Am Tatort bleibt man ungern liegen - Jörg Maurer - E-Book
Beschreibung

Der Tod hält alle Schlüssel in der Hand: Kommissar Jennerweins erstaunlichster Fall - der zwölfte Alpenkrimi von Bestsellerautor Jörg Maurer „Am Ende von Jörg Maurers Kriminalromanen möchte man mehr davon, immer weiterlesen.“ Volker Albers, Hamburger Abendblatt Ein schöner Fassadenschmuck war das alte Feuerrad am Holzhaus der Rusches im idyllisch gelegenen Kurort. Aber jetzt liegt Alina Rusche tot in ihrem Garten, erschlagen vom herabgestürzten Rad. Kommissar Jennerwein ist überzeugt, dass es kein Unfall, sondern Mord war. Doch warum musste die Putzfrau sterben? Hatte sie bei ihrer Arbeit Dinge erfahren, die gefährlich waren? Jennerwein befragt pikierte Honoratioren und redselige Ladenbesitzer. Als der Direktor der KurBank zugibt, dass Alina für ihn geputzt hat, führt die Spur direkt in den legendär sicheren Schließfachraum. Hier ruhen versteckt und verriegelt genügend Geheimnisse, für die sich ein Mord lohnt. Der gesamte Kurort gerät in Aufregung, denn Jennerwein ermittelt in alle Richtungen. Das einzige, was er dabei nicht erahnt, ist der nächste Tatort… „Unterhaltung auf hohem Niveau.“ Hessischer Rundfunk

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl:392


Jörg Maurer

Am Tatort bleibt man ungern liegen

Alpenkrimi

FISCHER E-Books

Für Frau Weißgrebe, der ich an dieser Stelle herzlich danke und deren Namen ich im Roman selbstverständlich ändern werde.

Vorwort

Was war dieser 25. August doch für ein idealer Tag zum Wandern! Die Bergwände raschelten wie feines Silberpapier, die Sonne räkelte sich genießerisch über der schroffen Runserkopfspitze. Der Himmel war so verlockend blau wie Großmutters feine Heidelbeermarmelade. Ich überlegte mir, ob ich heute vielleicht nicht doch eine Tour auf das Hintere Trettachhorn unternehmen sollte: den herrlichen Hundsgrat hinauf, mit der atemberaubenden Aussicht auf die Oberen Schwemmingerhügel, dann auf der Eiblstätter Alm eine Pause machen, auf der Terrasse eine Maß frische Geißenmilch zischen, und weiter, immer höher … Wirklich verführerisch!

 

Doch dann fiel mir ein, dass ich dieses Wochenende ja noch eine Auftragsarbeit zu erledigen hatte. Das örtliche Geldinstitut feierte gerade sein hundertjähriges Bestehen, und eine alte Bekannte, die dort in der Marketingabteilung arbeitete, hatte mich gebeten, einen kleinen Artikel zur Festschrift der KurBank beizutragen.

»Ach ja, und damit Sie wissen, worüber Sie schreiben, kommen Sie doch am Wochenende vorbei und schauen Sie sich im ganzen Gebäude einmal um. Samstag um zehn?«

Am Montag sollte der Beitrag fertig sein. Ich musste da hin. Ein kurzer Blick noch zu den silbernen Wänden der Runserkopfspitze. Ja, schön wäre es schon gewesen, aber versprochen ist versprochen.

 

So machte ich mich also bei herrlichstem Wanderwetter auf den Weg zur KurBank und stieg mit Frau Weißgrebe, der freundlichen bebrillten Bankangestellten, die Treppe hinunter.

»Wir fangen am besten mit dem Allerheiligsten an, dem Schließfachraum im Keller. Sie werden es gleich spüren. Von dem geht eine Aura der Solidität und Bonität aus. Sie kennen ja unseren Slogan: Sicher ist sicher! Ich fand allerdings Durch die Bank gut! besser.«

Sie sperrte mir auf, wir betraten den Raum, in dem es markant nach Reinigungsmitteln roch. Ich fand auch Durch die Bank gut! nicht so besonders.

»Sie dürfen sich solange umsehen, wie Sie wollen, heute kommen keine Kunden. Schnuppern Sie ein bisschen von der diskreten Atmosphäre.«

Ich schnupperte. Scheuermittel mit Zitronenduft. Und Essig. Durch die Bank. Aber die Schließfächer strahlten tatsächlich etwas ganz und gar Solides aus.

»Hier, sehen Sie, unser Rückzugskabinett.«

Vom Schließfachraum führte eine augenscheinlich gepanzerte Tür in ein separates Zimmerchen mit Tisch, zwei harten Stühlen und einem bequemen, einladenden Büffelledersofa. Hier saßen also die russischen Oligarchengattinnen und betasteten ihre unbezahlbaren Fabergé-Eier. Oder sie holten sich Nachschub für den abendlichen Spielbankbesuch.

»Es ist von innen abschließbar und hat ein sogenanntes W30-Zertifikat.«

Fragender Blick meinerseits: ///???–?(!)///

»W30 ist der Widerstandszeitwert, der beschreibt, wie lange der Täter braucht, um eine Sicherheitseinrichtung zu überwinden«, erklärte Frau Weißgrebe stolz. »Das bedeutet in diesem Fall, dass die Tür einem gewaltsamen Angriff von außen mindestens dreißig Minuten standhalten muss. Ich geh dann mal wieder. Raus kommen Sie alleine. Sehen Sie sich um, solange Sie wollen.«

W30. Widerstandszeitwert. In dieser Zeit konnte also Warwara Matrjona Tschertschessowka die Polizei rufen und auch das Ei nochmals intensiv betrachten. Ich setzte mich auf das Sofa, musterte das einzige Bild an der Wand, ein düsteres, patziges Ölgemälde des ersten Bankdirektors von anno dunnemals, und stellte mir vor, was sich hier schon alles abgespielt haben mochte.

 

Als ich den kleinen Panikraum mit dem gemütlichen Sofa verließ und das eigentliche Tresorareal wieder betrat, fiel es mir auf den ersten Blick auf: Alle der etwa achthundert Schließfachtüren standen einen Spalt offen. Sie mussten inzwischen aufgesprungen sein. Die Gleichmäßigkeit der vielen identischen Winkel deutete darauf hin, dass hier keine menschliche Hand im Spiel gewesen war. Ich lag nicht falsch, denn wie ich später erfuhr, waren die Schließmechanismen durch einen Fehler im internen Betriebssystem kurzzeitig außer Kraft gesetzt worden. Ausgerechnet die digitale, als todsicher gepriesene Zusatzsicherung hatte zu der sperrangelweiten Offenlegung allergeheimster Geheimnisse geführt. Und noch viel später erfuhr ich, dass es am Datum lag, dem 25. August 2018. Die binäre Darstellung dieses Datums (1011111101011100010100010) brachte manche nicht mehr ganz taufrische Computer dazu verrücktzuspielen. Denn diese Zeichenkette war gleichzeitig auch der Befehl, alle Funktionen des Rechners auf die Werkseinstellungen zurückzusetzen.

 

Ich blickte mich um. Es herrschte absolute Stille. Ich war ganz allein. Natürlich kam es überhaupt nicht in Frage, die Situation auszunutzen. Auf keinen Fall. Nicht im Traum war daran zu denken. Aber andererseits: Wem schadete es, eines der Schließfächer zu inspizieren? Nur, um etwas Bankatmosphäre zu schnuppern? Das hatte mit profaner Neugier nichts zu tun, das war ganz normale Recherchearbeit. Aber was, wenn Frau Weißgrebe wieder zurückkam? Ich wandte mich schließlich abrupt von den Schließfächern ab und eilte entschlossen Richtung Ausgang. Als ich jedoch die Klinke umfasste, zögerte ich, sie niederzudrücken. Langsam drehte ich mich wieder um. Und es war eigentlich nicht ich, der da zurückging, um einen Blick in eines der Schließfächer zu werfen. Es war etwas in mir, das mir selbst neu war und vor dem ich kurz erschauderte. Bestand wirklich Gefahr, dass jemand hereinkam? Ich würde doch die Schritte auf der Treppe hören. So zog ich vorsichtig die metallische Schublade aus dem Schacht und stellte sie auf den Tisch. Und dann die Überraschung. Ich hatte eigentlich Schmuck erwartet. Nicht gerade Fabergé-Eier, aber Schmuck. Für mich hatte sich der Begriff Schließfach immer mit schwerem Geschmeide und aufwendig gearbeiteten Preziosen verbunden. Aber nichts von alledem. In der Schublade, die ich herausgenommen hatte, lag eine Klarsichthülle, in der zwei oder drei handbeschriebene Blätter Papier steckten. Mein letzter Wille … Datum, Name, Adresse … geboren am und in … Ich verfüge hiermit, dass … Ich starrte auf die erste Seite. Ich wusste gar nicht, wie viel Mühe es kostete, einen Text nicht weiterzulesen! Es war wiederum jemand anderer als ich, der mir da in die Hosentasche griff, das Handy herauszog und das Testament Blatt für Blatt fotografierte.

 

War da nicht ein Geräusch gewesen? Hastig legte ich die Hülle wieder in den Schuber und steckte diesen in das Schließfach zurück. Fingerabdrücke abwischen? Nein, wozu: Der Erblasser würde ja nie erfahren, dass ich das gelesen habe. Aber dann passierte mir ein schwerer Fehler. Sorgfältig drückte ich die Schließfachtür zu. Welch eine Eselei! Jetzt konnte man wahrscheinlich feststellen, dass diese Tür manuell geschlossen worden war. Und zwar genau in dem Zeitfenster, in dem ich mich im Kellerraum aufhielt. Was tun? Ich entschloss mich kurzerhand, alle Türen zuzudrücken. Sofort machte ich mich an die Arbeit. Vielleicht noch einen Blick in ein anderes Fach? Nein, unmöglich, völlig unehrenhaft, das hieße das Schicksal wirklich herausfordern. Vielleicht noch dieses eine –

 

Dann klopfte es an der Türe.

»Ist so weit bei Ihnen alles in Ordnung?«

Es war Frau Weißgrebe. Hastig drückte ich die restlichen Schließfächer zu und öffnete die Tür.

»Schön ist es hier unten«, sagte ich zu ihr, etwas atemlos. »Wenn man nur wüsste, was für dunkle Geheimnisse hier schlummern!«

Ich lachte hölzern. Sie blickte mich gespielt verschwörerisch an.

»Sie können auch gerne einmal in ein leeres Fach reinschauen.«

»Ja, freilich, sehr gerne, warum auch nicht.«

Sie sperrte № 307 auf. Ich wusste, dass № 307 leer war. Ich hatte ja vorhin einen Blick hineingeworfen.

»Aha. Ja, so. Sehr interessant«, fuhr ich fort, so überrascht wie möglich, und dann, nur um etwas zu sagen: »Ich habe sie mir größer vorgestellt, die Fächer.«

»Wir haben natürlich auch geräumigere. Aber die sind leider alle belegt.«

Auch das wusste ich. Eines davon hatte ich vorher genauer inspiziert. Inhalt: ein vollgepackter Reisekoffer. In der Seitentasche, griffbereit: eine leichte Pistole, fünf Pässe, ein Bündel Bargeld.

»Die Schließfächer werden übrigens in Litern gemessen«, erläuterte Frau Weißgrebe weiter. »Es gibt 1-Liter-Schließfächer, für ein paar Blatt Papier und einige wenige Goldmünzen, 10-Liter-Schließfächer für aufwendigere Hinterlassenschaften. Wir Bankmenschen sagen immer: Je kleiner die Schließfächer, desto größer die Geheimnisse.«

»Das kann ich mir denken.«

»Wollen Sie sich noch ein wenig umsehen?«

»Danke, nein. Ich glaube, für die Festschrift habe ich jetzt genug recherchiert. Schreiben muss ichs ja auch noch.«

Zusammen mit Frau Weißgrebe verließ ich den Raum. Ich hatte mir alles in allem Einblick in etwa ein Dutzend Bankfächer verschafft. Es war so viel interessantes, überraschendes und aufwühlendes Material dabei, dass es eine wahre Sünde gewesen wäre, keinen Roman darüber zu schreiben.

1

Am heißesten Tag des Jahres hatte sich Ansgar Perschl auf der Straßenterrasse des Bistros einen Latte bestellt, war auf die Toilette gegangen und hatte beim Zurückkommen feststellen müssen, dass sich inzwischen ein Mann auf seinen Stuhl gesetzt hatte. Breitbeinig lümmelte er da in seinem hellen Anzug, eine Hand hing lässig über die Lehne, mit der anderen stützte er sich an dem Plastiktisch ab, als ob er ihn gerade ein Stückchen weggeschoben hätte. Tatsächlich waren der Speisekartenständer und die Zuckerdose umgefallen, die ersten gierigen Wespen interessierten sich schon für die Brösel. Perschl überlegte. War das nicht genau der gutgekleidete Mann, den er vorhin die Straße heraufkommen gesehen hatte? Perschl hatte den feinen Zwirn schon von weitem bemerkt. Er arbeitete als Verkäufer in einem renommierten örtlichen Trachtenmodenhaus und hatte deshalb den Blick für textile Feinheiten. Auch die Kopfbedeckung des Mannes fiel ihm auf. Das war kein stinknormaler Strohhut für zwofuchzig, das war ein echter, sündteurer Panamahut aus feinster Toquilla-Faser. Perschl nickte dem Mann kurz, aber freundlich zu, der reagierte nicht darauf. Auch gut, sein Problem, dachte Perschl. Gutgekleidet und unfreundlich, so haben wirs gern. Die Bedienung erschien, Perschl bestellte noch einen weiteren Latte, sie wiederum fragte den schweigsamen Mann im Panamahut:

»Haben der Herr einen Wunsch?«

Perschl blickte kurz auf. Der Mann hatte die strahlend weiße Kopfbedeckung tief ins Gesicht gezogen. Unter dem Jackett trug er eine Weste und ein viel zu dickes Leinenhemd. Er war überhaupt zu warm gekleidet für diese Hitze. Die Ärmel waren ihm verrutscht, blinkende Manschettenknöpfe kamen zum Vorschein. Die Bedienung wiederholte ihre Frage noch zweimal, stupste ihn dann kurz an.

»Hallo, der Herr!«

Es war eine kleine Berührung mit dem ausgestreckten Zeigefinger, eher ein symbolischer Fingerzeig, doch der Mann kippte nach dem Stups mit dem Oberkörper langsam nach hinten an die Stuhllehne und schien jetzt nachdenklich in die Ferne zu starren. Perschl war kein Mediziner, er kannte sich eher mit Fasern, Garnen und Zwirnen aus, aber er sah sofort, dass diesem Mann der Lebensfaden endgültig durchschnitten worden war.

 

Gerade in diesem Kurort, der an allen Ecken und Enden mit praller Lebensfreude und durchgehender touristischer Bespaßung warb, war die Rate der spektakulären Tode besonders hoch. Allein von der Schneefernerscharte sprangen pro Jahr ein Dutzend Lebensmüde die achthundert Meter hinunter in die Tiefe, sie reisten extra deswegen an, dabei hatte die Bergwacht, die sie bergen musste, genug zu tun mit den vielen verunglückten Halbschuhtouristen, Sonntagsbergsteigern und irren Extremsportlern.

»Jessas!«, entfuhr es der Fronitzer Karin, die ihren unheilbringenden Stupsefinger jetzt erschrocken zurückzog.

Ein paar Bistrogäste und Straßenpassanten versuchten, Erste Hilfe zu leisten, aber auch der gerufene Notarzt konnte nichts anderes als den Tod feststellen. Hitzschlag. Der Mann saß bequem in seinem Stuhl, der Notarzt hatte nach dem Pulsfühlen dessen erkaltende Hand auf den Tisch gelegt, es sah fast aus, als ob der seriöse Herr im Panamahut nach der Getränkekarte greifen wollte, die auf dem Tisch lag. Die Bedienung übernahm es, die Polizei zu rufen, Polizeiobermeister Franz Hölleisen erschien.

»Servus Perschi«, sagte er zu dem Herrenoberbekleidungsfachverkäufer. »Bleib noch einen Moment da, ich brauche dich als Zeugen.«

Perschi jedoch konnte wenig zum Fall beitragen, er hatte nichts weiter gesehen, als dass der Mann plötzlich als Toter dagesessen hatte. Auch sonst kannte ihn niemand, nicht einmal die Bedienung, die Fronitzer Karin, die sonst eigentlich ziemlich alle kannte.

»Wann hat er denn den Hitzschlag bekommen: schon beim Hergehen oder erst im Sitzen?«

Darauf wusste der Notarzt keine Antwort. Er und die Rettungssanitäter machten Anstalten, ihre Siebensachen einzupacken und den Abflug zu machen.

»Ja, nehmt ihr den nicht mit?«, fragte die Fronitzer Karin entgeistert und deutete auf die Leiche.

»Nein, Tote dürfen wir nicht mitnehmen«, erwiderte der Notarzt. »Ich muss aber jetzt wirklich, ich habe noch einen Einsatz.«

»Ich habe schon einen Bestatter angerufen«, versetzte Hölleisen. »Er kommt gleich.«

»Und bis dahin?«, rief die Fronitzer Karin verzweifelt. »Wenn der noch lange so dasitzt, vertreibt er mir am Ende die ganze Kundschaft! Können wir ihn nicht hineinziehen, mitsamt seinem Stuhl?«

»Von mir aus«, erwiderte Hölleisen gutmütig.

Zuvor durchsuchte er die Taschen des gutgekleideten Toten. Kein Ausweis, keine sonstigen Papiere. Er wandte sich wieder Perschl zu.

»Aus welcher Richtung ist er denn gekommen?«

»Von da«, erwiderte der und zeigte die Straße hinunter.

»Ja, mit einer Plastiktüte«, sagte die Fronitzer Karin.

»Aha«, sagte Hölleisen. »Und wo ist die jetzt?«

»Keine Ahnung.«

Er blickte sich auf dem Fußweg um. Nirgendwo war eine Plastiktüte zu sehen. Auch nicht unter dem wackligen Kaffeehaustisch oder auf der Straße.

»Voll oder leer?«, fragte Hölleisen.

»Was: voll oder leer?«, fragte die Bedienung zurück.

»Die Plastiktüte.«

»Eher voll.«

»Bist du sicher?«

»Ja, das sieht man doch. Sie flattert nicht so. Es zieht sie nach unten. Das müsstest du als Polizist eigentlich wissen.«

Hölleisen fächelte sich Luft zu. Verdammte Hitze. Er befragte noch ein paar Leute im Bistro. Niemand kannte den Toten. Niemand hatte eine Plastiktüte gesehen. Nachdem er mitgeholfen hatte, den Mann im Panamahut ins halbwegs kühle Innere zu ziehen, warf er noch einen Blick auf ihn. Er saß jetzt da wie der Seniorchef des alteingesessenen Etablissements, der beim Geldzählen eingeschlafen war. Und selig davon träumte, wie er es ausgeben könnte. Kreuzfahrten, Segeltörns, Spielbanken. Einige der Schaulustigen schossen Fotos. Viele twitterten und facebookten, Selfies gingen um die Welt.

 

Ein kleiner Dicker und ein großer Hagerer stellten ihre Koffer ab und versuchten, vom Gehweg aus einen Blick auf die Leiche zu erhaschen. Sie waren vom nahegelegenen Bahnhof gekommen, hatten augenscheinlich eine lange Reise hinter sich, unterhielten sich momentan angeregt auf Spanisch. Das war eine Sprache, die man selten im Kurort hörte. Russisch, Arabisch und Amerikanisch, alles immer wieder gerne. Manchmal auch Chinesisch oder Japanisch. Aber Spanisch? Eigentlich nie. Der kleine Dicke, ein Mann mit bäurisch-schalkhaftem Aussehen, stellte sich auf die Zehenspitzen.

»Was um des Himmels und meiner seligen Vorfahren willen mag da nur geschehen sein?«, fragte der Hagere.

»Es hat einen Toten gegeben«, antwortete der Dicke. »Ich tippe auf Hitzschlag. Das sieht man sofort. Im Erste-Hilfe-Kurs haben wir das in der ersten Stunde durchgenommen.«

»Alle Wetter! Ein Toter! Welch ein Schauspiel. Es ist wohl ein Gaukler, der unbewegliche Figuren darstellt. Ich muss schon sagen: sehr originell! Kannst du dich an die herrlichen lebenden Statuen in den Straßen von Barcelona erinnern? Alle paar Meter wurde ich einer solchen Figur ansichtig. Herzöge, Päpste, Ritter und Caballeros in prächtigen Rüstungen! Aber hier in diesem kleinen Flecken, da hätte ich solche Attraktionen durchaus nicht erwartet – und dann gleich ein Toter!«

»Lieber Herr, ich vermute, der Mann ist wirklich muerto. Mausemuerto.«

»Soviel ich weiß, ist ein Toter am schwierigsten darzustellen«, fuhr der Hagere unbeirrt fort. »Wenn ich nur an die berühmten Totendarsteller aus Kastilien denke. Miguel de la Cruz war so einer. Als er dann wirklich starb, sah er nicht halb so tot aus wie als prächtige ›Wasserleiche‹ auf dem Marktplatz von Salamanca.«

 

Hölleisen verabschiedete sich von Perschl und der Fronitzer Karin. Er ging ein Stück die Straße hinunter, die der Mann nach Angaben von Perschl gekommen war. Nach ein paar Metern betrat er den frisch renovierten Laden der Metzgerei Kallinger, der aber wegen der Hitze so gut wie leer war. Niemand kaufte bei diesen Temperaturen die berühmten Leberkäsesemmeln.

»Alles rennt zur Eisdiele gegenüber«, sagte die Kallingerin vorwurfsvoll.

»Ich kann doch auch nichts dafür.«

»Für was?«

»Für die Hitze.«

Hölleisen beschrieb den Mann.

»Ja, der ist vorbeigekommen«, sagte die Kallingerin mürrisch. Sie hatte eher gehofft, dass der Polizeiobermeister zwei, drei Leberkäsesemmeln kaufen würde. »Was ist mit dem?«

»Hat der eine Plastiktüte dabeigehabt?«

Sie überlegte.

»Keine Ahnung. Vielleicht. So genau habe ich nicht hingeschaut. Ich pack dir noch eine Leberkäsesemmel ein. Geht aufs Haus.«

Er fragte noch in ein paar anderen Geschäften nach. Schließlich wurde er fündig.

»Ja, an den kann ich mich erinnern«, sagte der Schuhhändler Mayser. »Vor allem an die Plastiktüte. Das war keine von einem guten Geschäft, sondern eine alte, zerknitterte, richtig verhaute. Mit Löchern drin. Eine Supermarkttüte. Und verschmutzt. Die hat gar nicht zu dem Mann und seiner eleganten Kleidung gepasst.«

 

Hölleisen biss in die Leberkäsesemmel. Er steckte sie wieder zurück ins Papier. Bei Hitze schmeckten die einfach nicht. Dann zog er seinen Block heraus und fertigte eine Skizze der Straße und ihrer Geschäfte an. Er zeichnete Markierungen ein: Bis dorthin hatte man den Mann noch mit Tüte gesehen, dann ohne. Hölleisen ging den Weg zwischen diesen beiden Punkten ab, bog auch ein Stück in die Seitengassen ein, hatte vor, einen Blick in die Mülleimer und Abfallcontainer der Hinterhöfe zu werfen. Aber keine Chance, es gab zu viele. Da bräuchte es schon eine ganze Hundertschaft, um die Mülleimer flächendeckend abzusuchen. Und warum eigentlich die ganze Mühe? Es lag augenscheinlich kein Gewaltverbrechen vor. Nur komisch war es. Aber komisch allein genügte der Polizei meistens nicht. Sonst wäre viel zu ermitteln auf der Welt. Hölleisen brach die Suche ab und kehrte wieder um. Sollte er Jennerwein deswegen belästigen? Eher nicht. Es war ja bloß ein Gefühl. Hölleisen schlug den Weg Richtung Revier ein, an der Ecke Greinstraße/Hölberweg hatte er die Plastiktüte schon fast wieder vergessen.

 

Endlich ist er weg, der Bulle, dachte die Frau mit den blonden, kurzen Locken, die bisher still und unauffällig auf der anderen Straßenseite gestanden hatte. Genauso unauffällig und eher schlendernd überquerte sie die Straße. Ihr Ziel war der Supermarkt, den sie durch den Vordereingang betrat, um gleich darauf in die Tiefgarage hinunterzusteigen. Dort wartete eine aufgeklappte Aschentonne. Ein großes Schild wies darauf hin, dass illegale Abfallentsorgung hart bestraft werden würde. Das Schild war mehrsprachig, auf Tschechisch klang es am härtesten. Die Frau sah sich um. Dann fischte sie eine Plastiktüte aus der Aschentonne. Es war eine unauffällige, löchrige und popelige Plastiktüte. Sie klopfte sie ab, klemmte sie unter den Arm, blickte sich nochmals um, ging wieder hinauf und verschwand in der flirrenden Hitze.

2

Alina Rusche war Putzfrau. Sie hörte die vielen verhüllenden Begriffe wie Perle, Aufwärterin, Zugeherin, Scheuermagd oder Stundenfrau nicht so gern. Lediglich den liebevollen Austro-Ausdruck Lurchkatz ließ sie sich noch gefallen. (Als Lurch wird in Österreich ein Schmutzgebinde aus Staub, Flusen und Haaren bezeichnet. Wirklich putzig.) Auch ihr Mann Tomislav, mit dem sie gerade beim Frühstück saß, war sozusagen vom Fach. Neben seinen diversen Hausmeistertätigkeiten im Kurort hatte er einen Halbtagsjob beim Autohaus Schuchart. Dort bestand seine Arbeit zwar zu neunzig Prozent darin, verschiedenste Arten von Bröseln aus den Rücksitzritzen von Mercedessen herauszusaugen. Aber niemand sagte mehr Innenreiniger, Tomislav wurde vielmehr Aufbereiter oder car detailer gerufen.

 

Sie saßen sich wie jeden Morgen an dem kleinen Küchentisch gegenüber.

»Nun, meine liebe Indoordetailerin«, scherzte Tomislav und warf seiner Frau einen neckischen Blick zu, »darf ich dir noch etwas Tee nachschenken?«

Alina nickte und reichte ihm die leere Tasse über den Tisch. Dabei lächelte sie und legte den Kopf leicht schräg, was die dezente Hakenhaftigkeit ihrer Nase noch betonte. Tomislav schenkte ein. Der heiße Teestrahl schoss goldgelb brodelnd ins Porzellan, Alina fächelte sich den aufsteigenden Dampf zu.

»Orange Pekoe, fair geerntet, fleischiges Blatt, genau eineinhalb Minuten gezogen«, sagte Tomislav.

Jetzt versuchte er, das Frühstücksei zu köpfen. So geschickt er beim Handwerken war, dachte Alina, so ungeschickt stellte er sich hierbei an. Er brauchte mehrere Anläufe dazu. 1789 hätte er damit in Paris als Scharfrichter keinen Job bekommen.

»Gehst du heute zu Nolte?«, fragte Tomislav.

»Ja, ich glaube, das ist mein erster Kunde.«

Sie erhob sich. Am Kühlschrank hing ein Blatt mit einer Excel-Tabelle, in der die Termine eingetragen waren.

»Um neun muss ich da sein. Warum fragst du?«

»Bei dem sollte ich wieder mal den Rasen mähen. Legst du ihm einen Zettel hin? Dass ich das diese Woche noch mache? Ich habe ihm schon eine Mail geschickt, aber er hat nicht darauf reagiert.«

Alina nickte. Manche Kunden hatten sie gemeinsam, bei einem ganz besonderen hatten sie sich sogar kennengelernt, vor Jahren, sie als Lurchkatz, er quasi als Lurchkater. Tomislav sah auf die Uhr und erhob sich ebenfalls. Er musste früher los als sie, sie konnte sich noch ein bisschen Zeit lassen. Er küsste sie auf die Wange. Zärtlich umfasste sie seinen Nacken mit der Hand und streichelte ihn eine Weile. Er war ein guter Mann. Trotz alledem.

 

Als die Tür ins Schloss fiel, ging sie ins Bad, um zu duschen. Bei Nolte, dem jungen Mann mit der wohlklingenden tiefen Stimme, musste sie erst in einer Stunde sein. Nolte, das waren zwei Zimmer, Küche, Bad, Blumen gießen, auf keinen Fall was am Computer machen, Geld liegt auf dem Tisch. Wöchentlich, bar auf die Hand. Die Hälfte ihrer Jobs waren Schwarzarbeiten, mit der anderen Hälfte finanzierten Alina und Tomislav neue deutsche Autobahnteilstücke, öffentliche Freibäder und Raketenabwehrsysteme für die Bundeswehr. Jetzt stieg sie hinauf auf den Speicher ihres kleinen Holzhauses, um ein bestimmtes Scheuermittel zu holen, das Nolte hundertprozentig nicht im Haus hatte. Ihr seufzender Blick blieb an einer großen Holztruhe hängen. Sie zögerte. Sollte sie sie öffnen? Vielleicht ein wenig drin herumwühlen? Nein, das war keine so gute Idee. Aber wenn sie schon mal hier oben war … Ach, egal, was solls. Sie klappte die Truhe auf, öffnete einen Schuhkarton und nahm Fotos heraus, die sie im Zwielicht des Speichers betrachtete. Eines zeigte sie in einem blaugeblümten, sommerlichen Rock, der leicht im Wind flatterte. Sie trug eine übergroße Sonnenbrille, die sie wie Grace Kelly oder eine dieser anderen Filmdiven aussehen ließ. Alina schloss die Augen und beschwor kurz die Bilder der Vergangenheit herauf. Dann fiel ihr auf, dass es hier dumpf und stickig roch. Es musste mal wieder richtig aufgeräumt werden. Schon schräg, dachte sie. Da war sie Putzfrau, und in ihrem eigenen Haus sah es aus wie Sau. Ganz unten in der Holztruhe lagen noch ein paar von ihren vollgeschmierten Collegeheften und vergilbten Computerausdrucken mit den endlosen Zahlenreihen. Vor fünfzehn Jahren hatte sie ein seltenes, äußerst seltenes Fach mit miesen Berufsaussichten studiert. Genau genommen mit gar keinen Berufsaussichten. Wenn man dieses Fach abgeschlossen hatte, blieb fast nichts anderes übrig als ein Putzjob. Davor hatte damals sogar der Dozent ihres abgelegenen Fachs, Professor Heuning-Berchthold, gewarnt. Alina blätterte noch ein wenig in ihren penibel geführten Vorlesungsmitschriften, lächelte über die eine oder andere Randnotiz, legte dann alles wieder in die Truhe. Während des Studiums hatte sie mit dem Putzen angefangen. Das erschien ihr einfacher, lohnender und eigentlich auch weniger entwürdigend als das studentenübliche Kellnern. Sie hatte natürlich vorgehabt, eine akademische Laufbahn einzuschlagen. Dann jedoch war sie bei diesem Beruf hängengeblieben.

 

Ein kleines, ovales Fensterchen warf spärliches Licht in den Speicher, sie wischte die Glasscheibe mit einem Ärmel sauber. Dann schaute sie hinunter auf den wilden Bauerngarten, in dem Bohnen und Kartoffeln wucherten. Für den war Tomislav zuständig, er hatte auch den Hühnerstall gebaut. Tomislav saugte inzwischen wahrscheinlich schon die ersten Cornflakes aus Rücksitzritzen heraus. Er war ohne Zweifel ein braver Ehemann, der sich rührend um sie kümmerte. Superfürsorglich, superliebevoll, supertreu. Sie seufzte, verließ den Speicher und machte sich ausgehfertig.

 

Zu den meisten Wohnungen ihrer Kunden hatte sie den Schlüssel, auch zu der von Nolte. Manchmal kam sie sich vor wie ein Klischeeeinbrecher, der einem Comicheft entsprungen war. Nur der Ringelpulli mit Häftlingsnummer drauf fehlte noch. Sie betrat die Wohnung, schritt am Bücherregal vorbei, streifte einige der ihr bekannten Titel mit den Fingern. Niemand aus ihrer ganzen Kundschaft wusste, dass sie studiert hatte und Doktorandin dieses abgelegenen Faches war. Das hätte nur zu Mitleidsreaktionen geführt, einer reflexartig angebotenen Tasse Kaffee und einem Gespräch über das Thema, ob man nicht doch was machen konnte. Auch mit diesem seltenen Fach. Aber man konnte nichts machen. Nicht mit Mitte dreißig. Und sie wollte jetzt auch gar nicht mehr, sehr zum Unverständnis ihrer garstigen Familie. Vor allem die unverschämte Tante Mildred behauptete immer wieder, sie hätte sich das Geld vom Mund abgespart, um Alinas Studium finanzieren zu können. Jetzt wollte sie eine stattliche Summe zurück. Gerade erst vor ein paar Wochen hatte sie einen unschönen Zusammenstoß mit Tante Mildred gehabt. Die hatte ihr lautstark vorgeworfen, das Studiengeld nicht sachgerecht verwendet, sondern abgezweigt zu haben.

»Ich werde mein Geld schon noch bekommen!«, war ihr letzter Satz gewesen, bevor Tomislav sie hinausgeworfen hatte.

 

Die Wohnung von Nolte war schnell erledigt, er war selten zu Hause und schmutzte deshalb kaum. Sie stellte die Packung Halstabletten auf den Tisch, die sie ihm besorgen sollte, nahm die zerknitterten Scheine und steckte sie in die Tasche. Dann schrieb sie den Zettel, um den Tomislav sie gebeten hatte. Bei der nächsten Adresse gab es wiederum nichts Steuerfreies auf die Kralle, natürlich nicht, es handelte sich um ein angesehenes Geldinstitut. Das wäre was gewesen, wenn sie ausgerechnet hier Schwarzgeld bekommen hätte! Sie betrat die KurBank durch den Hintereingang, vorher musste sie einen Code eingeben, sie hatte den Geburtstag ihrer Oma als Zugangsberechtigung gewählt. Alina wusste, dass der Filialleiter Pit Schelling in seinem Büro jetzt sehen konnte, dass sie das Gebäude betrat. Auf seinem Computer blinkte dann ALINA RUSCHE ENTERING BUILDING auf. Sie schloss die Tür und stieg die Treppe hinauf zum Putzkämmerchen. Als sie wieder herauskam, hatte sie sich in ein Blaues Mädchen verwandelt. Normalerweise wurden die Türsteherinnen im Bayreuther Festspielhaus so bezeichnet. Die, die Eintrittskarten kontrollierten, Programmhefte verkauften, die Besucher in den Zuschauerraum und gegebenenfalls wieder raus ließen. Und den ganzen Tag Richard Wagner hörten. Da putze ich doch lieber, dachte Alina. Jetzt kam ihr Schelling mit der Marketingchefin von der Zentrale entgegen, beide grüßten kurz, sie herablassend, er eher peinlich berührt. Dann gingen sie kichernd vorbei. Alina sah den beiden nach. Sie wusste, dass Schelling momentan gar nicht zum Kichern zumute war. Er hatte große berufliche Sorgen, denn diese seine Bankfiliale sollte geschlossen werden, sie lohnte sich nicht mehr. Zu viel Personal, zu viele Dienstleistungen, die sich nicht auszahlten. Und Schelling würde in seinem Alter kaum mehr einen Job als Filialleiter finden. Mit über vierzig war in diesem Geschäft nichts mehr zu holen. Alina stieg die Kellertreppe hinunter. Im dort gelegenen Schließfachraum fing sie immer mit der Reinigung an. Auch hier brauchte sie ihren Zugangscode. Wieder tippte sie die Eckdaten ihrer Oma ein. Oben bei Schelling würde auch jetzt ihr Name wieder aufleuchten. ALINA RUSCHE ENTERING SAFE DEPOSIT BOX ROOM. Sie durchquerte den Schließfachraum und öffnete die Tür zum diskreten Rückzugskämmerchen mit W30-Zertifikat. Sie betrat es jedes Mal wieder mit einem kleinen, prickelnden Schaudern. Hier war lediglich abzustauben, Kunden benutzten diesen Raum selten, wie sie wusste. Wenn sich hier einmal am Tag jemand aufhielt, dann war das viel. Trotzdem wischte sie das schöne, große Büffelledersofa sorgfältig ab, griff in die Ritzen, suchte nach verlorenen Gegenständen, fand aber wie meist nichts. Nur einmal hatte sie den Entwurf für ein Testament gefunden. Dann war der Schließfachhauptraum dran. Sie hatte vorhin schon bemerkt, dass von einem Fach sowohl die Stahltür entfernt als auch die inliegende Kassette herausgenommen worden war. Sie hatte zwar keine direkte Anweisung, das Fach bei solchen Reparaturarbeiten zu putzen. Doch wo repariert wurde, fiel auch Schmutz an. Der größte Widersacher einer Putzfrau ist der Handwerker. Schnell tauchte sie den Lappen ins Feuchte und machte sich an die Arbeit. Sie sah auf die Uhr. Noch eine halbe Stunde, dann kam der Filialleiter. Es handelte sich um ein mittleres 10-Liter-Fach, es war sauber, trotzdem fuhr sie mit dem Lappen die Flächen entlang, auch die Wandflächen, und auch die unzugänglichen Ecken hinter der Verblendung. Dort spürte sie an einer Stelle einen kleinen Widerstand, vielleicht durch einen vor langer Zeit angeklebten Kaugummi. Sie warf einen Blick ins Innere, aber dort drinnen war es zu dunkel, um etwas zu erkennen. Sie zog ihre Gummihandschuhe aus und fuhr mit dem Finger an die Stelle.

»Autsch!«, rief sie und zog die Hand wieder heraus.

Aus einer kleinen Wunde quoll ein winziger Tropfen Blut, sie hatte sich geritzt. Sie hielt den Finger an den Mund, suchte nach einem Pflaster. Dann hörte sie Geräusche draußen auf dem Gang. Ihr Handy summte. Tomislav hatte ihr eine SMS geschickt: Hab dich lieb.

3

Vier Tage später war Alina Rusche tot. Sie lag im offenen Sarg, man hatte sie in ihrem besten Kleid aufgebahrt, einem modischen Glockenrock, der die Figur betonte, auch im Liegen. Sie trug dazu passende Schuhe, cremefarbene Pumps mit Absatz. Das war bei einer Aufbahrung eigentlich nicht üblich, denn Schuhwerk erinnerte doch allzu deutlich an dessen momentane und auch künftige Funktionslosigkeit. Bestattet wurde gewöhnlich barfuß oder wenigstens strumpfsockig, es sei denn, die Verstorbenen wünschten sich ausdrücklich etwas anderes. Aber wird man, wenn man zur Feder greift, um seinen letzten Willen zu Papier zu bringen, einen Vermerk machen, dass man in Schuhen bestattet werden will? In den bequemen Sandaletten oder Hausschuhen? Kann da ein geschickter Jurist nicht sogar im Streitfall eine Unzurechnungsfähigkeit herausleiern, die schließlich, salvatorische Klausel hin oder her, das ganze Testament in Frage stellt? Alina Rusche hatte in ihrem Testament jedenfalls auf Pumps bestanden, und irgendwie passte es auch zu ihr. Sie gab überhaupt alles in allem eine schöne Leiche ab. Sogar die kleine Narbe an ihrer Stirn leuchtete und gab ihr etwas Würdevolles, Gesalbtes.

 

Eine frische Brise kam auf und kecke Windstöße umspielten Alinas Locken, lösten sogar eine Haarsträhne, hoben sie übermütig hoch, um sie gleich darauf wieder fallenzulassen. Es war ein würziger Sommertag, die kleine Schar der Trauergäste umringte die Aufgebahrte, jeder blickte versonnen auf das unbekümmerte Spiel des Windes, das er mit den Haaren der Toten trieb.

»So jung! Mitten aus dem Leben!«, sagte ein kräftiger Mann um die vierzig, Typ Naturbursche, Bademeister und Fitnesstrainer, der seine Basecap abgenommen hatte.

»Sie liegt da, als ob sie noch leben würde!«, fügte ein stiller, kleiner Mann in der ersten Reihe hinzu.

»Aber sag einmal, kann sich eine Putzfrau so einen Aufwand überhaupt leisten?«, flüsterte die Hofer Uschi ihrer Nachbarin, der Weibrechtsberger Gundi, zu.

»Ja, freilich«, flüsterte die Weibrechtsberger Gundi zurück. »Mir hat sies einmal erzählt, im Pilateskreis. Ein bisschen was hat sie gespart. Und ihre Verwandten sollen ja so eklig zu ihr gewesen sein. Denen wollte sie eins auswischen. Nichts sollten die kriegen, nichts. Rein gar nichts.«

»Wie: auswischen?«

Die Weibrechtsberger Gundi sah sich um, kam dann ganz nah ans Ohr der Hofer Uschi.

»Das ist so: Wenn du testamentarisch verfügst, dass der Tierschutzverein alles bekommt, kriegen die Verwandten vorher immer noch den Pflichtteil. Aber wenn du eine bestimmte Summe für deine Beerdigungskosten ausgibst, verstehst du: Sarg, Leichenschmaus, Musik, Trauerredner, Pipapo, dann wird das alles von der Erbmasse abgezogen. Zehn- oder zwanzigtausend sind da schnell beieinander. Wenn du es geschickt anstellst und recht pompös feierst, vielleicht sogar noch Schulden deswegen aufnimmst, dann schauen die Verwandten mit dem Ofenrohr ins Gebirge. Und ärgern sich tierisch.«

»Ich kann also richtig auf die Pauke hauen? Die Westminster-Kathedrale mieten und dort ein Staatsbegräbnis veranstalten?«

»Das geht wahrscheinlich nicht. Dass du immer so übertreiben musst!«

Die Hofer Uschi schüttelte den Kopf. Dann blickte sie sich um und raunte der Weibrechtsberger Gundi zu:

»Aber wenn die Alina alles für die Leich’ verjuxt hat, dann ist für ihren geliebten Tomislav doch auch nichts mehr übriggeblieben!«

Die Weibrechtsberger Gundi lächelte nachsichtig.

»Der? Der wird schon nicht leer ausgegangen sein. Die hat doch sicher schwarz gearbeitet, die Verstorbene, das machen doch die alle aus der Reinigungsbranche –«

»Pssst!«, zischte es über den Sarg hinweg aus der anderen Seite des Trauerkreises.

 

Der Nachteil bei einer kleinen, ausgewählten Truppe von Trauergästen war, dass man nicht anständig ratschen konnte. Und was gab es Schöneres, als angesichts der Ewigkeit und der Wucht des Todes zu ratschen. Das Schweigen der beiden Ratschkathln hielt deswegen nicht lange an.

»Das sind doch unmöglich ihre echten Haare!«, flüsterte die Weibrechtsberger Gundi und deutete auf den Kopf der Verstorbenen. »Das muss eine Perücke sein. Ich meine: bei den Verletzungen!«

»Kann man die auch von der Erbmasse abziehen?«

»Ich bin natürlich kein Jurist, aber das glaube ich jetzt wieder weniger.«

»Aber ich bin Jurist«, sagte der Mann im Trenchcoat, der neben ihnen stand. »Eine Perücke kann man in der Tat abziehen. Und jetzt hören Sie endlich mit dem Gequatsche auf«, fügte er scharf hinzu. »Das ist doch pietätlos. Angesichts der Ewigkeit.«

»Meinen Sie? Auch eine teure Echthaarperücke?«

Der Jurist sagte nichts darauf, sandte nur einen strengen, fast bösartigen Blick. Die beiden Ratschkathln zogen beleidigte Schnuten. Und bewegten sich schließlich ein paar Schritte von ihm weg.

»Man wird doch noch über die Verstorbene reden können«, maulte die Weibrechtsberger Gundi. Sie deutete zu dem, der sich als Jurist bezeichnet hatte. »Weißt du, wer das ist?«

»Keine Ahnung. Noch nie gesehen.«

»Komisch ist das schon. Dass die Alina einen Juristen gekannt hat.«

»Vielleicht hat sie bei ihm geputzt.«

»Würdest du denn zur Beerdigung von deiner Putzfrau kommen?«

»Ich hab ja gar keine. Bis ich der alles erkläre, mach ichs selber.«

»Aber sagen wir einmal.«

Von allen Seiten ertönten jetzt die vorwurfsvollen Psst!s, mahnende Blicke streiften sie, die beiden schwiegen schließlich. Aber es arbeitete schwer in ihnen. Das konnte man an den Zuckungen ihrer Lippen ablesen. Nach einiger Zeit kam eine stärkere Brise auf und zupfte am Glockenrock von Alina Rusche, obwohl sie eigentlich windgeschützt im Aufbahrungssarg lag. Der Wind wurde stärker, er trug etwas Feuchtigkeit mit sich und benetzte nicht nur die Wangen der Trauergesellschaft, sondern auch die der Verstorbenen mit einem nebelnassen Schleier. Doch der Spuk war bald wieder vorüber, und die mächtige Sonne verwischte alle Spuren auf Haut und Kleidung.

 

Die Weibrechtsberger Gundi blickte auf die Uhr.

»So spät, und immer noch scheint die Sonne.«

»Uhren tragen bei Beerdigungen bringt Unglück!«, flüsterte ihr die Hofer Uschi ins Ohr.

4

Der kleine Dicke und der große Hagere hatten sich inzwischen von dem Bistro entfernt, in dem die Fronitzer Karin bediente. Der kleine Dicke trug die Koffer. Alle zwanzig Meter blieb er stehen und blickte auf die Orientierungs-App seines Handys, die die beiden durch Raum und Zeit und somit auch durch die Straßen des Kurorts leitete.

»Da vorne müsste unsere Herberge sein«, sagte er.

Der Hagere nickte versonnen. Sein Bart war zerzaust, sein Gesicht sonnengebräunt, er hatte die Augen weit aufgerissen und deutete begeistert über die Hausdächer hinweg in die Ferne.

»Sieh, nur, Sancho«, sagte er. »Betrachte die ehrwürdigen Alpen! Sind sie nicht herrlich!? Es ist wahrlich ein Bollwerk der Natur, das sich wuchtig in unermessliche Höhen schwingt, Wind und Wetter trotzend, den Göttern so nah!«

Sancho zog ein verdrießliches Gesicht.

»Es ist ein Steinhaufen, Herr, der einfach im Weg rumsteht. Eine Ansammlung von Kalk, Lehm und Muschelschalen, nichts weiter. Ein Hindernis für jeden Wanderer und obendrein jahrhundertelang ein riesiger Hemmschuh für den Handel.«

Der Hagere drehte sich und deutete auf einen bewaldeten Hügel.

»Und dort, sieh nur, Sancho, ein Fest der Fruchtbarkeit. Dicht an dicht stehen blühende, vor Saft strotzende Bäume!«

»Es sind magere Latschen und übelriechendes Fichtelholzkraut. Eine ausgemergelte Vegetation, die sich gerade mal so eben am Leben hält. Da strotzt nichts, das kannst du mir glauben, Herr.«

»Du kannst einem wirklich alles verderben, Sancho«, murrte der Hagere mit betrübtem Blick und steckte sich eine schlanke Puro-Caliqueño-Zigarre an.

 

Niemand achtete auf die beiden, es schien so, als ob sie für die meisten gar nicht sichtbar wären. Sie stellten ihre Koffer im Hotel Alpenrose ab.

»Und dann die Luft!«, fuhr der Hagere fort, als sie wieder auf die Straße traten. »Man kann sie trinken, sie schmeckt wie leichter Schaumwein aus unserer Heimat, der glühendheißen La Mancha. Ganz zu schweigen von den unzähligen Bergen des Alpenlandes, der ehrwürdigen Graukammerspitze, dem stolzen Gerbersattel, der kühn bei allen Wettern dräuenden Molberwand …«

»Ihr fangt ja schon wieder von diesen Steinhaufen an, Herr. Sie fordern Todesopfer im Wochentakt. Sie verstellen den Bewohnern die freie Sicht in die Ferne, sie engen die Gedanken ein, erzeugen ewigen Schatten und drücken aufs Gemüt …«

»Wegen solch dunkler Betrachtungen sind wir nicht hierher ins oft gepriesene Werdenfelser Land geritten, sondern wegen den verehrungswürdigen Damen und den tollkühnen Abenteuern, die ich zu bestehen erhoffe –«

»Wir sind nicht geritten, edler Herr, wir sind mit der Regionalbahn gefahren, mit dem Bayernticket, und das war teuer genug, für die paar Kilometer.«

»Aber was für Meilen es waren! Den Wegrand säumten blühende Lindenbäume auf sanft geschwungenen Hügeln, alle paar Augenblicke tat sich ein blauer, tiefer See vor uns auf, in dem sich herrlich geformte Badenixen räkelten –«

»Lasst uns einchecken, Herr«, sagte Sancho.

5

Als Franz Hölleisen die Dienststelle wieder betrat, hatte er die Plastiktüte schon so gut wie vergessen. Er legte Protokolle ab, ordnete Polizeiberichte und beschäftigte sich mit anderem Bürokram. Dazu summte und pfiff er eingängige Sommerhits. Sie waren aus den achtziger Jahren, aber immerhin aus denen des zwanzigsten Jahrhunderts. Wegen der tropischen Temperaturen hatte er die Fenster und Türen zum Garten geöffnet. Hinter dem Polizeirevier erstreckte sich eine saftige Wiese, an die sich der sogenannte Schmugglerhügel anschloss. Die Grenze zu Österreich war nicht weit. Hölleisen blickte hinaus aufs Grün, auf die miteinander schwatzenden und aneinanderschlagenden Garbbeutelgräser, auf die blühenden Prachtkerzen und Scharfen Hahnenfüße, die dazwischen in verwirrender Farbenpracht in die Höhe schossen. Hölleisen lächelte. Wie viele Polizisten mochten da wohl schon hinausgeschaut und sich ihre Inspirationen geholt haben, wenn sie bei Ermittlungen nicht mehr weitergekommen waren! Auch Kommissar Jennerwein hatte die Angewohnheit, auf die Sibirische Wieseniris und den Gewöhnlichen Natternkopf zu starren und dabei die Stirn mit Daumen und Mittelfinger zu massieren. Genau so hatte der Chef damals den Fall mit dem abgeschossenen dänischen Skispringer Åge Sørensen gelöst. Und den mit der Almhütte, auf der ein Fortbildungsseminar für internationale Auftragskiller stattgefunden hatte. Und den mit dem vermissten Heißluftballon …

 

Hölleisen riss sich von der üppigen Botanik und den nostalgischen Erinnerungen los und wandte sich wieder seinen Protokollen zu. Gleich am Morgen ein leichter, glimpflich ausgegangener Fahrradunfall, zwei mittlere Schlägereien, diverse Beleidigungen und eine Fahrgeldprellerei bei einem Taxifahrer. Dann eben der Mann im Strohhut. Hölleisen kam eine Idee. Er griff zum Telefon und rief den Notarzt an.

»Hallo Hölli, was willst du denn schon wieder wissen?«

»Ich habe noch eine Frage zu dem Hitzschlag.«

»Frag nur.«

»Kündigt sich sowas nicht an? Hätte man das nicht sehen müssen?«

»Meist sieht man das nicht. Du gehst auf der Straße, und von einer Sekunde zur anderen ist es aus mit dir. Memento mori, verstehst du. Vor allem, wenns heiß ist. Wenn du zu lange in der Sonne gelegen bist und wenn du nichts getrunken hast.«

»Aber gestorben ist er auf dem Stuhl?«

»Vielleicht war ihm vorher unwohl. Er geht noch eine Zeitlang, es wird ihm immer übler, Herzrasen, Sterne vor den Augen, er will ein Glas Wasser trinken, aber zu spät. Wo er jetzt genau mit dem Sterben angefangen hat, das kann man nicht mehr rekonstruieren. Ist das wichtig?«

»Greift sich so einer nicht an die Brust? Stöhnt nicht? Röchelt nicht?«

»Nein, ein Sekundentod ist ein schöner, unauffälliger Tod. Habt ihr denn herausbekommen, wer er ist?«

»Nein, bisher noch nicht. Aber danke für die Auskunft.«

Hölleisen schnitt ein unzufriedenes Gesicht. Dann widmete er sich wieder seinen Akten. Ruhestörung schon vor Sonnenaufgang, eine Unterbringung in der Psychiatrie, die nicht ganz glatt vonstattengegangen war, noch einmal eine Ruhestörung. Das Telefon krächzte. Die Fronitzer Karin war dran.

»Hallo Hölli. Was ist denn jetzt mit dem Herrn im Strohhut? Kommt da bald jemand?«

Hölleisen sprang entgeistert von seinem Stuhl auf.

»Was soll das heißen! Hat ihn noch niemand abgeholt?«

»Sonst würde ich nicht anrufen.«

Hölleisen räusperte sich entschuldigend.

»Ich verstehe. Ja, wenn das so ist. – Die Beerdigungsinstitute haben wahrscheinlich Hochbetrieb.«

»Was kann ich denn da dafür?«

»Sitzt er immer noch im Flur?«

»Nein, ich habe ihn in die Speisekammer gezogen. Da ist es nicht so warm.«

»Einen Kühlraum habt ihr nicht?«

»Wir sind ein Bistro und keine Dorfmetzgerei. Also, auf die Dauer kann der da nicht sitzen bleiben!«

»Weißt du, das ist nicht unbedingt Polizeiarbeit.«

»Wessen Arbeit ist es dann?«

»Ja, wie gesagt –«

»Hat er denn keine Verwandten?«

»Das versuche ich grade rauszubekommen.«

»Ist doch wahr. Jedes Mal, wenn ich in die Speisekammer gehe, sitzt der da.«

»Gruseliger wäre es doch, wenn er nicht mehr dasitzen würde. So Zombie-mäßig, verstehst. Also, Fronitzerin, du weißt: Ich tu mein Möglichstes.«

 

Polizeiobermeister Franz Hölleisen legte auf und starrte noch eine Weile kopfschüttelnd auf seine Schuhspitzen. Er musste unbedingt die Identität dieses Mannes herausbekommen. Das war eine wirkliche Herausforderung. Aber ausgerechnet heute, wo er ganz alleine war! Keiner vom Team war im Haus, er konnte sich mit niemandem besprechen. Es hatte sie an Weihnachten, beim letzten Fall, alle ziemlich übel erwischt, es war eigentlich ein Wunder, dass überhaupt noch jemand lebte. Einige waren seit dem Ereignis immer noch dienstunfähig. Polizeioberrat Dr. Rosenberger hatte einen Hüftpfannenbruch und eine Lendenwirbelfraktur davongetragen, man hatte ihm auch eine nicht näher genannte Anzahl von inneren Organen entnommen. Nicole Schwattke hatte sich wochenlang gar nicht mehr unter die Leute getraut, ein Gewittersturm von Glassplittern und spitzen Steinen hatte ihr Gesicht in ein Schlachtfeld verwandelt, die Narben entzündeten sich immer wieder und verheilten nur langsam. Seit Monaten trug sie schon Verbände, und als er sie das letzte Mal gesehen hatte, hätte er sie fast nicht erkannt. Nur an ihrer Stimme und an ihrem falschen Bayrisch. Dem Spurensicherer Hansjochen Becker waren bei der Explosion vier Zähne ausgeschlagen worden, die Brücke wollte und wollte nicht passen, und so klaffte immer noch eine Lücke in seinem Gebiss. Die Polizeipsychologin Maria Schmalfuß war zwar körperlich unversehrt geblieben, sie war jedoch nach wie vor in psychiatrischer Behandlung, in unregelmäßigen Abständen zitterte sie am ganzen Leib.

»Neurasthenischer Tremor. Es ist ganz interessant, das mal an sich selbst zu beobachten.«

Auch Hölleisen war genau genommen eigentlich dienstunfähig, die Lungenentzündung hatte er zwar überwunden, aber durch die Trommelfellruptur hatte sein Hörvermögen stark gelitten, ein Hörgerät war schon angefertigt worden. Er hatte sich eines ausgewählt, das man leicht mit einem einseitigen Bluetooth-Kopfhörer verwechseln konnte. Hölleisen blickte aus dem Fenster. Sie waren schon eine ziemlich lädierte Truppe, nur der Chef selbst, Kommissar Jennerwein, war mit einer angeknacksten Schulter davongekommen. Und Ludwig Stengele, ja Stengele …

 

Hölleisen machte sich wieder an die Arbeit. Er musste endlich die Identität des verstorbenen Bistrobesuchers herausfinden. Er griff zum Telefon und rief ein paar Einheimische an. Er beschrieb ihnen das Aussehen des gutgekleideten Toten. Eine genaue Beschreibung, das hatte er von Jennerwein gelernt, funktionierte weniger durch einzelne Merkmale als mehr durch ein treffendes Vergleichsbild. Also nicht: hohe Wangenknochen, Triefaugen und Doppelkinn, sondern: Er schaut aus wie ein Seemann. Wie Popeye. Oder Jack Sparrow. Oder Käpt’n Iglo.

»Ein Seemann?«, hakte der Schmid Toni ein, als Hölleisen den Fremden so geschildert hatte. »Ein älterer Mann, dem man ansieht, dass er viel an der Sonne war und oft aufs Meer hinausgeschaut hat? Das klingt ganz nach dem Leon Schwalb. Käpt’n Iglo ohne Rauschebart.«

»Ein Einheimischer?«

»Ein Zugezogener. Der wohnt draußen am Sonnenhang. Recht nobel, verstehst. Pensionär, hat Kohle ohne Ende, das sieht man gleich. Warum, was ist mit dem?«

»Er ist tot.«

»Das habe ich mir schon gedacht. Wenn du anrufst, Hölli, dann ist gern einer tot.«

»Kennst du ihn näher?«

»Nein, ich nicht, aber die Prenn Elisabeth kennt ihn besser, die wohnt in seiner Nähe.«

Hölleisen fragte die Prenn Elisabeth, die verwies auf den Dufter Schorschl, der auf das Ehepaar Kasparek und so weiter. Er erfuhr einiges über den Mann namens Leon Schwalb. Er war Ober in verschiedenen Gaststätten gewesen, dann hatte er wegen Rückenbeschwerden damit aufhören müssen. Er bekam eine karge Rente, hatte aber komischerweise ein schmuckes Häuschen mit Garten im Ort. Fast eine Villa. Er schien komfortabel gelebt zu haben, trat aber nie protzig auf. Keine besonders engen Kontakte im Ort, keine Verwandten. Aber wovon hatte er bei dieser kargen Rente gelebt? Hölleisen forschte in der polizeilichen Datenbank nach. Keine Vorstrafen, keine besonderen Einträge. Vor zehn Jahren in den Ort gezogen. Hölleisen wählte die Nummer des Bekleidungsfachmannes Perschl.

»Was ist denn jetzt schon wieder? Ich habe alles gesagt.«

»Eine Frage noch, Perschi.«

»Dann frag schnell, Hölli. Ich habe gerade einen Kunden, dem ich eine vollständige Tracht verkaufe. Lederhose, original Pfoad-Hemd, Gamshut mit Feder, bestickte Hosenträger, Haferlschuhe, Pfosen, und und und.«

»Das klingt nach einem Chinesen.«

»Nein, du wirst es nicht glauben, aber es ist ein Einheimischer.«

»Was! Da bin ich aber jetzt gespannt, wer das ist!«

»Geheim, Hölli, streng geheim. Also, was willst du wissen?«

»Es geht um die Kleidung des Toten. Würdest du die als geschmackvoll bezeichnen? Oder eher protzig?«

»Meine Meinung: Der wollte nicht auffallen. Es sollte schon was Besseres sein, aber man sollte es nicht auf den ersten Blick sehen. So einer war das.«

»Kein Neureicher?«

»Auf keinen Fall. Sei mir nicht böse, aber jetzt muss ich wieder zu meinem einheimischen Trachtler.«

 

Hölleisen legte auf. Dann hörte er draußen Schritte. Langsame, bedächtige Schritte. Der Mann, der jetzt zur Tür hereinkam, zauberte ein breites Lachen auf Polizeiobermeister Hölleisens Gesicht. Der Mann, der langsam die Tür schloss, war zwar der, den es am schlimmsten von Jennerweins Team erwischt hatte, aber er lebte. Er bewegte sich mühsam und ruckartig, eine Spätfolge der schweren Erfrierungen. Eine Hand war nicht mehr zu retten gewesen, er trug eine Prothese.

»Es ist schon grotesk«, sagte Ludwig Stengele. »Da wollte uns der Kerl mit dem Brain-Computer-Interface in die Luft sprengen, und jetzt funktioniert meine Hand mit genau diesem neumodischen Zeugs.«

Er hob den ramponierten Arm und bildete mit den künstlichen Fingern das V-Zeichen.

»Es freut mich, dass es Ihnen wieder bessergeht, Stengele«, sagte Hölleisen schmunzelnd.

Beide dachten daran, wie knapp Stengele an der Katastrophe vorbeigeschrammt war. Damals, vor acht Monaten …

6

Es war Johann Ostler gewesen, der ehemalige Polizeihauptmeister und jetzige Primo Capitano des Vatikanischen Geheimdienstes, der Ludwig Stengele vergangenen Winter, beim letzten Fall, das Leben gerettet hatte. Ostler hatte vorgehabt, das Team Jennerwein um Mitternacht mit seinem Besuch zu überraschen, er hatte einen langen Fußmarsch hinter sich, war auch schon in Sichtweite von Jennerweins Hütte, wo alle beim Feiern zusammensaßen. Dann jedoch hatte er sich anders besonnen und wieder kehrtgemacht, weil er die brennende Hütte für ein lustig loderndes Anastasiafeuer und die Explosionen für ein historisches Feuerwerk hielt. Da waren doch sicher auch Zivilisten dabei. Er hatte es nicht für gut gehalten, sich jemand anderem als den Mitgliedern seines früheren Teams zu zeigen, so war er wieder umgekehrt. Doch nach wenigen hundert Metern durch den verschneiten Wald war er stehen geblieben. Das feste Gefühl, dass dort droben etwas nicht stimmte, hatte sich in ihm verstärkt.

 

Ostler zurrte seinen Rucksack fest und drehte um. Zielsicher durchquerte er das Tal, durch das ein vereister Bach floss, und langsam kam er der glatten, quadratischen Felswand näher. Oben an der Felskante konnte er deutlich ein loderndes, mehrfarbiges Feuer sehen, doch keinerlei Juchzer und Freudenschreie erklangen, und das schien Ostler sehr seltsam bei einem historischen Anastasiafeuer. Wenn der Schützenverein den Jahrestag der Sendlinger Mordweihnacht vom 25. Dezember 1705