Alte Reben wurzeln tief - Andreas Krohberger - E-Book

Alte Reben wurzeln tief E-Book

Andreas Krohberger

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Beschreibung

Nicht genug damit, dass ein mit Methanol vergifteter Toter im Weinberg des Schorndorfer Winzers Conny Konrad liegt - unter einem aufgelösten Grab auf dem Friedhof der schwäbischen Kleinstadt tauchen auch noch Gebeine auf, die genetisch mit Conny verwandt sind. Als seine Frau und das gemeinsame Kind verschwinden, ahnt Conny, dass die Vorkommnisse zusammenhängen müssen. Mit dem Lokalredakteur und Freund Berner sucht er nach den Hintergründen. Die Spuren führen in den Hochschwarzwald und weit zurück in eine blutige Vergangenheit.

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Seitenzahl: 378

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Andreas Krohberger

Alte Reben wurzeln tief

Weinkrimi

Zum Buch

Wein, Vergeltung, Mord Als Hanne erwacht, findet sie sich zusammen mit ihrem halbjährigen Baby in einem alten Schweinestall wieder. Eine Kette um ihren Hals fesselt sie an den Dachbalken. Es ist Winter und nur die Kühe nebenan geben ein bisschen Wärme ab.

Hanne ahnt nicht, dass ihr Mann, der Schorndorfer Winzer Conny Konrad, mit ihrer Entführung erpresst wird. Dabei hat Conny schon genug Probleme: Dem Weingut geht es schlecht und sein Konkurrent Leonhard macht ihm das Leben schwer. Dann wird ein mit Methanol vergifteter junger Mann in seinem Weinberg gefunden. Der Verdacht fällt auf den Winzer. Doch spätestens als unter einem alten Grab Knochen auftauchen, die genetisch mit Conny verwandt sein sollen, weiß er, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Zusammen mit dem Lokalredakteur Hans-Peter Berner, mit dem ihn eine bissige Freundschaft verbindet, versucht Conny, diesen schicksalhaften Ereignissen auf den Grund zu gehen. Dabei stoßen die beiden auf ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit …

Andreas Krohberger, geboren in Schorndorf im Remstal, ist in Oberschwaben sowie im Hochschwarzwald aufgewachsen. Nach den Staatsexamina in Germanistik und Politik arbeitete er bei einer Regionalzeitung als Redakteur und Redaktionsleiter. Als freier Autor schrieb er Sachbücher über Wein, Essen und heimatgeschichtliche Themen, Kinderbücher, Romane, Gedichte, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Reportagen für diverse Magazine. Er spielt im STERN-Ensemble des Figurentheaters Phoenix und führt mit zwei Freunden ein Hobbyweingut im Remstal. Seine Kurzkrimis inszeniert er mit der Band »HERR KROHBERGER & der schlechte Einfluss«. Er hat drei Kinder und vier Enkelkinder und lebt mit seiner Lebensgefährtin in Winterbach und Weinstadt.

Impressum

Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt.

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[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Simon / stock.adobe.com

ISBN 978-3-7349-3088-1

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Prolog

Sie knabberte an einem der mit Eigelb bestrichenen und mit Hagelzucker überstreuten Butterplätzchen: viele kleine Männer, kleine Frauen, kleine Sterne. Süß und mürbe. Dazu der kräftige, duftende Kaffee. Ein wohliges Gefühl durchflutete ihren Körper. Als sie vom Sofa aufstand, taumelte sie etwas. Der Mann im maßgeschneiderten Anzug mit der schmalen roten Krawatte fing sie geschickt auf. »Kommen Sie«, sagte er, »ich zeige Ihnen ein paar Fotoalben, das wird Sie interessieren.«

Fast wäre sie über den kleinen Nierentisch gestürzt. Sie lächelte verlegen. »Entschuldigung, mir ist plötzlich schwindelig.« Mit ihren hochhackigen Schuhen stolperte sie über den hochflorigen Teppich und sah ihr verwaschenes Spiegelbild in den Sprossenfenstern. Extraschick hatte sie sich für diesen Termin gemacht, die langen blonden Haare gebürstet, bis sie glänzten, den Lidstrich perfekt geschwungen, den aquamarinblauen Hosenanzug mit einer schwarzen Seidenbluse kombiniert. Vor dem Fenster reckte sich ein blattloser Apfelbaum zum grauen Himmel, eine Lichterkette flimmerte an den krummen, dunklen Ästen. Der Griff des Mannes führte sie vorbei an einem Bild mit tief verschneiten Tannen, fast glaubte sie, ein Reh aus der Kulisse treten zu sehen.

»Ganz langsam«, sagte der Mann. »Einen Schritt nach dem anderen. Gleich geht es Ihnen besser.«

Er führte sie durch einen Raum mit kitschigen Weihnachtsbildern. Sie kam sich vor wie in der Kinderabteilung eines Warenhauses und musste kichern. Ein riesiger Weihnachtsbaum, überladen geschmückt mit goldenen Glaskugeln, goldenem Lametta, goldenen Sternen und blinkenden Lämpchen. An den Wänden Bilder von reich gedeckten Tischen, dampfenden Weihnachtsbraten, strahlenden Kinderaugen, glücklichen Familien. Dann öffnete der Mann eine schmale Tür. Dahinter altes Gerümpel, spinnwebverklebte goldene Bilderrahmen, zusammengerollte Leinwände, zersprungene Fliesen.

Die Frau, die den Kaffee serviert hatte, nahm sie in Empfang. Über einem engen schwarzen Kleid trug sie einen weißen Schwesternkittel. Sie reichte ihr ein Glas: »Trinken Sie, das wird Ihnen guttun.«

»Meine Beine sind ganz weich«, nuschelte sie.

»Dann setzen Sie sich doch.« Die Schwester drückte sie in einen alten Ledersessel. Sie sank in die weichen Polster. Sanfte Hände massierten ihre Schläfen. Die Schwester hatte so ein fürsorgliches Lächeln, so sanfte Hände. Leise erklang Weihnachtsmusik: »Es wird schon gleich dunkel, es wird ja gleich Nacht.« Die Augen fielen ihr zu.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Als sie die Lider wieder aufschlug, hatte sie das merkwürdige Gefühl, als würden die Gegenstände im Raum sich ineinander verschieben. »Wo bin ich?«, murmelte sie. Ein dumpfer Schmerz erfasste ihren Kopf, das Gefühl, sich übergeben zu müssen, wurde übermächtig. Unkontrolliert zuckten ihre Arme und Beine, ein Krampf im Rücken verzog schmerzhaft ihren Körper. Sie hörte ein lautes Krachen. Ein hoher Stapel mit Kisten war in sich zusammengefallen. Dahinter erkannte sie einen jungen Mann, fast noch ein Jugendlicher. Mit weit geöffneten Augen starrte er sie an. Die Krankenschwester hatte ihm einen Arm auf den Rücken gedreht. Dann verlor sie das Bewusstsein.

1.

Ein Flow aus Bildern, Gesichtern, Gedichtzeilen, Liedern durchströmte Konrads Gedanken. Seine frisch geschliffene Rebschere durchschnitt die kahlen Triebe, die Blätter waren schon vor Wochen abgefallen. Er liebte die einsame Arbeit im Weinberg – Zen oder die Kunst, Reben zu pflegen. Hier oben am Grafenberg, in Schorndorfs besten Lagen, war der Blick über das Tal besonders schön. Die mittelalterliche Altstadt hob sich mit ihrem markanten Kirchturm deutlich von der Vorstadt und den Neubaugebieten ab. Mittendrin, in der Höllgasse, lag sein Weingut. Seit Generationen in Familienbesitz. Ein uraltes, von der Straße zurückgesetztes Fachwerkhaus mit grau verwittertem Putz in den Gefachen, weinumranktem Hof und tiefen Kellergewölben. Sein Haus. Seine Heimat.

Während er die Rebstöcke schnitt, dachte er an die hohen Schulden, die sein Vater in all den Jahren angehäuft hatte. Als Konrad das Weingut übernommen hatte, stand er vor einem grandiosen Investitionsstau. Nicht einmal genug Geld hatte er, um Reifen für seinen alten Holderschlepper zu kaufen. Sein Vater war ein guter Winzer gewesen, aber ein miserabler Geschäftsmann. Wahrscheinlich hatte er diese Eigenschaften von ihm geerbt. Seit er im letzten Herbst seine große Liebe gefunden hatte, war alles besser geworden. Hanne, diese wunderbare Frau, die ihn mit sanfter Gewalt aus seiner Einsamkeit gerissen hatte. Hanne mit den lachenden Augen, Hanne mit ihrem Tatendrang, ihrer Begeisterungsfähigkeit, ihrer Lebensfreude. Hanne hatte die Preise erhöht, die bisher kaum die Produktionskosten gedeckt hatten. Sie kümmerte sich um den Verkauf und hatte dafür gesorgt, dass seine Weine mittlerweile in allen Vinotheken der Region gelistet waren. Dadurch konnte er sich ganz auf die Arbeit in den Weinbergen und im Keller konzentrieren. In ein paar Jahren wären sie vielleicht aus dem Gröbsten raus. Er lächelte, als er an ihre gemeinsame Tochter Clara dachte. Ein halbes Jahr war sie jetzt alt und der Sonnenschein ihrer beider Leben.

Am oberen Ende der Rebzeile sah er ein Mädchen stehen. Sie winkte etwas unsicher zu ihm herunter. Er lächelte ihr zu und winkte zurück.

»Komm runter, Anni«, rief er der 14-Jährigen zu. »Du kannst mir helfen!«

Er beobachtete, wie sie behäbig den schmalen Gang zwischen den Rebreihen herunterkam. Sie war keiner dieser Teenager, die im bauchfreien Top am Schorndorfer Bahnhof herumlungerten und ihre mit Kajal umrandeten Augen klimpern ließen. Sie trug Jeans mit den üblichen Löchern an den Knien, eine dunkelgrüne Jacke und hatte ihre rotblonden, leicht gekräuselten Haare zu einem üppigen Pferdeschwanz gebunden. Vor Konrad blieb sie stehen und brachte ein schräges Grinsen zustande.

»Hallo, Conny!«

»Lauerst du schon die ganze Zeit da oben?«

»Ich wollte nicht stören.«

»Du störst nie. Ich bin froh, wenn du mir hilfst!«

Von Westen her zogen dunkle Wolken auf. Als Konrad dem Mädchen die Rebschere reichte, begann es leise zu schneien. Konrad lächelte. »Ist das nicht wunderschön? Bei Schneegestöber im Weinberg arbeiten! Komm, wir teilen uns die Arbeit nach Altvätersitte. Ich beschneide die Reben, du ziehst die abgeschnittenen Triebe aus der Drahtanlage. Das war schon immer Frauenarbeit.« Er grinste. »Auch wenn man so was heutzutage nicht mehr so gerne hört. Aber ich bin halt ein alter Sack!«

Anni protestierte: »So alt sind Sie doch gar nicht!«

»Danke für die Blumen. Ich gehe auf die 50 zu. Aber jetzt pass auf. Ich erkläre dir bei jedem Schnitt, warum ich die Rebschere so oder so führe. Dabei geht es nämlich um die Zukunft. Welche Vorjahrestriebe müssen entfernt werden? Welcher wird flach auf den Draht gebunden, damit an seinen frischen Austrieben im Frühjahr gesunde und starke Trauben wachsen? Welchen lasse ich als Frostrute stehen, damit er mir bei Spätfrösten als Reserve dient? Ich bleibe auf dieser Seite der Rebreihe, du gehst auf die andere, dann stehen wir uns nicht gegenseitig im Weg.«

Anni kroch unter den Spalierdrähten hindurch und ging an die Arbeit. »Wir müssen in der Schule bald ein Praktikum machen. Zur beruflichen Orientierung. Das dauert eine Woche. Den Betrieb dürfen wir uns selbst aussuchen. Kann ich das wohl bei Ihnen machen?«

»Waren wir nicht schon beim Du?«

»Entschuldige. Kann ich das bei dir machen, Conny?«

»Ja, klar. Bist du denn sicher, dass du Winzerin werden willst?«

Sie zuckte die Achseln. »Ich weiß noch nicht. Aber ich arbeite gerne auf dem Weinberg. Und ich würde auch gerne wissen, was man sonst noch alles machen muss in so einem Betrieb.« Sie grinste. »Von Weinverkostung habe ich natürlich keine Ahnung. Ich hoffe, das ändert sich bei einem Praktikum!«

Konrad lachte. »Ab 14 darf man Alkohol in der Öffentlichkeit trinken, wenn ein Sorgeberechtigter dabei ist. Das bin ich wohl eher nicht. Aber ich werde schon auf dich aufpassen und mein Fasskeller gilt wohl nicht als Öffentlichkeit. Von mir aus geht das jedenfalls in Ordnung mit dem Praktikum. Wann genau soll das sein?«

»Ich weiß nicht. Aber wir sollen uns schon mal Gedanken machen.«

Schweigend arbeiteten sie weiter. Zwischen dem Gewirr der Reben sah Konrad immer wieder ihr konzentriertes Gesicht und ihre leuchtenden Haare. Seit sie letztes Jahr am Grafenberg aufgetaucht war, hatte sich eine Art Vater-Tochter-Beziehung zwischen ihnen entwickelt. Sie hatte mal da, mal dort auf den alten Sandsteinmauern gesessen, war durch die Rebreihen getrödelt. Irgendwann hatte er ihr eine Rebschere in die Hand gedrückt und seither kam sie immer wieder. Sie lernte schnell und arbeitete gründlich. Es machte ihm Freude, sein Wissen an sie weiterzugeben.

Anni entfernte sauber die verholzten alten Ranken, zog die abgeschnittenen Triebe aus dem Spalier und warf sie auf den Boden. Nebenher erklärte ihr Konrad, warum er bestimmte Triebe abschnitt und andere stehen ließ. Unten am Hang gingen sie zur nächsten Rebreihe. Da hörte Konrad einen erstickten Schrei.

»Anni, was ist? Hast du dich mit der Schere geschnitten?«

Sie starrte nur entsetzt zu Boden. Zu ihren Füßen lag ein Körper. Nackt und verkrümmt.

Der Winzer schob das Mädchen zur Seite. Ein junger Mann. Sehr schmal, kurze braune Haare. Die Augen wie im Schlaf geschlossen. Konrad versuchte, seinen Puls zu tasten. Kein Pochen, auch an der Halsschlagader nicht. Er ließ die Hand sinken. Der Körper war schon steif, da war nichts mehr zu machen. Konrad suchte nach seinem Handy. Er rief die Polizei.

»Das ist Sascha!«, flüsterte Anni. »Seine Eltern haben das Haus direkt neben uns.« Sie presste ihre Faust gegen den Mund und stöhnte. Tränen stürzten ihr aus den Augen. Sie hatte noch nie einen Toten gesehen.

Konrad nahm sie in den Arm und strich tröstend über ihre Haare. Sie zitterte am ganzen Körper. »Ich bleibe hier und kläre das mit der Polizei, Anni. Du gehst runter ins Weingut und hilfst Hanne ein bisschen mit der Kleinen. Später komme ich nach.«

Der Schnee schmolz schon wieder, als sich das Mädchen einen Weg durch die Weinberge am Grafenberg suchte. Konrad kniete sich vor Sascha. Der junge Mann war ohne Zweifel schon eine ganze Weile tot. Arme und Beine krampften sich um den schmalen Körper.

2.

Von den bleigefassten Scheiben rann Kondenswasser. Während in der Hetzelgasse ein unfreundlicher Dezemberwind Plastiktüten und letzte Blätter über das Kopfsteinpflaster jagte, war es in dem kleinen Gastraum mit der niedrigen Decke stickig und warm. An ihrem üblichen Platz in der Ecke verzehrten der Winzer Konrad Konrad und der Redakteur Hans-Peter Berner wie im Gebet versunken ihre geschmälzten Maultaschen.

»Wieso haben deine Eltern eigentlich deinen Nachnamen auch zum Vornamen gemacht?«, wollte Berner wissen. »Das ist doch albern. Oder hat es eine tiefere Bedeutung?«

Konrad lachte. »Es war ein Versehen. Ich wurde zu Hause geboren, im Ehebett meiner Eltern. Um besser zu sehen, hat die Hebamme alle Lampen ins Schlafzimmer geschleppt. Kaum war ich auf der Welt, gab es einen Kurzschluss, alle Lichter gingen aus. Bei Kerzenlicht hat sie sich auf dem Formular in der Zeile vertan. Eine nachträgliche Änderung im Geburtsregister hätte Geld gekostet. Wahrscheinlich war es meinen Eltern auch egal. Oder sie fanden es sogar witzig.«

»Kaum tauchst du auf, gibt es einen Kurzschluss«, grinste Berner. »Wenn das mal kein Omen ist!«

Im »Flädle«, einer typisch schwäbischen Wirtschaft, duftete es neben den in Butter geschwenkten Maultaschen nach gerösteten Zwiebeln und warmem, in Brühe gezogenem Kartoffelsalat. Konrad schwenkte sein Glas, der Riesling schmeckte etwas flach und hatte keinen Abgang. Er wandte sich Berner zu. »Und? Was gibt es Neues? Weiß man, woran der Kerl in meinem Weinberg gestorben ist? Ein Unfall war das jedenfalls nicht. Sonst wäre er nicht nackt gewesen.«

Berner zog eine Augenbraue hoch. »Wie soll man denn auch auf einem Weinberg tödlich verunglücken?«

»Als ich ein Kind war, sind wir manches Mal im Winter mit dem Schlitten durch die Rebreihen hindurchgefahren. Aber nicht auf richtigen Schlitten, sondern auf Backblechen. Die hatte ein Kumpel von uns aus der Restaurantküche seines Vaters geklaut. Einer von uns ist dabei voll gegen einen Pfosten geknallt. Er hatte ein Schleudertrauma und musste wochenlang mit so einem komischen Kragen rumlaufen.«

Berner legte seinen Löffel in den Teller. »Zum Glück haben wir uns in deiner Jugendzeit noch nicht gekannt. Wer weiß, ob ich eure blödsinnigen Spiele überlebt hätte. Aber nein, über die Todesursache weiß ich noch nichts.«

»Drogen? Selbstmord?«

»Ich hab wirklich keine Ahnung. Aber sobald ich was weiß, wirst du es erfahren.«

»Und was gibt es sonst Neues in unserer kleinen Stadt? Du sitzt doch an der Quelle.«

Berner zog wieder eine Augenbraue hoch. Er übte das seit Wochen. Leider gelang es ihm nur rechts. »Sie haben Knochen gefunden.«

Konrad horchte auf. »Wo denn?«

»Auf dem Neuen Friedhof.«

Konrad verschluckte sich und hustete. »Was hast du gesagt? Sie haben Knochen auf dem Friedhof gefunden?«

»Ja.«

Der Winzer lachte schallend. »Na, das ist ja mal eine ganz ungewöhnliche Nachricht. Knochen auf einem Friedhof. Ist das in der Vergangenheit schon mal vorgekommen?«

»Conny, du lachst mal wieder zu früh.«

»Wie lautet deine Schlagzeile? ›Wie kamen die Knochen ins Grab?‹«

Berner fixierte ihn. »Dir wird das Lachen gleich vergehen. Diese Knochen sind nämlich mit dir verwandt.«

»Meine Eltern sind dort begraben, ebenso meine Großeltern. Wurden sie exhumiert? Habe ich irgendwelche Gebühren nicht bezahlt?«

Berner schob seinen leeren Teller von sich und nahm einen tiefen Schluck aus dem Glas. »Der Riesling ist doch nicht von dir, oder?«

Konrad schüttelte den Kopf. »Nein. Der ist von Leonhard. Mein Riesling vom Hungerberg ist zehnmal besser.«

»Was hast du eigentlich immer mit diesem Leonhard? Andere Winzer im Remstal konkurrieren auch und kommen trotzdem miteinander aus.«

»Leonhard macht mich überall schlecht. Er behauptet, ich würde im Keller unsauber arbeiten. Meine Weine enthielten flüchtige Säuren, sie würden nach Essig schmecken, sie seien nicht lange haltbar. Alles erstunken und erlogen. In Wahrheit ist er nur neidisch und vor allem ist er scharf auf meine Spitzenlagen am Grafenberg, am Remshaldener Lichtenberg und am Winterbacher Hungerberg. Am liebsten würde er mich aufkaufen. Das Geld hätte er ja. Eines Tages haue ich ihm eins in die Fresse.« Konrad legte seine kräftigen Hände auf den Tisch. Im Lauf der Jahre waren es Werkzeuge geworden, Multifunktionswerkzeuge, an denen die Arbeit in den Reben ihre Spuren hinterlassen hatte. Das Hantieren mit schweren Maschinen. Die ständigen Reparaturen an viel zu altem Arbeitsgerät. »Was ist jetzt mit deinen Knochen?«, fragte er schließlich.

»Warum heißt das eigentlich Hungerberg?«

»Den toten Mann haben wir nicht am Hungerberg gefunden, sondern am Schorndorfer Grafenberg. Dort stehen bei mir Lemberger und Merlot. Auf dem Hungerberg in Winterbach wächst mein Riesling. Dort waren die Böden immer sehr schwer, mit Hacke und Spaten mühsam zu bearbeiten. Ein Weinberg zum Verhungern sozusagen. Aber ich habe jede Menge Verwitterungsgestein eingebracht, Gipskeuper, das macht den Boden durchlässiger und die Weine schlanker. Mineralischer. Aber womöglich kommt der Name auch von ›Hungary‹. Vielleicht haben sich mal ungarische Auswanderer in Winterbach niedergelassen und den kargen Boden bestellt, den sonst niemand haben wollte. Ich kenne jemanden, der mit Nachnamen Hunger heißt und dessen Familie ursprünglich aus Ungarn kommt. Also, was ist jetzt mit den Knochen?«

»Sie sind entdeckt worden, als man ein altes Grab aushob. Sie lagen direkt unter dem Sarg. Da fanden sie einen ganzen Haufen davon. Das Grab ist noch aus der Gründerzeit des Friedhofs. Also um 1930 oder später.«

»Und wer lag in dem Sarg?«

»Irgendeiner, bei dem die Liegezeit nicht verlängert wurde. Deshalb wird das Grab neu vergeben. Jedenfalls hat die Polizei bei den Knochen unter dem Sarg eine DNA-Analyse durchgeführt. Cold Cases, du weißt schon. Da gibt es jetzt eigene Abteilungen bei der Kripo, die mit modernen Genanalysen alte Fälle neu aufrollen. Ja, und bei einigen der Knochen legt die Analyse eine gewisse Verwandtschaft zu dir nahe, mein Lieber. Die Daten zu deiner DNA sind wohl bei irgendeinem Datenleck weitergegeben worden. Vielleicht nach der Knochenmarkspende. Frag mich nicht.«

»Ich dachte, diese Daten sind streng geschützt?«

»Das glaubst auch nur du! Wer will, kommt an alle Daten ran. Frag mal meinen Sohn, der hackt sich durch die ganze Menschheitsgeschichte. Jedenfalls sind die Gebeine zu 99 Prozent mit dir verwandt. Übrigens muss es nach der Form der Hüftknochen ein Mann gewesen sein.«

»Woher weißt du das alles?«

»Ich habe einen Informanten bei der Pressestelle der Staatsanwaltschaft. Dabei kommt immer mal wieder eine gute Story für mich raus. Auf jeden Fall bin ich so schneller als die Konkurrenz.«

Konrad überlegte kurz. »Und was bedeutet das jetzt für mich?«

Berner zuckte die Achseln. »Die Knochen sind jedenfalls über 70 Jahre alt. Der Mann ist vermutlich Ende des Krieges gestorben oder in der Nachkriegszeit. Vielleicht ist er verhungert. Oder er war beim letzten Aufgebot dabei, dem Volkssturm. Oder die Nazis haben ihn totgeschlagen und verscharrt, weil er nicht mehr vom Endsieg geträumt hat. Was soll man da noch ermitteln? Ich nehme an, das Skelett liegt jetzt so lange in der Asservatenkammer, bis sich ein Verwandter findet, der die Kosten für eine würdige Bestattung übernimmt.« Dabei sah er Konrad an.

»Bevor ich jemanden würdig auf meine Kosten begrabe, würde ich gerne wissen, wer er überhaupt war.«

»Dann schlag ich vor, du schaust mal in deine Familienunterlagen, lieber Freund.« Der Redakteur grinste. Papierkram war Conny bekanntlich ein Graus. »Ich muss mich jetzt an den Bericht machen. Kriege ich von dir als nächstem Verwandten noch einen O-Ton?«

»Du kannst mich mal!«

»Gut, dann schreibe ich das so!«

Sie zwinkerten sich zu, tranken aus und zückten ihre Geldbeutel. Die Bedienung kam an den Tisch: schwarze Bluse, kurzer schwarzer Rock, bequeme Schuhe. Sie studierte den Bestellzettel und kassierte ab.

»Was muss man tun, um bei euch einen guten Riesling zu bekommen?«, fragte Konrad. »Dieses Zeug hier war ungenießbar.«

»Ganz einfach. Bringen Sie eine Flasche von Ihrem eigenen Riesling mit. Taugt er was, lässt sich der Chef bestimmt überzeugen.«

Sie traten vor die Tür. Konrad sah Berner nach, der die Redaktion am Oberen Marktplatz ansteuerte. Sein Freund war pummelig geworden im letzten Jahr. Kein Wunder, wenn er jeden Mittag und jeden Abend zum Essen ins Restaurant ging. Auch achtete der Lokalredakteur immer weniger auf sein Äußeres: Am Scheitel zeigte sich zwischen den schwarz gefärbten Haaren ein rotgrauer Streifen. Und die ausgebeulten Jeans gehörten besser in die Mülltonne als an einen Mann, der beruflich in der Öffentlichkeit stand.

Auch Konrad hatte nicht weit zu gehen. Im Schaufenster eines Blumengeschäfts am Unteren Marktplatz betrachtete er sein Spiegelbild. Nicht nur Berner, auch er selbst hatte zugelegt. Und es waren nicht nur Muskeln von der Arbeit im Weinberg, wie er Hanne gegenüber immer behauptete. Aber immerhin waren seine braunen Haare auch mit Mitte 40 noch dicht. Er löste sich von seinem Anblick und trottete langsam über das feucht glänzende Kopfsteinpflaster der Höllgasse zu seinem Weingut. Dabei überlegte er, wo die Unterlagen über seine Familie sein könnten. Wer war dieser Knochenmann?

3.

Wie jeden Morgen studierte Konrad beim Frühstück die Schorndorfer Zeitung. Berner hatte dem Toten aus dem Weinberg den Aufmacher gewidmet. Seine Identität war inzwischen bekannt, die Eltern hatten ihn als vermisst gemeldet. Es handelte sich um einen gewissen Sascha von Kerf, 19 Jahre alt und aus Schorndorf. Konrad wusste, dass dem Vater, Siegfried Graf von Kerf, eine Fabrik für Automatisierungslösungen gehörte. Davon gab es einige im Remstal. Außer ein paar Quetschungen an den Handgelenken wies der Tote laut Bericht keine äußeren Verletzungen auf. Dafür fand sich im Blut eine hohe Dosis Alkohol.

Eine ganze Seite hatte Berner auch dem Skelett auf dem Friedhof eingeräumt. Illustriert durch ein vierspaltiges Foto von einem wirren Haufen Knochen auf dunkler Erde. Auf Konrads Namen als möglichem Nachfahren des Toten hatte der Redakteur zum Glück verzichtet. Auch bei weiteren Gräbern in diesem Teil des Friedhofes sei die Ruhezeit abgelaufen, schrieb er, sie würden in den kommenden Wochen aufgelöst. Die Friedhofsverwaltung hoffe, nicht auf weitere Gebeine fragwürdiger Herkunft zu stoßen.

Es folgte ein Infokasten mit der städtischen Friedhofsordnung. Danach betrug die Ruhezeit bei Erdgräbern 20 Jahre und konnte dann verlängert werden. Dass man bei einer Grabauflösung die nicht verwesten Knochen einfach etwas tiefer verbuddelt hatte, sei früher nichts Ungewöhnliches gewesen. Was hätte man auch sonst mit ihnen machen sollen? Ein Beinhaus gab es in Schorndorf nicht.

Konrad rechnete nach: Sein Vater Richard Konrad war 2007 gestorben, seine Mutter Ella 2017. Konrad hatte damals für die übliche Ruhezeit bezahlt, ebenso wie für den Grabstein. Seitdem war er nicht mehr auf dem Neuen Friedhof gewesen. Er fühlte sich nicht wohl zwischen auf Hochglanz polierten Steinblöcken, faulenden Blumensträußen, charakterlosen Bodendeckern und den allgegenwärtigen Hinweisen auf einen tröstenden Gott. Auch hatte er nicht das Gefühl, seinen Eltern an diesem Ort näher zu sein. Das war viel eher der Fall bei der Arbeit im Weinberg oder im Keller. Dort fiel ihm oft eine der gereimten Lebensweisheiten seiner Mutter ein: »Glück und Glas, wie leicht bricht das.« Oder das verschmitzte Gesicht seines Vaters, wenn er Goethe zitierte: »Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken!« Konrad grinste in sich hinein. Sein Vater war nicht gerade ein humorvoller Mensch gewesen. Erst nach ein paar Gläsern Wein löste sich etwas von der Kruste, mit der er seine Seele überzogen hatte.

Auch seine Großeltern mussten auf dem Neuen Friedhof begraben sein. Großvater Georg war 1946 gestorben, seine Frau Maria 1962. Demnach war die Ruhezeit längst abgelaufen. Aber eine Rechnung über die Auflösung des Grabes hatte er nie erhalten. Musste man dafür überhaupt zahlen? Um die Grabpflege hatte er sich nie gekümmert.

Konrad legte die Zeitung beiseite. Seine Familienunterlagen konnten nur in dem alten Eichenholzschreibtisch liegen, der seit Generationen vor dem Fenster im Büro stand und nie ausgemistet worden war. Berge von vergilbten Rechnungen warteten dort auf ihre Vernichtung, dazwischen Fotos von Leuten, die er nicht kannte, und Zeitungsausschnitte zum Thema Weinbau und Ortsgeschichte. Unentschlossen wühlte er in den Papieren. Unter einem Stapel alter Laborberichte stieß er eher zufällig auf ein Familienbuch. Der verblichene hellbraune Leineneinband war am Schnitt mit zwei Bändeln verknüpft. Beinahe ehrfürchtig löste er den Verschluss, der unter seinen Fingern zu zerbröseln drohte. Die Seiten waren steif und stockfleckig. Nur mühsam konnte er die sorgfältig geschwungenen Schriftzüge entziffern. Das Buch war 1906 ausgestellt worden, offenbar auf Grund der Eheschließung seiner Großeltern. Eigentlich hätte er in dieses Buch auch seine Heirat mit Hanne eintragen können, überlegte Konrad, und die Geburt ihrer Tochter Clara vor einem halben Jahr. Sollte er das nachholen? Aber wozu?

Er sah auf die Uhr: Noch war Zeit für einen Besuch auf dem Friedhof. Sein hellgrauer 2CV stand im Hof, er hatte es mal wieder nur mit Mühe durch die Hauptuntersuchung geschafft. Er lenkte ihn durch die Innenstadt Richtung Konnenberg. Keuchend kämpfte sich der schwache Motor die steile Hungerbühlstraße hoch. Er parkte vor der Friedhofsmauer und tappte planlos über das weitläufige Gelände. Seine Erinnerung an die Lage der Gräber schien nicht mit der Wirklichkeit übereinzustimmen. Schließlich rief er übers Handy den digitalen Friedhofsplan auf und gab den Namen Konrad ein. Sieben Treffer wurden angezeigt, aber die meisten hießen natürlich Konrad mit Vornamen. Das Grab seiner Großeltern war nicht verzeichnet. Seine Eltern lagen nicht weit von der Aussegnungshalle entfernt. Er studierte die Namen auf den Grabsteinen und wurde endlich fündig. Ein schlichter Findling mit einer Bronzeplatte: »Richard Georg Konrad, 1917 bis 2007«, darunter »Ella Emilia Konrad, 1948 bis 2017«. Verbunden durch das Relief einer Weintraube. Unkraut überwucherte das Grab, in einer Kupfervase standen hohe Zweige voll schwarzer Beeren: Liguster. Von wem konnten die denn sein? Er hatte doch keine lebenden Verwandten. Und warum ausgerechnet Liguster? War der nicht giftig?

Unschlüssig stand Konrad eine Weile vor dem Grab. Er dachte an seinen Vater. Der war schon 58 Jahre alt gewesen, als Konrad geboren wurde. Als Kind war es für ihn immer seltsam gewesen, einen so alten Vater zu haben. Wenn der Papa ihn – was selten vorkam – vom Kindergarten abholte, hatten ihn alle für seinen Großvater gehalten. Er konnte sich auch nicht daran erinnern, dass sein Vater jemals mit ihm gespielt hatte. »Ora et labora« war das Motto seines Lebens gewesen. Bete und arbeite. Eine gemeinsame Gesprächsebene hatten sie nie gefunden. Auch über frühere Zeiten, Bekannte oder Verwandte hatten sie nie gesprochen. Seine Mutter Ella wusste natürlich auch nichts, weil sie Richard erst 1968 geheiratet hatte. Andere Kinder hatten Geschwister, hatten Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins. Konrad hatte keine Verwandten gekannt. Selbst die Großeltern waren lange vor seiner Geburt gestorben. Das Leben seiner Familie lag im Dunkeln.

Wegen seines verkürzten linken Beins hatte sein Vater nicht in den Krieg gemusst, aber an seinem verkniffenen Gesicht hatte sich abgezeichnet, dass er bei der Arbeit in den steilen Weinbergen Schmerzen gehabt hatte. Trotzdem war er 90 Jahre alt geworden. Hatte Konrad ihn jemals lachen sehen? Dieser schweigsame Mann hatte jeden Sonntag ein steifes weißes Hemd, eine schwarze Krawatte und seinen einzigen dunklen Anzug angezogen und war in den Gottesdienst irgendeiner der vielen Remstalsekten marschiert. An seine Mutter Ella hatte er freundlichere Erinnerungen, sie war ja auch erst vor fünf Jahren gestorben. Mit 69, eigentlich auch kein Alter für eine Frau. Sie war die zweite Frau seines Vaters gewesen. Die erste, Margret, hatte schon mit 29 Jahren das Zeitliche gesegnet. Eine Sepsis. Mit der Rebschere hatte sie sich in den Zeigefinger geschnitten. Ärzte verabscheute sie. Als ihr Mann sie dann doch ins Krankenhaus brachte, war es zu spät, nach wenigen Tagen war sie tot gewesen. Gedankenverloren stiefelte Konrad über die Kieswege zu seinem Wagen. Wer hatte giftigen Liguster auf das Grab seiner Eltern gestellt?

4.

Auf dem Hof von Konrads Weingut warteten schon ein paar Stammkunden. Er öffnete die unverschlossene Haustür mit den profilierten, etwas altmodischen Glaseinfassungen und ließ die Kunden ins Probierstüble. Beraten, ausschenken, verkosten, verkaufen: Diese Aufgaben hatte Hanne sehr selbstbewusst übernommen, schon bevor sie vergangenes Jahr geheiratet hatten. Aber heute war sie mit Packen beschäftigt, morgen würde sie mit der Kleinen in die Berge fahren. Im Südschwarzwald hatte es schon geschneit. Schnee und Sonne und Urlaub. Spaziergänge auf geräumten Wegen. Eisschießen. Tanz im Kurhaus. Auch Anni würde sie mitnehmen. Er beneidete sie ein wenig. Aber einer musste hierbleiben und Geld verdienen. Das Vorweihnachtsgeschäft brachte einen bedeutenden Teil der Einnahmen. Außerdem waren noch nicht alle Weine im Keller durchgegoren.

Er bediente seine Kunden und fuhr die Gebinde mit den Weinflaschen auf dem Sackkarren vor die Tür. Auf dem dunkelblauen Grund der Kartons prangte das Logo seines Weingutes: zwei weiße, gekreuzte Häben, gebogene Rebmesser, wie sie im Mittelalter verwendet worden waren. Aus den Augenwinkeln bemerkte er eine sehr schlanke Frau mit kurzen schwarzen Haaren. Sie musterte die Vi­trinen und verglich die Flaschen mit der Preisliste. Nachdem er den letzten Stammkunden versorgt hatte und dieser gegangen war, wandte Konrad sich der Frau zu. Sie mochte in seinem Alter sein, und ihr nicht ganz ebenmäßiges, aber interessantes Gesicht gefiel ihm auf Anhieb. Ihr distanzierter Blick verlangte allerdings Zurückhaltung.

»Willkommen beim Weingut Konrad. Möchten Sie etwas Bestimmtes probieren?«, fragte er deshalb sehr förmlich.

»Welches sind denn Ihre besseren Weine?«

»Alle meine Weine sind gut«, sagte Konrad leicht verärgert. »Aber nicht jeder Wein schmeckt jedem Menschen. Außerdem kommt es darauf an, ob Sie einen Wein zu einem bestimmten Gericht genießen wollen oder einfach einen süffigen Trinkwein suchen. Ob Sie trockene, halbtrockene oder liebliche Weine bevorzugen. Und oft schmeckt sogar derselbe Wein morgens anders als mittags oder abends.«

»Das brauchen Sie mir nicht zu erklären. Ich habe Oenologie studiert. In Geisenheim!« Sie sah ihn scharf an, als wäre das ein besonderes Verdienst. »Sie werden aber doch wohl Weine haben, die von Michelin, Gault Millau, Falstaff oder wenigstens von Eichelmann prämiert wurden.«

Konrad versteifte sich. Was war denn das für eine blöde Zicke? »Wir beteiligen uns nur sehr selten an den Wettbewerben der diversen Magazine. Unsere Kunden verstehen genug von Wein, um selbst entscheiden zu können, was ihnen schmeckt.«

»Dann verfügen Sie also über keinerlei Referenzen?« Der Mund der Dame hatte sich spöttisch gekräuselt. Ihre blassrosa geschminkten Lippen schlugen kleine Fältchen. Fast bösartig sah sie jetzt aus. »Haben Sie wenigstens attraktive Lagen?«

»Wir haben Spitzenlagen. Wenn Sie keinen Wein probieren wollen, darf ich Sie jetzt bitten zu gehen? Ich habe noch zu tun.« Konrad wies mit der Hand zur Tür. Diplomatie gehörte nicht gerade zu seinen Tugenden.

Die Frau verzog das Gesicht. Dann ruderte sie zurück: »Schon gut, ich wollte Sie nicht beleidigen. Ich habe mich nur gewundert, weil doch jeder heute seine Wände mit irgendwelchen Auszeichnungen tapeziert. Und wenn es nur DLG-Prämierungen sind, die einem ja förmlich nachgeschmissen werden. Ich orientiere mich einfach mal am Preis.« Sie sah auf die Liste. »Ihre teuersten Weine sind diese beiden Cuvées, Kunz und Schwartzhans. Eigenartige Namen für Weine.«

»Kunz und Schwartzhans waren sogenannte Rädelsführer des Bauernaufstandes Armer Konrad von 1514. Ich ehre diese mutigen Männer mit meinen Weinen. Sie wurden hier in Schorndorf mit Brandeisen gefoltert und anschließend geköpft. Auch einer meiner eigenen Vorfahren war darunter. Seinen Kopf hatten sie zur Abschreckung am Unteren Tor bis zur Verwesung aufgespießt.«

Sie nickte. »So genau wollte ich es gar nicht wissen. Kann ich die Weine probieren?« Sie sah ihn auffordernd an.

Konrad riss sich zusammen. Die Kundin ist die Königin, beruhigte er sich. Er holte den Kunz, eine Cuvée aus Riesling und Sauvignon Blanc in der Schlegelflasche, aus dem Kühlschrank und aus der Vitrine die schlanke Flasche Schwartzhans, in der er neuerdings Lemberger und zu einem geringen Teil die pilzresistente Sorte Satin Noir miteinander vereinte. Er drehte die Long Caps auf, stellte zwei Gläser auf den Tisch und wollte schon einschenken, als die Frau ihn unterbrach.

»Verwenden Sie keine Korken? Bei hochwertigen Weinen ist das doch üblich!«

»Wir hatten in letzter Zeit Probleme mit der Qualität. Seit die Korkeichen stark gedüngt werden, um den Weltbedarf zu decken, ist das Rindengewebe zu locker. Kohlenwasserstoffe dringen in den Kork und sorgen für einen muffigen Geruch und Geschmack. Außerdem wollen die Verbraucher sowieso lieber Drehverschlüsse. Dann können sie eine angefangene Flasche besser wieder in den Kühlschrank stellen.«

»Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, aber ich finde, Weine sollten entweder auf dem Weinberg, wo sie wachsen, verkostet werden oder im Keller, wo sie ausgebaut werden.«

Konrad war kurz sprachlos. So dreist hatte noch niemand mit ihm gesprochen. Er hob den Blick und sah in ihre dunklen, mit Kajal umrandeten Augen.

»Leider ist es mir zeitlich nicht möglich, mit jedem meiner Kunden in die Weinberge zu fahren«, sagte er schmallippig. »Sie dürfen diese Weine aber gerne im Keller probieren, wenn das für Sie so wichtig ist.« Er wies auf die Kellertür und ging voraus, die beiden Flaschen samt Gläsern in den Händen. Die Dame folgte.

In dem Kreuzgewölbe aus rotbraunem Backstein blieb Konrad stehen. Er goss vom Kunz nicht mehr als einen Schluck ins Glas. Dafür, dass sie studierte Oenologin war, verkostete die Dame den Wein ziemlich lieblos: Weder hielt sie ihn gegen das Licht, um seine Reinheit zu prüfen, noch schwenkte sie das Glas, um die Aromen sich entfalten zu lassen, noch ließ sie den Wein über die Zunge rollen. Stattdessen kippte sie ihn gleichgültig in den Rachen und stolzierte neugierig wie eine Immobilienmaklerin in den verschiedenen Kellerräumen umher. Vor dem Rundbogen über dem Durchgang zu den Edelstahltanks blieb sie stehen. »G. F. K. 1888«, war in den hellen Schlussstein gemeißelt. Sie zeigte darauf.

»Was bedeutet das?«

Konrad hatte sich wieder etwas beruhigt. Aber er sann darüber nach, was diese Frau eigentlich hier wollte. War ihr Interesse am Wein nur ein Vorwand? Aber wofür? Er goss etwas Schwartzhans in das bauchige Rotweinglas und reichte es ihr. »Das sind die Initialen meines Urgroßvaters Georg Friedrich Konrad. Wein wird in unserer Familie schon seit über 500 Jahren angebaut. Damals hatten die meisten im Remstal kleine Höfe mit ein paar Rindern und Schweinen, Äckern und Rebland. Erst 1888 hat mein Uropa dann ein richtiges Weingut aufgezogen. Damals hatte die aus Amerika eingeschleppte Reblaus gerade 80 Prozent aller Reben vernichtet. Rebland war günstig zu haben. Mein Urgroßvater griff zu und war einer der Ersten, der Reiser von unseren alten Edelreben auf resistente amerikanische Unterlagen pfropfte.«

»Dann sind Sie also sein Nachfolger in direkter Linie?« Wieder leerte sie ihr Glas mit einem schnellen Schluck und sah ihm fordernd in die Augen.

»Wer sonst? Schmeckt Ihnen der Wein?«

»Ja, wer sonst als Sie? Danke für den Wein. Sie werden von mir hören.«

Mit diesen Worten reichte sie ihm ihr leeres Glas und schritt zügig die steile Treppe mit den ausgetretenen Sandsteinstufen empor. Konrad folgte ihr verdutzt. Ihr Rock war zu kurz für Dezember und zu kurz für die steile Kellertreppe. Er gab viel zu viel von ihren langen bestrumpften Beinen preis. Oben angelangt, war sie mit wenigen Schritten am Ausgang. Dann wandte sie sich noch einmal um.

»Nach allem, was ich höre, sind Sie als Winzer nicht besonders erfolgreich, Herr Konrad. Warum verkaufen Sie Ihr Weingut nicht einfach und setzen sich zur Ruhe?«

Hanne kam die Treppe von der Wohnung herunter. »Weiß du zufällig, wo meine Winterstiefel sind, Conny? Ich kann sie nirgends finden.«

Flüchtig musterten sich die beiden Frauen. Dann schlug die Tür zu.

»Wer war denn das?«, fragte Hanne.

Konrad zuckte die Achseln. »Eine Neugierige. Und ziemlich unhöflich. Ich weiß gar nicht, warum ich ihr so viel erzählt habe. Die werden wir mit Sicherheit nie wiedersehen. Schau mal in den großen Bauernschrank im Flur. Ich glaube, dort habe ich deine Stiefel gesehen. Ganz unten, wo auch die Sandalen sind.«

Hanne ging wieder nach oben. Das Telefon klingelte. Berner war dran.

»Bitte schau doch mal in deinen Unterlagen, Conny. Ich würde gerne einen weiteren Artikel mit mehr Details über das Skelett ins Blatt heben. Das ist im Grunde eine tolle Story. Du hast doch bestimmt einen Stammbaum von deiner Familie oder wenigstens einen Ariernachweis deiner Eltern aus dem letzten Krieg. Dann könnten wir rausfinden, wer für die Knochen auf dem Friedhof infrage kommt.«

Konrad versprach, später nachzuschauen. Große Lust hatte er nicht. In Gedanken war er noch immer bei der seltsamen Dame. Oder bei ihren langen Beinen in den schwarzseidenen Nahtstrümpfen.

5.

Am späten Vormittag des nächsten Tages verabschiedete Konrad seine Frau und die beiden Mädchen. Die Woche Urlaub hatte Hanne bei einem Preisausschreiben gewonnen. Obwohl sie sich nicht entsinnen konnte, je an einem teilgenommen zu haben. Aber so etwas sollte es ja geben. Jedenfalls hatte das Hotel Silberdistel in Hinterzarten einen guten Ruf. Konrad hatte sich die Zimmer im Internet angeschaut, die breiten Balkone, den gemütlichen Frühstücksraum. Und Hanne freute sich auf die freien Tage in guter Luft. Anni würde sie im Adler abliefern. Die Mutter von Annis bester Freundin Vreneli hatte die Mädchen in dieses Luxushotel eingeladen. Für Konrads mageren Geldbeutel war das Hotel nichts, aber es stand auf seiner Kundenliste. Einen einzigen seiner Weine hatten sie dort auf der Karte. Immerhin.

Als Hanne in ihren grünen 2CV stieg – wie Konrad liebte sie dieses Modell –, bewunderte er wieder einmal ihre schlanke, sportliche Figur und die glänzenden braunen Haare, die sie zu einem winzigen Pferdeschwanz gebunden hatte. Die kleine Clara lag in ihrer Babyschale auf dem Rücksitz, Anni neben ihr kitzelte das Kind am Hals. Beide lachten. Er gab Hanne durchs geöffnete Fenster einen langen Kuss. »Fahr vorsichtig«, mahnte er. »Im Hochschwarzwald wird es schon glatt sein.«

»Keine Angst, ich habe ja Winterreifen. Und der 2CV hat Vorderradantrieb. Der pflügt sich durch jede Schneewehe. Ich rufe dich an, wenn wir im Hotel sind!«

Er blickte dem Wagen nach, der langsam durch die gewundene Höllgasse zuckelte. Dann stieg er in den Keller, prüfte die Hefe der gärenden Weine und entnahm einige Proben für das Weinlabor. Keiner seiner Weine roch auch nur entfernt nach flüchtigen Säuren, keiner hatte einen Essigstich oder einen anderen Fehlton. Er ärgerte sich über Leonhard, wusste aber nicht, was er gegen dessen üble Behauptungen unternehmen konnte. Ein Gerücht wird immer stärker, je mehr man es bekämpft. Er sah auf die Uhr: Zeit zum Mittagessen.

Mit schnellen Schritten durchquerte er die Höllgasse, passierte das schmale Fachwerkgebäude, in dem einst Gottlieb Daimler, der große Visionär und Erfinder des Automobils, als Bäckersohn zur Welt gekommen war. Heute beherbergte das Haus ein Museum. Im Keller gab es angeblich eine beachtliche Weinkollektion, zu der aber nur der Vorstand der Mercedes-Benz-Group Zugang hatte. Vermutlich internationale Spitzenweine ab 250 Euro aufwärts. Bei ihm jedenfalls hatten sie noch keine Flasche gekauft. Obwohl der alte Daimler Remstalweine geliebt hatte. Als er bei Deutz arbeitete, hatte er sie sich sogar nach Köln nachschicken lassen, weil ihm die Moselweine zu süß waren.

Konrad überquerte den Unteren Marktplatz und warf einen kurzen Blick auf das Mosaik an der Rathausrückwand: Es stellte die Schorndorfer Weiber dar, die vor ein paar Hundert Jahren mit Mistgabeln, Sicheln und Hellebarden die Übergabe der Stadt an den grausamen französischen General Mélac verhindert hatten. Die Mosaiksteine waren fleckig, die dramatische Szene nur schwer zu erkennen. Er hatte das Mosaik nie gemocht. Über den Marktplatz gelangte er in die Spatzengasse, so liebevoll gekrümmt wie ein Butterhörnchen.

Der Gastraum des »Flädle« bot Platz für nur drei große und einen kleineren Tisch in der Ecke. Holzverkleidete Wände, weiß eingedeckte Tische, weiße Vorhänge, Pendellampen im Tiffany-Stil, die aktuellen Speisen auf einer Schiefertafel. Dazu bleigefasste Scheiben und ein Boden aus dunkel verfärbten, uralten Landhausdielen: schwäbische Gemütlichkeit. Im Sommer konnte man sein Viertele auf der Gartenterrasse genießen und Leute beobachten. Berner saß schon wie üblich am Ecktisch, einen Teller Saure Kutteln und Bratkartoffeln vor sich. Er blickte nicht auf, aber Konrad wusste, dass er ihn bemerkt hatte. Berner entging nichts. Er war ein aufmerksamer Beobachter, weshalb kein Gast das Lokal betrat, ohne dass der Redakteur nicht etwas über die Skandälchen in dessen Lebensgeschichte gewusst hätte. Konrad setzte sich zu ihm an die Fensterseite.

Schon war die Bedienung da: »Wir haben als Tagesessen Saure Kutteln in Trollingersößle, Herr Konrad. Dazu passt prima ein Viertele von unserem guten roten Fasswein vom Weingut Leonhard!«, flötete sie. Wie auf Kommando ärgerte sich Konrad.

»Ich hätte lieber eine Flasche Lemberger von einem anständigen Weingut.«

»Sie meinen einen Blaufränkischen?«

»Das heißt bei uns seit hundert Jahren Lemberger. Bringen Sie mir einen vom Weingut Markus Heid in Fellbach.«

»Jahrgang 2020?«

»Haben Sie denn noch andere Jahrgänge?«

»Wir haben alle Jahrgänge.«

»Dann einen Heid von 1699. Aber bitte kellerkalt!«

»Damals gab es noch gar keinen Lemberger!«

»Aber das Weingut Heid!«

Die Bedienung verzog das Gesicht und trollte sich.

Berner sah auf: »Bist du ganz sicher, dass du dich nicht irgendwie albern benimmst? Es muss doch nicht jeder deinen Wein auf der Karte haben, bloß weil du aus Schorndorf bist.«

»Davon verstehst du nichts. Du bist Angestellter und wirst nach Tarif bezahlt. Ich bin selbstständig und muss meine Brühe verkaufen. Ich komme nur wegen dir hierher. Sonst besuche ich lieber meine eigenen Kunden.«

»Hast du denn noch welche?« Ein Blick in Konrads Augen ließ den Redakteur sofort einlenken. Versöhnlich sagte er: »Ich habe Neuigkeiten. Sie kennen jetzt die Todesursache von dem jungen Mann, den du in deinem Weinberg gefunden hast.«

»Und?«

»Mein Informant bei der Staatsanwaltschaft meint, die Umstände seien etwas rätselhaft. Offenbar war kein normaler Alkohol in seinem Blut, vielmehr ist er an einer Methanolvergiftung gestorben.«

Konrad runzelte die Stirn. »Das kann passieren, wenn man beim Schnapsbrennen den Vorlauf trinkt. Aber da muss man erst mal rankommen. In eine Brennerei kann man nicht einfach so rein- und rausspazieren.«

»Gibt es viele Brennereien hier bei uns?«

»Einige Gaststätten haben noch ein altes Brennrecht, außerdem Winzer und andere landwirtschaftliche Betriebe. Wegen der zahlreichen Streuobstwiesen wird im Remstal viel Obstler gebrannt, vor allem aus Äpfeln, Birnen und Zwetschgen. Oder aus Zibärtle.«

»Zibärtle?« Berner zog die rechte Augenbraue hoch. »Was soll das denn sein?«

»Man merkt wieder, wie wenig Ahnung du hast. Zibärtle sind Wildpflaumen. Der Schnaps ist das Beste vom Besten überhaupt. Ähnlich wie Zwetschgenwasser, aber viel mehr Aromen, ein Hauch von Marzipan und Minze, ein Schluck vom Odem des Lebens.«

»Jetzt wird er auch noch poetisch, der Schnäpsler. Also ich trinke lieber einen anständigen französischen Cognac. Brennst du selbst auch?«

»Was glaubst du, wie mein Tresterbrand entsteht? Ganz abgeneigt bist du solchen einfachen Genüssen gegenüber jedenfalls nicht, wie ich schon öfter feststellen durfte.«

Berner versuchte, die linke Augenbraue hochzuziehen, was aber misslang. »Gibt’s im Wein nicht auch Methanol?«

Konrad winkte ab. »In so geringen Mengen, das kannst du vergessen.«

»Vielleicht irgendeine Mutprobe. Obwohl er dafür schon fast zu alt war. Jedenfalls tragisch. Der Kerl muss vor seinem Tod furchtbare Schmerzen gehabt haben. Muskelkrämpfe und so. Oder jemand hat ihm das Zeug eingeflößt. Das wäre dann Mord. Und warum war er nackt? Wurde er missbraucht? Kennst du ihn eigentlich? Die Eltern sind sehr reich. Sie wohnen im Viehweidweg in einer Villa. Der Vater ist sogar ein echter Graf: Siegfried Graf von Kerf.«

»Der Familie gehört eine recht stattliche Hütte oben auf dem Grafenberg. Also ein gemauertes, kleines Häuschen. Die Kerfs wohnen direkt neben Annis Elternhaus. Anni ist das Mädchen, von dem ich dir schon erzählt habe. Sie hilft mir manches Mal im Weinberg. Jetzt will sie sogar dieses Praktikum zur Berufsorientierung bei mir machen.«

»Scheint ein nettes Mädchen zu sein. Ich hab sie neulich mit deiner Frau auf dem Markt gesehen. Sie wirkten wie Mutter und Tochter.«

»Sie versteht sich mit ihren Eltern nicht. Deshalb ist sie mehr bei uns als zu Hause.« Konrad nahm einen Schluck aus dem Glas und sah Berner an: »Du glaubst doch nicht wirklich an Mord?«

»Warum nicht? Warum sollte in unserer idyllischen Stadt nicht ein Mörder herumlaufen? In unseren herrlichen Weinbergen auf dem schönen Grafenberg? Grafensohn am Grafenberg ermordet!«

»Ist das deine morgige Schlagzeile?«

»Natürlich nicht. Der Mann ist ein wichtiger Anzeigenkunde. Den dürfen wir nicht vergraulen.«

»Wie schön, dass die Presse unabhängig ist!«

»Sie ist genauso unabhängig wie du. Du beschimpfst deine Kunden ja auch erst, wenn sie die Tür von außen zumachen. Unser Verlag ist genau wie dein Weingut eine mittelständische Firma, du Pfeife!«

Nach diesen freundlichen Beleidigungen stießen sie an und tranken nachdenklich ihren Wein. Er stammte von der Fellbacher Lage Goldberg und war nicht gerade billig. Aber wunderbar weich. »Was wirst du jetzt tun?«, fragte Berner.

Konrad seufzte. »Ich habe noch eine kleine Nebenbeschäftigung als Winzer, wie du dich vielleicht erinnerst.«

Sie zahlten. Konrad gab ein großzügiges Trinkgeld. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er zu der Bedienung so unfreundlich gewesen war. Sie konnte schließlich auch nichts für die Weinkarte. Überrascht lächelte sie ihn an.

»Tut mir leid, dass ich vorhin so unfreundlich war«, entschuldigte er sich.

»Es liegt an seinen Genen«, ergänzte Berner. »Er ist Schwabe. Das erklärt alles!«

6.

Im Arbeitszimmer zog Konrad den unbequemen Eichenstuhl mit dem rissigen Lederpolster und der geraden Lehne unter dem Schreibtisch hervor. Seufzend warf er ein paar ungeöffnete Rechnungen auf den Boden und nahm sich das Familienbuch vor. Tatsächlich klemmte zwischen den Seiten etwas. Es war ein eng zusammengefalteter Stammbaum. Vorsichtig faltete er das dünne Papier auseinander. Er setzte die Brille auf, die er seit seinem 40. Geburtstag zum Lesen brauchte. Sie verlieh seinem breiten Gesicht einen leicht intellektuellen Anstrich, was ihm gut gefiel. Die Einträge waren zum Glück nicht in Sütterlin verfasst, sondern in lateinischen Buchstaben. Er bewunderte die saubere Schrift, die fast kalligrafisch schönen Buchstaben. Gab es damals schon Füllfederhalter? Oder schrieben die noch mit Gänsekielen? Kein Vergleich jedenfalls zu seiner eigenen Klaue.

Die Eintragungen begannen mit seinen Urgroßeltern – Georg Friedrich Konrad, dem Gründer des Weingutes, und seiner Frau Emma. Im Wohnzimmer hing ein gerahmtes Foto von ihnen: ein kleiner Mann, der mit seinem Kaiser-­Wilhelm-Bart etwas lächerlich wirkte. Daneben Emma mit schwarzem Kopftuch und einer bis zum Kinn zugeknöpften Bluse. Auf dem üppigen Busen eine emaillierte Brosche. Begraben waren sie auf dem Alten Friedhof. Ein Ort, den Konrad mochte. Mehr Park als Friedhof, hohe, alte Bäume, schiefe, Efeu überwucherte Grabsteine, Mauern aus Naturstein, ein Engel aus Bronze. Ein Ort, der zum Meditieren einlud.

Außerdem gab es laut Stammbaum einen Bruder des Urgroßvaters, Wilhelm, der 1940 in Polen vermisst gemeldet worden war. Auch von ihm hing im Wohnzimmer ein Foto: ein offenes, klares Gesicht, ein Käppi schief auf dem Kopf, graue Uniformlederjacke. Seine Knochen ruhten vermutlich irgendwo in einem Massengrab.