht, dass ich den Schmerz ihrer Abwesenheit herausschneiden könnte, wenn ich die Zeugen ihrer Anwesenheit entfernte? Ich muss unbedingt daran denken, den Speicher vor dem nächsten Sommer zu entrümpeln. Ich fände es furchtbar, wenn die Jungs unsere Geister erben.

Die Vergangenheit ist vorüber, und es sprießen junge Saatkörner von Möglichkeiten in alle Richtungen. Ich beabsichtige, mich weiter der neuen Ernte zu widmen. In meinem Alter sozusagen eine frische Erkenntnis zu haben, noch mal Auftrieb zu bekommen, ist etwas, das unsere Haushälterin Retta als göttliche Gnade bezeichnen würde. Obwohl Gott für mich nicht realer ist als der Osterhase. Ich glaube lieber an die Wissenschaft. Dennoch gebe ich gerne zu, dass Retta nicht ganz unrecht hat und dass ein frischer Wind weht.

Ganz hinten auf dem Dachboden finde ich die alte Kirschholztruhe, die mein Vater mir geschenkt hat, als ich ein junges Mädchen war. Sie enthält alles, was es von mir gibt, bevor ich meinen Mann kennenlernte. Papá füllte die Truhe mit Dingen, von denen er glaubte, dass ich sie für die Ehe bräuchte. Er war ein pragmatischer Mann, unsicher, was er einem mutterlosen Kind, noch dazu einem Mädchen, zum wichtigsten Tag im Leben schenken sollte, deshalb füllte er sie mit den Sachen meiner Mutter – Schmuck, Kristall, Porzellan, wunderschön zarte Spitzen und Seidenstoffe aus der ganzen Welt –, damit ich einen Teil meines alten Zuhauses im neuen hätte, ein Stück Vergangenheit für die Zukunft. Er wusste instinktiv, was meinen unsteten Geist beruhigen würde. Damals verstand ich Papá nicht, heute jedoch schon.

Diese alte Truhe enthält das wenige, das mir von dem Mann geblieben ist. Die Holzkiste ist nicht mehr zeitgemäß, aber ich bringe es nicht übers Herz, sie auszurangieren. Das wäre fast so, als würde ich meinen eigenen Vater entsorgen. So abgestumpft bin ich denn doch nicht geworden. Ich wuchte den Deckel hoch und spähe hinein. Tief in einer Ecke, unter meinem Taufkleid, entdecke ich eine kleine rote, mit schwarzem Samt ausgekleidete Schatulle, deren Scharniere sich mit dem Alter gelockert haben. Darin liegt die Taschenuhr meines Vaters wie eine Trophäe, aus Gold, mit einer Widmung meiner Mutter an ihn zu ihrem Hochzeitstag. Er hatte sie immer bei sich. Er sagte, dass meine Mutter ihn auf jedem Kontinent der Welt, in jedem Augenblick, an die Zeit erinnerte und daran, wie rasch sie verstrich. Die Frau war vernünftig, so viel kann ich sagen, und ich wünschte, ich hätte sie gekannt. So wie Papá immer von ihr erzählte, muss sie eine Königin gewesen sein, aber jetzt, da ich alt bin, frage ich mich nur, wie ihre Stimme geklungen hat. Mir würde es schon genügen, allein das zu wissen.

Ich öffne die Rückseite der Uhr und ziehe sie mit dem kleinen Schlüssel aus der Schatulle auf, bis sie plötzlich wieder zum Leben erwacht, genau wie vor fünfundvierzig Jahren, als ich sie das letzte Mal in der Hand meines Vaters auf seinem Totenbett aufzog. Die Zeit rückte weiter voran, als sein Herz schon längst stehen geblieben war. Lonnie wird diese Uhr zu schätzen wissen. Immerhin wird sie ihm vielleicht vor Augen führen, wie viel Zeit er damit vertut, Angst vor der Welt zu haben.

Ehe ich mich zum Gehen wende, bleibe ich stehen und lausche. Ich genieße es, das Haus gelegentlich für mich ­allein zu haben. Retta wollte heute partout nicht früher nach Hause gehen, aber ich habe ihr gesagt, es würde niemandem etwas nützen, wenn sie sich totarbeitet, und mir schon gar nicht. Wenn alle fort sind, ist die Stille ganz anders. Dieses alte Haus ist hellhörig, Geräusche dringen sogar bis nach hier oben – die Uhr in der Eingangshalle, die fernen Rufe der Männer auf den Feldern, das Knarren der Bodendielen unter meinen Füßen. Es hat eine ganz eigene Identität. Nur selten habe ich Gelegenheit, innezuhalten und auf seine Stimme zu lauschen.

Die Fahrt zur Näherei ist recht angenehm. Auf den anderen Farmen wird diese Woche Baumwolle geerntet, und wenn ich vorbeikomme, unterbrechen die Leute ihre Arbeit und schirmen die Augen gegen die Sonne ab. Sie sind Frauen, die Auto fahren, noch nicht gewohnt, obwohl sie mich schon unzählige Male am Steuer gesehen haben. Ich strecke meine behandschuhte Hand aus dem Fenster und winke den Schwarzen auf den Feldern zu, und sie winken zurück. Ihr Anblick erinnert mich daran, dass normalerweise auch für uns Erntewoche wäre.

Das erste Jahr, in dem wir hauptsächlich Tabak anbauen, hat uns alle ein bisschen aus dem Tritt gebracht. Der Arbeitsaufwand beim Tabak ist deutlich höher, und noch habe ich mich nicht daran gewöhnt. Jetzt gibt es nicht mehr zwei, sondern drei Erntephasen: das Pflücken, das Trocknen und dann der Verkauf. Baumwolle war da so viel einfacher.

Die Arbeiter mit ihren seitlich umgehängten Säcken ­heben sich als Silhouetten vor den weiß gesprenkelten Feldern und der hoch stehenden Sonne ab. Sie schwanken im Gleichtakt, während sie sich von Pflanze zu Pflanze und von Reihe zu Reihe bewegen. Sie singen alte Lieder ihrer Vorfahren. Ich beuge mich näher ans offene Fenster, um die Musik besser hören zu können, doch sie wird vom rauschenden Fahrtwind und den Motorengeräuschen übertönt.

Die Baumwolle kommt allmählich zurück, aber die Spuren der Zerstörung sind noch immer schmerzlich sichtbar. Der Tabak wird uns retten. Südlich von unserer Farm gibt es keine Tabakfelder. Alle Augen sind auf Branchville und Orangeburg gerichtet. Wenn wir einen guten Preis erzielen, gibt es nächstes Jahr um diese Zeit eine größere Vielfalt. Auf jedem Feld südlich von Orangeburg wird etwas anderes angebaut werden.

Edwin und unser ältester Sohn Eddie kümmern sich nun schon seit Wochen in der Scheune um den Tabak. Ich bin froh, dass eine kleine Maisernte sie wenigstens diese Woche ein paar Tage abgelenkt hat. Sie machen sich noch selbst krank vor Sorge um den Tabak, dabei besteht dafür gar kein Grund. Sorge ist etwas, das ich noch nie verstanden habe. Sorge bewirkt nichts Gutes, sie beraubt den Tag nur seiner Möglichkeiten. Aber wie der Vater, so die Söhne, vermute ich. Von mir haben sie das jedenfalls nicht. Meine Töchter waren dagegen pragmatisch. Sie haben uns verlassen, ohne je zurückzuschauen.

Die Frauen in der Näherei sind fleißig bei der Arbeit an ihren Maschinen. Ich sehe Lonnie durch das Glasfenster, das unser Büro von den Frauen trennt. Er sitzt auf meinem Stuhl, mit vorgebeugtem Kopf. Er hat eine kreisrunde kahle Stelle so groß wie eine Eindollarmünze oben auf dem ­Schädel, genau wie sein Vater. Ich grüße die Frauen, während ich zwischen den Nähmaschinen hindurch zu meinem Sohn gehe. Sie lächeln und grüßen zurück, ohne die Hände von dem Stoff zu nehmen, den sie gerade nähen. Ich liebe das Geräusch der im Gleichklang arbeitenden Maschinen. Wenn ich die Augen schließe, könnte es auch das Geräusch einer anfahrenden Lokomotive sein. Eigentlich ist diese Fabrik eine Art Lokomotive, die uns noch weit bringen wird. Ich bin sicher, wenn alles nach Plan läuft, sind wir in einem Jahr doppelt so groß und beschäftigen zweimal so viele Frauen wie jetzt. Für ein Geschäft, das mit sechs ­Näherinnen im Hinterzimmer einer Kirche anfing, haben wir uns sehr gut entwickelt.

Lonnie blickt nicht auf, als ich zur Tür hereinkomme. Vor ihm liegen drei Musterhemden in Blau, Braun und Gelb, auf links gedreht, sodass er die Nähte überprüfen kann. Er greift nach der Schere neben ihm, will den ersten Schnitt machen.

»Untersteh dich«, sage ich zu ihm.

Er hebt den Kopf und blickt mich an, das Gesicht vor Kummer verzerrt. Er hat sich mit diesen Hemden ab­gemüht, bei jedem immer wieder von vorne angefangen, überzeugt, dass sie noch nicht gut genug sind.

»Sie sind perfekt. Ändere nichts mehr.«

»Nein, an den T-Taschen sind die N-Nähte nicht robust genug. Die h-halten k-keinen Monat.«

»Sei nicht albern, die werden Jahre halten, wenn man sie richtig behandelt.«

Er blickt von den Hemden zu mir, wirft die Schere auf den Schreibtisch und lässt den Kopf hängen. Ich lege ihm das Päckchen hin, das ich mitgebracht habe. Er sieht mich fragend an, und ich bedeute ihm mit einem Nicken, es zu öffnen. Er macht das sehr behutsam, genau wie schon als Kind. Damals hat er alles personifiziert, seine Handschuhe, den Weihnachtsbaum, Geschenkpapier, hat jedes unbelebte Objekt behandelt, als hätte es eine verletzliche Seele. Das ging sogar so weit, dass er tröstend auf die Dinge eingeredet hat. Ich ziehe die Hemden auf rechts, falte sie zusammen und stapele sie, während er das Seidenpapier in der Schatulle auseinanderzieht. Lonnie dreht und wendet die Uhr zwischen den Fingern, und wieder einmal staune ich über die Ähnlichkeit zwischen seinen Händen und denen meines Vaters.

»Die hat deinem Großvater gehört, und jetzt gehört sie dir. Er war der geschäftstüchtigste Mensch, den ich kenne, und du bist ihm sehr ähnlich.«

»Er hat f-früher angefangen als ich.«

»Ein später Anfang ist nicht weniger bedeutsam als ein früher. Ich würde sogar behaupten, er ist noch bedeutsamer. Lebenserfahrung lässt sich allein daran messen, wie viele Hindernisse man überwinden musste, um sie zu erlangen.«

Ich setze meinen Hut ab, und Lonnie steht auf und bietet mir den Stuhl an. Er rückt einen anderen neben meinen.

»Ich f-finde, du solltest dich mit ihnen t-treffen«, sagt er.

»Kommt nicht infrage«, sage ich. »In spätestens einem Jahr gehört die Näherei dir. Also gewöhne dich langsam daran, mit der Außenwelt zu reden. Außerdem kennst du das Produkt von uns beiden am besten.«

»Ich k-kann dich v-vorbereiten.«

Ich blicke ihn einen Moment lang an, dann nehme ich meine Feder aus dem Tintenglas und ein Blatt Papier aus der Schreibtischschublade.

»Was sollte ich deiner Meinung nach sagen?«

Ich schreibe alles auf, was er mir diktiert, die Herstellungskosten pro Hemd, der Zeitaufwand, die angebotenen Muster und Farben. Dabei stottert er praktisch kein einziges Mal. Schließlich reiche ich ihm das auf beiden Seiten voll­geschriebene Blatt Papier und sage ihm, er soll es auswendig lernen. Er sitzt da und starrt auf seine eigenen Worte.

»Wir üben das auf der Zugfahrt.«

Er hebt hoffnungsvoll den Kopf.

»Ich werde mit dir hinfahren, aber zu der Besprechung gehst du allein.«

Er schließt die Augen und schüttelt den Kopf.

»Hör auf«, sage ich, und er massiert sich kurz den Nasenrücken, faltet dann das Blatt zweimal zusammen. Ich nehme es ihm aus der Hand und schiebe es zusammen mit der Uhr in die Brusttasche des Hemds, das er anhat und das er selbst für sich gemacht hat. »Na, wenn das keine robuste Tasche ist.«

Er nickt und strafft die Schultern, ehe er aufsteht, um mit seiner Nachmittagsschicht in der Werkhalle anzufangen. Ich schlage die Geschäftsbücher auf, um mir unsere Buchhaltung anzuschauen, während er seinen Stuhl zurück an die Wand stellt. Das Schreibtischtelefon klingelt, als Lonnie gerade zur Tür hinaus will. Er erstarrt und wartet, während meine Hand über dem Hörer schwebt. Es klingelt einmal lang und einmal kurz, nicht für uns. Lonnie lächelt erleichtert und geht nach draußen zu dem Tisch mit den Stoffen, wo er bunte Jute mit großblumigem Muster von einem Ballen abrollt. Er legt den Stoff auf den Zuschnitt-Tresen und schneidet ihn mit einer langen geraden Klinge in akkurat abgemessene Rechtecke ab, die er ordentlich stapelt, sodass jede Frau sich nach Bedarf neues Material holen kann.

Es war Lonnies Idee, bunt bedruckten Stoff für Futtersäcke zu verwenden. Er hatte bemerkt, dass die Frauen im Ort sich aus den alten Säcken Schürzen, Kleider und Überdecken nähten, und er machte mich darauf aufmerksam. Seltsam, dass mir das nie aufgefallen war. Jetzt sehe ich es überall. Die Hälfte der Frauen in der Näherei tragen Kleider aus ausrangierten Futtersäcken. Die Halle ist ein Meer aus Rot, Blau, Gelb und Grün, aus Blumenmustern und geometrischen Mustern, jedes Kleid anders geschnitten und verziert. Manche haben Schleifen an der Taille und Knöpfe am Kragen, und manche sind kaum mehr als die ursprünglichen Säcke mit Löchern für Arme und Kopf. Man kann an der Kleidersorte ebenso leicht erkennen, wer zu ein und derselben Familie gehört und wer zu den ärmsten. Mütter und Töchter sitzen gleich gekleidet nebeneinander, ganz ähnlich wie ich früher meine eigenen Töchter eingekleidet habe. Einmal machte ich meinen beiden Mädchen gleiche Kleider mit Flügeln dran, und sie liefen wochenlang mit ausgebreiteten Armen durchs Haus und behaupteten, sie seien Feen. Das war die Zeit, als Magie noch sehr real war; Glühwürmchen waren Feenpferdchen, und Lavendelfelder waren Sommerhäuser des Feenreichs.

Die Näherei hat ganze Generationen beschäftigt, und ich sehne mich einen Moment lang nach allem, was meine Arbeiterinnen noch haben und ich nicht mehr. Einander. Wenn es mich hier, auf dieser Erde nicht mehr gibt, werde ich sie vermissen? Ist die Sehnsucht nach etwas, das noch nicht passiert ist, ebenso stark wie die nach etwas längst ­Vergangenem?

Ich greife nach dem Telefonverzeichnis, das Lonnie Anfang Sommer bestellt hat. In den gelben Seiten hat er jedes Bekleidungsgeschäft in Charleston umkringelt. Ich selbst habe zwei andere Seiten in dem Buch studiert, die sonst wohl niemand aufschlagen würde: Mr. und Mrs. Morgan Abbott, die Telefonnummer meiner Tochter Sarah, und Mr. und Mrs. Fitzgerald Osteen, Mollys Haus. Ich war freudig erregt und zugleich verängstigt, als ich meine Töchter fand. All die frühen Erinnerungen an sie wurden wieder lebendig, als wir den Telefonanschluss erhielten, und dann, als ich sie im Telefonbuch sah, löste das eine neue Welle von Erinnerungen aus, gute und schlechte, wie von Zauberhand. Fünfzehn Jahre ist es her, seit ich zuletzt mit meinen Mädchen gesprochen habe, und diese neue Erfindung hat mir vieles aus ihrer Kindheit und Jugend ins Gedächtnis zurückgerufen – ein weiteres Aha-Erlebnis beschert. Ich habe ihre Telefonnummern schon so oft angestarrt, dass ich sie auswendig weiß. Wenn mein Sohn seine Ängste überwinden kann, dann kann ich gewiss auch meinen begegnen und seine Schwestern anrufen. Was habe ich zu verlieren? Ist die Zeit nicht reif für Versöhnung?