American Hero - Morton Rhue - E-Book

American Hero E-Book

Morton Rhue

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Beschreibung

Die Realität des Krieges aus der Sicht eines jungen Soldaten - erschütternd und authentisch! Das neue Buch von Bestseller-Autor Morton Rhue ("Die Welle"): Schon als Kind hat Jake davon geträumt, zur Armee zu gehen. Wie viele Jugendliche in den USA wird er bereits in der Schule auf eine Soldatenlaufbahn vorbereitet. Bei seinem ersten Kriegseinsatz mit achtzehn wird er schwer verwundet und kehrt als gefeierter Held zurück in die Heimat. Doch auch wenn die äußerlichen Wunden schnell verheilen – die schrecklichen Bilder lassen Jake einfach nicht mehr los. Aber davon will hier niemand etwas hören. Was ist nur aus seinem Traum geworden? 

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Todd Strasser: American Hero

Schon als Kind hat Jake davon geträumt, zur Armee zu gehen. Wie viele Jugendliche in den USA wird er bereits in der Schule auf eine Soldatenlaufbahn vorbereitet. Bei seinem ersten Kriegseinsatz wird er schwer verwundet und kehrt als gefeierter Held zurück in die Heimat. Doch auch wenn die äußerlichen Wunden schnell verheilen – die schrecklichen Bilder lassen Jake einfach nicht mehr los. Aber davon will hier niemand etwas hören. Was ist nur aus seinem Traum geworden?

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  Zusatzmaterial (englische Essays vom Autor)

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  Leseprobe

 

Für alle jungen Männer und Frauen,die in den Krieg geschickt werden.

 

»Ich habe den Krieg satt ... Nur wer nie einen Schussabgefeuert oder die Schreie und das Stöhnen derVerwundeten gehört hat, schreit nach Blut, nach Rache,nach Verwüstung. Krieg ist die Hölle.«

WILLIAM SHERMAN (1820–1891)

Al Jahim

Du wirst zum Soldaten ausgebildet, nicht zum Helden. Aber manchmal kommt es eben doch anders.

Um dich herum ist nichts als Lärm. Unfassbar laut. So laut, dass es wehtut. Als würden zwei Mülleimerdeckel aus Metall auf deinem Kopf zusammengeschlagen. So laut, dass du denkst, dein Trommelfell platzt jede Sekunde. Falls du Zeit hast, überhaupt noch etwas zu denken. Hast du aber nicht.

Gerade eben noch bist du in einem Humvee durch die Gegend gefahren. Jetzt liegt das Fahrzeug fünfzehn Meter von der Straße entfernt auf dem Dach. Schweres Geschützfeuer, Schreie, Rufe, Explosionen, dazu das schrille Pfeifen in den Ohren. Metallgeschosse, die mit klirrendem Pling vom Humvee abprallen. Die dumpfen Einschläge der Patronen im Panzerglas. Du hängst kopfüber im Wagen, gehalten vom Sicherheitsgurt. Fühlst einen brennenden Schmerz an einem halben Dutzend Stellen, verteilt über den ganzen Körper. Du siehst nur ein verschwommenes Rot. Das Dröhnen einer Sprengfalle wummert in deinem Kopf. Etwas Warmes läuft dir über die Wange ins rechte Auge hinein.

Jemand in der Nähe schreit. »Scheiße! Mich hat’s erwischt!« Ein Stück weiter weg brüllt jemand anderes: »Wo ist der Schütze? Findet den verdammten Schützen!«

Die Schießerei geht weiter. Hundertfach wird um dich herum geballert. Schüsse aus zahllosen Waffen. Dir wird klar, dass es den Schützen nicht gibt. Es sind Dutzende.

BUMM! Der Humvee wird von der Explosion einer Panzerfaust erschüttert.

»Ahhh! Ahhhh!« Wieder Schmerzensschreie.

Wo sind deine Kameraden?

- - - - -

Meine Schutzbrille ist weg. Jetzt sind meine Augen den Granatsplittern und dem Dreck restlos ausgeliefert. Das verschwommene Rot ist Blut. Es kommt von einem Splitter, der sich unter meinem Kinnschutz in die Haut gebohrt hat. Wie er da hingekommen ist, werde ich nie erfahren. Es ist einer von vielleicht einem Dutzend Granatsplittern, den die Militärärzte irgendwann aus meinem Körper holen werden.

Aber im Moment spüre ich nur einen diffusen brennenden Schmerz. Im Moment sind da vor allem das Adrenalin, der Schock, die Schreie und die Explosionen. Zeit, das Überschlagtraining anzuwenden. Orientieren, drei Kontaktpunkte bilden, sich bereit machen und den Gurt lösen. Aussteigen. Ich rüttele mit dem Handschuh am Griff, aber die verdammte Tür will nicht aufgehen. Moment, mein Kopf ist näher am Boden als die Füße. In dieser Position drückt man den Griff nicht runter. Man zieht ihn hoch.

Kurz darauf rolle ich hinaus in die Hitze, ins Sonnenlicht, ins Chaos. Feuer aus Maschinengewehren und Handwaffen gellt mir in den Ohren. Überschallschnelle Bleibienen sausen vorbei. Aber das Feuergefecht ist ein gutes Zeichen. Von unserer Seite wird zurückgeschossen. Die heiße Luft stinkt nach Benzin und Schwefel. Eine Salve Kugeln reißt den Boden auf und bläst mir Sandkörner ins Gesicht, die sich mit dem Blut in meinen Augen vermischen. Ich bin in der Todeszone, offenbar sind wir in einen sogenannten »fernen« Hinterhalt geraten, außerhalb der Reichweite von Handgranaten. Woher ich weiß, dass es kein »naher« Hinterhalt ist? Ganz einfach. Weil ich dann schon mausetot wäre.

Wieder sausen Bleibienen vorbei. Ich kann förmlich spüren, wie sie direkt neben meinem Kopf die Luft durchschneiden. Ich lege mich auf den Bauch und stopfe mir ein Stück Mullbinde unters Kinn. Au! Verdammt, das tut weh, aber wenigstens stillt es die Blutung. Ich blinzele das restliche Blut aus dem Auge und versuche herauszufinden, von wo das feindliche Feuer kommt. Ich sehe mich nach Deckung um. Wo sind meine Leute? Skitballs, Magnet, Clay? Mir fällt ein, dass ich mich auf vermintem Gelände befinde. Ich kann nicht lange so ungeschützt liegen bleiben, ohne getroffen zu werden. Aber wo sind die Landminen, wohin darf ich mich bewegen?

Diese Gedanken schießen mir innerhalb von ein paar Sekunden durch den Kopf.

»Ahhhh! Ahhhh! Mich hat’s erwischt! Jake! Mich hat’s erwischt!« Das ist Skitballs. Er ist irgendwo rechts von mir, von wo auch ein Großteil der Schüsse kommt.

Ich muss zu ihm.

JAKE

Die Propellermaschine setzt auf. Durch das Fenster sehe ich die Menschenmenge. Sie jubeln und schwenken amerikanische Fahnen, kleine und große. Auf ein Bettlaken hat jemand in roten Großbuchstaben geschrieben: »Willkommen zu Hause, Jake! Unser Held!«

An einem Besenstiel klebt ein Stück Pappe. »Danke für deinen Dienst an unserem Land.«

Da draußen warten um die zweihundert Leute.

Mein Herz klopft. Ich hatte wochenlang Zeit, mich auf diesen Moment vorzubereiten. Wochen, in denen ich mir überlegen konnte, was ich sage und wann ich es sage. Okay, anscheinend bin ich ein Held. Seit dem Hinterhalt hat man mir das jedenfalls tausendmal erzählt. Nur dass ich mich nicht wie ein Held fühle. In der Situation, in der es passiert, weißt du nicht, dass du mutig bist. Du tust nur das, was man dir beigebracht hat. Was dein Instinkt dir sagt.

Du tust es, obwohl du weißt, dass du mit großer Wahrscheinlichkeit dabei draufgehen wirst. Du tust es, weil du musst ... falls du danach, wenn alles vorbei ist, noch in den Spiegel schauen willst.

Jetzt rollen wir auf das Terminal zu, und ich erkenne einzelne Gesichter – Dad, Lori, Aurora und der General stehen ganz vorne. Während der letzten sechs Monate habe ich zigmal mit ihnen geskypt, aber jetzt, wo ich sie so direkt vor mir sehe, schmerzt mir das Herz. Ich habe sie vermisst. Es ist ein gutes Gefühl, zu Hause zu sein ...

Die Menge sieht mich hinter dem Fenster. Sie winken, wedeln mit ihren Flaggen, rufen Wörter, die ich durch die Scheibe nicht hören kann. Mein Körper ist angespannt. In erhöhter Alarmbereitschaft. Meine Hände wollen nicht gehorchen, als ich versuche, den Anschnallgurt zu lösen. Hier im Flugzeug bin ich sicher. Ich bin geschützt ... und allein.

Komm schon, Jake, sage ich mir. Niemand will dir was.

Kann doch nicht so schwer sein, oder? Du gehst einfach raus und begrüßt deine Familie, deine Freunde und ein paar Hundert Fans, die dich bewundern. Stattdessen fühlt sich das so stressig an, als würde man im Humvee an der Spitze der Kolonne fahren. Sosehr ich mich darauf gefreut habe, meine Familie zu sehen, so sehr hat mir auch in den letzten Wochen vor diesem Moment gegraut.

Deine Zeit wird knapp ...

»Jake?«

Ich blicke in das Gesicht des Piloten. Er ist aus dem Cockpit gekommen und lehnt jetzt am Sitz vor mir. Er ist älter als ich, hat rötliche Haut und einen Schnurrbart. Unter seiner Pilotenmütze ragen graue Koteletten hervor. Er hat so ein freundlich eingefrorenes Lächeln, wie jemand, der versucht, seine Besorgnis zu verbergen. »Sie warten.«

»Ja, Sir.« Ich schnalle mich ab. Manchmal bringt einen ausgerechnet die Militärausbildung dazu, Dinge zu tun, von denen man nicht sicher war, ob man dazu in der Lage ist. Mein linkes Bein ragt in den Gang, es steckt von der Leiste bis zum Fuß in Gips. Ich greife mit der einen Hand nach einer Krücke und mit der anderen nach der Nackenlehne vor mir.

»Brauchen Sie Hilfe?«, fragt der Pilot.

»Nein, Sir. Danke, Sir.« Ich ziehe mich hoch und bringe die Krücken in Stellung. Gehe mit eingezogenem Kopf durch den schmalen Gang und trete aus der Tür. Die Menge jubelt und schwenkt Banner und Fahnen. Fehlt nur noch die Blaskapelle. Die Sonne scheint mir direkt ins Gesicht, zum Glück trage ich eine Sonnenbrille. Für Anfang Juni kommt es mir ziemlich warm vor. Der Geruch von Heckenkirschen weckt in mir Erinnerungen an unbeschwerte Tage, als ich an Swimmingpools abhing und mit hübschen Mädchen flirtete.

Wenn ich nur so unbekümmert sein könnte wie damals.

Ich steige die Gangway hinunter. Im Militärkrankenhaus im deutschen Landstuhl haben sie mir beigebracht, wie ich da mit Krücken runterkomme, ohne auf die Nase zu fallen. Die Propeller haben aufgehört, sich zu drehen, und die jubelnde Menge drängt nach vorn. Ein Anblick, bei dem sich alles in mir versteift, ich bin sofort wieder in Alarmbereitschaft. Du kannst dir sagen, dass das hier deine Familie und deine Freunde sind, dass du in Amerika bist und nicht irgendwo in einem fremden Land, wo Krieg herrscht und überall Heckenschützen und Selbstmordattentäter lauern. Aber deine Ausbildung und deine Erfahrung kannst du nicht einfach ausschalten. Mein Blick schweift automatisch hin und her, auf der Suche nach dem verräterischen Funkeln einer Waffe, der unnatürlichen Wölbung eines Sprengstoffgürtels unter einem Hemd.

Mein Herz rast. Kann sein, dass mein Körper heimgekehrt ist, der Verstand ist jedenfalls noch auf Krieg gepolt.

Meine Familie wartet unten an der Gangway. Lori und Aurora haben Tränen in den Augen. Sie umarmen und küssen mich. Der Geruch ihrer Parfüms vermischt sich in meiner Nase. Ich fühle mich sicher bei ihnen. Sie versuchen, nicht auf die auffällige Narbe an meinem Kinn zu starren. Sie haben sie zwar schon auf Skype gesehen, aber das hier ist live.

Dad zieht mich zu sich ran, er scheint mit den Tränen zu kämpfen. Der General begrüßt mich mit einem schraubstockartigen Händedruck und klopft mir auf die Schulter. »Glückwunsch, mein Junge. Wir sind stolz auf dich. Du machst unserer Familie enorme Ehre.«

Aurora hat den Arm um meine Hüfte gelegt und schmiegt sich an mich. Ihr hellbraunes Haar duftet herrlich. Ich bin so froh, sie zu sehen, so voller Dankbarkeit, dass sie auf mich gewartet hat. Bei vielen anderen haben die Freundinnen das nicht getan. Sie hat mir Briefe geschrieben und Süßigkeiten geschickt und USB-Sticks mit Filmen drauf. Und sie war fast immer da, wenn ich mit ihr skypen wollte. Was ich durchgemacht habe, war schlimm, aber ohne sie wäre es noch viel schlimmer gewesen.

- - - - -

Das ist der letzte Stopp auf meiner »Heldentour«. Mein rechter Arm tut schon weh von all den Händen, die ich in der vergangenen Woche schütteln musste. Ich habe gelernt, die linke Hand eng am Körper zu halten und eine lockere Faust zu machen. Auf diese Weise fällt die Verletzung nicht so auf. Aber meine Schwester Lori weiß Bescheid und greift nach meinem Arm.

»Nicht jetzt«, flüstere ich.

Die Leute drängen nach. Mein Körper verkrampft sich. Ich schlucke seit Wochen Medikamente gegen die Angst. Aber selbst mit den Pillen bin ich immer noch extrem nervös. Hier sind viel zu viele Menschen – Freunde der Familie, Nachbarn, unbekannte Gratulanten, die Crew von einem lokalen Fernsehsender.

Bisher hatte ich auf meiner Heldentour immer einen Betreuer, der die Menge in Schach hielt. Heute nicht. Es ist zu laut, zu chaotisch. Sie wollen, dass ich zum Abendessen vorbeikomme. Sie wollen, dass ich ein Interview gebe. Sie gratulieren mir zu meinem Heldenmut und danken mir für meinen Einsatz. Ich habe keinen Überblick, wer mich berührt, mich tätschelt, nach mir greift. Es gibt keine Ordnung, ich habe keinen Platz, keinen Raum zum Atmen.

Aurora schiebt sich zwischen mich und die anderen. Bestimmt spürt sie meine Anspannung, so fest, wie ich ihre Hüfte umklammere. Sie zieht an Dads Ärmel, stellt sich auf die Zehenspitzen und flüstert ihm etwas ins Ohr.

Dads Stirn legt sich in Falten, er wirft mir einen kurzen Blick zu, bevor er sich an das Publikum wendet. »Okay, Leute, danke, dass ihr da seid. Jake freut sich sehr über euren fabelhaften Empfang. Aber lasst ihm etwas Zeit, ja? Es war eine lange Reise und er ist müde. Er ist noch die ganze Woche da, und ich bin sicher, er wird sich um jeden von euch kümmern, aber jetzt muss er erst mal ...«

»Moment mal!«, unterbricht ihn der General schroff. »Diese Leute haben alle ihre Zeit geopfert, um herzukommen und hier draußen in der Hitze zu stehen. Das Mindeste, was sie verdienen, sind ein paar Worte unseres Helden.«

Verdammt!

- - - - -

Was ist ein Held? Ich würde sagen, so ungefähr jeder, der bei der Armee gedient hat. Wahrscheinlich jeder, der im Krieg war. Auf jeden Fall jeder, der mehr als einen Tag in einem vorgelagerten Militärstützpunkt verbracht hat und jedes Mal zum Bunker laufen musste, wenn die Alarmsirene heulte und jemand »Deckung!« brüllte.

»Ahhhhhhhhhhhh!« Im staubigen Halbdunkel umklammerte mein Kumpel Skitballs seine Knie und stieß einen Schrei aus, der uns allen durch Mark und Bein ging. Beim ersten Sirenengeheul waren wir alle sofort in den Bunker gesprungen. Skitballs – Jayden Skinner, dunkelhäutig, lang und dünn – kam als Letzter. Kaum war er drin, warf die erste Raketenexplosion die Panzertür hinter ihm zu. Eine Sekunde später, und er wäre wahrscheinlich in Stücke gerissen worden.

»Alles okay, Skits?«, fragte Morpiss.

Der Schwall von Flüchen, den Skitballs daraufhin ausstieß, war irgendwie beruhigend. Das klang schon eher nach unserem Kameraden, dem Typen, der in die Armee eingetreten war, um von der Anwerbprämie die Kreditkartenschulden seiner Freundin zu bezahlen. Wir warteten, während er tief Luft holte und dabei die Fäuste schloss und öffnete, bis er sich etwas beruhigt hatte. »Verdammt noch mal!«, stöhnte er. »Was für eine Psychoscheiße ist das hier? Tag und Nacht unter Raketenbeschuss. Ich kann nicht mehr schlafen. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Bin ich hier der Einzige, der durchdreht?«

Wir waren alle am Durchdrehen. Skitballs sprach es nur als Erster laut aus.

»Geh zum Doc. Der gibt dir was«, erklang eine Stimme von weiter hinten aus dem Bunker. Ein grauhaariger, sonnengegerbter Mann mit den Streifen eines Korporals. Für einen Unteroffizier sah er zu alt aus. Aber im Krieg alterte man angeblich zehnmal so schnell.

»Und was genau soll das sein?«, erkundigte sich Skitballs.

Er sollte es bald erfahren. So wie wir alle.

- - - - -

Generalmajor a.D. Windborne (Windy) Granger ist mein Großvater, der Vater meiner Mutter und ein berühmter Kriegsheld. Bei uns nennen ihn alle nur den General, und er erwartet immer noch, dass jeder seine Befehle befolgt. Was die meisten auch tun.

Die Menge hat sich beruhigt und steht erwartungsvoll in der heißen Sonne. Mit das Dümmste, was ich je gelesen habe, war, dass manche Leute das Sprechen in der Öffentlichkeit mehr fürchten als den Tod. Wer das glaubt, hat noch nicht erlebt, wie ein Bleigeschoss mit 2700 km/h auf ihn zugerast kommt. Frag einen Soldaten, ob er lieber vor hunderttausend Leuten die fünf peinlichsten Dinge aus seinem Leben erzählt oder in einem Humvee über eine Sprengfalle mit 40 Kilo Kaliumchlorat rollt. Ich garantiere euch, er hätte ihnen liebend gern offenbart, wie seine Schwester damals ins Bad kam, als er sich gerade einen von der Palme wedelte.

Also tue ich, was der General von mir verlangt. »Danke, dass ihr gekommen seid. Ich fühle mich geehrt, dass ihr euch extra die Zeit genommen habt. Vielleicht habt ihr mich im Fernsehen oder im Internet gesehen, wie ich sagte, dass ich sehr stolz sei, aus Franklin zu kommen, wo die Menschen ein großes Herz und klare Werte haben. Es tut gut, zu Hause zu sein.«

Die Menge jubelt, bis der General die Hand hebt und sie zum Schweigen bringt, damit auch er sich bei ihnen bedanken kann (und sie daran erinnern, dass der Held sein Enkel ist). Dann ist es vorbei. Dad fasst mich am Arm und führt mich zum großen schwarzen Mercedes des Generals. Es gibt in Franklin nicht viele Leute, die mit ihrem Wagen auf die Landebahn fahren dürfen. Mein Großvater ist einer von ihnen.

Bevor wir einsteigen, baut sich Sam Washington vor mir auf. Er trägt die Uniform des Junior-Reserveoffizier-Training-Corps samt Lametta und allem. Er ist ein verdienter Golfkriegsveteran und war mein JROTC-Ausbilder an der Highschool. Um die fünfzig Jahre alt und immer noch top in Form. Er schlingt seine kräftigen Arme um mich und meine Krücken und flüstert mit den Lippen dicht an meinem Ohr: »Alles okay, Junge?«

Am liebsten hätte ich gesagt, er soll sich zum Teufel scheren.

Stattdessen sage ich: »Jawohl, Sir.«

Mr Washington entlässt mich aus seiner Umarmung, hält mich aber an den Schultern gepackt. »Und morgen kommst du im Unterricht vorbei«, sagt er laut genug, damit die Umstehenden es hören. »Die brennen alle darauf, deine Geschichte zu hören.«

Welche Geschichte soll ich ihnen erzählen?

Er lässt von mir ab, aber hinter ihm steht noch jemand. Sie trägt ein ausgeleiertes graues T-Shirt und abgeschnittene Jeans und hat ihr Haar zu einem losen Knoten von Dreadlocks zusammengebunden, die wie Tintenfischtentakel auseinanderstehen. »Hi, ich bin Brandi«, sagt sie mit einem strahlenden Lächeln. Ihre haselnussbrauen Augen durchbohren mich. »Ich hab dir gemailt, aber du hast nicht geantwortet. Wahrscheinlich kriegst du ziemlich viele Mails.«

Der General gibt sich keine Mühe, seinen Missmut zu verbergen. Ist er pikiert, weil sie so leger (in seinen Augen: respektlos) gekleidet ist? Oder hat es noch einen einfacheren und schlimmeren Grund: dass sie die »falsche« Hautfarbe hat?

»Ich bin von der Franklin High Frontier«, fährt Brandi unbeirrt fort. »Ich weiß, du gibst schon tausend Interviews, aber es wäre echt toll, wenn wir eins für deine ehemalige Highschool machen könnten.«

»Tut mir leid, Miss«, brummt der General. »Jake hat eine lange Reise hinter sich. Jetzt ist nicht der ...«

»Oh, ich meine nicht jetzt.« Als sie ihm ins Wort fällt, verengen sich die Augen meines Großvaters und er beißt die Zähne zusammen. Den General unterbricht man nicht. Lustigerweise habe ich das Gefühl, dass sie das weiß. Oder es zumindest spürt. Auf jeden Fall hat sie es getan.

»Vielleicht morgen?«, fragt Brandi. »In der Schule? Ich weiß, dass du vor der JROTC-Klasse sprichst.«

»Gern«, antworte ich.

Der Fahrer hält dem General die Tür des Mercedes auf. Ein Wagen mit Chauffeur gehört zu den Privilegien, die einige Generäle im Ruhestand genießen. Ich gebe Aurora einen Kuss und sage, dass wir uns später sehen, dann steige ich ein. Mit meinem Gips muss ich vorne sitzen. Lori, Dad und der General nehmen hinten Platz.

Als der Mercedes anfährt, rutschen meine Hände automatisch in Richtung Brust, bevor es mir bewusst wird und ich sie in den Schoß lege. Das nennt man Muskelgedächtnis. Als ich das erste Mal mit Brad in einem Humvee fuhr, meinte er, ich solle die Hände in der Schutzpanzerung lassen. Also schob ich sie durch die Armlöcher auf die Brustmuskeln. So saß ich eine Weile da, bis die Hände irgendwann heiß wurden, außerdem fühlte es sich sowieso komisch an. Als ich sie rauszog, warf Brad mir einen missbilligenden Blick zu.

Ein paar Wochen später rammte ein Selbstmordattentäter in einem alten Auto voll mit Sprengstoff einen Humvee direkt vor dem Stützpunkt und jagte die Jungs darin in die Luft. Meine Einheit, die Romeo Squad, hatte an dem Tag Wachdienst, und Brad teilte uns für das Einsammeln von Verwundeten ein. Sein Blick glitt an mir vorbei, hielt dann inne und kehrte zu mir zurück, als wäre ihm gerade etwas eingefallen. »Vor allem Sie, Private Liddell. Gehen Sie raus und sammeln Sie die Einzelteile ein. Und zwar alle.«

Er meinte nicht die Teile des Humvees.

Es war so ziemlich das Schlimmste, was ich je gemacht habe.

Eine der vielen Aufgaben, die man in keinem Armee-Werbefilm zu sehen bekommt. Morpiss und ich mussten uns beide übergeben. Ein paar andere weigerten sich von Anfang an. Und natürlich, als hätte Brad es gewusst, fand ich eine Hand.

Und jetzt hier im Mercedes will Lori meine Hand sehen, die zum Glück noch Teil meines Körpers ist.

Ich lege den linken Arm über den Sitz. An meiner Hand fehlen der kleine Finger und das Endglied vom Ringfinger. Ich höre ein lautes Schniefen. Lori fängt an zu weinen. Als ich mich umdrehe, begegne ich Dads Blick. Ich frage mich, ob er dasselbe denkt wie ich. Einen Finger zu verlieren ist nichts, verglichen mit dem, was andere verloren haben. Ich gäbe meinen linken Arm her, wenn Morpiss dafür die Hälfte von dem, was er geopfert hat, zurückbekäme.

Und Skitballs.

Und Clay.

Wofür?

»Alles okay bei dir?«, fragt Dad.

»Natürlich ist alles okay«, sagt der General. »Der Junge ist verdammt noch mal ein Kriegsheld.«

DER GENERAL

Der General war Unteroffizier in Vietnam. Seine Einheit geriet im Dschungel in einen Hinterhalt, bei dem der Gruppenführer getötet wurde. Mein Großvater übernahm das Kommando, teilte die Gruppe auf und suchte unter Feuerschutz mit der einen Hälfte nach Verstärkung. Es war ein erbittertes Gefecht, teilweise Mann gegen Mann. Obwohl er an der Schulter und am rechten Arm verwundet wurde, gab mein Großvater nicht auf. Nachdem die Einheit auf Verstärkung getroffen und aus dem Rückzug in den Angriff übergegangen war, kämpfte er weiter und verzichtete auf jede medizinische Behandlung.

Man verlieh ihm den Bronze Star. Ich frage mich, ob er sich damals genauso seltsam gefühlt hat wie ich jetzt. Obwohl, Quatsch. Mein Großvater war schon immer überzeugter Soldat.

Wahrscheinlich ging es mir auch mal so. Jetzt nicht mehr.

Bei der Armee sind sie noch am Überlegen, welche Art von Tapferkeitsmedaille ich bekommen soll. Angeblich ist der Silver Star im Gespräch. Eins höher als der Bronze Star. Eine Stufe über dem General. Kann ich das ablehnen?

- - - - -

Auf dem Nachhauseweg vom Flughafen begrüßen mich die Schilder vor den Fastfood-Läden, vor der Autowaschanlage und der Grundschule: »Willkommen zu Hause, Jake Liddell, unser Held.«

In der Auffahrt vor unserem Haus funkelt ein silbergrauer Jeep Wrangler in der Sonne. Mir ist nicht bekannt, dass Dad oder Lori sich ein neues Auto gekauft hätten. Das Garagentor steht offen, drinnen stehen Dads Cherokee und Loris Honda.

Der Mercedes parkt hinter dem Jeep. Niemand steigt aus.

Ich spüre, wie mir jemand vom Rücksitz eine Hand auf die Schulter legt. »Den hast du dir verdient, Junge«, sagt der General.

Meint er das ernst?

Wir klettern aus dem Wagen. Der Jeep riecht, als käme er direkt aus dem Autohaus. Ich bin überwältigt. Schon als Lori und ich noch klein waren, hat Dad klargestellt, dass wir keine Familie sind, in der die Kinder alles kriegen, was sie haben wollen. Ein paar von den Nachbarkids bekamen Autos, kaum dass sie fahren durften. Wir kriegten Tipps, wo wir von unserem Ersparten einen guten Gebrauchtwagen kaufen konnten.

»Das wäre nicht nötig gewesen, Sir«, sage ich zum General. Normalerweise würde ich ihn jetzt umarmen, aber das hasst er fast genauso, wie wenn man ihn Opa nennt. Also lasse ich wieder seinen schmerzhaften Händedruck über mich ergehen.

»Du hast es verdient«, wiederholt er. »Du bist jetzt ein echter Soldat.«

Es ist kein Zufall, dass er das vor meinem Vater sagt, der seine militärische Laufbahn als sogenannter PowerPoint Ranger verbracht hat, obwohl er ganz andere Pläne hatte. Dad ist Oberstleutnant auf dem Stützpunkt hier in Franklin, und der General verpasst keine Gelegenheit, ihn daran zu erinnern, dass er nur ein Bürohengst ist. Er war nie im Krieg, hat nie eine Schlacht erlebt, so wie »echte« Soldaten.

Der General sieht auf die Uhr. »Jetzt hast du erst mal Fronturlaub, Junge.« Er marschiert zurück zu seinem Mercedes, wo ihm der Fahrer die Tür aufhält. Und dann ist er weg.

Dad, Lori und ich stehen in der Auffahrt neben dem neuen Wagen. Der völlig unnötig ist ... und wenn ich den Mumm aufbringen würde zu tun, was ich glaube tun zu müssen, dann wäre ich nicht der Einzige, der das so sieht. Ich hoffe nur, der General hat die Quittung noch.

Ich sehe zu Lori rüber. Sie ist zwei Jahre älter als ich. Bei uns gab es immer diese Bruder-Schwester-Konkurrenz, wer was bekommt. Aber als sich unsere Blicke jetzt begegnen, ist da keine Spur von Missgunst.

»Du hast es wirklich verdient«, sagt sie.

Ich muss kurz weggucken. Als ich wieder hochschaue, runzelt sie die Stirn, als spürte sie, dass etwas nicht stimmt.

»Okay«, sagt Dad. »Dann lasst uns mal reingehen.«

Blue begrüßt mich mit einem zaghaften Schnuppern an der Tür. Ich streichle ihm über den Kopf, und er wedelt ein bisschen mit dem Schwanz, aber nicht so, als wenn er mich erkannt hätte.

»Er ist schon so alt.« Lori will nicht, dass ich traurig bin. »Er schläft fast nur noch.«

Blue ist ganz grau um die Schnauze, und er hat Geschwülste unterm Fell, wie Hunde sie manchmal kriegen, wenn sie alt werden. Er hört auf zu schnuppern und trottet steif davon. Es versetzt mir einen Stich. Nicht, weil er so alt geworden ist. Sondern weil mich sein Anblick an noch etwas erinnert, das sie einem in den Werbefilmen der Armee nicht zeigen – dass wir da drüben die Anweisung hatten, Blues Artgenossen sofort zu erschießen.

Überall liefen wilde Hunde in Rudeln herum. Knochige, räudige, schlimm aussehende Viecher. Und da wir nicht nur den Feind bekämpfen, sondern auch das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen sollten, hatten wir Befehl, sie zu töten.

Warum? Aus Respekt. Um den Leuten zu zeigen, dass wir für sie da waren.