Verlag: Verbrecher Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß - Manja Präkels

In einer scheinbar idyllischen Havelstadt Ende der 80er Jahre schwindet allmählich die DDR, die zuvor überall anwesend war und die Gesellschaft bis ins Private durchdrang. Zusehends tauchen andere auf, andere Gesinnungen, freiheitliche, doch auch nazistische. Mimi erlebt dies als Kind, ihre eigene Familie verändert sich, ist plötzlich gespalten. Und der Jugendfreund Mimis, Oliver, nennt sich plötzlich nicht nur Hitler, sondern agiert auch so. Er befehligt die Dorfnazis, bis die Situation eskaliert … Manja Präkels beschreibt in ihrem Debütroman den Untergang der DDR und den Aufstieg rechter Gruppen in Brandenburg.

Meinungen über das E-Book Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß - Manja Präkels

E-Book-Leseprobe Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß - Manja Präkels

Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Inhalt
I Schnapskirschenzeit
II Zottels Durst
III Müllmenschen
IV Schönerland
Impressum und Copyright

Manja Präkels

ALS ICH MIT HITLER SCHNAPS­KIRSCHEN ASS

ROMAN

Gewidmet Ingo Ludwig (†1992)
und Silvio Seydaack (†2002)

I Schnapskirschenzeit

Oh, baby, baby it’s a wild world It’s hard to get by just upon a smile Oh, baby, baby it’s a wild world I’ll always remember you like a child, girl
Cat Stevens – Wild World (1970)
Vielleicht hat mir Hitler das Leben gerettet, damals. Wir hatten gegeneinander gekämpft, ohne uns dabei je direkt gegenübergestanden zu haben. Und als wir uns – Jahre später – trafen, Veteranen nunmehr, Kriegsbeobachter, bekam ich keine Beleidigung, keine Demütigung, keinen Schlag, keine Kugel, nicht seinen Hass – nur seine Nummer. Für den Fall, dass ich etwas Haschisch bräuchte. Ich rief ihn an. Die Übergabe erfolgte um Mitternacht im blauen Schein der Tankstelle, die nun dort stand, wo wir einst auf dem Rummelplatz inmitten der Schwemmwiesen unschuldsvoll die Alten nachgeäfft hatten. Vor den Kämpfen.
Wir waren Freunde gewesen, hatten Fußball und Skat miteinander gespielt und heimlich Schnapskirschen gegessen. Er war zwei Jahre älter als ich, undurchdringlich, zäh und still. Als Nachbarskinder verbrachten wir damals viel Zeit miteinander. Seine Mutter trug immer viel zu enge Kleider. Sie war überall rund, wo man auch hinschaute, und steckte ihm heimlich Zigaretten zu. Die rauchte er dann in der Verborgenheit eines alten Kohlenkellers, während ich draußen Schmiere stand, um zu verhindern, dass der Vater davon Wind bekam. Ein kräftiger Mann, der stets nach dem Schweiß heldenhafter Arbeit roch, sodass man ihn aus der Ferne hätte erschnüffeln können. Er hatte Hände groß wie Schaufeln. Die fürchtete sein Sohn.
Bei Regen und Schnee, Sonnenschein und Nebelwetter waren wir unterwegs, draußen. An dem Fluss, der die kleine Stadt in zwei Hälften teilt, konnte man stundenlang sitzen und den Booten hinterherschauen oder auch angeln. Ein schmaler Steg unterhalb der großen Betonbrücke war unser Stammplatz und ein guter Ort für fette Fänge. Die herrenlosen und die wohlbehüteten Katzen der Straße hatten ihre Freude an unserer Sommerleidenschaft. Und wir an ihnen.
Manchmal erschoss Hitler einen Spatzen.
Im Winter überfielen wir das schüchterne Mädchen, das mit seinen Eltern am Ende der Straße wohnte, ganz in der Nähe des Flussufers. Ihr Nachbar, ein Dackelbesitzer, lebte hinter vergilbten Gardinen. Er vertrieb uns oft vom Fußballspielen auf dem Rasenplatz, indem er uns anschrie und mit einem Handfeger drohte. Das schüchterne Mädchen wurde auf dem Heimweg von der Schule mit Schnee befeuert, eingeseift und ihrer Mütze beraubt. Ich glaube, sie hatte keine Freunde außer uns.
Immer wenn ich mit Hitler, der selbstverständlich noch nicht so hieß, Schnapskirschen aß, saßen wir auf dem Boden in seinem Kinder­zimmer und es regnete. Das Zimmer war winzig. Er teilte es mit seinem kleinen Bruder. Ein Tisch, ein Klappbett und maximal vier Kinder passten gerade so hinein. Wir lagen auf dem Teppich ausgestreckt nebeneinander und freuten uns, nicht drüben sitzen zu müssen, am Kaffeetisch, wo die Erwachsenen immerzu Geburtstage feierten. Wir ließen die Zeit vergehen, spielten Karten oder kämpften mit Armeen aus kleinen Plastikrittern um einen holzgeschnitzten Bauernhof.
Die Kirschen schmeckten zwar scheußlich, aber sie waren unser Geheimnis, und darauf kam es an. Wir aßen sie mit verkniffenen Gesichtern, bis es uns würgte. Dann starrten wir apathisch aus dem Fenster, dem Regen hinterher, bis das zu langweilig wurde und zu heiß und zu eng.
Nebenan flogen bereits alle Stimmen durcheinander. Es gab einen Kindertisch, von dem aus man die ganze Gesellschaft beobachten konnte. Hoppla, wie da eine gewaltige Armada von Kuchengabeln zielstrebig den Mündern entgegenschaufelte! Dem Gläsertreiben war ebenfalls kaum zu folgen, und oft rückten wir näher heran, verglichen die Trinkgeschwindigkeiten unserer Väter und lernten, die verschiedenen Likörsorten den anwesenden Omas und Tanten zuzuordnen. Zwischendurch raubte Hitler weitere Hände voll Schnapskirschen aus der mütterlichen Vorratskammer. Wir krochen unter die Kaffeetafel, stopften sie in uns hinein und schoben die Kerne einzeln und sorgfältig verteilt unter den Teppich.
Während sich die Mütter und Tanten schrill in Rage plapperten und die Väter inbrünstig zum Mord an einem Fußballschiedsrichter der Kreisliga aufriefen, saßen wir besoffen am Kindertisch. Und der Opa hatte wieder diesen rührseligen Blick, den er immer bekam, wenn er von früher sprach: »Im Kriech, da hat’s dit nich jejeebn. Da hat doch keener nich nach jefracht!« Und die Oma hörte gar nicht mehr hin, denn sie war eingeschlafen, im Sitzen, während ein Stück Torte an ihrem behaarten Kinn bammelte. Es war immer dasselbe.
Die Schwemmwiesen sind fort, mit ihnen der Rummelplatz. Ich beobachtete die Kinder, die sich nun nachts hier trafen, nicht der Losbuden und des Kettenkarussells wegen, sondern weil es Zigaretten gab und Bier und einen beleuchteten Treffpunkt. Wie eine Spionin drückte ich mich im Schatten herum. Nebelwölkchen stiegen mir aus Mund und Nase. Aber auch als Hitler endlich vorfuhr, nahmen sie keine Notiz von uns. Als hätten wir nie gelebt. Es folgte ein schweigsamer Austausch, er rauschte wieder davon, ich lief geduckt die Straße entlang zur zugefrorenen Havel, wusste, dass es ein Fehler gewesen war. Selbst die alte Höhle im Haus meiner Eltern empfing mich verändert, abweisend. Mag sein, es lag auch hier am Licht, das nie so grell gewesen war und nun von der neuen Straßenlaterne durch mein Fenster auf die Dielen fiel. Schlaflos hockte ich mich auf das durchgesessene Sofa, rauchte, kraulte Biermann und schickte meine Gedanken auf die Reise.
Havelstraße
Als ich geboren wurde, war es dunkel und kalt, draußen, vor dem Fenster des ziegelroten Krankenhauses, dort, am Rande der Stadt. Der kürzeste Tag des Jahres. Winter. Überall qualmten die Schornsteine. Stürmisch trieb es kleine Schneeflocken an die Scheiben. Der bleiche Mond schien auf Oma Friedas Kopfkissen. Sie konnte nicht schlafen. Das erste Kind der Tochter. Ihr drittes Enkelchen. Sie legte noch ein paar Kohlen nach für den werdenden Vater, der sicher erst spät und betrunken heimkehren würde. »Damit er keinen Schnupfen kriegt.«
Als ich geboren wurde, gab es noch Kinder und vereinzelt sogar Erwachsene, die an den Weihnachtsmann glaubten. Der besuchte mich zum ersten Mal an meinem dritten Lebenstag. Ich lag unterm Lamettabaum. Ein Geschenk der Liebe, drall und glatzköpfig. Sie nannten mich Mimi. Die Republik war gerade fünfundzwanzig Jahre alt geworden.
Wir wohnten »alle uffnander«, wie Otto Brunk, der Kneipier, bei jeder Gelegenheit bemerkte. Der Havelstraßenonkel, die Havel­straßen­tante, Oma Frieda, Opa Erwin und meine älteren Cousins – die ganze Familie in einem Haus. Wir teilten die Nachbarn, feierten gemeinsam Geburtstage, Hochzeiten, Todesfälle und trugen die gleichen Stricksocken aus Wollresten. In allen Küchenschränken lagen Kerzen bereit und Streichhölzer, für den Fall, dass der Strom ausfiele. Und wegen des dauernden Kochwettbewerbs der Frauen roch es überall im Haus nach Essen. Die Männer hielten Kaninchen, Hühner und Enten auf dem hinteren Teil des Hofes. Dort standen sie am Abend beieinander, schweigend. Schauten den Tieren beim Futtern zu und tranken Schnaps.
Mein Lieblingstier war die Katze. Schwarz und weiß und wunderschön lag sie wie aufgeweicht immer da, wo die Sonne hinfiel und lachte. Es gibt ein Foto, das zeigt mich beim Versuch, ihr das Dreiradfahren beizubringen. Aber nachdem ich sie beim Verschlingen einer aufgedunsenen Kanalratte beobachtet hatte, ließ ich solche Spiele bleiben. Stattdessen erkor ich Pappis irischen Setter zu meinem allerbesten Freund. Er hieß Bruno von der Ganzenpracht und tat immer sehr vornehm. Erhabenen Schritts begleitete er mich, wohin ich auch wollte, ließ mich sogar auf seinem Rücken reiten.
Unsere Straße war einst das Zentrum eines Dorfes gewesen, das seit der industriellen Revolution nicht mehr existierte und doch eine Welt für sich geblieben war. Um neunzehnhundert hatte man beim Bau einer Bahnlinie riesige Tonvorkommen in der Gegend entdeckt. Ziegeleien wuchsen reihum mit ihren Ringöfen, hoch aufragenden Schloten und einem Netz von Feldbahnen aus dem märkischen Acker. Sie brachten geschäftstüchtige Handwerker, Kaufmänner, Schiffersleute und Lastkähne mit sich. Jahrzehntelang schipperten diese Binnenmatrosen die Havel auf und ab und sorgten für Nachschub für die explodierende Metropole. Mit Berlin wuchs auch die kleine Stadt im Norden und verschluckte dabei das Dorf, ohne es – einmal abgesehen von zwei Mietskasernen für die Zugezogenen – wesentlich zu verändern. Die holprige Pflasterstraße war von den Pferdegespannen jener Zeit so zerfurcht worden, dass die wenigen Fahrzeuge, die sie nun, im Zeitalter der volkseigenen Betriebe, befuhren, nur sehr langsam vorankamen. Sie endete in einer Sackgasse am Havelufer. Auch meine Welt hörte dort auf. Der Fluss teilte die Stadt in oben und unten, in die Stadt der Proletarier, wo alle Wege zu den Ziegeleien und Tonstichen führten, und jene der Angestellten und Ingenieure, die aus ihren fernbeheizten Neubauwohnungen auf Kleingärten und Garagen blickten. Wir lebten im Grenzgebiet unter Rotdornbäumchen, die aus dem zerfurchten Pflaster wuchsen. Gleich vorn an der Ecke zur Hauptstraße gab es eine Konsum-Verkaufsstelle, jeden Morgen frische Brötchen und manchmal Wundertüten.
In der Havelstraße wohnten viele alte Leute, die den ganzen Tag nur aus den Fenstern schauten. Täglich lief ich mit Bruno vor ihren Kissen Parade. Es schien, als warteten sie am Ende eines arbeitsreichen Lebens darauf, dass es von vorne losginge. Wer nicht arbeitet, hat auch nie Feierabend.
Meine Mutter rackerte von früh bis spät. Morgens fuhr sie mich auf ihrem Fahrrad in den Kindergarten. Der lag am oberen Ende der Stadt, am Rande des Neubaugebietes, unweit ihrer Schule. Nach der Arbeit holte sie mich wieder ab, und wir fuhren über holprige Straßen nach Hause, wo sie Pappi Stullen schmierte. Er musste immer pünktlich essen und sich vorher eine Spritze in den Bauch pieken. Damit ihn das nicht traurig machte, sangen wir zusammen Lieder in der Küche. Dabei hatte meine Mutter einen so schönen Knutschmund, dass ich sie heimlich Mutsch nannte.
Pappi roch nach Bier und Zigaretten, trug langes, zauseliges Haar, einen Dreitagebart und nahm mich manchmal mit in die Kneipe, zu Otto Brunk. Dort spielte ich mit Ottos Kindern, die Zwillinge waren und sehr verschieden. Pilles Art, bei jedem Mucks gleich loszuheulen, ging mir auf den Keks. Das aber glich Palle mit seiner Rüpelhaftigkeit wieder aus. Am liebsten trieben wir uns am Havelufer herum und scheuchten die Ratten auf. Opa Erwin brachte uns dort das Angeln bei. Selbst Palle saß ehrfürchtig still, wenn er mit heiligem Ernst von der Kunst des Fischefangens sprach. »Im Kriech, da wärste sonst kaputt jejang!« Pille ekelte sich vor dem Schleim, der an den winzigen Barschen klebte, die wir wieder reinschmeißen mussten, weil man das nicht machte, Babys essen. »Kind, dein Köder is zu kleen, die schlucken den doch wech wie nüscht!« Schulter an Schulter saßen wir, starrten auf die wippende Flotte und warteten auf den richtigen Augen­blick. Es konnte vorkommen, dass wir dabei von Mutsch unterbrochen wurden, die uns, auf dem Weg von der Arbeit, am Ufer hatte sitzen sehen. Das Klacken ihrer Absätze, wenn sie die Brücke schnurstracks hinuntermarschierte, war unverwechselbar. Meist gab es Ärger, weil man sich beim Angeln dreckig machte. Mutsch war sehr modebewusst und Anhängerin des Minirocks. Auch im Winter und selbst auf den Fotos vom verschneiten Leningrad trägt Mutsch Mini und lächelt dazu. An den Wochenenden war sie auf Fortbildungen. Dann schleppte mich Pappi zum Fußball mit.
Zu den Auswärtsspielen fuhren wir mit einem stinkenden, rumpelnden Aufsetzer, an dessen Steuer pfeifend Bauer Lehmann saß, ein Fan der Mannschaft, Fan seines Dorfes, Fan seiner selbst. In den Kurven gab er Vollgas und lachte, wenn die Männer murrend den umherfliegenden Kartoffeln und Rüben auswichen. Ich durfte vorne sitzen. Pappi spielte als Verteidiger bei Eintracht Krawallin, dritte Kreisklasse. Aufgeregt stand ich am Spielfeldrand und wartete darauf, dass er ein Tor schoss. Hat er nie gemacht. Es war trotzdem schön. Ich erinnere mich an das feuchte Gras, in dem wir in den Halbzeitpausen lagen, an den Geruch der Kreide, mit der sie das Spielfeld markierten. An den Geschmack von Sprudel und Bratwurst.
Gegenüber von Ottos Kneipe, in Spuckweite unseres Hauses, lag der Gemüseladen. Dort saß wochentags mein Vater in seinem blauen Kittel, saß im Kabuff und rauchte mit den Einzelhändlern der Stadt. Ein Laden voller Onkels, die ständig Konserven, Kartons und Tapetenrollen miteinander tauschten. Währenddessen schleppte Oma Frieda Kisten hin und her, stapelte Gläser in die Regale, stand hinterm Tresen und schimpfte. Im Nachbarhaus wohnte mein Spielfreund Andreas Walther. Er war einen Kopf kleiner als ich und besaß ein knallgelbes Tretauto. Meist sah man mich damit im Kreis herumfahren. Andreas musste den Verkehr regeln.
Maurermeister Jankowitsch hatte ein echtes gelbes Auto, um das ihn alle beneideten, denn es kam aus dem Westen. Er lebte gegenüber, doch war er meist auf Montage. Und kaum, dass er nach Hause kam, fing er wieder an zu bauen: Schuppen, Garagen, Hundezwinger. Seine Haut war dunkelrot und ledern, er arbeitete bei Wind und Wetter oben ohne. Es hieß, er sei ein Sittenfiffi. Frauen müssten sich vor ihm in Acht nehmen. Das behaupteten sie auch von meinem Opa ­Erwin. »Die Leute quatschen viel, wenn der Tag lang ist«, sagte Mutsch. Es gab zudem einen Westonkel bei Jankowitschs. Er war dem Maurermeister wie aus dem Gesicht geschnitten, nur dicker und mit Gold im Mund. Wenn der auf Besuch kam, wurde gefeiert. Manchmal brachte der Westonkel Schallplatten mit und Zigaretten. Die verteilte er im Laufe des Festes, indem er Stück für Stück unter dem Tisch hervorzog. Je nach Gemütsverfassung nahm er einen Teil der Geschenke auch wieder mit. Nach Hamburg.
Freitags konnte man alle Nachbarn am Ende der Straße treffen, wo sie sich auf dem Gelände der Fleischerei einfanden. Bei Möllemanns war immer was los. Vorn, im Laden, kauften die Frauen Wurst und Braten fürs Wochenende. Hinten, im Anbau, versammelten sich die Männer um den Kessel herum. Die Fleischersfamilie besaß Kühe und Schweine, Schafe und Ponys auf der Weide. Ihr Geflügel schiss den großen Hof voll. Damit man nicht ständig in die Pampe trat, stand in der Hofmitte ein Zaun. Wir Kinder durften zusehen, wenn der mürrische Fleischerssohn Mario, mit einer schweren Gummischürze bekleidet, das kochende Blut im Kessel umrührte. Ich fürchtete mich vor ihm, er lachte nie. Am Hofende hielt er einen fiesen alten Schäferhund gefangen. Um den machten wir einen Bogen. Es hieß, er würde nur nachts freigelassen. Dann trauten sich nicht mal die Möllemanns raus. Marios rundgesichtiger Vater und Meister war mir um ein Vielfaches sympathischer, obwohl ihm ein halber Arm und an der verbliebenen Hand zwei Finger fehlten. Wenn er den Räucherschrank öffnete, um einen Schinken herauszuholen, lief Andreas Walther, den Zwillingen und mir das Wasser im Mund zusammen. Fasziniert wohnten wir der Fütterung der Schweine bei, die grunzend mit ihren Schnauzen den Trog durchwühlten. Kühe sind zu groß für Kinder. Die lachten wir nur aus der Ferne aus: nichts als Kauen und Kacken!
Sonntags war Frühschoppen – für Männer. Neugierig beobachteten wir aus der Ferne, wie sie mit ihren Flaschen um den Kessel herumstanden, Würste zum Probieren herausfischten und über Dinge redeten, die uns und die Frauen nichts angingen. Alle rauchten, obwohl über ihren Köpfen ein riesiges Skelett baumelte. »Rauchen macht schlank«, stand auf dem Schild am Gerippehals, mir hatte das ein Cousin vorgelesen. Ich musste immer daran denken, wenn ich meinen dünnen Vater sah, umgeben von Wolken aus Wasserdampf und Raucherqualm.
In der Poliklinik am Stadtrand verschrieb mir eine etwa hundertjährige Ärztin Beinschienen, kalte Apparate aus Metall und Leder. Pappi und Mutsch zuckten nur traurig mit den Achseln. Nacht für Nacht musste ich die Dinger tragen und dabei ganz gerade in meinem Gitterbett liegen. Konnte mich nicht bewegen.
Meine Füße hatten sich von Geburt an geweigert, parallel zueinander zu stehen. Mich störte es nicht, eine moppelige Watschelente zu sein. Im Kindergarten war ich sogar dafür bewundert worden, wie Charlie Chaplin laufen und dazu fantastischen Quatsch singen zu können. Also wehrte ich mich gegen die Schienen, quengelte und bockte. Aber es half nichts. Die Eltern trösteten mich: Wenn ich ein Schulkind sei, würden die Schienen verschwinden. Doch gleich in der ersten Schienengitternacht rasten kopflose Wesen hinter mir her, kamen immer näher, während ich mich nicht rühren konnte und schrie. Am Tage hatten die Männer im Hof geschlachtet, und Trine, meine Lieblingsgans, war stumm und hektisch auf mich zugeflattert. Ihr abgetrennter Kopf hatte dabei im Gras gelegen und ihre Augen mir ein letztes Mal zugezwinkert.
Unheil
Das Unheil kam für mich an einem kühl-grauen Herbsttag in die Welt.
Ich war fünf Jahre alt, als wir auf dem Heimweg vom Kindergarten in einen Menschenauflauf gerieten, wie ihn die Stadt seit dem Krieg nicht mehr gesehen hatte. Vorm Blumenladen drängelten sich die Leute und reckten ihre Hälse, als würden dort Apfelsinen verkauft oder West-Jeans. Die Mutsch hielt meine Hand ganz fest, versuchte, uns durch die Menge zu mogeln, da winkte Oma Frieda über die Köpfe hinweg. »Hierher!« Sie war mit ihrer blauen Kittelschürze aus dem Gemüseladen gerannt, stemmte die Hände in die Hüften und schrie uns entgegen: »Erst hat der Florist seine Frau umgebracht«, theatralisch setzte sie zwei Finger an ihre Schläfe, »… und dann sich selbst.« Die Mutsch hielt mir die Augen zu und brüllte zurück: »Nicht vor dem Kind, Mutter.« Sie riss mich fort. Das Unheil aber war nicht aufzuhalten.
In der folgenden Nacht fiel der Strom aus. Ich hatte schon geschlafen und war vom Gekreisch der anderen aufgewacht. Mutsch, Omi und die Havelstraßentante drängelten sich um das kleine Flurfenster, aus dem sie in den Hof hinunterkreischten. Sie schienen mich nicht zu bemerken. Ich erkannte Erwins tiefe Stimme, auch fielen der Havelstraßenonkel, Pappi und der größere meiner Cousins in den Chor mit ein. Ich zog an den Röcken, die mir die Sicht versperrten und schob meinen Kopf durch Oma Friedas Beine, da griff jemand nach meiner Hand und schubste mich zurück ins Zimmer. »Bleib!« Da unten im Hof hatte Trines Kopf gelegen. Nun kämpften dort die Männer. Aber wer gegen wen?
Fortan beobachtete ich die Erwachsenen um mich herum genauer. Meine Cousins waren mir an Jahren zu weit voraus, als dass sie mich an ihren Theorien hätten teilhaben lassen. Ich fragte mich, ob es sich mit dem Unheil ähnlich verhielt wie mit den Stromausfällen, die urplötzlich kamen und wieder gingen. Welche Mittel könnte man sich für diese Fälle zurechtlegen, wenn die Welt der Erwachsenen aus den Fugen geriet? Würden Kerzen helfen?
Das Weihnachtsfest war still und traurig. Jeder feierte für sich. Verlassen saßen wir zu dritt um den geschmückten Baum herum. Nicht mal der Weihnachtsmann kam vorbei. Immerhin hatte er Geschenke für mich dagelassen, eine rote Kindergitarre, Süßigkeiten und einen Brief mit Lob und Tadel. Vor allem müsste ich mehr schlafen, schrieb er. Pappi war ganz grau im Gesicht. Eines aufgeflogenen Tauschgeschäfts wegen war er in das örtliche Sägewerk abkommandiert worden. Dort, so hieß es, würden die ganz harten Hunde malochen, die mit den Knasttätowierungen und fehlenden Schneidezähnen. Mutsch erklärte: Wenn er mit denen eine Parteigruppe aufgebaut habe, könne er wieder zurück zum Gemüse. Wir sangen noch »O Tannenbaum«, bevor mich Pappi ins Bett schickte: »Denk an den Weihnachtsmann!« Da lag ich wieder steif hinter Gittern und stellte mir die wilden Kerle im Sägewerk vor, während Pappi und Mutsch nebenan ihre einzige Rolling-Stones-Platte hörten. Sehr laut.
Am Tag vor Silvester sah ich Opa Erwin mit gepackten Koffern in ein Auto steigen. Im Frühling zogen auch wir aus. Pappi besaß zwar noch alle Gliedmaßen und durfte wieder als Verkäufer arbeiten, aber dunkle Wolken saßen ihm seither hinter der Stirn, er rauchte viel und flippte schnell aus. Erst die Nachricht, dass wir ein neues Baby bekommen würden, konnte die Wolken einen Moment lang vertreiben.
Die Eltern hatten ein kleines, halb verfallenes Haus gekauft. Es lag eigentlich nur ein paar Steinwürfe entfernt von der Havelstraße, auf der anderen Seite des Flusses, aber damit jenseits des Endes der mir vertrauten Welt. Es gab dort niemanden, den ich so kannte wie meine Cousins, Andreas Walther, Pille oder Palle. Sie waren einfach weg, und keiner sagte was. Ich fürchtete das Schweigen so sehr, dass ich mich nicht mehr über den Fluss zu gehen traute. Zum Glück waren Oma Frieda und Bruno bei uns geblieben. So wohnten wir auf einer Baustelle. Mutsch rannte mit der Schubkarre vor ihrem Kugelbauch hin und her. Fremde Männer besetzten die Toilette. Der Mischer dröhnte. Ich wühlte im Garten, zog Würmer aus der Erde, schmiss sie in die Regentonne und beobachtete sie dann beim Untergehen. Manchmal kam Bruno mit seiner nassen Schnauze vorbei, rammte mir ein Stöckchen in die Rippen, bis ich nachgab und es fortwarf. Einmal sprang er mich von hinten an, sodass ich vor Schreck vornüber in die Tonne fiel. Nur meine Füße guckten raus. Gerade noch rechtzeitig zog mich Pappi aus der Pampe und haute mir erst mal eine runter. Er durfte das. Er hatte mich gerettet. Meinem Hundefreund wurde ebenfalls verziehen. Woher sollte der auch wissen, dass man in einer Regentonne nicht schwimmen kann? Nur Omi meckerte: »Blöder Köter.« Sie konnte ihn nicht gut leiden.
Als mein Brüderchen Adolar zur Welt kam, durfte ich mir im Spielzeugladen etwas aussuchen. »Nimm, was du willst«, hatte Pappi gesagt. Die Entscheidung fiel nicht schwer. Es gab nur dieses eine allergrößte Spielzeug im Schaufenster. Den Rest des Tages saßen wir in der Kneipe, Pappi, seine Freunde und ich. Draußen schien die Sonne. Die Schnapsgläser kreisten. Ich war eine große Schwester mit Riesenteddy.
Endlich wurde ich auch die Beinschienen los und kam in die Schule. Es war dieselbe, in die Mutsch jeden Tag zur Arbeit fuhr. Ich wusste, wo das Pionierleiterzimmer war und durfte sie besuchen. Aber das wollte ich gar nicht, immerhin war ich einen Kopf größer als meine Mitschüler. Wenn einer frech war, knallte ich ihm eine.
Am Ende meiner ersten Schulwoche brachte Pappi ein getigertes Kätzchen mit nach Hause. »Lag im Müll.« Es blieb bei uns und hieß Willi.
»Aber Pappi, es ist doch eine Katze und kein Katerchen.«
»Ja, weißt du denn nicht, dass alle Katzen Willi heißen?«
Solange ich noch ein Kindergartenkind war, hatte mir die Mutsch jeden Abend etwas vorgelesen. Einige Bücher konnte ich auswendig. So wie das von Teddy, dem Arbeiterführer, der mit den Kindern aus dem Hamburger Armenviertel Karussell fuhr. Ich tat einfach so, als würde ich selbst daraus vorlesen und verblüffte meine Mitschüler. Leider hatte ich nicht bedacht, dass auch andere die Geschichte kannten, und bei der ersten gröberen Abweichung vom Original plärrte Michael Müller los. Spontan klatschte ich ihm eine. Michael blutete, als würde er sterben. Sein rechter Schneidezahn war weg. Ich fand ihn unterm Lehrertisch wieder, aber mein Abtauchen wurde als Fluchtversuch missdeutet. Den Zahn vergrub ich später heimlich unter unserem alten Apfelbaum. Der Direktor schimpfte. Mutsch schämte sich. Pappi verordnete Stubenarrest. Drei Wochen später wählten sie mich zur Gruppenratsvorsitzenden. Die Eltern waren stolz und ich verwirrt. Doch nichts falsch gemacht?
Unser Haus lag unweit einer verwunschenen Klosterruine, gegenüber vom Polizeigebäude, das früher mal ein Gefängnis gewesen war und immer noch aus Gitteraugen um sich glotzte. Der Putz rieselte schon herab, wenn nur ein Täubchen erschrocken aufflatterte. Doch im Eingangsbereich war das Gebäude intakt. Dort lagen die Büros der Abschnittsbevollmächtigten Schäfer und Glubke. Die beiden gingen zu Fuß durch die Stadt und schauten nach dem Rechten. Dabei reichte der dickliche Genosse Glubke dem länglichen Genossen Schäfer nur bis zur Schulter. Manchmal, abends, wenn in ihrem Büro noch Licht brannte, kletterte ich auf einen Giebelvorsprung, reckte meinen Hals und beobachtete, wie sie beflissen Formulare in ihre Schreibmaschinen spannten und jeden Buchstaben einzeln hineinschlugen. Mit ihren Zeigefingern. Klack. Klack. Klack.
Drei Häuser weiter bog der Weg zum Sportplatz ab. Von Omis blauer Plüschcouch aus konnte man die Aschenbahn, die Zuschauertribüne, beide Tore und sogar die Weitsprunggrube sehen. Gegenüber lag der Feuerwehrplatz mit seinem hohen Turm, in dem die Schläuche zum Trocknen hingen. Von seiner Spitze her ertönte immer mittwochs um dreizehn Uhr die Sirene. Anfangs erschrak ich davon und unser Adolar-Baby heulte jedes Mal mit. Doch wir gewöhnten uns daran.
Die zweigeschossigen Häuser der Nachbarschaft ähnelten einander mit ihren Fensterläden und den breiten Dächern. Sie hatten einmal zur alten Domäne gehört, die jetzt wie ein Geisterhaus am Ende des Platzes thronte und zerfiel. Ich vermisste die alten Schiffersleute auf den Fensterbänken. Hier hatten alle etwas zu tun, wohnten Arbeiter, Ärzte und parfümierte Stadtangestellte, Zugezogene wie wir und Alteingesessene wie der Wirt des Sportlerheims. Was seinen Leibesumfang und eine gewisse, Bierdunst umnebelte Gütigkeit betraf, hätte er gut der Bruder von Otto Brunk sein können. War er aber nicht. Trotzdem schenkte er mir ab und an eine Bratwurst. Wohl aus Mitleid. Als zugezogen galt in unserer Stadt jeder, dessen Großeltern nicht an Ort und Stelle geboren waren. Opa Erwin und Oma Frieda hatten einst als Bauern in einem benachbarten Straßendorf gelebt. Für die meisten waren wir Fremde.
Am Feuerwehrplatz, in einem der zerfallenden Nebengebäude der Domäne, lebten die Findigs. Unterm löchrigen Dach fanden Vater, Mutter und acht Kinder Platz, die meist ungekämmt und plappernd um die Häuser zogen. Vorneweg lief Mattes, mit dem ich in dieselbe Klasse eingeschult worden war. Doch schon nach ein paar Wochen war er nicht mehr bei uns gewesen, war ein Busschüler geworden, auf dem Weg zur Sonderschule. Er war der Älteste und der Einzige der Kinderbande, der aussah wie wir anderen. Zwei seiner Schwestern hatten einen Buckel, der kleine Hein humpelte ein bisschen, und vorm mittleren Bruder fürchtete ich mich, weil seine Augen aus dem Gesicht zu fallen drohten. Jedenfalls sah es so aus. Die Findig-Kinder schleppten einen Kuddelwagen mit sich herum, den sie im Laufe des Tages mit Altpapier und Flaschen beluden. Sie suchten und sammelten und brachten alles zur Sero-Annahmestelle, wo man Geld für die Altstoffe bekam. Mutter Findig war eigentlich nie zu sehen, der Vater, hieß es, sei ein brutaler Säufer.
»Das sind Assis. Mit denen spielt man nicht«, sagten die Nachbarn. Das war mir piepegal. Bis ich einmal vom Spielen mit den Findigs nach Hause kam und mir fürchterlich der Kopf juckte. Die Läuse waren sehr hartnäckig, ich wurde kahl geschoren und war von meiner Neugier geheilt.
Zwischen Feuerwehrplatz und Flussufer lag das Kloster. Wilder Efeu umrankte die stattliche Ruine. Ihre Feldsteinmauern verwehrten den Blick in die dahinterliegenden Obstgärten. Es gab viele Kinder in der Klosterstraße, die ich allesamt nicht mochte. Vielleicht war es auch umgekehrt. Manchmal beobachtete ich die anderen heimlich beim Fußballspielen auf dem Rasenplatz und wünschte mir, dabei zu sein. Dann schlich ich traurig zurück auf den Hof und fand Trost bei meinem Hundefreund. Bruno von der Ganzenpracht musste jetzt in einem Zwinger wohnen. Er hatte Hausverbot bekommen – wegen des Babys, und weil die Mutsch plötzlich bemerkt hatte, dass er stank. Ich verbrachte ganze Nachmittage damit, am Gitter zu hocken, wo wir uns wortlos Mut zusprachen.
Ich war aber nicht die Einzige, die keiner der Kinderbanden angehörte, die die verschiedenen Plätze und Höfe, Ecken und Geheimverstecke besetzten und vor denen man nur am Flussufer seine Ruhe fand. Ein Trampelpfad führte durch dichtes Gestrüpp zu einer Steininsel im Fluss. Von dort aus konnte man den Rotdorn in der Havelstraße blühen sehen. Und auf dem Grund, zu Füßen, versteckten sich die Krebse.
Eines Tages war mein Platz besetzt.
Es hatte schon den ganzen Vormittag genieselt, und ich hielt mich im nassen Gebüsch versteckt, wartete, dass er endlich gehen würde. Tat er aber nicht. In einer Mischung aus Zorn und Ungeduld hockte ich mich schließlich neben ihn. Er hatte mich längst bemerkt und fragte abfällig grinsend, ohne mich dabei anzuschauen: »Was is’n das für ein Köter?«
»Er heißt Bruno. Bruno von der Ganzenpracht. Ein Irischer Setter. Echter Stammbaum.«
»Alles klar.«
»Und wie heißt du?«
»Geht dich ’n Scheißdreck an.«
Mein neuer Freund Hitler, der damals noch Oliver hieß, wohnte drei Häuser weiter, war eine Klassenstufe über mir und lief meist allein über den Schulhof. Wir trafen uns nun öfter, wie zufällig, an der Havel oder auf dem Weg nach Hause. Von ihm lernte ich, dass Schweigen nichts Schlimmes sein muss. Er brachte mir bei, nicht alles laut auszusprechen und im richtigen Moment zu fragen. Es dauerte nicht lange, bis wir beieinander ein- und ausgingen. Unsere Väter hatten sich bereits auf dem Fußballplatz kennengelernt. Beider Herzen schlugen für den heimischen Verein und das gute Leben. Die Mütter tauschten Rezepte für Eierlikör und Kirschschnaps aus und luden sich gegenseitig zum Verkosten ein. »Wirklich schade, dass deine Alte Pionierleiterin is«, seufzte Oliver in einem Anfall von Gesprächigkeit. »Aba da kann man nüscht machen.«
Fahnenappell
In der Schule lernten wir viele Dinge über die Welt und wie es den Kindern in anderen Ländern und Zeiten erging. Obwohl es schon sehr lange her war, dass eine schreckliche Bombe die ganze Stadt und fast alle Menschen darin vernichtet hatte, gab es in Hiroshima immer noch Kinder, die sterbenskrank waren.
Ängstlich marschierten wir in Zweierreihen zu einem Keller im Neubaugebiet. Das war eine Schutzübung. Damit wir lernten, was bei Bombenalarm zu tun sei. Bereits auf dem Weg in den Schutzraum mussten wir unsere Masken aufsetzen. Die waren selbst gebastelt, aus alten Nylonstrumpfhosen und rochen nach den Füßen unserer Mütter, die diese Spende nur unter starkem Protest geopfert hatten. Dicht gedrängt standen wir in diesem Keller und einige weinten, was sicher auch am Geruch ihrer Masken lag. Nur Mike Lehmann hatte Glück. Er war die ganze Zeit im Klassenzimmer geblieben. Seine Mutter hatte vergessen, ihm eine Strumpfhose mitzugeben. »Das sind Assis«, meinte Ulli Schmidtke, nachdem wir auf den Schulhof zurückgekehrt waren. Mike stand mit zerkauten Lippen in der Ecke. Später bastelten wir Kraniche aus Papier und schickten sie einem uns namentlich bekannten Mädchen ins Krankenhaus nach Japan. Ich schrieb mein erstes Gedicht und widmete es dem Weltfrieden.
Frieden
Im Frieden kann man spielen und die Eltern lieben Doch das Wichtigste dabei ist die Freundschaft, überall Erst, wenn jeder zusammenhält gibt es Frieden auf der Welt
Am Pioniergeburtstag bekam ich dafür eine Urkunde und einen Gutschein für ein Buch. Ich kaufte mir Julius Fučíks »Reportage unter dem Strang geschrieben«. Es war erst ab zwölf und raubte mir den Schlaf: »Menschen, ich hatte euch lieb. Seid wach!« Am Schuljahresende überreichte mir unsere Klassenlehrerin ein Abzeichen. Sie sagte: »Mimi ist wie Ernst Thälmann.« Wahrscheinlich, weil ich erst Mattes Findig und später Mike Lehmann bei den Hausaufgaben geholfen hatte. Alle kicherten, und ich bekam rote Flecken im Gesicht. Beim Fahnenappell rief mich der Direktor nach vorn. Mutsch stand neben ihm und lachte. Wie schön sie war in ihrer blauen Bluse! Trotzdem mochte ich die Fahnenappelle nicht. Ich schämte mich, so vor allen anderen zu stehen. Aber ich wollte ein Vorbild sein. Die zehn Gebote der Jungpioniere kannte ich auswendig:
Wir Jungpioniere lieben unsere Deutsche Demokratische Republik. Wir Jungpioniere lieben unsere Eltern. Wir Jungpioniere lieben den Frieden. …
Am meisten freute ich mich auf den Tag, an dem wir das blaue gegen ein rotes Halstuch, eines wie Mutsch es trug, eintauschen und Thälmann-Pioniere würden.
»Proletarier aller Länder – vereinigt Euch!«, stand im Schulflur an der Wand. Das stammte von Karl Marx, nach dem die Schule benannt war. Unter den Schriftzeichen reckten sich viele, viele Fäuste in die Höhe. Das waren Arbeiterfäuste. Auch in den Ziegeleien unserer Gegend hatten die Leute schrecklich schuften müssen, Männer, Frauen und Kinder. Das hatte mir mein neuer Freund erzählt. Und er wusste es von seinem Opa Fritz. War Marx etwa auch dort gewesen, um zu helfen?
Oliver schaute nur ungläubig. »Ob Marx uff Ziejelei jewesen is? Wie blöd bist du denn?«
»Na, um der Arbeiterklasse zu helfen!«
»Heutzutage werden die Ziegler doch von der Partei der Arbeiterklasse ausjebeutet.«
»Das versteh ich nicht.«
»Mann, bist du doof.«
Oliver war immer ehrlich zu mir. Das rechnete ich ihm hoch an. Wenn er etwas sagte, dann meinte er es so. Sogar Omi konnte ihn gut leiden. »Der Junge hat es auch nicht leicht.«
Der Herbst kündigte sich mit schweren Stürmen an, als es hieß, sie würden Bruno von der Ganzenpracht fortbringen. In ein Tierheim. Oma Frieda sollte so lange auf uns aufpassen. Bruno, mein feuerroter, mein weicher, edler Beschützer … Wir saßen am Ofen und spielten Mensch ärgere dich nicht. Ich verlor alle Spiele. Piepegal.
Später, sie strickte gerade an einem neuen Paar Socken, Adolar machte ein Nickerchen, erklärte sie mir, dass die Eltern unseren Hund in Wahrheit in den Wald gebracht hätten. Ausgesetzt. Weil er nach dem Kleinen geschnappt habe. Als mir die Tränen aus den Augen schossen, tat es ihr leid. »So ist das Leben.«
Von nun an ging ich allein an der Havel spazieren, warf Stöckchen ins Wasser, und keiner holte sie zurück. Plötzlich fürchtete ich mich vor Leuten wie Detlef, der mich im Vorbeigehen angrinste und manchmal stehen blieb. Detlef rieb sich nämlich gern an Frauen, etwa wenn sie in der Schlange standen oder im vollen Bus. Gummiohr dagegen war nicht verrückt, aber dennoch zum Fürchten. Ein Teil von ihm sei im Krieg geblieben, hieß es. Er hasste uns Kinder, weil wir immerzu das fleischfarbene Ersatzteil anstarren mussten, das das Loch in seinem Kopf verbarg. Einzig Oliver hatte keine Angst vor ihm: »Is doch nüscht, nur Plaste.«
Als ich vorm Kloster ein Rabenjunges fand, das seine Eltern aus dem Nest geschmissen hatten, wollte Oliver es sofort erschießen. Ich bekam einen Wutanfall, woraufhin er von dem kleinen schwarzen Flaumhaufen im Gras abließ, mich anstarrte und so lange hänselte, bis ich ihm die Wahrheit über Brunos Verschwinden erzählte. Nun aber schämte ich mich, meine Eltern als herzlose Menschen enttarnt zu haben. Er musste mir versprechen, nichts weiterzuerzählen. Auf dem Heimweg, der kleine Vogel zitterte in meinen Händen, hielt er mich kurz am Arm fest: »Mach dir nüscht draus. War nur ’n Hund.«
Zu Hause trauten sie sich nicht, mich mit dem Federvieh zurückzuschicken. Pappi kaufte einen großen Käfig und erklärte feierlich: »Wir nennen ihn Bettino Kraxi. Raben sind sehr intelligent.« Drei Tage später lag der Namensvetter des italienischen Ministerpräsidenten tot in unserer Garage. Die Katze Willi hatte zugeschlagen.
Weil der leere Zwinger im Hof alle an den armen Bruno erinnerte, brachte Pappi eine Horde Hühner mit nach Hause. Der Hahn krähte permanent, außer morgens. Mir war das sehr sympathisch, aber Pappi drehte ihm den Hals um und tauschte die Hühner gegen Kaninchen ein. »Hasen sind gut für die Atmosphäre.« Begeistert übernahmen wir Kinder die Pflege. Da ahnten wir noch nicht, wie langweilig so ein paar Hofhasen auf Dauer sind, vor allem, wenn man sie auf Gewicht hält, also viel füttert und wenig Bewegung zulässt.
Wenn wir einen Ausflug in den Tierpark unternahmen, war Oma Frieda schon Tage vorher aufgeregt. Der Geruch von Kölnisch Wasser verbreitete sich in ihrer kleinen Dachwohnung. Verschiedene Handtaschen standen zum Einsatz bereit. Jede einzelne gefüllt mit grünen Pfeffi-Stangen und einer Hand voll Bonbons für uns Kinder. Ein Stofftaschentuch lag ebenso darin wie Stielkamm und Regenhaube.
Oft fuhren wir auch in die benachbarte Kreisstadt, wo Pappis Schwester Ingeborg mit ihrer Familie lebte. Omi musste dann zu Hause bleiben, um, wie es hieß, auf die Tiere aufzupassen. Ingeborgs Mann, Onkel Wilhelm, war ein hohes Tier bei der SED-Kreisleitung. Er sprach sehr laut, selbst wenn man ihm direkt gegenüberstand. Bei Tante Ingeborg gab es Riesenmengen Kuchen und witzige Cousinen. Wenn ich bei ihnen übernachten durfte, dann pupten wir um die Wette, bis wir Bauchschmerzen bekamen. Vom Lachen. Tante Ingeborg war sehr altmodisch in der Art, wie sie sich in Worten und Taten ausdrückte. Sie glich niemandem, den ich kannte. Alles an ihr erschien umständlich und praktisch zugleich. Das helle Gackern ihrer Stimme konnte man bis in den letzten Winkel des großen Gartens hören, wo sie Kartoffeln anbaute, Tomaten und Kohl. Ihre Tüchtigkeit wirkte immer ein bisschen übertrieben. Ihre Liebenswürdigkeit uns Kindern gegenüber war grenzenlos. »Hachgottchen«, sie sagte das immerzu.
Einmal nahmen uns die Eltern zum Silvesterball in die Kreisstadt mit, der im großen Saal des einzigen Hotels weit und breit stattfand. Alle trugen ihre schönsten Kleider. Von unserem Tisch aus beobachteten wir kichernd, wie die beiden eng umschlungen von einem Bein aufs andere traten. Unser Tisch befand sich in der Nähe der kleinen Musikkapelle. Man konnte die Trommel im Bauch spüren. Lange hielt es Omi nicht auf ihrem Platz. Sie schnappte sich meine Hand und zog mich, glückselig vor sich hin pfeifend, über das glänzende Parkett. Der Adolar-Zwerg trug eine Fliege aus dunklem Samt, klopfte den Rhythmus mit den Fäusten mit und lachte. Er durfte so lange wach bleiben, bis die Sektkorken knallten. Den Rest der Nacht verbrachten wir drei dann gemeinsam in Omis Zimmer am Ende des Flures, wo wir Mau-Mau spielten, bis uns die Augen zufielen.