19,99 €
Der isländische Dichter Jónas Hallgrímsson gilt als das größte Talent seiner Generation. Als er 1845 im fernen Kopenhagen nach einem schweren Sturz ins Hospital muss, ahnt er, dass seine Tage gezählt sind. Viele Menschen, Gelehrte, Dichter und Politiker besuchen ihn, und so erlebt Jónas auf dem Krankenbett noch einmal sein bewegtes Leben. Er erinnert sich an þóra, seine große, unerfüllte Liebe, und an das dramatische Schicksal seines Jugendfreundes, des Hirtenjungen Keli, der einst im Hörgárdalur in Nordisland spurlos verschwand. Jonas hat sich nie verziehen, ihn im Stich gelassen zu haben, weil er womöglich den falschen Leuten glaubte. Wurde Keli damals ermordet?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 321
Veröffentlichungsjahr: 2025
Der isländische Dichter Jónas Hallgrímsson gilt als das größte Talent seiner Generation. Als er 1845 im fernen Kopenhagen nach einem schweren Sturz ins Hospital muss, ahnt er, dass seine Tage gezählt sind. Viele Menschen, Gelehrte, Dichter und Politiker besuchen ihn, und so erlebt Jónas auf dem Krankenbett noch einmal sein bewegtes Leben. Er erinnert sich an þóra, seine große, unerfüllte Liebe, und an das dramatische Schicksal seines Jugendfreundes, des Hirtenjungen Keli, der einst im Hörgárdalur in Nordisland spurlos verschwand. Jonas hat sich nie verziehen, ihn im Stich gelassen zu haben, weil er womöglich den falschen Leuten glaubte. Wurde Keli damals ermordet?
Arnaldur Indriðason ist der erfolgreichste zeitgenössische Krimiautor Islands. Seine Bücher werden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit renommierten Literaturpreisen ausgezeichnet. AM ENDE EINER REISE ist sein zweiter historischer Roman, der wie der Vorgänger Leser:innen und Kritiker:innen in Island begeistert hat und dort auf Platz 1 der Bestsellerliste stand. 2021 erhielt der Autor den JÓNAS-HALLGRIMSSON-PREIS. Arnaldur Indriðason lebt mit seiner Familie in der Nähe von Reykjavík.
A R N A L D U R
INDRIÐASON
AMENDE
EINER
REISE
HISTORISCHER ROMAN
Übersetzung aus dem Isländischenvon Freyja Melsted
Vollständige E-Book-Ausgabe
Titel der isländischen Originalausgabe:»Ferðalok«
Folgende Gedichte wurden von Freyja Melsted übersetzt:
»Hexenjagd« (Galdraveiðin); »Der Einsiedler« (Einbúinn);
»Das Freundschaftslied« (Vísur Íslendinga)
Die Übersetzung von »Ende der Reise« (Ferðalok) stammt aus: »Eislandblüten. Ein Sammelbuch Neu-Isländischer Lyrik«, J. C. Poestion. Verlag Georg Müller. Leipzig, München. 1904. S. 45 – 47
Die Übersetzung von »Ich lasse grüßen« (Ég bið að heilsa) ist aus: »Isländische Dichter der Neuzeit in Charakteristiken und übersetzten Proben ihrer Dichtung«. J. C. Poestion. Verlag von Georg Heinrich Meyer. Leipzig. 1897. S. 362.
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2024 by Arnaldur Indriðason
Published in German language by arrangement with Reykjavik Literary Agency, Iceland, www.rla.is
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2025 byBastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln, Deutschland
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten. Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.
Textredaktion: Anja Lademacher, Bonn
Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign, München
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-8435-1
luebbe.de
lesejury.de
Diese Geschichte ist fiktiv, und obwohl sie zum Teil auf wahren Begebenheiten beruht, unterliegt sie in jeder Hinsicht den Regeln der Dichtung.
Schluss jetzt, Schluss,bevor man die Schlingeum deinen eigenen Hals legt …
Jónas Hallgrímsson: DieHexenjagd
Durch das Dachfenster beobachtete er die Morgendämmerung. Die Stadt erwachte wieder zum Leben. Er hörte das Klappern einer Kutsche, die durch die Sankt Peders Stræde fuhr und wahrscheinlich das Bier in die Kneipen brachte. Lauschte dem Gezwitscher der Drosseln, die im Hinterhof umherflatterten. Noch herrschte Stille im Haus, und er beschloss, sich vorerst nicht bemerkbar zu machen. Es würde die Situation wohl kaum verschlimmern, wenn er damit bis zum Morgen wartete. Im Laufe der Nacht hatte sich das Gefühl eingestellt, dass sein Schicksal bereits besiegelt war.
Diese verdammte Treppe, wie hatte sie ihn nur so hintergehen können. Auf wackeligen Beinen, die Gedanken ganz woanders, war er gestolpert und erst wieder zu sich gekommen, als er im dunklen Treppenhaus bereits auf dem Bauch lag. Irgendwie hatte sein Bein sich bei dem Sturz verdreht, und der stechende Schmerz war so heftig, dass er einen halberstickten Schrei ausstieß. Es fühlte sich an, als würde das Schienbein von innen gegen die Hose drücken.
Er blieb regungslos liegen und versuchte zu verstehen, was gerade passiert war, doch schließlich gelang es ihm, sich mit Müh und Not über die steile Treppe nach oben zu schleppen und ins Bett zu legen.
Er konnte wohl kaum die Treppe alleine für den Unfall verantwortlich machen, überlegte er. Bis spätabends hatte er getrunken, was in letzter Zeit häufiger vorkam, und war dann bei seiner Ankunft zu Hause so tollpatschig gestürzt. Ein wenig schämte er sich, dass er nicht besser aufgepasst hatte. So schlimm, wie er aussah, wollte er niemanden wecken, und er hoffte, mit seiner Tölpelei keinen der Hausbewohner aus dem Schlaf gerissen zu haben.
Der Schmerz war unerträglich, als er versuchte, sein gebrochenes Bein ein wenig zu richten, und es blutete, wenn auch nicht besonders stark. Dann lauschte er auf die Geräusche im Haus, und aus irgendeinem Grund beschlich ihn die Erinnerung an einen längst vergangenen Abend, als man seinen Vater, den Pfarrer, auf ihren Hof getragen und in die Wohnstube gebracht hatte, seine Kleider tropften, und es hieß, er sei oben im See ertrunken. Sein Tod war ein schwerer Schlag für die Familie gewesen. Die Leiche hatte bis zum Begräbnis in der Wohnstube gelegen und er hatte jeden Tag bei seinem Vater gesessen, nicht in der Lage, die Wege des Herrn zu verstehen. Damals war er neun Jahre alt, und seitdem war der Tod sein ständiger Begleiter gewesen.
Vielleicht hätte er gestern Abend im Hviids nicht so viel Wein getrunken, wenn dort nicht ein Mann eingekehrt wäre, der gerade erst aus Island nach Dänemark gekommen war und das eine und andere aus der Heimat zu berichten wusste. Der Mann stammte aus dem Norden, genau wie er selbst, und erzählte von viel Treibeis und üblem Wetter im vergangenen Winter. Und zwischen diesen und jenen Klatschgeschichten erwähnte der Mann auch den Vizedekan in Bárðardalur, der irgendein Paar getraut hatte, und da musste er gleich an Þóra denken, die Frau des Vizedekans, was sofort wieder Zweifel in ihm aufkommen ließ, wegen des Gedichts, das er vor Kurzem für den Druck fertiggestellt hatte und das in der nächsten Ausgabe der isländischsprachigen Zeitschrift Fjölnir herausgegeben werden sollte, die hier in Dänemark erschien. Konnte er wirklich ein Gedicht veröffentlichen, das so eindeutig von ihm selbst handelte und seinen intimsten Gefühlen in jungen Jahren? Schließlich beruhte es auf alten Erinnerungen an die heiße Liebe zu Þóra, eben jener Frau, die mittlerweile die Gemahlin des Vizedekans in Bárðardalur war. Ein Gedicht über eine Liebe, die nie gedeihen durfte und dennoch nie sterben würde. Manchmal kam es ihm vor, als hätte er sein ganzes Leben als erwachsener Mann daran geschrieben, bis er es vergangenen Winter schließlich zu seiner Zufriedenheit vollendet und druckfertig gemacht hatte.
Warum hatte dieser Mann im Hviids auch den Pfarrer erwähnen müssen? Auf dem Weg nach Hause war ihm ständig durch den Kopf gegangen, was sie bloß denken würde, wenn sie nach all der Zeit sein Liebesgedicht las. Er wusste genau, dass sie sich in seinen Beschreibungen wiedererkennen würde, dass es Erinnerungen wecken würde, an die Reise nach Nordisland und die schöne Zeit, die sie dort zusammen verbracht, an die Worte, die sie miteinander gewechselt hatten, bevor er in seine Heimat nach Steinsstðir weitergeritten war. Sie würde bestimmt bald von dem Gedicht erfahren und man würde sie fragen, ob es denn tatsächlich von ihnen beiden handle, ob sie einander geliebt hätten. Er hatte sich mit seiner Lyrik längst einen Namen gemacht, sie wurde sowohl in Kopenhagen als auch zu Hause in Island gelesen und gesungen. Seine Freunde in der Redaktion von Fjölnir baten ihn ständig um neue Gedichte für allerlei Anlässe: für eine fröhliche Feier, wenn ein guter Freund nach dem Studium verabschiedet wurde, für den Beginn eines neuen Lebensabschnitts oder wenn jemand seinen letzten Weg antrat und in eine schönere Welt weiterzog.
Ja, sie würde das Liebesgedicht bestimmt lesen und sich darin wiedererkennen, und er hatte Angst, ihr damit zu nahezutreten. Noch nie hatte er in einem Gedicht so viel von sich selbst preisgegeben und konnte nur hoffen, dass es ihm gut gelungen war und sie nicht wünschte, er hätte es nie geschrieben.
Jónas stöhnte vor Schmerzen. Früher oder später würde er sich bemerkbar machen müssen, damit ihn jemand ins Spital bringen konnte. Er hatte diese kleine Kammer erst vor Kurzem angemietet und die anderen Bewohner des Hauses noch nicht wirklich kennengelernt, bis auf die Witwe Magdalene, die sehr freundlich war und interessiert zugehört hatte, als er erzählte, er sei Naturwissenschaftler und stamme aus Island. Sie hatte ihn vor der Treppe gewarnt, ihn zur Vorsicht gemahnt. Die Bewohner des Hauses hatten ihn, soweit er wusste, nie betrunken gesehen, und er hatte sich ja auch fest vorgenommen, nicht mehr so viel zu trinken, aber wie so oft war das leichter gesagt als getan.
Wahrscheinlich war er irgendwann eingeschlafen oder sogar bewusstlos geworden, doch als er aufgewacht war, erinnerte er sich wieder an alles, den Sturz auf der Treppe und den Beinbruch und wie er sich die Treppe hinaufgequält hatte. Bei dem Versuch, das Bein zu bewegen, durchzog ein unerträglicher Schmerz seinen gesamten Körper. Er hob den Kopf und lauschte erneut, aber im Haus war es still. Also legte er sich wieder hin und dachte zurück an den Mann in der Kneipe und an Þóra, die Pfarrersfrau in Bárðardalur, und an das Gedicht über sie beide. Er wusste, dass es gut geworden war, dass die Zeilen eine Bedeutung über ihre Geschichte hinaus hatten, denn beim Betrachten des fertigen Gedichts war er von einem Gefühl des Triumphs durchdrungen gewesen. Für einen Moment war er zufrieden mit dem, was er geschaffen hatte.
Und wie es manchmal so war, wenn er an die bittersüße Reise und die Heimkehr nach Steinsstaðir zurückdachte, erinnerte er sich auch an den Hirtenjungen, der um dieselbe Zeit herum verschwunden war, und an die ganze Tragödie, mit all der üblen Nachrede, den Schuldzuweisungen und Zerwürfnissen. Er hatte den Hirtenjungen gekannt, ihn sogar als seinen Freund betrachtet, obwohl ein paar Jahre zwischen ihnen lagen, und er hatte in jenem Sommer, den er mit gebrochenem Herzen in seiner Heimat verbrachte, alles mitverfolgt. In der Gegend gab es damals kein anderes Thema als das Verschwinden des Jungen, und es herrschte große Uneinigkeit darüber, was genau geschehen war. Der Vorfall hatte die Menschen auf ihren Höfen im Tal Öxnadalur gespalten, und die Menschen feindeten sich gegenseitig an. Und so wurden auch die Leute von Steinsstaðir, wo er zuhause war, mit in diese Sache hineingezogen.
Er war wieder eingeschlafen, und als er erwachte, hörte er endlich Geräusche in den unteren Stockwerken, eine Tür, Schritte.
Die Menschen im Haus waren Frühaufsteher, und leise Morgenstimmen erklangen eine Etage tiefer, wo der Fleischer mit seiner Frau und seinen beiden Kindern lebte. Manchmal stritten die Eheleute laut, und die Frau knallte mit den Türen. Unter ihnen wohnte die Witwe Magdalene, die im Erdgeschoss ein Geschäft für Töpfe und Pfannen, Gläser, Tassen und Teller sowie allerlei nützliche Haushaltsgegenstände betrieb. Ihr erwachsener Sohn lebte noch bei seiner Mutter, er war ihr Ein und Alles, aber ein ziemlicher Nichtsnutz, wenn man die Frau des Fleischers fragte. Der Junge verbringe seine Zeit lieber in den Kneipen, als seiner Mutter im Laden zur Hand zu gehen, sagte sie voller Gehässigkeit.
Er hatte die Tür über Nacht halb offen gelassen und rief jetzt in den Flur, ob dort jemand sei. Niemand hörte ihn. Seine Stimme war schwach, also räusperte er sich, und sofort klang sie etwas kräftiger. Schon bald saß er aufrecht im Bett und rief laut um Hilfe. Schließlich war er erfolgreich. Der Fleischer trat in den Flur und fragte, ob da oben jemand sei, hörte ihn rufen und erkundigte sich, ob er Hilfe brauche, was der Mann unterm Dach bejahte. Er sei in der Nacht auf der Treppe gestürzt und habe sich das Bein gebrochen.
Der Fleischer hieß Larsen und kam zur Dachkammer nach oben, wo er ihn vollständig angezogen auf der Decke liegen sah, das eine Bein in einer bizarren Stellung. Ihm fiel auf, dass er eine starke Alkoholfahne hatte und sein Bettzeug nach heißem Schweiß roch.
»Was ist los?«, rief die Fleischersfrau. Sie stand am Treppenabsatz und rief hinauf, kaum erfreut über die Störung.
»Es ist Herr Hallgrimsen«, rief Larsen zu ihr hinunter. »Er sagt, er wäre gestürzt und hätte sich das Bein gebrochen.«
»Nennen Sie mich gerne Jónas und entschuldigen Sie, entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten, aber ich muss leider ins Spital«, sagte Herr Hallgrimsen.
»Haben Sie getrunken?«, fragte Larsen und betrachtete die Szene im Dachzimmer mit kritischem Blick, den Herrn Naturwissenschaftler, wie er hier auf seinem Bett lag, schwer verletzt und verkatert, recht beleibt und ärmlich gekleidet, mit hervorstehenden Augen und ausgedünnten Haaren, einer stattlichen Nase und ungepflegten Bartstoppeln. In der Kammer herrschte die größte Unordnung, überall Kleidung und Stapel von Papieren und Büchern, Kiesel und Steine auf einem Tisch, manche groß wie eine Faust, und im Fenster lauter getrocknete Pflanzen. Zwischen leeren Tintenfässern und Federn lagen Briefe und Zettel von Wettanbietern, und auf einem heruntergekommenen Schreibpult sah er Notizbücher und lose Blätter, die mit irgendetwas vollgeschrieben waren. Manches davon Gedichte, wie ihm schien.
»Verzeihen Sie die Unordnung«, sagte Herr Hallgrimsen von seinem Bett aus, als er bemerkte, dass Larsen sich bei ihm offenbar nicht wohlfühlte. »Könnten Sie mich eventuell ins Frederikshospital bringen? Gegen Bezahlung natürlich.«
»Sind Sie Dichter?«, fragte Larsen neugierig und ging zu dem Pult hinüber.
»Das ist nur Gekritzel«, sagte Jónas.
Er kannte den Fleischer und seine Frau Vera kaum. Sie hatten sich im Treppenhaus gegrüßt, wenn sie dort aufeinandergetroffen waren, aber länger unterhalten hatten sie sich nie, höchstens kurz über den Sohn der Witwe ausgelassen, denn die Fleischersleute interessierten sich nicht wirklich für neue Mieter. Ganz im Gegensatz zur Witwe Magdalene, die immer äußerst redselig und aufgeschlossen war, und mit der er schon öfter gesprochen hatte. Ihre liebevolle und interessierte Art erinnerte ihn manchmal an seine Mutter.
»Wären Sie so freundlich, mir die Schreibsachen vom Tisch zu bringen«, sagte Jónas. »Ich muss meinem Freund eine Nachricht schicken, um ihn über meinen Zustand zu informieren.«
»Ach so, ja«, sagte der Fleischer.
»Ich muss ihn bitten, für die Rechnung im Hospital zu bürgen«, gestand Herr Hallgrimsen seine Mittellosigkeit. »Er lebt nicht weit entfernt.«
Larsen betrachtete Jónas, wie er von Schmerzen gequält in seinem Bett lag, und es wunderte ihn nicht, dass er einen Bürgen benötigte, der gute Mann. Doch er zeigte keinerlei Anzeichen von Mitleid mit dem Verletzten, wirkte eher verärgert über die Störung am frühen Morgen, noch bevor er überhaupt seinen Kaffee getrunken hatte. Trotzdem holte der Fleischer Papier, Feder und Tinte und zog ein Buch aus einem der Stapel, eine Gedichtsammlung von Oehlenschläger, und reichte sie Jónas, der das Buch unter das Papier legte und in wenigen Zeilen seinen Zustand schilderte, bevor er ihn zusammenfaltete und an seinen Freund adressierte.
»Ich hatte gehofft, Frau Magdalenes Sohn könnte meine Nachricht vielleicht schnell überbringen«, sagte er.
»Ich sehe zu, was ich tun kann«, antwortete Larsen, nahm den Brief entgegen und überflog die Adresse.
»Finnur Magnusen*, Geheimarchivar? Sind Sie mit einem derart einflussreichen Mann bei Hofe bekannt?«
»Könnten Sie bitte dafür sorgen, dass Professor Magnusen meine Nachricht schnellstmöglich in die Hände bekommt?«
»Lebt er in der Klosterstræde?«
»In der ersten Wohnung«, sagte Herr Hallgrimsen und nickte.
»Selbstverständlich«, erwiderte Larsen, jetzt doch sichtlich beeindruckt von der hohen Bekanntschaft.
»Denken Sie bitte daran«, sagte Herr Hallgrimsen, »dass ich eine schriftliche Bestätigung benötige.«
»Warum haben Sie nicht schon früher um Hilfe gerufen?«, fragte Larsen. »Sie müssen sehr gelitten haben.«
»Es war schon spät, ich wollte niemanden wecken«, sagte Jónas.
»Ich werde selbst mit der Nachricht gehen«, sagte Larsen und straffte die Schultern. »Das ist das Mindeste, was ich tun kann. Und wir finden einen Weg, Sie ins Frederikshospital zu bringen, machen Sie sich keine Sorgen. Trauen Sie sich zu, die Treppe hinunterzugehen?«
»Nein, nicht ohne Hilfe«, sagte Jónas. »Das Bein ist gebrochen. Ich fürchte, ich kann mich kaum bewegen.«
»Ich kann Sie auf meinen Fleischwagen legen«, sagte Larsen, »sofern es Ihnen nicht unangemessen erscheint, natürlich.«
»Ich bin für jede Hilfe dankbar«, sagte Jónas.
Daraufhin eilte Larsen mit der Notiz in der Hand die mörderische Treppe hinunter. Jónas hörte noch, wie er seiner Frau von seinem Zustand erzählte und offenbar auch den Namen des Geheimarchivars fallen ließ. Denn kurz darauf kam die Frau zu ihm nach oben und fragte, ob sie ihm etwas bringen könne. Jónas bat um etwas Wasser, wenn sie so freundlich wäre, aber ansonsten wolle er ihr keine Umstände machen.
»Können Sie sich auf die Bettkante setzen?«, fragte sie, doch Jónas erklärte, er könne sich fast gar nicht bewegen.
Also fragte Frau Vera, ob sie sich die Verletzung ansehen dürfe, was er natürlich erlaubte. Sie zog die Hose vorsichtig nach oben und musterte die Wunde, das Bein wurde nur noch von Haut und Sehnen zusammengehalten.
»Ist das hier auf der Treppe passiert?«, fragte sie.
»Reine Tollpatschigkeit«, räumte Jónas ein. »Sieht es denn sehr schlimm aus?«
»Ich bin in der Nacht aufgewacht, weil ich etwas gehört habe«, sagte sie, um seiner Frage auszuweichen. »Einen dumpfen Schlag, doch ich dachte, er käme aus Ihrem Zimmer, mir wäre nicht in den Sinn gekommen, im Flur nachzusehen.«
»Ich wollte niemanden stören«, sagte Jónas.
»Ich könnte versuchen, das Bein zu verbinden«, schlug Vera vor. »Eine Schiene anlegen, damit Sie sich besser bewegen können. Ich habe einmal in einem Hospital gearbeitet.«
Mit diesen Worten verschwand sie aus dem Zimmer, und kurz darauf hörte er sie erneut auf der Treppe. Sie kehrte mit einem Krug Wasser, zwei Scheiten aus dem Brennholzlager und Verbandsmaterial zurück. Dann fragte sie, ob sie ihm die Schuhe ausziehen dürfe, aber nach dem ersten Versuch hielt sie es für besser, das Bein möglichst wenig zu bewegen. Jónas trank durstig von dem Wasser und sah der Frau dabei zu, wie sie ihn versorgte. Er war ihr sehr dankbar für die Mühe und versuchte, nicht vor Schmerzen aufzuschreien, als sie die Schiene festmachte und verband, so gut sie konnte.
Schließlich kehrte Larsen zurück, zusammen mit der Witwe Magdalene, die sofort in Klagerufe ausbrach, als sie Herrn Hallgrimsen in seinem Zustand sah. Ihr fauler Sohn stand hinter ihr und sah sich mit leicht verächtlichem Blick im Zimmer um, aber mischte sich nicht weiter ein. Larsen berichtete, er habe persönlich mit dem Geheimarchivar gesprochen und eine Notiz bekommen, die Jónas den Mitarbeitern im Frederikshospital geben solle, der Geheimarchivar werde ihn dann frühestmöglich dort besuchen. Außerdem berichtete Larsen, wie sehr die Nachricht von Herrn Hallgrimsens Sturz Herrn Magnusen erschüttert habe, zweimal musste er ihm genauestens schildern, was passiert sei, bevor es richtig zu Herrn Magnusen durchgedrungen sei, doch dann habe er sofort die Bürgschaft für den Dichter ausgestellt.
»Er meinte, Sie wären Dichter«, sagte Larsen. »Der größte Dichter Islands«, flüsterte er seiner Frau noch zu, bevor er im Treppenhaus verschwand und weiter in Richtung Fleischerei ging, die etwas unterhalb in der Straße lag. Im Innenhof stand ein stattlicher Handwagen, mit dem der Mann Bestellungen auslieferte oder Schlachttiere beförderte und dergleichen. Er schob ihn zurück zum Haus Nummer 140 und legte ihn mit Decken aus, bevor er wieder unters Dach ging, wo die kleine Menschentraube über Herrn Hallgrimsen wachte. Der Patient hatte darum gebeten, einige Bücher mit ins Hospital zu nehmen, die der Sohn der Witwe nach unten trug, gefolgt von den Larsens, die den isländischen Dichter stützten und hinaus ins Freie brachten. Sie legten ihn vorsichtig auf den Handwagen, reichten ihm die Bücher, und ohne zu zögern, machte sich Larsen mit dem Wagen auf den Weg in Richtung Hospital. Die anderen drei blieben zurück, und bis auf den Sohn winkten alle zum Abschied, und Magdalene hatte Tränen in den Augen und schluchzte leise.
* Der Freundeskreis um den berühmten isländischen Dichter Jónas Hallgrímsson spielt in diesem Buch eine wichtige Rolle. Weiterführende Informationen hierzu finden sich in einem Nachwort der Übersetzerin.
Die Dämmerung legte sich über das Land, als die Sonne unterging und schließlich hinter dem spitzen Lavafelsen Hraundrangi verschwand. Jónas war bereits unten im Tal angekommen und hatte sich von dem Mädchen verabschiedet, das er liebte, und auch von ihrem Vater, Pfarrer Gunnar, und seinen Begleitern, und war jetzt mit der erdrückenden Sehnsucht allein. Er verfluchte seine Voreiligkeit, die ihm das eingebrockt hatte. Er war zu ungeduldig gewesen, anstatt auf den richtigen Moment zu warten. Als sie die karge Steinwüste von Stórisandur durchquert hatten und bereits auf der Nordseite des Flusses Blanda angekommen waren, hatte er sie für die weiteren Flussüberquerungen, die noch vor ihnen lagen, auf sein Pferd gehoben. Sie vertraute ihm mehr als den beiden Reisebegleitern ihres Vaters. Beflügelt vom Liebesrausch hatte er stammelnd um Þóras Hand angehalten, unversehens, überhastet, ohne ihr eine Zukunftsperspektive bieten zu können. Er war ein guter Schüler, interessierte sich brennend für Naturwissenschaften und plante, nach Kopenhagen zu reisen, oder vielleicht würde er auch im kommenden Sommer, wenn er die Schule in Bessastaðir beendet hatte, erst einmal als Sekretär für die Landesregierung arbeiten, auch wenn er keinerlei konkrete Aussichten auf eine derartige Position hatte. Es war noch viel zu früh, um über all das nachzudenken. Etwas in dieser Richtung sagte er auch Pfarrer Gunnar, und obwohl sie sich während der gesamten Reise gut verstanden hatten, verwehrte der Pfarrer ihm seine Zustimmung. Der eigentliche Grund schien im Ungesagten zu liegen. Obwohl er offensichtlich bis über beide Ohren in seine Tochter verliebt war und sie auch in ihn und er es trotz der bescheidenen Verhältnisse, aus denen er stammte, auf die Schule in Bessastaðir geschafft hatte, war er dennoch nicht mehr als ein armer Bauernjunge aus Öxnadalur in Nordisland, der erst beweisen musste, dass er seiner Tochter würdig war.
Pfarrer Gunnar musste mitbekommen haben, wie sehr sie einander umschmeichelt hatten, und wahrscheinlich war er mit seiner Geduld bereits am Ende gewesen, als sie eines Abends an den Ufern der Blanda nicht ins Zelt zurückgekehrt waren und er aufstehen und sie rufen und zurechtweisen musste. Sie seien entschieden zu weit gegangen, hatte er gesagt, und vor allem Jónas die Schuld daran gegeben. Þóra tat so, als würde sie seine Ermahnungen nicht hören. Sie, die immer aufrichtig und geradeheraus war, wusste um die eigentlichen Gründe, warum ihr Vater der Ehe nicht zustimmen und lieber warten wollte. Sie sollte sein Haus führen, wenn er das Pfarramt in der Gemeinde Grund übernahm, und er wollte sie auf keinen Fall verlieren. Alles andere seien nur Vorwände, flüsterte sie ihrem Liebsten beim Abschied zu, gefolgt von weiteren tröstenden Worten. Natürlich sei er ihrer würdig. Würdiger als jeder andere auf dieser Welt.
Während er ins Tal hinunterritt, sah er immer noch ihr Lächeln vor sich, ihre Strickjacke, die rote Quaste, ihre strahlend schönen Augen, und an seiner Hand hing ihr süßer Duft.
Ein lang gezogener Ruf riss ihn aus seinen Gedanken, und er bemerkte drei Männer am Ufer der Öxnadalsá. Sie hielten einigen Abstand zueinander und sahen aus, als wären sie auf der Suche nach verlorenen Schafen. Kurz vor Fagranes, als er beinahe den Fluss erreicht hatte, ritt er auf den Mann zu, der ihm am nächsten war, und erkannte ihn schon bald, es war einer der Knechte aus Engimýri.
»Oh, bist du’s, Jónas?«, fragte der Mann leicht verwundert, als er den Jungen auf dem Pferd sah, den er bis dahin nicht bemerkt hatte, weil er nicht mehr allzu gut hörte. »Da bist du ja wieder, wie war die Reise in den Süden? Deine Mutter hat bereits erzählt, dass du den Sommer bei uns verbringen wirst.«
»Was macht ihr? Sucht ihr nach Schafen?«
»Nein, das nicht, wenn es doch nur Schafe wären«, sagte der Mann, nahm seine Wollmütze ab und wischte sich damit übers Gesicht. »Kommst du von der Hochebene?«
»Ja. Mit wem bist du unterwegs?«, fragte Jónas und deutete auf die beiden anderen Männer, die bereits weiter unten im Tal waren und ihm bekannt vorkamen. »Sind das Leute aus Hraunshöfði?«
»Ja, Kelis Brüder«, sagte der Knecht. »Wir suchen ihn.«
»Wen? Keli? Seid ihr etwa auf der Suche nach Þorkell?«
»Der Junge hat sich seit einigen Tagen nicht blicken lassen«, sagte der Knecht, den alle nur Bensi nannten, und griff nach den Zügeln des Pferds, um ihm den Hals zu tätscheln. Er wirkte ziemlich müde, schließlich gab es in den frühen Sommermonaten ohnehin immer viel zu tun, und er war bereits um die fünfzig. Seine wenigen Haare waren weiß und die Haut braun gebrannt nach dem sonnenreichen Frühsommer, und er hatte nur noch drei oder vier Zähne vorn im Mund.
»Ist ihm was passiert?«
»Das weiß niemand. Er war hier bei den Leuten in Þverbrekka und sollte die Schafe hüten, aber dann ist er einfach verschwunden. Sie glauben, er wollte vielleicht weglaufen.«
»Warum sollte er weglaufen wollen?«
»Ach, mein lieber Freund, das haben wir uns auch alle gefragt. Wer weiß? Hier gehen allerlei Geschichten um. Es kommt ganz darauf an, wem du glauben willst.«
»Allerlei Geschichten?«
»Sie haben den armen Keli ganz und gar nicht gut behandelt. Das behauptet zumindest sein Vater. Palli zieht hier durch die Gegend und redet schlecht über die Leute in Þverbrekka, er meint, sie hätten seinen Jungen misshandelt. Die Leute in Þverbrekka sagen, das sei Unsinn. Er sei faul und ein schlechter Arbeiter, und einfach so abgehauen, ohne sich zu verabschieden. Er war halt ein schwächlicher Junge, der gute Keli«, fügte der Knecht hinzu. »Ob er nicht einfach geflohen ist, um der harten Arbeit zu entkommen? Sieht jedenfalls ganz danach aus. Wahrscheinlich wird er eines Tages zurückkommen und uns alles erzählen. Eines Tages, das glaube ich. Er ist bestimmt nur nach Skagafjörður geflohen, der Junge, mehr nicht.«
»Wann war das?«
»Bald eine Woche her, schätze ich. Die meisten haben aufgehört nach ihm zu suchen, ich tu es für die Brüder, schaue weiter mit ihnen herum. Man muss schon Mitleid haben mit den Jungs und Kelis Eltern. Aber was ist mit dir? Bist du fertig mit der Schulgeherei?«
»Nein«, sagte Jónas, »ich gehe im Herbst zurück. Ich wollte nur den Hochsommer hier zu Hause verbringen.«
»Ach ja, gut, gut … deine Mutter wird sich freuen, dich zu sehen, sie spricht ständig von dir. Grüß sie doch von mir, mein Freund.«
Mit den Worten setzte Bensi seine Mütze wieder auf und machte sich erneut auf die Suche nach Spuren.
Jónas ritt weiter und die Rufe der Brüder begleiteten ihn wie ein fernes Klagelied. Es hallte in den Senken wider, von einem Hügel zum nächsten, die steilen Hänge hinauf und den Fluss hinab, der das Tal durchschnitt.
Keeeliii.
Keeeliii.
Der Junge war vier Jahre jünger als er, stammte von einem Hof etwas weiter unterhalb im Tal und war in vielerlei Hinsicht anders als seine Brüder, eigentlich anders als alle, die Jónas hier in der Gegend kannte. Vielleicht mochte er Keli genau deshalb, überlegte er und erinnerte sich an ihre letzte Begegnung vergangenen Herbst, als er für das neue Schuljahr nach Süden aufgebrochen war. Er war mit einer größeren Gruppe unterwegs gewesen und ein wenig zurückgefallen, als er Keli begegnete, der zu Fuß am Flussufer unterwegs war. Er hatte ein Lamm des Bauern in Hraunshöfði gefunden, das im Moor feststeckte und das er erfolgreich befreit hatte, und so war er zwar völlig verdreckt, aber fröhlich. Das erschöpfte Lamm blökte dankbar und tänzelte neben seinem Retter auf dem Schafspfad, während Jónas und Keli sich ein wenig unterhielten. Nach einer Weile fragte der Hirte, ob er auf dem Weg nach Süden sei. Die Bewohner der Gegend waren unglaublich stolz, dass Jónas die angesehene Schule in Bessastaðir besuchte. Es geschah nicht alle Tage, dass einem Bauernjungen aus ihrem Tal eine derartige Bildung zuteilwurde. Keli war nicht ganz frei von Neid, als er erzählte, wie gerne auch er sich bilden und etwas aus sich machen wolle. Die beiden Jungen hatten gemeinsam, dass ihnen die Landwirtschaft wenig Freude bereitete. Keli träumte von mehr, war sich aber seiner beschränkten Möglichkeiten nur zu bewusst, ihm stand aller Voraussicht nach ein Leben voll harter Arbeit und Armut bevor, obwohl er in vielem bewandert und gut belesen war. Er hatte alle Bücher auf seinem Hof und den Nachbarshöfen mehrmals gelesen, und auch die, die Jónas ihm gegeben hatte. Er war gepflegt und gutmütig, drängte sich niemandem auf, ein schlank gebauter, schwächlicher Junge, der noch etwas auswachsen musste.
»Bist du gut in Latein?«, fragte er.
»Das kann ich nicht behaupten«, antwortete Jónas. »Ich interessiere mich mehr für die Wissenschaft.«
»Ja, stimmt, du bist ein Rechenkopf.«
»Also gut, dann sehen wir uns wohl im nächsten Sommer«, sagte Jónas, der es für an der Zeit hielt, seine Reise fortzusetzen.
»Ich habe noch nie einen Brief bekommen«, sagte Keli und blickte mit zusammengekniffenen Augen zu Jónas auf dem Pferd hoch. »Einen richtigen Brief mit Adresse und Poststempel.«
»Ich sollte jetzt los«, sagte Jónas, der erst nicht verstand, was Keli ihm sagen wollte. »Man sieht sich, Thorkeld.«
»Gute Reise, Jónas«, sagte Keli, als sie sich dort auf dem Schafspfad verabschiedeten. »Vielleicht schickst du mir ja mal einen Brief«, fügte er hinzu, und Jónas blickte ihm hinterher, wie er mit dem Lamm davonzog. Am Ende hatte er nie Zeit gefunden, ihm einen Brief zu schreiben.
Kurz darauf sah er den Hof Steinsstaðir, wo er aufgewachsen war. Bei seiner Ankunft waren die Bewohner bereits zu Bett gegangen und niemand empfing ihn, außer der Hofkatze, ein alter Kater, der vor dem Haus seine Pfoten leckte und sich von dem Heimkehrer nicht aus der Ruhe bringen ließ.
Jónas stieg vom Pferd, nahm den Kater auf den Arm und streichelte ihn sanft. Dann erinnerte er sich an etwas, das sein Vater oft sagte: Keiner auf dem Hof weiß mehr als die Katze.
»Was ist mit Keli passiert?«, flüsterte Jónas in sein Ohr. »Wo ist der Junge hin?«
In selben Moment ging die Tür auf. Ein Mann trat heraus, er umarmte Jónas innig und meinte, sie hätten ihn frühestens morgen erwartet. Es war sein Bruder Þorsteinn, der sofort ihre Mutter wecken wollte, aber Jónas bat ihn, sie und die anderen Bewohner des Hofes schlafen zu lassen, sie würden sich am Morgen sehen. Der Kater war von seinem Arm gesprungen, als Þorsteinn vor die Tür trat, und schlängelte sich an ihm vorbei ins Haus. Die Rufe von Kelis Brüdern hallten immer noch durchs Tal. Sie verstummten erst, als die Männer Hraunshöfði erreichten, einen kleinen heruntergekommenen Hof etwas östlich von Steinsstaðir auf der anderen Seite des Flusses.
»Sie haben den ganzen Tag lang nach ihm gesucht, die Armen«, sagte Þorsteinn und blickte über den Fluss. »Es ist Þorkell …«
»Ja, das hat Bensi mir erzählt. Ich habe ihn auf dem Weg hierher getroffen. Er sagt, dass Keli verschollen ist. Offenbar glaubt man, er ist nach Skagafjörður geflohen.«
Þorsteinn schüttelte den Kopf und erklärte, der Junge sei zu Beginn des Sommers nach Þverbrekka geschickt worden, um dort auszuhelfen und weil seine Eltern nicht mehr für ihn sorgen konnten, er habe die Schafe gehütet und dergleichen. Alles sei gut gegangen, bis der Knecht von Þverbrekka, Stebbi, eines Tages unerwartet nach Hraunshöfði gekommen sei und nach dem Jungen gefragt habe, denn er sei weggelaufen. Die Hausherren in Hraunshöfði wollten das nicht glauben, ihr Sohn würde so etwas nicht tun, wenn er wirklich geflohen sei, wäre das die Schuld der Leute in Þverbrekka. Sie hätten ihren Sohn nicht gut behandelt. Kelis Vater Páll war wütend aufgesprungen und sofort nach Þverbrekka gestürmt, um seinen Ärger kundzutun, schimpfte mit den Eheleuten, der guten Valgerður und dem Bauern Sigurður, und wollte wissen, was mit seinem Sohn passiert sei. Die beiden konnten nicht viel dazu sagen, waren selbst sehr niedergeschlagen, vor allem Sigurður, der sich für den Jungen verantwortlich gefühlt hatte und kaum noch einen klaren Gedanken fassen konnte.
Kelis Verschwinden sprach sich schnell in der Gegend herum, und die Menschen fanden sich zusammen, um nach ihm zu suchen, auch die Leute von Steinsstaðir, und sie gingen das gesamte Tal ab, auf beiden Seiten des Flusses, suchten hinter jedem Hügel, oben auf den Berghängen und unten im Moor und weit bis auf die Hochebene hinauf. Auch beim See Þverbrekkuvatn oberhalb des Hofs und oben bei Hraunsvatn und im Nachbartal Hörgárdalur wurde gesucht, sogar bei Möðruvellir in Eyjafjörður und fast bis nach Akureyri. Bei jedem einzelnen Hof im Tal wurde nachgefragt, ob man jemanden gesehen habe, aber ohne Erfolg, und mit jedem Tag wurden die Helfer weniger, bis nur noch die Brüder und ihre Eltern suchten, die sich nicht damit abfinden wollten, dass ihr Junge einfach so verschollen war. Alle in der Gegend waren sehr bedrückt und rätselten darüber, was Keli zugestoßen sein könnte, aber natürlich wusste es keiner genau, das alles war nur Gerede und Mutmaßungen.
»Dann ist er also vermutlich in den Fluss gefallen?«, sagte Jónas.
»Das ist natürlich die wahrscheinlichste Erklärung«, antwortete Þorsteinn. »Die Schafe wurden in der Nähe gefunden und es kann gut sein, dass er am Ufer nicht aufgepasst hat, gestürzt ist und von der Strömung mitgerissen wurde.«
»Keli war manchmal mit den Gedanken woanders.«
»Eigentlich haben wir den ganzen Fluss abgesucht, bis nach Skipalón und in der ganzen Gegend dort, aber von dem armen Jungen fehlte jede Spur.«
Sie standen eine Weile schweigend da, ihre Blicke schweiften auf die andere Seite des Flusses und talabwärts Richtung Hraunshöfði, und sie hatten Mitleid mit den Leuten dort, die nicht wussten, wo ihr Junge steckte.
»Aber was ist mit dir?«, fragte Þorsteinn schließlich. »Wie geht es dir? Wie war die Reise? Warst du nicht zusammen mit Pfarrer Gunnar unterwegs?«
»Doch, ja«, sagte Jónas und versuchte, sich nicht von der bedrückenden Erinnerung an die Reise überwältigen zu lassen. »Alles lief gut«, sagte er schließlich, erzählte aber nichts von der großen Liebe, die ihn kurz vor dem Aufbruch zu ihrer Reise wie ein Blitz getroffen hatte. Auch über die Zeit, die sie auf dem Weg in den Norden zusammen verbracht hatten, schwieg er sich aus, und besonders über die heftige Zurückweisung, die er am Ende der Reise hatte erfahren müssen. Nur über Belanglosigkeiten sprach er, über das Wetter und dergleichen, bevor er gähnte, weil er müde von der Reise war und nichts sehnlicher wünschte, als sich auszuruhen. Þorsteinn verstand sofort und bot an, sich um das Pferd zu kümmern, er löste den Sattel und schickte Jónas in die Wohnstube, wo ihre Mutter ein Bett für ihn vorbereitet hatte.
»Sie erzählt oft, wie schwer es ihr gefallen ist, dich nach Vaters Tod wegzuschicken«, sagte Þorsteinn. »Erst gestern hat sie wieder darüber gesprochen, wegen Keli. Weil sie in Hraunshöfði nicht genug für ihn hatten und ihn deshalb nach Þverbrekka geschickt haben.«
»Er wurde zumindest nur ein paar Höfe weitergeschickt.«
»Ja, das stimmt. Bist du deswegen immer noch traurig?«
»Nein, ich sag’s nur so.«
So plauderten sie noch ein wenig weiter, bevor Jónas ins Haus ging, sich leise auszog und ins Bett legte. Trotz der Reisemüdigkeit konnte er nicht einschlafen. Er lauschte dem leisen Schnarchen in der Stube, starrte nachdenklich durch die Dachluke in die helle Sommernacht hinaus und dachte an Þóra, an ihre Nähe, die Zweisamkeit, und unwillkürlich kamen ihm Worte und Sätze in den Sinn, die er sich merken wollte, über die Reise, die jetzt ihr Ende gefunden hatte. Auch wenn er immer noch nicht wirklich zu Hause angekommen war, in Gedanken reiste er nordwärts über die Hochebenen und vor seinem inneren Auge zogen Bilder von dem Mädchen vorbei, das er liebte, und diese Bilder stimmten ihn zunehmend melancholisch.
Es war lange her, dass seine Mutter, die Pfarrersfrau, ihm von dem Stern erzählt hatte, der am Herbsthimmel über der spitzen Felsnadel Hraundrangi leuchtete, die sich vor ihrem Hof erhob, von der Venus, dem Stern der Liebe, weil er für Schönheit und Zuneigung stand, benannt nach der Liebesgöttin in den antiken Mythen. Als er vorhin das Tal hinuntergeritten war, hatte er sich an die Worte seiner Mutter erinnert und voller Sehnsucht nach Schönheit und Liebe zum Hraundrangi hochgeblickt, der spitz wie eine Messerschneide in den wolkenlosen Himmel ragte. Und obwohl er in der hellen Sommernacht die ferne Venus nicht sehen konnte, wusste er, dass sie trotzdem strahlte, im Himmelsgewölbe zwischen all den anderen Planeten des Universums, und er schlief mit dem Gedanken ein, dass es mit seinem Mädchen genauso war.
In Steinsstaðir waren bereits alle aufgestanden und hatten sich an die Arbeit gemacht, als Jónas am späten Morgen aufwachte und einen Moment brauchte, um sich zu orientieren. Frau Rannveig hatte allen befohlen, leise zu sein und ihren Sohn, den Schuljungen, ausschlafen zu lassen. Er setzte sich auf die Bettkante, und seine Mutter kam aus der Küche, umarmte ihn und hieß ihn zu Hause willkommen, ihr Blick war freundlich und sie trug die Haare in einem langen Zopf, der weit den Rücken hinunterreichte, und betrachtete ihn aus ihren leicht hervorstehenden Augen voller Fürsorglichkeit und Zuneigung. Sie wollte alles erfahren, wie es ihm gehe, wie der Winter in Bessastaðir gewesen sei und was es aus Reykjavík zu berichten gebe, wie dann die Heimreise verlaufen und ob er krank geworden sei, außerdem bedankte sie sich für die Briefe, die durchaus zahlreicher hätten sein können, wie sie hinzufügte, jedoch ohne jeden Vorwurf. Sie brachte ihm Milchbrei, Mehlknödel und Trockenfisch mit ein wenig Butter, und er fragte nach den Neuigkeiten auf dem Hof und wie sie durch den Winter gekommen seien, sie und seine Schwester und sein Schwager, die dort mit ihr lebten. Es sei zum Glück alles in bester Ordnung, berichtete sie, trotz des harten Frühlings.
»Aber welch ein Unglück mit dem armen Keli«, seufzte sie dann, nachdem sie ihm alle Neuigkeiten von der Familie erzählt hatte, sie verstand einfach nicht, wie der Junge so spurlos verschwinden konnte. »Du solltest mal bei ihnen vorbeisehen. Die arme Guðbjörg, sie ist am Boden zerstört. Keli war ihr Ein und Alles«, sagte sie und strich Jónas über die Wange.
»Ist alles in Ordnung, mein Schatz?«, fragte die Pfarrerswitwe dann, als sie merkte, dass er ein wenig bedrückt und kurz angebunden war.
»Es tut gut, wieder zu Hause zu sein«, sagte er.
Sie blieb noch eine Weile bei ihm sitzen und versuchte, ihn zum Reden zu bringen, aber ließ es dann gut sein. Er blickte ihr hinterher, als sie in die Küche ging. Manchmal konnte sie etwas überfürsorglich sein, aber niemand glaubte so sehr an ihn wie sie oder nahm sich sein Wohlergehen mehr zu Herzen. Dass er den Bildungsweg gehen durfte, hatte er in erster Linie ihr zu verdanken, das wusste er genau. Sie bedauerte immer noch, ihn nach dem Tod ihres Mannes weggeschickt zu haben, weil sie sonst nicht über die Runden gekommen wäre. Vermutlich hatte sie versucht, das wiedergutzumachen, und mehr für ihn gewollt als ein Leben auf dem Land. Sie hatte in die Wege geleitet, dass er in Goðdalir bei ihrem Verwandten Pfarrer Thorlacius lernen konnte, und nach seiner Aufnahme in die Schule von Bessastaðir sogar dem Bischof Vídalín einen unterwürfigen Brief geschrieben mit der Bitte um Almosen für ihren klugen und umsichtigen Jungen. Die Hälfte könne er dazugeben, war die Antwort, die sie von dem Vertreter Gottes bekam.
