Alte Sünden und Silvaner: Der dritte Fall für Philipp Sturm - Peter Dell - E-Book

Alte Sünden und Silvaner: Der dritte Fall für Philipp Sturm E-Book

Peter Dell

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Beschreibung

In der Idylle lauert ein dunkles Geheimnis: Der fesselnde Pfalzkrimi »Alte Sünden und Silvaner« von Peter Dell jetzt als eBook. Privatdetektiv Philipp Sturm kehrt nach Jahren in seine Heimat zurück. Lange kann er die Ruhe des beschaulichen Landaus nicht genießen: Bei Ausgrabungen wird das Skelett eines Mannes entdeckt, gekleidet in die Überreste einer SS-Uniform – und mit einem Goldring am Finger, der eine hebräische Gravur trägt! Die Schlagzeile geht um die Welt. Eine Amerikanerin ist sicher: Der Ring ist ein Erbstück, das ihrer jüdischen Familie geraubt wurde. Sollte das schon die ganze Wahrheit sein? Sturms Ermittlungen führen ihn bis in das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte zurück. Doch als einer seiner Informanten ermordet wird, zeigt sich, dass die Vergangenheit noch längst nicht ruht, sondern mit langem Arm nach der Gegenwart greift … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Im Regionalkrimi »Alte Sünden und Silvaner« verwebt Peter Dell die Idylle der Pfalz und ein dunkles Geheimnis mit der aufwühlenden deutschen Vergangenheit und den Schrecken des Nationalsozialismus'.

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Seitenzahl: 201

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Über dieses Buch:

Privatdetektiv Philipp Sturm kehrt nach Jahren in seine Heimat zurück. Lange kann er die Ruhe des beschaulichen Landaus nicht genießen: Bei Ausgrabungen wird das Skelett eines Mannes entdeckt, gekleidet in die Überreste einer SS-Uniform – und mit einem Goldring am Finger, der eine hebräische Gravur trägt! Die Schlagzeile geht um die Welt. Eine Amerikanerin ist sicher: Der Ring ist ein Erbstück, das ihrer jüdischen Familie geraubt wurde. Sollte das schon die ganze Wahrheit sein? Sturms Ermittlungen führen ihn bis in das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte zurück. Doch als einer seiner Informanten ermordet wird, zeigt sich, dass die Vergangenheit noch längst nicht ruht, sondern mit langem Arm nach der Gegenwart greift …

Über die Autoren:

Dr. Peter Dell wurde 1963 in Landau in der Pfalz geboren. Um dem nüchternen Alltag eines Geschichts- und Politikwissenschaftlers etwas Emotion entgegenzustellen, wandte er sich 2003 dem Schreiben zu und lebt heute wieder in seinem Heimatort.

Bei dotbooks erscheinen seine Pfalzkrimis Leiche in Spätburgunder und Sturm über der Südpfalz.

Für den Roman Alte Sünden und Silvaner holte der Autor sich Unterstützung von Horst-Dieter Radke, der mit seiner Familie im Taubertal lebt. Er ist Mitglied bei der Schriftstellervereinigung »42erAutoren e.V.« und der Vereinigung deutschsprachiger Krimiautoren SYNDIKAT. Bei dotbooks erschien Horst-Dieter Radkes Roman Normale Verhältnisse.

***

eBook-Lizenzausgabe Februar 2019

Copyright © der Originalausgabe 2017 Verlag Markus Knecht, Landau

Copyright © der Lizenzausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Travel Stock, Industry and Travel

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (aks)

ISBN 978-3-96148-460-7

***

Wenn Ihnen dieser Roman gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weitere Bücher aus unserem Programm. Schicken Sie einfach eine eMail mit dem Stichwort Alte Sünden und Silvaner an: [email protected] (Wir nutzen Ihre an uns übermittelten Daten nur, um Ihre Anfrage beantworten zu können – danach werden sie ohne Auswertung, Weitergabe an Dritte oder zeitliche Verzögerung gelöscht.)

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Peter Dell & Horst-Dieter Radke

Alte Sünden und Silvaner

Kriminalroman

dotbooks.

Inhalt

Vorwort

Sonntag, 28. Januar

Montag, 29. Januar

Dienstag, 30. Januar

Mittwoch, 31. Januar

Donnerstag, 1. Februar

Freitag, 2. Februar

Samstag, 3. Februar

Eine Woche später

Lesetipps

Vorwort

Er hat lange nicht ermittelt, Philipp Sturm, der Landauer Detektiv. Über zehn Jahre ist es her, dass er den Mord an einem Winzer und einen Skandal im Landauer Bauamt aufgeklärt hat und schon seit über zehn Jahren werde ich darauf angesprochen, wann Sturm wieder ermittelt. Nun ist es soweit.

Da ich einem Broterwerb nachgehe, der immer zeitintensiver geworden ist, fehlte mir die Zeit, Sturm wieder auf Verbrecherjagd zu schicken und ermitteln zu lassen. Es gehört jedoch etwas Muse dazu, selbst einen »kleinen« Krimi zu schreiben. Ideen waren vorhanden, doch die Umsetzung war nicht möglich. Was also tun?

Als sich die Landesgartenschau in Landau ankündigte, war der Anlass gegeben, Sturm wieder aktiv werden zu lassen. Gemeinsam mit meinem Verleger Markus Knecht entwickelten wir (2013!) eine Geschichte, die als Grundlage des neuen Krimis dienen sollte. Sie hätte jeden Landesgartenschaubesucher zum Schatzsucher gemacht. Stattdessen war eine wild- und ortsfremde Ermittlerin unterwegs, die beinahe selbst zu Tode kam. Mittlerweile fahndet sie nach blinden Passagieren auf den Kreuzfahrtschiffen dieser Welt...

Wir allerdings begaben uns auf die Suche nach einem passenden »Ghostwriter«, der den Plot ausformulieren sollte. Mit Horst-Dieter Radke fanden wir den richtigen Mann! Leider wurden wir nicht zur Landesgartenschau 2015 fertig – obwohl extra für uns die ganze Sause um ein Jahr verschoben wurde –, denn: Gut Ding will Weile haben! Aber auch das haben wir nun endlich geschafft. In gemeinsamer Zusammenarbeit konnten wir einen echten Sturm-Krimi kreieren.

Wie in den Vorgängerromanen finden sich auch im aktuellen Krimi Personen, die es wirklich geben könnte. Es bleibt jedoch dabei, diejenigen, die ein Pendant in der wirklichen Welt haben könnten, sind ausschließlich »die Guten«, darunter auch einige bekannte Figuren aus den Vorgängerkrimis. »Die Bösen« sind allesamt frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen wäre rein zufällig.

Nun gilt es wieder zu versprechen, dass Sturm nicht zum letzten Mal ermittelt hat. Angelegt ist die sympathische Detektivserie auf vier Krimis, die alle Jahreszeiten abdecken. Die »Leiche« spielte im Frühling, der »Sturm« im Herbst und die»alten Sünden« im Winter, ergo fehlt noch der Sommer.

Seien Sie versichert, dass der Sommer in den nächsten zwei Jahren kommen wird. Jetzt wünsche ich Ihnen viel Spaß bei der Lektüre des vorliegenden Sturm-Krimis!

Für Harald »Harry« Stumpf

Sonntag, 28. Januar

Seit zwei Wochen war ich wieder da, doch bis jetzt hatte ich es noch niemandem meiner Freunde mitgeteilt. Endlich wieder zurück in meiner geliebten Pfalz! Selbst der Winterregen, der an meine Fensterscheiben prasselte konnte meine Laune nicht vermiesen. Dabei hätte es Grund dazu gegeben. Vor zehn Jahren lief alles hervorragend. Ich hatte den Mord an einem reichen Winzer aufgeklärt und einen Bauskandal in Landau aufgedeckt. Die Geschäfte liefen danach so gut, dass ich es mir gönnen konnte, den Winter auf diversen karibischen Inseln zu verbringen, bis ich schließlich den Entschluss fasste, ein paar Jahre auf St. Kitts zu leben. Die Kohle reichte dicke, um einige Zeit unter Palmen auszuspannen.

Da der ständige Müßiggang nicht das Wahre für mich war, dauerte es nicht besonders lang und ich eröffnete eine kleine Strandbar und zockte amerikanische Touristen ab. Sogar ein kleines Importgeschäft für Pfälzer Weine stellte ich auf die Füße und verkaufte unsere Spitzenweine bis hinein in die Regierungskreise einiger benachbarter Inselstaaten. Der Gewinn war mäßig und die Regierungen meist nur kurz an der Macht. Ich jedoch hatte immer einen guten Vorrat meiner Lieblingsweine.

Regelmäßig kamen Freunde zu Besuch, die die günstige Unterkunft schätzten und ab und an verirrte sich auch eine meiner alten Lieben auf meine Insel. Alles in allem nicht das schlechteste Leben. Doch das Geld war endlich und das Heimweh wurde immer größer. Bestimmt wäre es noch einige Zeit dort gutgegangen, doch eine schöne Silvanerschorle schmeckt am besten am Haardtrand mit Blick auf die Weinberge. Ich entschied mich zurückzukehren aus dem karibischen ins verlorene Paradies.

Es hatte sich einiges geändert in der Stadt, seit ich sie verlassen hatte. Im vergangenen Jahr fand die Landesgartenschau unweit von meiner Wohnung statt. Die ehemalige Kaserne »Estienne et Foch« wurde nach der »Blümchenrevue« zu einem modernen Wohnpark umgewandelt. Gehobene Gastronomie, eine schicke Vinothek und unbezahlbare Luxuswohnungen entstanden neben dem ehemaligen sozialen Brennpunkt Landaus. In Zukunft sollen hier rund zweitausend Neubürger wohnen.

Der Zeitung entnahm ich, dass Landau eine sogenannte »Schwarmstadt« sei, die permanent an Bevölkerung zunimmt. Okay – sei es so. Auch politisch war einiges passiert. Nachdem OB Dr. Lämmlein in den Ruhestand gegangen war, wurde mein alter Bekannter Karl-Ludwig Guth sein Nachfolger. Über seinen Wahlkampf wurde sogar in der »Deutschen Welle« auf meiner Insel berichtet, denn sein Gegner war ein schamloser Betrüger, der sich einen Doktortitel und – als das aufflog – eine schwere Krankheit andichtete. Doch auch das war bereits Geschichte. Mittlerweile hieß der neue OB Torsten Reh und war schon über ein Jahr im Amt.

Aber das Schlimmste war der Zustand meines traditionsreichen FCK. Seit Jahren krebste der Verein in der zweiten Bundesliga herum, ohne nur die geringste Chance zum Wiederaufstieg zu haben. Ich habe aus der Ferne nur die Ergebnisse mitbekommen, doch als ich gestern ein Spiel betrachtete, kam mir das große Grausen – mit Fußball hatte das nichts zu tun. Groß war der Verein nur noch bei Intrigen und Grabenkämpfen. Hier war ein Neuanfang notwendig – genau wie bei mir.

Ein paar Kleinigkeiten hatte ich vor meiner Rückkehr nicht bedacht. Das leichte Leben ohne große Kosten auf einer Karibikinsel, entspricht nicht der Realität in Europa. Als ich wieder am schönsten Fleck der Welt angekommen war, musste ich – arbeiten. Ich hatte wieder meine alte Wohnung in der Landauer Südstadt bezogen, in der sich auch mein Büro befand. Draußen hing immer noch das Schild »Philipp Sturm – Private Ermittlungen«. Doch leider kam kein Klient von alleine vorbei. Ich brauchte unbedingt Aufträge.

Nur – woher sollten die kommen? Ich hatte dummerweise meine Detektei verkauft, da ich davon ausging, nie mehr zu ermitteln. Meine Nachfolgerin machte dort weiter, wo ich aufgehört hatte, bediente die potenten Unternehmen im Raum Landau-Mannheim-Speyer, wie ich hörte, und arbeitete sogar noch weiträumiger. Da konnte ich nicht wieder ansetzen, zumal ich im Vertrag zugesagt und durch Unterschrift bestätigt hatte, in diesem Segment für 15 Jahre nicht mehr tätig zu sein. Es sind zwar knapp 10 Jahre seither vergangen, aber die Zeit, die noch bis zum Ablauf dieser Frist vor mir lag, war nur durch eigene Arbeit zu überbrücken. Also wieder Katzen suchen? Ehebruch aufdecken? Verlorengegangene Familienmitglieder finden?

Vorläufig hatte ich lediglich eine Anzeige im »Pfälzer Tageblatt« geschaltet. Ohne erkennbares Ergebnis. Das Telefon läutete genauso wenig wie die Klingel der Haustür. Da musste ich wohl noch ein paarmal kreativ nachdenken. Was mir dabei immer half, wusste ich.

So holte ich mir eine Flasche Silvaner und ein Glas, stellte beides auf den Schreibtisch und … es klingelte.

Für einen Augenblick bewegte ich mich nicht. Es war das zweite Mal, dass in den zwei Wochen, in denen ich in der Wohnung lebte, jemand an meiner Haustür schellte. Das erste Mal war es mein Nachbar, der keinen Zucker im Haus hatte. Und diesmal? Der Postbote? Doch ich erwartete nichts, was es wert gewesen wäre, nicht einfach in den Briefkasten geworfen zu werden. Ich riss mich zusammen und ging zur Tür. Es war zwar unwahrscheinlich, aber falls es doch ein Kunde sein sollte, durfte er nicht zu lange warten.

Vor mir stand eine junge Frau. Meine Größe. Schulterlanges, dunkelbraunes Haar. Jeans, T-Shirt, Jeansjacke und neben ihr ein Rucksack, einer von diesen großen, den die jungen Leute gerne bei längeren und kleineren Reisen nutzen.

»Ja bitte?«

Sie schaute mich prüfend an, erfasste meine ganze Gestalt, sah mir so lange in die Augen, dass mir ganz mulmig wurde und fragte:

»Philipp Sturm?«

»Ja«, sagte ich. »Und sie?«

»Alexandra Peuchert«.

Sie fasste ihren Rucksack und kam in die Wohnung, fragte nicht, ob sie eintreten dürfe, ging einfach an mir vorbei.

»Moment mal …«, rief ich, wusste aber nichts weiter zu sagen und dackelte hinter ihr her. Sie stellte den Rucksack im Flur ab, schaute in die Küche, ins Schlafzimmer, ins Wohnzimmer, das auch mein Büro war, und sah mich dann strafend an.

»Wir haben noch nicht mal Mittag«, sagte sie und verschwand dann im Bad.

Dass ich auf den Mund gefallen bin, kann niemand behaupten. Das Gegenteil ist der Fall. Doch in diesem Augenblick wusste ich nicht, was ich sagen sollte. Ich konnte noch nicht einmal richtig denken. Ein Blick ins Wohnzimmer genügte aber, um zu klären, was sie gemeint hatte. Die Flasche Wein auf dem Schreibtisch stand da ja auch sehr eindrucksvoll neben dem – immerhin – noch leeren Glas. Ich glaube, ich wurde sogar ein bisschen rot, ging hin und stellte beides wieder weg. Dann kramte ich in meinem Gedächtnis, konnte aber nicht feststellen, woher ich die junge Frau kennen konnte. Obwohl … irgendetwas klingelte da. Waren es ihre rehbraunen Augen, die mir gleich als erstes aufgefallen waren? Aber so etwas gab es ja, dass man Ähnlichkeiten bei anderen zu erkennen glaubt, und dann war’s nichts weiter als eine Täuschung an Hand eines Muttermals oder der Nase oder sonst etwas. Augenfarbe zum Beispiel. Egal, wenn es meine erste neue Klientin wäre, würde ich das in Kauf nehmen.

Als sie aus dem Bad auftauchte, deutete ich auf den Stuhl vor meinen Schreibtisch, der für Kunden gedacht war. Sie beachtete mich gar nicht.

»Ich habe Hunger«, sagte sie, drehte sich um und ging in die Küche.

Ich folgte ihr und fand sie vor dem geöffneten Kühlschrank.

»Die Auswahl ist nicht groß«, sagte sie, holte ein Glas Erdbeermarmelade hervor, schnappte sich das übrig gebliebene Brötchen von heute Morgen und suchte die Schublade mit dem Besteck.

»Ganz hinten am Fenster«, sagte ich, weil mir sonst nichts mehr einfiel.

»Danke. Gibt’s auch einen Kaffee?«

Ich schaltete den Kaffeeautomaten von De’Longhi ein, den ich mir für viel zu viel Geld gekauft hatte – sozusagen das teuerste Möbelstück in der Wohnung. Wenige Minuten später stand die dampfende Tasse vor ihr. Gesprochen wurde in dieser Zeit nicht. Sie kaute an dem schon etwas zähen Brötchen, schnüffelte an der Kaffeetasse, trank dann in kleinen Schlucken, schaute aus dem Fenster, sah sich in der Küche um, musterte mich immer wieder, verhielt sich aber ruhig, ja geradezu gelassen, während ich immer unruhiger wurde.

»Vielleicht können Sie ja schon zwischendurch erzählen, wie Ihr Auftrag oder Ihr Problem lautet?«

»Auftrag? Problem?«, fragte sie kauend. »Ich habe kein Problem, Papa!«

Ich hatte mir ein großzügiges Haus oberhalb der Küste gekauft. St. Kitts erschien mir sicherer als alles andere in der Karibik. Da Englisch außerdem Amtssprache ist, kam ich besser zurecht als anderswo, denn meine Spanischkenntnisse sind sehr, sehr rudimentär.

Wenn ich nicht selbst meine kleine Bar geöffnet hatte, begann mein üblicher Tag damit, dass ich zum Strand hinunterging, unterwegs eine Zeitung kaufte, diese in einer Strandbar bei einem der unvergleichlichen Cocktails, die Freddy oder Mary-Lou um diese Zeit schon zusammenmixten, las, um später nach einem Espresso ein wenig zu schwimmen oder zu schnorcheln.

Nach einer ausgiebigen Mittagsruhe unternahm ich meistens am Nachmittag Ausflüge ins Landesinnere, beschäftigte mich damit, mit meinem Fotoapparat den Übergang vom Knipsen zum Fotografieren zu lernen, was mir zunehmend Freude machte, und war am Abend meist so gut gelaunt, um mich in den einschlägigen Etablissements von Basseterre nach Unterhaltung umzusehen. Nach wechselnden Bekanntschaften – meist kürzere, da Touristinnen nie lange blieben, – lernte ich Zora kennen, eine Amerikanerin aus New Orleans, die nach ihrer Scheidung nach St. Kitts kam, um ihrem Ex möglichst nicht mehr zu begegnen. Sie hatte ganz schön abgesahnt. Ihr Mann war Industrieller und hatte unanständig viel Vermögen, so dass ihre »Abfindung«, wie sie sagte, nicht klein ausfiel, ihn aber auch nicht groß schädigte. Doch wie alle, die mehr als genug haben, schäumte er vor Wut darüber, dass er überhaupt etwas abgeben musste.

Mit Zora hatte ich eine gute Zeit. Wir fanden schnell heraus, dass wir prima zusammenpassten, unternahmen viel, erlebten sogar einmal fast so etwas wie ein Abenteuer auf dem höchsten Punkt der Insel, dem ruhenden Vulkan Mount Liamuiga. Aber das ist eine andere Geschich-te. Wir fühlten uns beide unabhängig genug, um nicht zu viel vom anderen zu verlangen und trotzdem so etwas wie ein wenig Verbindlichkeit zu spüren. Bis zu dem Tag, als mein Drang, zurück in die Heimat, unerträglich wurde.

Die Trennung von Zora fiel mir schwerer als gedacht. Auf die Frage, ob sie nicht vielleicht mitkommen möchte, lächelte sie nur, gab mir einen Kuss und wünschte mir alles Gute. Sie kam nicht einmal mit zum Flughafen. Noch im Flugzeug spürte ich den Schmerz und schalt mich einen Narren, dass ich mich zu sehr auf eine Frau eingelassen hatte. Wieder einmal.

»Magst du erzählen, wieso du alleine in dieser merkwürdigen Wohnung lebst und zum Alkoholiker geworden bist?«

Alexandra saß mir in einer Pizzeria gegenüber. Einladen lassen wollte sie sich von mir nicht. Noch nicht, hatte sie gesagt, wir müssten uns erst noch kennenlernen. Der erste Eindruck war ja auch nicht gerade der Beste. Zuerst die Weinflasche auf dem Schreibtisch – am frühen Morgen! wie sie resümierte – und dann meine Reaktion auf ihr »Ich habe keine Probleme, Papa!«. Erst habe ich überhaupt kein Wort herausbekommen, dann habe ich gelacht, um übergangslos wütend zu werden. Schließlich hielt ich ihr entgegen, alles durch einen Vaterschaftstest prüfen lassen zu wollen. Sie saß ganz gelassen da, hörte sich alles an, folgte amüsiert meinen unterschiedlichen Reaktionen, um in dem Augenblick, als ich für einen Moment Luft holen musste, zu sagen:

»1993, Berlin-Kreuzberg, – erinnerst du dich?«

Schlagartig hatte ich es wieder im Bewusstsein. Die Dachgeschoßwohnung in der Eisenbahnstraße, in der Claudia ihre Studentenwohnung hatte.

»Gibt’s doch nicht«, sagte ich. »Claudia hieß doch gar nicht Peuchert.«

»Nicht Claudia.«

»Stimmt, Sonja, nicht wahr?«

»Sonja Haiger. Peuchert ist der Name, den sie seit der Heirat trägt.«

Das war eine heftige Beziehung, nein, die hatte ich nicht vergessen, die hatte ich verdrängt. Sonja wollte mich heiraten, möglichst umgehend. Am liebsten hätte sie mich vom Fleck weg auf das Standesamt geschleppt. Doch obwohl ich ihr zugetan war, wollte ich das nicht. Mir war auch nicht klar, worum es tatsächlich ging. Wir liebten uns in ihrer Wohnung, im Grunewald, im Tierpark, in dunklen Ecken. Überall hatten wir Sex. Jederzeit. Ich kam zu fast nichts anderem mehr. Wollte es auch nicht. Aber es war mir damit unheimlich und so sagte ich »Nein!«.

Als sie mir das nicht abnehmen wollte, immer wieder damit anfing, machte ich mich aus dem Staub, verließ Berlin und studierte in Frankfurt zu Ende. Aus sicherer Entfernung rief ich Sonja an und schlug ihr vor, über das Thema in aller Ruhe zu reden und alles etwas zu verschieben, ganz dagegen wäre ich ja nicht, aber nicht so stante pede. Sie fauchte damals ins Telefon, sie wolle mich nie wiedersehen, ich sei ein Verräter und sie hätte längst einen anderen.

Das tat mir ein bisschen weh, doch mehr noch war ich erleichtert. So schob ich sie schnell beiseite und hätte vermutlich nie mehr daran gedacht, wenn nicht jetzt das leibhaftige Ergebnis dieser Beziehung vor mir gesessen hätte.

»Mama ist krank«, sagte Alexandra. »Paps – also mein Stiefvater – ist seit zwei Jahren tot. Im Glauben, auch sterben zu müssen, hat mir Mama alles gebeichtet. Sie wusste sogar deinen Namen noch und so habe ich dich gefunden.«

»Muss sie sterben?« fragte ich besorgt.

»Für den Augenblick ist keine Gefahr. Ich habe mit den Ärzten gesprochen.« Dann wollte sie nicht mehr reden, hatte Hunger, weil ihr mein letztes Brötchen nicht gereicht hatte. So zogen wir los in die Pizzeria. Doch Alexandra war konsequent. Sie wusste, was sie wollte und ließ sich von anderen nicht so leicht beirren. Eher war es umgekehrt.

»Du hältst mich für einen Alkoholiker?«, fragte ich.

»Und die Weinflasche auf deinem Schreibtisch? Am frühen Morgen?«

»Erstens war es kein früher Morgen, sondern bereits später Vormittag und zweitens hatte ich noch keinen Schluck getrunken.«

»Aber du wolltest.«

»Ja, gerade bevor es klingelte. Ich wollte mir ein Gläschen Silvaner gönnen, weil das bei mir prima die Kreativität anstachelt.«

»Kreativität? Bist du Künstler? Schriftsteller? Ich meine, im Telefonbuch etwas von Detektei gelesen zu haben.«

»Ja, ich versuche gerade wieder eine aufzubauen.«

»Ach so, du fängst erst an. Und was hast du vorher gemacht? Warst du bei der Polizei?«

»Nein, ich war schon früher privater Ermittler, dann aber war ich Privatier, in der Karibik, bis mich das Heimweh packte.«

»Krass. Heimweh in diese öde Provinz?«

»Provinz? – Du Großstadtkind hast doch überhaupt keine Ahnung. Du hast das Glück, geradewegs im Garten Eden gelandet zu sein. Glaub mir, in nicht mal einem halben Jahr willst du hier niemals wieder weg. Wen einmal der Virus gepackt hat, den lässt er nicht mehr los.«

Alexandra lehnte sich zurück und sah mich überrascht und ein wenig verdutzt an.

»Das wollen wir doch einmal sehen! Jetzt erzähl mir etwas mehr von deinem früheren Leben.«

Ich kam nicht drum herum, also fasste ich alles Nötige so knapp wie möglich zusammen:

»Ich hatte in Landau als Privatdetektiv gearbeitet, weil mir das als spannende und abwechslungsreiche Tätigkeit erschien. Die Realität sah allerdings anders aus: Untreuen Ehegatten hinterher spionieren, entlaufene Katzen finden, verschwundene Personen aufspüren – das war alles, was dieser Beruf in dieser Stadt mir zu bieten hatte, zumindest am Anfang.

Erst als ich im Jahr 2003 in Landau einen Mordfall und Verwicklungen mit der sizilianischen Mafia klärte, kam ich aus dem Einerlei der Personenüberwachung heraus. Nachdem ich ein Jahr später auch den kleinstädtischen Sumpf ein wenig trockenlegen half, war mein Ruf so gut, dass ich mich weder um untreue Ehegatten kümmern, noch entlaufene Katzen wiederfinden musste. Ich bekam plötzlich auch aus der Wirtschaft gute Aufträge, nicht nur aus Landau, sondern auch aus dem erweiterten Umfeld – Karlsruhe, Kaiserslautern, Worms, Mannheim, Speyer – trudelten sie herein, und ich war schlau genug, diese Entwicklung nicht nur anzunehmen, sondern auch noch zu forcieren. Als ich meine Preise anhob, erst vorsichtig, dann immer unverschämter, lief es besser und besser, so dass ich glaubte, mich zur Ruhe setzen zu können.

Mein Geld legte ich zum großen Teil an und reiste dann als Privatier durch die Welt: nach Kuba, von dort in die USA, machte einen Abstecher nach Kanada und landete schließlich an der karibischen Küste von St. Kitts. Ich fühlte mich pudelwohl, doch so schön es auf dieser Insel war, auf Dauer ist die Pfalz nicht zu ersetzen.

Ich zog wieder in meine Eigentumswohnung, die ich mir kurz vor meiner Reise als Sicherheit zugelegt hatte, und versuche meine Tätigkeit als Privatdetektiv neu aufzunehmen. Noch habe ich ein paar Reserven, um einige Monate zu überstehen, doch in dieser Zeit muss ich mir etwas aufbauen, sonst sieht es düster aus.«

»Und warum knüpfst du nicht da an, wo du aufgehört hast, bevor du weggegangen bist? Bei den alten Kunden aus der Wirtschaft?«

»Weil ich mir selbst durch den Verkaufsvertrag die Rückkehr zu meiner letzten lukrativen Kundschaft versperrt habe, indem ich zusicherte, diese Tätigkeit in dieser Region für mindestens 15 Jahre nicht mehr auszuüben. Es sind aber erst zehn Jahre vorbei.«

»Und warum suchst du dir nicht eine andere Region?«

Diese Frage verblüffte mich.

»Kommt überhaupt nicht in Frage«, antwortete ich etwas lauter.

»Wieso nicht?«

»Denkst du, ich gebe die Karibik auf für irgendeine gewöhnliche Gegend in Deutschland. Am Schluss kommst du noch auf die Idee, ich könne es in Karlsruhe versuchen.«

»Warum denn eigentlich nicht in Karlsruhe?«

Ich lachte hämisch. »Theoretisch kann man das, aber wollen tut man das überhaupt nicht. Du hast dieses arrogante Pack noch nicht kennengelernt. Die halten uns für tumbe Bauern und freuen sich diebisch, wenn sie in einer Weinstube einen ›ginschdigen‹ Wein bekommen. Dann erzählen sie es in ganz Karlsruhe und ein halbes Jahr später ist der Wein nicht mehr ›ginschdig‹. Nur so … für den Anfang«

»Schon gut, dann müssen wir eben etwas anderes überlegen.«

Hatte sie da eben »wir« gesagt? Ich kam gar nicht erst zu einer klärenden Nachfrage, denn sie sprach sofort weiter.

»Morgen übernehme ich dein Sekretariat, verwalte deine Finanzen und kümmere mich auch um das Marketing.«

»Na hör mal …«

»Da gibt es aber gar nichts zu diskutieren. Ich muss mir ein Bild von meinem Erzeuger machen und das geht am besten, wenn ich für eine Weile ganz nah an ihm dran bin.«

»Dass ich dir kein Gehalt zahle, zumindest derzeit noch nicht, das ist dir schon klar, oder?«

»Vorläufig komme ich gut zurecht. Ich erhalte BAföG und ein bisschen von meiner Mutter.«

»BAföG?«

»Ich fange an der Landauer Uni im Sommersemester mit dem Studium an.«

»Was denn?«

»Physik und Mathe.«

Nun begann ich doch wieder etwas an meiner Vaterschaft zu zweifeln. Von mir hatte sie das nicht. Ein anderes Problem drängte sich aber sofort dazwischen. Wo würde sie wohnen? In meiner Wohnung würde das nicht funktionieren. Für eine Nacht vielleicht. Oder zwei. Aber nicht auf Dauer. Sie stand auf.

»Ich muss los.«

»Wohin?«

»Zu einer Adresse, die ich aus dem Internet habe. Wenn alles klargeht, komme ich in einer WG unter.«

Damit war das auch geklärt.

»Kannst du zahlen?« fragte sie. »Oder soll ich das übernehmen?«

Ich wurde rot, was mich ärgerte, aber ich zog meine Geldbörse aus der Gesäßtasche und legte sie auf den Tisch.

»Dafür reicht es noch«, sagte ich und stand ebenfalls auf. Ehe ich mich versah, hatte sie mich in den Arm genommen, mir einen Wangenkuss gegeben »Tschüss Papa« gesagt, ihren Rucksack genommen und war verschwunden. Ich fühlte mich plötzlich irgendwie großartig, gab viel zu viel Trinkgeld und schlenderte nachdenklich zurück. Einladen lassen wollte sie sich nicht, hatte sie zu Beginn gesagt, dann durfte ich doch die Rechnung zahlen. Ich beschloss, dies schon mal als einen ersten Fortschritt in einer gerade erst begonnenen Vater-Tochter-Beziehung zu werten.

Ich kam nicht dazu, lange über meine neue Situation nachzudenken. Kaum zurück in meiner Wohnung, eben im Begriff, die Flasche Silvaner wieder hervorzuholen, klingelte das Telefon. Das verblüffte mich so, dass ich vergaß, den Hörer abzuheben. Nach dem vierten Klingeln stürmte ich zum Schreibtisch, voller Angst, der Anrufer, möglicherweise ein Klient, könnte wieder auflegen. Ich fiel über einen Hocker, der im Weg herumstand, stieß mir dabei empfindlich das Knie an, humpelte zum Schreibtisch und nahm ab.

»Detektei Sturm, wie kann ich ihnen helfen?«