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Am Sonntag stirbt Alison. Immer wieder taucht die Nachricht im Internet auf, in unzähligen Foren, als hätte sie jemand gestreut, wie Brotkrumen, die zum Haus der Hexe führen. Lys muss dem nachgehen, auch wenn ihre Freunde Sibel und Sebastian sie für verrückt erklären. Denn nur sie weiß: Schon einmal ist jemand gestorben, weil niemand eine Morddrohung ernst genommen, weil niemand zugehört hat.
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Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2013
Titel
Katja Klimm
Am Sonntag stirbt Alison
Impressum
Erste Veröffentlichung als E-Book 2013© 2013 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Covergestaltung: Frauke Schneider ISBN 978-3-401-80198-8www.arena-verlag.de Mitreden unter forum.arena-verlag.de
Prolog
Als die Tür ins Schloss gefallen war und sich die Schritte auf dem Gang entfernten, hob er den Kopf. Es war still. Alles, was man hörte, war das Brummen der Heizung, das Rauschen des Windes in den hohen Bäumen vor dem Fenster und manchmal das leise Knacken der Holzdecke über seinem Kopf. Geräusche, die er schon so oft wahrgenommen hatte. Doch da war noch ein anderer Ton, nah an seinem Kopf. Die Lüftung des Rechners, die in diesem Moment ansprang. Der Klang der Moderne, nur wenige Zentimeter von seinen ausgestreckten Fingern entfernt.
Von all den Dingen, die ihn mit maßloser Wut erfüllten, war dies nahezu das schlimmste. Dass sie es wagte, seinen Computer zu benutzen. Er hatte damit gezaubert, hatte Angst und Schrecken damit verbreitet, und sie missbrauchte ihn als Schreibmaschine, tippte darauf ihre blödsinnige Post oder sortierte bestenfalls noch die letzten Urlaubsfotos. Es war entwürdigend. Und es war dumm, so dumm, dieses Gerät, diese Waffe in seiner Nähe zu lassen.
Langsam bewegte sich seine Hand auf die Tastatur zu. Er erschauderte, als seine Fingerspitzen die Tasten berührten, wie lange hatte er dieses Gefühl vermisst. Doch er verbot sich, den Augenblick zu genießen. Die Zeit war knapp. Und es ging um ein Menschenleben. Seine Finger schlossen sich um die Kante und zogen die Tastatur heran. Er drehte den Kopf zur Seite, sodass er den Bildschirm im Blick hatte.
Seine Verzeichnisse waren unverändert, sie hatten sich nicht die Mühe gemacht, sie zu löschen. Gut möglich, dass sie nicht einmal wussten, dass sie existierten. In den wenigen Sekunden, die ihm zum Nachdenken blieben, wog er seine Optionen ab. Kurz dachte er über die Möglichkeit nach, die Polizei zu informieren, doch er verwarf sie sofort. Mit denen hatte er zu schlechte Erfahrungen gemacht. Nein, er würde es auf seine Weise machen, wie immer.
Er hatte das Gefühl, dass es endlos dauerte, bis sich das Programm aktivierte. Dann war es so weit. Er begann zu tippen, quälend langsam, Buchstabe für Buchstabe. Seine Hand verkrampfte bei der ungewohnten Bewegung, er spürte, wie er ins Keuchen kam. Ein Wort erschien auf dem Schirm, ein zweites. Die Zeit verrann, wie viele Worte würde er schreiben können, bevor jemand den Raum betrat, vier, fünf, sechs? War es möglich, diesen wenigen Worten die ganze Bedeutung zu geben, die erforderlich war, um die Katastrophe zu verhindern?
In diesem Moment hörte er Schritte.
Er versuchte, schneller zu schreiben, doch seine Hand weigerte sich, die Bewegungen zu beschleunigen. Das vierte Wort. Ganz nah waren die Schritte jetzt, jeden Moment würde sich die Tür öffnen. Er hätte schreien können vor Wut. Er hatte versagt. Niemand würde mit diesen vier Worten etwas anfangen können. Doch er durfte unmöglich noch weiterschreiben. Es könnte sein Tod sein, wenn er es versuchte.
Die Schritte hielten vor der Tür an. Sein Finger glitt auf die »Enter«-Taste. Als die Klinke sich nach unten bewegte und die Tür aufgeschoben wurde, erlosch das Programm auf dem Bildschirm und die Tastatur war an ihren Platz zurückgekehrt.
Sie trat ins Zimmer, setzte sich mit einem leisen Seufzen auf den Schreibtischstuhl neben ihm. Einen Augenblick lang sah sie etwas irritiert auf den Bildschirm, dann zuckte sie mit den Schultern und begann wieder zu tippen. Ihn würdigte sie keines Blickes.
Und während er auf das unerreichbare Fenster starrte, hinter dem sich der alte Ahornbaum im Wind bewegte, raste seine Nachricht bereits über die Datenautobahnen der Welt, verzweigte und vervielfältigte sich, um sich schließlich zu verlieren in der Unzahl von Bits und Bytes, von all den wichtigen und weniger wichtigen und völlig belanglosen Informationen, die das World Wide Web bevölkerten.
Mittwoch
Es war dunkel in Lysandes Zimmer. Still und dunkel. Nur der Bildschirm des Rechners gab ein schwaches bläuliches Licht ab, das den gesamten Raum mit einem geisterhaften Schein erfüllte.
Sie saß auf dem Bett, die Knie angezogen, und starrte in den dunklen Raum. Schreibtisch und Schrank bildeten im Dämmerlicht nur zwei klobige schwarze Klötze. An der Tür konnte sie die abblätternden Fußballposter erkennen.
Es war vier Uhr morgens. Die Stadt schlief.
In ein paar Stunden würde der letzte Schultag vor den Winterferien anbrechen. Nicht dass das noch eine Rolle spielte, außer vielleicht, dass sie für einige Tage den mitleidigen Blicken der Lehrer und den superklugen Ratschlägen der Schulpsychologin entkommen konnte. Und zum Glück auch den verkrampften Versuchen ihrer Mitschüler, so zu tun, als sei nichts geschehen. Ein paar Tage, in denen sie sich in diesem Zimmer vergraben konnte, niemanden sehen musste. Nicht mal ihren Vater, der auf einem geschäftlichen Termin in Wien sein würde, oder war es Zürich? Es war ihr egal, so wie ihr das meiste mittlerweile egal war.
Draußen fuhr ein Auto an. Das erste Auto des Tages. Lys stand auf und ging zum Fenster. Sie sah die Scheinwerfer einen hellen Kegel in die Nacht schneiden. Eine Frau hastete in ihrem Schein in Richtung Bushaltestelle. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite zogen ein paar junge Leute nach einer durchfeierten Nacht heimwärts. Hallo, dachte Lys, ich heiße Lysande Thieler. Ich bin sechzehn Jahre alt und bis vor Kurzem war ich eine von euch. Bis vor Kurzem war noch alles normal. Ich bin auf Partys und Konzerte gegangen, ich habe Musik gehört und Freunde getroffen und Fußball gespielt, und das sogar ziemlich gut.
Jetzt ist das alles vorbei.
Sie ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen. Über den Bildschirm schwebte ein nichtssagender Sternenhimmel als Bildschirmschoner. Sibel würde ausrasten, wenn sie wüsste, dass Lys den Computer Tag und Nacht laufen ließ. Ihr Vater sagte nichts, auch wenn er es mit Sicherheit bemerkt hatte. Wahrscheinlich glaubte er, sie würde den Computer als eine Art Nachtlicht benutzen, weil sie Angst im Dunkeln hatte. Natürlich war das nicht der Grund, sondern etwas anderes, etwas, das sie nicht erklären konnte. Weder ihrem Vater noch dieser Psychologin. Nicht mal sich selbst.
Sie hätte es verhindern können. Sie hätte an diesem Nachmittag vor vier Monaten nur kurz den Rechner anschalten und einen Blick in eines der Foren werfen müssen, in denen sich die Leute vom Sportverein rumtrieben. Dann hätte sie die Nachricht dort entdeckt. Vielleicht zumindest.
Die Nachricht. Heute werden sie alles bereuen. Bennie.
Lys blinzelte. Sie hatte die Nachricht nicht gesehen, sie hatte nichts verhindert, und jetzt war es zu spät. Und deshalb gab es keinen logischen Grund, keine Möglichkeit zu erklären, warum sie jeden Tag rund um die Uhr den Rechner laufen ließ und in jeder freien Minute soziale Netzwerke und Internetforen durchsuchte, als ob sie dort etwas finden könnte, das alles ungeschehen machte. Es war eine krankhafte Schuldreaktion, wie die Psychologin es nannte, oder, in Sibels Worten, völlig gestört. Wahrscheinlich war es wirklich an der Zeit, das zu tun, was die Psychologin ihr geraten hatte. Den Computer aus- und so schnell nicht wieder anzuschalten. Zu akzeptieren, dass man die Zeit nicht zurückdrehen konnte.
Draußen fuhr ein weiteres Auto vorbei. Lys warf einen Blick zurück auf ihr Bett, das sich nur schwach in der Dunkelheit abzeichnete. Dann drückte sie eine Taste und der Sternenhimmel verschwand.
Nur ein kurzer Blick in den Facebook-Auftritt des Sportvereins und vielleicht noch in ein oder zwei Schülerforen, nur um sicher zu sein, dass alles in Ordnung war. Das war doch kein Fehler. Wenn sie wusste, dass alles gut war, würde sie vielleicht noch ein oder zwei Stunden schlafen können, also, was sprach dagegen?
Ihre Finger flogen über die Tastatur. Eine Website baute sich auf: in der linken oberen Ecke das Logo des Sportvereins, darunter eine Gruppe grinsender Jungs in Trikots. Dann kamen die Einträge der letzten Stunden.
21.2., 19.31 h, Nico S.: Wahnsinnsspiel gegen den SC Neuhausen!
21.2., 19.45 h, Tim P.: Marco ist der Größte, irres Tor!!!
21.2., 20.13 h…
Lys hielt inne. Sie starrte auf den Bildschirm, der ihr Gesicht blass erleuchtete. In ihren geweiteten Pupillen spiegelten sich Bilder und Textzeilen. Doch ihr Blick klebte nur an einem einzigen Satz.
Nein. Das konnte nicht sein. Das durfte einfach nicht sein.
Der Raum begann sich zu drehen und der Bildschirm verschwamm vor Lys’ Augen, mit ihm die vier kurzen Worte, die ein Teilnehmer mit dem sonderbaren Namen »Chalchiu Totolin« in das Forum gestellt hatte:
Am Sonntag stirbt Alison.
***
Dass sie aufgesprungen und aus dem Raum gelaufen war, merkte Lys erst, als sie in der Küche stand. Zitternd tastete sie nach dem Lichtschalter und kurz drauf flackerte die Lampe über dem Küchentisch auf.
Jetzt keine Panik, Lys, sagte sie sich. Keine Panik. Was hat die Psycho-Tante zu Panikattacken gesagt? Bis zehn zählen und dabei tief atmen oder so ähnlich. Lys stützte sich mit beiden Händen auf dem Küchentisch ab, während sie tief und langsam Luft in sich einsog.
Keine Panik. Das ist sicher nur irgendein blöder Witz, den sich so ein paar Idioten nach einem Kasten Bier ausgedacht haben. Und jetzt lachen sie sich kaputt bei der Vorstellung, dass sie damit ein paar Leute, die immer gleich durchdrehen, zu Tode erschreckt haben. Leute wie mich eben.
Am Sonntag stirbt Alison.
Atmen. Sicher gibt es eine völlig harmlose Erklärung für diesen Satz. Alison ist eine Figur in irgendeiner amerikanischen Soap und jetzt haben die Fans spekuliert, dass Alison in der nächsten Folge geliefert ist. Oder Alison ist eine Katze, die am nächsten Sonntag eingeschläfert werden soll. Quatsch. So etwas postet doch niemand auf der Website des Sportvereins?
Sie hörte ein Geräusch und zuckte zusammen. Hastig wandte sie sich zur Tür. Lys’ Vater, unrasiert und in einem gestreiften Schlafanzug, blinzelte ihr entgegen. »Lys?«, fragte er vorsichtig. »Ist alles in Ordnung?«
»Klar.« Lys setzte ein Grinsen auf. Ihr Herz klopfte so laut, dass es ihre Stimme zu übertönen schien.
Ihr Vater betrachtete sie mit diesem sonderbaren, prüfenden Blick, den er sich in letzter Zeit angewöhnt hatte. »Bist du sicher?«, fragte er. »Du bist ganz blass.«
»Mir geht’s gut.« Sie hasste es, ihren Vater anzulügen. Aber was hätte sie ihm sonst sagen können, was nicht völlig irre geklungen hätte? »Ich… habe nur Durst.« Zum Beweis ihrer Behauptung riss sie den Kühlschrank auf und schwenkte eine Flasche Mineralwasser durch die Luft.
Der Blick ihres Vaters blieb unruhig. Verdammt, hör auf, mich so anzugucken. Ich bin nicht krank und ich werde auch nicht sterben.
»Lys, du würdest es mir doch sagen, wenn etwas nicht in Ordnung wäre, oder?«
»Ja. Klar.« Damit du mich noch zu fünf weiteren Psychologen schleifst? Vergiss es! Lys schob sich an ihm vorbei zur Tür hinaus. Sie wusste, dass er ihr hinterherstarrte, zumal sie die Wasserflasche ungeöffnet auf dem Tisch stehen gelassen hatte. Egal. Sie flüchtete in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.
Der Bildschirmschoner war wieder angesprungen. Erschöpft ließ sich Lys auf den Schreibtischstuhl fallen. Einen Moment lang fragte sie sich, ob sie vielleicht alles nur geträumt hatte. Schlafmangel kann Halluzinationen auslösen, das wusste man schließlich. Und sie konnte sich an keine Nacht in den letzten Wochen erinnern, in der sie durchgeschlafen hätte. Außerdem war dieser Satz ja auch ziemlich verrückt gewesen. Am Sonntag stirbt Alison. Und dann noch dieser bescheuerte Name, Chalchi-was?
Sie drückte eine Taste. Und da war es wieder, unverändert. Chalchiu Totolin. Am Sonntag stirbt Alison.
Es ist nur ein Witz, Lys. Es muss ein Witz sein. Du darfst dich nicht in jede Kleinigkeit reinsteigern, die ein bisschen an die Sache mit Bennie erinnert, sonst stecken sie dich demnächst in die Psychiatrie!
Sie holte tief Luft, bis ihr Puls sich wieder beruhigt hatte. Dann klickte sie den Browser weg und warf sich aufs Bett.
***
Regen prasselte auf den Asphalt, perlte von dem schneeweißen Schirm ab, unter dem Sibel durch die schwarzen Pfützen tanzte. In vollendeter Eleganz bahnte sie sich einen Weg durch das Geschubse der Schüler, die aus dem Schultor in die Freiheit der Ferien drängten. Ähnlich wie der Regen prasselten auch Sibels Worte auf Lys herab. Ein Wortschwall folgte dem anderen, ohne auf ihrer Hirnrinde auch nur den geringsten bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
»Alkohol. Alkohol ist natürlich ein Problem. Nina hat mir ihr Cocktail-Buch ausgeliehen und den Mixer, und Cem würde mir auch was aus der Bar zur Verfügung stellen, aber du kennst ja meine Familie: Mama sorgt sich um meine Gesundheit, Papa um seinen guten Ruf und Oma um unser aller Seelenheil, sobald auch nur einer eine Flasche Bier aufmacht.«
Normalerweise wusste Lys Sibels endlosen Redefluss zu schätzen. Meistens ersparte ihr das, selbst reden zu müssen, und dafür war sie in den letzten Monaten sehr dankbar gewesen. Und wenn man Sibel tatsächlich mal zuhörte, lenkte einen das auch von den eigenen Gedankenschleifen ab. Lys hatte in der letzten Zeit eine wahre Kunstfertigkeit darin entwickelt, Gedanken beiseitezuschieben. Doch heute war es ihr unmöglich, sich auf Sibels Geplapper zu konzentrieren. Genauso unmöglich wie sich auf den Unterricht zu konzentrieren.
Am Sonntag stirbt Alison.
Oh, vergiss es. Es ist nichts und du weißt es!
»Meine Boxen taugen eben einfach nichts.« Sibel wandte sich nach rechts und schwebte mit der Leichtfüßigkeit einer Fee den zugeparkten Gehsteig entlang. Rechts und links von ihr blieben männliche Wesen zwischen elf und einundachtzig stehen und starrten ihr mit offenem Mund hinterher. »Kein Volumen. Ich würde mir ja die von Cem ausleihen, aber mein Bruder leiht mir ja nicht mal einen Radiergummi, ohne eine Gegenleistung zu verlangen.«
»Hm«, machte Lys geistesabwesend.
Was, wenn sie sich irrte? Wenn irgendwo ein Mensch in Gefahr schwebte und sie die Einzige war, die es erkannt hatte?
»Und dann die Sache mit dem Partykeller. Ich meine, der Raum heißt Partykeller, nicht Fitnessraum oder Sportcenter! Da ist es doch wirklich nicht zu viel verlangt, dass Cem für einen Abend die blöde Tischtennisplatte zusammenklappt! Und überhaupt – sag mal, hörst du mir überhaupt zu?«
»Wie?« Lys sah irritiert auf.
»Hallo!« Sibel bewegte eine ihrer perfekt manikürten Hände vor Lys’ Augen auf und ab. »Hast du eine epileptische Absence oder pennst du nur?«
»Was – wovon hast du gerade geredet?«
»Ach, vergiss es!«, knurrte Sibel. »Oh. Auch das noch. Volltrottel-Alarm. Vielleicht maskierst du dich besser.« Mit einer blitzschnellen Handbewegung zog Sibel Lys die Mütze so tief über das Gesicht, dass Lys nur noch braune Fussel sah. »He! Was soll das?«, fragte sie verärgert und schob die Mütze zurück.
Ein Motorroller stoppte neben ihr am Straßenrand und der Fahrer nahm mit einer linkischen Bewegung den Helm ab. Zum Vorschein kam eine Menge zerstrubbelter rotblonder Haare. »Hallo, Lys«, sagte er verlegen.
Lys spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Auch das noch. Wenn es jemanden gab, den sie gerade nicht treffen wollte, dann Sebastian. »Hi«, murmelte sie und suchte gleichzeitig fieberhaft nach einer Ausrede, mit der sie sich augenblicklich aus dem Staub machen konnte. Papa wartet mit dem Essen, war Schwachsinn. Sebastian wusste genau, dass ihr Vater nicht einmal eine Dose Ravioli aufmachen konnte. Also, was blieb? Hab gerade gar keine Zeit, bin unterwegs zu einem Casting als Supermodel? Ich habe einen Hirntumor und muss dringend zum Arzt?
»Hallo. Ähm. Seit wann hast du denn einen Motorroller?« Nicht gerade die Bemerkung, die ihr vorgeschwebt hatte.
»Haben mir meine Eltern geschenkt«, sagte Sebastian. »Nachträglich zum Schulabschluss«, fügte er hinzu und fuhr sich mit der Hand durch die zerdrückten Haare.
»Ach, ein Motorroller soll das sein.« Sibel klimperte mit den langen schwarzen Wimpern, die ihre dunklen Augen umrahmten. »Ich dachte, es sei ein Rostfleck auf Rädern.«
Die Farbe von Sebastians Gesicht näherte sich der seiner Haare an. »Na ja – ist gebraucht«, murmelte er.
»Schrottreif trifft es wohl eher«, sagte Sibel abschätzig. »Deine Familie ist immer noch auf Hartz IV, oder? Na, wenigstens brauchst du keine Angst vor Dieben zu haben. Die legen dir eher noch Almosen auf den Sitz, wenn sie das Teil sehen.«
Sebastians Gesicht wurde noch eine Spur dunkler. »Und? Wie geht’s dir so?«, fragte er in Lys’ Richtung gewandt, offenbar fest entschlossen, Sibels blendende Erscheinung ebenso zu ignorieren wie ihre boshaften Bemerkungen.
»Ach. Gut.« Lys wich seinem Blick aus. »Und dir? Du machst jetzt eine Lehre, oder?«
»Hm. Ja. Als Zerspanungsmechaniker«, meinte Sebastian. »Ich… hab dich lange nicht mehr gesehen. Du warst nicht mehr beim Fußball.«
»Ich habe aufgehört mit Spielen.« Lys zuckte mit den Schultern.
»Hm. Das ist schade. Ich meine…« Sebastian suchte offenbar nach Worten. »…du warst gut, weißt du? Also nicht nur für ein Mädchen. Ich dachte immer, du wirst mal die nächste Birgit Prinz oder so.«
»Tja, da hast du offenbar falsch gedacht«, meldete sich Sibel wieder schroff zu Wort. »Wie wär’s, wenn du dich jetzt verziehst? Wir haben nämlich noch andere Pläne für heute, als deine Schrottlaube zu bewundern.« Sie griff nach Lys’ Arm.
»Lys, ich dachte… ich wollte mal wieder mit dir reden, weißt du?« Sebastians Blick wurde flehend. »Kommst du vielleicht mal wieder bei uns vorbei? Irgendwann mal?«
Lys konnte nicht anders, als zu nicken. »Ja. Irgendwann mal«, wiederholte sie lahm. Dann ließ sie sich von Sibel weiterziehen.
»Mann. Was für ein Hundeblick!« Sibel warf einen kurzen Blick über die Schulter zurück. Lys war kurz davor, es ihr gleichzutun, doch die Vorstellung, noch einmal Sebastians Augen zu begegnen, hielt sie davon ab.
»Wann begreift der Kerl endlich, dass er keine Chance bei dir hat?«, stöhnte Sibel.
»Hä? Du denkst doch nicht, dass… Sibel, Quatsch, Sebastian ist nicht… verknallt in mich oder so was.«
Sibel kicherte. »Darf man lachen? Der Fußballheini belauert dich auf Schritt und Tritt, und das mit einem Augenaufschlag wie ein liebeskranker Neufundländer.« Dann schien sie einen Moment nachzudenken. Eine Falte entstand auf ihrer makellosen Stirn. »Du darfst ihm auf keinen Fall falsche Hoffnungen machen. Sonst wirst du den Deppen nie los.«
Lys stöhnte. »Sibel, das hat mit Liebe nichts zu tun! Es ist nur…«
Sibel warf ihr einen spöttischen Blick zu. »Was? Kumpelhafte Freundschaft? Oh, Lys, du bist echt naiv.«
Lys antwortete nicht.
»Na ja, egal, jedenfalls…« Mit einer eleganten Drehung nach rechts blieb Sibel stehen. »Ich gehe hier lang, ich muss noch Eisschirmchen besorgen. Bis heute Abend dann.« Sibel streckte einen rot lackierten Fingernagel in Lys’ Richtung. »Und sei pünktlich.«
»Ähm… wieso? Was ist heute Abend?«, fragte Lys irritiert.
»Oh, lass mich nachdenken. 22. Februar. Was könnte das für ein bedeutsames historisches Datum sein? Erste Mondlandung? Mauerfall? Entdeckung Amerikas?«
Lys schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. »Deine Geburtstagsparty!«
»Allerdings!«, sagte Sibel giftig. »Oder was denkst du, worüber ich in der letzten Viertelstunde geredet habe? Sieben Uhr! Wehe, du bist nicht pünktlich!« Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und lief die Straße hinunter mit diesem unnachahmlich eleganten, tänzelnden Schritt, für den jedes angehende Model seine Seele verkauft hätte.
Lys starrte ihr nach und versuchte, sich auf Sibels letzte Worte zu konzentrieren, auf die bevorstehende Feier, auf Eisschirmchen, Musikboxen und zeternde Großmütter.
Es funktionierte nicht. Wieder stahl sich derselbe Satz in ihre Gedanken.
Sie stieß einen wütenden Fluch aus und stürmte weiter, die Straße hinunter.
***
Es war sechs Uhr abends und in der Küche herrschte eine geisterhafte Stille, die nur gelegentlich vom Klappern des Bestecks oder dem Rumpeln einer Straßenbahn draußen vor dem Fenster unterbrochen wurde. Sie saßen am Küchentisch, Lys und ihr Vater, die aufgeklappten Pizzaschachteln zwischen sich, sodass man, wenn man den Blick nur etwas senkte, dem anderen nicht ins Gesicht sehen musste. Während sie schweigend ihre Pizza aß, dachte Lys daran, wie laut es früher an diesem Tisch zugegangen war. Manchmal hatte sie sich nur mit Gebrüll Gehör verschaffen können, weil man bei dem endlosen Gequassel ihrer Eltern sonst nicht zu Wort gekommen wäre. Damals hatte sie sich immer ein kleines bisschen Stille erhofft. Von wem stammte dieser Satz: Überlege dir gut, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen?
Stille hatte sie jetzt mehr als genug.
Ihr Vater räusperte sich und klappte die Pizzaschachtel zu. »Lys«, sagte er. Verlegenheit in seinem Blick. Früher hatten sie sich so gut verstanden. Und jetzt war es immer so, als begegnete man einem Menschen, den man vor langer Zeit einmal gekannt hatte, der einem inzwischen aber völlig fremd geworden war.
»Ja?«
»Noch mal wegen meiner Dienstreise…«
»Was ist damit?«
»Ich… nun, ich hatte gar nicht daran gedacht, dass du ja Ferien hast…«
Was bitte hatten ihre Ferien mit seiner Dienstreise zu tun?
»Also, wenn es dir lieber ist, dann sage ich meinem Chef, dass ich nicht fahren kann. Ich meine, ich kann dich doch schlecht fünf Tage lang allein lassen… gerade jetzt…«
Sorry, Boss, es wird nichts mit Wien. Ich muss mich um meine gestörte Tochter kümmern. Wenn ich sie fünf Tage lang allein lasse, dreht sie durch und springt vom Dach!
»Papa!«, stöhnte Lys und verdrehte die Augen.
»Nein, Lys, ich… ich mache mir Sorgen, wenn ich dich so lange allein lasse!«
»Papa, das ist Quatsch!« Lys fühlte Wut in sich aufsteigen. Mein Gott, sie war doch nicht geistesgestört! »Ich komme sehr gut klar. Mann, du hast im letzten halben Jahr so viele Termine absagen müssen, irgendwann macht dein Chef das doch nicht mehr mit!«
»Trotzdem. Das Wichtigste ist, dass…«
»Ich habe gesagt, ich komme klar!« Lys’ Antwort fiel heftiger aus, als sie gewollt hatte.
Ihr Vater schluckte hörbar. »Na gut. Wenn du meinst. Aber… wir telefonieren jeden Abend, abgemacht? Und wenn es Probleme gibt, rufst du mich sofort an.«
»Ja, ja. Klar.« Lys hatte das Interesse an der Pizza endgültig verloren. »Ich… ich geh dann mal in mein Zimmer.« Sie stand auf, räumte das Geschirr in die Spülmaschine und hastete aus dem Raum.
»He, Lys!«, rief ihr Vater ihr hinterher. »Wolltest du nicht zu einer Party?«
Draußen auf dem Gang klappte die Tür zu Lys’ Zimmer.
***
Der Eintrag von Chalchiu Totolin war mittlerweile auf der Seite weiter nach unten gerutscht. Als Zeitpunkt des Eintrags war der 21. Februar, 20.13 h angegeben. Gestern Abend also.
Es ist nichts, Lys. Mach den Rechner aus, hock dich vor den Fernseher, lies ein Buch, egal, Hauptsache, du denkst nicht mehr an diesen komischen Eintrag.
Aber was, wenn…
…wenn es doch kein Scherz ist?
Eine Drohung? Ein Hilferuf? Ein Verbrechen, das angekündigt wird?
Vielleicht sollte sie einfach die Polizei einschalten. Eigentlich ist es ganz einfach. Man müsste nur die IP-Adresse zurückverfolgen. Die Polizei wird so etwas ja wohl können, oder?
Lys’ Finger trommelten nervös auf die Tischkante. Die Polizei lacht sich kaputt, wenn du mit der Geschichte ankommst. Die hätten viel zu tun, wenn sie jeder komischen Bemerkung in einem Internetforum nachgehen würden. Sie werden sich höchstens beschweren, dass du ihnen ihre kostbare Zeit stiehlst!
Aber was, wenn am Montag in den Nachrichten gemeldet wird, dass irgendjemand namens Alison am Wochenende getötet wurde?
Wenn sie wenigstens einen Anhaltspunkt hätte, wer diese Alison überhaupt war. Vermutlich gab es Tausende auf der Welt, die diesen Namen trugen. Andererseits war es ja ein Eintrag auf einer deutschen Website. Da konnte man wohl davon ausgehen, dass auch Alison in Deutschland lebte. Oder zumindest im deutschsprachigen Raum.
Sie gab »Alison« in die Suchmaschine ein. 560.322 Treffer bei Beschränkung auf deutschsprachige Seiten. Na super. Als Nächstes versuchte sie es mit dem ganzen Satz: Am Sonntag stirbt Alison.
Lys runzelte die Stirn. 375 Treffer. Sie klickte den ersten an. Ein Mädchen-Chatroom, rosa Hintergrund, Blümchenemblem, Gerede über die große Liebe, Boygroups und gemeine Erziehungsberechtigte. Und zwischendrin, ohne jeden Zusammenhang, eingestellt am 21. Februar um 20.14 h: »Am Sonntag stirbt Alison.«
Lys wählte den nächsten Treffer aus. Eine Seite für junge Mütter, die Tipps zum Stillen, Windeln und Babynahrung austauschten und sich über schlaflose Nächte beklagten. Mitten in einer Diskussion zum Thema »wunder Po« ein Eintrag vom Vorabend, 20.13 h: »Am Sonntag stirbt Alison.«
Sie fand den Satz noch auf mehreren Schulseiten, im Internetauftritt von Popstars und Schauspielern, auf Fanseiten zu Filmen und Fernsehserien und schließlich sogar auf der offiziellen Homepage des Landes Nordrhein-Westfalen. Am Sonntag stirbt Alison. Immer und immer wieder.
Aber keinerlei Hinweis darauf, wer Alison war.
O.k., das bringt wohl nichts. Also noch mal anders. Suche: Chalchiu Totolin. Enter.
Sie seufzte tief. Über tausend Ergebnisse, und das nur auf den deutschsprachigen Seiten.
Ein Zeitungsartikel vom vergangenen Jahr.
»Berlin. Das Justizministerium ist Opfer eines Angriffs aus dem Internet geworden. Offenbar haben bereits am vergangenen Dienstag Hacker sensible Daten vom Zentralrechner des Ministeriums abgerufen. Ein Teil der Daten fand sich später auf der offiziellen Internetseite des Ministeriums wieder, zusammen mit einem Pamphlet, das die Täter mit Chalchiu Totolin unterzeichnet hatten…«
»Karlsruhe. Auch der Bundesgerichtshof meldete am gestrigen Tag einen Hacker-Angriff. Als Täter wird die Person oder die Gruppe vermutet, die in den letzten Tagen unter dem Namen Chalchiu Totolin von sich reden machte…«
»Wiesbaden. Nach dem Hacker-Angriff auf mehrere Regierungsstellen hat das Bundeskriminalamt nun Ermittlungen aufgenommen. Noch fehlt jede Spur von dem Täter, der sich Chalchiu Totolin nennt…«
Na super. Ein Mega-Hacker! Vermutlich war das ganze ein Virus und ihr Computer jetzt völlig verseucht!
Ein Eintrag stach ihr ins Auge, weil er völlig aus der Reihe fiel.
»Chalchiutotólin: aztekischer Gott der Seuchen und Krankheiten, Erscheinungsform des Schöpfergottes Tezcatlipoca.«
Azteken? Das waren doch die Ureinwohner Südamerikas oder verwechselte sie das mit den Inkas?
»Azteken: indigene Kultur im Gebiet des heutigen Mexikos, die vom späten 14. bis zum frühen 16. Jahrhundert weite Teile Zentralmexikos kontrollierte. Die Unterwerfung durch den Spanier Hernán Cortés zwischen 1519 und 1521 läutete den Untergang der aztekischen Zivilisation ein.«
Chalchiu Totolin ist also eine Gottheit der mexikanischen Ureinwohner. Hilft das jetzt irgendwie weiter? Wohl kaum. Vielleicht ist diese Person, die Alison bedrohte, Mexikaner? Oder Mexiko-Fan? Oder… ach, das führte doch zu nichts!
O.k., ein allerletzter Versuch. Und wenn das nichts bringt, machst du diesen verdammten Computer endgültig aus und vergisst die ganze Sache.
Suche: Chalchiu Totolin Alison. Enter.
»Chalchiu Totolin. Am Sonntag stirbt Alison.« Wieder und wieder und wieder. Und dann, auf Seite fünf ganz unten: »…gab die Theatergruppe Chalchiu Totolin ihr Debut… die Hauptrollen spielten Anna-Lena Meyer, Leo Lambert, Marcus Siebert, Alexander Bergheimer und Alison McKinley…«
Lys runzelte die Stirn und klickte auf den Link. Es war die Website einer Schule. Max-Beller-Schule, eine Privatschule in der Nähe von Köln. Unter »Veranstaltungen« war eine ganze Seite zum Auftritt einer neu gegründeten Schüler-Theatergruppe zu finden, die sich offenbar den Namen Chalchiu Totolin gegeben hatte. Darunter war auch ein Foto der Akteure. Elf Jungen und Mädchen, ungefähr zwischen fünfzehn und siebzehn.
Als Dritte von links stand in der ersten Reihe ein Mädchen mit schwarzen Haaren, die sich in ihre Stirn ringelten und ihr bis fast über die dunklen strahlenden Augen fielen. Lys suchte in der Bildunterschrift. Es war Alison McKinley.
Donnerstag
Die Autowerkstatt der Familie Özcelik lag nur eine Querstraße weiter. Lys warf einen Blick durch die große Fensterscheibe des Ladens im Erdgeschoss. Neben ausgestellten Sommerreifen stand Frau Özcelik wie immer hinter dem Ladentisch, flankiert von Musikanlagen für Kraftfahrzeuge, Fußmatten und Werkzeugsets, und beriet gerade einen Kunden, der offenbar eine Frontscheibenabdeckung mit aufgedruckten Südseepalmen kaufen wollte. Lys winkte ihr zu und huschte in die Einfahrt, die in den Hinterhof führte. Dort waren mehrere PKWs abgestellt, von denen die meisten schon bessere Tage gesehen hatten. Eine kleine Rampe führte zum Eingang eines zweistöckigen Gebäudes empor. Lys war sie schon so oft hinaufgeklettert, dass ihr jede Kerbe im Beton bekannt vorkam. Mit zwei Sprüngen war sie oben und stieß die Tür zur Werkstatt auf.
Herr Özcelik stand in der Mitte des Raums an einer Hebebühne, auf der in eineinhalb Metern Höhe ein schmucker Mercedes schwebte, und war offenbar damit beschäftigt, einen Reifen zu wechseln. Er war ein recht kleiner Mann mit einer Halbglatze und einem gutmütigen Gesicht, das wochentags stets von einer Schicht Wagenschmiere bedeckt war.
»Hallo, Onkel Ahmed«, sagte Lys. Onkel Ahmed – so hatte sie ihn schon genannt, als sie vier gewesen und mit Sibel zusammen in den Kindergarten gegangen war.
Onkel Ahmed sah um den Reifen herum. »Lys?«, fragte er. Seine Stimme hatte einen leicht unbehaglichen Unterton.
»Ist Sibel da?«, fragte Lys.
»Hm.« Onkel Ahmed wandte sich wieder seiner Arbeit zu. »Ja. Schon.«
Lys sah ihn fragend an. »Kann ich nicht zu ihr?«, fragte sie verwundert.
»Kommt darauf an«, meinte Ahmed.
»Worauf?«
»Ob du ’ne schusssichere Weste dabeihast.«
»Wieso? – Oh!« Lys schnappte nach Luft. »Die Geburtstagsfeier!«
»Die Geburtstagsfeier.« Ahmed nickte bestätigend mit dem Kopf und sah skeptisch zur Decke über seinem Kopf. »Auf deine Verantwortung«, meinte er düster. »Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt, falls sie dir den Kopf abreißt oder dich mit ihrer Nagelfeile zerstückelt.«
Lys schlich mit eingezogenem Kopf die Treppe zur Wohnung hinauf. Die Wohnungstür stand wie immer offen. Sie trat ein und wandte sich nach rechts, wo Sibels Zimmer lag. Einen Moment lang starrte sie zögernd auf die Tür, die mit einer quietschrosa Blümchenfolie beklebt war. Dann beschloss sie, dass es keinen Sinn hatte, die Konfrontation aufzuschieben, und klopfte an. »Sibel? Ich bin’s, Lys.«
Ein paar Sekunden lang herrschte Totenstille. Dann flog die Tür auf und eine Stimme kreischte: »Du!«
Lys wich bis zur gegenüberliegenden Wand zurück. Sibel kam aus dem Zimmer gestürzt, in ihrem Blick ein Ausdruck von wütendem Irrsinn, der noch durch ihre zum Teil in Lockenwickler gedrehten, zum Teil lose herabhängenden Haare verstärkt wurde. »Du wagst es, hierherzukommen, nachdem du mich dermaßen sitzen gelassen hast?«, schrie sie mit so schriller Stimme, dass Lys sich nur mit Mühe zurückhalten konnte, beide Hände über die Ohren zu pressen.
»Es… es tut mir leid. Ich… hatte etwas zu erledigen, etwas Wichtiges, und da ist es einfach… spät geworden…«
»Spät geworden?«, keifte Sibel. »Spät geworden? Warum auch nicht? Es ging ja nur um den bescheuerten sechzehnten Geburtstag von deiner bescheuerten besten Freundin. Findet ja auch nur einmal im Jahr statt, da ist es echt zu viel verlangt, sich dafür extra Zeit zu nehmen. Vor allem, wenn man etwas Wichtiges zu erledigen hat!«
»Sibel, hör mal, es war wirklich wichtig, ich habe nämlich…«
»Weißt du, dass ich den ganzen Abend irgendwelche doofen Ausreden für dich erfinden musste, weil mich die ganzen anderen Gäste ständig gefragt haben, wo denn eigentlich meine beste Freundin steckt…«
»Sibel, es tut mir ja leid, aber es ging um…«
»…all die anderen Gäste, die übrigens komischerweise Zeit gefunden haben, zu meiner Geburtstagsparty zu kommen, im Gegensatz zu Lysande Thieler, die etwas Wichtiges erledigen musste…«
»…um Leben und Tod, verdammt noch mal!«
Sibel blinzelte. »Wie bitte?«, fragte sie verdattert.
»Hier!« Lys hielt ihr einen leicht zerknitterten Ausdruck unter die Nase. »Lies das!«
Sibel warf erst ihr und dann dem Blatt Papier einen misstrauischen Blick zu. Dann nahm sie Lys den Ausdruck aus der Hand und ging ins Zimmer zurück, wo sie sich auf die Bettkante fallen ließ und stirnrunzelnd auf das Papier starrte. »Was soll das sein?«, fragte sie.
Lys setzte sich auf die Kante des Schreibtischstuhls und warf einen Blick in die Runde. Sibels Zimmer konnte einen zur Verzweiflung treiben, so akkurat aufgeräumt war es. »Der Satz steht auf zig verschiedenen Websites«, sagte sie dann. »Immer dasselbe und immer vorgestern um 20.13 h oder 20.14 h eingegangen, immer dieselben Worte. Chalchiu Totolin. Am Sonntag stirbt Alison.«
Sibel stieß ein erleichtertes Lachen aus. »Lys, das ist ein Virus. Da hat irgendein Scherzkeks etwas in Umlauf gebracht, um die Leute zu erschrecken.«
»Möglich«, sagte Lys. »Genauso ist es aber auch möglich, dass da jemand einen Mord ankündigt.«
Sibel starrte sie entgeistert an. »Quatsch.« Sie beugte sich nach vorne, ihr Blick wurde bohrend. »Lys! Das ist Blödsinn! Mörder kündigen ihre Taten nicht im Internet an und schon gar nicht gleich auf ein paar Dutzend Plattformen. Derjenige wäre ja schön bescheuert.«
»Es soll aber schon vorgekommen sein«, sagte Lys bissig.
»Du meinst doch nicht… Lys, das war doch etwas völlig anderes! Der Kerl war gestört! Der wollte Aufmerksamkeit um jeden Preis!«
»Was, wenn das hier auch so ein Gestörter ist?« Lys tippte gegen das Papier in Sibels Hand. »Ein enttäuschter Liebhaber? Ein psychopathischer Stalker? Ein… ein Serienmörder, der die Polizei herausfordert, indem er ihnen Hinweise auf seine geplanten Morde zuspielt?«
»Weißt du, was definitionsgemäß zu einem Serienmörder dazugehört? – Eine Mordserie! Ich habe in letzter Zeit nichts von irgendwelchen dubiosen Morden gehört, die im Internet angekündigt wurden, du vielleicht?«
»Vielleicht ist es ja der erste Mord einer Serie«, behauptete Lys.
»Und vielleicht hast du einen Dachschaden. Warum gehst du mit deinem irren Serienmörder nicht mal zur Polizei?«, schlug Sibel vor.
»Mann, Sibel, die lachen sich doch scheckig, wenn ich mit so was ankomme!«
»Eben!«, sagte Sibel triumphierend.
»Ich hab gedacht – du kennst dich doch so gut mit Computern aus, kannst du nicht mal die IP-Adresse zurückverfolgen?«
»Bitte?«, rief Sibel entgeistert aus. »Hör mal, Lys, ich bin kein Hacker, ich bin Anwender. Ein ziemlich guter Anwender natürlich. Ich kann ein Bild manipulieren, dass es so aussieht, als ob du neben Justin Bieber auf der Bühne stehst. Oder ich kann einen Film drehen, in dem du wie Harry Potter auf einem Besen durch die Luft fliegst. Aber eine IP-Adresse zurückverfolgen? Vergiss es! Für so etwas habe ich kein Programm. Ich weiß nicht mal, was für ein Programm man dazu braucht. Ich will nicht mal wissen, was für ein Programm man dazu braucht!«
»Kannst du vielleicht trotzdem mal deinen Rechner anschalten und dir das Ganze anschauen? Vielleicht kommt dir ja eine Idee, wie…«
»Hör mal, ich werde jetzt ganz bestimmt nicht anfangen, deine Psychosen zu unterstützen!«, motzte Sibel.
»Bitte, Sibel. Du bist doch meine Freundin«, flehte Lys.
»Deine beste Freundin, die du gestern Abend sitzen gelassen hast!«, giftete Sibel. »Hm«, sagte sie dann nach einer Weile.
»Was?«
Sibel starrte einen Moment lang aus zusammengekniffenen, Mascara-umrandeten Augen ins Leere. »Kann ich den Ausdruck noch mal sehen?«, fragte sie.
»Chalchiu Totolin«, murmelte sie nachdenklich, nachdem Lys ihr das Papier gereicht hatte. »Das sagt mir was.«
»Es gab da wohl vor einiger Zeit einen Hacker, der…«
»Ach ja, klar, die Sache mit dem Justizministerium.« Sibel machte eine wegwerfende Handbewegung. Dann starrte sie wieder auf das Blatt. »Hm…«
»Denkst du, dass es dieser Hacker sein könnte, der die Drohung ins Netz gestellt hat?«, fragte Lys aufgeregt.
»Das hier«, Sibel tippte mit einem ihrer perfekt manikürten Fingernägel auf den Ausdruck, »eine Drohung zu nennen, ist ziemlich überinterpretiert. Und was den Namen betrifft – ich wette, dass mittlerweile so einige Leute unter ›Chalchiu Totolin‹ durchs Netz geistern, einfach weil sie diesen Hacker so obercool finden. Ich meine, der Kerl ist ein Genie! Angeblich hat er sich sogar ins Pentagon gehackt! Außerdem – falls tatsächlich genau dieser Hacker dahintersteckt, kannst du die Sache sowieso vergessen. Wenn das Bundeskriminalamt ihn nicht gefunden hat, werden wir es wohl auch kaum schaffen.«
»Wir? Das heißt, du hilfst mir?«
Sibel zog eine Schnute, doch Lys sah an ihrem konzentrierten Blick, dass ihr Interesse geweckt war. »Und was, wenn es doch ein Virus ist?«, maulte Sibel, offenbar in einem letzten Versuch, sich aus der Sache herauszuwinden. »Der mir meine Programme ruiniert?«
