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Was wäre, wenn nur dein größter Feind das Leben deiner eigenen Tochter zu beschützen imstande ist? Wie würde deine Entscheidung lauten? John muss diesen Entschluss fassen. Er trifft die zurückgezogen lebende und als tot geltende Rebecca, ehemalige Auftragskillerin unter dem Namen „Angel Caido“, zufällig an einem karibischen Strand und erkennt sie wieder. Beide verbindet dann ein gemeinsames Problem. Wie John, hat auch sie eine kleine Tochter und sowohl ihm wie auch ihr ist eine übermächtige Mafia auf den Fersen, die vor nichts zurückgeschreckt. Als dann eine weitere, grausame Auftragskillerin Rebecca zu töten beschließt, geben beide ihre Fluchtpläne auf und stellen sich der Mafia und deren Auftragskiller zum Kampf. Jedoch scheint die Lage für Rebecca und John sowie ihren zwei Töchtern aussichtlos. Der Autor Martin B. Dante vollendet mit diesem vierten Teil seine spannenden Thriller um das mitleidsvolle Menschenschicksal jener Rebecca Chaparro aus einem kleinen Ort in Mexico, die des Überlebens wegen zur Killermaschine wurde.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Kapitel 1: Traumatisiert
Kapitel 2: Todessehnsucht
Kapitel 3: Rivalen
Kapitel 4: Begehrte Trophäe
Kapitel 5: Chimära und Los Zetas
Kapitel 6: Das Netz zieht sich zu
Kapitel 7: Megaira und Michelangelo
Kapitel 8: Bündnis der Macht
Kapitel 9: Das Haus am See
Kapitel 10: Wenn Killer sich vorstellen
Kapitel 11: Sinfonie aus Frost und Flamme
Kapitel 12: Im Auge des Tornados
Kapitel 13: Das, was uns vereint, hält keine Ewigkeit
Kapitel 14: Was bleibt ist der Regen
Kapitel 15: Steig in die Ungewissenheit!
Kapitel 16: Am Ende stirbst du allein
Epilog
Impressum
»Vergebung kann die Vergangenheit nicht ändern, aber die Zukunft beeinflussen.«
Elizabeth Keen
Juli 2010, Frankfurt am Main, Deutschland
Für das amerikanische Ehepaar Sandra und John Winter sollte es ein gewöhnlicher Urlaub werden. Man traf langjährige Freunde hier in Deutschland, genauer definiert, in Frankfurt am Main, der wohlbekannten Messestadt. John Winter erinnerte sich, er blinzelte betroffen, als er seine Gedankenreise startete. Mit seinem engsten Freund, Oliver Müller, besuchte er ein Rockfestival, um seine Frustration besser verdauen zu können. Aufgrund von allmählichen und später in hohem Maße erschreckenden Streitereien mit seiner Frau Sandra, flüchtete John in seine eigene Welt. So übergab er Melanie die Obhut, Sandra zu ihrem wichtigen Seminar zu begleiten. Er setzte vollstes Vertrauen in Olivers Frau, seiner Sandra Mut und Beistand zu spenden. Von Sandra fühlte er sich um diese Eigenschaften betrogen. John Winter war es leid, für Sandra zu kämpfen, um am Ende nur Hohn und Spott zu kassieren. Waren ihre gemeinsamen Jahre, die Momente des Glücks schon vorbei? Er hatte darauf keine Antwort.
Am selben Abend gesellte sich John bereits in Anwesenheit von Oliver. Der hatte sich lässig eine Zigarette gerollt und zwischen die Lippen geschoben, nachdem dreißig Euro als Eintritt draufgingen. Für den Amerikaner reine Nebensache, denn hier fühlte er sich wohl. Er vermisste Sandra nicht und kein Bedauern keimte in ihm auf. Nein, er war komplett in Umkehr seiner sonstigen Emotionen. Ein nie da gewesenes Gefühl der Freiheit setzte sich unter seine breite muskulöse Brust fest, erst recht, als die beiden Männer sich im Hauptzelt des Festivals an einem gemütlichen Holztisch setzten und das standardisierte Leben eines Ehegatten Revue passieren ließen. Das durchdringende Klirren ertönte, als deren Biergläser aneinanderstießen und man sich gegenseitig des allgemein bekannten Wohles aussprach. John Winter bemerkte nicht, dass er bereits von hinten beobachtet wurde. Zwei Augenpaare richteten sich auf sein Antlitz.
„Was für ein hübscher Bursche!“, sinnierte Daniela, die noch am Zelteingang mit ihrer großgewachsenen Freundin weilte.
„Die gleichen blauen Augen wie Adrian“, hauchte Rebecca. „Aber der andere Schmalspurwichser ist ja wohl kaum zumutbar“, stichelte Rebecca ohne Gefühlsausdruck ihrer braunen Augen.
„Guck dir das mal genau an, Dany, der Sonnyboy versucht seinen Ehering abzustreifen!“
Doch Red Viper hörte gar nicht mehr hin. Sie fixierte sich ganz auf den Amerikaner. Sein pechschwarzes Haar und der breite Rücken gefielen der Rothaarigen außergewöhnlich. Nur ein einziges Wort kroch ihr kaum hörbar zwischen die vollen Lippen durch:
„Beute!“
„Hey, Dany, den Blick bei dir kenn` ich doch. Du schnappst dir den Gutaussehenden und mir soll wohl diese andere Flachpfeife genügen?“, knurrte Rebecca bissig.
„Gutaussehend ist untertrieben, meine liebe Beccy. Der Typ ist `ne Granate. Den schnapp` ich mir…“
Rebecca ballte die Fäuste, verzog ihre Lippen und senkte eine Augenbraue in bedrohlich lauerndem Blick. Sie war nicht einverstanden mit Danielas kurzer Aussage, denn auch Angel Caido fand Gefallen an John Winter. Sie versuchte ihre innerlich aufkochenden Emotionen zu bremsen, was ihr aber nicht sonderlich gut gelang. Plötzlich brüllte jemand quer durch das Zelt. Gemeinsam starrten sie auf eine füllige, dunkelhaarige Frau, die begann, lautstark den Namen Oliver Müller durch das Zelt zu rufen. So rannte die mit den Händen hektisch wedelnd auf den Tisch zu, wo John und Oliver saßen. Oliver schien nicht sonderlich erfreut, als die Frau an deren Tisch trat und die Männer begrüßte. Rebecca grinste, konnte sich eine sarkastische Wortwahl ihrer Freundin gegenüber nicht zurückhalten.
„Anscheinend war die Wuchtbrumme schneller, Dany?“
„Pah, lächerlich. Auf so eine total überschminkte, billige Tussy steht unser Süßer bestimmt nicht. Kann mir das jedenfalls nicht vorstellen!“
„Viel Spaß dabei“, und die Platinblonde distanzierte sich schleichend von Daniela.
„Wo willst du hin, Beccy?“
„Mir die Beine vertreten, vielleicht eine rauchen, Musik hören – da draußen gibt es sicher etwas, was auch mir zusagt. Weißt du, der Typ da drinnen ist wirklich anziehend, aber auf den anderen Penner und die Knödelfee hab` ich echt keinen Bock.“
„Dann sehen wir uns später, Baby. Stell` nichts an, Süße, OK? Ich bleibe hier, wenn es dir recht ist…“
„Bis später, Dany!“
Mehr vernahm Daniela nicht von ihrer langjährigen Freundin. Sie hatte ihre Wortwahl mit Bedacht gewählt, denn Rebecca war nicht mehr die einst disziplinierte, willensstarke Frau mit Herz und Verstand. Sie zeigte auch kein Lächeln mehr. Mit ihren grazilen Augen und den tadellos weißen Zähnen könnte Rebecca viele Lebenssituationen einfach und ohne Zwischenfälle locker meistern. Aber das tat sie nicht mehr. Stattdessen mutierte sie zu einer eiskalten Wölfin, immer lauernd, angriffslustig mit einem Antlitz, welches ihre immense Schönheit durch eine kalte Ausdruckslosigkeit verschluckt hatte. Daniela starrte ihrer Freundin mit Vorsicht hinterher. Sie wusste, Rebecca alleine auf einem Rockfestival, das barg ein gewisses Risiko. Besonders wenn Alkohol ins Spiel kam. Rebecca ziehen zu lassen wirkte wie ein Bedauern, aber eben auch ein wenig befreiend. Daniela hatte sich unlängst in den Amerikaner verguckt und jetzt – an diesem Punkt wollte sie ihn für sich gewinnen. Dass sie das auch erreichte, stand für Red Viper von Anfang an fest, weil Männer sie ohnehin begehrten.
Die zierliche Frau beobachtete John Winter, erspähte, wo er teilnahmslos hinschielte. Genau in den Gang zwischen den Sitzreihen. Ja, hier würde sie genau in seinen Blickfang treten. Die Zeit für ihren Auftritt war gekommen. Ein letztes Zupfen an ihrem weißen, bauch- und schulterfreien Top, dann vollzog Daniela Maria Morena ihren Einmarsch. Ihr signalrot gestyltes Haar, dessen Länge ihren schmalen Hals und muskulösen Nacken offenbarte, blitzte in Johns Augenwinkel und seine passive Haltung, dem dauernden Tratschen seiner neuen Tischnachbarin geschuldet, veränderte sich rasch. Nun blickte er hoch und starrte Daniela auf das verführerisch wackelnde Hinterteil, das gerade vor seiner Nase cool vorbeischlenderte. Wie von gesegneten Strahlen erleuchtet, sah er nun Danielas übrige Erscheinung, als sie zur Theke schritt und sich komplett zu ihm umdrehte. Ein charmantes Lächeln großer, schneeweißer Zahnreihen verzauberte ihn, setzte ihn wie unter Liebesbann. Runde Augen, jadegleich in Farbe und Ästhetik, blickten direkt in seine Himmelblauen, die ein Zucken und Zittern seiner Pupillen verursachte. Mit einem Wort – diese Frau war genau sein Typ. Sofort schnappte sich John das letzte Bier, erhob und verabschiedete sich kurz angebunden bei Oliver, weil ihm gerade diese Daniela zugewinkt hatte.
„Hey, schöne Unbekannte. Ich heiße John Winter“, begrüßte er sie höflich.
„Hi, ich bin Dany.“
Sie verbohrten sich mit den Augen gegenseitig.
„Dany ist sicher der Kosename von Daniela?“
„Yepp, Süßer!“
„Ich muss zugeben, du hast mich ganz schön irritiert.“
Red Viper lächelte edel.
„Du hast ein so süßes gerolltes R in deiner Aussprache, John.“
Inzwischen fand Rebecca, schneller als erwartet, den Zelteingang. Aus der Ferne beobachtete Rebecca kritisch den Flirt zwischen Daniela und dem für sie noch unbekannten Amerikaner. Das stimmte sie missgünstig, weil ihre Freundin gerade ein humorvolles Gelächter anstimmte und John an der Schulter berührte, nachdem sie seinen Akzent mit einer gelungenen Imitation von Hundegebell nachahmte. Beide lachten im Einklang, John wegen der starken Leistung ihrer Vorstellung, Daniela, weil sie sich über sein verdutztes Gesicht amüsierte. Rebecca gefiel die Harmonie der beiden überhaupt nicht. Als sie fest entschlossen losstapfte, traf ihr finsterer Blick kurz Oliver und Regina. Oliver Müller staunte mit offenem Mund, als er die großgewachsene Blondine einer Leibesvisite unterzog. Das platinblonde, kurze Haar glänzte durch die Deckenbeleuchtung wie ein Heiligenschein. Auch Oliver schien für den Bruchteil einer Sekunde wie festgewurzelt. Erst Regina löste seine innere Starre.
„Was macht eigentlich eine so hübsche Frau wie du hier ganz alleine im Zelt?“, fragte John neugierig. Daniela schlürfte am Bierglas.
„Alleine? Nein, John, ich bin in Begleitung hier!“
Diese Antwort traf den Amerikaner wie ein massives Bündel Blitzstrahlen, seine Mimik veränderte sich unfreiwillig sofort. Er konnte es sich fast denken, dass eine solche attraktive Frau wie Daniela in einer festen Beziehung stecken musste. Red Viper bemerkte die Unsicherheit von John wie auf Knopfdruck. Schnell hatte sie ihr Bier auf der Theke abgestellt und den Amerikaner an beiden Wangen gefasst. Er verspürte die flauschige Berührung ihrer roten Lippen auf seinem Mund. „Hey Johnny – ich wollte dich nicht erschrecken.“
Sie lächelte ihm wieder breit entgegen.
„Meine Begleitung besteht aus meiner Freundin. Sie heißt Rebecca!“
Diese Nachricht überkam ihm einem Gefühl gleich, dass einem zum Tode Verurteilten überkommt, den man gerade von seiner Begnadigung berichtet hatte. Pure Erleichterung nahm ihm die Last von seinem Herzen, auf seinem steingrauen Gesicht kehrte wieder das Lächeln zurück. Ja, John Winter spürte es. Dieses Gefühl, warm unter seiner Brust. Dieser unbeschreibliche Moment mit Daniela. Keinen einzigen Moment seiner Gedanken verschwendete er an seine Frau Sandra. Er drückte Danielas Hand fester an seine Wange und sah ihren liebevollen Blick, der seine Augen festhielt.
„Aha, mit einer Freundin bist du hier? Und wo ist sie gerade?“
Daniela kicherte. „Steht genau hinter dir, John.“
Überrascht drehte sich John um und sah die Blondine. Da stand sie unmittelbar vor ihm! Rebecca Chaparro! Die große Frau bohrte ihren Blick fest in seine Augen. Ein merkwürdiger, angsteinflößender und ernster Blick. John konnte sich nicht entscheiden, ob aus ihren Sehorganen pure Arroganz oder nur Neugier sprach.
„Hey, ich bin John“, was irgendwie hilflos und überrascht zugleich klang. Er streckte seine Hand aus, um Rebecca zu begrüßen. Das erweckte sicher einen guten Eindruck bei Daniela, weil beide Frauen miteinander befreundet waren. Aber Rebecca erwiderte den Handschlag nicht. Bewegungslos wie eine Pantomime starrte sie ihn noch immer mit ihren kastanienbraunen Augen an. Dann endlich:
„Hallo John“, hauchte sie fast lautlos. Rebeccas Stimme klang tief, rauchig und irgendwie kennzeichnete das eine äußerst selbstischere Art. Inzwischen hatte John seine Hand zurückgezogen und ging einen Schritt rückwärts. Er musterte Rebecca. Sie war ungefähr genauso groß wie seine Frau Sandra. Das konnte er gut abschätzen, denn ihre Augen befanden sich im gegenüber wie bei Sandra auf selber Höhe. Sein Augenpaar wanderte nach unten, blieb an ihrem Ausschnitt hängen. Rebecca war nicht nur groß, sondern hatte neben einer sehr guten, fast bedrohlich wirkenden durchtrainierten Figur noch einen außergewöhnlichen, reizvoll ansprechenden Busen. Den präsentierte sie heute Abend, denn ihr schwarzes Oberteil ließ tief blicken. Aber es war nicht nur die Größe ihrer Oberweite, die Männerblicke auf sich zogen, sondern ihre Tätowierungen über ihren Brüsten. Je links und rechts zierten Schwalben mit roten Sternen ihren tiefen Ausschnitt. Sie erweckten real den Anschein direkt in die Lüfte steigen zu wollen.
Als sein Freund Oliver zu ihnen aufschloss, drehte sich Rebecca ganz langsam von John Winter weg. John starrte ihr kurz angebunden auf die endlos langen Beine, streifte Danielas veränderten Blick, der nun gar nicht mehr harmonisch wirkte, und wieder zurück auf Rebecca. Die hielt den Kopf in leicht nach unten geneigter Haltung. Ihre schmalen Brauen senkten sich auf die in geschickt gesetzter Schminke verzierten Augen, die zu schlitzartigen Dolchen mutiert waren. Neben dem sehr eiskalten Antlitz fiel John ihre schlanken muskulösen Arme auf. Der Linke war komplett in zahlreichen Tattoos eingehüllt. Ein scharf buntes Bildnis aus Rosen, Schleifen und Tribals. Am Unterarm prangte ein markanter Schriftzug, setzte dem Kunstwerk sozusagen die Krone auf. Gedankenversunken fasste John Daniela um die Hüfte, als er den Text Pleasure And Pain auf Rebeccas Elle las. Die Gedankenbilder verflogen wie Blüten im Wind. Er dachte nicht im Traum daran, welches fürchterliches Ereignis sein Freund Oliver wenige Stunden später erleben wird.
Mai 2023, Playa del Carmen, Mexiko
John Winter überkam ein seltsames Gefühl: Die alte Sache mit den Schmetterlingen im Bauch. Hatte er früher auch nicht geglaubt, aber inzwischen mindestens zweimal selbst am eigenen Körper erlebt. So wurde er tatsächlich verlegen, diese Mileena traf genau seinen Geschmack. Sorgsam und sicher geleitete diese großgewachsene Schönheit die Töchter Aurelia und Emily über den goldgelben Sand. Das war genau der Moment, als er ihren Oberkörper von vorne wie ein scharfes Foto betrachten konnte. Ihre glatte Haut wirkte sehr anziehend, dann glitt sein Blick langsam über die hervorragend gestochene Tätowierung. Wie von einer unsichtbaren Panik ergriffen, rutschte ihm die Vergrößerungslinse aus der Hand und landete vor ihm im Sand. Ehrfurcht erstarrte seine Sinne und eine schreckliche Kälte fuhr ihm seinen Hals herunter bis direkt in die Brust. Sein Herz begann plötzlich wild zu schlagen und er war sich sicher, dass seine Tochter Emily in großer Gefahr schwebte. Er wühlte im Sand, ohne den Blick vom Ufer abzulenken. In seiner Verzweiflung fand er die Linse nicht sofort, nur Reste vom goldenen Sand spürte er an seinen Fingerspitzen.
Rasend vor Hektik griff er mehrmals ins Leere, bis er dann endlich das für ihn so wertvolle Vergrößerungsglas spürte. Konzentriert und gespannt umfasste es der Amerikaner und bewegte es langsam zu seinem Auge hin. Voller Angst blickte er noch einmal durch das linsenbestückte Gehäuse. Jetzt spürte er die Kälte, wie sie von innen nach außen auf seine Haut kroch. Sein Atem wurde langsamer und stockender, Angstschweiß bildete sich auf seinem Hals und seiner Stirn. Er merkte gar nicht, wie sein ganzer Körper inzwischen zu zittern begann, aber er hatte richtig gesehen: Über dem großen Busen von Mileena erkannte John Winter zwei tätowierte Schwalben, die sich, von roten Sternen umringt, anstarrten und extravagant und sehr eindrucksvoll ihre Oberweite hervorhoben. Darunter zierte neben zahlreichen weiteren Tattoos ein markanter Schriftzug ihren linken Unterarm. Ihm stockte der Atem, als er die Worte las: Pleasure And Pain.
Als John um Luft rang, hatte sich Mileena von ihm abgewendet, um sich ihrer Tochter Aurelia zu widmen. Die imposante, große Frau hob das Mädchen ohne jede Anstrengung in die Höhe und hielt sie auf einem Arm fest. John starrte der starken, durchtrainierten Frau von hinten in den Nacken und leise, aber gut hörbar, zischte ihm der Name wie ein stöhnender Pfeifton zwischen Lippen und Zähnen hindurch: Rebecca?
Die Frau drehte sich ganz langsam um und John blickte plötzlich in ein wie aus Stein gemeißeltes, völlig ausdrucksloses Gesicht. Er glaubte in die Tiefen der absoluten Seelenlosigkeit zu blicken, um ihn herum baute sich eine beängstigende Leere auf. Nochmals fiel die Linse aus der kraftlos gewordenen Hand und versank in den Wellen des Sandes. Er widerstand nicht dem scharfen Blick der sich zu schmalen Schlitzen veränderten Augenlider seines Gegenübers und stürzte vornüber mit dem Gesicht in den heißen Sand. Er vernahm im Geiste die Worte Danielas: „Nur ein Traum hat alles Sein!“
Dann verwandelte sich seine ganze Umgebung in eine Landschaft von unscharfer Weite und nur für ihn hörbar flüsterten seine Lippen:
„Ich liebe dich, Dany!“
Ein hämmernder Schmerz durchwanderte seinen Kopf, ein unerträgliches Pochen klopfte an seine Schädelwand und verbittert kniff John Winter seine Augenlider zu. Daniela saß auf seinem Schoß, siegessicher und mit einem teuflischen Grinsen, als sie das schwarze Stilett in die Höhe hielt. Bereit, es wie einen Eispickel in seine Stirn zu rammen. Doch sie zögerte. Trotz ihrer mörderischen Vergangenheit als Auftragskillerin fiel ihr die sonst schnell zur Tagesordnung angehende Exekution schwer. Zeigte sie etwa doch so etwas wie Emotionen? Nach all diesen vielen Morden, diesem Wahnsinn, dieser heimtückischen Exzesse mit ihrer psychopathischen Freundin Rebecca? Waren Danielas Gefühle zu John real, ja, ihre Liebe sogar stärker als der Hass? Liebte sie ihn etwa noch, so wie er es einst bei ihr tat? Ihr zitternder Arm veränderte sich nicht, als John unfreiwillig ihre Träne auffing, sie warm auf seiner erhitzten Wange spürte. Dann fiel der dröhnende Schuss, zerfetzte der rothaarigen Schönheit das türkisfarbene T-Shirt im Brustbereich. Zwischen Fleisch- und Knochenresten drang eine zähflüssige Suppe aus dem kranzförmigen Loch zwischen ihrem Busen, wanderte abwärts und hatte binnen Sekunden alles dunkelrot eingefärbt. Danielas Gesichtsausdruck hatte die dämonische Fratze verloren, stattdessen trat eine versteinerte Miene auf ihr Antlitz. Sie blickte fast bedauerlich nach unten, weil ihr das Stilett aus den kraftlosen Fingern rutschte und direkt neben Johns Gesicht im Holztisch stecken blieb. Aus dem Augenwinkel sah sie Johns Frau Sandra. Diese umklammerte einen silbernen Revolver, setzte verhalten einige Schritte seitwärts, um eine noch günstigere Position einzunehmen.
„Dein Mistweib hat mir voll durch die Titten geschossen. Verdammt, tut das weh.“
Daniela beugte sich zu John runter. Ihre Lippen, aus denen Blut begann auszutreten, öffneten sich einen Spalt. Sie wusste anscheinend, dass Sandra sie nicht verschonen würde, dass der Schuss tödlich enden würde, es nur noch eine Frage der Zeit war, bis sie, Red Viper, ablebte. Also überlegte sie und ordnete ihre letzten Gedanken, vom Schmerz zerstreut, um John noch zu sagen, was gesagt werden musste:
„In deinem Handy findest du eine letzte Nachricht von mir. Ich hab` dich wirklich geliebt John Winter. Verzeih mir…“
Der zweite Schuss riss Daniela die komplette Halsschlagader auf. Blut strömte in einer gekrümmten Linie wie aus einem Geysir, befleckte die komplette linke Seite des Tischs und Johns Oberkörper. Und obwohl Daniela vor Pein die Zähne wie eine Raubkatze fletschte, ihr Körper kaum noch in der Lage war zu agieren, konnte sie ihren Kopf so nahe an John herantasten, um ihn ein letztes Mal zu küssen.
„Weg von meinem Mann, du Schlampe.“ Der letzte Schuss beendete den Akt von Harmonie und ging in Tragik über. Die Kugel durchdrang in gerader Linie den Kopf Danielas, ließ die ehemalige Profi Killerin wegknicken, so dass ihr Rücken mit einem knackenden Ton zwischen den mittleren Wirbeln brach. Sie kippte wie eine Leiter seitlich vom Tisch, schlug hart zu Boden. Ihre smaragdgrünen Augen waren starr und weit wie ihr blutgetränkter Mund geöffnet. Dann war es so still wie im Haus Gottes. Der Spuk war vorbei.
Johns Visage sah grauenhaft aus. Überall Blut. Sein eigenes und das von Red Viper. Die permanenten Schmerzen verursachten bei ihm heftige Schüttelkrämpfe, ganz zu schweigen von dem hässlichen Juckreiz, der dort entstand, wo einst sein Auge zugegen war. Und dennoch hatte er am grausamen Tod von Daniela Maria Morena und der damit verbundenen Rettung durch seine Sandra so viel Anteilnahme gehabt, dass Tränen den Weg aus seinem verbliebenen Auge rannen. Er presste erneut das Lid zusammen, konzentrierte sich fieberhaft und watete durch die nebligen Gefilde seines Erinnerungsvermögens. So gelangte er zeitlich einen Abschnitt weiter in die Vergangenheit. Die Erinnerung gab sich grausam. Er stand nun unmittelbar vor seinem allergrößten Albtraum – Rebecca Chaparro. Sie war inzwischen in Kreisen der Mafia als Angel Caido, der gefallene Engel, bekannt.
„Jetzt wirst du leiden, Wichser. Genau wie dein Freund Oliver litt, als ich ihn qualvoll gerichtet hatte“, drohte die Platinblonde.
Ja, sie hatte seinen besten Freund kaltblütig getötet. Mit bloßen Händen. Ganz langsam. Knochen für Knochen, der brach, Wunde für Wunde, die aufplatzte. Die hämmernden Faustschläge erzeugten dumpfe Klatschgeräusche. Auch in seinem Gesicht. Schnell hatte Rebecca den Amerikaner mit einem Fausthieb auf die Bretter gelegt, sich über ihn positioniert. Und trotz ihrer starken Verletzung, dem zertrümmerten Knie, durch einen hölzernen Baseballschläger hervorgerufen, überwältigte Rebecca Chaparro John Winter dennoch. Er lag schwach und besiegt am Boden, sozusagen auf dem Präsentierteller für die Auftragskillerin. Aus den Tiefen seines zerfahrenen Geistes rieselten letzte Erinnerungen hoch, wie es ihm durch ein inszeniertes Ablenkungsmanöver gelang, Rebecca die abgebrochene Hälfte des Baseballschlägers in den Unterleib zu rammen. Ohne den gefesselten Beamten wäre das die Freikarte nach Walhalla gewesen. Der hatte Rebecca mit einer hochemotionalen Beichte erfolgreich beirren können. So standen sie sich Augenblicke später gegenüber.
Von Angesicht zu Angesicht. John Winter und Rebecca Chaparro. Beiden sah man die starken Verletzungen ihrer geschwächten Körper an.
So entschied sich die Blondine für eine verbale Attacke, indem sie John erbarmungslos mit Provokationen konfrontierte.
„Weißt du John, dein Freund Oliver hat geheult wie ein kleines, schwaches Kind, während ich ihn todgeprügelt habe. Gebettelt und gewinselt. Wieder und immer wieder. Dieser widerliche Versager als Aufschneider eines schwachen Mannsbildes!“
„Lass dich nicht auf ein Wortgefecht mit der ein. Das gehört zu ihrem Standard und sie ist dir darin weit überlegen, John“, warnte der blonde Beamte.
Kalt und klebrig überzogen winzige Schweißperlen Johns Stirn. Sein durchnässtes Haar heftete sich in seinem Schweiß. John schätzte die Worte des Beamten, dem er inzwischen vollstes Vertrauen schenkte. Also kerkerte er alle negativen Emotionen tief in seinem Innersten ein, schob dem einen Riegel vor, indem er an die guten Dinge des Lebens dachte – an die Hoffnung und an die Liebe, die vielleicht mächtigsten Gefühle im Universum. Und er war mental stärker als sie, ließ sich nicht zu einem Ausfall hinreißen, so dass Rebecca ihn wohlmöglich doch noch wie die Fliege ins Spinnennetz lockte. In ihren Fängen hätte sie ihm das Genick brechen können. Mit einem überhasteten Angriff seitens Johns wäre ihr das sicher gelungen. Es dauerte einen Augenblick, bis John absolute Genesung über seinen Verstand zurückeroberte. Voller Gelassenheit klang seine Stimme endgültig:
„Alles, wonach ich mich sehne, ist dir zuzusehen, wie du im Gefängnis schmorst und dort mit anderen Mannsweibern um dreckige Brotkrumen ringen wirst. Mit dir bin ich fertig, Rebecca Chaparro!“
Seine Worte malten in Rebeccas Gedanken realistische Bilder ihrer grausamen Vergangenheit aus. Und nur ein unheilvoller Ort offenbarte sich ihr in Sekundenschnelle. Das Gefängnis Shores of Hell, mit all seinen lebensfeindlichen Schreckensbildern. Wie auf Befehl erschienen ihr die drei verhassten Visagen fiktiv im Geiste: Die diabolische Insassin Walküre, der sadistische Gefängniswärter Paxton und ihre einstige Mentorin – Mira Tristany. Jener Mensch, der sie am meisten enttäuscht und verletzt hatte, ihr damals vernünftiges und ruhiges Wesen derart vergiftete, dass sie zu dem roboterhaften Monster mutierte, welches nun ihr Selbst darstellte. Die Vorstellung, wieder inhaftiert zu werden, lösten in Rebecca letzte Kraftreserven auf, um die unerträglichen Schmerzen gänzlich zu ignorieren. So konnte sie mit wenigen Schritten John erreichen, ihre Hände an seine Gurgel pressen, um ihn mit aller Kraft zu erdrosseln. John spürte die immense Power, über die Rebecca noch verfügte. Er hatte das Gefühl sein Hals wäre in einer Schlinge aus Draht eingezwängt, die sich per Automatismus von Sekunde zu Sekunde zuzog. Seine einzige Chance war ihr noch mehr Schmerzen zuzufügen. Ihre offene Wunde zwischen den Schenkeln. Er griff ihr rabiat in den Schritt, faltete ihr Fleisch mit den Fingern auseinander. Ein gellender Schrei betäubte John fast, so laut brüllte die Blondine angeschlagen. Sie torkelte benommen rückwärts, genau zu dem Sims des zerstörten Fensters. Dort hielt sie sich am Schritt und Fensterbrett fest. Den heran sausenden Fußtritt Johns sah sie nicht mehr kommen.
Der beförderte die schlanke Blondine kopfüber aus dem Fenster. Sie zog sich an gewissen Stellen ihres Körpers Schnittwunden zu, weil noch einige Scherben scharfe Ränder aufwiesen und mit ihr über das Schrägdach kullerten. Infolge des starken Neigungswinkels beschleunigte der Körper enorm, bis er laut gegen den schmalen Schornstein klatschte und dort eingequetscht hängen blieb. Arme und Beine rüttelten wie unter fieberhaften Krämpfen, ihre Finger bewegten sich langsam und öffneten sich von einer Kralle zur geraden Fläche. Rebeccas Augen waren weit geöffnet. Sie starrte noch hoch zum Fenster, wo John stand. Dann erschlaffte der ganze Körper, ihr blondes Haupt fiel zur Seite, nur noch die Augäpfel vergrößerten sich unter heftigem Zucken. Aber dann beruhigten sich alle Körperfunktionen und ihre dunkelbraunen Augen schlossen sich ganz langsam – fast friedlich. John verfolgte das Schauspiel ihres Todeskampfs bis zum letzten Augenblick. Ihm wurde so übel, dass er sich über den Fenstersims beugte und übergab. Dann brach der Amerikaner plötzlich erschöpft zusammen. Er verspürte keinen authentischen blanken Schmerz mehr, sondern bemerkte tiefgründig, wie etwas aus seiner Seele versuchte an die Oberfläche zu gelangen. Wie ein Ertrinkender, der versuchte sich gegen das Füllen der Lungenflügel durch eindringendes Wasser zu beugen. Welch ein grausamer Rückblick.
Einige Passanten hatten beobachtet, wie der stämmige Körper von John Winter kopfüber aus der Liege in den Sand gestürzt war. Sofort war ein Mexikaner Mitte Vierzig zugegen, er fragte hektisch nach dem Wohlbefinden und sah die kleine Emily, die fieberhaft ihren Vater wachzurütteln versuchte.
„Alles in Ordnung hier, Señora?“, fragte er deswegen, den Blick auf die große tätowierte Frau gerichtet. Mileena drehte ihren Kopf wie gesteuert zu dem Mexikaner rüber. Ihre Stimme blieb cool und metallisch tief. „Sie könnten mir eine Flasche kaltes Wasser bringen. Das wäre hilfreich!“ Der Mann kehrte wie auf Knopfdruck um und rannte über den hellen Sand zurück zu seinem Liegeplatz, ein paar Yards weiter entfernt. Mileena indessen löste ihre fast passive Haltung, fasste die schluchzende Emily um den Rumpf und trug sie wie eine Puppe zu ihrer Tochter Aurelia rüber. Behutsam setzte sie Emily dort ab.
„Komm, beruhige dich, Emily. Ich kümmere mich um John.“
Sie stapfte ein paar Schritte durch den Sand, bückte sich zu dem bewusstlosen Körper von John Winter runter und wollte ihn gerade am Nacken packen, als ein junger Tourist seine Hilfe anbot.
„Warten Sie, hübsche Frau, ich erledige das. Der Kerl ist doch sicher viel zu schwer…“ Er hatte den Satz noch nicht ausgesprochen, da wurde er Zeuge der unglaublichen körperlichen Verfassung, über den die athletische Frau mit den graublonden Haaren verfügte. Wie einen Beutel konnte sie John mühelos vom Boden anheben und dann leicht wie eine Bettdecke auf die Liege hieven. Der Mann sah sie ungläubig an, nicht zuletzt wegen der groben Einlage. Mileena starrte mit scharfen Schlitzen ihrer dunkelbraunen Augen zurück.
„Danke, ich komm` schon alleine klar“, brummte sie scheinbar frustriert. Aber ihr strenger Blick veränderte sich, als sie den Mexikaner mit der gefüllten Wasserflasche entdeckte. Der übergab ihr das Behältnis und Mileena zögerte keine Sekunde, als sie den kalten Inhalt über Johns Gesicht schüttete. Es erzielte die gewünschte Wirkung, denn ein Keuchen drang von der Liege zu ihnen hoch. Dann strampelte er seinen Körper wie ein Säugling, ehe er mehrmals hustete, weil er sich an dem frischen Wasser verschluckt hatte.
„Das beste Mittel gegen einen Sonnenstich“, log Mileena die beiden fremden Männer an, deren konsternierten Blicke die großgewachsene Frau trafen. Mileena erhoffte sich mit ihrer Aussage deren Anwesenheit nicht länger teilen zu müssen. Aber dem war nicht so. Sie standen wie verwurzelt vor der Liege mit dem roten Sonnenschirm. Das stimmte Mileena um.
„Bitte die Herren, wären Sie so freundlich, mich und meinen Mann nun alleine zu lassen? Wir würden jetzt gerne ein paar Minuten zu zweit haben.“
Der Mexikaner nickte nur, nahm ihr die leere Wasserflasche ab und verschwand kopfschüttelnd. Der Tourist folgte, tat es ihm gleich und kratzte sich beim Weggehen am Hinterkopf. Auch Emily rätselte, sie hatte die Worte ‚mein Mann‘ nicht verstanden. Verdattert stand sie noch neben Aurelia, die sich bisher noch gar nicht rührte. Erst als die drei Jahre jüngere Emily aufgebracht zu ihrem Vater rannte, sich an seine breite Schulter kuschelte, folgte die blonde Aurelia auf Fußspitzen, gesellte sich zur Mutter Mileena.
„Papa, geht`s dir wieder besser?“, wollte Emily nun wissen, drückte sich ganz fest an Johns Brust. Der hatte noch Mühe, sich von dem Schock und dem damit verbundenen Psychotrauma zu erholen. Sanftmütig streichelte er seiner Tochter durch das dunkelbraune lange Haar.
„Mir geht`s gut, Emily. Bitte mach` dir keine Sorgen!“ Als er vorsichtig zu Mileena rüber schielte, wanderte sein Augenpaar von derer scharfgestochen Tattoos zurück in ihre Augen, die ihn finster, aber neugierig anstarrten. Er hatte richtig hingesehen, was ihre Körperzierde belangte, somit hegte er Zweifel gegenüber den ausgesprochenen Worten gegenüber seiner Tochter. Mileena unterbrach endlich das verlegene Schweigen.
„Aurelia, würdest du bitte mit Emily gemeinsam den Wall eurer Sandburg verstärken. Wenn die bösen Spanier einmarschieren, muss die Festung doch standhalten, nicht wahr? Lasst uns bitte für einen Augenblick alleine“, säuselte Mileena. Aurelia zögerte. Das schmeckte Mileena ganz und gar nicht. „Tu was ich sage, Aurelia, oder du lernst mich kennen!“, schrie sie abrupt ihre Tochter an. Die zuckte erschrocken hoch, schritt ohne Umschweife zu Emily hin und krallte in deren Hand. Doch die schüttelte energisch den Kopf, weil Mileena mit ihrem lauten Schrei ihr eine Heidenangst eingejagt hatte. Bisher fand sie die große, sportliche Mileena super nett und mehr als nur sympathisch. Aber das war nun wie weggeblasen. Jetzt schauderte es Emily, wenn sie einen Blick in Mileenas dunkle Augen warf, von der, scheinbar wie ausgewechselt, nunmehr eisige Kälte ausging.
„Komm Schatz, leiste Aurelia ein wenig Gesellschaft. Tust du Mileena und mir den Gefallen? Wir haben etwas sehr Wichtiges zu besprechen.“ Dabei zog John seine Augenbinde gerade, die ihm wegen des Sturzes verrutscht war und musste unbequem schlucken, als er in das finster drohende Gesicht von Mileena blickte. Emily übte Nachsicht, folgte Aurelia verhalten, weil die bereits Druck an ihrer Hand ausübte und sie ein paar Meter weiter zu der kunstvollen Sandburg zerrte.
„Aber nicht zu weit entfernen“, rief Mileena den Mädchen hinterher. Ihre Aufmerksamkeit widmete sie nun John, der sichtbar zu schwitzen begann. Sofort krallte sich die Blondine in seinem Ärmelansatz des weißen T-Shirts und rollte den nach oben.
Zum Vorschein kam der schwarze Drache auf seiner linken Schulter. Mileena zog ein schneidiges Lächeln auf.
Atemlose Stille folgte, ehe ihre Stimme wieder erklang.
„Kommt mir bekannt vor. Ja, die Tattoos! Sie sind es, die unsere Identität preisgeben, nicht wahr…?“
Ihr zynisches Lächeln verschwand, stattdessen kehrte die Beschaffenheit einer völlig gefühlslosen Härte in ihr sonst hübsches Gesicht.
„…John Winter!?“ Der Name erklang im Ton wie ein Donnergrollen.
In Johns Mund hatte sich eine seltsame Trockenheit gebildet und unter seiner Brust spürte er sein Herz heftig schlagen. Er starrte der athletischen Blondine oberhalb ihres schneeweißen Bikinis direkt auf ihren großen Busen und dort sah er die Schwalben, umringt von roten Sternen. Leise flüsterte er:
„Wirst du mich jetzt umbringen, Rebecca Chaparro?“
September 2010, Frankfurt am Main, Deutschland
Dominik Leichtfuß fühlte sich nicht wohl. An diesem Morgen überlegte er intensiv, ob er sich nicht krankmelden sollte, um ein paar freie Tage zu Hause genießen zu können. Es war bekannt, dass der junge Rechtsmediziner seinen Vorgesetzten Dr. Lars Benischke nicht sehr mochte. Die besserwisserischen fachlichen Argumentationen und der menschenverachtende Führungsstil seitens des Doktors stießen bei Leichtfuß stets übel auf. Für ihn nur eine Frage der Zeit, bis er ihm mal ordentlich einen Denkzettel verpassen würde. Sei es nun verbal, in Form einer satten Beleidigung oder einfacher gesagt, indem er Dr. Benischke wörtlich `aus dem Kittel hauen` würde. Den deutlich kleineren und hageren Mann könnte er, wenn es drauf ankäme, locker überwältigen. Aber die Realität sah ganz anders aus. Er war sein Untergebener und auf seinen Job angewiesen. Finanziell war Dominik Leichtfuß alles andere als wohlauf. Deswegen blieb es bei dem Gedanken Dr. Benischke zu schaden.
Leichtfuß hielt den silbernen Ehering von John Winter in der Hand. Er nestelte verspielt an dem wertvollen Schmuck herum, überlegte sich, ob er ihn über den linken Ringfinger stülpen sollte. Am Vortag hatte er diesen aus dem Magen der Daniela Maria Morena entwenden sehen. Von der Mordkommis-sion erfuhren die beiden Rechtsmediziner, dass sie als ehemalige Auftrags-killerin der russischen Mafia mit Decknamen Red Viper fungierte. Diese bahnbrechende Story des John Winter und den beiden Auftragskillerinnen fand er cool. So etwas würde er auch gerne mal erleben, denn er empfand seinen Beruf als ziemlich langweilig und unausgeglichen. Jedoch begriff er die Umstände nicht real, konnte die Gefährlichkeit von organisiertem Verbrechen nur als Blockbuster auf Leinwänden nachempfinden. Für ihn war diese Daniela nur ein visuelles Bildnis mit dem Resultat vollkommener Schönheit, weil er Frauen nur rein optisch beurteilte. Die andere Auftragskillerin hatte Leichtfuß nie zu Gesicht bekommen, obwohl seine Kollegin Natalie ihm diese mit den Worten groß, blond, neunzig – sechzig – neunzig beschrieb. Rebecca Chaparros Leichnam verschwand binnen vierundzwanzig Stunden nach dem grausamen Vorfall im Schlosshotel Frankfurt. Das Kuriose: Keiner von der Mordkommission bemerkte die Leichenpfändung. Es wurden ferner keine Spuren oder sachliche Hinweise auf einen Diebstahl gefunden. Rebecca schien wie vom Boden verschluckt worden sein.
Dominik Leichtfuß hatte den Ehering sorgsam gereinigt, in ein Kuvert verpackt und an das hiesige Spital adressiert, wo John Winter stationiert lag. Keine Minute später betrat sein Vorgesetzter den Saal.
„Morgen“, murrte es kurz angebunden.
„Guten Morgen“, erwiderte Leichtfuß laut und deutlich.
„Haben Sie den Ehering wie angeordnet an John Winter zurückgesendet?“, fragte Dr. Benischke repressiv.
„Geht heute mit der Post raus.“
„Warum nicht schon gestern? Oder haben Sie sich erneut an dem nackten Körper von dieser Daniela ergötzt?“, stichelte Dr. Benischke. Bevor der junge Rechtsmediziner eine Antwort parat hatte, provozierte der Doktor weiter.
„Ich möchte Sie in einer halben Stunde in meinem Büro sprechen. Seien Sie bitte dieses Mal pünktlich, das haben Sie ja heute Morgen wiederholt nicht hinbekommen wie ich an Ihrer Schichtkarte erkennen konnte!“
„Ja, Sie Arschloch!“
„Geht in Ordnung“, der kleinere Mann stapfte an Leichtfuß vorbei. Eine halbe Stunde später saßen sie sich gegenüber. Dr. Lars Benischke hatte sich mit einer einfachen Bewegung seines Zeigefingers die Brille zurechtgerückt und starrte seinen Untergebenen nun vorwurfsvoll an, als ob er eine plausible Entschuldigung für die Verspätung erwartete. Aus seiner Schublade holte er sein Handy und eine Schlüsselkarte hervor. Dann faltete er die Hände zusammen und richtete seinen Oberkörper nach vorne.
„Nun, Leichtfuß. Ich stelle Ihnen eine ganz einfache Frage. Sind Sie mit Ihrem Gehalt zufrieden?“
„Was wird das denn?“ Dominik Leichtfuß hatte rein gar nichts verstanden. Er witterte höchstens eine Falle, in die er voll hineintappen sollte. Irgendwie versuchte sein Boss ihn reinzulegen, dessen war sich der junge Mann sicher.
„Bitte antworten Sie ehrlich!“
„Okay! Nein, ich bin nicht zufrieden. War`s das jetzt für mich?“ Doch Dr. Benischke schmunzelte mit leicht wackelten Schultern.
„Sie schätzen mich falsch ein! Ich biete Ihnen eine, na ja, sagen wir es so, eine einmalige Chance an. Dafür werden Sie mir aber bedingungslos zur Seite stehen!“
„Das tue ich doch sowieso. Also, lassen Sie doch endlich mal die Katze aus dem Sack und kommen Sie zum Punkt. Ich hab` nämlich keinen Schimmer, was Sie wirklich meinen…“
Dr. Benischke grinste breit. Er erhob sich von seinem Chefhocker, kreiste einmal um sein Pult herum und bat seinen Helfer, ihm in die Korridore zu folgen, wo die Leichen aufbewahrt wurden.
„Ich kann Sie reich machen. Kommen Sie, mein Junge. Ich möchte Ihr Unwissen gerne bändigen…“
Mit gemischten Gefühlen folgte Leichtfuß seinem Vorgesetzten durch den schwach beleuchteten aschgrauen Flur. „Mein Junge“, in den fünf Jahren, die er bereits dem Doktor assistierte, wurde er noch nie so betitelt. Das ganze Verhalten kam ihm immer merkwürdiger vor, fast schon absurd. An der Frontseite des Korridors, betätigte Dr. Benischke die Brandschutztür mit seiner Karte. Dann schlug er den Weg links ein, wo der Raum zum Archiv der Rechtsmedizin führte. An der nächsten Tür griff seine Hand in die Westentasche seines langen weißen Kittels und ein sonderbarer Schlüssel kam zum Vorschein. Mit dem entriegelte er kurzerhand das Schloss.
„Gut, wenn man der Einzige ist, der über bestimme Befugnisse verfügt. Zum Beispiel über das Betreten von gewissen Räumlichkeiten“, zwinkerte der Doktor, während er Leichtfuß bat, einzutreten.
Die integrierten Leuchten flackerten wie ein Blitzgewitter. Hinter den mit Ordnern gefüllten Regalen wurde ein Obduzier-Tisch zum Mittelpunkt des Schauspiels. Erst als das Licht aufhörte zu flimmern, erkannte der Assistent das silbergraue Tuch, welches einen Körper verbarg. Und Dominik Leichtfuß lief es eiskalt über den Rücken, als sein Chef die Decke mit einem Ruck vom Tisch zog. Dort lag der nackte Körper von Rebecca Chaparro.
Gebannt wich der junge Mediziner einen Schritt zurück. Der Schock hatte ihn arg gelähmt, jedoch überwand der Mann seine Ängste und unstillbare Neugier schien ihn plötzlich zu beflügeln. Verhalten näherte er sich dem Tisch. Sein Mund stand fassungslos geöffnet, während er Rebecca auf Herz und Nieren musterte. Das schier Unfassbare setzte ihn in einen nicht definierbaren Zustand, ebenso der atemberaubende weibliche Körper der Auftragskillerin. Dann, als sein Verstand das Abbild makelloser Schönheit verinnerlicht hatte und die damit verbundene Intrige begriff, fand Leichtfuß zurück in die Realität.
„Sie…Sie verdammter Schweinehund…“, keuchte der Gehilfe verstört.
„Mein Gott! Die ganze Zeit hatten Sie die Leiche der Chaparro versteckt und unseren Leuten nur etwas vorgemacht. Können Sie sich eigentlich vorstellen, wie es Dietmar Rödig, Rainer Engert und Püppchen Pete ergeht, wenn die wüssten, dass Sie ein Betrüger und elender Leichenschänder sind? Ganz zu schweigen von den Gefühlen von Sandra und John, die Sie damit tief verletzt haben?“
„Keiner wird es jemals erfahren, Leichtfuß!“
„Das könnte Ihnen so passen, Dreckskerl. Jetzt habe ich Sie an den Eiern, mein Freund. Ich werde das unverzüglich melden. Mal sehen, wie Sie kriechen, wenn ich Rödig davon erzähle wie Sie uns alle verarscht haben. Dass Sie den Leichnam von Rebecca Chaparro geraubt hatten…“
Doch Dr. Benischke wirkte gelassen.
„Leichnam?“
Wie auf Befehl verharrte Dominik Leichtfuß, blieb wie angewurzelt stehen. Nur sein Rumpf drehte sich nach rechts, weil er auf Rebecca Chaparro starrte. Starren musste. Und seine Nackenhaare stellten sich senkrecht in die Höhe. Frostige Kälte wanderte vom Rücken bis hinauf zum Schädel seiner rotblonden Haare, in die er ungläubig seine Hände rieb. Sein Augenpaar fand die große Schnittwunde direkt an ihrer Vagina. Unmittelbar neben dem gepflegten Schamhaar, welches die schneidige Form eines Dreiecks darbot, klaffte der blutige Riss, dessen Verletzung netzartige Verfärbungen bis zur Innenseite des Oberschenkels zierte. Als er zögernd den Puls bei der Platinblonden erfasste, erschrak er innerlich. So wirksam, dass er panisch zwei Meter zurückschreckte, bis er in eines der Regale krachte.
„Nein, das darf doch alles nicht wahr sein. Was haben Sie getan?“, schrie er verängstigt und vollkommen verstört seinen Vorgesetzten an.
„Das war mir eine Million Dollar wert“, Junge. Und Sie können dreißig Prozent davon steuerfrei kassieren, wenn Sie das wollen. Oder“, Benischke schritt jetzt am Tisch der Rebecca vorbei, „Sie verraten uns an Dietmar Rödig. Dann ist es natürlich vorbei mit dem leicht verdienten Geld. So gesehen, stecken Sie schon mitten drin. Oder glauben Sie etwa, sich mit stichhaltigen Argumenten aus der Affäre ziehen zu können? Überlegen Sie sich gut, wie Sie sich entscheiden und was da auf uns zurollt, Leichtfuß!“
Der schien tiefgründig zu sinnieren, haderte aber noch mit der ganzen Situation, die ihn sichtbar überforderte.
„Ich möchte Ihnen ein wenig die Entscheidung erleichtern. Was glauben Sie, wird dieser ganze Vorfall des John Winter für ein Blickfeld nach außen werfen? Wir haben drei tote Beamte aus den eigenen Reihen, weil man nicht in der Lage war zwei ehemalige Auftragskillerinnen zu identifizieren. Engert und Rödig haben versagt, auf ganzer Linie. Möglicherweise zieht das unangenehme Konsequenzen nach sich, unter denen unser Berufsleben in Mitleidenschaft gerät. Die Angehörigen der Verstorbenen sind doch nicht alle blöd. Einer wird hinter die Kulissen des ganzen verdatterten Falls blicken können und schließlich wird es die Presse und die Bevölkerung erfahren! Und dann gute Nacht!“
„Hören Sie auf, Dr. Benischke.“
„Nein, Sie hören auf! Zu lamentieren. Ihr Job hängt Ihnen doch zum Halse raus. Jetzt haben Sie die einmalige Chance, etwas aus ihrem jungen Leben zu machen. Mit dreihundert Riesen fällt das sogar Ihnen leicht oder streiten Sie diese Tatsache ab? Zweifeln Sie nicht an Ihren Fähigkeiten. Helfen Sie mir!“
„Und wie soll das Ganze ablaufen?“
Sie assistieren mir, Rebecca Chaparro nach Stuttgart zu transportieren. Dort gibt es ein verlassenes Flugfeld, wo wir die Auftragskillerin einer Organisation aus Kolumbien übergeben. Mit Hilfe unserer medizinischen Kenntnisse und der technischen Einrichtung in Kolumbien bringen wir die Chaparro aus der kritischen Situation heraus. Wenn wir zu lange warten, könnte Wundbrand ihr Schicksal besiegeln. Wenn aber alles glatt läuft, kassieren wir die Million und jeder von uns geht dann getrennte Wege. Ich, für meinen Teil, werde in den Staaten Amerikas ein neues Leben beginnen.“
Leichtfuß fasste einen Entschluss. Er wollte das langweilige Leben eines Assistenten hinter sich lassen. „Also gut, Dr. Benischke, ich bin bereit. Wann soll es denn losgehen?“ Der grinste zufrieden, während er noch die Nummer seines Handys wählte.
Stuttgart, sechs Stunden später: Die sengende Hitze auf dem Flugfeld erzeugte seltsame wabernde Linien über dem langgezogenen Asphalt. Als der medizinische Kleinbus nach langer Fahrt den Landeplatz erreichte, wartete bereits ein feuerroter Privat-Jet, dessen Gangway gerade ausgefahren wurde. „Anscheinend werden wir erwartet“, schluckte Leichtfuß nervös, als er den Motor abstellte und die Handbremse zog.
„Ruhig Blut, Junge. Natürlich erwarten die uns. Wir haben die Ware…“
„Wer sind die Typen?“, wollte der junge Mediziner wissen.
„Das kann ich Ihnen auch nicht so genau sagen. Unser Verbindungsmann nennt sich schlicht Gonzales. Jedenfalls sollten wir uns vorsichtig verhalten, da wir mit Sicherheit davon ausgehen müssen, dass es sich bei den Leuten von einem Verbrechersyndikat handelt.“
Abermals schluckte sein Untergebener.
„Kriegen Sie das hin, Leichtfuß?“
„Ich denke schon!“
„Sehr gut, aber überlassen Sie das Reden einfach mir. Sie sagen nicht mehr, als Sie unbedingt müssen. Meine Englischkenntnisse sind besser als Ihre. Und wenn Sie erstmals die Dollars in der Hand halten, vergeht auch die Angst. Glauben Sie mir! Alles klar?“
Der nickte nur. Dennoch entging Dr. Lars Benischke nicht, wie sein Adjutant zu schwitzen begann, als die ersten unbekannten Männer die Gangway betraten. Diese komplett in schwarz gekleideten Gestalten symbolisierten mit unverkennbaren Outfits und steinharten Mienen den typischen Style von Mafiosos. Einer der Männer stach rein optisch hervor, weil er einen weißgrauen Smoking mit Fliege trug. Der stellte sich mit verschränkten Armen vor die anderen zwei Männer und wartete geduldig, bis die beiden Mediziner ihre Taschen ausgeladen hatten.
Mit freundschaftlicher Geste begrüßte der Doktor den Mann im Smoking und stellte sich vor. Zur besseren Kommunikation hatte er die Landessprache auf Englisch gewechselt.
„Guten Tag, die Herren. Ich bin Dr. Lars Benischke und das ist mein Assistent Dominik Leichtfuß. Sind Sie Mister Gonzales?“
Der Fremde verzog keine Miene, aber ein stummes Nicken und ein kräftiger Handschlag reichten dem Doktor, in ihm den Boss der Organisation zu sehen. „Wir haben miteinander telefoniert. Ich freue mich auf eine gute Zusammenarbeit, Mister Gonzales.“
„Ich möchte sie sehen“, brummte es unter dem hellen Hut hervor.
„Natürlich“, verbeugte sich Dr. Benischke leicht und ließ seinen Adjutanten die Hintertür des Kleinbusses öffnen. Sofort stieg Gonzales in den Laderaum, fand den Obduzier-Tisch und hob die Decke an, um zu sehen, was darunter lag. Eine leichte Veränderung seiner Mundwinkel war das Resultat. Schon orderte er seine Männer an, die wertvolle Fracht mit an Bord zu nehmen. Leichtfuß nahm den Jet ins Visier, eine knallrote Challenger 605. Selten hatte er einen solch schnittigen Flieger zu Gesicht bekommen und er war innerlich aufgeregt, da er den Luxusflieger gleich von innen kennen lernen durfte. Gonzales wies die beiden Ärzte mit einer einladenden Geste seines ausgestreckten Arms die Treppe hinauf. Seine Stimme klang zwar immer noch tief wie die eines Wolfes, aber Dr. Benischke erkannte darin jetzt mehr Gefühl als noch vor wenigen Minuten. Wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass er Rebecca Chaparro unter dem grauen Tuch entdeckte.
„Willkommen an Bord. Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause!“
Der lange Flug nach Kolumbien dauerte mit Zwischenstopp zwölf Stunden. Leichtfuß konnte seine Nervosität einen Gang runterfahren, weil ihm die sehr noble Innenausstattung des Jets gefiel und er sich an auserlesenen Speisen und Getränken erfreuen durfte, die Gonzales Diener servierten. Das übertraf sogar gewöhnliche Flüge in der ersten Klasse. So konnten beide Ärzte ein paar Stunden schlafen, immer mit den Gedanken verbunden, schon sehr bald die Dollars zu kassieren.
Nach der Landung in der Nähe der karibischen Küste, stand schon eine parkende Limousine bereit, die Gonzales, Dr. Benischke, Leichtfuß, sowie zwei weitere Männer nach Cartagena, einer bekannten Hafenstadt, eskortierte. Die beiden Männer waren von der einzigartigen Kulisse gleichermaßen fasziniert. Das herrlich tropische Klima, der azurblaue Ozean und die schneeweißen gereihten Wolkenkratzer sorgten für anhaltendes Staunen. Der Luxuswagen passierte die Grenzen der Altstadt. Hier fuhr der Edelschlitten auf Straßen mit Kopfsteinpflaster an bunten Kolonialgebäuden vorbei, bis er einen markanten Hügel erreichte. Von dort aus hatte man einen atemberaubenden Panoramablick, weit über die gesamte Fläche der schönen Stadt. Und aus der Ferne sahen die deutschen Ärzte das wohl prachtvollste Gebäude, das sie jemals in Augenschein nehmen durften. Der vordere Teil des Areals bestand aus einer millionenschweren Luxusvilla, mit zwei hauseigenen Gartenanlagen, je einem Swimmingpool sowohl zur West- und Nordseite und dem mehrstöckigen Altgebäude, das sofort zum Verweilen einlud. Übergroße Palmen schmückten den Eingangsbereich, der komplett mit einem mannshohen Zaun umfriedet und scharf von bewaffneten Männern bewacht wurde. Der hintere Teil erinnerte rein optisch an ein hochmodernes Forschungszentrum und die Bauweise ähnelte futuristischen Erzählungen aus bekannten Sci-Fi-Streifen. Als der Rolls Royce den Haupteingang passierte, kontrollierte einer der Wachen den Anhänger, wo Rebecca Chaparro sicher wie ein einbalsamierter Pharao aufbewahrt wurde. Gonzales hatte Geduld mit seinem Untergebenen, billigte es aber, weil die genaueste Revision als oberste Priorität in diesem Bereich galt. Nach kurzer Inspektion gab der Wächter den Weg zum Innenhof der Villa frei.
Leichtfuß staunte ununterbrochen, aber als er den neongrünen Aventador zu seiner Rechten stehen sah, pfiff ihm ein leises Wow aus den Backen. Einen solchen Sportwagen würde er selbst gerne fahren. Da reichten nicht mal seine Dreihunderttausend aus, die er schon bald kassieren würde. Der Fahrer parkte den Royce quer vor den pompösen Haupteingang und Gonzales aktivierte sein Handy.
„Wir sind da. Gebt dem Boss Bescheid, dass wir in fünf Minuten im Foyer sind. Dr. Benischke hatte mitgehört, stellte aus reinem Interesse seine Frage: „Der Boss? Mister Gonzales, bei allem Respekt, wir dachten, Sie seien…“
„Nein, ich bin nur derjenige, der Sie und die Chaparro sicher hierher-bringen sollte. Das war mein Auftrag. Kommen Sie, der Boss möchte Sie kennen lernen“, und er forderte die beiden Ärzte auf, ihm ins Foyer zu folgen. Den anderen Männern trug er den Transport von Rebecca Chaparro auf, die unter dem Tischtuch wie eine Leiche wirkte, die man zum Nachruf beisetzte.
Der Boden glänzte, als sei er nie benutzt worden. Maori Verzierungen schimmerten, wohin das Auge sah. Kunstvolle Bilder zierten die östliche Wand und ein riesiger Besprechungstisch mit hochwertigen Sesseln passte sich dem Ambiente an. Zur Westseite gelegen führte eine Wendeltreppe in den zweiten Stock. Die Ergonomie der Stufen wirkte verschnörkelt, dennoch kunstvoll gestaltet und das Geländer stellte eine riesige Python dar. Dr. Lars Benischke war beeindruckt von diesem Kunstwert. Mit der Handinnenfläche strich er über das schuppige Geländer, das sich aber glänzend glatt anfühlte, bis er zum Ende kam, wo ein geöffnetes Schlangenmaul mit bedrohlicher Mimik zum Anziehungspunkt wurde. Ganz anders sein Gehilfe. Dominik Leichtfuß hatte sich Zeit für die Gemälde genommen und stand jetzt wie festgefroren vor einem 4 mal 3 Meter großem Kunstwerk. Der Anblick der ästhetischen Malerei in Ölfarben hatte ihn scheinbar schwer beeindruckt. Aber es waren nicht nur die meisterhaften Farben und Schattierungen dieses Kunstwerks, sondern die nackte Frau, die dargestellt wurde. Die muskulöse Erscheinung einer perfekten Athletin richtete die Arme in die Höhe und hielt sie hinter dem Haupt verschränkt, so dass die Bizepse hervorragend zur Geltung kamen. Die sehr bemerkenswerte Muskelpartie deckte sich mit dem großen Busen und dem flachen trainierten Bauch. Die Vagina war befreit von jeglicher Körperbehaarung, an den Schamlippen glitzerten mehrere kleine Ringe hell wie Diamanten. Leichtfuß schlich einen Meter zurück, um sich auf die fantastischen Beine der gottesgleichen Schönheit zu konzentrieren. Scheinbar von makelloser Glätte gezeichnet, wurde der Fokus des Muskelaufbaus auf den Rumpf und Oberarme gelegt, deswegen wirkten die schlanken Beine so unglaublich feminin. Er hatte das Gefühl, die Frau starrte direkt unter seine lebendige Hülle, obwohl es nur ein Bild war.
„Ihnen gefällt, was Sie sehen?“
Leichtfuß hatte sie gar nicht bemerkt, so lautlos war sie bis zu ihm herangetreten. Als er sich nach ihr umdrehte, fuhr ein heißer Strahl von der Bauchdecke bis zu seiner Brust hoch, denn er erkannte das kurze blütenweiß gesträhnte Haar. Mehrmals drehte der Assistent seinen Oberkörper nach hinten zu dem Gemälde und dann wieder zurück zu der Frau hin, die ihm freundschaftlich die Hand ausstreckte. Er wollte sich davon überzeugen, ob sein Geist ihm einen Streich spielte, aber die gleiche Frau, die er vor wenigen Sekunden noch auf dem Kunstwerk vergötterte, stand unmittelbar vor ihm.
„Ich heiße Mira Tristany. Es ist mir eine Ehre, Sie auf meiner Villa begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, mein Deutsch ist verständlich. Es ist lange her, dass ich in dieser Sprache kommuniziert habe.“
Doch nur ein leises Stammeln kroch aus seinen Lippen hervor. Diese zart gehauchte Stimme eines Engels hatte ihn nun vollkommen gebannt. Aber der kräftige Händedruck riss ihn wieder aus der Traumwelt seiner Fantasie. Er zuckte zusammen und schüttelte seine Hand vor Schmerzen.
„Dominik Leichtfuß. Angenehm. Sie sind perfekt, äh, ich meine ihr Deutsch ist perfekt.“ Sein Blick konnte ihren rehbraunen Augen nicht standhalten, wanderte runter zum Busen, der aus ihrem weißen Kleid lugte.
Zwecks der einheitlichen Anordnung der in Anzügen gekleideten Männer, die plötzlich stramm wie beim Militär standen, erkannte Dr. Benischke, dass diese mysteriöse Frau wohl der Boss der Organisation war. Deswegen stellte er sich ihr vor, weil er damit rechnete, dass Leichtfuß mit seinem oberflächlichen Charakter schnell in Missgunst fallen könnte.
„Ich bin Dr. Lars Benischke“, begrüßte er die Unbekannte höflich. Mira wandte sich von Leichtfuß ab, erwiderte den Handschlag, den auch der Doktor mit einem leisen Schnauben quittierte, um den Schmerz zu verbergen.
„Ah, Sie sind der Doktor. Ich dachte schon, der junge Gentlemen trägt die Verantwortung…“
„Nein, das ist mein Assistent. Er wird mir bei der notwendigen Operation zur Seite stehen.“ Mira nickte kurz.
„In der Tat, Doktor Benischke – und jetzt möchte ich natürlich einen Blick auf die von mir bestellte Ware werfen.“
Beide marschierten auf den verschleierten Tisch zu, Leichtfuß und Gonzales folgten verhalten. Sie traten erst in den Kreis, als Mira vorsichtig das graue Leichentuch nach unten zog. Ihre Augen funkelten, ein wunschloser Gesichtsausdruck entstand zwangsläufig. Vier Augenpaare blickten auf den tätowierten Körper von Rebecca Chaparro.
„Ja, das ist sie! Gentlemen, darf ich vorstellen: Angel Caido. Eine bessere Agentin ward nie geboren!“ Dabei strich Mira zart wie Seide über den nackten Körper Rebeccas vom Hals über den Busen bis hin zum Bauch. Dort stoppte sie und glitt kreisend hauchdünn drüber. „Und das wertvollste Geschenk trägst du ihn dir, meine liebe Rebecca!“
Auf diese Wortwahl konnte sich Dominik Leichtfuß keinen Reim machen. Erst als Mira einen hautengen Handschuh über ihre rechte Hand stülpte und Rebeccas offene Wunde berührte, nahm Dr. Benischke zu Miras Formulierung gezielt Stellung.
„Trotz der tiefen Wunde ist der Embryo unversehrt geblieben und in einem relativ guten gesundheitlichen Zustand…“
„Relativ?“, schob Mira einen fragenden Stopp ein, „was heißt das?“
„Nach den Umständen zu urteilen, dass wir Rebecca Chaparro im künstlichen Koma halten und ihr ein abgebrochenes Stück Holz eines Baseballschlägers voll zwischen die Beine gerammt wurde, hätte es schlimmer ausgehen können.“ Abermals nickte Mira genügsam. Sie drehte sich dem Doktor zu, durchbohrte seine Augen mit ihren.
„Sorgen Sie dafür, dass es so bleibt!“ Mira richtete ihren linken Arm seitlich aus, der ihre Handfläche präsentierte. Dort lag ein winziger Gegenstand, kaum drei Millimeter groß. Zögerlich nahm der Doktor diesen Gegenstand an sich.
„Sie wissen, was zu tun ist, Doktor Benischke?“
Ihre Stimme klang drohend ernst. Der nickte ihr zu. Mira lächelte breit.
„Gut, dann folgen Sie mir. Gonzales, Sie brauche ich nicht mehr.“
Mira bedankte sich nicht bei ihrer rechten Hand Gonzales, obwohl er gute Arbeit geleistet hatte. Für eine Perfektionistin wie Mira beruhte das auf Selbstverständlichkeit. Der hingegen verbeugte sich vor seinem Boss und verschwand ohne einen Laut aus dem Foyer, gefolgt von seinen zwei bewaffneten Begleitern.
Die beiden Ärzte folgten der imposanten Frau tiefer in das riesige Bauwerk hinein. Leichtfuß schob den rollbaren Tisch, auf dem Rebecca friedlich zu schlummern schien, vor sich her. Gerne hätte er die Räumlichkeiten der Villa erkundet, aber diese Mira Tristany lenkte sie in die andere Richtung, direkt in das Forschungszentrum hinein. Vor einer glaslosen Panzertür blieb Mira stehen und zückte zwei grüne Magnetkarten hervor.
„Meine Herren, ich möchte jetzt ihre vollste Aufmerksamkeit. Diese Räumlichkeiten sind hermetisch abgesichert. Nur mit Hilfe des Chips dieser Karten können Sie sich durch diese frei bewegen. Achten Sie auf die grüne Farbe. Alle Ebenen, die mit den grünen Streifen an den Sicherheitstüren markiert sind, können von Ihnen problemlos passiert werden…“
„Und was ist mit den roten Türen“, fragte Leichtfuß besserwisserisch. Er hatte zu einer Tür hingeschielt, die rote Streifen aufwies. Wahrscheinlich wollte er Miras Aufmerksamkeit für einen kurzen Augenblick erreichen.
„In diesem Fall gewähren Ihnen die Besucherkarten einen einmaligen Zugang.“
„Aber“, Mira trat aus der Reihe, näherte sich dem jungen Mediziner bis auf wenige Zentimeter, so dass er ihr Parfüm roch, „der Chip wird danach codiert und unbrauchbar. Dann hätte sich der kleine Assistent eingesperrt wie ein verirrter Falter, der hilflos mit den Flügeln schlägt“, strahlten Miras Augen eine undefinierbare Emotion zwischen Warnung und Vergnügen aus. Leichtfuß schluckte. Er hatte wieder dieses Gefühl im Bauch, dass sich langsam gleichermaßen nach unten und oben verteilte. Er hatte das unbedingte Verlangen diese Mira Tristany zu vögeln.
„Hören Sie gefälligst zu, Leichtfuß“, mahnte der Doktor, dem der auffällige und geile Blick seines Gehilfen absolut nicht entging.
„Was würde in so einem Fall helfen, ich meine, falls sich wirklich jemand hier einsperren würde?“
„Keine Angst Dr. Benischke. Die Universalkarte für alle Türen ist in meinem Besitz und ein sechsstelliger Code kann an jeder Tür als Ersatz dafür an den Apparaturen daneben eingegeben werden.“ Mira schwenkte ein.
„Ich zeige den Gentlemen jetzt ihre Quartiere. Ruhen Sie sich für zwei Stunden aus, dann werde ich Sie abholen lassen. Wenn es soweit ist, brauche ich Sie bei vollen Kräften.“
Einige Stunden später waren die beiden Ärzte ganz auf Rebeccas Körper fokussiert. Ein silbernes Tuch verdeckte ihren Oberkörper, sowie die untere Seite ihrer langen Beine. Rebecca wurde über eine spezielle Magensonde ernährt und Sauerstoff wurde ihr mit Hilfe einer Beatmungsmaske zugeführt. Ihr linker Arm war mit mehreren Schläuchen verbunden. Einer war mit der Kanüle verbunden, ein anderer mit dem Messgerät, welches die Herzfrequenz regulierte. Das auffällig rhythmische Piepen drang durch den Raum, der so groß war, dass man das andere Ende kaum ausmachen konnte. In der Mitte, ein paar Fuß höher gelegen, befand sich eine runde Plattform wie für Bittsteller geschaffen. Dort stand der Operationstisch. Und dort lag Angel Caido. Direkt neben dem Schritt aufgeschnitten. Zur Westseite lag ein schmaler Gang, der sich in einem tadellosen Zustand befand und zu einem Workout-Raum führte.
Leichtfuß schwitzte enorm. Er signalisierte seinem Vorgesetzten, dass er eine kleine Pause benötigte. Der stimmte zu, ließ es geschehen, denn den schweren Part der OP hatten die Mediziner bereits überstanden. Dr. Benischke sorgte sich um die erhöhte Körpertemperatur von Rebecca. In der letzten Stunde stieg der Pegel des Messgerätes von 37,5 auf 39,3 Grad Celsius. Während Dr. Benischke eine zusätzliche Injektion spritzte, die das Fieber senken sollte, riss sich Leichtfuß die Maske vom Mund und widmete sich der Obstschale, die in sicherer Entfernung auf einem säulenähnlichen Tisch dargeboten wurde. Seine Wahl fiel auf einen der köstlichen, reifgrünen Äpfel. Schon hatte er einen Bissen gewagt, aber er fluchte, als sich sein Schneidezahn mit einem stechenden Schmerz bemerkbar machte.
„Verdammt noch mal. Die Biester sind ja knochenhart! Ungenießbar!“
Dr. Benischke schüttelte missbilligend sein zur Hälfte kahles Haupt. „Würden Sie bitte das Essen einstellen! Wir haben hier eine offene Wunde“, murrte es unter der weißen Schutzmaske. Doch er erntete nur Resignation, weil im gleichen Moment Mira Tristany auf der Bildfläche erschien. Sie hatte sich gute drei Stunden im Fitnessraum aufgehalten. Sie erkannte den jungen Assistent, der den Apfel in der Hand hielt. Das missfiel einer Frau, die vom Perfektionismus geleitet wurde. Deswegen schritt sie dem Gehilfen entgegen. Der lächelte sie unverblümt an, führte eine visuelle Kostprobe an ihrem verschwitzen Körper durch, der nur durch ein knappes Top, Turnschuhen und kurzen Pants bedeckt war. Mira verschärfte den Blick.
„Ich kann nicht behaupten, dass mir diese Art Ihrer Arbeitsweise gefällt. Gibt es irgendein Problem, von dem ich nicht in Kenntnis gesetzt wurde?“
„Es gibt tatsächlich ein Problem.“ Er glotzte ihr offenkundig in den Ausschnitt. Dann rutschte es ihm mit einem frechen Grinsen ungeniert heraus. „Ihre Äpfel sind steinhart!“ Er hielt den Apfel mit den leichten Bissspuren hoch. Miras Körper richtete sich auf, stieg ein paar Zentimeter höher und umkreiste Leichtfuß, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Dann, wie auf Knopfdruck, sprang Dr. Benischke hilfeleistend ein.
„Entschuldigen Sie bitte das flegelhafte Verhalten meines Assistenten. Er ist noch jung und etwas übermüdet, aber wir kommen ganz gut voran.“
„Definieren Sie ganz gut, Dr. Benischke!“
„Also die gute Nachricht, Rebecca Chaparro ist aus der kritischen Situation heraus. Ihre Verletzung wird keinen Wundbrand hervorrufen.“
„Und die Schlechte?“
Der Doktor schluckte. Unter keinen Umständen unterschätzte er Mira Tristany. Eine Frau, die sich einen solchen Rang in Kolumbien erarbeitet hatte, zollte er den notwendigen Respekt. Deswegen gab er ihr eine ehrliche Antwort. „Das Fieber macht mir Sorgen. In der letzten Stunde ist es fast um zwei Grad auf 39,3 gestiegen. Ab 40 Grad wird es für das Baby kritisch, insbesondere dann, wenn wir die Chaparro künstlich im Koma halten!“
Mira machte eine kleine Bewegung und hieb den Arm von Leichtfuß mit Verachtung beiseite. So schnell, er bemerkte gar nicht, wie sie ihm den Apfel entriss. Erneut kreiste Mira im Raum umher, bis sie sich machtvoll vor den Blicken der Männer erhob.
„Meine Herren. Ich möchte Sie daran erinnern, dass ich Sie angemessen honoriere. Im Gegenzug erwarte ich ein fehlerfreies Ergebnis. Sollte sich allerdings der bittere Umstand einschleichen, der die Gesundheit von Rebecca Chaparro oder des Babys beeinträchtigt, so möchte ich nicht in Ihrer Haut stecken.“ Mira holte tief Luft.
„Diese Worte sollten Sie sich genau merken!“
Miras ausgestreckter Arm veränderte sich in eine beugende Richtung und die Ärzte wurden Zeugen einer Darbietung, die absoluter Macht entsprang. In ihrem kupfrigen Fleisch schnitten sich Adern und Muskelstränge, als ihre Finger sich in den Apfel bohrten. Die pure Kraft stanzte sich durch die Schale der Frucht und der Saft glitt wie Rinnsale zwischen ihren Fingern. Mira entfachte ein lautes Stöhnen und dann, als ihre Hand eine Faust formte, gab die kernige Frucht unter dem enormen Druck nach, teilte sich in zwei Hälften. Der ganze Segen aus Fruchtfleisch und Fruchtsaft sackte feucht zu Boden. In Miras Miene trat eiserne Härte, während Reste aus ihrer geballten Faust tropften. Dominik Leichtfuß wirkte wie festgeschmiedet. Kein Ton drang durch seine Lippen, sein gesamter Körper schien wie im Eis gefangen. Dann wurde seine Aufmerksamkeit wieder auf Mira gelenkt, die seinen weißen Kittel als Handtuch für ihre feuchte Hand benutzte.
„Hab` ich mich jetzt unmissverständlich ausgedrückt?“, knurrte sie.
„Das haben Sie. Wir werden unser Bestes geben, Miss Tristany!“, kuschte Dr. Benischke. Sein Herz schlug nach dieser eindeutigen Demonstration menschlicher Überlegenheit um einiges schneller.
Mira stolzierte auf die benachbarte Tür mit den roten Streifen zu, die scheinbar als einer ihrer privaten Kabinen diente. Als sie die Karte aktivierte, schenkte sie den Gästen ein letztes Mal ihre Aufmerksamkeit.
„Das hoffe ich ihretwillen, werter Doktor. Wecken Sie mich, wenn Sie die Operation erfolgreich abgeschlossen haben.“ Sie verschwand hinter diesem Panzerstahl, der sich mit einem magnetischen Ton verriegelte. Dr. Benischke schloss die Augen, sog ganz tief Luft in die Lunge und blies die Erleichterung heraus. „Haben Sie das gesehen, Benischke? Das kann doch unmöglich eine Frau geschafft haben?“ Dominik stürmte zu der Schale hin, griff einen weiteren Apfel und begann wie wild zu pressen. Aber außer einem rot anlaufenden Gesicht rührte sich nichts. Er half mit der zweiten Hand nach und scheiterte, bis ihm der Apfel aus den Händen glitt. In seinem rasenden Zorn trat er wuchtig mit dem Schuh drauf, um die Frucht endlich zu zerquetschen. Aber der Schuss ging kläglich nach hinten los. Wie auf einer Bananenschale rutschte er weg und klatschte in voller Länge hin. Der Apfel kullerte unversehrt über den sauber gefliesten Boden, bis er mit der Westwand kollidierte und dort wie ein Kreisel zum Stillstand kam.
„Verfluchte Scheiße. Wie hat die das Ding bloß kleingekriegt?“
Leichtfuß rappelte sich mühselig auf, Dr. Benischke reagierte missmutig.
„Würden Sie bitte Ihre peinliche Vorstellung beenden und mir endlich bei der Schließung der Wunde assistieren?“
Empört trat der junge Mediziner an den OP Tisch heran, setzte zornig seine Maske auf und murmelte leise vor sich hin.
„Die Frau ist der Hammer!“
„Und bitte, Leichtfuß, hören Sie auf diese Mira Tristany als Objekt ihrer Begierde anzusehen.“
„Pah, die will doch mal ordentlich gebumst werden.“
„Die ist gefährlich“, schrie Benischke ihn an. „Sie beenden jetzt das unflätige Flirten und Ihr Gehirn stellt sofort den Schwanzmodus auf offline. Ist das jetzt angekommen? Sie bringen uns noch um den verdienten Lohn!“ Dominik Leichtfuß überlegte. Ein Schmunzeln huschte ihm über die Lippen.
„Schwanzmodus auf offline – das ist cool. Hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut, Benischke!“
„Doktor Benischke, wenn Sie mich schon jetzt nicht mehr als Ihren Vorgesetzten ansehen.“
„Also gut, Doktor Benischke“, beherzigte er den Wunsch. „Glauben Sie, Mira wird uns verarschen?“
„Was genau meinen Sie mit verarschen?“
„Ich meine die Kohlen. Vielleicht ist diese Frau gar nicht willens, uns auszuzahlen. Schon mal drüber nachgedacht?“
Lars Benischke grübelte. Seine Stirn zog Falten und seine Zunge rollte nervös über seine Oberlippe. Er richtete seine Brille gerade, die ihm verrutscht war. „Daran habe ich auch schon gedacht!“
