Almost Speechless. Die Tiefe deiner Worte - Sina Müller - E-Book

Almost Speechless. Die Tiefe deiner Worte E-Book

Sina Müller

0,0
3,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

**Bist du bereit, der Liebe zu vertrauen?** Paulina liebt Worte – und doch ist sie nahezu stumm. Eine Kommunikationsstörung namens Selektiver Mutismus macht es der kreativen Studentin der Academy of Arts fast unmöglich, sich mit anderen auszutauschen. Zuflucht findet Paulina in ihren Geschichten, in denen sie Tag und Nacht ihre Protagonisten die Dinge sagen lässt, die ihr nicht über die Lippen kommen. Und bei Adrian, dem rebellischen Sprayer, der plötzlich an der Akademie auftaucht und mit jedem Blick ihr Herz höherschlagen lässt. Wenn sie doch nur mit ihm sprechen könnte … Herzklopfen pur! Eine Geschichten liebende Studentin, die lernen muss zu vertrauen, und ein vorbestrafter Bad Boy, bei dem allein sie sich fallen lassen kann. Die perfekte Liebesgeschichte für alle, die an die Magie der Worte glauben. //»Almost Speechless. Die Tiefe deiner Worte« ist ein in sich abgeschlossener Einzelband.//

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Impress

Die Macht der Gefühle

Impress ist ein Imprint des Carlsen Verlags und publiziert romantische und fantastische Romane für junge Erwachsene.

Wer nach Geschichten zum Mitverlieben in den beliebten Genres Romantasy, Coming-of-Age oder New Adult Romance sucht, ist bei uns genau richtig. Mit viel Gefühl, bittersüßer Stimmung und starken Heldinnen entführen wir unsere Leser*innen in die grenzenlosen Weiten fesselnder Buchwelten.

Tauch ab und lass die Realität weit hinter dir.

Jetzt anmelden!

Jetzt Fan werden!

Sina Müller

Almost Speechless. Die Tiefe deiner Worte

**Bist du bereit, der Liebe zu vertrauen?**Paulina liebt Worte – und doch ist sie nahezu stumm. Eine Kommunikationsstörung namens Selektiver Mutismus macht es der kreativen Studentin der Academy of Arts fast unmöglich, sich mit anderen auszutauschen. Zuflucht findet Paulina in ihren Geschichten, in denen sie Tag und Nacht ihre Protagonisten die Dinge sagen lässt, die ihr nicht über die Lippen kommen. Und bei Adrian, dem rebellischen Sprayer, der plötzlich an der Akademie auftaucht und mit jedem Blick ihr Herz höherschlagen lässt. Wenn sie doch nur mit ihm sprechen könnte …

Wohin soll es gehen?

Buch lesen

Vita

Nachwort

© Designstudio Ihmsen

Sina Müller lebt mit ihrem Sohn, ihrem Freund und ihren beiden Katzen im Süden Deutschlands. Hoffnungsvoll romantisch – das trifft nicht nur auf die Autorin selbst zu, sondern auch auf die Protagonistinnen ihrer gefühlvollen Romane, die sie neben ihrem Beruf als Marketingspezialistin in jeder freien Minute schreibt. Findet sich dann doch noch etwas Zeit, tanzt die Freiburgerin gerne auf Konzerten oder widmet sich allerlei kreativen Näh- und Bastelprojekten.

Liebe Leser*innen,

dieser Roman wurde anhand eines Sensitivity Readings auf eventuell schädliche oder missverständliche Darstellungen der Kommunikationsstörung Selektiver Mutismus überprüft.

Wir wünschen Euch alles Gute und das bestmögliche Erlebnis beim Lesen besonderer Geschichten.

Eure Sina und das Impress-Team

Prolog

Adrian

Der Geruch der Lösungsmittel sticht mir trotz Halbmaske in der Nase und ich atme ganz flach, weil mir davon immer schlecht wird. Skeptisch betrachte ich mein Werk, korrigiere hier und da eine Schattierung, bis der Ausdruck auf dem Gesicht des Boxers dem entspricht, wie er sich in mein Gedächtnis gebrannt hat. Wütend, bereit, alles zu geben und zuzuschlagen. Die blanken Fäuste gereckt, rotes Blut klebt an den Knöcheln.

Keine Ahnung, warum ich mich genau dieser Figur aus Fight Club so nahe fühle. Aber seit ich mit meinen Leuten diesen Klassiker geschaut habe, lässt er mich nicht mehr los.

Ich trete einige Schritte zurück, betrachte das Graffiti, das sich auf der Fassade meiner Schule verdammt gut macht. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen nicke ich und lache – lache, weil ich mich frei fühle. Frei und unbesiegbar.

Ich schaue mich kurz um. In einiger Entfernung sehe ich Calli und Zao. Ihre schwarzen Silhouetten heben sich kaum von der dunklen Nacht ab. Sie haben sich eine andere Mauer gekrallt, eine betongraue Fläche, die so leblos und abgefuckt aussah, wie ich mich immer fühle, sobald ich auch nur in die Nähe des Schulgeländes komme. Gut, dass sie ihr endlich mit Farbe und Fantasie etwas Leben einhauchen. Diese Stunden mit meinen Jungs lassen mich all den Scheiß vergessen, der mich in der Realität immer weiter runterzieht. Der mich in der Nacht leben lässt, weil ich den Tag kaum noch ertrage.

Das Zischen der Spray Cans klingt wie Musik in meinen Ohren und ich entspanne weiter, verliere mich wieder in der Arbeit an meinem Kunstwerk. Der Boxer wird mit Abstand das beste Graffiti werden, das ich bislang gesprüht habe. Immer weiter verfeinere ich den Ausdruck, ziehe mit dem Stencil-Aufsatz feine Konturen nach, Falten, die meinen Boxer noch grimmiger, noch wütender wirken lassen. Dann trete ich zurück, weiß, dass ich langsam zum Ende kommen muss. Wir haben nicht ewig Zeit – die Gefahr, dass uns jemand sieht, ist selbst auf diesem schlecht einsehbaren Schulhof zu groß.

Ich krame in meinem Rucksack nach der schwarzen Dose mit dem Kalligrafie-Cap, das ich für gewöhnlich für mein Tag nutze – die Signatur unter meinen Graffitis. Neo. Den Spitznamen hat mir Calli gegeben, als ich mit dem Sprayen angefangen habe. Ich würde ihn an Keanu Reeves erinnern, hat er einmal gesagt. Den Namen mag ich – es gibt üblere Pseudos.

Als ich ansetze, um mit einem geübten Schwung meinen Namen zu sprayen, spüre ich eine Hand auf meiner Schulter. Sie gibt ganz schön Druck und versucht mich umzudrehen. Wäre ich nicht voll auf meine Arbeit konzentriert, wäre ich sicher tierisch erschrocken und hätte das Überraschungsmoment genutzt, um abzuhauen. So drehe ich mich nur genervt um und will Calli oder einen der anderen Jungs zur Schnecke machen, weil sie mich mal wieder beim Finale unterbrechen. Dabei wissen sie doch, wie wichtig mir dieses Ritual ist, meine Arbeit sauber abzuschließen.

Anstatt in die vermummten Gesichter meiner Kumpels blicke ich geradewegs in die zusammengekniffenen Augen von Direx Remke. Ich zucke geschockt zusammen. Mein Herzschlag dröhnt in meinen Ohren, ich ringe nach Atem und dann schreie ich. Schreie, so laut ich kann. Es ist, als würde ich all die Wut aus meinem Körper pressen, die Ungerechtigkeiten, die mir nicht nur in dieser Schule begegnet sind. Und die Angst.

Aus einem inneren Drang heraus hebe ich meine Hand und drücke auf den Knopf der Spraydose. Ich will diesen Blick nicht mehr sehen, die Enttäuschung, das Wissen, dass ich es sowieso verkacken werde. Den stummen Vorwurf, der mir aus fast jedem Blick Erwachsener entgegenkommt – immer.

Der panische Aufschrei vom Remke dringt verspätet in meinen Kopf, bohrt sich in mein Bewusstsein und schockiert von mir selbst lasse ich die Dose fallen. Mit einem blechernen Schlag scheppert sie auf dem Asphalt. Laut. Anklagend. Ich zittere, starre zu dem anzugtragenden Mann vor mir, der sich die Brille vom Gesicht kratzt und ungläubig sein schwarzes Gesicht betatscht.

»Renn, Neo!«, höre ich Callis Stimme die dröhnende Stille durchbrechen. »Renn!«

Ich brauche ein, zwei … drei Atemzüge. Und dann laufe ich los.

Kapitel 1: Zurück zu mir

Paulina

»Paulina!«

Lee rennt mit ausgebreiteten Armen auf mich zu, als ich mich eilig von unserem Hausmeister Elio verabschiede, aus dem Kleinbus aussteige und das Gelände der Academy of Arts betrete. Ihre langen blonden Haare glänzen in der Herbstsonne, ihre Haut ist sommerlich gebräunt und sie sieht atemberaubend aus.

Ich nehme einen langen Atemzug und spüre, wie eine tiefe Ruhe in mir einkehrt. Vor einem Jahr habe ich den ersten Schritt getan und mein Studium in dieser Talentschmiede begonnen. Als eine der Jüngsten im Jahrgang war es nicht immer einfach. Zumal ich es hasse aufzufallen und eine Sonderrolle einzunehmen. In Lee habe ich nicht nur eine liebe Freundin und Zimmernachbarin gefunden, sondern besonders eine Mentorin, die mein Sprachrohr ist. Die auf mich aufpasst und mich durch den Dschungel der Hochschule lotst.

»Komm her!« Sie streckt ihre Hände nach mir aus und zieht mich in eine enge Umarmung.

Ein Gefühl der Geborgenheit durchströmt mich und ich spüre, wie meine Mundwinkel ein Stückchen nach oben wandern.

»Du musst mir unbedingt alles über deine Ferien erzählen. Und dein neues Buchprojekt. Und –« Lee hält inne und schiebt mich eine Armesbreite von sich weg. Ihr Lächeln ist strahlend und erst jetzt wird mir bewusst, wie sehr ich sie vermisst habe. »Du bist älter geworden.«

Sie zwinkert mir zu und entlockt mir ein genervtes Stöhnen. Weiß sie doch zu gut, dass ich Geburtstage hasse. Nein, das stimmt nicht. Ich hasse Überraschungen, weil ich nie weiß, wie ich damit umgehen soll. Weil sie zu viel Aufmerksamkeit bedeuten und mich daher verunsichern.

»Happy Birthday, Kleine!«

Schnell schaue ich mich um und hoffe, dass niemand ihre Glückwünsche mitbekommen hat. Vielleicht hätte ich doch erst morgen anreisen sollen, dann wäre mir das alles erspart geblieben. Ich weiß, dass es Lee nur lieb meint, und deshalb schenke ich ihr ein dankbares Lächeln.

»Wo sind die anderen?«, lenke ich ab, hake mich bei Lee unter und ziehe sie in Richtung des hellgelb getünchten ehemaligen Klosters, das die Academy of Arts – kurz AcA genannt – beherbergt. Glücklich lasse ich meinen Blick über das alte Gebäude schweifen, das so herrschaftlich und ehrwürdig aussieht und dadurch schon oft Schauplatz meiner Geschichten war, die in der Vergangenheit spielen. Die burgähnliche Anlage ist auf einer Anhöhe nahe dem Örtchen Lieberose erbaut und selbst wenn man an keinen Gott glaubt, spürt man in jedem Winkel die Anwesenheit einer höheren Macht. Ich liebe diesen Ort, der mit seinen goldenen Statuen und den weiß getünchten Säulen dem Setting eines Sissi-Films oder einer Märchenadaption gleicht. Vom nahe gelegenen Wald weht mir der würzige Duft der Nadelbäume entgegen, der mich an die Wochenendausflüge in meiner Kindheit erinnert. Immer dann, wenn es meinen Eltern in Bochum zu stickig wurde, fuhren wir zum Kemnader See.

»Nias Bus kommt erst später an. Und Toni … na ja, schätze, du musst mit mir vorliebnehmen. Aber ich habe eine supercoole Überraschung für dich. Und Mathilda –« Sie schlägt sich die Hände vor den Mund, als hätte sie sich eben verplappert. Unwillkürlich muss ich schmunzeln, denn die Erwähnung unserer Küchenfee kann nur eines bedeuten: Lee hat leckeres Essen für mich organisiert. Mein Magen knurrt nach der langen Reise und auf die Toilette müsste ich auch dringend.

Ich begrüße ein paar meiner Kommilitonen, die auf dem Campus rumstehen, und eile durch den großen Torbogen in Richtung Mädchentrakt. Seltsam, wie vertraut sich hier alles anfühlt. Es ist, als würde ich nach Hause kommen. In meiner alten Schule habe ich mich immer fremd gefühlt. Ich war das stumme Mädchen, das erst schräg angeschaut und später nicht mehr beachtet wurde. Ich war da. Geduldet. Mehr aber auch nicht. Was für ein Glücksfall es doch war, dass meine damalige Deutschlehrerin den Kontakt zu Corinna hergestellt hat. Wäre sie nicht von meinem Talent überzeugt gewesen, wäre ich niemals hier gelandet, denn sie ist Scout für die AcA und dafür zuständig, den Nachwuchs zu rekrutieren. Corinna musste mich nicht lange überzeugen, denn schon während meiner ersten Recherchen über diese Kunsthochschule habe ich herausgefunden, dass man sich auf der Academy of Arts nicht bewerben kann. Entweder ein Scout ist von deinem Können überzeugt oder du schaffst es nie in diese außergewöhnliche Talentschmiede. Obwohl wir uns vom ersten Augenblick an gut verstanden haben, sehe ich meinen Scout viel zu selten. Corinna wohnt zwar auf dem Stiftsgelände im Wald, in dem eigens für die Scouts und Dozenten ultramoderne Würfelhäuser aus Beton erbaut wurden, sie ist aber viel unterwegs – immer auf der Suche nach neuen Talenten.

»Ach, ich habe dich echt vermisst«, schnieft Lee und schmiegt sich eng an mich.

Gemeinsam betreten wir das herrschaftliche Gebäude und laufen zufrieden die Flure und Treppen entlang, die wir schon so oft gemeinsam gegangen sind. Alles fühlt sich so vertraut an und ich grinse glücklich.

In Momenten wie diesen wird mir bewusst, wie viel Glück ich gehabt habe, denn die AcA ist anders als andere Hochschulen. Was hier zählt, ist die Kreativität und unsere Bereitschaft, diese in all ihren Facetten auszuleben. Dazu gehört auch, dass sie so seltsamen Wesen wie mir eine Chance geben. Denn wo sonst hätte ich meiner Leidenschaft – dem Schreiben – nachgehen können? Stumm, wie ich in manchen Situationen bin, falle ich in vielerlei Hinsicht durchs Raster. Ich passe nicht ins System. Mündliche Prüfungen sind dank meines Selektiven Mutismus kaum zu bewerkstelligen. Bei Druck blockiere ich. Hier in Lieberose habe ich aber einen Raum gefunden, in dem ich mich entfalten kann. In dem ich sein kann, wie ich bin, in dem ich wachsen kann – an Herausforderungen, die mich weiterbringen, aber niemals in die Knie zwingen.

Mit der mir entgegengebrachten Wertschätzung und der Achtsamkeit, mit der die Dozenten hier mit mir umgehen, habe ich im letzten Jahr mehr geschafft, als ich jemals zu träumen gewagt habe.

»Bist du schon aufgeregt?«, will Lee von mir wissen und rempelt mich spielerisch an, als wir vor unserer Zimmertür stehen.

»Muss ich die Augen zumachen?« Mit Lee fällt es mir seltsam leicht zu reden. Sie hat mir von Anfang an gar keine andere Chance gegeben, hat einfach drauflosgeplappert, bis ich meine Scheu verloren habe. Dabei tue ich mich sonst mit Fremden meistens schwer.

»Warte.«

Sie tritt hinter mich und schon fühle ich ihre kühlen, zarten Hände auf meinem Gesicht. Ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt, wie sie mit diesen kleinen Fingerchen die imposantesten Skulpturen aus Stein erschaffen kann. Lee ist im Kunstzug und hat sich auf Bildhauerei spezialisiert. Sie schiebt mich in unser Zimmer und gibt blitzschnell meine Augen frei. »Tadadadaaa!«

Als Erstes nehme ich den Geruch nach Zimtschnecken wahr, der mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt. Dann sehe ich einen liebevoll gedeckten Tisch in der Mitte unseres Zimmers. Blumen stehen darauf und ein paar kunstvoll eingepackte Geschenke. Über meinem Bett hängt eine quietschbunte Wimpelgirlande, die die Aufschrift Happy Birthday trägt.

Ich bedecke mit den Händen meinen Mund, der voller Staunen aufgeklappt ist. Verzweifelt suche ich nach Worten, die ich wieder einmal nicht finde, die unkoordiniert in meinem Kopf herumwirbeln und die wildesten Dankeshymnen ergeben.

Ich hoffe, Lee kann auch nur ansatzweise erahnen, was sie mit dieser Geste in mir auslöst.

»Wow«, bringe ich heraus und lasse mich von Lee an den Tisch führen.

»Ich weiß ja, dass du Überraschungen nicht magst. Aber: Man wird nur einmal im Leben volljährig. Morgen gibt es dann noch mit der ganzen Meute eine Party bei Vincent im Betonklotz. Toni konnte ihn sogar überreden, extra für dich aufzulegen. Du sollst ihm noch eine Liste mit deinen Lieblingssongs geben. So, und jetzt nimm Platz, Geburtstagskind!«

Sie drückt mich auf den Stuhl, auf dem ich für gewöhnlich sitze, wenn wir uns in unserem winzigen Zimmer aufhalten. Oft schreibe ich hier bis tief in die Nacht hinein, wenn ich denke, es wird Zeit, das Schreibzimmer zu verlassen, weil alle anderen schon schlafen und es sich seltsam anfühlt, nachts allein auf den Fluren herumzugeistern.

Lee wuselt um mich herum und schon sprüht eine kleine Fontaine, die in einem Berg Zimtschnecken steckt, funkelnde Sternchen in die Luft. Lee schmettert währenddessen ein Ständchen und bringt mich mit ihrer ziemlich schiefen Darbietung zum Kichern.

Nach einer liebevollen Umarmung drückt sie mir ein paar Geschenke in die Hand.

»Pack aus! Wir haben nicht ewig Zeit. Gleich gibt es Abendessen und die anderen wollen auch noch was von dir haben.«

Ich stöhne. Und grinse breit. »Was habe ich euch vermisst. Und diesen ganzen Stress!«

Schon schnappe ich mir eines der Geschenke und fahre vorsichtig über das Papier. Ich mag es, mir zu überlegen, was mir meine Freunde schenken. Tausend Ideen wirbeln dann in meinem Kopf umher und ich habe schon das eine oder andere Mal einen Volltreffer gelandet.

»Selbst gemacht?«, tippe ich und schaue Lee erwartungsvoll an.

»Das wirst du nur rausfinden, wenn du es öffnest.«

Geduld ist keine Eigenschaft, mit der ich Lee charakterisieren würde. Sie ist spontan, impulsiv, schießt manchmal übers Ziel hinaus, ist aber ein herzensguter Mensch.

Ich tu ihr den Gefallen und friemle den Tesafilm sorgfältig vom Papier. Ihr Stöhnen entlockt mir ein albernes Kichern und ich beschleunige das Auspacken. In die Hände fällt mir ein schweres Etwas, das in durchsichtige Blubberfolie eingewickelt ist. Vorsichtig löse ich die Schutzverpackung und halte einen schwarzen Engel in den Händen. Er ist nur schemenhaft aus dunklem Stein gehauen, gesichtslos, und doch spüre ich schon beim Anblick eine Energie, die mich machtvoll durchströmt. Die Flügel sind nur durch ein paar Kerben im muskulösen Rücken angedeutet. Auch sonst wirkt die Gestalt ziemlich durchtrainiert. Ich hebe meinen Kopf.

»Ein dunkler Engel?«, hake ich nach und bin auf ihre Erklärung gespannt.

»Ein böser Bube.« Sie zuckt grinsend mit den Schultern. »Deinem Blick nach zu urteilen hast du schon eine Geschichte für ihn im Kopf.«

Ich schaue versonnen auf die Skulptur, drehe und wende sie, umschließe den Engel und spüre seine Kälte, seine Härte und seine Kraft.

»Er ist wunderschön! Danijel. Ich werde ihn Danijel nennen.«

Lee klatscht in die Hände und ist offensichtlich mehr als zufrieden mit meiner Reaktion. »Ich bin so gespannt!«

»Danke!« Ich nehme das zweite Geschenk in die Hand. »Ein Buch?«, tippe ich und knubble schon die Verpackung auf. Lee zuckt breit grinsend mit den Schultern.

Ich ziehe ein Notizbuch hervor, auf dessen Einband in wunderschön geschwungenen Lettern My First Times steht. Darum herum ranken sich kunstvolle Blumen und zarte Schmetterlinge. Das Heft ist in einem hellen Rosaton gehalten und wirkt so lebendig und frisch, dass mein Herz ganz leicht wird.

»Ich dachte, da du dich mit der Aufgabe, täglich etwas Neues anzugehen, schwer tust, helfe ich dir ein bisschen. Ich habe das Ganze wie ein Bullet Journal aufgezogen und dir für jede Woche ein paar Anregungen reingeschrieben, was du ausprobieren könntest. Ich hoffe, es hilft dir.«

Ich springe auf und umarme meine Freundin stürmisch. Ich liebe die Lehrmethoden der AcA, aber mit diesem Ersten-Mal-Dings habe ich definitiv Schwierigkeiten. Es soll uns in unserer Kreativität beflügeln und helfen, ausgetretene Pfade zu verlassen. Wir alle leben innerhalb angelernter Muster. Muster, die uns einschränken und uns Möglichkeiten nehmen, die wir oft gar nicht von selbst sehen. Deshalb eben täglich etwas Neues! Hört sich super an. Nur in der Realität ist es so, dass ich genau diese Muster brauche, um zu überleben. Ich brauche die Sicherheit zu wissen, was mein Tag bereithält. Neues überfordert mich. Es ängstigt mich. Und dann verstumme ich.

Kapitel 2: Neuanfang

Adrian

Die Lichter der Stadt ziehen an mir vorüber, verschwimmen, und bald schon sind sie nicht mehr zu erkennen. Dunkelheit. Das Leuchten ist ganz fern – als wäre es fast erloschen. Wie meine Zukunft. Ich lasse nicht zu, dass mich die Schwermut packt. Dass sie mich runterzieht in dieses Loch, das so ausweglos ist, so düster und allesverschlingend.

Entschlossen ziehe ich meine Kopfhörer auf die Ohren, vergrabe mich tiefer in der Kapuze meines schwarzen Hoodies und drehe die Songs von Eminem lauter. Die Musik passt perfekt zu dem Gefühlscocktail, der in mir herumschwappt.

Meine Mutter hatte mich gewarnt, mich immer und immer wieder angebettelt, mit dem Sprayen Schluss zu machen. Spätestens als es Ärger mit der Polizei gab, hätte ich auf sie hören sollen. Aber ich wusste es besser und nun … Nun bin ich mit meinem Onkel auf dem Weg an einen Ort, der weit weg von all diesen Dingen ist, die mich so sehr faszinieren. Weit weg von den Leuten, die mich mit offenen Armen aufgenommen haben, ohne Fragen zu stellen. Die mich aufgefangen haben, als ich im freien Fall war. Und es dennoch zuließen, dass ich mit Karacho im Dreck gelandet bin.

Der Umgang mit meinen Freunden hat mich mit Haut und Haaren verschluckt – das muss ich zugeben. Das alles ist mir über den Kopf gewachsen, diesen Untergrundsumpf, in dem ich abgetaucht bin, habe ich tatsächlich unterschätzt. Die Härte dieser Stadt hat mich voll erwischt! Berlin eben.

Ich versuche an nichts zu denken. Halte die Erinnerungen von mir fern. Die schönen, aber auch die weniger schönen. Nichts davon ist noch von Bedeutung. Mein Leben ist zu Ende, bevor es so richtig begonnen hat.

Sei nicht so melodramatisch, würde Selina jetzt sagen und einen Winkel ihres vollen Mundes hochziehen. Sie würde mich dazu bringen, mit den Augen zu rollen. Ob ich sie vermissen werde? Vermutlich nicht. Sie ist nur eines der Puzzleteilchen, mit denen ich versucht habe mich abzulenken. Abzulenken von den großen Fragen, die so laut in mir schreien und auf die ich einfach keine Antworten finde. Warum hat mein Vater mich einfach zurückgelassen, ausgetauscht gegen andere, jüngere Kinder? Bin ich schuld, dass er sich von Mum getrennt hat? Was soll aus mir werden? Wo ist mein Platz? Etwa in Berlin?

Kaum hat Elio den Kleinbus auf die Autobahn gesteuert, setzt er auch schon den Blinker und fährt auf die erste Raststätte. Ich kenne den Rasthof, habe dort schon mit Calli und den anderen gesprayt. Er liegt nahe an der Stadt, und wenn wir in der Enge der Straßen keine Luft mehr bekommen haben, sind wir mit Zaos rumpeligem Opel rausgefahren. Wir haben die Lautsprecher aufgedreht, bis die Scheiben zu wackeln begonnen haben. Und manchmal sind wir hier gelandet. Seltsam, nun hier zu stehen, all die Graffitis zu sehen, die so eng mit meiner Vergangenheit verknüpft sind.

Elio kann nicht wissen, dass wir hier waren. Wir sehen uns kaum – wann er das letzte Mal bei uns in Berlin war, kann ich noch nicht einmal sagen. Er kennt mich nicht. Nicht mehr, dabei war er mir einmal echt wichtig, und seit sich mein Dad von einem Tag auf den anderen verpisst hat, ist er zu so etwas wie meinem Vaterersatz mutiert. Bis … ja … bis Calli aufgetaucht ist und ich anfing, mit ihm um die Häuser zu ziehen.

»Kaffee?«, höre ich Elio brüllen.

Seine Stimme dringt nur gedämpft zu mir durch, vermischt sich mit Eminems Lyrics und lässt mich dennoch zusammenzucken. Missmutig streife ich die Kapuze vom Kopf und schiebe den Kopfhörer in den Nacken.

»Hier gibt es nur Pissbrühe«, maule ich, schnalle mich aber dennoch ab, da Elio bereits aus dem Bus aussteigt und die Fahrertür zuschlägt. Auf dem Parkplatz ist es zugig kühl und ich vergrabe die Hände in den Taschen meines Pullis. Der Geruch nach Benzin und Autoabgasen sticht mir in die Nase. Mit gesenktem Kopf folge ich meinem Onkel ins Innere der Raststätte und lasse mir von ihm einen Kaffee spendieren. Schwarz – wie alles, was ich mir momentan zumute. Für Farbe fehlt mir derzeit einfach die Zuversicht.

»Also«, startet Elio nach dem ersten Schluck und stellt seinen Pappbecher auf dem Stehtisch vor uns ab. Ich klammere mich weiter an der Brühe fest, als wäre sie mein Rettungsanker. Das Neonlicht ist gnadenlos und lässt Elios wettergegerbtes Gesicht blass erscheinen.

»Erzähl mal, wie stellst du dir das vor? Wie soll es jetzt weitergehen?« Seine Stimme ist freundlich.

Ich schlucke, denn ich habe erwartet, dass er erst einmal eine Litanei an Regeln herunterbetet. Was ich zu tun und zu lassen habe, wenn ich ihm von nun an als hauseigener Sklave bei seiner Arbeit als Hausmeister in dieser Kunsthochschule zur Hand gehe. Oder dass es Vorwürfe hagelt, wie ich das meiner Mutter antun konnte, hat sie es doch als Alleinerziehende schon schwer genug … Bla, bla, bla. Doch nichts davon kommt.

»Wie schon?«, blaffe ich ihn dennoch an. »Ich hab’s verkackt. Ohne Abi und mit einem Vermerk in meiner Akte bleibt mir nicht viel Auswahl. Das ist es doch, was du mir sagen willst«, nehme ich das vorweg, was alle denken: Neo ist ein Loser, sein Leben im Abgrund vorbestimmt. Selbst schuld!

Elios Augen verengen sich, er legt den Kopf schief und der Blick, den er mir zuwirft, bohrt sich unangenehm tief in mein Inneres. Doch ich recke das Kinn. Wenn ich schon untergehe, dann mit Würde und Anstand. Ich habe Scheiße gebaut, das ist mir klar, also werde ich auch die Konsequenzen tragen. Ohne Wenn und Aber. Und ohne Gejammer!

»Es liegt ganz allein an dir, was du aus deinem Leben machst, Adrian. Was ist aus deinen Träumen geworden?«

»Welche Träume?«, frage ich perplex. Ich bin viel zu verwirrt, dass er nicht auf mir herumhackt, wie es immer alle tun. Die Lehrer, Trainer, Polizisten, Sozialarbeiter. Ja, selbst meine Mutter war zuletzt so verzweifelt, dass sie nicht mehr in normalem Ton mit mir reden konnte.

»Ich kann mich erinnern, dass du früher gern gezeichnet hast. Auch deine Graffitis sind großartig. Warum machst du nichts draus?«

Ich verdrehe die Augen und spüle den bitteren Geschmack, den seine durchaus nett gemeinte Frage in meinen Mund hinterlassen hat, mit einem Schluck der braunen Brühe hinunter. »Das bringt doch alles nichts«, murmle ich schließlich und meide seinen Blick. Niemals werde ich zulassen, dass er Hoffnungen in mir weckt, die sich nicht erfüllen lassen. Ohne Abi kein Studium. So einfach ist diese beschissene Rechnung. Gelingt selbst mir, das zu kapieren. Ich werde mich mit meinem Schicksal abfinden müssen. Werde die Konsequenzen tragen, denn schließlich habe ich mir das alles selbst eingebrockt. Deshalb habe ich seit dem Gerichtsurteil nicht mehr gezeichnet. Und auch nicht gesprayt. Die Stifte liegen tief vergraben in der Schublade meines winzigen Schreibtisches, die Dosen habe ich Zao geschenkt, weil sie ohnehin eingetrocknet wären. Ich habe alles daheim zurückgelassen.

»Du musst langsam lernen, dein Leben selbst in die Hand zu nehmen, denn ich verrate dir etwas: Du wirst nichts geschenkt bekommen. Von niemandem! Du hast Fehler gemacht und bist dabei erwischt worden. Dumm gelaufen. Aber das bedeutet nicht, dass alles vorbei ist. Du bist noch jung.«

Seine riesige Hand landet auf meiner Schulter. Er drückt fest zu und rüttelt ein wenig daran.

Ich meide weiter seinen Blick, kann den wohlwollenden Ausdruck darin einfach nicht ertragen. Stattdessen mustere ich die Trucker, deren Bierbäuche unter den zu kurzen T-Shirts hervorquellen. Sie stehen am Tisch nebenan und trinken schweigend ihren Kaffee, starren auf ihre Handys oder blättern in Automagazinen. Werde ich auch so enden? Gefangen im Alltag, resignierend und abgestumpft. Blind für die Facetten des Lebens?

»Wenn du es sagst«, spucke ich aus und höre Elio augenblicklich seufzen.

»Du denkst, dein Leben ist vorbei. Verstehe ich. Aber glaub mir, es liegt allein in deiner Hand: Entweder du gibst auf oder du kämpfst für eine zweite Chance. Halte dich an die Regeln und ich bin mir sicher, dass sich Türen öffnen werden. Das Leben ist keine Sackgasse. Es gibt immer einen Weg, egal wie hoch die Steine sind, die sich vor dir auftürmen. Aber die Entscheidung, dich auf den Weg zu machen und diese Berge zu erklimmen, kannst nur du fällen.«

Seine Worte ergeben Sinn und obwohl ich das Ausmaß noch nicht ganz greifen kann, machen sie mir Mut. Und nehmen etwas von dieser erdrückenden Schwere, die seit dieser Gerichtsverhandlung auf mir lastet. Wie konntest du nur dein Leben wegwerfen? Die Worte meiner Mutter waren fast so schlimm wie die Tatsache, dass ich einen dicken Vermerk in meiner Akte habe. Dass mir nun Elio aufzeigt, dass dies noch nicht das Ende sein muss, erstaunt mich. Was, wenn er recht hat? Das Leben hält doch manchmal seltsame Überraschungen bereit. Doch bevor sich der Hoffnungsschimmer in mir festsetzen kann, erinnere ich mich, dass ich niemals Glück habe. Das ist schon immer so gewesen. Von klein auf klebt die Scheiße an mir. Warum also sollte sich das ausgerechnet jetzt ändern?

***

Die Kilometer ziehen an uns vorüber. Elio hört seine gehörgangverklebenden Schlager in einer kaum erträglichen Lautstärke. Ich versuche gegenzusteuern und betäube meine Gedanken mit den rockigen Beats von Muse. Das Handy in meiner Hand wiegt schwer wie Blei. Nicht einmal Empfang habe ich hier mitten in der Pampa. Elio hat mich vorgewarnt. Diese Hochschule, an der er als Hausmeister arbeitet, liegt ziemlich abgelegen. Im tiefen Osten Deutschlands, weit genug weg von jeder Großstadt und deren Reizen, die mich offensichtlich anziehen wie das Licht die Motten. Ich sollte dankbar sein, dass er mich da rausgeholt hat, und dennoch kann ich nur an eines denken: Ich werde abhauen, sobald ich endlich volljährig bin. Vielleicht wandere ich aus, gehe nach New York, um dort von meinen Idolen zu lernen. Oder ich schlage mich im Süden durch, jongliere durch die Tage und werde mir darüber klar, was das Leben tatsächlich zu bieten hat. Calli wird mich abholen – direkt an meinem achtzehnten Geburtstag. So haben wir es verabredet.

Bevor ich mich weiter in Tagträumen verliere, öffne ich das Smartphone, klicke Callis Kontakt an. Sein Tag erscheint in der linken oberen Ecke – Calli in geschwungenen Buchstaben, die wie eine Unterschrift wirken. Wir haben keine Fotos von uns auf den Handys, auch die Echtnamen vermeiden wir. Calli ist vorsichtig. Die Gefahr, dass einer von uns irgendwann erwischt wird und die Polizei unsere Smartphones inspiziert, war immer zu groß. Calli ist seit drei Jahren zu so etwas wie meinem großen Bruder geworden, ein Aufpasser, ein echtes Vorbild. Ohne ihn würde ich mir wohl noch immer die Atemwege verätzen und ohne Maske und Handschuhe sprayen. Woher sollte ich auch wissen, worauf es ankommt? Blauäugig habe ich meine ersten Dosen gekauft und wild drauflosgesprüht. Bis ich der Crew in die Quere kam und mich an ihrer Fläche vergangen habe. Hätte mich Calli nicht in Schutz genommen, hätten mich die anderen wahrscheinlich verprügelt. Aber irgendetwas an meinem ersten Graffiti scheint ihm gefallen zu haben. Seither haben wir so einige Aktionen gemeinsam durchgeführt. Nicht alles davon war legal – aber bislang kamen wir mit Verwarnungen und kleineren Bußgeldern davon. Bei versuchter Körperverletzung konnten die Polizisten dann allerdings kein Auge mehr zudrücken.

Immerhin wird der Remke keine bleibenden Schäden davontragen. Ich habe mich bei ihm entschuldigt und die Tatsache, dass ich mich gleich am Morgen der Polizei gestellt habe, wirkte sich mildernd auf das Gerichtsurteil aus. So kam ich mit einem Vermerk in meiner Akte und Sozialstunden davon. Von der Schule bin ich dennoch geflogen. Und ich kann es sogar verstehen.

Ich atme tief ein, presse die Lippen aufeinander und nehme erstaunt wahr, dass wir die Landstraße verlassen haben und durch einen Wald fahren. Die Straßen sind jetzt enger und ich vermute, dass wir bald unser Ziel erreichen.

Als Elio den Kleinbus von der asphaltierten Straße auf einen kiesbedeckten Weg steuert, schalte ich mein Handy aus, streife die Kopfhörer ab und setze mich aufrecht hin. Glücklicherweise hat Elio die Musik gewechselt und statt Helene Fischer schallt mir nun Adriano Celentano entgegen. Kurz spüre ich einen Stich in meiner Brust. Meine Mutter hat mich nach eben diesem italienischen Schnulzensänger benannt. Weil sie seine charismatische Art so bewundert und sich gedacht hat, dass ich mit diesem Namen ebenso erfolgreich werde wie der Italo-Pop-Sänger. Tja, falsch gedacht.

Ein herrschaftlicher Bau mit hellgelber Fassade und goldenen Verzierungen tut sich vor uns auf. Über dem Haupttor, das offensichtlich in einen großen Innenhof führt, thronen ein paar Engel. Ich habe solche Gebäude schon auf Postkarten gesehen oder im Geschichtsunterricht. Ich schlucke, als ich erkenne, wo für die nächsten Monate mein ganz persönliches kleines Gefängnis sein wird. Bringt er mich tatsächlich in ein beschissenes Kloster? Echt jetzt?

Ein kehliges Lachen würgt sich meinen Hals hinauf.

»Was amüsiert dich, Adrian?«, hakt Elio irritiert nach und verlangsamt das Tempo, bis er schließlich vor einer Garage zum Stehen kommt und den Motor ausmacht.

»Seit wann glaubst du an Gott?«, spucke ich verächtlich aus. Elio dreht sich zu mir um, der lederne Sitz knarzt.

»Ich glaube an viele Dinge, Junge. Besonders daran, dass du hier die Kurve kriegen wirst. Dazu muss dich niemand missionieren, wichtig ist, dass du selbst darauf kommst, ob und an was du glaubst. Also schwing deinen Arsch hier raus und hör verdammt noch mal damit auf, Haare in der Suppe zu suchen, die ich dir auf einem Silbertablett serviere. Niemand will dir hier etwas Böses.«

Mit diesen Worten steigt er aus dem Auto. Die Fahrertür schlägt laut zu und ich zucke zusammen, da sich seine Worte wie eine Ohrfeige anfühlen. Ja, ich bin undankbar. In meinem Leben wurde mir selten etwas geschenkt. Ich bin vorsichtig geworden und steuere nicht mehr blauäugig in jede Katastrophe. Aber vielleicht hat Elio recht. Vielleicht sollte ich dem Ganzen hier eine Chance geben. Ich habe ohnehin keine andere Wahl, bis ich endlich achtzehn bin.

Ich verlasse den Wagen.

Mein Blick gleitet an der hohen Fassade nach oben bis in den Himmel. Sie wirkt alt, hier und da blättert der Putz von den Wänden, und doch strahlt das Gebäude eine Herrschaftlichkeit aus, die mich einschüchtert. Hier soll ich wohnen? Kopfschüttelnd hole ich meine Reisetasche aus dem Kofferraum und folge meinem Onkel durch eine schwere Holztür ins Innere seiner Angestelltenwohnung. Als Hausmeister wohnt er direkt auf dem Campus, wie er mir erklärt hat, während die Lehrer in eigenen Häusern im angrenzenden Wald leben. Ich fröstle, als ich mich umschaue, und werde den Gedanken nicht los, dass das hier einmal ein Kloster war, ein Gotteshaus, in dem Gläubige ihr Leben verbrachten. Wie kann man an einen Gott glauben, der es zulässt, dass es so vielen Menschen dreckig geht? Ich weiß, dass mein Leben im Vergleich zu vielen anderen vielleicht das Paradies ist – für mich war es aber allzu oft die Hölle. Ich fühlte mich im Stich gelassen von den Menschen, denen ich doch etwas bedeuten sollte.

Meine Mutter hat sich zu sehr mit dem Verschwinden meines Vaters beschäftigt. Nächtelang weinte sie sich in den Schlaf und bemerkte dabei nicht, dass auch meine Welt in Trümmern lag und ich sie brauchte. Wir hatten ja nur noch uns. In dieser Zeit lernte ich, dass ich mich nur auf mich selbst verlassen konnte. Auf mich allein! Niemals wieder wollte ich verlassen werden. Niemals!

»Hier.« Elio stößt eine Tür auf und nickt in den dunklen Raum. Mit einem Klick schaltet er eine Lampe ein, die ein warmes Licht an die weiß gekalkten Wände wirft. Die Decken sind erstaunlich tief und unwillkürlich ziehe ich den Kopf ein. Waren die Mönche früher Zwerge?

»Ich habe dir das Zimmer hier freigeräumt. Es ist nichts Besonderes, aber für den Anfang wird es genügen. Sag Bescheid, wenn du etwas brauchst.«

Abwartend steht Elio im Türrahmen und bedeutet mir in mein neues Reich zu treten. Ich hadere einen Moment und ziehe einen Mundwinkel unsicher hoch, bevor ich mir einen Ruck gebe und ein paar Schritte tue. In mein eigenes Zimmer! Ich wische das seltsame Gefühl weg, das plötzlich in meiner Brust sitzt. Ich mache meiner Mum keinen Vorwurf, dass sie sich keine größere Wohnung hatte leisten können. In den letzten Jahren war es allerdings schon lästig, mit ihr in dieser winzigen Wohnung in Berlin-Wedding zu hausen. Platz, um mal für mich allein zu sein, gab es nicht. Deshalb zog ich es vor, jede freie Minute mit den Jungs um die Häuser zu ziehen. Wir schlugen uns die Nächte am Plötzensee um die Ohren, tranken Bier und literweise Energiedrinks und planten unsere nächsten Spraysessions. Zum Leidwesen meiner Mutter.

Ich sehe mich um. Groß ist es nicht, aber es hat alles, was ich brauche: ein Bett, einen Schreibtisch und einen Schrank. In einer Ecke erspähe ich einen hellgrünen Sitzsack. Vermutlich wollte es mir Elio gemütlich machen und allein der Versuch berührt mich mehr, als ich wahrhaben will. Er gibt sich tatsächlich Mühe.

»Deine Mutter meinte, du magst New York? Wenn du lieber ein anderes Poster haben möchtest, können wir auch was bestellen«, sagt Elio und deutet auf einen Bilderrahmen über dem Bett. Ich schlucke, denn ich hätte nicht gedacht, dass meine Mutter trotz aller Streitereien noch immer weiß, was mir etwas bedeutet. Vielleicht tue ich ihr ja unrecht. Vielleicht ist sie doch nicht so desinteressiert an mir und meinem Leben, wie ich glaube.

Ich räuspere mich, versuche den Kloß hinunterzuschlucken.

»Danke«, murmle ich tonlos, bemüht mir nichts von dem Gefühlschaos anmerken zu lassen, das seine nette Art in mir auslöst. »Wo ist denn das Klo?«

»Flur runter, zweite Tür rechts«, weist er mir den Weg und wedelt wild mit seiner Hand herum, als wäre das hier ein Palast, in dem ich mich verirren könnte.

Schnell ziehe ich mich zurück und schließe die Tür zu. Mir entweicht alle Luft mit einem tonlosen Seufzer. Ich stütze mich auf dem Waschbecken ab und werfe einen Blick in den Spiegel. Ich bin kein eitler Typ, mein Aussehen war mir schon immer egal. Natürlich habe ich mitbekommen, dass einige Mädchen auf mich stehen. Blöd bin ich ja nun auch nicht. Aber wichtig war mir das nie. Sie kannten mich nicht. Und ich tat alles, damit das auch so blieb. Niemanden habe ich an mich rangelassen – zumindest nicht über das Körperliche hinaus.

Um all die seltsamen Gefühle abzuwischen, klatsche ich mir eine Ladung Wasser in dieses mir fremde Gesicht und begebe mich dann auf die Suche nach Elio. Ich werde in der Küche fündig, die funktional eingerichtet ist. In einem langweiligen Weiß mit Edelstahlgriffen wirkt sie kühl und wenig einladend. Dennoch läuft mir das Wasser im Mund zusammen, als ich die Köstlichkeiten sehe, die Elio aus dem Kühlschrank zaubert.

»Es hat mich einiges an Überredungskunst gekostet, dass du hier sein kannst, also benimm dich, Junge«, sagt Elio. »Halt dich an die Regeln und wir werden gut miteinander auskommen.«

Ich lehne mich an den Türrahmen. Regeln? Ich verdrehe die Augen. Bislang waren Regeln für mich da, um sie zu brechen. Wie sonst hätte ich Aufmerksamkeit erhalten können?

»Okay, dann bete mal deine Litanei runter. Oder besser noch: Schreib alles auf und kleb es an den Kühlschrank. Vielleicht lese ich sie dann irgendwann.«

Ich zucke zusammen, als Elio mit seiner flachen Hand auf die Arbeitsfläche schlägt und sich zu mir umdreht. Nur einen winzigen Moment sehe ich dieses Funkeln in seinen Augen. Dann hat er sich wieder im Griff und zwingt sich ein Lächeln auf die Lippen.

»Du bist wütend, Adrian. Oder sollte ich besser Neo zu dir sagen? Ich verstehe das. Wirklich, das tue ich! Früher bin ich mal ganz genauso gewesen wie du. Aber ich hatte nicht das Glück, dass Menschen um mich herum waren, denen ich nicht egal war.«

Ich schlucke und recke das Kinn, schaue ihn herausfordernd an.

»Hör zu, Junge. Ich bin für dich da. Du bist ein guter Kerl und ich kann dir helfen, aus diesem Loch zu kriechen, in das du dich so fabelhaft selbst hineinmanövriert hast. Aber das werde ich genau ein einziges Mal tun. Und wenn ich verdammt noch mal das Gefühl habe, du ziehst nicht mit mir an einem Strang, dann war’s das. Verstanden?«

Ich presse die Lippen fest aufeinander, bin nicht gewillt, so schnell auf dieses Spiel einzusteigen. Mich hat nämlich niemand gefragt, ob ich mitspielen will. Ich werde nur wie eine Figur hin- und hergeschoben.

»Adrian! Hast du verstanden?«, hakt Elio etwas lauter nach. Ich atme tief ein. Ach, was soll’s. Jetzt bin ich schon hier und in Berlin erwartet mich nichts außer ein paar besoffener Kumpels. Nach dem Gerichtsverfahren bin ich ohnehin untergetaucht, um Ärger zu vermeiden. Sie vermissen mich nicht. Nur einmal habe ich mich mit Calli getroffen, um einen Plan auszuhecken.

»Ja«, sage ich wenig motiviert. »Verstanden. Was sind die Regeln?«

»Setz dich erst mal«, sagt Elio und ich höre Erleichterung aus seiner Stimme.

Ich schnappe mir einen der Holzstühle, die ziemlich hart aussehen. Und sie sind es auch. Nach der ellenlangen Fahrt würde ich lieber noch etwas stehen. Oder noch besser: mich bewegen. Aber Elio scheint unter Strom zu stehen und ich möchte den Bogen nicht noch weiter überspannen.

»Ja?«, hake ich nach, da er noch immer nicht damit rausrückt, was ich zu tun und zu lassen habe. Er drapiert ein paar Käsestücke auf einem Holzbrett und streckt es mir entgegen. Ich nehme es ihm ab und stelle es vor mir auf den Tisch.

»Also«, startet er, während er nach und nach weitere Köstlichkeiten für eine Brotzeit auffährt. »Du wirst mir ab morgen bei allem, was so anfällt, zur Hand gehen. Das können kleinere Reparaturen sein, aber auch Müll einsammeln, Garten pflegen, Botengänge, solcher Kram eben.«

Ich nicke. Das kriege ich hin.

»Ich möchte, dass du dich dabei absolut bedeckt hältst. Mach dich unsichtbar und geh den Studenten nicht auf die Nerven. Gerüchte machen hier schnell die Runde und ich will nicht, dass es Ärger gibt!«

Plötzlich steht er neben mir. Ich hebe den Kopf und sehe in seinem Blick, wie wichtig ihm das ist. Also nicke ich wieder. Von Studenten fernhalten. Ärger vermeiden. Gespeichert.

»Wenn ich dich erwische, wie du dir was reinpfeifst, schenk ich dir ein One-Way-Ticket in die Hölle. Und das meine ich verdammt ernst.«

Ich ziehe scharf die Luft ein und kneife die Augenbrauen zusammen. »Warum glauben eigentlich immer alle, dass ich kiffe?«, empöre ich mich.

»Keine Ahnung, tust du?« Elio zieht einen Stuhl geräuschvoll über den kühlen Fliesenboden und setzt sich neben mich.

»Nein!«, fahre ich ihn an. »Und ich werfe mir auch sonst nix ein.«

An Gelegenheiten hat es nicht gemangelt. Mir wurde oft etwas angeboten – immer habe ich abgelehnt. Dabei war die Versuchung verdammt groß. Nie hätte ich schneller alles vergessen können. Aber der Preis für diese kurze, scheinheilige Freiheit war mir zu groß – sie hätte mich nämlich allzu schnell zum Gefangenen gemacht. Ich kenne mich inzwischen gut genug, um zu wissen, dass ich, einmal angefangen, die Finger nicht mehr davon hätte lassen können. So ist es mir mit dem Sprayen gegangen – und genau so wäre es mit dem Shit gewesen.

»Prima. Ein Problem weniger!«, sagt Elio fröhlich und nimmt sich eine Scheibe Vollkornbrot, beschmiert sie dick mit Butter und greift nach der Wurst.

Ich warte nicht auf die Einladung und tue es ihm gleich. Mein Magen knurrt lautstark, dabei habe ich in Berlin noch etwas gegessen.

»Wenn du sprayen willst, kann ich dir Flächen auf dem Gelände zeigen, wo das möglich ist. Die Schulleitung wäre sicher nicht sonderlich erfreut, deine Kunstwerke auf der Fassade der Hauptgebäude zu sehen.«

Ich würge den Bissen Brot runter und schüttle vehement den Kopf.

»Nein, ich habe damit abgeschlossen. Keine Graffitis.«

Ich spüre Elios Blick, er brennt sich in meine Haut, als würde er danach suchen, ob ich es ernst meine.

»Was ist mit … Neo?«

Ich zucke mit den Schultern. »Weiß nicht. Können wir … können wir jetzt vielleicht von etwas anderem reden?«, sage ich trotzig. »Du wolltest mir die Regeln aufzählen, an die ich mich zu halten habe. Ich bin nicht hier, um mich selbst zu verwirklichen.«

Ich spüre schon wieder die Wut, die mich bereits mein halbes Leben lang begleitet. Sie ist wahnsinnig mächtig, dabei sollte ich sie doch inzwischen gewohnt sein, oder?

Elio lässt mir Zeit, mich wieder in den Griff zu bekommen. Ich zwinge mich dazu, meine Finger um das Messer zu lockern, und lege es schließlich beiseite.

»Du hast viel mitgemacht, Adrian. Komm erst mal zur Ruhe und dann sehen wir weiter. Ich für meinen Teil fände es schade, wenn du dein Talent einfach wegwirfst. Aber wer bin ich, dir Vorschriften machen zu wollen? Es ist dein Leben. Und du allein entscheidest, was du daraus machen willst.«

Aus Elios Mund hört es sich so einfach an. Dabei gibt es so viele Wenn und Aber. Vielleicht und Wenn-dann-doch. Es gibt unendlich viele Menschen, die mir Steine in den Weg legen. Nein, stopp! Das wäre zu einfach, denn im Grunde weiß ich ja, dass ich selbst es bin, der alles verkackt hat. Niemand ist daran schuld, dass ich die Wände fremder Häuser besprüht habe. Und ganz bestimmt hat mich niemand dazu gezwungen, dem Remke eine Ladung Farbe ins Gesicht zu sprayen. Wie es so weit kommen konnte, ist mir noch immer ein Rätsel.

Kapitel 3: Weltenbau

Paulina

Worte, geformt aus Linien. Kreisen, Punkten. Aus Strichen. Schwungvoll.

Worte, geboren aus Gedanken, entstanden aus Träumen, Wünschen und Erfahrungen.

Mal sind sie formschön und rund. Eckig und spitz. Wellig und glatt. Mal sperrig und stumpf.

Worte …

»Paulina?!«, reißt mich Mattheos sonore Stimme aus meinem Flow. Ich hasse es, unterbrochen zu werden, wenn ich meine Gedanken noch nicht fertig aufgeschrieben habe. Er sollte das wissen, schließlich ist er unser Dozent für kreatives Schreiben und hat selbst viele Geschichten verfasst. Ich starre noch einen Moment auf den Bildschirm, unfähig mich loszureißen, nicht bereit, den Gedanken ziehen zu lassen, doch ich merke schon, dass es keinen Sinn hat.

Weg – die Worte haben sich verflüchtigt, und egal wie sehr ich mich auch anstrenge, ich werde sie nicht mehr wiederfinden. Nicht in meinem Kopf. Nirgendwo.

Also schaue ich in die nussbraunen Augen vom Hengst. Er heißt nicht wirklich so, aber die anderen haben ihm den Namen gegeben. Ob es ihm etwas ausmacht, dass ihn alle wegen seines markanten Pferdegebisses veralbern? Gut, er heißt Cavallo mit Nachnamen. Pferd. Vielleicht denkt er ja, dass ihm das den Spitznamen eingebracht hat. Ich aber weiß es besser.

Mattheo wartet auf keine Antwort. Er weiß, dass ich selten rede. Nicht weil ich mir zu fein dazu bin. Auch nicht, weil ich es nicht möchte. Ich kann nicht. Außer an guten Tagen – aber diese sind selten und heute ist ganz bestimmt keiner davon. Es ist der Anfang des Semesters und das bedeutet, dass sich viele Neue auf dem Campus tummeln.

Unbekanntes macht mir Angst, es blockiert mich und erschwert es mir, gegen meinen ganz eigenen Dämon anzukämpfen. Er gewinnt dann die Oberhand, obwohl ich mich tapfer gegen ihn stemme. Selektiver Mutismus – die Unfähigkeit, mit fremden Menschen zu sprechen … oder in bestimmten Situationen. An manchen Tagen ist es so schlimm, dass ich kaum selbst weiß, wie meine Stimme klingt. Dann glauben diejenigen, die mich nicht kennen, ich sei stumm. Und in gewisser Weise haben sie damit auch recht, nur eben nicht immer. Meine Störung ist selektiv, was bedeutet, dass ich mich manchen anvertraue, anderen eben nicht. Meine Familie beispielsweise und meine Freunde kann ich zu jeder Tages- und Nachtzeit zutexten. Da macht es mir sogar Spaß zu quatschen und miteinander zu lachen. Sobald aber jemand dazustößt, den ich nicht gut genug kenne, ist es, als würde in mir ein Schalter umgelegt. Ich versteinere und so sehr ich es auch will, es kommt kein Laut mehr über meine Lippen.

»Wir müssen jetzt Schluss machen, die Zeremonie für die neuen Schüler beginnt gleich.«

Seine Stimme ist sanft. Er weiß, wie schwierig das alles für mich ist.

»Okay«, flüstere ich kaum wahrnehmbar. »Ich komme gleich nach.« Zu Mattheo habe ich Vertrauen. Ich weiß, dass er mich und meine Arbeit sehr schätzt. Er ist anders als meine Lehrer damals, die keine Rücksicht auf meine Kommunikationsstörung genommen haben, die mich immer und immer wieder aufgefordert haben, mich mündlich am Unterricht zu beteiligen. Dieser Druck hat alles nur noch schlimmer gemacht. Und irgendwann war ich so frustriert, dass ich sogar meine Therapiesitzungen abgebrochen habe, um überhaupt wieder Luft zu bekommen. Das war die Zeit, in der ich mit dem Schreiben begonnen habe.

Mattheos Mundwinkel zucken nach oben. Ich schätze seinen sensiblen Umgang sehr. Nie würde er mich zu etwas zwingen – wie übrigens jeder Coach auf der Akademie. Der Unterricht ist darauf ausgelegt, sich und seine Kreativität zu entfalten. Neues auszuprobieren, die eigenen Grenzen auszuloten. Die Lehrer lassen mir Raum und das gibt mir die Chance, tatsächlich an mir zu arbeiten. Daran, wie ich sein möchte. Wie ich sein kann.

Noch vor einem Jahr hätte ich es nicht für möglich gehalten, aber es kam sogar schon vor, dass ich den Leuten aus meinem Kurs ein paar meiner Zeilen vorgetragen habe. Laut. Selbstsicher. Gut, es war weit davon entfernt, dass ich mich dabei wohlfühlte. Auch da spürte ich die Enge in meiner Brust, die Hitze in meinen Händen, das viel zu schnelle Pochen meines Herzens. Aber ich habe es geschafft. Nicht oft, aber oft genug, um Hoffnung zu haben. Hoffnung, dass ich meinen Traum, Autorin zu werden, wahr machen kann.

Er legt seine Hand auf meine Schulter, als wollte er mich beruhigen. Es ist eine Geste, die mir zeigen soll, dass er mich versteht. Dass er mir Zeit lässt, um mich zu sammeln.

Ich atme ein paar Mal ein und aus, wie ich es bei der Therapie damals gelernt habe. Stelle mir etwas Schönes vor, eine Sonnenblume, die ihre Blätter der Sonne entgegenstreckt. Tiefgelb und sattbraun, voller Leben. In der Mitte sitzt eine Biene und labt sich am Nektar. Unwillkürlich schieben sich meine Mundwinkel nach oben, da dieses imaginäre Bild in meinem Kopf so friedlich und doch so kraftvoll ist. Ich habe viele von diesen Bildern in meinem Kopf. Oft schwirren sie wild durcheinander, flattern durch die Gehirnwindungen und formen sich zu den seltsamsten Geschichten. In den unpassendsten Momenten kann das unheimlich spannend werden, sodass ich mich kaum auf das Hier und Jetzt konzentrieren kann. Diese Tagträume möchte ich dann am liebsten sofort aufschreiben. Weil ich weiß, wie flüchtig sie sind, wie kostbar.

Einen Seufzer später klappe ich meinen Laptop zu, klemme ihn mir unter den Arm und mache mich auf den Weg. Dem Unvermeidbaren kann ich nun mal nicht entkommen. Auch wenn ich mich gern verkriechen würde, weiß ich, dass es nun einmal Pflicht ist, bei der Willkommenszeremonie aufzutauchen.

Dass ich spät dran bin, wäre untertrieben. Ich beschleunige meine Schritte, die an den Wänden der bereits leeren Flure widerhallen. Ich mag die Atmosphäre des alten Stifts, liebe die hohen Räume, den Duft, der in den Gemäuern wohnt. Alte Häuser üben eine ganz besondere Anziehungskraft auf mich aus, ein so geschichtsträchtiges wie dieses beflügelt meine Fantasie.

Mist, die schwere Tür ist schon zu. Ich hasse die Aufmerksamkeit, die mir gleich zuteilwerden wird. Ich atme ein, versuche das Zittern in den Griff zu bekommen und drücke schließlich die Klinke. Mit gesenktem Kopf schiebe ich mich durch einen schmalen Spalt, darauf bedacht, keinen Lärm zu machen. Zum Glück ist Frau Haaf noch nicht auf dem Podium in dem herrschaftlichen Marmorsaal zu sehen, der früher für den Empfang hochrangiger Adliger und Geistlicher benutzt wurde. Es wäre nicht das erste Mal, dass die Direktorin einen Zuspätkommer namentlich begrüßt und damit die Lacher auf ihrer Seite hat.

Mein Blick schweift über die Anwesenden. Dabei vermeide ich es, einzelnen in die Augen zu schauen. Endlich erspähe ich Lee, die mich zu sich winkt. Sie hat einen Platz zwischen sich und Nia für mich reserviert. Ich quetsche mich mit gesenktem Kopf durch die Reihe, begrüße meine Freundinnen mit einem leisen Lächeln und setze mich schließlich auf den harten Holzstuhl.

In dem Moment, als ich erleichtert durchatme, erstirbt auch schon das Gemurmel um mich herum und die beiden Leiter der Schule betreten den Raum durch die große, schwere Holztür.

Phil de Breune ist der Gründer dieser Hochschule für kreativ Begabte und ihn umgibt eine Aura, die ihn zu etwas Besonderem macht. Dabei stehe ich nicht auf ältere Typen, aber ihn finde ich sehr attraktiv. Mit seinen stahlblauen Augen und dem weiß-grauen etwas zerzausten Haaren könnte er auch gut in einem Hollywoodstreifen mitspielen. Als Vorlage für einen weisen Magier hat er es zumindest schon in eine meiner Geschichten geschafft.