Alt werden kann man nicht beschreiben - Helga Bögl - E-Book

Alt werden kann man nicht beschreiben E-Book

Helga Bögl

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Beschreibung

Der Roman erzählt aus dem Leben einer Frau, die sich innerlich weigert, älter zu werden. Endlos Gedanken über das Altwerden gehen ihr durch den Kopf. Sie verliert sich in Zwiegesprächen mit ihrem Spiegelbild, das sie unerbittlich die Wahrheit erkennen lässt, und fängt an, das Leben mit ganz anderen Augen zu betrachten. Sie leidet unter der Trennung von ihren Kindern und beobachtet voller Wehmut die Veränderungen, die diese Zeit des Altwerdens mit sich bringt. Sie schreibt Kurzgeschichten, liebt das Singen, die Poesie, die Tiere und die Natur, ist ständig am Grübeln und Philosophieren über Gott und die Welt. Immer wieder zieht sie Vergleiche zwischen früher und heute und entdeckt Dinge, die man ihrer Meinung nach noch im Heute ändern müsste. Ständig auf der Suche, ihrem letzten Lebens-abschnitt einen neuen Sinn zu geben, lernt sie Asylanten verschiedener Herkunft kennen, erhält Einblicke in deren traurige Lebensgeschichten und engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Eine Krankheit verändert ganz plötzlich ihr Leben, doch sie gibt nicht auf. Das Schicksal geht oft seltsame Wege, und sie erkennt, dass es sich auch im Alter noch lohnt, einen langgehegten Wunsch wahr werden zu lassen.

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MOBI

Seitenzahl: 625

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Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

In letzter Zeit scheint es etwas in den Hintergrund getreten zu sein: das Thema Jugendwahn. Dafür ist plötzlich das Interesse für die Senioren erwacht. Überall kann man darüber lesen, über die jungen Alten, die in der heutigen Zeit immer mehr werden, immer älter werden und noch dazu gesünder. Kaum eine Zeitschrift, in der nicht über die fitten Jahrgänge berichtet wird, dachte Thea, während sie die Gesundheits-Umschau, eine Zeitschrift aus der Apotheke, auf den Küchentisch legte.

Auch hier schien das Interesse für die Senioren im Fokus zu stehen, erkannte sie mit einem kurzen Blick auf das Titelblatt und begann, ganz neugierig geworden, in den Seiten zu blättern. Überall waren sie präsent, die alten Herrschaften, bemerkte sie mit einem leichten Schmunzeln. Im Gesundheitswesen werden die Präparate, die eine scheinbar ewige Jugend versprechen, gleich auf mehreren Seiten angepriesen. Eine ganze Doppelseite voll mit Fitnessgeräten, auf denen Senioren ihre Beweglichkeit zeigten, und gleichzeitig das passende Mittel für eventuelle Gelenk-probleme wurden vorgestellt. Alle sind auf dem Gesundheitstrip.

Mit solchen verlockenden Bildern versucht man beim Verbraucher, das Interesse für bestimmte Präparate zu wecken. Sogar in der Schönheitsindustrie spielten die Älteren eine große Rolle, wie sie auf einigen Seiten feststellen konnte. Damen im fortgeschrittenen Alter preisen Schönheitscremes an und behaupten, damit die Falten wegzukriegen. War es bisher üblich, dass die Herren der Schöpfung Rasierwasser, Deos oder manchmal sogar Haarpomade verwendeten, versuchte man ihnen jetzt die Notwendigkeit einer Gesichtscreme einzureden. "Aha", murmelte Thea belustigt, "man hat den älteren Menschen als sogenanntes Werbeobjekt entdeckt!"

Wenn man das so verfolgt, macht man sich schon Gedanken über das Älterwerden, dachte sie, und das Thema schien sie im Augenblick besonders zu beschäftigen. Sie hatte heute ihren grüblerischen Tag.

Als junger Mensch macht man sich meistens keine Gedanken über das Alter, überlegte sie, aber wenn man selbst älter wird, merkt man plötzlich, wie schnell die Zeit vergeht. Auf einmal fällt ihr dabei ein altes Sprichwort ein. "Dass alles vergeht, weiß man schon in der Jugend, aber wie schnell alles vergeht, erfährt man erst im Alter!" Man ist ja auch nicht plötzlich alt, nein, das Alter kommt schleichend. Jedes Jahr ein bisschen mehr.

Sie stand auf, ging zu ihrem Spiegel im Badezimmer und betrachtet lange ihr Gesicht. Die Falten über dem Mund störten sie schon sehr, und plötzlich entdeckte sie auch noch ein paar andere Falten, die vor kurzem noch gar nicht da waren. Sie wurde nachdenklich, und irgendwie wurde ihr auf einmal so richtig bewusst, dass sie älter geworden ist. Merkwürdig ist das schon, dachte sie, ich sehe zwar älter aus, aber ich fühle mich nicht so alt, wie ich aussehe. Man ist doch eigentlich nur so alt wie man sich fühlt, und ein gefühltes Alter, das man sich zuschreibt, beeinflusst doch die Alterungsvorgänge positiv, so hatte sie schon einmal gelesen. Ja, der Körper weiß doch eigentlich gar nicht, ob man nun 60, 70 oder 80 Jahre alt ist, versuchte sie, sich selbst einzureden. Ob in der Natur bei den Pflanzen oder bei den Tieren, es ist ein ewiges Erwachen, Reifen, Blühen und Vergehen. Das ist einfach der Kreislauf des Lebens, und alles hat seine Zeit. Dabei betrachtete sie ihre Hände, entdeckte die ersten Altersflecken auf dem Handrücken, die ihr eigentlich nie aufgefallen waren, und ihre Gedanken waren immer noch beim Thema Älterwerden.

Auf einmal fielen ihr die Worte einer alten Dame ein, die sie vor langer Zeit unangemeldet besucht hatte, und die damals zu ihr sagte: "Morgens brauche ich immer einige Zeit, denn da muss ich mich ja erst mal richten!" Was muss man denn da richten, dachte Thea, denn zu der Zeit war sie ja noch jung, aber heute, wenn sie sich im Spiegel betrachtete, konnte sie das verstehen.

Wenn im Alter mit der Schönheit nicht mehr so viel los ist, muss man schon etwas mehr Zeit investieren, um noch einigermaßen passabel auszusehen, ging ihr durch den Kopf und dabei blickte sie in den Spiegel. Eigenkritik machte sich bemerkbar, während sie ganz nah an den Spiegel ging und anfing, sich genauer zu betrachten. "Die Frisur sitzt nicht mehr so gut wie früher", murmelte sie und griff sich ins Haar. "Die Haare sind auch strähniger geworden!“ Irgendwie störte sie auf einmal dieses Grau im Haar. Es gefiel ihr nicht, was sie da sah, und ganz plötzlich, so aus dem Bauch heraus, sagte sie zu ihrem Spiegelbild: "Eigentlich kenne ich dich doch ganz anders, viel jünger und jetzt bist du mir plötzlich so fremd. Wer bist du eigentlich?" Sie bemerkte, wie die Frau ihr Gesicht zu einer Grimasse verzog, und atmete tief durch. Dann warf sie noch einmal einen prüfenden Blick in den Spiegel, so als würde sie von dort eine Antwort erwarten. Dabei hatte sie auf einmal das Gefühl, dass diese Frau sie sehr merkwürdig ansah, so als ob sie sagen wollte: "Hast du geglaubt, du bleibst ewig jung?"

In so einem Moment fragte sich Thea manchmal, ob es anderen Frauen auch so geht, wenn sie bemerken, dass sie älter werden. Sie hätte auch gerne gewusst, ob den anderen Frauen die gleichen Gedanken durch den Kopf gehen, wenn sie sich im Spiegel betrachteten. "Ich glaube, wenn man in einer Partnerschaft lebt, empfindet man nicht so schnell, dass man älter wird", murmelte sie leise vor sich hin, "aber man kann es am Partner beobachten", davon war sie überzeugt. Aber wenn man allein lebt, gingen ihre Gedanken in diesem Moment weiter, weil vielleicht der Partner bereits verstorben ist und man ist sozusagen Single, sieht man das Älterwerden schon kritischer und mit anderen Augen.

Wenn sie manchmal unbeobachtet andere Frauen ansah, die etwa im gleichen Alter waren wie sie und von denen sie wusste, dass sie auch allein leben, fühlte sie sich irgendwie getröstet, und es war schon vorgekommen, dass ihr dabei auffiel, dass auch diese älter geworden sind. Einmal fiel ihr das ganz besonders auf, als sie neulich eine alte Bekannte getroffen hatte. Es gab eine kurze Begrüßung, ein paar höfliche Fragen nach dem Befinden und nachdem sie sich getrennt hatten, konnte Thea es sich nicht verkneifen und murmelte: "Mein Gott, sieht die aber alt aus!"

Als Thea noch in einer Partnerschaft lebte, hatten beide nicht so viele Freunde. Die Kinder waren schon seit Jahren aus dem Haus, doch jeder hatte ja noch seinen Beruf. Aber nachdem beide in Rente gingen, hat es ziemlich lange gedauert, bis sie sich an das Zuhausebleiben und nicht zur Arbeit müssen, gewöhnt hatten. Trotz dieser großen Veränderung in ihrem Leben genossen sie ihr Rentnerdasein, waren glücklich, zufrieden und sich selbst genug. Jetzt aber, nachdem Thea allein lebte, hatte sie auf einmal so ein ungewöhnliches Gefühl, wenn sie am Morgen aufstand. Es war plötzlich so, als ob irgendetwas fehlen würde. Sie kam sich manchmal so richtig nutzlos und allein gelassen vor. Mit zunehmendem Alter fiel ihr immer mehr auf, dass der Freundeskreis kleiner und kleiner wurde. Einige waren in der Zwischenzeit verstorben oder waren in ein Senioren-wohnheim gegangen und andere hatten sich, seit sie nicht mehr mit ihrem Partner zusammen war, völlig zurückgezogen.

Es war gar nicht so lange her, da hatte sie noch eine beste Freundin, die nach dem Tod ihres Mannes ebenfalls allein lebte. Mit ihr konnte sie über alles reden, etwas unternehmen, und sie hatten viele gemeinsame Interessen, besonders was die Kunst betraf. Sie besuchten Ausstellungen und Veranstaltungen und führten lange Gespräche. Als diese vor zwei Monaten ganz plötzlich einen Herzinfarkt bekam und am Herzen operiert wurde, war Thea sehr erschüttert. Kurze Zeit später traten Komplikationen auf und ihre Freundin starb völlig überraschend. Thea war wie vor den Kopf gestoßen, unendlich traurig und schwer betroffen, ihre beste Freundin verloren zu haben. Sie wollte es einfach nicht glauben. Tagelang konnte sie an nichts anderes denken als daran, wie schnell doch das Leben auf einmal vorbei sein kann. "Du bist sterblich und vielleicht hast auch du nicht mehr so viel Zeit", grübelte sie schon wieder. Einen Menschen, dem sie so richtig vertrauen konnte, den hatte sie nun nicht mehr, und auf einmal kam sie sich sehr verloren vor, so als alter Single.

Damals, nach der Trennung von ihrem Lebensgefährten, hatte sie plötzlich niemanden mehr, um den sie sich kümmern konnte, den sie umsorgen konnte, für den sie kochen konnte, und sie kochte doch so gerne. Irgendwie war ihr Tagesablauf immer noch wie früher. Er ist zur Routine geworden, und es steckt in ihr einfach drin, weil sie jahrelang dasselbe gemacht hatte. Das begann ja schon beim Kochen. Sie kochte, obwohl sie jetzt allein lebte, immer noch zu viel. Sie bemerkte, wenn sie für sich selbst etwas zubereitete, dass die Portionen trotzdem noch zu groß waren. Von solchen alltäglichen, gewohnheitsmäßigen Tätigkeiten wegzukommen war gar nicht so einfach.

Manchmal empfand sie das Dasein jetzt im Alter so allein, leer und unausgefüllt. Es kam schon öfter vor, dass sie sich beim Grübeln ertappte. Wenn sie dann über ihr Leben nachdachte, wurde ihr immer wieder bewusst, dass sie an diesem Zustand etwas ändern musste. Sie wollte nicht zu den Menschen gehören, die sich einredeten, in Würde alt werden zu wollen. Das war ihrer Meinung nach der größte Blödsinn, den man machen konnte. Alt werden ist zwar nicht schön, und man hat manchmal das Gefühl, man wird als alter Mensch oft überhaupt nicht mehr wahrgenommen. Man ist irgendwie unsichtbar geworden. Das Leben ist schön, kostbar und vor allem kurz. Man darf sich nicht unterkriegen lassen. Mit diesem Vorsatz versuchte sie sich immer selbst Mut zu machen. Manche verzweifeln, weil sie alt geworden sind, und schotten sich ab, doch das Leben ist auch im Alter noch lebenswert. Entscheidend ist doch, was man mit seiner Zeit anfängt, und man kann auch im Rentenalter noch etwas aus seinem Leben machen. Aber was heißt das eigentlich, alt sein? Alt macht ja nicht die Zahl der Jahre und auch nicht die grauen Haare. Alt ist man doch nur, wenn man den Mut verliert und sich für nichts mehr interessiert! Es gibt so viele Möglichkeiten, dem Leben einen neuen Sinn zu geben, etwas, das wieder Freude macht und einen ausfüllt. Mit solchen Gedanken versuchte sie sich manchmal selbst zu trösten. Und immer wieder nahm sie sich vor, durch irgendeine Tätigkeit ihrem Leben eine Wende, einen neuen Sinn zu geben.

Immer wenn sie einkaufen ging, sah sie im Vorraum des Supermarktes, in der eine Bäckerei eine große Auswahl an Brot und Kuchen anbot, und wo man mal schnell einen Kaffee bestellen konnte, eine Gruppe älterer Frauen sitzen. Es war ihr aufgefallen, dass es immer dieselben Damen waren. Sie saßen da in kleiner Runde und stets zur selben Zeit und machten den Eindruck, als hielten sie hier ein Kaffeekränzchen. Davon hielt Thea überhaupt nichts. Sie trank zwar schon ab und zu einmal eine Tasse Kaffee, aber am Morgen zum Frühstück, bevorzugte sie immer nur Tee.

Fast jeden Tag um die Mittagszeit, wenn sie beim Einkaufen war, sah sie diese Damen dort sitzen, und sie dachte in dem Moment: "Nein, das wäre nichts für mich, so nutzlos den Tag zu vergeuden!" Und wenn sie dann im Vorbeigehen noch ein paar Wortfetzen mitbekam, aus denen sie entnehmen konnte, dass sich so manche der Damen einsam fühlte, konnte sie das schon verstehen, und sie fragte sich insgeheim, warum ändern diese Frauen dann in ihrem Leben nichts?

Eines Tages stand Thea im Supermarkt vor dem Regal für Obst und Gemüse. Ach ja, dachte sie, ich muss noch unbedingt Erdbeeren mitnehmen. Am Wochenende kommt meine Enkelin und die liebt Erdbeerkuchen.

Während ihre Blicke über das Gemüse streiften und sie die vielen Sorten betrachtete, musste sie ganz plötzlich an ihre Großmutter denken. Die sagte damals immer, wenn sie Erdbeeren sah, es wären Ananas, weil man echte Ananas früher während des Krieges überhaupt noch nicht kannte. Beim Anblick der Gemüsesorten fiel ihr auf einmal ein, wie ihre Oma diese Sorten früher nannte, und ein Lächeln überzog plötzlich ihr Gesicht, weil sich diese Bezeichnungen etwas komisch und fremdländisch anhörten. Die Tomaten nannte ihre Großmutter Paradeiser, den Blumenkohl bezeichnete sie als Karfiol, die Schoten der Erbsen waren die Luschkern, die Johannisbeeren waren die Ribisel und die Kartoffeln waren die Erdäpfel. Weil ja Böhmen früher einmal zu Österreich gehörte, sprach ihre Oma immer etwas wienerisch, und in dem Moment, als sie an die Sprache ihrer Oma dachte, hätte sie gerne gewusst, ob man diese Ausdrücke auch heute noch in Österreich verwendet.

Auf dem ganzen Nachhauseweg hing sie ihren Gedanken nach. Ja, die Großmutter, erinnerte sie sich, war eine weise Frau. Sie wusste sich mit den einfachsten Mitteln immer zu helfen und hatte für alles einen Rat. Sie war eine lebenserfahrene Frau, bei der Thea die ersten Lebensjahre auf dem Bauernhof verbrachte, weil sie ein lediges Kind war. Erfahren und weise war sie, die Oma. Aber Weisheit hat eigentlich nichts mit dem Alter zu tun, spekulierte sie. Das ist mehr die Bereitschaft, auf die innere Stimme zu hören. Es ist schon merkwürdig, philosophierte sie weiter, wieso erinnert man sich, wenn man alt ist, immer mehr an früher, an die Kindheit und an vieles, was so früher war. Warum denkt man viel weniger an das, was noch kommen kann? Es könnte doch sein, dass einem bewusst wird, dass die Zeit, die man noch vor sich hat, begrenzt ist, und man nicht daran erinnert werden möchte, versuchte sie, sich selbst zu erklären. Sie hätte auch gerne gewusst, ob alle alten Menschen so viel grübelten und ob es vielleicht doch nur am Allein sein lag, dass man dauernd seinen Gedanken nachhing? Ja, sie fühlte sich manchmal allein, aber sie war nicht einsam. Allein sein und einsam sein ist ja schließlich nicht dasselbe, war ihre Meinung, und es hat auch so manchen Vorteil, allein zu leben, falls man noch gesund ist. Man kann tun und lassen was man möchte, und man ist niemanden mehr Rechenschaft schuldig, aber man muss dankbar sein für die Gesundheit, die Erinnerungen und die Liebe, die man erfahren durfte.

Es gibt natürlich viele Gründe, warum man im Alter allein ist, ging es ihr schon wieder durch den Kopf. Der Partner ist gestorben, man ist geschieden oder man wurde vom Partner verlassen, was gar nicht so selten ist. Besonders in der jetzigen Zeit, wo die Schönheit boomt, wo einem fast an jedem Zeitungsstand ein halbnackter Busen entgegenspringt, können die Männer natürlich diesen vielen Reizen nicht widerstehen. Sie weigern sich alt zu werden, und bei diesen Verlockungen sind sie auf der Suche nach einer jüngeren Frau, denn das gibt ihnen wahrscheinlich das Gefühl, selbst wieder jung zu sein. Männer empfinden das Altwerden eben anders als Frauen. Meistens werden sie so um die 50 oder 60 von einer Sinnkrise heimgesucht. Es ist die sogenannte Midlife-Crisis. Viele fragen sich dann, was das restliche Leben noch zu bieten hat? Manch einer sucht dann eine jüngere Frau, ein anderer wiederum sorgt sich um seine Gesundheit, und es soll auch schon vorgekommen sein, dass Männer im Alter depressiv wurden.

Thea war so in Gedanken, und auf einmal erinnerte sie sich an einen Artikel, den sie schon vor längerer Zeit einmal gelesen hatte. Auch Männer wurden von einer Depression heimgesucht, nur die Anzeichen hatten ein anderes Gesicht und Männer wollen keine Hilfe annehmen. Männer ticken einfach anders, besonders wenn sie alt werden. Ja, die Zeiten haben sich eben geändert, und wenn sie die jungen Dinger in ihren kurzen Röcken laufen sah, konnte sie die Männer sogar verstehen. Und überhaupt, im Alter ist man innerlich nicht der, der man eigentlich äußerlich zu sein scheint, und man hat selbst auch nicht das Gefühl alt zu sein.

Plötzlich dachte sie an früher, an die Prüderie von damals und fing an, die heutige Zeit mit früher zu vergleichen. Früher war das alles ganz anders. Die Frauen waren duldsamer, weil sie auf ihren Mann angewiesen waren, weil sie bleiben mussten, egal ob es eine gute oder eine schlechte Ehe war, oder sie blieben manchmal auch nur wegen der Kinder. Heute sind die Frauen viel berechnender, nicht alle, aber viele Frauen denken heute nur noch an das Geld und die Männer merken oft nicht, wie sie ausgenutzt werden. Sie gehen manchmal Risiken ein, die sie nicht selten später bereuen. So viele Gedanken gingen ihr auf dem nach Nachhauseweg durch den Sinn und waren einfach nicht abzuschalten.

Sie fand es überhaupt sehr ungerecht, wie unterschiedlich sich das Altern zwischen Männern und Frauen oft zeigt. Sie hatte schon manchmal Paare beobachtet, zum Beispiel während sie in einem Wartezimmer in einer Arztpraxis saß und aus lauter Langeweile die Menschen so aus den Augenwinkeln heraus beobachtete, dass mancher Mann mit zunehmendem Alter interessanter und noch dazu fitter aussah, als seine Frau, obwohl diese Frau bestimmt ein paar Jahre jünger war als er. Vielleicht liegt es daran, dass eine Frau, und wenn sie noch dazu mehrere Kinder hat, viel mehr um die Ohren hat als der Mann. Oft ist es mit dem Aussehen aber auch umgekehrt, das konnte sie auch schon des Öfteren beim Einkaufen beobachten. Manchmal war die Frau besonders gepflegt, was man vom Mann nicht gerade behaupten konnte, und da fiel ihr spontan ein, wie belustigend sie es immer wieder fand und auch heute noch findet, wenn manche Männer im Rentenalter beim Einkaufen in den Supermärkten ihre Frauen begleiteten und hinter ihnen hertrotteten. Für viele scheint es ganz wichtig zu sein, wenn sie dann an der Kasse ihre Geldbörse zücken können, um zu demonstrieren, wer eigentlich der Herr im Haus ist.

Es ist ja auch heute noch so in vielen Familien, überlegte sie, dass der Mann nach der Arbeit heimkommt, seine Beine hochlegt, weil für ihn der Alltag gelaufen ist. Alles Übrige wird auch heute noch der Frau überlassen, zumindest ist es immer noch so bei den älteren Jahrgängen. Da könnte sie wirklich "ein Lied davon singen", wie der Volksmund es ausdrückt, und sie dachte dabei an ihre eigene Ehe, als ihr erster Mann noch lebte. Manche jungen Männer sind da heute schon etwas anders. Sie sind meistens keine Paschas mehr und packen mit an, gerade was den Haushalt und die Kinder betrifft. Heutzutage gibt es ja sogar sogenannte Hausmänner, was früher undenkbar gewesen wäre. Thea konnte sich noch genau daran erinnern, dass es erst in den 50er Jahren zu beobachten war, dass auch ein Mann einmal den Kinderwagen schob, und das war damals schon eine kleine Sensation.

Wenn man ab und zu in einem Wartezimmer sitzt und es dann etwas länger dauert, da gehen einem schon manchmal die merkwürdigsten Gedanken durch den Kopf, dachte Thea, als sie eines Tages auf ein Rezept wartete und sich umsah. Sie beneidete schon des Öfteren Paare, die noch zusammen waren und bei denen man irgendwie das Gefühl hatte, dass sie sich gut verstehen und dass sie für einander da sind. Ja, dachte sie, Treue scheint es trotz allem immer noch zu geben. Zu zweit ist man eben nicht allein, und ihre Gedanken gingen noch weiter. Sie dachte, dass es aber auch viele ältere Menschen gibt, die allein leben, die Kinder und Enkelkinder haben und sich trotzdem allein fühlen.

Ja, in der heutigen Zeit ist eben alles anders. Es ist alles so hektisch geworden, und keiner hat mehr Zeit. Die Kinder haben eine eigene Familie und eigene Sorgen, und da muss manch alter Mensch schon froh sein, wenn er ab und zu einen Anruf bekommt oder gar einen Besuch. Dabei dachte sie gleich wieder an vergangene Zeiten und wie es früher war.

Ja, früher war das alles ganz anders. Alle besuchten einander, die Tanten und Großmütter, die Enkel und die Kinder trafen sich nicht nur zu Geburtstagen, wie es heute üblich ist, nein, sie besuchten sich gegenseitig und unaufgefordert. Heute, wenn man seine Kinder besuchen möchte, muss man vorher anrufen und fragen, ob sie überhaupt zuhause sind. Wochentags gehen alle arbeiten, und am Wochenende sind die Freizeitangebote so vielfältig, dass man gar nicht weiß, wo man zuerst hingehen soll. Spaß und Vergnügen sind in der heutigen Zeit am wichtigsten. Die Oma wäre da nur hinderlich. Wie hatte doch ihr Vater früher immer gesagt? Erst die Arbeit, dann das Vergnügen, doch heute ist es oftmals umgekehrt. Zuerst das Vergnügen und dann die Arbeit.

Manchmal, wenn Thea zuhause allein war, ließen sie so einige Gedanken, was das Alleinsein und das Älterwerden betraf, einfach nicht los. Über meine Familie kann ich wirklich nicht klagen, sinnierte sie schon wieder. Es ist immer jemand für mich da, und obwohl ich eigentlich ein Gegner von Handys bin, schätze ich es, eines zu haben. Mein jüngster Sohn, seine Frau und meine Enkel sagen immer wieder: "Oma, wenn du etwas brauchst, rufe doch einfach an!" Sie wissen natürlich auch, dass ich rücksichtsvoll bin und nur dann anrufe, wenn ich etwas nicht allein schaffe. Ein klein wenig Groll stieg bei dem Gedanken trotzdem in ihr hoch, und sie murmelte im selben Moment: "Es wäre aber auch schön, wenn sich einer der Enkel ganz von sich aus ab und zu einmal bei mir melden und mir seine Hilfe anbieten würde!" Etwas deprimiert holte sie tief Luft und sinnierte weiter. Ich bin heilfroh, dass ich in meinem Alter noch Haus und Garten selbst versorgen kann, aber wie lange wird das noch gehen? Gegen solche Gedanken konnte sie nichts tun, die waren einfach immer wieder da.

Neulich war sie unterwegs einer Nachbarin, die ein paar Häuser weiter wohnte, begegnet. Sie hatte diese Frau schon längere Zeit nicht mehr gesehen. Ihr war aufgefallen, wie diese sich auf ihren Rollator stützte und dass sie langsamen Schrittes und leicht vornübergebeugt ging. "Sicher hat sie mich nicht wiedererkannt", murmelte Thea. Also sprach sie die Frau an und erfuhr, dass diese vor kurzem einen leichten Schlaganfall erlitten hatte und dass ihr deshalb das Gehen immer noch schwerfallen würde. Sie wolle aber die Hoffnung nicht aufgeben, erklärte die Dame, lächelte ein wenig, während sie tief Luft holte. Sie glaube fest daran, dass es eines Tages doch wieder besser würde mit den Bewegungen, meinte sie voller Überzeugung. Um ihr Hoffnung zu machen, erzählte Thea von ihrer eigenen Mutter, die damals auch einen Schlaganfall erlitten hatte, und der es nach etwa sechs Wochen langsam wieder besser ging. Aber im Stillen dachte sie so für sich, hoffentlich passiert mir das nicht. Ich glaube, ich würde das nicht verkraften. Dabei merkte sie selbst, dass es ihr mit Ihrem Knie immer schlechter ging, und das beunruhigte sie schon sehr.

Am Morgen zum Beispiel, wenn sie aufstand, schmerzte manchmal ihr rechtes Knie im ersten Moment, und wenn sie dann ein paar Schritte gegangen war, sozusagen eingelaufen war, verging der Schmerz wieder. "Ja, das Alter", sagte ihre Nachbarin schmunzelnd, wenn sie beide ihren Plausch am Gartentor hatten. Beiläufig gestand ihr die Nachbarin dann, dass es ihr nicht anders ginge. Das tröstete Thea, und sie schob die Gedanken über das Altern gleich wieder zur Seite. Ein paar komische Gedanken gingen ihr dabei aber trotzdem durch den Kopf, und sie dachte nur so für sich: Es wäre schön, wenn es einen Hebel gäbe, auf dem man eine Skala einstellen könnte mit Angabe des Alters. Man könnte einstellen wie alt man werden möchte, und von da an sollte man nicht mehr älter werden. Eine schöne Utopie, aber vielleicht wird das ja in ferner Zukunft noch kommen, wer weiß? Und plötzlich musste sie über sich selbst wegen ihrer komischen Ideen lachen. Ja, ja, der Alterungsprozess ist einfach nicht aufzuhalten sinnierte sie, und sie war der Meinung, dass man das Altwerden erst richtig verstehen kann, wenn man es am eigenen Leib verspürt. Das Alter kennt einfach keine Gnade, dachte sie, fing im selben Moment an, ihren Gartenweg zu kehren und war froh, dies noch alleine tun zu können.

In letzter Zeit bemerkte sie immer öfter, dass beide Knie, besonders das rechte, nicht nur am Morgen schmerzten. Nein, es kam auch tagsüber vor, dass sie sich manchmal bückte und ohne Hilfe, wie zum Beispiel sich an einem Stuhl nach oben zu ziehen, nicht mehr hochkam. Sie wurde wütend und schimpfte laut: "Es ist zum Verrücktwerden, wenn man vom Kopf her gesehen, etwas tun möchte, aber der Körper macht das nicht mehr mit. Der Körper will einfach etwas anderes als der Kopf!" Sie hatte ja in letzter Zeit manchmal schon große Schwierigkeiten, aus der Badewanne hochzukommen. Deshalb hatte sie sich vor kurzem an der Wand neben der Wanne einen zweiten Haltegriff anbringen lassen, um sich besser hochziehen zu können. In so einem Moment stellte sie sich immer vor, dass es eines Tages unvermeidlich sein wird und dass sie, wie so viele alte Menschen, die sie beim Einkaufen sah, mit einem Rollator zum Einkaufen gehen muss. Allein den Gedanken daran fand sie schon schrecklich.

Es war unvermeidlich, sie musste zum Hausarzt wegen ihrer Knieschmerzen, und sie bekam auch noch am selben Tag einen Termin. "Ja, das ist wahrscheinlich Arthrose", meinte der Arzt, und tastete ihre Knie ab. "Das bringt das Alter halt so mit sich. Ich werde Ihnen eine gute Schmerzcreme aufschreiben, aber die müssen Sie leider selbst bezahlen, das übernimmt die Krankenkasse nicht!", versuchte er zu erklären, während Thea ihm ins Wort fiel. "Die Zuzahlungen zu den Arzneimitteln werden immer mehr und noch dazu immer höher. Für meine Blutdrucktabletten musste ich vor kurzem noch 60 Euro dazu zahlen, jetzt sind es in der Zwischenzeit schon 90 Euro, die ich selbst zu tragen habe. Gibt es überhaupt noch etwas, das man von der Kasse bezahlt bekommt? Wenn ich noch die Rezeptgebühren dazu rechne, da kommt so einiges zusammen. Meine Ausgaben für Medikamente sind in der Zwischenzeit fast schon höher als meine Lebenshaltungskosten!", sagte sie etwas verärgert, als sie das Rezept entgegennahm. Dann machte sie sich auf den Weg zur Apotheke, und weil sie mit so hohen Selbstkosten nicht gerechnet hatte, ging sie auch noch zum Bankautomaten, der gleich nebenan war.

Zu Hause angekommen, wollte sie eine gute Freundin, die sie aus dem Chor kannte, anrufen. Leider war diese gerade nicht daheim, aber ihr Mann war am Telefon. Als sie sich mit ihrem Namen meldete, sagte er zu ihr: "Entschuldigen Sie, schreibt man Ihren Namen in der Mitte mit oder ohne 'e'?“ Sie entgegnete: "ohne 'e'", worauf er antwortete: "Ich kannte mal früher einen jungen Mann, der hieß genauso wie Sie, und sein Vater, der war damals Eisenbahner!" "Ja", entgegnete Thea, "das war mein Mann, und sein Vater war früher Zugführer!"

Noch während sie den Hörer in der Hand hielt, fiel ihr plötzlich auf, dass der Mann ihrer Freundin sie das gleiche schon mehrmals gefragt hatte, und immer dann, wenn sie bei dieser Freundin angerufen hatte, und er selbst am Telefon war. Ob er vielleicht schon dement war? überlegte sie, und sie hätte das gerne gewusst, aber ihre Freundin darauf anzusprechen, das wollte sie nicht. Sie wusste ja nicht ob es dieser vielleicht peinlich gewesen wäre.

Gleich nach dem Gespräch ratterte es schon wieder in ihrem Kopf, und sie fing erneut an zu grübeln. Plötzlich fiel ihr an ihr selbst so einiges auf, und sie dachte nach. Ging ich nicht erst gestern in den Keller und wollte etwas holen? Und stand ich da nicht vor dem Regal und wusste plötzlich nicht mehr was ich da eigentlich wollte? Und als ich neulich abends das Fenster zumachen wollte und feststellen musste, dass ich das schon getan hatte, war das nur Vergesslichkeit? Mit Schrecken dachte sie daran, was ihr erst letzte Woche passiert war. Sie wollte einen Kuchen backen, bereitete die Zutaten vor, war gerade im Begriff ein Ei aufzuschlagen, als das Telefon im selben Moment läutete. Sie beeilte sich, rannte in Richtung Telefon, denn es hätte ja etwas Wichtiges sein können. Doch es war nur eine der Freundinnen aus dem Chor, die wissen wollte, ob sie am Abend zur Chorprobe kommen würde. Als sie nach dem Gespräch den Hörer aufgelegt hatte und weitere Zutaten in den Teig geben wollte, so erinnerte sie sich, bemerkte sie kopfschüttelnd, dass sie das Ei, das eigentlich in die Rührschüssel gehörte, zwar aufgeschlagen hatte, aber der Dotter lag im Abfalleimer und die Schale in der Rührschüssel. Ist das vielleicht schon Demenz oder vielleicht Vergesslichkeit oder nur Unaufmerksamkeit, weil ich durch das Läuten des Telefons abgelenkt war, oder sind das gar schon Anzeichen für Alzheimer? Der Gedanke machte ihr richtig Angst und ging ihr den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf. Seit diesem Tag hatte sie sich vorgenommen, besser darauf zu achten, was sie so tut oder vergisst.

Alzheimer, und sie schüttelte bei diesem Gedanken entsetzt den Kopf. Vielleicht sollte ich einmal mit meinem Sohn darüber sprechen, damit er ein bisschen vorgewarnt ist, dachte sie, und der Gedanke ließ ihr keine Ruhe, und sie grübelte immer noch, als sie abends bereits im Bett lag. Auf einmal fiel ihr eine Fernsehsendung ein, die sie vor kurzem erst gesehen hatte, und in der es um dieses Thema ging. Sie konnte sich noch genau erinnern, wie schrecklich sie es fand, was diese Krankheit aus einem Menschen macht. Alzheimer, lieber Gott, nur das nicht, sendete sie ein Stoßgebet zum Himmel, und in dieser Nacht wälzte sie sich unruhig hin und her, bevor sie endlich einschlief.

Auch am nächsten Tag ließ ihr das Thema Demenz und Alzheimer immer noch keine Ruhe, und sie fragte sich, was ist eigentlich der Unterschied zwischen Demenz und Alzheimer? Vor längerer Zeit hatte sie einmal in einer Zeitschrift, während sie im Wartezimmer ihres Hausarztes saß, gelesen, dass Alzheimer eine spezielle Form von Demenz sei, und Demenz sei wiederum der Verlust von geistigen Funktionen. Sie konnte sich noch ziemlich genau an den Text erinnern. Da stand: "Alzheimer ist das schleichende Absterben von Nervenzellen. Es wurde aber auch schon festgestellt, dass manchmal auch genetische Faktoren eine wichtige Rolle spielen. Es gibt aber auch eine Alzheimer-Demenz und diese Krankheit soll mit leichter Vergesslichkeit beginnen. Es ist wie ein Abschied auf Raten, und kann die Persönlichkeit stark verändern." Außerdem stand noch in dem Text, wie sie sich erinnerte, dass wissenschaftlich festgestellt wurde, dass das Risiko an Alzheimer zu erkranken im Alter steigt und dass sogar mehr Frauen als Männer davon betroffen sind. Ja, dachte sie, das kommt wahrscheinlich daher, weil es immer mehr ältere und alleinlebende Frauen gibt, und es wurde ja auch statistisch festgestellt, dass Frauen im Durchschnitt acht Jahre länger leben als Männer.

Thea aber war, was das Thema Alzheimer oder Demenz anging, ganz anderer Meinung. Sie dachte, dass vielleicht ein ganz anderer Grund möglich sein könnte, warum manche Menschen an Demenz erkrankten. Vielleicht, weil viele Menschen im Alter alleine leben, den ganzen Tag grübeln und sich nur noch in ihren eigenen vier Wänden verkriechen. Oft ziehen sich solche Menschen nur noch in eine Traumwelt zurück. Sie haben keine Ansprechpartner und niemanden, der ihnen zuhört. Es könnte natürlich auch sein, dass in solchen Fällen die Psyche eine Rolle spielt, war sie schon wieder am Sinnieren. Oder hatte möglicherweise dieser Professor aus England, der Toxikologe war, mit seiner Meinung recht, ging es ihr durch den Kopf. Sie zweifelte ein bisschen. Er glaubte nämlich entdeckt zu haben, dass die Ablagerungen von Aluminium im Körper großen Schaden anrichten könnten. Seiner Ansicht nach, so hatte sie in einer Fernsehsendung mitbekommen, sei dieses Gift schuld an vielen Krankheiten, wie zum Beispiel Krebs und auch Alzheimer. Aluminium ist ein toxikologischer Stoff und überall enthalten. Egal ob in Lebensmittel, in Kosmetika wie auch in Medikamenten, Verpackungen und sogar im Geschirr. Nur leider gibt es diesbezüglich noch keine brauchbaren Beweise.

Bei ihrem täglichen Einkauf am nächsten Tag führte ihr Weg auch an der Apotheke vorbei, die gleich neben dem Supermarkt war. Das Wort "Vergesslich?" mit einem großen Fragezeichen war in riesigen Lettern in der Mitte des Schaufensters zu lesen, und auch das Medikament, das angeblich helfen sollte, wurde gleichzeitig angepriesen. "Ginkgo bringt Ihre grauen Zellen in Schwung", hieß es da, aber Thea war skeptisch und ihre Gedanken überschlugen sich schon wieder.

Das mit den Pillen ist aber auch nicht immer das Richtige. Da kann man schon so manche Überraschung erleben. Manchmal verträgt man sie nicht wegen einer Allergie, so war es ihr ja auch schon einmal ergangen. Es kann auch vorkommen, dass diese Pillen nicht zu den täglichen Medikamenten passten, die man einnehmen musste. Es gab so viel Für und Wider bei diesen vielen Präparaten, ging es ihr schon wieder durch den Sinn. Sie war misstrauisch, was die vielen Medikamente anging, und seit sie einmal ein Medikament, das sie eigenmächtig einnahm, nicht vertragen hatte und ihr Gesundheitszustand dadurch nur noch schlimmer wurde, ließ sie die Finger von den Tabletten, die immer wieder in der Werbung angeboten wurden. Also, dachte sie, gleich morgen werde ich mir ein großes Rätselheft besorgen, denn geistige Herausforderungen halten die grauen Zellen länger jung, so hatte sie einmal irgendwo gelesen. Man sagt doch so oft, logisches Denken im Alter stimuliere das Wachstum neuer Gehirnzellen. Da meldete sich ihre innere Stimme: "Man sagt aber auch, wenn die Denkfähigkeit nachlässt, fällt es immer schwerer zufrieden zu sein!" Ist das vielleicht der Grund, warum ich manchmal so übellaunig bin, weil mein Gedächtnis nachlässt? fragte sie sich und zweifelte ein bisschen.

Es beginnt also mit leichter Vergesslichkeit, ratterte es schon wieder in ihrem Hirn, und die Vorstellung, dass es vielleicht doch Alzheimer sein könnte, ließ ihr einfach keine Ruhe und machte auch noch zusätzlich Angst. Sie versuchte, den Gedanken beiseite zu schieben, nahm die Zeitung, die gerade in ihrem Briefkasten steckte, und wandte sich den täglichen Neuigkeiten zu. Aber so einfach abzuschalten, das war gar nicht so leicht, wenn man im Hinterkopf immer diese schreckliche Angst hat, krank zu werden oder gar anderen zur Last zu fallen.

Seit einiger Zeit hatte sie auch noch Rückenschmerzen, aber sie wollte es einfach nicht wahrhaben, und sie entschloss sich, zu einer Heilpraktikerin zu gehen, die spezialisiert war auf Rückenbehandlungen nach Dorn/Preuss. Sie musste natürlich ein paar Wochen warten, bis sie endlich einen Termin bekam. Die Heilpraktikerin war sehr nett, und die ersten Behandlungen schlugen gut an. Ihre Rückenschmerzen wurden besser, und sie erzählte der Frau auch von den Taubheitsgefühlen in ihren Fußsohlen, die sie seit einiger Zeit hatte. Die Dame wollte ihr helfen und versuchte, mit einem elektrischen Gerät, das aussah wie ein kleiner Massageroller, die Fußsohlen zu massieren. Dabei bearbeitete sie auch ihre Waden, was sehr weh tat, aber sie biss die Zähne zusammen.

Am darauffolgenden Morgen, als Thea aus dem Bett aufstehen wollte, hatte sie so starke Schmerzen in der linken Wade, dass sie zu ihrem Hausarzt ging, und der wiederum überwies sie in ein Krankenhaus zur Überprüfung des Beines. Der Arzt meinte, es wäre auch nur sicherheitshalber, denn es könnte ja möglicherweise eine Embolie sein. Gott sei Dank war es keine Embolie, aber es wurde festgestellt, dass durch diese Massage mit dem Roller in ihrer Kniekehle eine Bakerzyste geplatzt war. Die Flüssigkeit dieser Zyste war in die Muskulatur gelaufen und das verursachte solche Schmerzen in der Wade. Ihr Bein wurde bandagiert und sie humpelte deswegen ein paar Tage mit Krücken, die ihr die Nachbarin geliehen hatte, durch die Wohnung. Nach einer Woche waren die Schmerzen fast wieder weg. Ausgerechnet mir muss das passieren, dachte sie. Schließlich hatte sie ja schon Schmerzen im rechten Knie und nun noch das mit dem linken Bein. Irgendwie habe ich aber doch noch einmal Glück gehabt, dachte sie erleichtert. Es hätte ja auch schlimmer kommen können.

Glück? Bei diesem Wort machte sie sich so ihre Gedanken, und fing an zu rätseln. Was ist eigentlich Glück, fragte sie sich. Es gibt Glücksmomente im Leben, glückliche Zeiten und jeder versteht unter Glück etwas anderes. Wenn man nach mehreren Schicksalsschlägen das Gefühl hat, dass es wieder aufwärts geht, versteht man das unter Glück oder ist das dann einfach nur Zufriedenheit? Ist Glück Zufriedenheit oder beides? Ist man zufrieden und glücklich, wenn man viel Geld hat? Heißt es nicht immer, Geld macht nicht glücklich? Es gibt unendliche Beispiele über glücklich sein, aber das Glück selbst, was ist das eigentlich und wo findet man es? Wohin geht das Glück, wenn es uns verlässt? Glück ist Liebe, und wer lieben kann ist glücklich. Glück ist das einzige, das wir anderen geben können, ohne es selbst zu haben, und genau diese Art von Glück wird im Alter immer seltener.

"Ja, mit dem Alter", sagte Thea und merkte nicht, dass sie schon wieder laut dachte. Dabei war sie schon wieder bei ihrem Thema, das sie so viel beschäftigte. Mit dem Alter wird so vieles anders. Auch gesundheitliche Probleme häufen sich. Mal zwickt es hier und mal zwickt es da, und man ist oft gezwungen, zum Arzt zu gehen, weil man ja gesund bleiben möchte. Die Leute reden immer wieder darüber, und noch dazu meist sehr spöttisch, dass die Wartezimmer der Ärzte meistens von alten Menschen belegt sind. Das ist ja kein Wunder. Heute ist der Mensch doch eigentlich "total zerpflückt", wie sie das immer nannte. Mit jedem Leiden muss man zu einem anderen Arzt gehen. Bei Herzproblemen zum

Kardiologen, bei Schmerzen in den Beinen, wo Eincremen nichts mehr hilft, zu einem Spezialisten für Gefäßerkrankungen, bei Benommenheit und Kopfschmerzen zur MRT, denn es könnte ja ein Schlaganfall sein, bei Problemen mit dem Magen zur Magenspiegelung, dann wieder zum HNO wegen einer Nebenhöhlenentzündung usw. Schon wieder fielen ihr so viele Unterschiede zu früher ein, und in Gedanken stellte sie erneut Vergleiche an, wie es früher war und wie es heute ist.

Ich kann mich noch gut an meine Kinderzeit erinnern, überlegte sie und dachte dabei an den damaligen Landarzt, der nach dem Krieg in dem kleinen Dorf seine Praxis eröffnet hatte. Der konnte alles, und die Leute gingen gern zu ihm denn er fand immer eine Lösung, konnte helfen, egal welches Leiden man hatte. Als sie damals bei ihrer Firmung ein paar Ohrringe von ihrer Patin als Geschenk bekam, hat er die Ohrlöcher dazu gestochen, so erinnerte sie sich, und einen Backenzahn, der sehr schmerzte, auch den hatte er ihr gezogen. Ja früher, dachte sie, da gab es eine allgemeine Sprechstunde, und in dieser Zeit konnte jeder zum Arzt kommen. Doch heute muss man sich erst anmelden, und wenn man Glück hat, bekommt man auch bald einen Termin. Sie trauerte dem Hausarzt von früher nach, und in Gedanken bedauerte sie es sehr, dass es solche Ärzte heute nicht mehr gibt.

Landärzte sind am Aussterben. In den Medien ist es gerade das große Thema. Sie hatte den Kopf schon wieder voller Gedanken. Keiner will mehr auf das Land ziehen, alle drängen nur noch in die Stadt. So einen Posten will keiner mehr haben, da müsste man ja auch Allrounder sein, aber heute ist man bestenfalls Facharzt für dementsprechende Krankheiten und weiß eben nur über diese Krankheit Bescheid. Das ist sehr schade. Heute wird der Mensch nicht mehr als Ganzes gesehen. Am besten, so schimpfte sie innerlich, man bringt als Patient die Diagnose gleich mit. Meist muss man damit rechnen, wenn der Arzt nicht mehr weiterweiß, und er sich auch keine Mühe macht, nach der Ursache einer Krankheit zu suchen, dass man dann eine Überweisung zum Neurologen bekommt. Den Arzt wie früher, besonders, wenn es um eine schwierige Erkrankung geht und man nachdenken müsste, was wohl der Auslöser dieser Krankheit sein könnte, den gibt es heute nicht mehr. Da müsste man schon ein besonderes Glück haben, um solch einem Arztgenie zu begegnen.

Überhaupt waren die Ärzte heutzutage ganz anders, war ihre Meinung, und sie dachte dabei an ihren jetzigen Hausarzt. Es war ja schon ärgerlich, wenn man bei ihm immer erst nach zwei Wochen einen Termin bekam. "Ja", sagte dann meistens die Sprechstundenhilfe und zuckte mit den Schultern, "es geht einfach nicht früher. Wir sind bis oben hin voll mit Terminen!" Wenn sie dann endlich einen Termin genannt bekam, um ihr Anliegen zu besprechen, hatte sie oft das Gefühl, dass ihr der Arzt nicht die nötige Aufmerksamkeit schenkte. Er war ja so beschäftigt mit seinem Computer, tippte während des Gespräches, und sie zweifelte, ob er sie überhaupt richtig wahrnahm. Er kam ihr etwas abwesend vor, hatte ein Auge am Computer, und sie hatte dabei auch noch den Eindruck, dass er ihr nur mit einem Ohr zuhörte.

Sie fing schon wieder an Vergleiche zu ziehen und dachte dabei an ihren alten Landarzt nach dem Krieg. Der saß einem in der Sprechstunde gegenüber, man hatte das Gefühl, dass er aufmerksam zuhörte und sich für das Problem, das man hatte, interessierte. Das ist heute nicht mehr so. Es ist nur noch Oberflächlichkeit, oder liegt das etwa doch an meinem Alter? Zweifel überkamen sie bei dem Gedanken, dass es am Alter liegen könnte. Vielleicht gibt man sich mit alten Menschen ja nicht mehr die nötige Mühe? Ja, dachte sie so für sich, die älteren Menschen werden immer mehr, aber mehr Beachtung finden sie nicht. Bei dem, was sie vor kurzem erlebt hatte, konnte man schon auf solch einen Gedanken kommen, und sie erinnerte sich an einen früheren Arztbesuch.

Weil sie eines Tages große Schmerzen auf der rechten Seite unter dem Rippenbogen hatte, bekam sie einen schnelleren Termin. Der Arzt machte am Oberbauch Ultraschall und sagte zu ihr: "Es ist alles in Ordnung, ich kann nichts finden!" Aber die Schmerzen blieben, und sie versuchte es zuhause mit Bettruhe und warmen Umschlägen, was aber keine Besserung brachte. Thea bestand auf einem neuen Arzttermin, denn so konnte es doch nicht weitergehen mit diesen Schmerzen.

Also ein neuer Termin beim Hausarzt. Sie erzählte, dass die Schmerzen nicht besser wären. "Aber wir haben doch nichts gefunden", meinte er, schaltete aber trotzdem seinen Computer an, um sich nochmals die Ergebnisse vom letzten Ultraschall anzusehen. Auf einmal sagte er zu ihr: "Ja, da ist doch etwas. Über dem Kopf der Bauchspeicheldrüse war eine große Luftblase. Ich habe das total übersehen, da müssen wir eben ein MRT machen lassen, um genau feststellen zu können, was das ist!" Die Sprechstundenhilfe gab Thea eine Adresse von einem Institut in der nächsten Stadt und meinte zu ihr, sie solle doch dort einen Termin machen, und sie müsste auch bei einer MRT mit einer längeren Wartezeit rechnen.

"Wieder warten", murmelte sie, ging nach Hause und rief dort noch am selben Vormittag an. So lange dauerte es gar nicht, und sie war überrascht, als sie erfuhr, dass sie gleich in der nächsten Woche vorbeikommen könnte. Und noch eine Überraschung war es für sie, als der Hausarzt eine Woche nach dem MRT-Termin plötzlich bei ihr zuhause anrief und sagte: "Das Ergebnis der Untersuchung ist jetzt da, und ich möchte Sie bitten, in den nächsten Tagen bei mir vorbeizukommen. Es wurde festgestellt, dass Sie am Kopf der Bauchspeicheldrüse eine Zyste haben, und aus der Stuhluntersuchung konnte man ersehen, dass in Ihrer Verdauung Enzyme fehlen. Deshalb müssen Sie in Zukunft zu den Mahlzeiten Enzyme einnehmen. Das Rezept dazu werde ich für Sie hinterlegen, dann müssen Sie nicht so lange warten", meinte er und erklärte auch gleich weiter: "In Zukunft bitte nichts Süßes, kein Fett und keinen Alkohol!"

Thea dankte für den Anruf, musste aber noch lange über das eben Gehörte nachdenken. Noch ein neues Medikament, ging es ihr durch den Kopf. Ich nehme ja schon drei verschiedene Medikamente. Morgens eines für den Blutdruck, mittags eine Tablette wegen ihrer Herzkrankheit, abends vor dem Schlafengehen eine Tablette für die Blutverdünnung. Dass sie immer mehr Tabletten nehmen sollte, das machte ihr schon Sorgen und brachte sie wieder zum Grübeln. Wenn man täglich nur eine Tablette nehmen muss, so überlegte sie, kann man bei eventuellen Nebenwirkungen ja feststellen, woher diese kommen. Bei zwei Tabletten wird das schon schwieriger. Wie sollte man da wissen, von welcher Tablette die Nebenwirkungen kommen? Sie war verunsichert. Bei einer täglich immer mehr werdenden Tabletteneinnahme kann man doch nie feststellen, welche Nebenwirkungen von welcher Tablette kommen! Der Gedanke daran beschäftigte sie schon sehr, und sie fühlte sich irgendwie hilflos, weil sie wusste, dass sie auf vieles allergisch reagierte.

Und dass sie ab jetzt nichts Süßes mehr essen sollte, traf sie schon schwer. "Das Frühstück muss jetzt anders aussehen", sagte sie so zu sich selbst. Sie trank ja jeden Morgen schwarzen Tee mit zwei Stück Zucker. Dazu aß sie zwei Toastbrote mit Butter und Honig. "Oh Gott", entfuhr es ihr, "was soll ich denn zukünftig nur frühstücken? Aber das mit dem Alkohol betrifft mich ja gar nicht", murmelte sie leise. Alkohol vermied sie schon seit Jahren. Schon allein bei dem Wort Alkohol kam so ein komisches Gefühl in ihr hoch, und dabei dachte sie an ihren ersten Mann, der alkoholkrank war.

Was wäre, wenn ich nicht so hartnäckig gewesen wäre, und man hätte wegen der Zyste nie etwas unternommen? Warum hatte der Hausarzt die damalige Ultraschall-Untersuchung nicht so ernst genommen? Wird man heute als alter Patient überhaupt noch ernst genommen? Heute hatte sie, wie so oft in letzter Zeit, ihren grüblerischen, kritischen Tag. Aber vielleicht lag es ja auch am Wetter? Erst ein kalter Tag und dann wieder diese Hitze am nächsten Tag, da musste man ja übellaunig werden, dachte sie und fing an ihr Mittagessen vorzubereiten.

Beschwerden im Alter sind unausbleiblich, weil sich in dieser Phase der ganze Körper verändert. Sie war schon wieder in Gedanken, während sie ihre Gemüsesuppe umrührte. Sie wusste, dass sie sich gesund ernährte, sich viel bewegte, und sie achtete sehr auf ihre Gesundheit. Schon allein um beweglich zu bleiben, schrieb sie sich jedes Wochenende eine Liste über Dinge, die ihr im Haushalt fehlten. Aber sie kaufte nicht alles auf einmal, fuhr auch nicht mit dem Auto, nein, sie ging jeden Tag zum nahen Supermarkt zu Fuß und kaufte aus dieser Liste immer nur ein paar Dinge. Das hatte sie sich so angewöhnt, nur damit sie gezwungen war, sich täglich zu bewegen.

Eigentlich ist es ja sehr praktisch, dass der Markt so in unmittelbarer Nähe ist, meinte sie einmal zu ihrer Nachbarin. Man findet alles unter einem Dach, wozu man früher mehrere Läden abklappern musste. Nur eines störte sie an diesem Supermarkt sehr. Das waren die vielen Großpackungen. Wenn sie als Single zum Beispiel Gemüse kaufen wollte, gab es das immer nur in einer Großpackung. Wenn sie nur eine Paprika gebraucht hätte, war sie gezwungen, die ganze Packung zu kaufen, die drei Stück enthielt. Mit den Tomaten war es ebenso und mit Obst, wie zum Beispiel Äpfeln oder Orangen, auch. Es gab immer nur mehrere in einer Packung, und das fand sie ärgerlich. Für den Verkauf ist das ja von Vorteil, schimpfte sie innerlich, doch für den Käufer, besonders für Einzelhaushalte, ist das sehr hinderlich, und noch dazu dieser viele Plastikabfall. Alles nur noch verpackt und in Plastikfolie. Für Alleinlebende gab es deshalb nur zwei Möglichkeiten. Entweder man aß drei Tage hintereinander das gleiche oder man musste den Rest einfrieren, falls man überhaupt einen Gefrierschrank hatte.

Mit dem Auto fuhr sie in letzter Zeit, seit sie diese Taubheitsgefühle in den Fußsohlen hatte, nur noch sehr wenig, und um lange Strecken zu fahren, ganz ehrlich, dazu hatte sie nicht mehr die Nerven. Diese Hektik auf den Straßen machte sie immer nur recht nervös. Aber nicht nur gesundheitliche Probleme kommen im Alter, nein, mit dem Alter wird auch alles anders. Irgendwie wird einem bewusst, dass man vor dem Rest des Lebens steht und nicht mehr viel Zeit hat. Ihr Gedankenkarussell war schon wieder in Aktion. "Die Zeit hat den Turbogang eingelegt, und das ganze Leben scheint es irgendwie eilig zu haben", brummte sie vor sich hin. Manchmal aber saß sie einfach nur da und hing solchen Gedanken nach. "Ja, ja", murmelte sie, "die Zeit vergeht, sie weiß es ja nicht besser!"

Auf einmal betrachtet man alles mit anderen Augen. Man fängt an, mit viel mehr Interesse und Offenheit durch das Leben zu gehen. Solche tiefsinnigen, nachdenklichen Ideen gingen ihr immer öfter durch den Kopf. Wenn sie manchmal allein spazieren ging, überkam sie so etwas wie Wehmut. Es war ein Gefühl, das an Abschied nehmen erinnerte, und sie dachte dann, wie schön die Welt doch eigentlich ist. Dabei überkam sie eine gewisse Traurigkeit, und es wurde ihr wieder einmal bewusst, dass ihre Zeit nur noch begrenzt war. Sie betrachtete die Natur und die Umwelt in letzter Zeit viel aufmerksamer. Früher hatte sie so vieles nicht beachtet und war achtlos an vielem vorbei gegangen. Heute empfand sie auf einmal alles viel intensiver, nahm alles viel bewusster wahr. Ihr fielen oft Dinge auf, die erst jetzt plötzlich an Bedeutung gewannen, und sie überlegte und fragte sich manchmal, ob es anderen alten Menschen auch so ginge wie ihr, ob auch bei diesen die Erinnerungen an früher jetzt im Alter immer mehr in den Vordergrund traten.

Wenn sie zum Beispiel allein auf einer Wiese spazieren ging, fing sie gleich wieder an zu träumen und musste an ihre Kindheit denken. Man überquerte frisch gemähte Wiesen, auf denen das duftende Heu zum Trocknen ausgebreitet war. Jetzt aber, wenn sie über eine Wiese ging, fiel ihr plötzlich auf, dass es nur noch wenige Schmetterlinge gab. Früher hörte man Grillen zirpen, und Heuschrecken hüpften durch die mit Blumen übersäten Flächen. Als kleines Mädchen hatte sie sich einmal auf einer Wiese niedergelassen und ins Gras gelegt. Sie hatte das Kinn auf die verschränkten Arme gestützt und lag auf dem Bauch. Was gab es da alles zu sehen, so zwischen den Grashalmen. Marienkäfer kletterten auf deren Stängeln, Ameisen verschwanden in einer kleinen Höhle, ein Regenwurm hatte sich verirrt und schlängelte sich durch saftig grüne Kleeblätter. Ringsum summte und brummte es, so dass sie als Kind manchmal zu spät zum Essen nach Hause gekommen war. Sie hatte sich hin und wieder einen Spaß daraus gemacht, Heuschrecken zu fangen und in der Hand zu halten. Voller Interesse und Neugier betrachtete sie die vielen Unterschiede. Es gab braune und grüne, große und kleine, aber am faszinierendsten waren für sie immer diese ganz großen, grünen, die man auch ab und zu in Kellernischen finden konnte.

Heute sieht man davon leider überhaupt keine mehr. Bei solchen Rückblicken wurde sie ganz traurig. Früher hatte sie immer am Muttertag einen Strauß Blumen auf den Wiesen gepflückt. Am schönsten fand sie die Gebirgsnelken mit ihren rosa Blüten oder die weißen Margeriten. Am Rande des Kornfeldes blühten die blauen Kornblumen oder der Klatschmohn, und an den Bachrändern blühten die Dotterblumen. All diese Blumen, an die sie sich noch gut erinnern konnte, gibt es jetzt überhaupt nicht mehr, und ihr wurde ganz wehmütig ums Herz.

Jedes Jahr im Mai schwirrten viele Maikäfer durch die Luft. Sogar ganze Bäume waren von ihnen belagert, und heute muss man schon danach suchen, und sie dachte, wahrscheinlich wissen die Kinder heute gar nicht, wie so ein Maikäfer überhaupt aussieht. Bei diesem Gedanken fiel ihr auf einmal ein, als damals in ihrer Kinderzeit zwei Jungen aus der Nachbarschaft beim Maikäferfangen eine Wette abgeschlossen hatten. Wer von den beiden sich trauen würde, einem Maikäfer den Kopf abzubeißen. Sie musste schmunzeln, wenn sie sich das Bild vor Augen hielt, und es fiel ihr wieder ein, wie sie damals mit ihrer Freundin davongelaufen war, weil sie beide so eine Grausamkeit nicht mitansehen wollten.

Die Kinderzeit in früheren Jahren war ihrer Meinung nach viel schöner als heute, und sie war davon überzeugt, dass die Kinder früher glücklicher waren. Wo sieht man heutzutage überhaupt noch ein Kind auf der Wiese liegen oder einen Blumenstrauß pflücken? Wer kennt heute noch die Namen der Bäume oder der Vögel? Die meisten Kinder sitzen die ganze Zeit vor dem Computer. Sie sind fasziniert von Computerspielen, in denen gerauft, verprügelt und umgebracht wird. "Mich wundert es nicht", ihre Stimme war schon wieder laut geworden, "wenn diese Kinder dann später nicht mehr unterscheiden können, was Spiel und was Wirklichkeit ist!"

In den letzten Jahren hatte sie sich im Fernsehen nie Tiersendungen angesehen, gestand sie sich ein, und heute interessieren sie diese Sendungen ganz besonders. Es überkam sie sogar manchmal ein wenig Wehmut, wenn in den Medien immer wieder darauf hingewiesen wurde, dass bestimmte Tiere bereits vom Aussterben bedroht sind. Thea seufzte tief und dachte, dass ihr erst vor kurzem aufgefallen war, dass auch die Bienen, die jedes Jahr in der langen Hecke ihres wilden Weines ein Summ-und-Brumm-Konzert veranstalteten, in der letzten Zeit viel weniger geworden waren. Im Jahr zuvor blieben sogar Leute, die auf dem Weg zur Straßenbahn waren und an ihrem Grundstück vorbeimussten, erstaunt vor der Hecke stehen, so laut war das Summen.

Solange die Hecke blühte, kamen die Bienen jeden Vormittag, und sobald der Abend näherkam und es langsam dunkel wurde, flogen sie wieder fort. Da fiel ihr ein, wie sie eines Tages einmal vor ihrer Hecke stand und den Bienen zusah. Es machte Freude zu beobachten, wie elegant sie in die Blüten eintauchten, und dabei kam ihr plötzlich ein lustiger Gedanke. Wenn ich wüsste, wohin die immer fliegen, könnte ich ja einmal nachfragen, ob ich ein Gläschen von dem Honig bekommen könnte, und in dem Moment ging ein Schmunzeln über ihr Gesicht.

Ja, was wäre die Natur ohne Bienen, und das Gedankenkarussell begann sich schon wieder zu drehen. Bienenhonig ist etwas ganz Reines. Die Biene ist wie eine fliegende Filteranlage. Gepanschten Honig gibt es bei uns in Bayern nicht, weil es in unserem Freistaat eine strenge Honigverordnung gibt. Doch Geschmacksunterschiede gibt es viele. Ob blumig, fruchtig oder würzig, die Geschmacksnote wird geprägt von der Region, in der er geerntet wurde. Es hätte sie deshalb schon sehr interessiert, wie der Honig von den Blüten aus ihrer Hecke schmecken würde.

Thea hatte sich so richtig zur Naturschützerin entwickelt und ihren Garten bienenfreundlich gestaltet. Sie freute sich über jeden Schmetterling, jede Biene, die sie in ihrem Garten entdeckte, und wenn eine Amsel an ihren Gartenteich kam, um den Durst zu stillen, musste sie, Gott sei Dank, überhaupt nicht auf ihre Katze achten. "Ja, wenn ich meine Katze nicht hätte, wäre mein Leben ziemlich trist", sagte sie einmal zu einer Freundin, "und wenn manche alten Leute wüssten, wie schön, interessant und abwechslungsreich das Leben mit einer Katze ist, würden sich bestimmt mehr Menschen so einen Stubentiger ins Haus holen!" Dabei musste sie an die vielen überfüllten Tierheime denken und an die vielen Inserate, in denen ein Zuhause für die Samtpfoten gesucht wurde.

"Ich würde meine Mietze niemals hergeben!", meinte sie einmal zu ihrer Nachbarin, als diese bei ihr auf der Terrasse war und gerade über den Rücken ihrer Mietze streichelte. Thea erklärte auch gleich warum. "Schon allein das Schnurren meiner Katze gibt mir ein Gefühl der Ruhe. Es heißt doch immer, fühlt sich die Katze wohl, geht es auch dem Menschen gut, und ich habe sogar einmal gelesen, dass Katzenbesitzer angeblich einen niedrigeren Blutdruck und weniger Herzprobleme haben, und meine Mietze", so erklärte sie, "ist ja auch eine besondere Katze. Sie fängt keine Vögel!" Voller Stolz berichtete sie der Nachbarin, was sie einmal in ihrem Garten beobachtet hatte.

"Amseln sind ziemlich freche Vögel. Diese Erfahrung musste meine Katze erst vor kurzem machen. Als die Nestlinge der Amsel, die in der Serbischen Fichte im Garten einen Brutplatz hatten, die ersten Flugversuche unternahmen und auf dem Rasen landeten, wurde ich durch sehr lautes Amselgeschrei auf die Terrasse gelockt. Meine Katze saß neugierig lauernd und mit lang gestrecktem Hals neben der Bank und beobachtete die jungen Vögel. Es sah so aus, als wollte sie sich jeden Moment auf eines der Nestlinge stürzen. Auf einmal, und ich konnte es kaum glauben, fing das Amselweibchen, das seine Jungen beaufsichtigte, an, meine Mietze zu attackieren. Mit lautem Gekreische und aufgeregtem Flügelschlagen flog das Weibchen ganz nah über den Rücken der Katze und versuchte, auf diese einzupicken. Es sah aus wie eine Attacke aus dem Sturzflug. Seitdem hat meine Katze, großen Respekt vor Amseln und sie ergreift schnellstens die Flucht, wenn auch nur eine in der Nähe ist!"

Nach dem Gespräch mit ihrer Nachbarin ging ihr Blick über den Gartenzaun hinüber zum Nachbargrundstück. Auf dem Grundstück, erinnerte sie sich, standen früher drei wunderschöne, schlank gewachsene serbische Fichten. Diese waren die Heimat zweier Elstern, und sie hatten ihren Brutplatz in den Zweigen. Viele ihrer unmittelbaren Nachbarn hatte das Gekreische der Vögel gestört, Thea aber nicht. Elstern sind wunderschöne Vögel, und es hat ihr viel Freude gemacht, die Tiere zu beobachten. Vor kurzem aber wurde das Grundstück verkauft, und die drei Fichten dann gleich nach ein paar Tagen abgeholzt. Jetzt waren die Elstern verschwunden, was sie heute immer noch sehr schade findet. So werden die Lebensräume der Tiere immer kleiner, immer weniger, und wo das nicht so ist, besorgen die Unkrautvernichtungsmittel den Rest. Sollte das nicht endlich Anlass zum Nachdenken geben und auch zum Handeln? Ich denke nicht, dass ich die einzige bin, der solche Gedanken durch den Kopf gehen, überlegte sie, und wurde dabei richtig wütend.

Thea hat eine sehr liebe alte Freundin, die Malerin ist. Sie kannte sie aus dem Chor, und beide hatten sich angefreundet. Deren Lieblingsmotive sind Blumen, und schon deshalb beobachtete diese Freundin bei ihren Spaziergängen in der Natur alles ganz genau. Sie war immer auf der Suche nach schönen Motiven. Mit ihr zu diskutieren gab Thea die Bestätigung, dass sie nicht die einzige war, die das, was gerade in der Natur vor sich ging, so sah. Beide waren gleicher Meinung in vielen Dingen und beide versuchten, ihren Alltag durch ihre jeweiligen Hobbys abwechslungsreich zu gestalten, und sie meinten, es ist schön, wenn man im Alter eine Beschäftigung hat, die einen ausfüllt. So wie der Freundin das Malen im Alter einen Sinn gab, so ging es Thea mit dem Schreiben. Immer wenn sie sich mal mittags hinlegte und eigentlich ein kleines Schläfchen halten wollte, gab es manchmal Momente, da fiel ihr noch etwas ein, was sie unbedingt zu Papier bringen musste, und so schaltete sie dann eben ihren Computer ein und fing an zu schreiben.

Ab und zu schrieb sie an Artikeln für eine kleine Heimatzeitung oder sie schrieb Gedichte, von denen schon einige in Tageszeitungen abgedruckt waren. Darunter waren auch etwas leicht ironische Gedichte, und sie nahm darin oftmals bestimmte Eigenheiten oder Angewohnheiten von Menschen, die sie kannte, "aufs Korn", wie man so schön sagt. Ihre Gedichte waren unter Freunden gefragt und wurden oftmals unter Schmunzeln zu Geburtstagen vorgelesen. Einen kleinen "Tick", wie ihre Familie das nannte, mit dem sie manchmal auffiel, den gab es noch. Sie hatte ein Faible für Sprichwörter und für Zitate. Besonders solche von berühmten Persönlichkeiten hatten es ihr angetan. Sie fand Sprichwörter einfach interessant. In kurzen Worten wurde ausgedrückt, was Sinn der Sache war. Viele davon konnte sie auswendig, und eines davon hatte es ihr besonders angetan. "Schöne Worte sind nicht wahr und wahre Worte sind nicht schön!" Es war ein weiser Chinese, der das geschrieben hatte, und immer, wenn sie Menschen begegnete, die super freundlich waren, entfachte sich ihr Misstrauen und sie musste an diese Worte denken. In einem Seitenfach ihres Schreibtisches gab es ein kleines Notizbuch, von dem niemand wusste, und immer, wenn sie ein gutes Sprichwort hörte oder gelesen hatte, schrieb sie es auf. Es kam dann schon vor, dass ihr bei manchen Gelegenheiten, wenn es sich so ergab, ein passendes Sprichwort auf der Zunge lag, und es machte ihr Spaß, in verdutzte Gesichter zu blicken.

Manchmal aber lag sie einfach nur so da und grübelte. Sie dachte nach über das Leben, über ihre Kinder und Enkel und fragte sich, ob sie im Laufe des Lebens alles richtig gemacht hatte, und mit Bedauern fiel ihr ein, dass sie so manches hätte besser machen können. Dann kramte sie ganz spontan in einer alten Schublade, in der sie die vielen Fotos von früher verstaut hatte, und fing an, in Erinnerungen zu schwelgen. "Oh Gott, ist das lange her!", murmelte sie einmal beim Betrachten der alten Bilder. Mit Wehmut, mit ein bisschen Traurigkeit und etwas Bitterkeit betrachtete sie dann die alten Fotos, auf denen sie noch jung und hübsch war. "Das war eine wilde Zeit damals, als sich die Männer noch nach mir umgedreht haben oder mir hinterher pfiffen!", sagte sie laut vor sich hin und dabei huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie hatte früher so viele Avancen bei den Männern, dass sie sich oft einen Spaß daraus machte, ab und zu Verabredungen zu treffen, zu denen sie dann gar nicht hingegangen ist. Ja, ab einem gewissen Alter wird man als Frau irgendwie unsichtbar, kam ihr gerade in den Sinn.