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Köln im Jahre 1995: Der ehrgeizige Entertainer Kyle erhält die einmalige Chance die quotenschwache TV-Show ‚Late Night Köln‘ zu retten. Doch seine Erfolgsaussichten scheinen gering. Eine machtbesessene Hochfinanz, geprägt von permanenter Egozentrik, verurteilt sein Tun und Handeln vorweg zum Scheitern. Doch Kyle belehrt sie eines Besseren, ihm gelingt wider Erwarten die große Sensation und er avanciert schnell zu Deutschlands beliebtestem Showmaster. Einer seiner größten Fans wird Delphine Baker, eine schüchterne, aber äußerst stimmgewaltige, junge Frau. Sie lebt den Traum einmal als Sängerin auf der Bühne zu stehen. Aufgrund ihrer tollen Stimme belegt sie bei einem Karaoke- Song-Contest den ersten Platz, der ihren kometenhaften Aufstieg zum absoluten Shooting Star einleitet. Als sich Delphine und Kyle eines Tages als neue Superstars begegnen, nimmt das Schicksal seinen tragischen Lauf. Alle Spuren der Liebe sind unergründlich, und niemand bleibt für immer an der Spitze der Elitären. Ruhm. Macht. Intrige. Kann hier eine echte Liebe bestehen? Martin B. Dante führt den Leser in seinem letzten Buch in das goldene Zeitalter vom Eurodance der neunziger Jahre und offenbart, wie intensiv ehrliche und korrupte Werte im harten Showgeschäft untrennbar miteinander verflochten sind.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
Autorenvita
Heidi Maria Artinger:
Prolog
Kapitel 1: Umbruch
Kapitel 2: Late Night Köln
Kapitel 3: Vorhang auf
Kapitel 4: Zeiten ändern sich
Kapitel 5: Spirit of Love
Kapitel 6: Das andere Ich
Kapitel 7: Zwei Sterne, die leuchten
Kapitel 8: Wer weiß schon, was der Morgen bringt?
Kapitel 9: Ich schenk dir meinen Traum
Kapitel 10: Das Leben ist schön
Kapitel 11: Die Wellen des Erfolgs
Kapitel 12: Porzellan
Kapitel 13: Getrieben von Macht
Kapitel 14: Die Büchse der Pandora
Kapitel 15: Am Abgrund
Kapitel 16: Scherben des Ruhms (1)
Kapitel 17: Scherben des Ruhms (2)
Kapitel 18: Die Kraft der Liebe
Epilog
In eigener Sache:
Danksagung:
Impressum
Martin B. Dante wurde am 13. Dezember 1975 in Berlin geboren. Nach der Schule absolvierte er seine Ausbildungen im kaufmännischen Bereich und arbeitete u.a. in einer weltweit bekannten Sprachschule als Angestellter im Gebiet Accounting. Seine Liebe gilt im sportlichen Hobby dem Tischtennis, hier wirkt er aktiv als starker Spieler auf Verbandsebene mit. Erst relativ spät, genauer gesagt im Jahre 2012, entdeckt er das Interesse am Schreiben und so entstand noch im selben Jahr die Grundidee des Thrillers „Pleasure and Pain“, der zur Trilogie anwuchs. Den beliebten 3 Büchern, die allesamt nichts für Leser mit schwachen Nerven sind, folgte der Schlussteil „Am Ende stirbst du allein". Auch hier zeichnet er seinen unverkennbaren, spannungsgeladenen Schreibstil der Härte und realbezogener Erotik in aktionsreichen Kampfszenen auf, die einem echten Thriller zu Eigen sein müssen. Seine Ideen zu außergewöhnlichen Thriller-Stories gepaart mit Einfallsreichtum gehörten seit jeher zu seinen Stärken. Einmal zitierte einer seiner besten Freunde über ihn: „Martin besitzt eine außergewöhnliche Fantasie, aber in seiner möchte ich nicht reingeboren werden!“
Mit „Scherben des Ruhms“ verlässt er erstmals den Pfad der Thrillerebene. Er führt den Leser in die glitzernde Welt der Liebe und des Eurodance und offenbart, wie intensiv ehrliche und korrupte Werte im harten Showgeschäft auftreten! Er hat diesen Bestseller als sein letztes Werk vorgegeben…
„Musik ist dort, wo die Seele anfängt zu atmen.“
April 1994, Köln: Sein maßgeschneiderter Anzug saß perfekt. Kyle Roberts wusste seinen Auftritt mit innerer Gelassenheit zu kaschieren. Er gehörte zu jenen Männern, die mit einem gepflegten Äußeren zu überzeugen wussten. Bedacht senkte er sein pechschwarzes Haupt in leicht geneigtem Winkel, als er die Vorsitzende des Aufsichtsrats von hinten beäugte. Sie hatte ihn zu einem persönlichen Mitarbeitergespräch vorgeladen. Roberts kannte die Gerüchte über die vermeintlich schlechten Quoten seiner Late Night Köln Show, für die er als produktionsleitender Stellvertreter verantwortlich war. Von Seiten der Medien entfachte die Quote diesbezüglich ein Shitstorm, der sich in aller Öffentlichkeit verbreitete, und bis rauf in die höchsten Etagen des verantwortlichen Senders rumgesprochen hatte. Wahrscheinlich war dies sein beruflich letzter Marsch, bevor er hier und heute gefeuert würde. So bereits in aller Frühe bei Katja Schubert geschehen, seiner ehemaligen Vorgesetzten, die er über Monate eifrig mit Rat und Tat unterstützte und die bisher, als leitendes Organ und Showmaster, fungierte.
Kyle betrachtete die pompöse Einrichtung des Arbeitsbüros flüchtig. Seine Handinnenflächen trugen Spuren von leichter Feuchtigkeit und er rieb sie mit mehrmaligem Zusammenpressen zu Fäusten vom Schweiß rein. Mit einem Räuspern machte er auf seine Anwesenheit aufmerksam, weil die großgewachsene Frau in rotem Dress, scheinbar ohne Anzeichen von Emotion, die Aussicht aus dem zwölften Stock verinnerlichte. Doch dann drehte sie sich fahrig zu ihm um.
Ihre steinharte Miene verfing sich zuerst an seiner äußeren Erscheinung. Wahrscheinlich musterte sie kurz sein Outfit. Erst dann blickte sie ihm tief in die auffällig hellblauen Augen, die andere Frauen vermutlich für ästhetisch schön hielten. Aber nicht für Amanda Braun. Als jahrelange Chefin und Vorsitzende des Aufsichtsrats einer der größten deutschen Fernsehsender, verdiente sie sich schnell das Image einer überheblichen Egomanin. Von dieser Position aus bewies Amanda sehr eindrucksvoll, wer das Zepter der Macht intern in festen Händen hielt. Obwohl sie mit autoritärer Härte delegierte, reichte ihr beeindruckendes Fachwissen aus, um über Jahre ihren Platz im Kaiserstuhl zu festigen. Braun pflegte ihre externen Beziehungen zur Prominenz im medialen Bereich, sowie in Kreisen der Hochfinanz und Politik, nutzte ihre langjährige Erfahrung im elitären Management, um das Ansehen ihres Senders in gewohnt hohem Niveau in der Öffentlichkeit darzustellen. Ein Versagen duldete Amanda Braun nicht. Kritik, besonders medialer Art, stießen bei der Aufsichtsratsvorsitzenden stets unangenehm auf, verursachten bei ihr sofort Bauchschmerzen. Weil die Quoten ihrer vertraglich an den Sender gebundenen Late Night Köln stetig einbrachen, orderte sie die Verantwortlichen zum Rapport – unter anderem ihn, Kyle Roberts.
Amanda Braun hatte ein paar Schritte vorwärts vollzogen, bis sie sich mit dem Gesäß fast lässig an die Kante ihres Schreibtischs lehnen konnte. Sie unterließ es bewusst, Kyle den Vorschlag zu unterbreiten, Platz zu nehmen. Die Gelegenheit bot sich, denn mehrere Stühle an einem benachbarten Rundtisch standen zur Verfügung. Deswegen ging auch Roberts zwei Fuß vorwärts, stellte sich mit hinter dem Rücken verschlossenen Armen vor ihr auf. Sie befanden sich genau auf Augenhöhe, als Amanda den Dialog startete.
„Kyle Roberts. Sie sehen genauso aus, wie ich mir das persönlich vorgestellt hatte. Ihr Parfüm ist eine Prise zu reichhaltig aufgetragen und es riecht nach einer Marke Mann, der sich selbst für etwas ganz Besonderes hält – ja vielleicht für etwas Besseres.“
Roberts schluckte, um Luft zu sammeln, damit seine Stimme voluminös klang. „Haben Sie Katja auf derart gleiche Weise versucht zu entmutigen, bevor Sie sie in den Ruhestand schickten?“
Kyle hielt den Blickkontakt aufrecht, damit er jetzt nicht unterlegen wirkte. Zum ersten Mal lächelte die machtvolle Frau, präsentierte ihm gegenüber ihre sehr gepflegten Zahnreihen, als sie sich vom Desk erhob und auf ihn zumarschierte. Sein Augenpaar wanderte kurz über die gebräunte Haut ihres Ausschnitts, der zwischen dem feuerroten Blazer hervorlugte. Amanda hatte eine noch immer sehr glatte und anziehende Haut. Lediglich an wenigen Stellen, am Hals und um die Augenpartie, konnte man leichte Falten erkennen. Kyle schätzte ihr tatsächliches Alter um die fünfzig, aber sicher war er sich bei ihr nicht. Das kurze, hellgrauleuchtende Haar in Business Style war von natürlichem Farbton geprägt. Aber Amanda legte großen Wert auf seriöse Erscheinung, pflegte und stylte es in prächtiger Art und Weise, die schön anzusehen war. Es spielte aber keine allzu große Rolle, denn in wenigen Minuten würde er in gekündigter Position diesen Raum wieder verlassen. So viel stand fest.
„Sie haben recht, Herr Roberts, wenn es alleine nach mir ginge, würde ich Ihren kleinen Macho-Arsch mit sofortiger Wirkung in hohem Bogen aus meinem Büro schmeißen, damit Sie mit Ihrem blasierten Gequatsche nicht noch länger für interne Unruhe sorgen…“
„Dann muss heute wohl mein Glückstag sein, Frau Braun, denn normalerweise setzen Sie doch gnadenlos durch wonach Sie streben?“
Amanda hatte seinen Seitenhieb verstanden. Es frustrierte sie maßlos, ihn nicht einfach wie einen alten Müllbeutel von der Security aus dem Büro schleifen zu lassen. Niemand aus dem untergebenen Personal wagte es je, so einen Ton ihr gegenüber auszusprechen. Aber eben diesen Mut bewunderte sie heimlich. In dieser Sache hatten sie etwas gemeinsam, was eine Amanda Braun zweifellos niemals offen zugeben würde.
„Nun, der Großteil des Aufsichtsrats ist davon überzeugt, dass Sie das Zeug haben, die Late Night Show wieder in medial ruhigeres Fahrwasser zu bringen. Ja, sie glauben, dass Sie der Mann sind, der sowohl die Moderation und die eigenverantwortliche Geschäftsleitung übernehmen kann.“
„Ich soll die Moderation ebenfalls übernehmen? Damit trete ich in Katjas Fußstapfen? Das wäre aus meiner Sicht eine doppelte Beförderung“, rätselte Kyle, diese Entscheidung überraschte ihn jetzt sichtbar.
„Dafür haben Sie genau sechs Monate Zeit. Überzeugen Sie uns von Ihren Fähigkeiten. Dann können Sie Ihre neue Position behalten und wir sehen uns genau hier wieder für weitere Entscheidungen. Sollten Sie jedoch scheitern, werden Sie schnell feststellen, wie gnadenlos ich wirklich bin“, drohte Amanda mit schlitzartigen Sehorganen.
Kyles Miene war auf einmal entrückt, sein Blick ging in die Ferne, er wirkte nicht länger wütend, er gab sich konzentriert, fast erleichtert.
„Mit sofortiger Wirkung, Frau Braun?“ Amanda nickte stumm.
„Was soll ich sagen…? Danke, Amanda!“
„Danken Sie mir nicht zu früh. Und für Sie gilt nach wie vor: Frau Braun. Hab´ ich mich in dieser Sache klar ausgedrückt?“
Roberts konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen, ließ es sich aber kaum anmerken. Schon dem Abschied nahe, drehte er sich um, damit er die Bürotür erreichen konnte.
„Klarer geht´s nicht, Frau Braun.“ Als er schon den Griff fasste, bremste ihn die Aufsichtsratsvorsitzende in seiner Freude gänzlich aus.
„Eines noch, Kyle Roberts.“
Seine Augenbrauen senkten sich aufmerksam. Sein Geist registrierte das eintönige Geräusch eines schnippenden Feuerzeugs, sowie den ausgeblasenen Dunst von Zigarettenqualm. Intensiv lauschte Kyle der zukunftsorientierenden Prophezeiung der mächtigen Frau.
„Sie haben großes Talent ein medialer Star zu werden. Den notwendigen Intellekt, nebst kommunikativen Fähigkeiten besitzen Sie, das steht außer Frage. Vielleicht können Sie die extremen Hürden bis auf den Weg des Ruhms nach oben meistern. Vielleicht…“
Amanda Braun legte eine kurze Pause ein.
„Aber Ihr kleiner Ausflug jüngst auf meinen Busen bestätigt es mir. Ich halte Sie für einen schwanzgesteuerten Akteur, der um Aufmerksamkeit bettelt, wie es Politiker kurz vor den Landtagswahlen ausüben. In absehbarer Zeit wird Ihnen genau das zum Verhängnis werden. Merken Sie sich meine Worte. Ich verfüge über eine wunderbare Gabe – Menschenkenntnis. Und ich habe mich noch nie in dieser Hinsicht geirrt…“
Er drehte sich nicht mehr nach ihr um. Um seinen Kopf zu retten, blieb ihm nichts mehr übrig, als die Late Night Show komplett umzukrempeln und in Rekordzeit aufzupeppen. Das letzte Wort im Büroraum wollte er allerdings nicht ihr überlassen:
„Irgendwann irrt jeder einmal. Ihre größte Angst ist es doch, wenn man selbst zur klischeehaften Karikatur wird, wenn man sich der Lächerlichkeit preisgibt, anstatt glaubhaft und würdig die Sorgen des Publikums zu artikulieren. Ich werde es allen zeigen. Ich werde der beste Talkmaster, den Deutschland je gesehen hat…“
Mai 1994, Köln
An einem großen, rechteckigen Konferenztisch hatte Kyle Roberts die führende Amtsgewalt übernommen. Etwa zwei Dutzend Mitarbeiter teilten seine Anwesenheit. Die Geräuschkulisse aus verschiedenartigen Dialogen füllte das komplette Areal. Am Kopfende des gläsernen Mobiliars nahm er eine fordernde Position ein, richtete sich vor seinen Angestellten auf, damit die seine vollste Aufmerksamkeit erlangten.
„Werte Kolleginnen, werte Kollegen – darf ich um Ruhe bitten“, tönte es laut und mit kräftiger Stimme. Weil Kyle bereits früher als Stellvertreter seiner ehemaligen Vorgesetzten fungierte, waren die neuen personellen Gegebenheiten im Studio nichts Ungewöhnliches. Als Katja Schubert entlassen wurde, lag es für viele Angestellte auf der Hand, dass Kyle Roberts die Geschäftsleitung übernahm. Aber besaß der Mann auch die Fähigkeit zu moderieren? Diese Frage spukte vielen seiner Angestellten durch die Köpfe. Eine eindeutige Antwort fanden sie nicht.
„Ich hatte euch ja vor zwei Wochen gebeten, sich gedanklich damit zu befassen, was ihr persönlich als erfolgreiche Veränderung für unsere Late Night Show empfindet. Die Resonanz aus euren Vorschlägen und die vielen damit verbundenen Ideen, haben auch bei mir und meinen beiden leitenden Angestellten ganz neue Perspektiven geschaffen“, lobte Roberts.
„Aber die Zeit ist unser Gegner – am kommenden Samstag wird die erste, neue Late Night Show ausgestrahlt. Dafür hatten wir leider nur ganz wenig Vorbereitungszeit. Aber das wird unser Wegweiser in die gemeinsame Zukunft, mag sie nun von Erfolg gekrönt sein oder nicht. Millionen werden diese Show mit kritischen Augen beobachten, versuchen unsere Arbeit, das, was wir uns über viele Jahre gemeinsam aufgebaut haben, in den Dreck zu ziehen. Die Show medial zu ruinieren – unsere Show, unseren Job – letztendlich unser Leben.“
Der attraktive Mann legte seine Arme spreizend auf die glänzende Oberfläche des Tischs und beugte sich nach vorne, um eine offensive Haltung anzunehmen.
„Liebe Kolleginnen und Kollegen. Das werde ich, Kyle Roberts, nicht zulassen. Das Wesen von öffentlich-rechtlichen Sendern, im Übrigen auch von Mainstream Medien und Politik, ist im Prinzip leicht erklärt: Ausgefressene Funktionäre, gleich hoch wie breit, die in ihrem Leben noch nie gearbeitet haben, fabulieren über das Wesen der Arbeit und erklären den Klassenkampf. Zum Schwitzen kommen die wohl bestallten Damen und Herren Funktionäre nur am Golfplatz oder beim Anblick eines saftigen Steaks.“
Seine Mimik blieb unverändert, aber der Ton nahm an Lautstärke zu, als Roberts fortfuhr:
„…und diese Leute erklären dann Frauen und Männern unseres Landes, wie man mit dem Einkommen das Auskommen findet, wie man Berufstätigkeit und Kindererziehung unter einen Hut bringt, wie man mit geringen Gehältern die Lasten des Alltags stemmen soll. Ihre Liebe zum viel zitierten kleinen Mann entdecken sie erst wenige Wochen vor den Betriebsratswahlen. Da tauschen sie dann das feine Tuch ihrer geschmacklosen Anzüge gegen einen Kartoffelsack, mimen Armut und Bescheidenheit und heucheln es den hemdsärmeligen Arbeiterführer vor. Die restlichen fünf Jahre hindurch sind sie dann bei vollen Bezügen, also bei einem arbeitslosen Einkommen, dienstfrei gestellt und studieren in unzähligen Sternerestaurants und Bars den Lebenslauf von Karl Marx. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass diese fleischgewordenen Bollwerke des Stillstandes jemals aus ihren Funktionen gewählt werden, steht dann das Versorgungsnetzwerk des staatlichen Bereichs zur Verfügung. Das ist die Geschichte jener liebenswürdigen Menschen, deren einziges Credo ist: Ohne die Öffentlich-Rechtlichen bin ich nichts…“
Kyle Roberts füllte mit einem kräftigen Atemzug seine Lungenflügel.
„Meine lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ich kann euch in schwierigen Zeiten nichts versprechen, außer eines: Ich werde nicht mit hängendem Kopf auf den Trümmern meiner beruflichen Laufbahn diesem Studio den Rücken kehren und ein so begabtes Team, wie ihr es darstellt, im Regen stehen lassen.“
Kyle bemerkte die beklemmende Stille im Raum. Seine Wortwahl hatte Wirkung gezeigt, in welcher Form auch immer. Einen Applaus erntete er allerdings nicht. Weil er seinen vorzeitigen Part der Rede erledigt hatte, erhob er sich wieder in den aufrechten Stand und übergab sodann das Wort seinem neuen Stellvertreter.
„Wolf – würdest du übernehmen, bitte?“
Simultan zum Platznehmen von Roberts, hatte sich Wolfram Hengist, der neue stellvertretende Geschäftsführer aufgerichtet. Privat war er seit zwölf Jahren eng mit Kyle befreundet, beruflich arbeiteten sie bereits in mehreren Projekten gemeinsam. Als logische Konsequenz stieg Hengist vom Projektleiter in den Rang des obersten Managements auf. Direkt an die Seite seines Freundes Kyle, den er mit Rat und Tat unterstützte, nicht nur im beruflichen Umfeld. Wolfram, der von Freunden und Bekannten kurz Wolf getitelt wurde, erkannte die Unruhe der Herde seiner Angestellten, weil Kyles Ansprache neben Emotionalem auch eine Art Kampfansage an die Medien zum Ausdruck brachte. Das Wortgewitter seines Vorgesetzten wollte er mit fachlichem Beitrag etwas in die notwendige Balance zurückbefördern.
„Ja, Kyle – erst mal vielen Dank für deine wichtige Botschaft mit Blick auf unsere gemeinsame Zukunft. Du hast es ja bereits eingeläutet – meine lieben Kolleginnen und Kollegen – ab heute weht ein anderer Wind. So sehr wir alle unsere geliebte Katja Schubert und deren Firmenphilosophie schätzten, wir müssen umdenken.“
Die Mitarbeiter lauschten weiterhin mit teils kritischer und teils interessierter Miene, ging es doch in Anbetracht auch um deren künftiges Berufsleben. Wolfram Hengist aktivierte nun den großen Beamer, der mit seinem Laptop verbunden war und dessen Bildschirm auf eine überdimensionale Leinwand projiziert wurde. Das Wort Umbruch prangte groß und unverkennbar auf der Leinwand.
„Einer der größten Herausforderungen für unsere Late Night Show wird das Umstrukturieren. Kurz – wir dürfen nicht erneut in alte Muster verfallen, die wir alle noch unter der damaligen Leitung von Katja Schubert zu Genüge kennen. Bei allem Respekt gegenüber Katja – sie war eine… außergewöhnliche Frau, aber in ihrer Einstellung nicht bereit, Neues zu wagen. So wurde über Jahre hinweg aus einem leuchtenden Medienjuwel ein nur noch stumpfes, verbrauchtes Stück Kristall. The Show must go on, aber bitte mit neuem Geschäftsmodell. Machen wir einfach dort weiter, wo Katja aufgehört hatte, wird unser Projekt scheitern!“
Mit der Fernbedienung präsentierte Hengist seinen Angestellten die erste Folie nach dem Deckblatt, welche eine interne Teamstrukturierung darstellte. „Unser bisheriges Geschäftsmodell…“
Bevor die Angestellten die Gelegenheit nutzen konnten, die Grafik zu analysieren, tippte Wolfram auf den kleinen Knopf der Fernbedienung.
„…das ihr bitte ganz schnell wieder vergessen werdet. Gemessen an diesem Konstrukt und dem daraus resultierenden Erfolg des letzten Quartals, wäre selbst ein Siebenschläfer ein Bündel an Energie – hier unser neues Geschäftsmodell“.
Eine neue Folie wurde den Mitarbeitern präsentiert. Mit seinem letzten Dialog weckte er seine Angestellten aus der beklemmend wirkenden Starre, weil die zum ersten Mal ein Gelächter herausbrachten. Das gefiel auch Kyle, der zwar die komischen Sprüche seines engsten Freundes Wolf befürwortete, aber gerne selbst den Kabarettisten vor seiner Mannschaft gespielt hätte. Eben genau diesen Humor musste er schon sehr bald selbst schlagfertig zu zelebrieren verstehen – vor laufender Kamera und einem Millionen Publikum. Und vor der Presse, die er, Kyle Roberts, so sehr verachtete.
„Merkt euch die fünf neuen Teambausteine unserer Firmenphilosophie“, fuhr Hengist fort, „Werbung, Technik, Textorganisation, Produktion und Showmanagement. Alle arbeiten an einem Strang, und regelmäßiger Austausch in Form einer Mitarbeiterkonferenz ist Pflicht. Das Ganze zweimal pro Woche. Denn welchen Nutzen haben wir, wenn das Team Showmanagement seine Hausaufgaben gemacht hat, aber Kyle die Dialoge für gute Pointen fehlen, weil Team Textorganisation nicht geliefert hat? Mit den neuen Teamleitern wird es am Freitag noch ein Sondermeeting geben. Jetzt würde ich gerne das Wort weitergeben an unsere neue Leiterin der Produktion und Technik.“ Dabei nickte Hengist seiner Kollegin zu, fasste sie behutsam an der Schulter und übergab ihr die Fernbedienung des Beamers.
Michelle Grosz war die jüngste der drei führenden Organe der Late Night Show. Sie hatte das dreißigste Lebensjahr noch nicht vollendet, aber ihr unglaubliches Fachwissen im technischen Bereich waren unverzichtbar. Hinter den Kulissen, besonders im Bereich des Studios, dem Herzstück der Late Night Show, war Michelle die absolute Expertin. Sie hatte erst kürzlich den Sender gewechselt und Kyle nutzte als Erster die Chance, sie zu einem persönlichen Gespräch einzuladen. Mit seinem ritterlichen Charme und nicht minder mit seiner Zukunftsvision über die Umstrukturierung seiner ganz neuen Geschäftsidee überzeugte er Michelle Grosz, gewann sie so für sein Team.
Michelle stellte sich zunächst in einem zweiminütigen Monolog dem Personal vor, bevor sie die Präsentation unter Zuhilfenahme des Beamers startete.
„Werte Kolleginnen und Kollegen – ich möchte mich Wolfs Wortwahl anschließen, dass ab heute ein anderer Wind weht, wie er so schön formulierte. Aber nicht nur in den einzelnen Teams ist dies notwendig, sondern auch im gesamten Studio und im Sendeprozess.“
Michelle führte eine elegante Drehung ihres Körpers durch, damit die Sicht auf die Leinwand für jedermann sichtbar wurde. Eine Videoaufnahme des neuen Studios wurde dargestellt, welches von einem Raunen der Anwesenden begleitet wurde. Das neue Bühnenoutfit sorgte für Staunen und vereinzelt wurde Beifall geklatscht, was der jungen Frau sichtlich gefiel.
„Wie ihr sehen könnt – Kölns Lichter der Stadt wirken nun real und sie glänzen im kalten Mondschein so schön wie nie zuvor“, bezog sich Michelle auf das restaurierte Bühnenhintergrundbild, welches die Skyline in tiefster Nacht eindrucksvoll präsentierte.
„Dadurch wirkt auch Kyle attraktiv, sobald er sich an das neue Pult seiner Bühne setzt“, grinste Michelle ihrem Vorgesetzten verspielt zu und zog die Lacher auf ihre Seite. Kyle schmunzelte, flüsterte irgendetwas seinem Nachbarn Wolf ins Ohr, der seine Argumentation mit einem Nicken und leichtem Grinsen bestätigte. Beide applaudierten, weil sie von dem neuen Bühnenhintergrund begeistert waren, und von der Lockerheit der jungen Michelle Grosz, die ihre Präsentation mit unglaublicher Ruhe und Sympathie vortrug. Keine Selbstverständlichkeit für einen Neuling, wenn man die momentan wirtschaftliche Situation der Firma berücksichtigte, denn die schrieb aktuell rote Zahlen.
„Apropos Bühne – wir dachten da natürlich an dich Kyle und haben uns erlaubt, dein altes Pult gegen ein auf Schienen fahrbares einzutauschen. Mit einer einfachen automatischen Bedienung auf dem Arbeitstisch kannst du ab jetzt mobil nach rechts und links schwenken. Was du daraus machst, bleibst dir überlassen“, demonstrierte Michelle via Video die neuartige Funktion.“
Dafür erntete sie den nächsten Beifall, der jetzt länger andauerte.
„Wo hast du die Kleine aufgegabelt, Kyle?“, wollte Wolf nun von seinem Freund wissen.
„Willst du nicht wissen, Wolf“, flüsterte der zurück.
„Sie ist gut. Eine wahrliche Bereicherung für unsere Situation!“
„Absolut, auch wenn sie optisch nicht gerade überzeugt, mit diesem Einfallsreichtum ist sie für uns unverzichtbar“, argumentierte Roberts.
„Kyle, dass du die Frauen immer nur nach der Optik zu beurteilen versuchst“, rätselte Hengist.
„Wieso nicht? Das ist doch gleich der erste und entscheidende Eindruck, oder etwa nicht? Alles andere folgt.“
Wolf blieb diese Antwort schuldig, grübelte in sich hinein und lauschte weiter der Präsentation von Michelle Grosz. Die stellte noch den neuen Slogan vor, sowie eine neue Band und den sanierten musikalischen Begleitsong, welcher mit einem hohen Wiedererkennungswert bei Show-Eröffnung, Werbepausen und zum Show-Ende eingespielt werden sollte und in ferner Zukunft zu deren Markenzeichen avancierte. Der Applaus der Angestellten gab ihr die Bestätigung.
„Vielen Dank“, verbeugte sich Michelle freudestrahlend vor ihrer Belegschaft und übergab daraufhin Kyle das Schlusswort. Der nestelte kurz mit seiner linken Hand an seiner Krawatte, um den seriösen Ausdruck eines Geschäftsführers zu wahren.
„Meine Freunde – es ist schön zu sehen, dass unsere Pläne scheinbar gut angekommen sind. Sie lösen zwar keine wahren Jubelstürme aus und manchmal kann ein Tritt in den Hintern auch Fortschritt sein. Aber selbst dieser Bocksprung kann sich zum letztklassigen Chaos entwickeln, wenn mein Auftritt am Samstag nicht überzeugend wirkt. Davon hängt alles ab. Viele von euch werden den einen oder anderen Zweifel hegen, ob ich, Kyle Roberts, der Richtige für die Moderation einer Late Night Show bin und nebenher die Geschäftsleitung übernehme. Vielen von euch habe ich mit meiner teils egozentrischen Art sicher das berufliche Leben über Jahre hinweg erschwert. Aber deswegen bin ich kein Fall für die Pathologie und ich werde nicht meine Loyalität für meine Mitarbeiter opfern. Ich durchwandere jetzt aber auch nicht die Metamorphose vom Saulus zum Paulus und bitte um Verzeihung. Ich bin so wie ich bin und nach dem Wochenende wird sich zeigen, ob mein Charakter und unsere Pläne miteinander harmonieren und erste Früchte des Erfolgs tragen werden. Vielen Dank!“
Verhaltener Applaus. Wolfram Hengist erklärte die Sitzung für offiziell beendet. Erst als sich das Rudel Angestellter nach und nach auflöste, bat er seinen Freund und Vorgesetzten mit höflicher Geste in das Chefbüro. Als der die Tür hinter sich zuzog, schritt Kyle zur benachbarten Vitrine und holte zwei Gläser hervor. Die füllte er kurzerhand mit edlem Cognac. Eines übergab er Wolfram, nickte ihm gedämpft zu.
„Tja, Wolf – ich glaube, mit dem Umgang meiner Mitarbeiter habe ich mehr zu kämpfen, als mit den Textzeilen meiner ersten live Moderation…“, bekannte sich Kyle ehrlich.
„Hab´ Geduld mit deinen Angestellten. Du warst als stellvertretender Geschäftsführer nicht gerade zimperlich. Katja war dir in dieser Hinsicht voraus. Aber ich mache dir keine Vorwürfe. Außer deiner Kampfansage an die öffentlich-rechtlichen Sender, an den Journalismus und an die Politik, fand ich deine erste Rede als neuer Chef nicht schlecht.“
Wolfram stieß mit ihm an, so dass der vibrierende Klang von Glas im Raum schwebte. Kyles Mimik zeigte, dass er überlegte.
„Und wenn ich dich um eines bitten darf, Kyle. Versuche, das Sozialistische aus deinen Ansprachen zu entfernen. Was sollte denn der Spruch mit dem Marxismus? Wir folgen doch keiner Ideologie“, rügte ihn Hengist.
„Das habe ich dieser Amanda Braun zu verdanken. Ihr Gespräch nagt noch immer unter meiner Haut. Die Alte ist so etwas von überheblich und sie will mich fallen sehen.“
„Sieh es positiv. Vorerst hat sie dir zu einer Beförderung und einer Chance verholfen. Nutzen wir sie – gemeinsam“, fasste Wolf ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Nein“, schüttelte Kyle den Kopf, „ich will sie demütigen, so wie sie mich diffamiert hat. Sie denkt, dass sie mich mit ihren Spielchen in der Hand hält, mich fesseln kann. Ich soll mich mit letzter Kraft an ihrer Macht festkrallen, im Trio mit Michelle und dir, eine Schicksalsgemeinschaft von gefügsamen Lemmingen bilden, die ein ganzes Land medial unterhalten, damit Amanda Braun und Ihresgleichen in der Hochfinanz, sich im Reichtum weiterhin aalen können?“
„Kyle, tu mir einen Gefallen und leg´ dich bitte nicht mit Amanda Braun an. Nicht dass ich deinen Intellekt mit ihrem auf eine Ebene stellen möchte, aber die hält alle Hebel deiner Zukunft in Händen. Und sie hat eine Position, deren wahre Macht wir uns nicht mal imstande sind auch nur ansatzweise vorzustellen. Vergiss das nie, mein Freund.“
Der Mann mit den hellblauen Augen kippte seinen Drink auf einen Zug herunter. Der Geschmack belebte seine Sinne:
„Für Amanda ist es leicht, vor ein paar Journalisten zu treten und geheuchelte Tränchen abzudrücken, wenn wir mit unserer Late Night Show gescheitert sind. Aber diese Suppe werde ich ihr ordentlich versalzen!“
Mai 1994, Köln
Samstag, später Abend: Gespannt starrten ihre hellbraunen Augen auf den Fernseher. Delphine Baker spürte ihr Herz so kräftig unter ihrer Brust schlagen, dass sie sich vor Nervosität kaum eine Sekunde ruhig halten konnte. In wenigen Minuten würde sie ihr Idol, Kyle Roberts, als Moderator der neuen Late Night Köln, live sehen. Zumindest glaubte sie daran, dass die Late Night Shows auch genau zu dieser Sendezeit live übertragen wurden. Die Realität sah anders aus. Bereits nachmittags war die komplette Show im Kasten. Bis zum Abend wurden nur noch die notwendigsten Arbeiten für den Sender durchgeführt, sozusagen der Feinschliff.
Die Siebzehnjährige startete gerade ihr drittes Lehrjahr als Einzelhandelskauffrau hier in Köln-Ehrenfeld bei einer Aldi Filiale. Schon als junger Teenager fand sie Kyle Roberts charmant und anziehend. Erst kürzlich begegnete sie ihm in ihrer Filiale und sie schenkte ihm als Kassiererin ein schneidiges Lächeln, von dem der attraktive Mann zwar Notiz nahm, aber es nicht erwiderte. Für Delphine spielte das keine entscheidende Rolle. Sie verehrte Roberts und obwohl der Mann vom Alter her ihr Vater sein könnte, bekam sie Frühlingsgefühle, als er plötzlich an der Kasse vor ihr stand. Ihrem Freund, dem ein Jahr älteren Christoph Kern, erzählte sie von diesen Umständen natürlich nichts. Sie mochte ihren Chris, gar keine Frage, aber die wahre Liebe fand sie bisher noch nicht bei ihm, obwohl er ihr in schwierigen Zeiten stets zur Seite stand. Mit Chris und ihrer besten Freundin Anna Marquardt, teilte sich Delphine das Wochenende. Für den heutigen Abend war Couching angesagt. Einfach bequem vor dem Fernseher abhängen und es sich zu fein hergerichteten Häppchen und alkoholischen Getränken gut gehen lassen.
„Hey Anna – wo bleiben die Hot Dogs? Ich verhungere“, brüllte Chris vom Wohnzimmer in die Küche.
„Eine Minute noch. Bin gleich fertig!“
„Du verpasst noch den lang ersehnten Anfang!“ Chris bezog sich mit diesem Wortlaut auf seine Freundin, denn Anna und er wollten eigentlich den Abend nutzen, um eine Diskothek im benachbarten Bezirk der Innenstadt zu besuchen, entgegen dem Willen von Delphine. Chris bemerkte den starren Blick seiner Flamme, ganz auf den Bildschirm fokussiert. Und er sah die Fernbedienung in ihrer Hand.
„Schatz – weißt du, was wirklich fies wäre?“, lenkte Chris kurz ihre Aufmerksamkeit von dem Fernseher ab. Es war bereits eine Minute vor 22 Uhr und der Abspann der vorausgehenden Sendung scrollte schon über den Screen.
„Nein, was denn?“, fragte Delphine fast geistesabwesend und strich sich eine ihrer dunklen Haarsträhnen aus dem Gesicht. Sie bekam keine Gelegenheit mehr zu reagieren, weil Chris ihr ungeachtet dessen, blitzschnell die Fernbedienung aus der Hand riss und auf einen anderen Kanal umschaltete. Doch er unterschätzte die Situation, die ihn ins besagte Fettnäpfchen treten ließ. Binnen kürzester Zeit war Delphine athletisch vom Sofa aufgesprungen und stand nun auf Angriff gefeilt vor seinem belustigten Antlitz.
„Verdammter Kerl – gib mir die Fernbedienung. Sofort!“
Weil Christoph Kern sie in der Hüpfburg seiner kuriosen Idee gefangen hielt und Delphine Baker keine Lust darauf hatte, sich seinem arglistigen Gespött preiszugeben, handelte die schlanke Frau ohne Rücksicht auf Verluste. Sie wollte unter keinen Umständen den für sie wichtigen Anfang der Show verpassen. Ein fest klatschender Ton schallte durch das Wohnzimmer, als ihr Arm eine drehende Bewegung vollendete. Chris, noch vollkommen überrascht und gelähmt von ihrem Wagemut, fiel die Fernbedienung aus der Hand. Seine Freundin bemächtigte sich dem winzigen Apparat. Schnell hatte sie wieder umgeschaltet, den gemütlichen Platz auf dem Sofa eingenommen, indem sie ihre langen Beine angewinkelt in ihre Handflächen zog.
„Entweder tust du mir jetzt den Gefallen und bleibst artig, oder du denkst in Zukunft nach, bevor du deine Hirngespinste zum Besten gibst“, knurrte Delphine ihn an.
Die Fernbedienung lag direkt vor ihren Füßen und sie dachte nicht mehr daran, dass ihr Freund es abermals versuchen würde, sie zu entwenden. Delphine behielt recht.
Chris rieb sich die glühende Wange, die einen pochenden Schmerz verursachte. Als Anna mit den frisch zubereiteten Hot Dogs, auf einem Silbertablett serviert, aus der Küche schlurfte, entdeckte sie Chris, der sich sein eisgekühltes Bier an die Wange hielt.
„Was ist denn hier los?“, fragte sie neugierig. Der Teenager legte den Zeigefinger auf seine Lippen, um ihr zu zeigen, dass momentane Geräusche unerwünscht waren, die Freundin derzeit keine Störung duldete, weil nun die Übertragung der Late Night Show startete. Aber Anna war nicht von gestern, kannte sie ihre beste Freundin bereits über Jahre.
„Ach Chris, du Dummkopf. Hast du Del versucht zu ärgern? In bestimmten Situationen solltest du das besser nicht tun. Sie ist eine ganz Liebe, aber in gewissen Bereichen reizt man die Süße besser nicht. Brauchst du Eis?“
„Danke Anna – geht schon wieder“, und er nahm vorsichtig neben seiner Freundin Platz, die aber keine Anstalten machte, ihn erneut in Bedrängnis zu bringen. Sie beäugte ihn kurz aus dem Augenwinkel, schielte flüchtig zu seiner Hand und dann zur Fernbedienung. Doch Chris griff nun nach einem saftigen Hot Dog, anstatt seiner Freundin den Spaß an der Sendung weiterhin zu verderben.
„Hey Schatz, auch einen? Sind wirklich lecker.“
„Nein Danke, mein Hase. Um diese Zeit braucht mein Magen kein fettiges Zeug. In Kombination mit Alkohol eine echte Kalorienbombe… aber jetzt Ruhe – es fängt an… endlich!“
Chris nahm es seiner Delphine nicht übel, dass sie strikte Gebote einhielt, was die Ernährung anging. Ihre schlanke Figur war das Resultat daraus und es gefiel ihm, ohne dass er sie dafür in die Kategorie sonderbar abstempelte. Dann legten drei Augenpaare den Fokus auf den Bildschirm.
Lichter wirbelten wie ein Laserinferno in aller Farbenpracht. Die Strahlen reflektierten das neue Bühnenoutfit in gleißender Energie. Die Kamera schwenkte auf die neue Band, die folglich den Begrüßungssong in Perfektion zelebrierte. Im gleichen Augenblick wanderte der in rubinrot blinkende Schriftzug Late Night Köln über den Screen, begleitet von einer sonoren Männerstimme, die den Slogan wie aus dem Hut zauberte und den Moderator ankündigte: „Ladies und Gentlemen – hier ist der Gastgeber – Kyle Roberts“, und die Kamera fokussierte das Bildnis des im Smoking gekleideten Mannes, dessen Erscheinung nun in voller Pracht dem stark applaudierenden Publikum dargeboten wurde. Und Delphine Baker nagte mit den Zahnreihen an der Unterlippe, während feinste Grübchen um den Mund einen Anflug eines Lächelns auf ihren erröteten Wangen verbargen.
Delphine schien auf einer Wolke zu schweben, so sehr hatte sie der attraktive Mann gebannt. Die Art und Weise, wie charmant er dem Publikum deren Beifall quittierte, überzeugte die junge Frau genauso wie sein seriös gepflegtes Erscheinungsbild.
„Verdammt, ist der heiß. Hoffentlich packst du deinen Einstieg, Kyle“, drückte ihm Delphine Baker herzergreifend die Daumen. Nach dem Begrüßungsgewitter und der anschließenden Danksagung widmete sich Kyle Roberts zunächst dem Frontmann der neuen live Band. Kyle hatte tief Luft geholt und befand, dass er mit der nächsten Wortwahl unter den gegebenen Umständen mit einer Prise Humor der Show am besten diente:
„Hallo Dirk, Auftakt geglückt, würde ich sagen! Privat auch alles gut bei dir?“ „Bestens Kyle, aber bei dir wohl auch? Ich habe gehört, deine Frau ist wieder schwanger?“
„Ja, warte nur ab, bis ich die Drecksau erwische, die das getan hat!“
Die Pointe hatte gesessen und zeigte sofort Wirkung. Das Publikum lachte beherzt und schickte Roberts mit einem tosenden Beifall in die nächste Runde. Zum ersten Mal riss es auch Delphine aus dem Sofa, sie tat es Anna und Chris gleich, indem sie sich auch wie die beiden vor Lachen krümmte. Aber innerlich dankte sie einer höheren Macht, dass Kyle damit die Menge für sich gewonnen hatte, jedenfalls das hauseigene Publikum mit Lachtränen regelrecht überschüttete. Als der dunkelhaarige Mann mit den himmelblauen Augen eine Fernbedienung aus seiner Smoking Weste hervorholte und anfing über die Bedeutung einer Solchen zu philosophieren, dürfte das der berühmte letzte Tropfen für Delphine gewesen sein, der ausreichte, um eine Art Brücke zu dem Kontext ihres soeben Durchlebten mit Kyle Roberts herzustellen. Für sie war das ein eindeutiges Signal, obwohl der Moderator den winzigen Apparat nur dafür benutzte, um seine neue Errungenschaft – das auf Schienen fahrbare Pult – zu demonstrieren. Das gefiel dem Publikum ebenfalls, Applaus flutete erneut die Bühne, schon deshalb, weil Roberts mit einem akrobatischen Satz abstützender Hände Platz nahm.
Bis zur ersten Werbeunterbrechung dirigierte Kyle von dort aus die Show mit aktuellen Geschehnissen aus Promiwelt, Sport und Kultur. Natürlich stets mit einer ordentlichen Prise Sarkasmus und Ironie gewürzt und von seiner Band musikalisch begleitet, sobald er des Pudels Kern erwischte. Dem Rat seines Stellvertreters und engsten Freundes, Wolfram Hengist, kam er nach. So verschonte er in dieser Übertragung die feinen Damen und Herren aus politischem Hause. Anna und Chris nahmen mehr und mehr an der Show teil, stellten ihre persönliche Forderung an Delphine zurück sie zu einer Wiedergutmachung zu zwingen, weil sie beide dazu genötigt hatte, einen gemeinsamen Fernsehabend der Party in einer Diskothek vorzuziehen.
Nach der Werbepause überraschte Kyle seine Zuschauer mit einer deutschen Band, die erst kürzlich in Irland beim Euro Vision Song Contest auftrat und dort einen starken dritten Platz für deren Land belegte. Mit den drei Damen flirtete Roberts charmant, sie unterhielten sich über das positive Abschneiden im Contest und allerlei Showbiz. Der Humor bei Roberts blieb nie auf der Strecke. Aber von Delphine, die nichts anderes tat, als auf den Fernseher zu starren, erntete er einen bösen Blick. Oder galt der etwa den drei Frauen, die kurz darauf eine live Performance mit der hauseigenen Band vorführte? Anna versuchte sie darauf anzusprechen:
„Hey, Del – was ist dir den über die Leber gehuscht? Dein Blick lässt mich frösteln, wenn ich ehrlich bin…“
„Das kann ich dir sagen, liebe Anna“, deutete Delphine mit ausgestrecktem Zeigefinger auf den Fernseher und bekannte sich offen zu der Performance des deutschen Künstlertrios.
„Von den drei Frauen kann keine Einzige richtig gut live singen. Die Kiefer ist so schlecht, die trifft noch nicht mal jeden Ton. Aber Hauptsache, - Prominenz im Trio – das steigert die Erfolgschancen erheblich.“
„Ich finde die drei gar nicht so schlecht“, bekannte sich Chris ehrlich.
„Du hast von Musik ja auch keine Ahnung, Hase…“, konterte sie.
„Heute hast du es wohl auf mich abgesehen, was? Erst die Ohrfeige, jetzt die Abwertung auf einen musikalischen Legastheniker. Was kommt denn noch?“
Delphine zeigte endlich Verständnis, dass ihr Freund Chris heute Abend für ihre aufgebrachte Laune herhalten musste und sie ihn hart rangenommen hatte. Zu hart. Deswegen streichelte sie seinen Handrücken und schenkte ihm ein verschmustes Lächeln. Er antwortete mit einem verliebten Grinsen, küsste sie schmatzend auf die Lippen.
„Kannst du es denn besser, Süße?“, fragte Anna interessiert.
„Na, und ob. Die drei Hof-Grazien steche ich locker aus. Wenn ich nur selbst einmal eine Bühne bekommen würde“, klang Delphine voller Enthusiasmus.
„Wirklich? Ich glaube, dass es nicht so einfach ist. Hier vor uns bringst du bestimmt eine musikalische Glanzleistung hervor, liebe Del, aber da draußen – vor einer Menge Publikum - das ist eine ganz andere Baustelle und diese Überwindung gelingt nicht jedem.“
„Anna, mein Schätzchen, du kennst mich so gut wie keine Zweite. Du weißt, dass ich es könnte, oder etwa nicht? Und du weißt, dass es mein großer Traum ist, einmal selbst im Rampenlicht zu stehen.“
„Ich will dir nicht zu nahetreten, Liebes, aber unter der Dusche oder im Auto fahrend zu singen, ist ein großer Unterschied zu einer Performance auf einer Bühne. Du bist eher introvertiert, also hab´ ich so meine Zweifel, ohne dich in deinem gesanglichen Talent abzuwerten. Du baust dir da ein Luftschloss, Süße“, fügte Anna hinzu.
Delphine Baker gab sich stumm. Sie sinnierte über Annas Dialog. Was allerdings in ihrer Gedankenwelt wie Insekten im Laternenlicht umher kreiste, blieb ihr Geheimnis. Als sie sich das kuriose Finale der Late Night Show von ihrem Idol, Kyle Roberts, verinnerlichte und ihn sah, wie er sich am Ende vor dem tosenden Publikum verbeugte und in blinkende Lichtstrahlen eintauchte, hatte sie das Gefühl, selbst auf der Bühne zu stehen.
„Es ist an der Zeit, mit dem großen Irrtum der Vergangenheit aufzuräumen. Ich bin nicht geschaffen, um als Handlanger in einem schlechtbezahlten Job mir den Arsch aufzureißen. Ich kann viel mehr – also Manege frei!“
Anna hatte ihrer besten Freundin eine Frage gestellt, aber Delphine musste sich erstmal mit einem Blinzeln aus ihrer Traumwelt befreien. Deswegen fragte sie mit einem einfachen Was? nach. Anna musste unfreiwillig schmunzeln.
„Houston an Delphine Baker – alles OK? Oder haben wir ein Problem? Ich fragte, ob ihr noch zu einem Schlummertrunk bleibt?“
Chris wollte dem gerade zustimmen, aber seine Freundin unterbrach die Harmonie auf einen nächtlichen Smalltalk zu dritt.
„Du weißt Anna, ich würde gerne – aber ich muss vor Mitternacht zu Hause sein. Mein Stiefvater kontrolliert das leider sehr genau und seine Sanktionen von Hausarrest mögen altmodisch klingen, aber sind für mich der blanke Horror.“
Anna hatte Verständnis, nickte dem zu.
„Ich kann dich verstehen, Süße. Wir telefonieren morgen, OK?“
„Geht klar. Hab dich lieb“, drückte sie ihre Freundin fest umschlungen. Delphine widmete sich Chris: „Begleitest du mich noch zur Haustür? Ich würde ungern nachts alleine durch die Gassen der Stadt marschieren.“
„Selbstverständlich gehe ich mit dir, Schatz. Anna – dank dir für den netten Abend. Bis demnächst mal wieder.“
Nach dem Abschied streifte das Teenager Paar durch Kölns Innenstadt. In der Nacht erwachte in der Millionenstadt eine vollkommen andere Welt. Die Metropole der Reichen trennte sich unweit von dem Scherbenhaufen der Armut. Aber die Wahrheit ist halt eine Tochter der Zeit: Einen gerechten Wertekatalog gab es nie und den wird auch nie in Köln geben.
Chris hatte Delphines zarte Hand so gefasst, dass ihre Finger ineinandergriffen. Er stellte fest, dass seine Flamme scheinbar fror, denn ihre Hand war total unterkühlt. Mit mehrmaligem Reiben über ihren schlanken Rücken und Schulterblatt schenkte er ihr die notwendige Wärme. Sie dankte es ihm mit einem aufopfernden Seufzer, vergrub ihr Gesicht in seiner durchwärmten Jacke. Seine Hände fassten ihre Taille und ihren Haarschopf am Hinterkopf.
„Chris – warum bist du mit mir zusammen? Ich bin nichts Besonderes, kann dir doch rein gar nichts bieten, wenn du ehrlich bist.“
„Nein, Delphine. Stopp! Das will ich nicht hören“, bremste er ihren Selbstzweifel ohne Umschweife.
„Wahrscheinlich würdest du mir jetzt noch etwas über deinen zu klein geratenen Busen und über dein Pferdegebiss erzählen wollen. Aber bitte, Schatz – lass es gut sein. Ich weiß über deine Vergangenheit Bescheid!“
Delphine löste sich aus seiner Umklammerung, beäugte ihren Freund zunächst mit kritischem Blick.
„Hat die Anna etwa aus meinem beschissenen Schulleben berichtet?“, zischte sie im Unterton. Er nickte ihr sorglos zu, klärte aber den Umstand sofort auf.
„Ich weiß, dass deine Mitschüler dich die letzten zwei Schuljahre wegen eben erwähnter Dinge gemobbt haben. Dass du deswegen den Sportunterricht geschwänzt hattest, nur damit du den Weg in die Dusche meiden konntest. Aus Angst davor, dass sie sich über deinen Körper lustig machen könnten. Selten hast du deinen Mitmenschen ein Lächeln gezeigt, weil du immer der Ansicht warst, deine sehr großen Schneidezähne würden dich in die Kategorie einer Stute abstempeln und dich hässlich erscheinen lassen.“
Sie entzog sich seinen Worten, wollte ihr Gesicht von ihm abwenden, doch seine Hand an ihrem Kinn haltend, löste ihre Verunsicherung.
„Delphine Baker – zwei schwere Jahre und dumme Aussagen von überheblichen Menschen reichten aus, um dich zu indoktrinieren und einzuschüchtern. Was braucht es nun, um dich aus den Wirren dieser furchtbaren Konflikte zu befreien? Dir zu beweisen, dass du wunderschön bist, fernab von dem, was Andere versucht haben dir wie einen bösartigen Tumor in deine Seele zu pflanzen!?“
Sie starrte ihm tiefgründig in die Augen, war beeindruckt von seiner offenen Kontroverse.
„Die Antwort ist Liebe, Del! Du weißt, dass ich dich liebe. Seit sechs Monaten sind wir jetzt zusammen und ich habe es dir schon mehrmals gesagt. Auf eine Antwort deinerseits warte ich bis heute – vergebens. Darüber hinaus haben wir immer noch nicht miteinander geschlafen, wonach ich mich aber immens sehne. Überleg` mal, welcher Kerl das dulden würde und über sich ergehen ließe? Sei nicht wütend auf Anna, dass wir über deine Vergangenheit geplaudert haben. Ohne ihre Offenbarung hätte ich wahrscheinlich nicht so viel Geduld aufgebracht. Aber ich bin immer noch hier, an deiner Seite – weil ich dich liebe, Delphine!“
Sie besaß die Einsicht, seinen Worten Deutung zu schenken, aber auch den Weitblick zu erkennen, dass dieser lange Marsch durch ein emotionales Minenfeld nur gemeinsam mit geeintem Vorgehen befriedet werden konnte. Sie trug seine Worte im Kopf, aber vor allem in ihrem Herzen. So fiel sie ihm in die geöffneten Arme, kuschelte sich weinend an seine Brust.
„Oh Chris – verzeih mir meine Gefühllosigkeit und vor allem die heftige Ohrfeige. Wie konnte ich nur so kalt und herzlos zu dir sein?“
Mit feinfühligem Schunkeln beruhigte er schnell seine Freundin. Chris führte sie noch durch die nebligen Seitengassen über vom Nachtlicht glänzende Pflastersteine bis vor den vertrauten Anblick der eigenen Haustür. Hier blieben sie im glänzenden Vollmond stehen, stellten sich im Angesicht zueinander, bis ihre Nasenspitzen sich fast berührten und sie den Atem des Gegenübers auf der Haut spürten.
„Danke, dass du mich nach Hause gebracht hast und… du weißt schon wofür“, wirkte sie verlegen. Der Haustürschlüssel nestelte in ihrer linken Hand nervös hin und her und bevor Chris Stellung bezog, drückte sich ihr Gesicht an das seinige, worauf er den Geschmack ihrer weichen Lippen auskostete.
„Gute Nacht, Christoph Kern“, zwinkerte sie ihm zu, bevor sie den Weg zu den Stufen der Haustür einschlug und ihm zum Abschied winkte.
„Gute Nacht, Schatz“, flüsterte er leise. Zwar erhoffte er sich die lang ersehnten drei magischen Worte ihrerseits, doch den Heimweg betrat der Teenager mit veränderten Gefühlen im Bauch. Wenn auch Delphines Einsicht reichlich spät kommen würde, so dachte Chris, befand sie sich doch auf den richtigen Weg zurück in die Gesellschaft, fernab ihrer eigenen Isolation, geklammert an die einst schändliche Epoche ihrer Schulzeit.
Eine Woche später:
Auf einem hochwertigen Tintenstrahldrucker wurden die Kennzahlen des Erfolgs der vergangenen vier Wochen vorbereitet. Das Gerät arbeitete mit einem eintönigen Geräusch. Kyle Roberts saß mit Wolfram Hengist, Michelle Grosz und seinen vier Teamleitern an dem ovalen Konferenztisch. Mit den Fingern tippte er nervös auf der glatten Oberfläche herum. Wolfram schraubte seine Emotionen eine Stufe herunter, trank genüsslich seinen Kaffee, den er sich regelmäßig zu dieser Zeit gönnte. Er beobachtete das nervtötende Fingerspiel seines Freunds und Vorgesetzten.
„Kyle, Geduld ist eine Tugend…“
Kaum ausgesprochen riss es Roberts vom Bürostuhl und er schritt hektisch an der Nordseite des Büros direkt zum Drucker hin, um die ersten Messzahlen zu lesen.
„Der Grashalm wächst nicht schneller, indem man dran zieht“, versuchte ihn Wolfram zu bremsen. Doch Kyle war ganz auf die grünweißen Blätter fokussiert, riss die ersten Drei von der Perforation ab. Michelle knotete sich das lange braune Haar zum Pferdeschwanz, starrte ihre beiden Vorgesetzten abwechselnd an, bis sie in Kyles Mine das Anzeichen eines Lächelns entdeckte. Der hatte sich sofort mit dem Papierkram zurück an den Tisch gesetzt und tippte die Zahlen in seinen Rechner ein. Sein Instinkt verriet ihm die gute Nachricht, er hatte den richtigen Riecher: „Zweidrittel Prozent mehr Einschaltquoten zum Vormonat“, brüllte Kyle durch den großen Saal. Michelle jubelte laut, vor Freude faltete sie die Hände wie bei einem Gebet zusammen und drückte sie glücklich an die Brust. Die vier Teamleiter zog es nun ebenfalls in den Bann und sie begannen laut zu klatschen. Sie richteten ihr Augenmerk nun auf Kyle Roberts, der sich am Kopfende des Tischs aufrecht stellte.
„Werte Freunde. Welch schöneres Kompliment kann man seinen großartigen Mitarbeitern machen, als die Einladung zu einem gemeinsamen Abendessen im Le Moissonnier Denn dort werden wir heute Abend die Sektkorken knallen lassen!“
Die Belegschaft dankte es ihrem Geschäftsführer mit einem lautstarken Beifall.
Später Abend. Der Himmel tränkte die wenigen Wolken indigofarben wie mit Watte berührt. Stolz leuchteten sie am goldblauen Firmament. Auf der Terrasse des noblen Le Moissonnier, einem vorzüglichen Fünf-Sterne- Restaurant in der Kölner Innenstadt, lehnte Kyle Roberts lässig mit den Oberschenkeln gegen den hellen Marmor des Geländers. Sein Blick wich in die Ferne und er nippte verhalten an seinem Glas Champagner. Das tolle Ambiente aus Lichterketten, mannshohen Grün zur Westseite gelegen und dem schneeweißen Marmor, lud zum Verweilen ein.
„Störe ich?“, weckte ihn die Stimme von Wolfram aus seiner Ruhephase. Doch Kyle belächelte seine oberflächliche Frage.
„Nein, Wolf. Natürlich nicht. Ist Michelle noch bei unseren Mitarbeitern?“ „Yepp, sie hat sich bestens in unsere Firma integriert, findest du nicht auch?“
„Absolut, und sie hat noch so viel Potenzial. Die Idee mit der fahrbaren Bühne war grandios. Sie war ein wesentlicher Bestandteil für den Erfolg unserer ersten vier Übertragungen der Late Night Show.“
„Deswegen kann ich sie auch getrost mit der Belegschaft alleine lassen. Michelle verfügt auch über die seltene Gabe ein Team zu führen“, ergänzte Hengist. Er schlich nun an die Seite seines Freundes, genoss mit ihm zusammen die schöne Aussicht der untergehenden Sonne.
„Aber dich scheint noch irgendetwas zu belasten. So viel sehe ich als dein Freund. Es steht förmlich in deinen Augen geschrieben.“
„Ist das so?“, wollte Kyle nun wissen. Wolfram labte sich an dem perlenden Geschmack des erlesenen Schampus, der an seinen Lippen ein leichtes Kitzeln verursachte.
„Natürlich ist es so. Wolltest du mich etwa testen? Die Zahlen aus der Statistika sind glänzend, wir sind vorerst raus aus dem roten Bereich, also, wo drückt der Schuh wirklich?“
Kurzes Schweigen.
„Rückst du jetzt endlich raus mit der Sprache, alter Freund, oder muss ich dich erst höflich darum bitten?“
Kyle veränderte seine Haltung, widmete sich nun Wolfram, indem er sich mit dem Ellenbogen auf das Geländer stützte.
„Ich sehe es etwas anders, sagen wir so - differenziert. Nicht, dass ich unseren Erfolg schmälern möchte, aber Zweidrittel mehr Prozent von einem schlechten Wert ist noch keine Meisterleistung. Die Relation des Wertes bezieht sich auf die Erfolgsrechnung von Katjas Horrorzahlen aus dem Vormonat. Viel schlechter ging es wirklich nicht mehr. Folglich sind unsere ersten Erfolge nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Anders gesagt, geradeso Mittelmaß!“
„Jetzt stapelst du ganz schön tief, Kyle. Was hast du denn erwartet? Wir liegen deutlich über Plan. Vielleicht kannst du dich an unser Gespräch über die Planszenarien erinnern? Wir hatten über 25 bis 30 Prozent mehr Einschaltquoten lange und ausführlich diskutiert.“
Wolfram änderte jetzt ebenfalls seine Haltung, weil er sich mit dem Gesäß am Geländer abstützte.
„Schau dir an, was wir erreicht haben. Jetzt sind wir im ersten Monat bei stolzen Zweidrittel mehr angelangt. Erwarte nicht zu große Sprünge!“
„Ist mir zu wenig, Wolf! Wir müssen noch besser werden. Darüber hinaus schreibt mir die Presse noch zu wenig. Sonst sind diese Hinterbank-Lemuren doch sofort zur Stelle, wenn die Show negativ auffällt. Jetzt drücken die sich. Haben die etwa Befehle von ganz oben erhalten, Late Night Köln aus positiven Schlagzeilen fernzuhalten?“, rätselte Roberts.
„Wir sollten einfach einer altbewährten Tradition nachkommen – und da sind wir mit Beharrlichkeit gut beraten. Die Zeit ist auf unserer Seite.“
„Wenn wir uns da mal nicht täuschen, mein lieber Wolf! Die Zeit ist unser Gegner, denn Amanda Braun gibt die Vorgabe. In fünf Monaten stehe ich zum erneuten Rapport in ihrem Büro. Beim letzten Mal kam es mir wie bei einem Tribunal vor, fehlten noch die restlichen Heckenschützen des Aufsichtsrats! Aber ich will in ihr Antlitz sehen, wenn der Erfolg in Form von Geilheit uns aus den Augen trieft!“
Hengist gab seinem Vorgesetzten Paroli, weil er es als seine Pflicht sah, als dessen Stellvertreter einzugreifen, wenn nötig.
„Aber wir dürfen nicht verwechseln, dass es hier um die Werte des Unternehmens geht und nicht um den persönlichen Ehrgeiz und lieb gewonnene Freiheiten, weil sich ein gewisser Herr versucht mit der Aufsichtsratsvorsitzenden der Öffentlich-Rechtlichen anzulegen. So stark sind wir nicht und das ist auch nicht unser Ziel!“
Roberts bemerkte, dass sich eine heftige Auseinandersetzung anbahnte. Er schätzte die Worte von Wolfram sehr. Gewiss lag ein Stück Wahrheit im Kern seiner Aussagen.
So leerte Kyle sein Glas, klopfte seinem Geschäftspartner auf die Schulter und verließ die Terrasse.
„Vielleicht hast du recht, Wolf“, gab er ihm noch zur Aufheiterung mit. Auf halbem Weg begegnete Kyle der sich nähernden Michelle. Mit ihr hatte er jetzt nicht gerechnet. So griff er ihre Handgelenke, küsste sie gentlemanlike auf die Wange und lobte ihr tolles Outfit in Form eines prächtigen Abendkleids. Sie dankte es ihm leicht befangen, vergnügte sich aber für seinen Ausflug an ihrer Wange.
„Du hast ganz ausgezeichnete Arbeit geleistet, Michelle. Ohne dich würden wir den grandiosen Einstieg nicht so intensiv feiern können. Dazu hast du ordentlich beigetragen. Ich weiß so etwas zu schätzen“, lobte er sie ehrlich.
„Kyle… was soll ich sagen? Danke! …du willst doch nicht schon die Bühne verlassen, oder?“, fragte sie von Vorsicht gekennzeichnet. Gerne hätte sie seine Anwesenheit länger mit ihm geteilt.
„Nur für heute Abend verlasse ich die Bühne. Morgen früh ruft das Büro, und jede Menge Telefonate und Termine stehen auf dem Kalender. Du darfst gerne noch ausgiebig feiern - du hast es dir verdient. Und wenn du morgen etwas später ins Studio kommst – die Firma wird es überleben“, zwinkerte er ihr zu. Elegant verließ er die Pforten der Terrasse. Michelle hatte ihm noch lange nachgesehen, ehe sie sich zu ihrem zweiten Vorgesetzten gesellte.
„Wolf – darf ich dir Gesellschaft leisten, wenn es Kyle schon vorzieht, lieber das Weite zu suchen?“
„Aber gerne, Michelle, setz dich“, beschrieb seine Hand eine einladende Geste zu dem Platz auf seiner linken Seite.
„Was ist mit Kyle? Er wirkt seltsam, so als ob er unseren ersten Erfolg nicht genießen würde?“
„Tja“, faltete Hengist die Arme auseinander und legte sie dann in gekreuzter Form über seinen runden Bauch, „Kyle hat kleinere Probleme am Hals, wenn ich es mal vorsichtig formulieren darf.“
„Privater Natur oder betrifft es die Show?“
„Sowohl als auch“, knabberte Wolfram am Rand des Champagnerglases.
„Seine Frau?“, hinterfragte Michelle forsch. Ihr Vorgesetzter roch den Braten, warum Michelle diese direkte Frage gestellt hatte. Ihm war nicht entgangen, wie intensiv sie Kyle beim Verlassen des Außenbalkons angestarrt hatte.
Aber Wolfram sah das als normal an, weil er wusste, dass Kyle mit seinem attraktiven, sportlichen Aussehen, insbesondere mit den himmelblauen Augen und dem tiefschwarzen Haaren, auf Frauen eine gewisse Anziehungskraft besaß.
„Nein, soviel ich weiß, lebt Kyle mit seiner Frau und seinen zwei Kindern glücklich. Also wenn es da kriseln würde, wäre ich einer der ersten, die es wüssten!“
Michelle Grosz presste die Lippen zusammen. Die Wortwahl schien sie kurz zu überdenken.
„Also hat es doch etwas mit der Firma zu tun, Wolf? Wenn dem so ist, würde ich gerne auch etwas darüber erfahren, schon deshalb, weil ich eine der drei Führungsorgane der Late Night Köln bin“, zeigte sich die junge Frau kämpferisch.
„Ich sehe, Michelle, du bist eine aufgeweckte Frau. Dir kann man nichts vormachen und sicher hast du unseren Smalltalk von draußen beobachten können. Nun, dann will ich dich mal in die Geheimnisse von Kyle Roberts einweihen, weil es tatsächlich auch etwas mit dem Geschäft zu tun hat, jedenfalls von einem gewissen Standpunkt aus.“
Mit dem Zeigefinger und Daumen rieb er sich in seinem Vollbart über die Unterseite seines breiten Kinns.
„Kyle würde es als persönliche Genugtuung empfinden, wenn er mit epochalem Erfolg der Show Amanda Braun eins auswischen könnte, natürlich ganz vehement und verbissen entgegen der damaligen Prophezeiung der Aufsichtsratsvorsitzenden.“
„Reden wir hier über die Amanda Braun?“
„Eben diese!“, bestätigte es Hengist mit einem Seufzen.
„Shit“, fluchte Michelle. „Sorry, für meine Ausdrucksweise, aber wenn Kyle sich mit ihr anlegt, werden wir mit reingezogen und das kann unangenehme Folgen haben.“
„Ja und Nein, Michelle.“
Diese Worte konnte die Studioleiterin nicht nachvollziehen. Deswegen hakte sie nach.
„Michelle, es ist so: Grundsätzlich bin ich nicht mit Kyles persönlichem Rachefeldzug einverstanden, denn es kann uns alle tief in eine Tragödie stürzen von unvorstellbarem Ausmaß. Aber ein Kyle Roberts, der sich zu etwas hinreißen lässt, ist in seiner Perfektion einmalig. Er ist in diesem Zustand ein Kämpfer, der seine Überzeugungen, egal ob zum Gefallen oder Missfallen ohne Wenn und Aber vertritt und durchsetzt.“
„Ein schmaler Pfad, sozusagen ein Tanz auf Klingen“, murmelte Grosz.
„Risiko gehört zum Geschäft, meine Liebe. Kyle ist unser Schlüssel zum Erfolg. Du hast ihn in den vergangenen vier Shows gesehen. Er verunfallte nicht beim ersten Satz, sondern lieferte rhetorische Meisterwerke gepaart mit brillantem Humor. Besser als es viele andere Talkmaster bisher versuchten, die kläglich am Rednerpult der Öffentlichkeit scheiterten.“
Trotz der augenscheinlichen Gefahr, Amanda Braun als Gegnerin gegenüber zu stehen, blickte Michelle Grosz der Zukunft wohlwollend entgegen.
„Kyle ist sein Geld wert! Ich vertraue ihm. Genau wie ich dir vertraue, Wolf! Ich werde all meine Werte und mein Fachwissen zum Besten geben! Für unsere Show!“
Am liebsten hätte Wolfram seinen Arm um ihre Schulter gelegt, als Bestätigung für ihre Loyalität und die anerkennenden Silben. Aber weil in den Innenräumen die Sicht auf die Terrasse mehr als einen kleinen Blickwinkel preisgab, stellte Hengist seine Gedanken hinten an. So beendete er das wichtige Thema mit einer zukunftsweisenden Botschaft.
„Zum Ende des Jahres wissen wir mehr. Bis dahin müssen wir dafür sorgen, dass wir das Publikum weiterhin bestmöglich unterhalten. Wenn wir noch die Medien auf unsere Seite ziehen könnten, wird uns auch eine Amanda Braun nicht mehr in die Schranken weisen können. Aber unsere wichtigste Trumpfkarte ist und bleibt – Kyle Roberts. In seiner Fähigkeit als Talkmaster liegt die Zukunft der Late Night Show.“
Juni 1994, Köln
Delphine Baker hatte eines ihrer langen Beine über den Wannenrand gelegt. Sie genoss die wohltuende Wärme im schaumbedeckten Nass. Die morgendliche Dusche hatte sie gegen eine Stunde Badewanne getauscht, schon deshalb, weil sie es sich heute ganz besonders gut ergehen lassen wollte. Delphine feierte am heutigen Samstag ihren achtzehnten Geburtstag. Entspannt stimmte sie einen leisen Singsang an, testete ihre Stimmbänder.
„Liebes?“, klopfte es verhalten gegen die Badezimmertür. Delphine wurde aus der Phase der Entspannung gerissen.
„Einen Augenblick noch, Mom.“
„Ich wollte nur sicher gehen, dass du noch anwesend bist und deinen Geburtstag nicht in der Badewanne verbringst. Bis gleich, mein Engel.“
„Ja, Mom. Bin gleich fertig. Hab´ dich lieb“, säuselte die junge Frau. Sie liebte ihre Mutter Luisa über alles, wohnte noch in deren bescheidenen vier Wänden. Auch wenn Delphine mit der schroffen Art und Weise ihres Stiefvaters zu kämpfen hatte und er ihr mit seinen überzogenen erzieherischen Maßnahmen stets das Leben erschwerte, die Liebe zu ihrer Mutter machte diesen unangenehmen Nebeneffekt wieder wett. Gedanklich verweilte Delphine oft bei ihrem verstorbenen Vater, der Luisa einst in den Vereinigten Staaten kennen und lieben lernte und zusammen mit ihr nach Deutschland zog.
Mit Schwung hievte sie ihren schlanken Körper aus der Wanne, stieg gut gelaunt über den Rand und breitete ein großes Handtuch auf dem Boden aus, damit sie nicht alles volltropfte. Der Dampf stieg ihr noch von der nassen Haut empor, als sie sich im Spiegel begutachtete. Delphine wühlte sich im pechschwarzen Haar, das ihr knapp bis zur Schulter reichte. Im Pony trug sie es kurz und gestuft, um mehr Volumen zu erzielen. Sie beugte sich nach vorne, direkt vor ihr verspiegeltes Antlitz, mimte ein übertriebenes Grinsen, damit ihre Zahnreihen zum Vorschein kamen. „Oh Man – wie ich meine Pferdefresse verfluche!“
In dem Moment, als sie die Arme anhob, um sich das hautfreundliche Deo aufzutragen, zuckte Delphine erschrocken zusammen. Das Abbild ihres Stiefvaters spiegelte sich plötzlich im kastenähnlichen Gehäuse, welches über dem Waschbecken montiert war. Wie lange er schon in der Türschwelle stand, konnte Delphine nur schätzen.
Und es erzürnte sie.
„Verdammt, Theo – kannst du nicht anklopfen?“
„Hab´ ich doch, außerdem hättest du doch zuschließen können“, grunzte der schroff. „Komm´ beeil dich, Luisa und ich warten schon ´ne ganze Weile auf dich und ich muss im Gegensatz zu dir noch auf die Arbeit, damit wenigstens einer die hungrigen Mäuler hier im Haus versorgt!“
Schnell hatte sich Delphine einen weißen Bademantel übergezogen, denn Theo hatte an ihr inzwischen eine Leibesvisite vollzogen, mehr als es Delphine recht war.
„Du Perverser. Wie lange hast du schon vor der Tür gestanden und gelinst?“, fauchte sie ihm in die Visage. Dafür erntete sie eine heftige Ohrfeige, die ihr das komplette Haupt wegdrehen ließ.
„Werd´ nicht frech, du ungezogene Göre. Dir muss ich wohl noch immer Manieren beibringen, was? Ich hab´ dir keinen abgeguckt“, drohte Theo mit erhoben Zeigefinger direkt vor ihren braunen Augen. „Bei so einem dürren Gerüst wie dir gibt es übrigens nichts von Bedeutung, also komm mal wieder runter.“
Delphine hätte heulen können, weil der ziehende Schmerz lange nachwirkte. Aber der Hass auf ihren Stiefvater hielt sie davon ab.
„Das war das letzte Mal, dass du mich schlägst. Beim nächsten Mal gibt´s ein Echo, dass du so schnell nicht vergessen wirst“, drohte sie ihm mit schlitzartigen Sehorganen. Doch Theo winkte nur ab, drängte sie mühelos zur Seite, um das Badeschränkchen zu erreichen, wo er sein Rasierwasser fand und es kurzerhand an Stellen seines Halses tröpfchenweise auftrug. Dabei huschte es ihm über die Lippen:
„Übrigens – Happy Birthday!“, hob er kurz die kleine Flasche in die Höhe.
„Danke für deinen Gefühlsausbruch“, ironisierte Delphine, die jetzt ihre aufgebrachten Emotionen einkerkerte und schmollend das Bad Richtung eigener Bude verließ. Aus sicherer Entfernung streckte sie ihm provokant den Mittelfinger zu. Nachdem die Achtzehnjährige sich umgezogen hatte, schlurfte sie die Treppe runter zur Küche, wo sie ihre Mom wartend und eine Geburtstagstorte am Küchentisch vorfand. Die Torte stellte zwar keine Meisterleistung dar, aber sie war schön anzusehen und sicher mit Liebe und Sorgfalt verziert worden. Das gesamte Areal der Küche schmückten bunte Luftballons, Glitzersterne und von der Decke herabhängende Luftschlangen. Als Delphine die große Achtzehn auf der Geburtstagstorte las, daneben das edle Bildnis von Rosenblüten vorfand, die die Form eines Herzens zierten, kullerten der jungen Frau Tränen die Wangen hinab. Mit weit geöffneten Armen rannte sie ihrer Mutter entgegen, um sie aus Dankbarkeit festzudrücken.
„Sachte, mein Kind“, bremste Luisa ihre Tochter, die sie bereits wie eingeschweißt umklammerte, „du drückst mir die Luft ab…“
Als Delphine die Umarmung löste und runter zu ihrer kleineren Mutter starrte, entfernte sie die Feuchtigkeit aus ihren Augen.
„Alles Gute zum Geburtstag, mein Engel. Du bist nun eine erwachsene Frau – und eine wunderhübsche obendrein!“
Delphine wusste die Ehrlichkeit ihrer Worte zu schätzen, ganz anders als bei ihrem Stiefvater, der sie bewusst oberflächlich links liegen ließ und provozierte. Und das an ihrem bedeutenden Geburtstag, wo sie ihre Volljährigkeit erlangte. Luisa reichte ihr einen Umschlag, auf dem das Label eines bekannten Designers prangte, der hauptsächlich Markenkleidung für die jüngere Generation herstellte. Freudestrahlend öffnete Delphine diesen sofort. Der Inhalt ließ sie augenblicklich verstummen.
„Wow, ein Hundertmarkgutschein. Das ist doch viel zu viel!?“
Luisa korrigierte:
„Iwo, viel Spaß beim Shoppen, mein Kind!“
Abermals überfiel Delphine ihre Mutter mit einem kräftigen Drücken, welches in ein liebliches Schunkeln überschwenkte.
„Danke Mom, ich hab´ dich so lieb.“
„Aber erzähl dem Theo nichts davon. Er wollte den Gutschein auf maximal zwanzig DM festlegen…“
„Dieses Arschloch. Erst heute Morgen ist er ohne Hemmungen einfach ins Bad gestürzt und hat sich nicht mal bemüht sich umzudrehen, während ich splitternackt vor ihm stand. Der hat schon öfter wie ein Spanner durch das Schlüsselloch gelinst, wenn ich am Duschen war. Ganz sicher!“
„Kind – du weißt doch, natürlich würde der Theo das nicht tun. Er ist im Inneren ein guter Mensch. Seine etwas grantige Art eckt hin und wieder an. Aber er ist sicher kein Spanner, der sich an den weiblichen Reizen meiner Tochter ergötzt.“
Delphine nahm nun am Küchentisch Platz, während ihre Mutter den Kaffee servierte und sich dazu gesellte.
„Du hast schon immer viel zu viel Rücksicht auf Theo genommen. Der Harmonie willen gehst du einer Konfrontation aus dem Wege, was dein gutes Recht ist, Mom. Aber nicht der schmierige Theo ist ein herzensguter Mensch, sondern du. Ich weiß einfach nicht, was du an dem Scheißkerl findest.“
„Kind, auch wenn es heute dein Achtzehnter ist. Solche Worte dulde ich nicht in meinem Haus.“
„Ja, schon gut… ich wollte es nur erwähnt haben!“
„So – nun lass es dir munden, mein Kind“, reichte Luisa ihrer Tochter ein großes Stück Torte auf dem Teller.
