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Ein Coming-of-Age-Roman über Wut, Sprachlosigkeit, Machtmissbrauch - und den Moment, in dem alles kippt. H.C. Nachtnebel ist sechzehn, ein Mathegenie, ein Basketball-Ass - und nach einem Verlust tief traumatisiert. Zwischen Leistungsdruck und Identitätssuche, Nähe und Rückzug, depressiven Episoden und Hochstimmung, versucht er, seinen Platz zu finden. Als Keira auftaucht - unangepasst, direkt, faszinierend - fühlt sich H.C. zum ersten Mal gesehen und geliebt, aber anders als von seinen Eltern. Doch was wie Rettung aussieht, wird schnell zum weiteren Riss im fragilen Gefüge seiner Welt. Von allen im Stich gelassen, gibt es für ihn nur noch einen Ausweg. AMOKALARM ist das Psychogramm eines Jugendlichen am Rand des Zusammenbruchs - eine eindringliche Erzählung über Traumatisierung, überforderte Erwartungen und einen Gewaltausbruch, der sich lange angebahnt hat. Ein radikales Coming-of-Age über das Bedürfnis, gehört zu werden - und was passiert, wenn niemand mehr zuhört und Vertrauen missbraucht wird.
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Seitenzahl: 331
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Foto: Wolfgang Sohn (insta: wolf_sohn)
In Heidelberg geboren, ist die Schulzeit des Autors geprägt durch Studentendemos gegen Numerus Clausus, Vietnamkrieg und Notstandsgesetze, an denen er aktiv teilnimmt, um sich gegen Intoleranz und staatliche Willkür aufzulehnen. Er beschließt, Lehramt zu studieren, um es als Pädagoge besser zu machen als die meisten seiner Lehrer. Da ihm das oft nicht gelingt, geht er wieder an die Uni Heidelberg. Nach einem Zusatzstudium in Psychologie wird er Ausbildungslehrer und betreut und berät neben seiner Lehrertätigkeit in den Fächern Englisch, Sport und Psychologie zukünftige Lehrer. Zudem bildet er Schülerinnen zu Mediatorinnen aus und gründet und betreut TEMPUS, Deutschlands beste Schülerzeitung.
Neben seiner beruflichen Tätigkeit als Pädagoge ist er auch als Künstler mäßig erfolgreich. 1996 bekommt er unter dem Pseudonym TAKE BLACK einen Plattenvertrag mit EMI und hat in Folge mit „There you are“ und „Jurassic Park“ zwei kleine Radiohits. 2009 erscheint sein von der Kritik und IQÜ130-Lesern gefeierter gesellschaftskritischer Roman „Gassi ohne Hund“. Der satirische Roman „Kafka kannste knicken. Bildung war gestern – heute ist TikTok“ avanciert schon kurz nach der Veröffentlichung im Mai 2024 zu einem Verlagsbestseller. Der Roman „Amokalarm“ ist sein vielleicht letzter Versuch, weltberühmt zu werden. Aber man weiß ja nie. Uli Black lebt mit seiner Frau immer noch in Heidelberg. Sie haben zwei erwachsene Kinder.
Auf dem Pausenhof war ich der einzige Mensch ohne Antennen auf dem Kopf. Alle liefen rum wie ferngesteuerte Zombies – nebeneinander, hintereinander, alleine oder im Rudel – aber keiner hat geredet. Alle nur am Starren. Wie hypnotisiert. Was glotzen die da bitte die ganze Zeit auf ihre Handys? Erwarten die ’ne Einladung zur Audienz beim Papst oder ’nen Anruf von GNTM?
PROLOG
Jetzt
Vorher
Raum 24
Vorher und davor
Raum 24
Davor
Vorher
Raum 24
Vorher
Raum 24
Vorher
Davor
Vorher
Jetzt
Vorher
Raum 24
Vorher
Davor
Vorher
Raum 24
Vorher
Davor
Vorher
Raum 24
Davor
Vorher
Raum 24
VORHER
DAVOR
VORHER
RAUM 24
DAVOR
VORHER
RAUM 24
VORHER
DAVOR
VORHER
JETZT
VORHER
DAVOR
VORHER
JETZT
VORHER
RAUM 24
VORHER
JETZT
VORHER
JETZT
VORHER
JETZT
DAVOR
JETZT
VORHER
VORHER
JETZT
VORHER
KEIRA
VORHER
KARL-HEINZ SCHAFFNER
VORHER
KEIRA
VORHER
MATEO
VORHER
KEIRA
VORHER
JETZT
VORHER
KEIRA
VORHER
HANNAH NACHTNEBEL
VORHER
KEIRA
VORHER
CLARA
VORHER
KEIRA
VORHER
DR. HELEN FISCHER
Fatih Moreno
VORHER
JETZT
VORHER
FATIH MORENO
VORHER
JETZT
VORHER
DR. OBERDORFF
VORHER
DR. FISCHER
VORHER
FATIH MORENO
DR. FISCHER
VORHER
DR. FISCHER
VORHER
JETZT
VORHER
MATEO
FATIH MORENO
JETZT
KEIRA
FATIH MORENO
JETZT
DR. FISCHER
DANACH
In meinem Kopf schreit es.
Nicht seit gestern. Schon eine ganze Weile.
Wie eine Sirene, die immer wiederkommt. Und mit jedem Mal lauter wird.
Angst, Wut, Misstrauen – alles wird lauter, wenn du lange genug schweigst.
Wenn du spürst, dass du wieder jemanden verlierst. Und diesmal endgültig.
Wenn du merkst, dass dir jemand ins Gesicht lächelt – und gleichzeitig das Messer dreht.
Ich habe versucht, „normal“ zu sein.
Zu funktionieren.
Unauffällig. Stark. Still.
Aber es funktioniert nicht.
Da ist zu vieles, das keiner sehen will.
Sehen kann. Sehen darf.
Also verstecke ich alles.
Die dunklen Gedanken.
Das, was in mir brodelt, wenn ich nachts wachliege.
Meine Angst, wieder allein zu sein.
Das Gefühl, dass Vertrauen nur etwas ist, das missbraucht wird.
Dass niemand zuhört, bis etwas explodiert.
Und ich merke, dass ich kippe.
Dass es diesen Punkt gibt, an dem nichts mehr kontrollierbar ist.
Als würde eine unsichtbare Hand den Schalter umlegen.
Und dann – bleibt nur noch das Dröhnen der Sirene in meinem Kopf. Bis es draußen auch eine gibt.
Und alle endlich aufwachen.
Wenn es eigentlich schon zu spät ist.
H.C.N.
Mann Leute, ihr nervt echt.
Was erwartet ihr eigentlich von mir? Was wollt ihr hören?
Dass ich genau wusste, was ich tue, als ich den Laden in die Luft jagen wollte, oder was?
Keine Ahnung. Ich war völlig durch. Mein Kopf war leer, alles hat sich falsch angefühlt.
Im Nachhinein ist mir klar, wie sinnlos das war. Aber mal ehrlich – hinterher ist man doch immer schlauer, oder?
Und dann diese Frage von dem Psychoonkel: Was ich mir wünschen würde, wenn ich drei Wünsche frei hätte?
Echt jetzt? Was soll das für eine Frage sein? Sind wir hier in der Therapie oder im Kindergarten?
Aber gut, wenn’s euch wichtig ist – bitte. Here we go.
Vielleicht wär’s ja leichter gewesen, wenn mein Vater tatsächlich abgehauen wäre – mit irgendeiner jungen Sekretärin.
Uns im Stich gelassen hätte – mich, meine kleine Schwester, meine alkoholkranke Mutter – mit einem Haufen Schulden, einer kaputten Karre und einem todkranken Hund.
Dann hätte ich wenigstens 'ne Geschichte, bei der alle sagen würden: „Klar, dass der Junge ausrastet.“
Aber sorry – so war’s nicht.
Meine Eltern? Die kommen gut miteinander klar. Fast schon wie aus dem Bilderbuch.
Mein Vater? Kein Typ mit Büro und Anzug – der schraubt an Autos rum. Sekretärin? Gibt’s bei dem nicht. Wozu auch?
Und meine Mutter ist total fit – lebt gesund, macht ihre Smoothies, trinkt stilles Wasser, hat alles im Griff.
Hund haben wir keinen. Ne Schwester hab ich auch nicht. Ich bin Einzelkind.
Kein Familiendrama also. Kein Chaos zu Hause.
Und wenn ihr jetzt denkt, ich wär so ein Typ, der den ganzen Tag im Keller zockt und nie duscht – nee, falsch gedacht.
Ich spiel lieber Streetball mit meinen Jungs – und das sogar ziemlich gut.
Ich dusche regelmäßig, meine Klamotten riechen nach Waschmittel, nicht nach Rauch.
Gras? Nein, danke. Mach ich nicht. Ich lieg gern drauf, aber ich zieh's mir nicht rein.
Tja. In eure Schubladen pass ich irgendwie nicht rein.
Und jetzt fragt ihr euch bestimmt: Warum wollte der dann alles zerstören, wenn doch angeblich alles okay war?
Ich weiß selbst nicht so genau, warum bei mir die letzte Sicherung durchgebrannt ist. Ganz safe weiß ich nur eins: mir wurde das alles zu viel. Der Faden, an dem ich hing, wurde immer dünner, und dann riss er.
Wenn ihr wirklich wissen wollt, wie alles kam, dann macht mal etwas völlig Neues: Legt die Handys weg.
Begrabt eure Vorurteile.
Und hört einfach zu.
Alter, dieser Geruch macht mich fertig, ehrlich.
Adrenalin und Schweiß zusammen – richtig eklig für die Nase.
Aber wenn dann noch der Muff von 15-Jährigen dazukommt, die nach’m Sportunterricht null Bock oder Zeit zum Duschen hatten, ist das echt ’ne Tortur.
Und noch mieser wird’s, wenn du selbst einer von denen bist und mit deinem eigenen Stinktier-Akku klarkommen musst.
„Fenster zu, mir ist kalt!“, brüllt Paul hinten aus der vorletzten Reihe. Kein Wunder – der hockt da in ’nem voll durchgeschwitzten, dünnen T-Shirt, das er eben noch beim Kicken anhatte. Drei Tore gemacht, Team gesaved – krasser Kicker, aber auch mega zart wie ’ne Blume.
„Lieber erfrieren als ersticken!“, kontert Maren, steht auf und reißt auch noch die anderen Fenster auf. Der pinke Rollkragenpulli sitzt perfekt – da sieht man, dass sie ’nen guten Style hat.
Entweder hat sie nach Sport bei Frau Schneider geduscht, oder sie hat einfach nicht mitgemacht – auf jeden Fall riecht ihr Parfum bis hinten hin.
Seit ich ’ne Brille trage, muss ich nicht mehr vorne kleben, um die Tafel zu checken. Jetzt hinten chillen ist echt entspannt.
Die meisten Lehrer sabbeln so feucht oder stinken nach griechischem Essen.
Am krassesten ist’s bei Herrn Ballauf, unserem Geschichtslehrer.
Such mal „Knoblauchdusche“ auf Google – nix. Aber sitzt du direkt vor ihm, weißt du sofort, was abgeht. Einfach ekelhaft!
Hinten hocken hat noch weitere Vorteile: schau ich heimlich aufs Handy unter der Bank, ist’s längst wieder in der Tasche, bevor der Lehrer ankommt.
Und Herr Pauscher, unser Geolehrer, der so blind ist wie ’n Maulwurf und ständig ohne Brille rumläuft, sieht eh nur bis zur zweiten Reihe klar. Für ihn endet die Klasse ab Reihe drei im Nebel. Ich schwör, der checkt gar nicht, dass hinten noch Leute sitzen.
Dann geht die Klassenzimmertür auf – und der Grund für den Adrenalinschub in unserer Klasse kommt rein: Dr. Oberdorff, unser Mathelehrer.
Man muss kein Hellseher sein, um zu merken, dass er wieder voll auf Krawall gebürstet ist.
Wir haben ihn jetzt im zweiten Jahr in Mathe – und seitdem hassen fast alle das Fach und ihn.
Seine unangekündigten Tests, mit denen er uns 24/7 attackiert, sind in der ganzen Schule gefürchtet.
Er hat den Ruf eines „Aufräumers“, wie er sich selbst nennt.
Er meint, dass „83 % der Schüler an unserer Schule nichts auf dem Gymnasium verloren haben“ – und hat sich zum Ziel gemacht, „den Laden aufzuräumen“.
Was so viel heißt wie: mit miesen Noten alle zum Gehen zwingen, die seiner Meinung nach hier nichts zu suchen haben. Also fast alle.
Ich hasse ihn auch – aber nicht, weil ich Angst vor ihm hab. Auch nicht wegen seiner Tests.
Denn für mich sind die voll witzig. Ich bin irgendwie ein Mathe-Genie – und selbst wenn ich mal nicht vorbereitet bin, kann ich alle Aufgaben in Nullkommanix lösen.
Keine Ahnung, warum. Mathe war schon immer voll easy für mich.
Ich schau mir eine Aufgabe kurz an, rechne sie im Kopf in Sekundenschnelle durch – und hab die Lösung.
Deshalb bin ich auch sein Lieblingsschüler in der Klasse.
Das zeigt sich auch daran, dass er großzügig ist, wenn ich ein paar Minuten nach Beginn seiner Tests das Blatt zur Seite schiebe und offensichtlich mit meinem Handy spiele, aus purer Langeweile.
Jedem anderen würde er sofort das Handy wegnehmen und ihn bei der Schulleitung melden, wie es „seine Pflicht“ ist.
Aber mir lässt er alles durchgehen.
Selbst wenn ich meine Hausaufgaben „vergessen“ hab, flippt er nicht aus wie sonst, sondern lächelt nur gnädig.
Vielleicht wär er gern so entspannt wie ich.
Oder vielleicht bin ich seine heimliche Liebe – wer weiß.
„Bücher und Hefte von den Tischen, wir schreiben einen Test“, sagt er ohne Begrüßung und zieht einen Stapel Testblätter aus seiner abgenutzten Aktentasche.
Er legt die Blätter mit der bedruckten Seite nach unten auf den ersten Tisch – und in Sekundenschnelle wandert der Stapel von Tisch zu Tisch.
Wir kennen das Ritual schon – da keine Woche vergeht ohne Mathetest.
Es ist Teil seiner „Aufräumaktion“, und jeder Widerstand dagegen ist sinnlos.
Wenn alle ihr Blatt haben, haut er raus: „Umdrehen. Ihr habt genau zehn Minuten.“
Dann aktiviert er die Stoppuhr auf seiner Armbanduhr – und alle fangen an, hektisch zu werden, zu stöhnen oder verzweifelt auf den Bogen zu starren.
Ich werf einen kurzen Blick auf die vier Aufgaben – und könnte die Lösungen sofort laut rausrufen.
Natürlich mach ich das nicht.
Ich schreib sie schnell auf mein Blatt, Name drauf, fertig. Das dauert keine zwei Minuten.
Dr. Oberdorff grinst in meine Richtung und sagt ziemlich laut: „Schon fertig, Nachtnebel? War wohl zu einfach für dich? Bei den anderen in deiner Klasse sieht’s nicht so aus, als wär das auch der Fall.“
Ey, genau deswegen kann ich den Typen null ab.
Der stellt mich vor der ganzen Klasse bloß – und das nur, weil ich die Aufgaben halt superfix checke.
Ich mein, keine Ahnung, warum ich das so drauf hab – es ist halt einfach so.
Aber wie er das dann immer so halb gönnerhaft, halb angepisst erwähnt, während die anderen komplett am Struggeln sind, macht’s nur schlimmer.
Dann fühl ich mich wie der Einzige, der hier überhaupt hingehört – und die anderen fühlen sich automatisch wie die letzten Vollpfosten.
Und schon hat Oberdorff sein Ziel erreicht.
Ich glaub auch nicht, dass ihn meine Mathe-Skills wirklich flashen. Juckt ihn null – oder er findet’s sogar eher strange. Aber genau das nutzt er dann aus, um den anderen klarzumachen: „Ey, guckt mal, so muss man’s können, sonst habt ihr hier nix verloren.“
Und zack – ich bin sein Maßstab, ohne dass ich’s will. Sein Werkzeug, um die anderen fertigzumachen. Wie sein kleiner Strebergehilfe. Und das ist echt das Allerletzte, was ich will. Ich will einfach, dass er mich wie alle anderen behandelt. Kein Special-Treatment. Ich will einfach dazugehören. Auch in Mathe. Zur Klasse, nicht zu ihm.
Was der allwissende Oberdorff nicht checkt: Sein „Lieblingsschüler“ behält die Lösungen nicht für sich. Klar, ich sitz alleine damit bloß keiner bei mir abkupfern kann. Aber ich hab ’nen smarteren Weg gefunden, um meine Bros zu versorgen. Wir haben ’ne WhatsApp-Gruppe, die heißt „Mathegenies“. Nur Mateo, Julian und Linus sind drin – und niemand sonst weiß davon.
Sobald ich die Aufgaben durch hab – dauert meistens eh nur zwei, drei Minuten – schnapp ich mir unterm Tisch heimlich mein Handy und baller die Lösungen in die Gruppe.
Mateo und Julian sind auch nicht auf den Kopf gefallen, die holen easy heimlich ihr Handy raus und schreiben ab. Nur Linus ist raus seit dem einen Mal, wo Oberdorff ihn erwischt hat. Zum Glück war der Typ zu doof, um zu checken, was aufm Display war, weil Linus das direkt ausgemacht hat, als er’s abgenommen bekommen hat. Trotzdem: Sechs im Test wegen Handy, Gespräch bei der Schulleiterin – seitdem hat er Schiss.
Mateo und Julian sind in Mathe halt echt lost, aber sie übernehmen nicht alles eins zu eins. Sie bauen extra ein paar Fehler ein, damit’s nach ’ner 3 oder 4 aussieht – reicht denen komplett. Und Oberdorff schnallt nix. Aber für die Jungs bin ich der King. Quasi ihre Mathe-Lebensversicherung.
Meine abgefahrene Connection zu Oberdorff – oder eher seine zu mir – ist manchmal echt weird. Wilde Dinge laufen da manchmal. Sowie das mit dem Aufsatz, den ich statt dem Mathetest abgegeben hab.
Als der Mathelehrer mich mal wieder vor der ganzen Klasse so abgefeiert hat, dass mir fast schlecht wurde, kam mir ’ne richtig fette Idee. Beim nächsten Test – der ließ nicht lange auf sich warten – hab ich nicht die Lösungen aufgeschrieben, sondern ’ne Nachricht an ihn. Mein Herz hat kurz ausgesetzt, als ich das Blatt abgegeben hab. Keine Ahnung, ob ich mir da gerade mein Matheleben ruiniert hab oder nur ’ne richtig geile Aktion durchgezogen hab. Aber ich musste das einfach machen.
„Sehr geehrter Herr Dr. Oberdorff, mit Ihnen direkt quatschen bringt nix, also probier ich’s auf diesem Weg: Bitte hören Sie auf, mich vor der ganzen Klasse als Mathegenie zu feiern. Bin ich nicht und will ich auch gar nicht sein.
83% der Klasse haben nix im Gymnasium verloren, weil sie in Mathe schlecht sind? Denk ich nicht – Ihre Tests sind einfach ultra hart und zu unfair für ’ne 10. Klasse. Denken Sie mal darüber nach. Danke für Ihr Verständnis.
H.C. Nachtnebel.“
Und was macht der Typ? Statt mir ’ne Sechs reinzudrücken, schreibt er drunter:
„Guter Versuch, Nachtnebel. Ich bin Mathe– und kein Deutschlehrer, kann also nicht sagen, ob dein Aufsatz gut oder schlecht ist oder ob du am Thema vorbeigeschrieben hast. Deshalb keine Note. Und das nächste Mal wieder Zahlen schreiben. Danke für dein Verständnis.
Dr. Oberdorff.“
Sein Kommentar klang abgeklärt, aber seine Handschrift war irgendwie krakliger als sonst. Vielleicht hatte ich ihn doch kurz aus dem Konzept gebracht?
Aber am Ende kann ich machen, was ich will – bei dem genieß ich echt Narrenfreiheit.
Nach der Stunde kommen Julian und Mateo zu mir und bedanken sich wie immer für meine digitalen Lifehacks.
„Ohne dich wären wir echt am Arsch, Alder“, sagt Julian und gibt mir High Five.
„Jo, auch wenn ich ’ne Vier in Mathe schaffe, wird’s eng. Französisch Fünf ist safe und Deutsch ist auch nicht gerade mein Paradefach“, jammert Mateo. „Bock, heute Nachmittag auf' m Court zu zocken? Ich brauch jetzt Bewegung. So drei Uhr?“
„Safe“, antworte ich. „Die drei Typen aus der Parallelklasse ziehen wir heute mal gründlich ab. Die schulden uns noch ’ne Revanche.
Bringst du deinen neuen Wilson mit?“
„Klaro, Mann“, grinst Mateo breit.
Alter, dieser Geruch macht mich fertig, ehrlich. Adrenalin und Schweiß zusammen – richtig eklig für die Nase.
Und wenn dann noch der Muff von den alten Säcken dazukommt, die schwitzen wie Schweine, weil sie Schiss um ihr Leben haben, ist’s echt nicht mehr auszuhalten. Und noch abgefahrener wird’s, wenn du der Einzige bist, der weder schwitzt noch Panik schiebt.
Was ist eigentlich das krasse Gegenteil von Angst? Mut? Keine Ahnung, ob das hier noch Mut ist, wenn du mit ’nem Sprengstoffgürtel um den Bauch und ’nem Zünder in der Hand vor zwölf zitternden Lehrern stehst, die um ihr Leben flehen.
Für mich ist das einfach pure Macht. Nach all dem Gefühl der Ohnmacht in den letzten Tagen und Wochen, dieser existenziellen Angst, die mich festgeklammert hat wie ’ne Katze ’ne erschöpfte Maus, fühl ich mich jetzt wie der Boss hier.
Die hocken da und winseln wie Kinder, denen man ihr Lieblingsspielzeug weggenommen hat. Oberdorff, du Sadist. Pauscher, du blinder Maulwurf. Schumann, du Eisklotz – und der Rest vom Lehrerpack. Und vor allem DU, du Dreckschwein. Ihr habt so lange mit mir gespielt – jetzt spielt das Schicksal euer persönliches Endgame ab.
„Hört auf zu heulen, ihr Memmen!“, brüll ich in den Raum.
Sonst waren sie’s, die am lautesten rumgebrüllt haben. Jetzt bin ich dran. Ich streck die Hand aus, und mein Daumen driftet langsam nach unten Richtung rotem Knopf – was bei allen unmittelbar den Panik-Modus aktiviert.
Urin-Geruch obendrauf. Zu dem krassen Adrenalin-Mief kommt jetzt noch der penetrante Altersheim-Muff, als wären die Windeln seit Tagen nicht gewechselt worden – aus Faulheit, Nachläsigkeit oder ’ner noch mieseren Ausrede.
Ich spür den Abgrund direkt vor mir – so ’n dunkles, tiefes Loch, das mich komplett verschlingen kann. Und wisst ihr was? Ich fühl mich so gut wie lange nicht. Mein einziger Impuls: Macht und Rache. Alles andere um mich herum verschwindet.
„Ihr habt gesagt, ich hätt hier keine Zukunft?“, fauche ich.
„Wollen wir mal sehen, wer hier keine Zukunft hat.“
„Hallo, Nachtnebel, schläfst du, oder was?“
Frau Schumanns Stimme knallt wie ’n Donnerschlag durch den Raum und holt mich direkt aus meinem Tagtraum.
„Pass gefälligst auf, du genießt hier keinen Sonderstatus wie bei meinem Mathekollegen.“
Ich denk mir nur so: Woher weiß die überhaupt, dass Oberdorff mir in Mathe alles durchgehen lässt? Labern die Lehrer ernsthaft über mich im Lehrerzimmer? Scheint so. Wahrscheinlich wundert’s sie, dass ich in Mathe jede Arbeit rocke, aber sonst eher so mittelmäßig abliefer.
Ich schwör’s, ich hasse Französisch. Diese Sprache klingt, als hätte jemand beim Sprechen ständig ’nen Schnupfen. Und die Grammatik? Komplett für ’n Arsch. Geht einfach nicht klar – weder in meinen Kopf rein, noch aus meinem Mund raus. Wozu soll ich die lernen? Ich zieh doch eh nicht nach Frankreich.
Mit Hängen und Würgen und ’n paar Tricks rette ich mich jedes Jahr irgendwie auf ’ne Vier. Ich muss einfach nur die Zehnte packen, dann kann ich das Fach endlich droppen – und bin diese Frau Schumann samt dieser Cringe-Sprache endlich los.
Zum Glück hat sie Latein als Zweitfach – da bin ich safe, hab nämlich NWT genommen. Beste Entscheidung ever. Wäre nice, wenn alles so smooth laufen würde wie in Mathe.
„Unser Ur-Ur-Opa war wohl Robinson Crusoe“, meinte mein Dad, als ich nach der Neunten mein Zeugnis auf den Tisch gepfeffert hab – mit lauter Dreien und ein paar Vieren. Nur Sport war ’ne Zwei. Und Mathe natürlich wieder die Eins.
„Das nennt man Inselbegabung. Muss von mir kommen.“
Ich frag ihn: „Hä, warst du auch Mathe-Crack?“
Er lacht nur: „Nee, kein bisschen. Ich kann nur aus ’nem Haufen Schrott einen Kühlschrank basteln oder einen Tretroller. Aber in der Schule bringt dir das nichts – da zählen eher die Kopfsachen.
Deine Eins in Mathe ist mega, aber was war mit Sport los? Nur eine Zwei?“
,Jo, wär easy gewesen, wenn wir nur Basketball und Fußball gespielt hätten. Aber Kramer ist voll der Turn-Freak, und wir haben so ’n Oberturner in der Klasse. Hambüchen. An dem misst der Kramer uns alle – klar, dass wir da abstinken.“
„Hambüchen? Der Olympiatyp? Ist der nicht ein bisschen alt für euch?“
Ich lach nur: „Haha, nee, der heißt nur so bei uns. Ich heiß ja auch nicht wirklich Air Jordan.“
„Stimmt. Aber wenn du so weitermachst, bist du bald echt auf seinem Level.“
„Träum ruhig weiter, LeBron.“
„Hallo! Ich rede mit dir, Nachtnebel!“, faucht mich Frau Schumann, unsere Französischlehrerin mit dem Temperament einer Kreissäge, an. „Letzte Warnung!“
Nachtnebel. Warum nennen mich eigentlich alle Lehrer bei meinem Nachnamen? Denken die ernsthaft, das wär mein Vorname? Die wissen doch genau, wie ich wirklich heiße – safe. Aber nee, alle machen auf „Herr Nachtnebel“. Als ob ich 45 wär.
Am Anfang von der Neunten, als ich neu in der Klasse war, hab ich noch versucht, das zu klären: „Ich heiß H.C. – bitte nennen Sie mich beim Vornamen, Frau Schumann.“
Aber sie sagt nur: „H.C.? Das ist doch kein Name. Klingt wie Niesen.“
Was für'n Move, ey.
Leo hat direkt gelacht und sich mit Severin abgeklatscht – als ob sie gerade den Joke des Jahrhunderts gehört hätten.
Und die ganze Klasse natürlich mitgelacht. Klar, die wollten sich einschleimen bei der neuen Klassenlehrerin.
Ich dachte mir nur: Na super, das geht ja genauso scheiße los wie am alten Ort. Und dann halt wieder Pokerface aufgesetzt.
Mein Name – ja okay, bisschen speziell – hat sich eh ultraschnell rumgesprochen, und ab da hieß ich für alle Lehrer einfach „Nachtnebel“.
Bis auf einen: Herr Kramer, unser Sportlehrer. Der Typ ist ’ne Legende. Er merkt sich einfach keine Namen, gibt uns lieber irgendwelche Sportlernamen. Je nachdem, wie gut wir sind oder was wir feiern.
Mich nennt er Air Jordan, weil ich fast immer in ’nem BullsTrikot rumrenne und im Basketball halt voll abgeh.
Ali, der absolut loste im Fußball, heißt bei ihm nur „Flasche leer“. Warum? Keine Ahnung – das weiß nur Kramer selbst.
Aber ey, Basketball ist mein Leben.
Mein Dad hat früher in der Bundesliga gezockt – der hat mich, seit ich mini war, zu jedem Spiel mitgeschleppt, das irgendwo in der Nähe war.
Unser Garagentor? Seit Ewigkeiten hängt da ein Basketballkorb.
Mein Dad dribbelt da immer rum, wirft Körbe, und ich war als Kind immer mit’m offenen Mund daneben: Wie zur Hölle trifft man da rein?!
Als ich sechs war, hat er mich beim USC Heidelberg angemeldet – Miniminis. Hat er sogar selbst trainiert. Und hab direkt rasiert mit Körben am Fließband. Okay, die Dinger waren größer und hingen zwei Meter tiefer. Aber trotzdem.
Mit acht durfte ich bei den Neunjährigen mitspielen. Mit zehn bei den Zwölfjährigen.
Mittlerweile baller ich jeden Tag auf dem Hof Freiwürfe. Der Korb kommt mir immer näher – logisch, ich wachse ja auch wie Unkraut.
Mit 13 war ich schon 1,75 m. War nur ’ne Frage der Zeit, bis ich meinen Dad (1,90 m) überrage. Ist längst passiert.
„NACHTNEBEL!“
Frau Schumanns Stimme schneidet durch den Raum wie ein Messer.
„Jetzt reicht’s mir. Raus an die frische Luft. Gedanklich bist du da ja eh schon längst.“
Ich sag nix, steh einfach auf und geh raus. Diskutieren bringt eh nix.
Draußen regnet’s – natürlich. Also bleib ich nicht auf m Hof rumstehen, sondern chill mich einfach neben die Klassenzimmertür auf den Boden. Handy raus – ist zwar verboten, aber juckt mich null.
Ich zieh mir zum gefühlt 1.000. Mal das legendäre Spiel rein: Chicago Bulls gegen L.A. Lakers. Air Jordan droppt 48 Punkte und macht Magic Johnson komplett zum Schuljungen.
Ich lieb die Lakers eigentlich sogar mehr als die Bulls, aber ich kann mir seit vier Jahren kein Spiel von denen mehr geben. Allein wenn ich jemanden seh, der ’n Lakers-Trikot trägt, zieht’s mir voll den Boden unter den Füßen weg.
Deshalb trag ich auch Bulls. Weil ich das andere einfach nicht ertrage.
Der Tod von Kobe Bryant – mein größtes Idol ever – hat mich damals komplett zerstört.
Ich hab ihn zwar nie getroffen – wie auch –, aber ich hab den Typen einfach über alles gefeiert.
Mein Zimmer? War komplett zugekleistert mit Postern. Lakers, Kobe, überall. Kein Fleck Wand mehr frei.
Ich hab alles gesammelt: Videos, Trikots, Karten, Zeitungsausschnitte, Spielzeug. Die Bude war voll mit dem Stuff. Ganze Kartons voll, überall nur Kobe. Er war mein Held. Mein GOAT.
Mein Alles.
Und dann kam der 26. Januar 2020.
Helikopterabsturz. Kobe tot.
Als mein Dad mir das gesagt hat, ging bei mir einfach das Licht aus. Zack – komplett weggetreten.
Ich bin einfach zusammengebrochen.
Meine Eltern rasten aus, rufen den Notarzt. Ab in die Uniklinik.
Ich lag da drei Tage auf der Intensiv, mit komplettem Blackout.
Ich hab nix gegessen, nix gesagt, nix gecheckt. Meine Eltern dachten, ich dreh komplett durch. Die Ärzte haben mich durchgecheckt – nix gefunden.
Am Ende hieß es nur: Schocktrauma.
Nach drei langen Wochen durfte ich wieder nach Hause. Konnte wieder reden, wieder halbwegs klar denken. Aber ehrlich: Für mich und meine Eltern war das die schlimmste Zeit überhaupt.
Dachten wir jedenfalls.
Weil wir da noch nicht wussten, dass es noch viel schlimmer kommen würde.
Ey, dieses Geheule geht mir so krass auf den Zeiger, ich krieg gleich ’nen Anfall.
Was ist mit denen los? Alles erwachsene Leute hier – können die sich nicht mal kurz zusammenreißen?
Der Gestank im Raum wird immer unerträglicher. Irgendjemand hat sich eingepisst, safe. Es beißt mir in der Nase und mir wird richtig schlecht. Ich will einfach nur die Fenster aufreißen.
Aber das wäre dumm. Fenster aufreißen? Klar. Damit sie mich von draußen sehen können wie auf m Präsentierteller? Denkste.
„ROLLOS RUNTER! ALLE! DU DA!“
Ich schrei das durch den Raum, während ich reinkrache wie ein Orkan. Keiner sollte auch nur für ’ne Sekunde glauben, ich meine das nicht ernst.
Erst denken die, das ist ’ne Witzaktion, so ’n blöder Schülerstreich, mit mir als Leader. Schumann versucht, die Chefin rauszuhängen wie immer, und brüllt mich an: „NACHTNEBEL!
VERLASSEN SIE AUGENBLICKLICH DIESEN RAUM! DAS IST EINE KONFERENZ.“
Dann sehen sie den blinkenden roten Knopf an meinem Handgelenk und meinen stechenden Blick, zu allem entschlossen.
„Das hier ist kein Witz. Alle bleiben auf ihren Plätzen. Eine falsche Bewegung und der Laden fliegt in die Luft!“
Die checken sofort, was Sache ist. Kein Witz, kein Schülerstreich, kein Entkommen.
Ich zeige auf Oberdorff und brülle: „ROLLOS RUNTER!“
Dr. Oberdorff, unser Matheheld, zittert wie Espenlaub.
„Aber Nachtnebel, machen Sie doch keinen...“
Ich unterbrech ihn, heb die rechte Hand. Alle Blicke auf den roten Knopf.
Der Draht läuft irgendwo unter meine Jacke – keiner weiß genau, wohin. Aber alle sehen, dass ich das Ding drücken kann. Jederzeit.
„H.C., kapiert?! MEIN NAME IST H.C.“, schrei ich so laut, dass meine Stimme fast reißt. „Und ich sag das nicht zweimal, Oberdorff. Rollos runter oder ihr seid alle tot. Das hier – ist ’ne Bombe!“
Er steht auf. Zitternd. Richtig übel. Aber er tut, was ich sage.
Ohne Widerworte. Lässt die Rollos runter. Alle.
Komisch, dass ich ihn geduzt hab. Hab ich noch nie gemacht.
Nicht mal gedacht. Der Typ war immer so ’ne Art unantastbarer Oberboss. Hat uns geduzt, klar – so auf cool.
Aber wir? Wir haben ihn nie zurückgeduzt. War ’ne Regel.
Aber jetzt? Jetzt hat der Wind sich gedreht. Jetzt steht er da wie ein Waschlappen. Voller Angst. Wie ’n Häufchen Elend. Und er siezt mich plötzlich. Als wär ich der Boss.
Ich denke, draußen hat man langsam gecheckt, dass hier drin was faul ist.
Vor ein paar Minuten hat irgendwer an der Tür gerüttelt. Geklopft. Kurz. Und ist wieder abgehauen. Hausmeister? Sekretärin?
Kein Plan.
Aber die Tür ist zu. Schlüssel steckt von innen. Ich hab ihn Schumann abgenommen, als alles losging. Von außen kommt keiner rein.
Vielleicht geht der Hausmeister außen rum. Checkt die Fenster.
Sieht die Rollos. Wird misstrauisch.
Ich hab keine Zeit. Jetzt muss alles schnell gehen. Es gibt kein Zurück mehr.
Zu meinem 13. Geburtstag hat mein Dad echt komplett abgerissen.
Ich hatte null Plan, was in dem Geschenk war. War in blaues Papier eingepackt – blau und gelb, genau meine Lieblingsfarben.
Wie immer bei uns in der Family: Erst mal dran schnüffeln. Joa... nix gerochen.
„Leicht und weich... aber gebrauchte Socken sind’s safe nicht“, hab ich gelacht. Meine Füße nach’m Sport sind nämlich ’ne echte Waffe.
„Mach schon auf!“, sagt mein Dad, komplett aufgeregt wie ’n kleines Kind.
Also reiß ich das Band runter, pack aus – und BOOM.
Ich glotz nur. Kann nicht fassen, was ich da in den Händen hab.
Ein L.A. Lakers-Trikot. Mit der 24. Kobe Bryant. Mein GOAT.
Ich hab zwar schon ’n paar Kobe-Trikots, aber das hier... das war anders. Größer. Getragen. Irgendwas war da.
Mir lief's kalt den Rücken runter.
„Ist das...?“, will ich fragen, aber meine Stimme macht nicht mit.
Mein Dad nickt, mit Tränen in den Augen. „Schau auf die Rückseite“, bringt er raus.
Ich dreh’s um – und BAM. Da ist sie. Die Unterschrift.
Nicht gedruckt, nee. Echte Tinte. Echte Kobe-Handschrift.
„Das ist original. Kobe hat das selbst bei einem Spiel getragen und danach signiert – für eine Charity-Aktion. War nur ein paar Wochen vor seinem... Tod“, sagt mein Vater, voll gerührt, Tränen in den Augen. „Ich hab das Trikot bei einer Onlineauktion ersteigert. Ich wollte es dir schon zum 12. schenken, aber... naja, die Ärzte meinten damals, besser noch warten.“
„Jetzt war’s an der Zeit“, sagt meine Mum – sie heult auch.
Ich drück das Trikot ganz fest an mich, als wär’s aus Glas. Hab einfach nur Gänsehaut, Kopf leer und Herz voll.
Ich leg’s vorsichtig aufs Bett, wie ’n Schatz. Und dann? Ich fall meinen Eltern um den Hals und heul los: „Danke, Pa. Danke, Mum. Ihr habt keine Ahnung, wie krass das für mich ist.“
„Doch, das wissen wir“, sagt mein Dad ganz ruhig. „Glaub mir, H.C., das wissen wir.“
Nach der Stunde bei Frau Schumann ist endlich Pause. Wie immer stelle ich mich in die endlos lange Schlange vor dem Schulkiosk. Nur die Kleinen bringen noch Brotdosen von zu Hause mit – gefüllt mit geschältem Obst, geschnippeltem Gemüse und Liebe von Mama.
Auch ich hatte bis vor einem Jahr noch jeden Morgen so ein Doggybag dabei.
„Das ist viel gesünder als der Müll, den ihr euch da immer kauft“, meinte meine Mum jedes Mal, wenn ich protestieren wollte.
„Gesünder für den Körper vielleicht“, konterte ich, „aber schlecht fürs Image. Mum, ich bin fünfzehn. Da kann ich gleich mit Windeln und Schnuller zur Schule gehen. Gib mir einfach ein paar Euro, dann hol ich mir was am Kiosk – wie meine Homies.“
Zu meiner Überraschung gab sie nach und legte mir ab da jeden Morgen drei Euro auf den Küchentisch.
Als Kompromiss kaufte ich mir meistens einen halbwegs gesunden Müsliriegel. Der kostete nur 1,50. Den Rest warf ich nachmittags in meine Kobe-Bryant-Spardose – ein verbeultes Ding aus Blech, das ich mal auf einem Garagenflohmarkt bei uns um die Ecke gefunden hatte.
Mein größter Traum war, irgendwann in die USA zu fliegen, um ein NBA-Spiel live zu sehen. Und dafür konnte man nie früh genug anfangen zu sparen. Zusammen mit einem Teil meines nicht vershoppten Taschengeldes hatte ich schon fast 200 Euro zusammengespart. Wenn das so weiterging, könnte ich mir vielleicht direkt nach dem Abi ein Ticket leisten.
„Spinnt die Schneider?“, fragt Mateo, der neben mir in der Schlange steht. „Warum hat sie dich rausgeworfen? Du hast doch gar nix gemacht.“
„Egal“, sage ich und zucke mit den Schultern. „Sie kann mich einfach nicht leiden – genau wie ich sie. Ihr Unterricht ist so einschläfernd, ich krieg jedes Mal viereckige Augen davon.“
„Ey, gestern war fett! Den Pennern haben wir’s richtig gezeigt“, ruft Julian, der sich zu uns gesellt.
„Kannst du dich nicht wie alle anderen anstellen?“, meckert ein kleiner angefetteter Achtklässler hinter ihm.
„Mach ich doch“, sagt Julian grinsend. „Oder steh ich etwa da vorne?“
Bevor es Streit gibt, lenkt Mateo schnell wieder aufs eigentliche Thema: „Ey, deine Dreier waren krass, H.C. – die Typen waren richtig gebrochen danach. Wie viele hast du versenkt?“
„Keine Ahnung. Sieben oder acht?“
„Ich glaub eher zehn. Du trainierst doch in jeder freien Minute bei euch im Hof, oder?“
„Klar. Nur so wird man Weltklasse“, sage ich lachend.
„Wär ich auch gern“, seufzt Mateo. „Aber ich muss so viel lernen, vor allem Mathe. Bleibt kaum noch Zeit für was anderes.“
„Mathe ist eher nicht so mein Problem“, grinse ich.
Endlich sind wir an der Reihe – und genau in dem Moment klingelt es.
„Jetzt aber Gas“, meint Julian. „Ich hab keinen Bock, bei Frau Schneider direkt an die Tafel zu müssen, nur weil wir zwei Sekunden zu spät sind.“
Doch als wir den Raum betreten, erleben wir eine Überraschung.
Frau Schneider, die sonst immer überpünktlich ist und jeden Zuspätkommer mit Tafelabfrage oder Strafreferat quält, ist nicht allein. Neben ihr steht Dr. Oberdorff, unser Mathelehrer – und stellvertretender Schulleiter. Und zwischen den beiden: ein Mädchen, das ich noch nie gesehen habe.
„Ihr seid fast zwei Minuten zu spät“, schnauzt Frau Schneider.
„Die Schlange am Kiosk war länger als die Chinesische Mauer“, kontere ich trocken.
Bevor sie was sagen kann, übernimmt Dr. Oberdorff das Wort: „Das tut jetzt nichts zur Sache. Ich bin hier, um euch Keira vorzustellen. Sie ist ab heute neu in eurer Klasse. Ich erwarte, dass ihr sie freundlich aufnehmt und ihr den Einstieg leicht macht.“
„Hallo Keira“, sagt die Klasse im Chor.
Ich sehe von der Seite, wie sie rot wird und kaum merklich mit dem Kopf nickt.
„Hallo“, murmelt sie – mehr zum Boden als zur Klasse.
Sie wirkt mega schüchtern, denk ich, und hab keine Ahnung, wie sehr ich mit der Einschätzung daneben liege.
„Was willst du denn von uns?“, quiekt Frau Schneider plötzlich, total unsicher. Nichts mehr zu spüren von dem Boss-Gehabe, das sie sonst immer bringt.
Krass eigentlich, wie easy es ist, Leuten Angst zu machen, die sich sonst für was Besseres halten. Alles nur Show. Wenn’s ernst wird, kriegen sie alle direkt die Hosen voll.
„Von Ihnen? Gar nix“, sag ich kalt. „Aber Sie fliegen genau wie alle anderen hier in die Luft, wenn ich diesen Knopf hier drücke.“
Ich heb den Daumen, damit sie den fetten, roten Knopf sehen können.
„Aber... aber warum willst du uns alle hochjagen, H.C.?“, fragt Herr Pauscher, mein Geo-Lehrer, mit zittriger Stimme und starrt dabei unentwegt auf den roten Knopf. „Was haben wir dir getan?“
H.C.? Hat er mich gerade H.C. genannt? Seit wann kennen die eigentlich meinen Vornamen? Die haben mich doch nie als echten Menschen gesehen. Nur als Störfaktor. Als Randnotiz.
„Ihr habt mir direkt nix getan. Ihr habt halt einfach nur Pech gehabt, jetzt mit im Raum zu sein. Mitgehangen, mitgefangen.
Wenn ihr die Fresse haltet und tut, was ich sag, kommt ihr vielleicht heil aus der Nummer heraus“, sage ich.
Alle Augen sind auf mich gerichtet. Hoffnung keimt auf.
.„Aber DER da...“, ich zeig auf den Typen, der mir mehr wehgetan hat als sonst jemand, der alles kaputt geschlagen hat, „der hat richtig Scheiße gebaut. Und dafür muss er jetzt zahlen.“
In der Pause stehen wir Jungs wieder in so ’nem kleinen Kreis rum.
„Ey, was sagt ihr eigentlich zur Neuen?“, fragt Linus und schaut grinsend in die Runde.
„Keira“, sag ich, leicht genervt. „Sie heißt Keira.“
„Ja, Keira, wie die Schauspielerin, ne? Nur dass unsere Keira halt nicht mal ansatzweise so heiß aussieht.“
„Digga, geht’s bei dir echt immer nur ums Aussehen?“, knall ich ihm zurück. „Vielleicht ist sie hundertmal schlauer als du, schon mal daran gedacht?“
„Uff, hat sich da einer etwa in ’ne Pickel-Queen verknallt?“, sagt Linus grinsend.
„Lieber drei kleine Pickel auf der Stirn als so ’nen fetten auf m Hals wie du.“
„Was? Ich hab 'n Pickel am Hals?“
„Ja. Deinen Kopf. Und der ist komplett leer, Bruder. Nur Luft und Stroh drin.“
„Was ist denn mit dir los, Mann? Bist du auf einmal voll aggro oder was? Oder hast du echt ’nen Crush auf die?“
Alle fangen an zu lachen. Ich halt's nicht mehr aus. „Ey, chillt einfach. Lasst mich in Ruhe.“ Ich dreh mich um und geh Richtung Schulgebäude.
Keine Ahnung, warum ich so ausgeflippt bin, schließlich war das doch nur ’ne ganz normale Frage. Vielleicht hab ich wirklich irgendwie Gefühle für Keira? Aber das macht keinen Sinn. Ich kenne sie null. Hab sie jetzt ein Mal gesehen. Sie ist zero mein Typ. Ich steh eher auf so Girls wie Maren – blond, groß, nice Style, voll confident.
Oder? Vielleicht red ich mir das nur ein, weil alle sie feiern. Ich mein, wenn ich die Wahl hätte: Date mit Maren oder ’ne Runde zocken mit den Jungs – ich würd safe lieber spielen.
Was sagt das über mich? Mag ich vielleicht gar keine Girls? Bin ich vielleicht... gay? Aber nur weil ich lieber mit Jungs abhänge?
Muss ja nix heißen. Wie soll ich wissen, wie sich das anfühlt, mit ’nem Mädchen zusammen zu sein, wenn ich’s nie ausprobiert hab?
„Alles gut bei dir?“, fragt Julian plötzlich und legt chillig seinen Arm auf meine Schulter.
„Ja, passt schon“, sag ich. Aber innerlich... zieht sich alles in mir zusammen.
Ob wirklich alles passt?
Als wir ins Klassenzimmer kommen, ist es noch ziemlich leer.
Nur ein Platz in der zweiten Reihe ist schon besetzt. Da sitzt Keira und starrt irgendwie verloren aus dem Fenster. Ich überleg kurz, ob ich rübergehen und sie anlabern soll – aber was soll ich überhaupt sagen?
„Hey Keira. Cool, dass du da bist. Ich bin H.C., und wenn du mal wen brauchst zum Quatschen oder so... ich bin am Start.“
Klingt nice. Oder komplett cringe. Ich hab echt keinen Plan.
Also sag ich lieber gar nix, geh einfach nach hinten und chill mich wie immer auf meinen Platz in der letzten Reihe.
Nach und nach kommen die anderen rein. Jetzt steht Geschichte bei Ballauf an – und der ist eh nie pünktlich. Juckt den null.
Während wir auf ihn warten, hocken die meisten über ihren Handys oder kritzeln noch schnell Hausaufgaben ab. Ich lehn mich einfach zurück, Stuhl an die Wand, und lass meinen Blick durch den Raum schweifen. Und ja – ich schau zu Keira.
Sie ist auf jeden Fall viel kleiner als ich – aber gut, bei meinen 1,92 ist das auch keine Kunst. Ihre schwarzen Haare trägt sie im Pferdeschwanz. Wenn sie den Kopf zur Seite dreht, seh ich ihr ganzes Profil. Kleine, süße Stupsnase. Passt eigentlich gar nicht zu der schwarzen Lederjacke, die sie sogar im Raum trägt. Macht sie cool, irgendwie unnahbar. Ihre Augenfarbe check ich nicht von hier.
Warum interessiert mich das eigentlich? Ich kenn nicht mal die Augenfarbe von Maren. Und die ist seit zwei Jahren in meiner Klasse. Oder besser gesagt: ich bin seit zwei Jahren in ihrer.
Die Tür geht auf. Ballauf kommt rein. Der Typ hat den Ruf, komplett unberechenbar zu sein – liegt wohl daran, dass seine Alte ihn letztes Jahr verlassen hat. Wir wissen das alle, weil sie jetzt beim alten Kramer wohnt – unserem Sportlehrer. Und angeblich lief da schon was zwischen denen, lange bevor Ballauf überhaupt was gecheckt hat.
Seitdem ist zwischen Kramer und Ballauf Funkstille. Früher waren die voll die Bros, sind jedes Jahr zusammen mit ihren Campingmobilen in Urlaub gefahren. Darüber hat er uns immer in epischer Länge erzählt, nach den Sommerferien. Stories von geilen Locations, Partys ohne Ende, bisschen Kiffen, bisschen mehr.
Treue? Joa, eher nicht so ihr Ding.
Aber dann kam halt raus, dass Ballaufs Frau’s mit Kramer doch ernst meinte. Und zack – der Storyteller wurde zum Bad Vibe.
Seitdem weiß man nie, wie er drauf ist. Manchmal locker, manchmal komplett ungenießbar.
