14,99 €
Der Coming-of-Age-Thriller "Als der Kitt brüchig wurde" basiert auf den autofiktionalen Ereignissen, die der Autor Silas Candan Birol rund um seinen siebzehnten Geburtstag erlebt. Im Konfliktfeld zwischen den Erwartungen seines türkischen Vaters und seiner deutschen Mutter findet der technikbegeisterte Modellflugzeugpilot Silas Candan, den seine Freunde nur Sica nennen, in Lena seine erste Liebe. Yilmaz ist Sicas bester Freund. Mit ihm geht er durch dick und dünn. Sen, der jüngere Bruder Sicas und wie dieser kein besonders religiöser Moslem, glaubt, dass der 70. Geburtstag seines ostanatolischen Großvaters der geeignete Rahmen wäre, um die Verwandtschaft wissen zu lassen, dass er schwul ist. Nach dem Coming Out von Sen erhebt sich ein digitaler Shitstorm, der eine Konfliktspirale in Gang setzt. Letztlich werden Sica und Yilmaz zu einer Jugendstrafe verurteilt, die sie im Rahmen einer heiklen Auslandsmission ableisten. Während der Ableistung ihrer Strafe werden SIca und Yilmaz Opfer einer Flugzeugentführung, bei der Yilmaz schwer verletzt wird. Da einer der beiden Entführer den Piloten erschießt und der Co-Pilot eine Herzattacke erleidet, nachdem er gemeinsam mit Sica den zweiten Entführer überwältigen konnte, lastet ein enormer Erwartungsdruck auf Sica. Er muss den mit 597 Passagieren besetzten Airbus A380 landen, um seinen Freund Yilmaz und die anderen Passagiere zu retten. Während des Flugs analysieren Geheimdienste das Gefahrenpotenzial, das von Sica als Piloten ausgeht: Er ist Moslem und wurde bereits zu einer Jugendstrafe verurteilt. Dadurch gerät er unter Terrorverdacht. Von einem anonymen Whistleblowers erfährt die Öffentlichkeit von Sicas Katastrophenflug. Durch die Konfrontation mit der brutalen Welt der Erwachsenen wird Sica an seinem siebzehnten Geburtstag ungewollt zu einem tragischen Helden, an dessen Schicksal die digitale Welt Anteil nimmt.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2017
Als der Kitt brüchig wurde
von Silas Candan Birol
meinem besten Freund Yilmaz Gökhan in Dankbarkeit gewidmet
„Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber diese ist die unsere.“
Jean-Paul Sartre
IMPRESSUM
Als der Kitt brüchig wurde
von Silas Candan Birol
© 2017 Edition Advanced Spirit
Alle Rechte vorbehalten.
Im Leben eines jeden Menschen gibt es vermutlich ein Ereignis, das einen deutlichen Einschnitt darstellt. Plötzlich unterteilt man das eigene Leben in eine Zeit vor und eine Zeit nach diesem Ereignis. Der Wendepunkt meines Lebens fand an meinem siebzehnten Geburtstag statt. Bis zu diesem Tag war ich ein mehr oder weniger durchschnittlicher Heranwachsender, der krampfhaft versuchte seine Verunsicherung auf der Suche nach der eigenen Identität hinter einer Fassade von Coolness und blöden Sprüchen zu verbergen.
Nun liegt das alles schone ein paar Jahre zurück und mit dem zeitlichen Abstand kann ich die damaligen Ereignisse, die mir die Grenzen meiner körperlichen und seelischen Belastbarkeit aufzeigten, besser einordnen. Eigentlich wollte ich nur meinem besten Freund Yilmaz helfen, denn er befand sich in einer akuten Notlage. Diese Situation änderte alles. Innerhalb weniger Minuten musste ich Entscheidungen treffen, deren Tragweite mich zuvor noch hoffnungslos überfordert hätte. Ich, der schlaksige Heranwachsende mit Migrationshintergrund aus dem Berliner Bezirk Wedding, wurde zum Spielball politischer Interessen. Erst dadurch wurde ich völlig unvorbereitet ins Zentrum einer digitalisierten Weltöffentlichkeit gezerrt.
Viele Menschen haben mich seit jenem spektakulären Ereignis, das mein Leben aus den Angeln hob, durch ihren Rat und ihre Hilfe unterstützt. Zu nennen wären da meine getrennt lebenden Eltern, meine deutschstämmige Mutter Anne und mein türkischstämmiger Vater Sinan, mein Bruder Sen und meine Freundin Lena. Meinen Opa Okay sollte ich wohl auch nennen, auch wenn er mich oft genervt hat, aber dazu komme ich später noch. Herr Yannick Leander hat mir in meinen schwersten Stunden, in denen ich ganz auf mich gestellt war, durch seinen Rat aus der Ferne zum zweiten Mal das Leben geschenkt. Flugkapitän Magnus Laudis vermittelte mir durch ein kurzes Gespräch jenes Selbstvertrauen, ohne dass ich die größte Herausforderung meines bisherigen Lebens niemals hätte meistern können. Für mich ist Magnus Laudis ein wahrer Held, da er standhaft blieb, selbst als man ihn mit dem Tod bedrohte.
Danken möchte ich auch jenem mysteriösen Menschen, den ich namentlich nicht kenne. Dieser mutige Mensch sorgte aus der Anonymität heraus dafür, dass die ganze Wahrheit über meine Odyssee in Echtzeit an die Öffentlichkeit gelangte. Jener digitale Whistleblower hat aus der schützenden Anonymität heraus mit zu meiner Sicherheit beigetragen. Es wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben, was diesen Anonymus motivierte, mir zu helfen. Eines ist jedoch unumstritten: Dieser Mensch verfügte über unbeschränkte technische Möglichkeiten, die er einsetzte, um auf ein großes Unrecht hinzuweisen. Ich weiß nicht gegen wie viele Gesetze, Regeln und Vorschriften mein unbekannter Helfer dabei verstoßen hat und ob er ganz alleine handelte oder Unterstützer hatte.
Die über weite Teile aus der Perspektive einer dritten Person geschriebenen Kapitel sieben, acht und neun dieses Buches beruhen maßgeblich auf Erkenntnissen, die ich durch zahlreiche Gespräche mit investigativen Journalisten gewonnen habe. Dadurch gelang es mir, die mögliche Motivation meines anonymen Helfers zu ergründen, aber auch die verworrenen, politischen Begleitumstände meiner Schicksalsreise zu rekonstruieren. Jener Anonymus, den ich in diesem Buch nur „Er“ nenne, war unser Schutzengel als das Leben von fast sechshundert Menschen an einem seidenen Faden hing. Bei allen couragierten Journalisten, die mir einen Blick hinter die Kulissen der Mächtigen auf meiner Suche nach der Wahrheit ermöglichten, möchte ich mich herzlich bedanken. Diese mutigen Frauen und Männer, die sich ausschließlich einem investigativen Qualitätsjournalismus verpflichtet fühlen, baten mich, sie nicht namentlich zu nennen, um sie vor den angedrohten Repressalien egomanischer Staatenlenker zu schützen.
Gewidmet habe ich dieses Buch aber meinem besten Freund, Kumpel und Quasi-Bruder Yilmaz. Meine Erinnerung an den außergewöhnlichsten Menschen, der mich seit meiner Kindheit begleitete, wird niemals erlöschen. In einer dramatischen Situation, in der Yilmaz meine Hilfe am meisten benötigte, konnte ich ihm nicht helfen. Dieser Umstand belastet mich bis heute. Auch um meine Schuldgefühle gegenüber Yilmaz und seiner Familie in den Griff zu bekommen, verfasste ich dieses Buch. Yilmaz‘ Eltern und seine Geschwister haben ein Anrecht darauf zu erfahren, was für einen großartigen Sohn und Bruder sie hatten. Beim Niederschreiben meines Traumas durchlebte ich die ganzen seelischen Schmerzen erneut. Die hochgradig belastenden Stunden über den Wolken an Bord eines entführten Airbus A380 überstand ich nur, weil ich ein Ziel hatte: Yilmaz zu retten. Ich bin daran gescheitert. Die große Narbe auf meiner Seele, die mir der Verlust meines besten Freundes zufügte, wird bis zu meinem letzten Atemzug bleiben.
Der Geduld meiner Lektorin Serafina Michaelis verdanke ich es, dass dieses Buch überhaupt erscheinen konnte. Sie hat mich immer wieder angespornt weiter zu schreiben. Wenn meine Schreibpausen zu lange dauerten, hat sie mir zuerst dezent, später aber auch immer kräftiger in den Hintern getreten, damit ich die Verschriftlichung meiner Erlebnisse zu Ende bringe. Frau Michaelis hat sich nicht einmal von meinem merkwürdigen Schreibstil und meiner ungeschliffenen Ausdrucksweise abschrecken lassen. Dort, wo sie es für nötig hielt, hat sie korrigierend eingegriffen. Ich gebe zu, dass ich sie sehr oft dazu genötigt habe. Das Ergebnis ist ein Kompromiss zwischen meiner ersten Niederschrift und dem, was Frau Michaelis den Lesern nach dem achten Korrekturdurchlauf nun zumutet. Wenngleich alle Ereignisse dieses Buches auf meinen Erlebnissen beruhen, ist das sprachliche Aufpolieren meiner Erinnerungen der uneingeschränkte Verdienst von Frau Michaelis. Ohne sie wäre das Buch nie fertig geworden. Vielen Dank, Serafina!
Silas Candan Birol
Berlin, im März 2017
„Wenn Mustafa Kemal Atatürk dein miserables Türkisch hört, wird er sich im Grabe umdrehen“, sagte mein Großvater Okay im Tonfall unverborgener Enttäuschung. „Opa, was du sagst ist nicht logisch. Um mich hören zu können, müsste Atatürk leben. Dann kann er sich aber auch nicht im Grabe umdrehen“, entgegnete ich ihm wohl ein wenig zu keck. Warum sollten den ersten Präsidenten der Türkei eigentlich meine Fähigkeiten interessieren, mich in meiner Vatersprache ausdrücken zu können? Fakt ist nun einmal, dass Atatürk bereits 1938 starb. Im Jahr 1934 nahm er, der ursprünglich nur Mustafa Kemal hieß, den Namenszusatz Atatürk an. Atatürk heißt in etwa so viel wie ‚Vater aller Türken‘, was im biologischen Sinn natürlich völliger Schwachsinn ist, aber es ist ja eher im übertragenen Sinne gemeint, weil Atatürk im Jahr 1923 den modernen türkischen Staat gegründet hat.
Als wir im Geschichtsunterricht das sogenannte Dritte Reich durchnahmen, also die Nazizeit, machte es mich schon sehr stutzig, dass Atatürk genau einen Tag nachdem in Deutschland die jüdischen Synagogen brannten, gestorben ist. Irgendwie fand ich das merkwürdig. Atatürk war ja noch nicht richtig alt. Ich glaube er war 57 Jahre als er am 10. November 1938 verstarb. Das konnte alles Zufall sein, aber wenn man einen türkischen Vater und eine deutsche Mutter hat, machte man sich so seine Gedanken. Vielleicht viel mehr Gedanken als meine gleichaltrigen Mitschüler es taten, die diese schicksalhafte elterliche Kombination erspart geblieben ist.
„Candan, du sollst deinen anatolischen Großvater nicht belehren“, entgegnete mir Opa Okay mit erhobenem Zeigefinger.
„Opa, ich will dich doch nicht belehren, sondern nur sagen, dass dein Satz nicht logisch ist“, hielt ich dagegen, weil ich nicht wollte, dass er immer unwidersprochen unlogisches Zeug von sich gab.
Seine Kinder, zu denen ja auch mein Vater gehörte, wagten es nicht ihm zu widersprechen. Das fand ich ziemlich beschissen. Nur weil Opa der Ältere war, hatte er nicht automatisch immer Recht. Das hieße ja sonst, dass nur alte Leute in die Politik und die Wirtschaft gehen sollten, weil sie alles richtig machten. Wir jungen Leute müssten dann zu Hause sitzen. Ich stellte mir nur vor, wie das wäre, wenn alle diese altgewordenen Besserwisser aufeinandertrafen und alles für richtig hielten, was sie machten. Das gäbe doch am Ende bestimmt eine lustige Keilerei zwischen den Gehstocknutzern und den Rollatorfahrern.
Andererseits hatte ich bestimmt nicht immer Recht, nur weil ich jung war. In meiner merkwürdigen Familienkonstellation fand ich es voll übel, dass man von mir immer Respekt gegenüber den Älteren erwartete, aber mir gegenüber diesen Respekt nicht zeigte. Das ärgerte mich und weil es mich ärgerte, kam ich auf diese schrägen Gedanken. Also zum Beispiel wie das halt wäre, wenn alle Alten Recht hätten und an allen wichtigen Schalthebeln säßen. Glücklicherweise entsprach das nicht der Realität oder zumindest hoffte ich, dass es nicht so war. Andernfalls müsste ich warten bis ich alt und tatterig geworden bin, bevor sich in meinem Leben irgendetwas zum Positiven gewendet hätte.
Opa Okay war leider nicht so in Ordnung, wie es sein türkischer Vorname in seiner englischen Bedeutung sagte. Viel zu oft machte er sich genüsslich über mein schlechtes Türkisch lustig. Er meinte, jemand wie ich, der einen türkischen Vater hatte, sollte diese Sprache viel besser beherrschen. Meine deutsche Mutter vergaß Opa Okay. Es heißt doch schließlich Muttersprache und nicht Vatersprache, oder? Ich wurde in Deutschland geboren und wuchs im Berliner Bezirk Wedding auf. Genau wie mein um ein Jahr jüngerer Bruder Sen, den ich meistens sehr mochte, wenn er nicht gerade einmal nervte oder ausflippte. Das kam leider ziemlich häufig vor.
Der Vorname meiner Mutter war deshalb so lustig, weil er im Türkischen Mutter bedeutete. Wenn ich Mutter ärgern wollte, nannte ich sie anne Anne, was „Mutter Anne“ bedeuten sollte. Für türkische Ohren bedeutete es aber Großmutter mütterlicherseits. Auch wenn das Türkisch unserer Mutter nicht besonders gut war, denn mein Vater hatte ihr während der Ehe nur ein paar Brocken beigebracht, so verstand sie doch mein Wortspiel und lief mir dann nach, um mich zu fangen. Dann stellte sie sich mit ihrem Gesicht vor mich und fragte streng:
„Sica, sieht so deine Mutter oder deine Großmutter aus?“ Ich entschied mich natürlich immer für meine Mutter, denn die Folgen der anderen Antwort wagte ich mir in meiner Phantasie nicht auszumalen. Ich wollte Mutter ja nicht beleidigen, sondern nur ein bisschen ärgern.
Meine Großmutter mütterlicherseits kannte ich nur wenig. Die Eltern meiner Mutter hatten sich scheiden lassen als Anne ungefähr elf Jahre alt war. Dann zog Yolanda, so hieß die Mutter meiner Mutter mit Vornamen, nach Madeira, um Malkurse zu geben. Meine Mutter Anne behauptete, Oma sei eine stehengebliebene 68igerin. Damals wusste ich nicht, was das bedeutete. Später war mir klar, dass dies wohl der Ausdruck für schräg, schrill oder durchgeknallt war. Yolanda war nur selten in Deutschland. Wir, das heißt meine Mutter, mein Bruder und ich besuchten sie auf Madeira ein einziges Mal für drei Wochen während der Sommerferien. Sen und mir gefiel es dort ganz gut. Mama verstand sich aber irgendwie nicht so gut mit ihrer eigenen Mutter. Ich glaubte, die Reise nach Madeira unternahm Mutter nur Sen und mir zuliebe. Sie selbst wäre nie alleine zu ihrer Mutter gefahren.
Später erzählte Mutter einmal beiläufig, dass Großmutter Yolanda, sie um eine glückliche Kindheit gebracht hätte. Meine Mutter wuchs nach der Scheidung und dem Wegzug ihrer Mutter nach Madeira bei ihrem Vater Samuel auf. Samuel starb als Mutter einundzwanzig Jahre alt war, so dass ich ihn nie kennen lernen konnte. Nur kurze Zeit später traf sie dann auf meinen Vater. Nach ein paar Monaten haben die beiden dann auch gleich geheiratet, weil ich schon unterwegs war. Opa Okay passte das nicht, denn dadurch wurden seine Pläne durchkreuzt. Opa war seit ich denken kann ein besonderes Exemplar eines ostanatolischen Dickschädels. Oft war er aufbrausend, herrisch und von Vorurteilen geleitet. Dann mochte ich ihn überhaupt nicht.
„Es ist eine Schande, dass Du meine Heiratspläne für dich zunichtemachst, indem du diese deutsche Frau geschwängert hast. Du musst sie jetzt heiraten oder das Kind wegmachen lassen und die Frau verlassen.“ Vor diese unglaubliche Wahl stellte Opa Okay meinen Vater. Mich abzutreiben kam weder für meine Mutter noch für meinen Vater in Frage. Da habe ich wirklich Schwein gehabt, auch wenn diese Redewendung für mich als Moslem eigentlich nicht halãl ist.
Nachdem sich meine eigenen Eltern dann einige Jahre später scheiden ließen, verbrachten Sen und ich die meiste Zeit bei meiner Mutter Anne. Jedes zweite Wochenende und die Hälfte der Ferienzeiten gingen mein Bruder und ich zu meinem Vater Sinan, der mit uns in den Sommerferien meistens in das südostanatolische Diyarbakir reiste und von dort weiter in den sehr kleinen Geburtsort meines Großvaters Okay. Dort war der Hund begraben. Tote Hose, nix los, einfach nur langweilig. Dieses Provinznest hieß Türbe, was im Deutschen so viel wie Grabmal bedeutet. Einen treffenderen Namen hätte dieses verschlafene Dorf wirklich nicht haben können.
Deshalb freute ich mich nach jedem Urlaub wieder auf Deutschland. Die meisten meiner Freunde wohnten in Berlin. Vor allem mein bester Kumpel Yilmaz Gökhan. Wir waren wie Brüder. Yilmaz war der Älteste von drei Geschwistern. Sein kleiner Bruder Mehmet war vier und seine Schwester fünf Jahre alt. Ich fand es toll, wie gut er mit den beiden klarkam und wie viel Geduld er mit ihnen hatte. Er liebte seine Geschwister und sie liebten ihn.
Yilmaz‘ Eltern wurden beide in der Türkei geboren und kamen als Kinder mit ihren Eltern nach Deutschland. Yilmaz ging es ähnlich wie mir. Mein Opa Okay mochte meinen besten Kumpel. Das hatte einen ganz einfachen Grund, den er mir auch ohne Umschweife mitteilte:
„Nimm dir ein Beispiel an Yilmaz. Sein Türkisch ist viel besser als deines, obwohl ihr im gleichen Alter seid. Von deinem Bruder Sen will ich erst gar nicht reden. Der ist sowieso ein hoffnungsloser Fall“, rief Opa Okay nachdem er sich einmal mit Yilmaz auf Türkisch unterhalten hatte.
„Opa, das ist kein Wunder, denn beide Eltern kommen aus der Türkei. Unser Vater hat sich bis auf die Ferien und jedes zweite Wochenende von Sen und mir verabschiedet. Wie hätten Sen und ich die Sprache lernen sollen? Du hast ja auch nicht viel mit uns beiden gesprochen“, hielt ich ihm entgegen.
Sen war der Rufname meines Bruders, der eigentlich Sener hieß, was so viel wie fröhlicher, lustiger Typ bedeutete. Der Name meines Bruders traf seinen Charakter wie die Faust aufs Auge. Sen, dieser Scherzbold, nervte aber manchmal megamäßig. Er war ganz anders als ich. Mich selbst nannten meine Freunde Sica, denn auf Silas Candan reagierte ich nur widerwillig. Opa Okay rief mich ausschließlich mit dem türkischen Bestandteil meines Vornamens. Den deutsch klingenden Bestandteil meines Vornamens empfand er als fremd, störend und vor allem als eine gezielte Provokation unserer Mutter. Diese hatte darauf bestanden, dass der Vorname Silas dem türkischen Vornamen Candan vorangestellt wurde. Bei Sen allerdings bestand sie nicht auf einem weiteren Vornamen, denn mein Vater wählte und erklärte ihr die Bedeutung des Namens.
„Dein Vater hat sich bei der Brautwahl über meinen heiligen Willen hinweggesetzt. Wir hatten doch schon eine türkische Braut für ihn ausgesucht“, erklärte mir mein Opa als er Mal wieder von meinem Vater enttäuscht war.
„Aber was hilft alles Reden, wenn das Schicksal es anders bestimmt hat. Das ist eben Kismet“, fuhr er fort. So sprach er immer, wenn ihm etwas gegen den Strich ging, Opa jedoch der festen Ansicht war, dass die vorbestimmten Wege des Schicksals es so gewollt hatten. Als türkischer Moslem glaubte er sehr stark an das Kismet, jenes unausweichliche Schicksal eines jeden Menschen, dem man sich nicht entwinden kann. Für mich war das immer etwas schwer zu verstehen. Wenn alles vorbestimmt war, warum sollte man dann noch leben?
Opa Okay erklärte es mir als ich klein war mit einer Geschichte aus der Zeit des Kalifen Ali, der eines Tages von einem Mann gefragt wurde, ob er ihm erklären könne, was das Schicksal sei. Ali sagte dem Mann, er solle ein Bein heben, um nur auf einem Fuß zu stehen, was dieser sofort tat. Dann wies Kalif Ali den Mann an, auch sein zweites Bein zu heben, ohne das erste abzusetzen. Der Mann antwortete, dies könne er nicht. Ali aber antwortete ihm, dass dies genau das Wesen des Schicksals sei. Es gebe Dinge, die der Mensch nach dem Willen Gottes tun könne, andere hingegen seien ihm nach dem Willen Gottes verwehrt.
Die Ausführungen von Opa Okay zum Wesen des Schicksals waren für mich als Kind nicht so richtig nachvollziehbar. Mit zunehmendem Alter glaubte ich viel stärker daran, dass man durch sein eigenes Tun oder Unterlassen den eigenen Lebensweg beeinflussen konnte. Allerdings glaube ich nicht daran, dass man Naturgesetze ignorieren durfte. Das hatte aber nichts mit Kismet zu tun, sondern mit gesundem Menschenverstand.
Mein Großvater konnte meinem Vater nicht verzeihen, dass er sich über die Tradition des anatolischen Heimatdorfes hinweggesetzt hatte und eine Deutsche zur Frau nahm. Da meine Mutter strikt dagegen war, dass mein Bruder Sen und ich im Geiste des Islam erzogen wurden, gab es häufig krassen Krach mit meinem Vater, denn dieser stand voll unter dem Druck von seinem eigenen Vater.
„Wenn du schon eine deutsche Frau heirateten musstest, dann sollen deine beiden Söhne zumindest zu guten Moslems erzogen werden. Alles andere wäre eine schlimme Schande für unsere Familie“, wies Opa Okay meinen Vater zurecht. Infolgedessen ließen Vater und Opa Okay nichts unversucht, um Sen und mich bereits in frühen Kinderjahren mit den Festen des islamischen Jahres vertraut zu machen. Da sich diese Feste am Mondkalender ausrichteten, änderte sich das kalendarische Datum von Jahr zu Jahr. Von Vaters und Opas religiösen Erziehungsversuchen konnte ich mir nur die folgenden Festivitäten merken:
Das islamische Jahr beginnt mit dem Tag der Hedschra, der Erinnerung an Mohammeds Auszug von Mekka nach Medina im Jahr 622 unserer Zeitrechnung. Im gesamten Monat Rabi I wird der Geburt Mohammeds im Jahr 570 unserer Zeitrechnung gedacht. Im Monat Rajab sind alle Moslems bestrebt, ihre Streitigkeiten in Vorbereitung auf den sich anschließenden Monat Ramadan in der Nacht der Vergebung, die Laila Al-Bar genannt wird, beizulegen. Dann folgt der Monat Ramadan, in dem Moslems bei Tageslicht auf Speisen und Getränke verzichten. In der Nacht der Macht, der Lailat Al-Qudr, erinnern sich Moslems an die Offenbarung des Korans an Mohammed. Besonders mochte ich das fröhliche Id Al-Fitr-Fest, welches den Fastenmonat Ramadan beendet und den Monat Shawwal einleitet. Anlässlich des auch als Zuckerfest bekannten Ritus gab es für Kinder und Arme Geschenke. Dhu’L-Hidscha, die große Pilgerfahrt nach Mekka, auch Hadsch genannt, soll im Monat Dhu al Hijja stattfinden. Am Ende des islamischen Jahres steht das Opferfest Id Al Adha, das mit dem Ende der Pilgerfahrt nach Mekka zusammenfällt. Geopfert werden Tiere, deren Fleisch an arme Moslems verteilt wird.
Die islamischen Feste und ihre Bedeutungen kannte ich zwar mehr schlecht als recht, aber an die damit verbundenen religiösen Vorgaben haben sich weder Sen noch ich gehalten. Viel mehr haben wir die Feste, bei denen Kinder beschenkt werden, gerne gefeiert. Auf religiöse Regeln wie das Fasten im Ramadan, das eine Einschränkung dargestellt hätte, haben wir allerdings gerne verzichtet. Wir waren so etwas wie religiöse Opportunisten. Von der christlichen Religion unserer Mutter und der islamischen Religion unseres Vaters suchten wir uns nur die vorteilhaftesten Feste aus. Weder Sen und ich hatten aus diesem Grund ein schlechtes Gewissen. Warum sollte es nicht auch eine positive Seite haben, wenn die eigenen Eltern bi-religiös waren?
Ich war sieben Jahre alt und in der ersten Klasse, mein Bruder Sen stand kurz vor der Einschulung, als sich unser Vater über den Willen seiner Frau hinwegsetzte und uns beschneiden ließ. Unserer Mutter hatte er davon natürlich vorher nichts erzählt, sondern nur so viel, dass wir Verwandte besuchen würden. Vaters älterer Bruder Oktay sollte bei der Beschneidung, die man Sünnet nennt, unser Kirve sein. Kirve ist so etwas wie ein Pate für die Beschneidung und das Leben danach. Die Beschneidung selbst wurde von einem Sünnetci durchgeführt, der aus dem anatolischen Türbe stammte, wie mein Großvater Okay und mein Vater Sinan. Ich fand die Beschneidung ziemlich übel, aber es gab viele Geschenke, die mich über die Schmerzen hinwegtrösten sollten. Die Arme hielt mir Onkel Oktay, mein Kirve, fest, damit ich mich nicht wehre, als der BeLeander zwischen meinen gespreizten Beinen seinen Schnitt vollzog. Soweit ich mich noch richtig erinnere, habe ich nur ein wenig geweint. Sen kam nach mir dran und hat so laut nach unserer Mutter geschrien, dass ich es nie vergessen werde. Nur zu dumm, dass Mutter nicht da war.
Natürlich erfuhr unsere Mutter von der Beschneidung und rastete völlig aus. Sie sagte, sie möchte keinesfalls erleben, dass Sen oder mir gegen unseren und ihren Willen Schmerzen zugefügt werden. Sie wollte uns eigentlich bis zum 14. Lebensjahr religiös unbeeinflusst erziehen, damit wir dann selbst entscheiden sollten, ob und welcher Religionsgemeinschaft wir angehören wollten. Es kam also anders. Unsere Beschneidungen hatten die bereits deutlich angeknackste Ehe unserer Eltern zerbrechen lassen. Es war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Opa Okay versuchte weiterhin Druck auf unseren Vater auszuüben, damit er seiner Frau endlich klar machte, wer das Sagen in der Familie hatte.
„Was für einen Waschlappen von Sohn habe ich da in die Welt gesetzt, der sich nicht einmal gegenüber seiner deutschen Frau durchsetzen kann“, beschimpfte Opa Okay meinen Vater einmal als ich noch sehr klein war. Mein Türkisch war aber immerhin gut genug, um diesen Vorwurf, den ich für gemein hielt, zu verstehen. Letztlich war die Scheidung unter diesen Umständen wohl das Beste. Im Nachhinein bin ich überzeugt davon, dass mein Vater sich viel stärker zu meiner Mutter hätte bekennen müssen, statt seinem herrschsüchtigen eigenen Vater Gehorsam zu erweisen. Wir sind schon eine sehr komische Familie.
Mutter nahm nach der Scheidung ihren Geburtsnahmen wieder an. Leider stimmte Vater nicht zu, dass Sen und ich auch den Geburtsnamen unserer Mutter annehmen durften. Wir hießen also weiterhin Sener Birol und Silas Candan Birol, die beide bei ihrer Mutter Anne Herzog wohnten. Mein doppelter Vorname klang wie die peinliche Bemühung um einen Kompromiss in einer deutsch-türkischen Ehe, in der keine Seite nachgeben wollte. Man Vater dachte wirklich, dass meine Mutter während der Ehe zum Islam konvertieren würde. Aber meine Mutter stand dem Islam, insbesondere in der konservativen Auslegung, ziemlich kritisch gegenüber. Kritisch ist dabei noch maßlos untertrieben. Meine Mutter Anne war einfach zu selbstbewusst, eigensinnig und unabhängig, um sich den in ihren Augen frauenfeindlichen Regeln des Islam zu unterwerfen. Umgekehrt kam es für meinen Vater nicht in Frage zum Protestantismus zu konvertieren. Meine Mutter war keine gläubige Christin, aber Schenkungsfeste wie Weihnachten und Ostern haben wir schon gefeiert. Die Geschenke anlässlich von Id Al-Fitr, oder wie es auf Türkisch hieß Șeker Bayrami, dem Zuckerfest nach Abschluss des Monats Ramadan, nahmen Sen und ich gerne auch mit.
Ich fand den Streit zwischen Vater und Mutter sowieso echt Panne, aber was konnte ich schon machen. Meine Eltern hatten sich in eine Sache verrannt und keine Seite war bereit, nachzugeben. Ein Sprichwort sagt: „Der Klügere gibt nach.“ In dieser Auseinandersetzung um die Religion waren meine Eltern beide ziemlich dumm.
Weil sich meine Eltern nicht verständigen konnten, habe ich nach der Scheidung aus Trotz beschlossen, meinen Namen zu ändern. Sica war schön kurz und gefiel mir besser als Silas Candan, denn das klang in meinen Ohren eher wie der gescheiterte Versuch einer versöhnlichen Namensgebung in einer deutsch-türkischen Ehe. Aber meine Eltern hatten es nicht einmal geschafft, sich bei der Eintragung meines Namens auf einen Bindestrich zwischen Silas und Candan zu einigen. Vielleicht war das schon ein frühes Zeichen für das kommende Desaster in ihrer Beziehung. Es gab aber auch noch einen anderen gewichtigen Grund dafür, warum ich meine beiden Vornamen auf Sica verkürzte.
Als Kind habe ich meine Eltern, die damals noch zusammen lebten, einmal gefragt, ob meine beiden Vornamen eine Bedeutung besäßen. Meine Mutter bejahte dies für meinen ersten Vornamen. Zwar gab sie zu, dass die Herkunft meines Namens nicht eindeutig geklärt war, aber alles deutete darauf hin, dass es sich um einen griechischen Namen handelte, der jedoch von der aramäischen Variante des ursprünglich hebräischen Namens Saul abgeleitet war. Der Name Saul bedeutete in etwa: der von Gott Erbetene. Meinen Namen gab es aber auch in der lateinischen Ausprägung Silvan und bezog sich dabei auf Silvanus, den Gott von Feld, Wald und Herden. Mein Vater erklärte mir, dass mein zweiter Vorname Candan türkisch-persischer Herkunft war und so viel wie lieblich, herzlich bedeutete. In der Türkei gab es diesen Namen bei Jungen und Mädchen. Ich hätte mich wahrscheinlich besser nicht nach der Bedeutung meiner beiden Vornamen erkundigen sollen, denn ich war danach etwas verwirrt. Meine Eltern konnten mich doch unmöglich nach einem lieblich-androgynen Feld-, Wald- und Herdenbauern benannt haben, der für diese klägliche Existenz auch noch von Gott oder wem auch immer ausgewählt worden war. Ich redete danach nicht mehr über dieses unverzeihliche Missgeschick mit meinen Eltern. Es war mir einfach nur peinlich. Deshalb bestand ich darauf, dass man mich nur noch Sica nannte. Wer mich ärgern wollte, nannte mich bei meinen beiden vollständigen Vornamen oder nur Candan.
Ich will aber nicht ungerecht gegenüber meinen Eltern sein, die im Rahmen ihrer beschränkten Möglichkeiten alles versuchten, um mir und meinem Bruder Sen eine möglichst sorgenfreie Kindheit zu bereiten. Das funktionierte leider nicht immer. Wahrscheinlich bin ich aus diesem Grund so verkorkst geworden. Ich tastete mich unsicher durch zwei Welten, von der mich keine vorbehaltlos akzeptierte. Das war ein wirklich beschissenes Gefühl.
Meine Mutter war jedenfalls mein Schutzengel für alle schulischen Belange. Sie hat meine Hausaufgaben kontrolliert, mit mir geübt und ist zu den Elternabenden gerannt. Dadurch war sie immer ziemlich gut im Bilde über meine schulische Situation. Das konnte manchmal ganz schön nerven.
Ja, ich und die Schule. Das war wirklich kein sehr lustiges Thema. In der Grundschule war ich anfangs ganz gut, aber nach der Scheidung meiner Eltern fiel ich in ein Loch. Meine Mutter übte unentwegt mit mir und am Ende der vierten Klasse hatte ich mich so stabilisiert, dass ich keine Ehrenrunde drehen musste. Bei uns in Berlin dauert die Regelgrundschule sechs Jahre. Als diese Jahre vorbei waren, meinte meine Klassenlehrerin, dass ich es mit der Realschule versuchen sollte, denn sie glaubte das Gymnasium wäre für mich als Kind mit väterlichem Migrationshintergrund etwas zu schwer. Mein Freund Yilmaz, dessen beide Elternteile Migranten waren, sollte es auch auf der Realschule versuchen. Aber da hatte unsere Klassenlehrerin nicht mit meiner Mutter und Yilmaz’ Vater gerechnet. Beide waren ganz und gar nicht mit der Empfehlung einverstanden. Mein Notendurchschnitt lag bei 2,3. Der Notendurchschnitt von Yilmaz lag bei 2,2. Yilmaz hätte sogar ohne Empfehlung auf ein Gymnasium wechseln können. Ich lag um 0,1 Notenpunkte über der Grenze, sodass es einer Empfehlung meiner Klassenlehrerin bedurft hätte.
Offenbar argumentierte unsere Grundschulklassenlehrerin damit, dass die Ansprüche auf dem Gymnasium ungleich höher waren als alles was wir, Yilmaz und ich, bisher kannten. Selbst Kinder, die den familiären Rückhalt und die notwendige schulische Unterstützung bekamen, hatten oft Probleme damit den umfangreichen Lernstoff zu bewältigen. Schwieriger war es deshalb für Eltern mit Migrationshintergrund, die oft bereits an der Sprachbarriere scheiterten, wenn sie ihren Sprösslingen bei Schulproblemen zur Seite stehen wollten. Bei einer solchen fadenscheinigen Argumentation wurde meine Mutter zur Tigerin, die sich in ihre berühmt-berüchtigten Schraubattacken hinein steigerte. Sie schraubte sich so hoch, dass weder unsere Grundschulklassenlehrerin noch Yilmaz‘ Vater nennenswerte Wortbeiträge leisten konnten. Anne wies meine Grundschulklassenlehrerin darauf hin, dass mein Bruder und ich überwiegend bei ihr, der deutschen Mutter, aufwuchsen. Im Übrigen beschimpfte Mutter meine Lehrerin als engstirnige, ignorante Integrationsbremse. Das war nicht besonders klug. Das ist typisch für meine Mutter. Wenn die Nerven mit ihr durchgehen, ist ihr Hirn im Offline-Modus. Trotzdem hatte ich immer den Eindruck, dass meine Mutter für mich kämpfte. Das mochte ich an ihr, auch wenn sie dabei manchmal übertrieb und über das Ziel hinaus schoss.
Wir bekamen also unsere Gymnasialempfehlung. Yilmaz und ich konnten weiterhin in eine gemeinsame Klasse gehen. Sollte unser schulisches Experiment schief gehen, konnten wir immer noch auf die Real- oder Hauptschule gehen, die damals als Restschule in Verruf geraten war. Deshalb gab es zu dieser Zeit auch einen leidenschaftlichen gesellschaftlichen Diskurs über die Abschaffung der Hauptschule, die man schließlich in die Realschule integrierte. Weder Yilmaz noch ich hatten vor als Schulversager dazustehen. Wir beide glaubten, uns weiterhin irgendwie durchwursteln zu können. Meine Mutter kontrollierte meine Hausaufgaben immer mit detektivischer Akribie, die mich ordentlich nervös machen konnte. Ihr Kontrollritual vollzog sie auch, wenn Yilmaz bei uns war. Jedenfalls freute ich mich riesig, dass ich mit Yilmaz, mit dem ich seit dem ersten Schultag dieselbe Grundschulklasse besuchte, auch in Zukunft zusammen bleiben konnte. Das nahm mir ein wenig die Angst vor den kommenden Leistungsanforderungen. Ich spürte, dass es ihm ähnlich erging.
Allerdings erwarben wir uns auf unserer neuen Schule, dem Konrad-Adenauer-Gymnasium, ziemlich schnell den Ruf Klassenclowns und Tunichtgute zu sein. Yilmaz und ich gingen durch Dick und Dünn. Niemand brachte uns auseinander. Wir waren miteinander verschmolzen wie siamesische Zwillinge.
Mein Bruder und ich sahen unseren Vater nach der Scheidung unserer Eltern in der Regel alle vierzehn Tage am Wochenende. Oft sagte er aber ab. Dann blieben wir bei unserer Mutter. Zumindest dachte unser Vater an unsere Geburtstage und an das Zuckerfest. Wir bekamen immer Geschenke. Meine Begeisterung für Technik und alles was sich bewegte hatte Vater ziemlich schnell registriert. Deshalb schenkte er mir zu meinem achten Geburtstag ein Jugendlehrbuch über das Auto, in dem die Funktionsweise kindgerecht, aber dennoch informativ erklärt wurde. Ein Jahr später bekam ich aus der gleichen Reihe das Buch über die Eisenbahn. Zu meinem zehnten Geburtstag schenkte er mir dann den Band über die Fliegerei und die Luftfahrt. Dieser Band war mir der Liebste, denn ich interessierte mich sehr dafür, warum ein Flugzeug überhaupt am Himmel blieb und wie das alles funktionierte. Mein Kumpel Yilmaz meinte zu dieser Zeit, dass ich bestimmt einmal ein berühmter Ingenieur oder Erfinder werden würde, denn oft überforderte ich ihn mit meiner Technikbegeisterung. Es kränkte mich nicht, dass Yilmaz manchmal mit meiner technischen Detailversessenheit nichts anzufangen wusste. Ich glaubte sowieso schon sehr früh daran, dass Yilmaz wahrscheinlich einmal Richter oder sogar Diplomat werden würde. Schon als Kind zeichnete ihn eine sehr ausgleichende Art aus, die mir leider fehlte. Yilmaz sah immer auch die Interessen der Gegenseite. Ich dagegen rannte oft los, ohne die Folgen meines Tuns zu bedenken oder gar in Erwägung zu ziehen, dass ich mit meiner vorwärts drängenden Art manche vor den Kopf stieß, womöglich sogar völlig überrannte. Vielleicht waren es eben diese Gegensätze, durch die sich Yilmaz und ich perfekt ergänzten oder um es knapp auszudrücken: Yilmaz war der Kopf und ich war der Bauch.
Als Kind verschlang ich alles über Technik und Ingenieurwesen. Schnell begriff ich wie ein Automotor funktionierte, lange bevor wir es in der Schule durchgenommen hatten. Wenn Sen und ich wieder einmal ein Wochenende bei unserem Vater verbrachten, wünschte ich mir oft, dass er mit uns ins Technikmuseum ging. Das passte Sen häufig nicht. Dann zickte er herum wie eine Diva. Schließlich einigten sich Vater, Sen und ich darauf, dass wir immer dann ins Technikmuseum gingen, wenn das Wetter schlecht war.
Zu meinem elften Geburtstag schenkte mir Papa ein ferngesteuertes Flugzeug, das mir viel Freude bereitete. Ich begriff nach der Lektüre des kindgerechten Theoriebandes über die Fliegerei und Luftfahrt, welche Klappen und Ruder ich an der Fernsteuerung des miniaturisierten Modells betätigen musste, um mein einmotoriges Modellflugzeug in die gewünschte Richtung zu manövrieren. Um eine saubere Landung hin zu bekommen, musste ich unentwegt üben. Dadurch wurde mir sehr schnell klar, dass die Landung das komplizierteste Manöver bei einem Flug war. Irgendwann funktionierte aber auch das halbwegs gut. Zumindest so gut, dass nichts an meinem geliebten Modellflieger kaputt ging.
Mit einer Ausnahme: An einem Sonntagnachmittag im Herbst blies der Wind sehr stark von der Seite über die geteerte Landebahn, die nichts anderes war als der Parkplatz eines Discounters. Da ich befürchtete, beim Landeanflug mit hängender Tragfläche zu schnell die Kontrolle über meinen Modellflieger zu verlieren, entschied ich mich alternativ für das Kreuzen von Seiten- und Querruder. Bedauerlicherweise ging das total schief. Ich korrigierte die Ruderposition zu spät, sodass ich mit der Tragfläche den zur Landebahn umfunktionierten Parkplatz berührte. Mein Flieger brach dadurch seitlich aus und überschlug sich. Die Spitze der Tragfläche war durch meinen unbeabsichtigten Crash beschädigt worden. Ich fühlte mich wie ein Bruchpilot. Glücklicherweise konnte ich den Schaden an der Tragfläche meines Modellfliegers mit Hilfe meines Vaters reparieren. Mein Vater untersagte mir nach diesem Vorfall, den Modellflieger bei starkem Wind oder Regen zu fliegen. Trotz des Verbots flog ich weiterhin bei schlechtem Wetter. Stur wie ich war, wollte ich die fliegerischen Grenzen, die mir die Naturgewalten aufzwangen, einfach nicht akzeptieren. Ein Verkehrsflugzeug startete und landete auch bei Regen und starkem Wind. Insofern glaubte ich, dass mein Modellflugzeug dies auch können musste. Wenn es aber nicht klappte, führte ich das auf mein mangelndes fliegerisches Können an der Fernbedienung des Modellflugzeugs zurück. Das ärgerte mich einerseits, stachelte aber andererseits auch wieder meinen Ehrgeiz an. Hinderlich für meinen Erfolg war allenfalls meine Beschränktheit im Denken, denn bei meinen Modellflugversuchen übersah ich geflissentlich die komplett anderen Masseverhältnisse meines leichten Modellfliegers verglichen zu einem schweren, vollbesetzten Verkehrsflugzeug. Leider konnte ich Yilmaz trotz mehrerer Versuche nie so richtig für mein Hobby begeistern. Das beeinflusste aber in keiner Weise die Aufrichtigkeit unserer Freundschaft.
Für Yilmaz hätte ich alles getan, denn ich wusste, dass er auch alles für mich getan hätte. Sein bedeutendster Freundschaftsdienst brannte sich unauslöschlich in mein Gedächtnis ein. Wir waren damals in der sechsten Klasse. Unsere gegnerische Mannschaft bestand aus den Fünftklässlern. Beim Fußballspielen foulte mich der Fünftklässler Dennis als ich im Ballbesitz war und auf das gegnerische Tor zustürmte. Dennis stellte mir ein Bein. Beim Hinfallen spürte ich einen stechenden Schmerz im rechten Fuß, sodass ich schreien musste. Unser Sportlehrer Heimann behaupte, von dem Foul nichts mitbekommen zu haben, obwohl Yilmaz das unfaire Verhalten von Dennis bestätigte. Dennis‘ Vater war im Vorstand eines Berliner Erstligaclubs. Sein Vater hat ihn auch schon beim Training der Mannschaft zusehen lassen und der Trainer hatte ihm einige Tipps gegeben, wie er auf dem Rasen noch besser werden konnte. Zumindest prahlte Dennis immer damit. Ich hoffte, dass sein Foul nicht zu den Tipps gehörte, die er bekommen hatte.
Nun lag ich auf dem Rasen und hatte voll die Schmerzen. Mein rechter Fuß tat höllisch weh, so dass ich überhaupt nicht auftreten konnte. Sportlehrer Heimann glaubte mir nicht. „Stell dich nicht so mädchenhaft an, du Memme. Du verhältst dich total Untürkisch. Man sieht ja nicht einmal eine Verletzung an deinem Fuß“, brüllte er mich an. Das mein rechter Fuß aber in einer völlig fiesen Stellung hing, schien ihn nicht weiter zu interessieren. Den Rest der Sportstunde verbrachte ich auf der Ersatzbank. Yilmaz stütze mich auf dem Weg in die Umkleidekabine. „Komm, ich bringe dich nach Hause“, sagte er nachdem wir die Tür zur Umkleidekabine erreicht hatten.
„Wie soll das gehen?“, fragte ich mit schmerzverzerrtem Gesicht. „Spring auf meinen Rücken auf! Ich trage dich nach Hause“, sagte Yilmaz. „Wir könnten meine Mutter anrufen, damit sie mich abholt“, schlug ich vor, denn der Gedanke, dass mein schmächtiger zwölfjähriger Kumpel mich Huckepack nach Hause tragen würde, bereitete mir ein ungutes Gefühl. Dann fiel mir jedoch ein, dass meine Mutter an diesem Tag in Brandenburg arbeitete. Es hätte mindestens eine Stunde gedauert bis sie an der Schule angekommen wäre, um mich abzuholen.
„Komm, spring auf! Deine Sachen bringe ich dir später vorbei“, forderte mich Yilmaz auf. Ich folgte seiner Aufforderung. Er trug mich ohne ein Wort der Klage hinauf bis in unsere Wohnung im vierten Stock. Er sperrte unsere Wohnungstür auf und legte mich im Wohnzimmer auf die Couch. Yilmaz war total verschwitzt. Er war völlig fertig. „Nimm dir in der Küche etwas zu trinken aus dem Kühlschrank. Ich war bestimmt total anstrengend für dich“, sagte ich etwas verlegen.
„Nicht mehr als sonst“, sagte er noch hörbar außer Atem aber bereits mit einem Lachen. „Du Yilmaz, ich will mich bei dir bedanken. Niemand sonst hätte das gemacht. Du bist mehr als ein Freund. Eigentlich schon so etwas wie ein Bruder, der zur Familie gehört“, sagte ich. Er zuckte nur kurz mit den Schultern und antwortete mit einem Satz, den ich bis zu meinem letzten Atemzug nicht vergessen werde:
„Dost kara günde belli olur“. Ein Freund in der Not ist ein wahrer Freund. Den Freundschaftsdienst, den Yilmaz mir an diesem Tag erwies, wollte ich ihm gleichermaßen zuteilwerden lassen, wenn er eines Tages meine Hilfe benötigen würde. Dieses Versprechen gab ich mir selbst und nichts sollte mich davon abhalten, es eines Tages einzulösen.
Yilmaz holte in der Küche noch ein Glas Orangensaft aus dem Kühlschrank, das er mir hinstellte. Er selbst trank ein Glas Wasser. „Zeig mir Mal deinen verletzten Fuß!“, bat er mich. Der Fuß war rot-braun und total angeschwollen.
„Hey, das sieht ja voll übel aus. Den müssen wir kühlen bis deine Mutter zurück ist. Ruf sie doch am besten an, vielleicht kann sie ja früher von der Arbeit kommen“, schlug er vor und reichte mir das schnurlose Telefon, das auf dem Couchtisch lag. Während ich meine Mutter anrief, um ihr meinen Sportunfall zu erklären, ging Yilmaz ins Badezimmer und kam mit zwei Handtüchern zurück ins Wohnzimmer: einem feuchten kühlen und einem zum Unterlegen, damit die Couch nicht nass wurde. Behutsam wickelte er das feuchte Handtuch um meinen deformierten angeschwollenen Fuß. „Mist, ich muss los, denn meine Leute wissen gar nicht, wo ich bin, weil ich mein Handy in der Umkleidekabine vergessen habe“, sagte er nach der Erste-Hilfe-Aktion, die meine Schmerzen etwas linderte.
„Ruf doch von hier bei deiner Mutter an, damit sie weiß, wo du bist“, schlug ich vor. „Ich bin doch in fünf Minuten zu Hause. Da lohnt der Anruf nicht mehr“, entgegnete er mir und begab sich zur Wohnungstür, die er mit einem „Gute Besserung!“ verließ.
Mutter hatte am Telefon gesagt, dass sie sich umgehend auf den Weg zu mir machen würde. Sie hielt ihr Versprechen. Wahrscheinlich hatte sie auf dem Weg zu mir alle roten Ampeln ignoriert. Als ich ihr erzählte, was im Sportunterricht vorgefallen war, rastete sie aus. Nicht wegen mir, sondern weil der Sportlehrer seiner Verpflichtung, mich unverzüglich ärztlich untersuchen zu lassen, nicht nachgekommen war. Das holte sie jetzt nach und rief unseren Hausarzt an, der noch im Laufe des Nachmittags vorbei kam und meinen Fuß untersuchte. Er stellte einen Bruch des Fersenbeins am rechten Fuß fest, wollte aber seine Diagnose durch eine Röntgenaufnahme bestätigen lassen. Also musste ich zum Röntgen ins Rote-Kreuz- Krankenhaus in die Drontheimer Straße. Die Röntgenaufnahmen bestätigten die Diagnose unseres Hausarztes. Ich bekam einen Gehgips an den Fuß und Krücken, mit denen ich in den folgenden Wochen akrobatisch umzugehen lernte.
Yilmaz bekam wegen seiner Hilfsbereitschaft noch höllischen Ärger. Nach dem Sportunterricht sollten wir eigentlich im direkten Anschluss noch zwei Mathestunden haben, aber die Mathelehrerin, Frau Fiedler, stellte unser Fehlen fest und fragte, wo wir wären, da wir doch im Klassenbuch als anwesend geführt wurden. Dennis soll daraufhin geantwortet haben, dass wir im Sportunterricht noch dabei gewesen waren, aber nun wahrscheinlich schwänzten. Dies hatte zur Folge, dass Frau Fiedler die Klasse kurz verließ, um im Rektorat Bescheid zu geben, dass man die Eltern von Yilmaz und meine Eltern anrufen sollte. Der Rektor rief daraufhin bei Yilmaz‘ Vater an und fragte, ob er wüsste, wo sein Sohn Yilmaz sich aufhielt. Natürlich wusste er von nichts und rief daraufhin Yilmaz‘ Mutter zu Hause an, die ja auch von nichts wissen konnte. Die zahllosen Anrufe von Yilmaz‘ Eltern auf seinem Handy brachten nichts, da er es in der Umkleidekabine vergessen hatte.
Yilmaz‘ Vater fuhr überstürzt von der Arbeit nach Hause. Dort angekommen überlegte er mit seiner Frau, wo sie nach ihrem verschwundenen Sohn suchen konnten und ob sie die Polizei einschalten sollten. Vor allem Yilmaz‘ Vater glaubte wahrscheinlich, dass Yilmaz im Humboldthain Drogen vertickte, nur weil er einmal nicht in der Schule war. Eine halbe Stunde nachdem sein Vater besorgt zu Hause ankam, traf nun auch Yilmaz ein, der sich wenige Minuten zuvor von mir in unserer Wohnung verabschiedet hatte. Sein Vater öffnete die Wohnungstür.
Anstatt sich zu freuen, dass er wieder zurück war, erhielt Yilmaz eine heftige Ohrfeige auf die linke Wange, sodass er von der Wucht des Schlages an den gegenüberliegenden Türrahmen der Wohnungstür flog. Seine rechte Gesichtshälfte war noch am nächsten Tag davon völlig angeschwollen und auf der linken Wange sah man tatsächlich den Abdruck der rechten Hand von Yilmaz‘ Vater. Ich fragte Yilmaz, wer aus der Klasse ihm das angetan hatte, um diesen Brutalo zu meinem persönlichen Feind zu erklären.
„Es war das erste Mal, dass mich mein Vater geschlagen hat, aber er hat sich danach bei mir entschuldigt. Durch den Anruf deiner Mutter hat sich die ganze Angelegenheit aufgeklärt“, erzählte er mir.
„Ich weiß nicht, was deine Mutter meinem Vater gesagt hat, aber mein Vater sprach kein Wort nach dem Telefonat mit mir. Ohne mich auch nur ein einziges Mal anzusehen, ging er direkt ins Badezimmer. Er schloss sich dort ein. Nach einer Viertelstunde kam er mit geröteten Augen heraus und entschuldigte sich bei mir. Angesehen hat er mich dabei aber immer noch nicht“, erklärte mir Yilmaz.
„Weißt du, mein Vater hat irgendwie immer Angst, dass ich auf die schiefe Bahn geraten könnte und mir deshalb das Leben versaue. Einer seiner Cousins sitzt nämlich im Gefängnis, weil er wohl Mal ziemliche Dummheiten gemacht hat. Mein Vater ist manchmal der totale Kontrollfreak. Das macht dann echt überhaupt keinen Spaß. Andauernd kontrolliert er meine Hausaufgaben und bei den Elternabenden hat er noch kein einziges Mal gefehlt. Er hat gestern wirklich geglaubt, ich hätte die Schule geschwänzt. Deshalb gab er mir die Ohrfeige. Das Doofe ist nur, dass er mich vorher gar nicht gefragt hat, wie es wirklich war. Er hat mich zuerst geschlagen. Das finde ich schlimmer als die Wucht der Ohrfeige. Einen gar nicht zu fragen, sondern gleich zu denken, dass es nur so sein kann wie er sich das zusammen gereimt hat. Das ist scheißungerecht und ärgert mich!“, fuhr Yilmaz fort.
„Was? Das ist aber echt komisch. Ich habe gelauscht als meine Mutter in der Küche mit deinem Vater sprach. Sie hat gesagt, dass er stolz auf dich sein kann, denn du hättest was getan, wozu nur wahre Freunde in der Lage sind. Du hast dich selbst in Gefahr gebracht, um mir zu helfen“, sagte ich ihm.
„Ach, was heißt hier Gefahr. Die Ohrfeige war es allemal wert. Du hättest das auch für mich gemacht, wenn man mich gefoult hätte, aber man foult mich nicht, weil ich von uns beiden der bessere Fußballspieler bin“, grinste er und knuffte mich in den Oberarm. Ich nickte und war unendlich stolz auf unsere Freundschaft.
Ja, meine Mutter. Wenn ich sie mit einem Tier verglich, entsprach sie am ehesten einer Löwin, denn wenn ihr etwas als Unrecht erschien, kämpft sie unerbittlich und dann war ihr völlig egal, wer vor ihr stand. Meine Mutter sah rot als sie durch ein Telefonat von unserem Grundschulrektor, Herrn Bernhardt, erfuhr, dass er Yilmaz und mich für das unerlaubte Fernbleiben vom Unterricht nach der Sportstunde mit einem Tadel bestrafen wollte. Weil meine Mutter im Wohnzimmer stand als sie mit Herrn Bernhardt telefonierte, ich auf der Couch lag und am Bildschirm zockte, bekam ich zumindest die Wortbeiträge meiner Mutter mit, aus denen ich mir den Rest zusammen reimen konnte.
„Ein schmächtiger Zwölfjähriger trägt einen Mitschüler zwei Kilometer nach einem Unfall im Sportunterricht durch die Stadt, weil der verantwortliche Lehrer meinen Sohn für einen Simulanten hält. Ich kann ihnen gerne die ärztliche Diagnose vorlesen. Ihnen fällt nichts Besseres ein als die Kinder, die das einzig Richtige getan haben, zu bestrafen. Sie sind ein putziger Vertreter ihrer Art. Wenn sie das durchziehen, werde ich eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen diesen Sportlehrer Heimann aufgeben. Ich kann mir auch durchaus vorstellen, dass so ein Fall, sofern die Presse davon Kenntnis erlangen sollte, kein gutes Licht auf ihre Schule wirft“, sagte meine Mutter kaltschnäuzig. Die Antwort von Herrn Bernhardt konnte ich nicht hören, aber Anne drehte danach richtig auf:
„Was heißt hier Nötigung? Ihr Sportlehrer Heimann ist der Einzige, der die beiden Kinder genötigt hat Dinge zu tun, die sie nur aus der Notlage heraus taten. Für den sind sie ja schließlich als sein Vorgesetzter verantwortlich oder kann an ihrer Schule jeder Lehrer tun und lassen, was er will? Wenn sie unbedingt jemand tadeln wollen, um ihren abnormen Bestrafungsdrang zu befriedigen, dann halten sie sich an ihrem Dienstuntergebenen schadlos und nicht an meinem Sohn und seinem mutigen Freund“, brüllte meine Mutter.
Manchmal war mir meine Mutter schon ziemlich unheimlich. Ich fand ja toll wie sie sich für mich, Sen und auch Yilmaz einsetzte, aber wie sie es machte, war manchmal nicht besonders cool. Eher echt Panne! Dann schraubte sie sich immer so hoch.
„Mama, Yilmaz ist mein bester Freund. Wenn er einmal in Not ist, werde ich ihm genauso helfen, wie er mir heute geholfen hat“, erklärte ich meiner Mutter nach dem Telefonat mit Herrn Bernhardt. „Ich weiß, Sica. Ihr beide seid beste Freunde. Beste Freunde stehen immer füreinander ein, vor allem dann, wenn einer von beiden in Not gerät“, sagte sie nun ganz sanftmütig, wobei sie ihr Hand auf meine Stirn legte, um zu kontrollieren, ob ich Fieber hatte.
Yilmaz und ich wurden übrigens nicht getadelt. Stattdessen bekamen wir beide einen Termin bei Herrn Bernhardt. Unser Grundschulrektor ermahnte uns lediglich mündlich für unser unentschuldigtes Entfernen vom Schulgelände während des Unterrichts. Die Grundschulzeit sollte nach diesem Vorfall ohnehin nicht mehr lange dauern, worüber Yilmaz und ich nicht traurig waren. Wir freuten uns auf das Gymnasium, aber vor allem, dass wir in die gleiche Klasse kamen.
In der achten Klasse, mittlerweile war ich auf dem Konrad-Adenauer-Gymnasium, stieß dann Lena zu unserer Clique. Sie fiel mir sogleich auf, denn sie leistete sich eine eigene Meinung. Lena war auch nicht gekleidet wie die anderen Chicken in der Klasse. Diese Sorayas und Belindas oder wie diese Ungeist-Bitches alle sonst noch hießen. Wenn ich diese zweibeinigen Zumutungen auf dem Pausenhof nur schon in ihr Handy säuseln hörte „Ist mir Titte, wann wir wieder telen“, überkam mich ein intensiver Brechreiz. Aus Lenas Mund hatte ich einen solchen Schwachsinn noch nie vernommen, denn das hätte gar nicht zu ihrem Charakter gepasst.
Überhaupt störten Lena, Yilmaz und mich, dass unsere Mitschülerinnen und Mitschüler so einen Markenterror betrieben. Wenn man nicht Klamotten von Schnike oder Liesel trug war man unten durch. Alle sahen dann irgendwie auch in den Markenklamotten gleich aus. Keine Spur von eigenem Stil.
Lena hieß mit Nachnamen Matripolus-Tehlirjan. Die Vorfahren ihres Vaters stammten aus Armenien und die Mutter aus Deutschland. Lenas Mutter arbeitete als Zahnarzthelferin. Ich hatte ein Auge auf Lena geworfen. Da kam es mir gerade gelegen, dass sie mich in der achten Klasse um einen sehr ungewöhnlichen Rat bat.
„Sag Mal Sica, du kennst dich doch mit Scheidungen aus“, eröffnete sie das Gespräch. „Ich meine, deine Eltern haben sich doch scheiden lassen. Wie hast du dich danach zu deinem Vater verhalten? Hast du ihn oft gesehen? Mein Vater ist durch seine Frauengeschichten daran schuld, dass die Ehe in die Brüche ging, aber ich weiß nicht, wie ich mich ihm gegenüber jetzt verhalten soll. Ist das normal?“, fragte Lena mich. Ich hatte offenbar ohne eigenes Zutun den Ruf eines Experten für gleichaltrige Scheidungsopfer erlangt.
„Lena, du kannst dich entspannen. Das ist völlig normal. Ich hätte nach der Scheidung meiner Eltern gerne mehr Kontakt zu meinem Vater gehabt, aber es gab ja die Vereinbarung zwischen meinen Eltern, dass Sen und ich jedes zweite Wochenende mit ihm verbringen dürfen sowie drei Wochen während der Sommerferien. Diese Ferienzeit verbrachten wir dann meistens in dem Heimatdorf meines Großvaters, das im Südosten Anatoliens liegt. Dieses Dorf ist sehr kurdisch geprägt und Großvater und seine Familie gehören dort zur nicht-kurdischen Minderheit, was oft zu Stress und Streitereien zwischen beiden Bevölkerungsgruppen führte. Als mein Vater dort aufwuchs war die Gegend noch sehr unterentwickelt. Mir kommt dieses Provinznest auch heute noch so vor, als wäre es vom Rest der Welt abgeschnitten. Es ist für mich schwer vorstellbar, dass es während der Kindheit meines Vaters dort noch übler gewesen sein muss. Es gibt dort außer Landwirtschaft kaum andere Arbeit. Das war wohl auch ein Grund, warum Großvater in Deutschland sein berufliches Glück versuchen wollte. Mein Vater kam als Kind mit seinen Geschwistern mit nach Deutschland. Ach, Scheiße! Ich texte dich zu mit meiner Familiengeschichte. Dabei hast du aber nach der Scheidung gefragt“, besann ich mich.
Dieses Losplappern ist ganz und gar nicht meine Art. Ich wollte nur kein peinliches Schweigen entstehen lassen, wenn ich schon die Gelegenheit hatte, mit diesem tollen Mädchen zu sprechen.
„Sica, das ist völlig in Ordnung. Ich höre dir gerne zu. Aber ich habe den Eindruck, dass du in dem Heimatdorf deines Vaters nicht besonders glücklich warst. Sag Mal, hat es dir dort überhaupt nicht gefallen?“, fragte sie mich ohne Umschweife.
„Diese Sittenstrenge der älteren Menschen ist für mich bei jedem Besuch der volle Freudenkiller. Die Verhältnisse in Südostanatolien finde ich schon sehr gewöhnungsbedürftig, vor allem wenn man aus Berlin kommt. Na ja, letztlich ging es ja darum, Zeit mit meinem Vater zu verbringen. Gleichzeitig wollten mein Vater und mein Großvater meinem Bruder Sen und mir auch die türkische Kultur und Sprache näher bringen. Im Nachhinein glaube ich allerdings, dass mein Vater sowieso dorthin gefahren wäre, denn er konnte bei Verwandten günstig Urlaub machen. Schließlich wurde mein Vater genauso wie Opa Okay in Türbe, so hast das Dorf, geboren. Weißt du, die Ehe unserer Eltern ging vor allem in die Brüche, weil mein Vater und mein Großvater Sen und mich als Türken erziehen wollten. Meine Mutter betonte immer, dass mein Bruder und ich in Deutschland geboren wurden und hier unser zu Hause ist. Meine Eltern konnten sich selten auf ein gemeinsames Erziehungsziel einigen. Keiner wollte nachgeben. Mein Vater stand dann noch unter dem Druck seines eigenen Vaters, der es nicht gerne gesehen hatte, dass sein Sohn eine Deutsche heiratete, die dann auch noch vor Selbstbewusstsein nur so strotzte. Es gab zwischen meinen Eltern sehr häufig Streit.
Lena, ich will nicht überheblich klingen, aber als Scheidungskind kann ich dir nur einen Rat geben: Du bestimmst, wie viel Kontakt du zu deinem Vater wünschst. Wenn er darüber bestimmen will, wie oft du ihn sehen sollst, kannst du den Typ, auch wenn er dein Vater ist, vergessen. Klingt jetzt voll krass, ist aber so“, riet ich ihr.
„Danke für den Ratschlag. Meine Mutter hat ja auch schon einen neuen Freund, der in Kürze in unsere Wohnung einzieht. Ich finde das beschissen. Das geht mir alles zu schnell. Der Typ ist Bewährungshelfer für straffällig gewordene Jugendliche. Hoffentlich versucht er nicht an mir herum zu erziehen. Das werde ich auf keinen Fall zulassen. Schließlich ist er nicht mein Vater und selbst bei dem habe ich mich gegen seine Erziehungsexperimente so gut es ging gewehrt. Mein Vater soll doch erst einmal sein eigenes Leben auf die Reihe bekommen. Mir wollte er verbieten mit Jungs abends abzuhängen, während er zur gleichen Zeit Affären mit mehreren Frauen hatte. Kannst du dir so viel Verlogenheit vorstellen?“, fragte sie mich. Ich schüttelte den Kopf. Danach erzählte sie mir noch einiges über ihre eigene Familiengeschichte.
Wenige Wochen später sollte Lenas familiärer Hintergrund im Schulunterricht eine zentrale Rolle spielen. Im Rahmen einer fächerübergreifenden Projektwoche ging es um die Ermordung des armenischen Volkes in der Türkei in den Jahren 1915 und 1916. Lena erklärte sich bereit über dieses Thema im Geschichtsunterricht ein Referat zu halten. Zur gleichen Zeit nahmen wir im Deutschunterricht die Lektüre von Franz Werfels „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ durch. Alleine das führte schon zu großen Diskussionen, da manche meiner türkischstämmigen Mitschüler sich weigerten das Buch zu lesen, denn sie hielten es für eine einseitige Parteinahme zugunsten der Armenier. Dies führte dazu, dass sich sogar die Eltern dieser Schüler, die sich ansonsten nie in die schulischen Belange ihrer Söhne und Töchter einmischten, direkt bei der Senatsschulbehörde und auch bei unserem Schulrektor beschwerten. Die ganze Aufregung nur wegen eines Buches! Mit der Zeit begriff ich, dass es hier aber um sehr viel mehr ging. Das Erwachen meines Bewusstseins für die eigene Familiengeschichte verdankte ich Lena, denn ihr eigenes Familienschicksal schien mit jenem meiner väterlichen Vorfahren eng verknüpft zu sein.
Die meisten Schüler der Klasse glaubten, es würde wieder eine dieser langweiligen Geschichtsstunden, die man widerwillig absaß. Die Ohren würde man auf Durchzug stellen, da dieses komische Mädchen ohnehin ein Referat über ein unmögliches Thema hielt. Wir hatten uns alle geirrt, denn dieses komische Mädchen war Lena. Sie erklärte uns wie es zu diesem Massaker an den Vorfahren ihres Vaters kam. Ihr Ur-Ur-Großvater überlebte die massenhafte Tötung von Frauen, Kindern, Männern und Greisen, denn er war einer jener ursprünglich 5000 Armenier, die auf den Berg Musa Dagh flüchteten, um den türkischen Eroberungsversuchen durch die entschlossene Führung von Ter Haigasun und Gabriel Bagradian zu trotzen. Lenas Ur-Ur-Großvater wohnte mit seinen Eltern und seinen drei älteren Geschwistern in Yoghonoluk. Die Eltern und zwei seiner Geschwister starben bei einem der Angriffe der türkischen Armee auf den Berg Musa Dagh, der im August 1915 zahlreichen Familien aus sieben benachbarten Armenierdörfern Zuflucht bot. Aus der Familie von Lenas Ur-Ur-Großvater überlebten nur noch eine ältere Schwester und ein Bruder ihres gemeinsamen Vaters die 40 Tage und Nächte auf dem Berg. Die anderen Familienmitglieder waren der gnadenlosen Offensive der türkischen Armee zum Opfer gefallen. Aufgrund der schrecklichen Erlebnisse standen sich die drei überlebenden Familienmitglieder bis zu Ihrem Lebensende in den 1970er Jahren besonders nahe. Ursprünglich umfasste die Familie 39 Mitglieder. Der Sohn des Bruders von Lenas Ur-Ur-Großvater, der die Zeit auf dem Musa Dagh überlebt hatte, sollte durch ein Attentat bekannt werden.
Soghomon Tehlirjan, der besagte Neffe von Lenas Ur-Ur-Großvaters, studierte in Berlin. Dort erschoss er am 15. März 1921 aus Rache für das Massaker am armenischen Volk den türkischen Politiker Mehmet Talaat mit einer 9-Millimeter Parabellum. Die Wahl der Pistole war vermutlich kein Zufall, denn der Name der Pistole leitete sich aus dem Lateinischen ab: Si vis pacem para bellum – Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor.
Vor Gericht wurde Tehliirjan für seinen Akt der Selbstjustiz nicht verurteilt. Das war wohl damals auch unter Juristen eine Sensation. Talaat war ein wichtiger Initiator des Völkermordes an den Armeniern. Lena erklärte uns, dass damals etwa 1,5 Millionen Frauen, Kinder, Jugendliche, Männer und Greise getötet wurden, weil sie Armenier waren. Dies sei nichts anderes als der erste Völkermord im 20. Jahrhundert gewesen, dem leider weitere folgen sollten. Das einzige Bindeglied zwischen der Weltgemeinschaft, die jeden dieser Genozide hätte verhindern können, bestand im gemeinsamen Wegschauen.
Lena hatte sich durch umfangreiche Recherchen gut auf ihr Referat vorbereitet. Sie zeigte am Beispiel der Stadt Diyarbakir wie systematisch die Tötung der dortigen armenischen Bevölkerung im grausamen Schatten des 1. Weltkriegs erfolgte. Die Türkei kämpfte damals an der Seite der Deutschen. Die waren ziemlich umfassend über die brutalen Massaker informiert, taten aber bis auf wenige Ausnahmen, zu denen der protestantische Pfarrer Johannes Lepsius aus Potsdam zählte, nichts. Letztlich akzeptierten die west-europäischen Nationen die Ermordung einer ganzen Bevölkerungsgruppe als kriegsnotwendige Maßnahme. Selanikli Mehmet Nazim Bey, den man auch Doktor Bey nannte, organisierte die Tötung der in Diyarbakir ansässigen Armenier. Er tat es mit einer brutalen Gründlichkeit, die dazu führte, dass er für seine Schandtat am 05. Juli 1919 in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde. Einige Jahre später verübte Doktor Bey im damaligen Smyrna einen Mordversuch auf den türkischen Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk. Dafür wurde er im Jahr 1926 zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Lena gelang es dieses sterbenslangweilige Fach Geschichte für mich so lebendig werden zu lassen, dass ich jedes ihrer Worte aufsog wie ein trockener Schwamm. Ich fragte mich, warum mich ihr Referat so berührte. Gut, ich gebe es zu. Ich mochte Lena, aber das war es nicht alleine. Durch die Verknüpfung ihrer eigenen Familiengeschichte mit einem historischen Ereignis in der Türkei, dem Land meines Vaters, machte Lena mir klar, dass Geschichte einen unmittelbaren Einfluss auf das Leben der Menschen hatte. Das, was sich vor mehr als hundert Jahren ereignete, prägte Lenas Familiengeschichte bis heute.
„Es kommt wohl immer darauf an, wie man sich der Geschichte nähert“, dachte ich mir. Dieses reine Pauken von Jahreszahlen hasste ich abgrundtief, obwohl ich über ein gutes Zahlenverständnis verfügte. Mich packte vielmehr das Denken in geschichtlichen Zusammenhängen, jenem Fragen nach den Ursachen von historischen Ereignissen oder, um es mit einem meiner Lieblingsfächer, der Physik, auszudrücken: der Suche nach Ursache und Wirkung, zwischen denen viele Jahrzehnte liegen konnten.
Plötzlich wurde mir ganz übel, denn mir schossen Gedanken durch Kopf, die ich seit dem Beginn von Lenas Referat im Giftschrank meines Gehirns verbannt hatte. Nun aber drängten diese Gedanken umso heftiger hervor und drohten meine Schädeldecke zu sprengen, denn mir fiel siedend heiß ein, dass ja mein Großvater, meine Großmutter und mein Vater, zwar lange nach den schrecklichen Ereignissen des Jahres 1915, in der Nähe von Diyarbakir in dem kleinen Dorf Türbe, geboren wurden. Die Mutter meines Opas Okay hieß mit Geburtsnamen Bey, aber dieser Name war in der Türkei häufig anzutreffen. Das musste also nichts bedeuten. Ich hoffte, dass dies nur ein nichtssagender Zufall war. Ich wünschte mir inständig, dass die Mutter meines Großvaters und somit mein Großvater, mein Vater und ich keine Nachkommen dieses bestialischen Schlächters von Diyarbakir waren: dem teuflischen Selanikili Mehmet Nazim Bey.
Alleine der Gedanke daran war mir unerträglich. Mit Lena würde ich darüber erst sprechen können, wenn ich absolut sicher sein konnte, dass die Vorfahren der Mutter meines Großvaters nichts mit Doktor Bey zu tun hatten. Ich überlegte mir, wie ich das herausfinden konnte. Großvater Okay direkt anzusprechen, war vielleicht der einfachste Weg. Die Ermordung der Armenier durch die Türken war aber ein sehr heikles Thema. Es handelte sich um vermintes Gebiet. Die Anfeindungen gegen Lena wegen ihres Referats führten mir das in aller Deutlichkeit vor Augen. Nie hatte ich Opa Okay über das Thema sprechen hören, auch nicht mit meinem Vater. Es handelte sich immer noch um ein Tabu, trotz der vielen Jahre, die seitdem vergangen waren.
Während Lena ihren kenntnisreichen Vortrag hielt, versuchten Teile der türkischen Fraktion in unserer Klasse, die Opferzahlen und den Begriff des Völkermordes, den Lena verwendete, in Frage zu stellen. Die Aktion sei eine legitime Aktion gegen die inneren Feinde der Türkei gewesen, behaupteten einige Schüler. Somit hätte das damalige Regime der sogenannten Jungtürken gar keine andere Wahl gehabt als die armenischen Staatsfeinde zu vernichten. Der Staat durfte sich gegen seine inneren und äußeren Feinde wehren. Es kam zu einem lautstarken Tumult in unserem schäbigen Berliner Klassenzimmer. Yilmaz mischte sich ein und rief seine störenden Mitschüler dazu auf, Lena zu Ende referieren zu lassen. Im Anschluss daran könnte man diskutieren.
„Du hast wohl vergessen, wo du herkommst! In deinen Adern fließt auch türkisches Blut!“, hielten ihm die Störenfriede entgegen.
„In meinen, euren und Lenas Adern fließt rotes Blut, das keine Nationalität kennt“, hielt Yilmaz ihnen entgegen. Ich bewunderte Yilmaz. Er wollte sich erst ein abschließendes Urteil bilden, nachdem er genügend über die Fakten und Hintergründe dieses geschichtlichen Ereignisses erfahren hatte. Seine Besonnenheit unterschied ihn sehr deutlich von dem harten Kern der Leugner, die in der Behauptung, der Mord an den Armeniern sei der erste Genozid des 20. Jahrhunderts gewesen, eine gegen die Türkei gerichtete Provokation vermuteten. An historischen Fakten waren diese verblendeten Mitschüler nicht interessiert. Fakten könnten ihr Weltbild in Frage stellen oder gar zum Einsturz bringen.
„Du bist eine Schande für diese Klasse, Lena. Schade, dass man damals nicht alle deine Vorfahren erwischt hat. Dann wäre uns heute deine ehrverletzende Verleumdung, die du als Referat bezeichnest, erspart geblieben. Ich habe zuverlässige Informationen aus dem Internet, die dich als Lügnerin entlarven, denn der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts war die Ermordung des Volkes der Herero durch die Deutschen zwischen 1904 und 1908 in ihrem Kolonialgebiet in Südwestafrika“, beleidigte sie Shakir Zahir, der für seine türkisch-nationale Gesinnung bekannt war. Lena ließ sich dennoch nicht aus der Ruhe bringen. Sie holte tief Luft. Dann antwortete sie Shakir Zahir ruhig und gefasst:
„Auch den Völkern der Herero und Nama wurde von den Deutschen großes Leid zugefügt. In ihrem damaligen Kolonialgebiet, dem heutigen Namibia, ermordeten die Deutschen etwa 60.000 Herero und 10.000 Nama. Sowohl Männer als auch Frauen und Kinder. Jede auf die gezielte und systematische Vernichtung von Bevölkerungsgruppen ausgerichtete Politik ist ein Verbrechen, das beim Namen genannt werden muss. Allerdings hatte die Vernichtung der Armenier eine andere Dimension.
Als Hitler im August 1939 den 2. Weltkrieg und die Vernichtung der Juden vorbereitete, berief er sich auf den Völkermord an den Armeniern. Sinngemäß sagte er damals in einer Rede vor Offizieren:
‚Wer spricht heute noch von dem Völkermord an den Armeniern?‘
