Angst um Berlin - Klaus-J. Teutloff - E-Book

Angst um Berlin E-Book

Klaus-J. Teutloff

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Beschreibung

Eine einzige Aussage könnte Berlin vor der Zerstörungswut eines Unbekannten retten, doch bei der Polizei stößt Susanne P. auf taube Ohren. Ein unwahrscheinlicher Tag nimmt seinen Lauf, als die erste Explosion die Stadt erschüttert. Empfohlen ab 18 Jahren

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Seitenzahl: 539

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Dienstag, 28.02.2012

Autorenprofil

Ich bedanke mich bei…

Impressum

Vorwort

Dieses Buch entstand mit dem Gedanken,

eine Autobiographie zu Schreiben.

Da diese wahrscheinlich Niemanden interessiert hätte,

hat der Autor es in einen Thriller verpackt.

Viele Ereignisse, Momente und Anekdoten seines Lebens,

auch die Angst vor dem Terror auf der Welt,

verstecken sich auf den folgenden Seiten.

Die mitwirkenden Personen und Handlungen in diesem Buch

sind, dennoch, frei erfunden.

Jegliche Übereinstimmung mit Lebenden oder

Verstorbenen Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Sowohl der Autor als auch der Verlag haften nicht

und sind daher klaglos zu halten.

Dienstag, 28.02.2012

5:58 Uhr „Habe ich das eben wirklich gehört?“, fragte sich Susanne. Ihre Hände fingen an zu zittern und ihre Knie wurden weich. „Was mache ich jetzt?“ Sie konnte für ein paar Sekunden keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ungläubig sah sie aus dem Fenster des Busses, der sie zur Arbeit fahren sollte.

Aber konnte sie jetzt noch dorthin? Musste sie nicht irgendetwas unternehmen?

Der Regen prasselte an die Scheiben. Die wenigen Menschen draußen liefen unter Schirmen, einer hatte sich eine Tüte über den Kopf gestülpt, um sich vor dem kühlen Nass von oben zu schützen. Einen Moment vergaß sie, was sie gerade gedacht hatte. Ihr Kopf war leer. Nur ein starrer Blick hinaus, ohne wirklich etwas zu sehen.

Noch wenige Stationen, dann wäre sie bei ihrer Arbeitsstelle gewesen.

Sollte sie umkehren, den Bus zurück nehmen und zur Polizei? Die nächste Polizeistation war nicht weit entfernt. Sollte sie dort anrufen? Würde man ihr glauben, was sie gerade gehört hatte? Sie suchte in ihrer Handtasche nach dem Handy. Lippenstift, Kugelschreiber, Schlüssel. Alles hatte sie gefunden, aber ihr Handy war weg. Weg? Nein, sie hatte es doch eben noch.

„Entschuldigung, ist das Ihr Handy?“, fragte ein großer junger Mann mit sehr freundlicher Stimme. Susanne war wohl das Handy vor Schreck runtergefallen, ohne dass sie es bemerkt hatte. Der blonde Mann hob es auf und streckte es Susanne entgegen. Er schien Anfang 20 zu sein und wirkte in seinem Wesen sehr adrett.

Sein Haar war zum Seitenscheitel gekämmt und seine schönen Fingernägel wirkten sehr gepflegt. Darauf achtete Susanne immer bei Männern.

Er schaute sie an. „Und? Ist das Ihr’s?“, fragte er und lächelte dabei. Ein atemberaubendes Lächeln, das sie normalerweise in Verzückung gebrachte hätte. Doch in dieser Situation konnte oder wollte sie nicht darauf anspringen.

„Ähhh, ja Danke, das ist mein Handy“, sagte sie zu ihm, nahm das Handy und steckte es in ihre Handtasche. Ohne ihn anzusehen ging sie zum Handlauf mit dem „STOP“ und drückte den Knopf.

Sie musste hier raus. Jetzt. Ihre Gedanken waren wieder bei dem Gespräch, welches sie vor wenigen Minuten mitgehört hatte. Der junge Mann fragte sie noch, ob er ihr irgendwie helfen könne, aber sie nahm ihn kaum wahr.

Der Bus der Linie 104 hielt in der Wildenbruchstraße an und Susanne war die Einzige, die hier ausstieg. Zumindest kam es ihr so vor. Der Wind peitschte ihr in diesem Moment den Regen und auch die Wassertropfen, die von dem neben-stehenden Baum herunterfielen, ins Gesicht. So hatte sie nicht gehört, dass doch noch jemand ausstieg.

In der Ferne gingen Sirenen. Ansonsten war es ruhig, bis auf den Regen, der auf den Gehweg prasselte und dem Motorgeräusch des Busses, der weiterfuhr. Da bemerkte sie, dass der junge Mann von eben neben ihr stand. Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund und blickte dabei tief in die Augen des Mannes.

„Huch! Warum? Wieso? Was wollen Sie?“, fragte sie mit einer ängstlichen aber auch sehr energischen Stimme. Der junge Mann machte einen Schritt zurück; das hatte er nicht gewollt.

Er hob die Arme, als wolle er sich ergeben. Erstaunt sah er Susanne an. Hatte er etwas Verbotenes getan? Er nahm die Arme wieder herunter und sortierte gleich seine Jacke und seine Krawatte.

„Ich wollte Sie nicht erschrecken“, sagte er mit leiser Stimme. „Ich wollte Sie nur fragen, ob alles in Ordnung ist. Sie machten mir einen verwirrten Eindruck, da wollte ich Sie nicht allein lassen.“

Susanne atmete tief durch, sah den jungen Mann an und sagte: „Es ist alles in bester Ordnung.“

In diesem Moment fuhr ein Lastkraftwagen die Straße entlang, scherte in die Haltebucht des Busses ein und bremste stark ab. Ehe der große Kastenwagen zum Stehen kam, erfasste er eine Pfütze. Das Wasser darin entleerte sich in einem Guss über die beiden an der Haltestelle Stehenden. Fassungslos standen die beiden da und sahen sich mit weit geöffneten Mündern an. Seine dunkelgraue Hose und ihr langer schwarzer Rock waren triefend nass. Dann vernahmen sie ein quietschendes Geräusch und noch weitere Sirenen. Das Quietschen war sehr nah, die Sirenen kamen schnell näher.

Durch festes Drücken und Kneten an ihren Rock versuchte Susanne nun, ihr Kleidungsstück halbwegs trocken zu bekommen, als sie eine tiefe Männerstimme hörte. Ihre Augen suchten und fanden die Stimme. „Ennschuldi…“, er verzog sein Gesicht. „… Ick musste…“, dann war der Mann nicht mehr zu verstehen. Eine Feuerwehrkolonne von mindestens zehn Fahrzeugen raste an den Dreien vorbei und jeder dieser Wagen hatte sein Martinshorn eingeschaltet. Die Straße bebte etwas, in den Pfützen sah man die Vibration des Bodens. Susanne hielt sich die Ohren zu, bis die Feuerwehrwagen vorbeigerauscht waren. Dann sah sie den Mann mit der tiefen Stimme fragend an. „Was haben Sie gesagt?“

Der LKW-Fahrer war ein kräftiger, bärtiger Mann mit Bauchansatz, einem fast zu engen gelben T-Shirt mit der Aufschrift „Bier formte diesen wunderschönen Körper“ und einer blauen Jogginghose.

„Ennschuldijung, aber ick musste wejen der Feuerwehr so dichte bei Sie ranfahrn und anhalten, ick hab’ die Pfütze zwar jesehen, konnte aba nisch mehr ausweichen, et tut ma sehr leid, wirklich, datt tut mir so leid.“ Fast weinerlich klang nun seine Stimme. Es schien so, als würde er sich gleich vor den beiden auf den Boden werfen wollen und um Verzeihung bitten.

„Ist doch nur Wasser“, entgegnete ihm darauf der junge Mann, sehr gelassen und cool. „Alles halb so schlimm“, beendete er den Satz.

„Darf ick Sie beede nach Hause bringen oder irjendwo hin fahren?“, fragte der LKW-Fahrer. Warum auch immer, aber beide sahen sich an und willigten ein.

6:12 Uhr Susanne war eigentlich nicht der Typ Frau, die sich bei wildfremden Menschen ins Auto setzte, aber sie spürte Vertrauen. Der junge Mann hingegen war schon oft getrampt, er hatte schon in vielen Autos und LKWs gesessen. Diese drei Menschen verband plötzlich etwas. Es kam Susanne so vor, als kannte sie die beiden schon länger. Der Fahrer half beiden von der Beifahrerseite in den Wagen, ging dann vorn am LKW zur Fahrertür und stieg ein.

Mittlerweile regnete es nicht mehr so stark, jedoch war der Fahrer platschnass. Er war durchgeschwitzt und nassgeregnet. Zudem roch er aus dem Mund nach Tabak. Susanne bemerkte das sofort, sie mochte es nicht, wenn Männer rauchten. Aber dieser hier war anders. War es das plötzliche Vertrauen, oder warum störte sie das nicht? Kurz kam ihr dieser Gedanke ohne diesem weiter nachzugehen.

„Wo darf ick Se denn absetzen? Oh Ennschuldigung, ick bin der Bernd, Bernd Kaule.“ Er wischte sich seine rechte Hand am T-Shirt ab und reichte sie den beiden entgegen.

„Ich bin der Frank“, sagte der junge Mann.

„Ich heiße Susanne“, sagte sie.

„Et tut mir allet so leid, ick will, das Sie so schnell wie möchlich aus Ihren nassen Klamotten rauskommen, also wem darf ick zuerst,… ähhm…, Ladys först, wa, junger Mann?“ Der junge Mann nickte nur zustimmend. „Und natürlich übernehm ick die Kosten für de Reinijung.“ Bernd redete so schnell, dass keiner der beiden Beifahrer auch nur ein Wort dazwischen sagen konnte.

„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, mich zum U-Bahnhof Rathaus Neukölln zu fahren, also bis zur Karl-Marx-Straße reicht auch“, sagte Susanne.

„Ja, dann steige ich auch dort aus, ich müsste zwar in die andere Richtung, aber dann fahr ich besser auch erstmal nach Hause und zieh mich um“, bemerkte Frank. Bernd startete den Wagen, sah in den Rückspiegel und wartete eine weitere Kolonne Feuerwehren und Polizeiwagen ab, die mit viel Tatütata an den Dreien vorbei rauschten.

„Meen Jott, watt iss denn hier los, am frühen Morjen?“, flüsterte Bernd und gab Gas, drehte an der nächsten Kreuzung und fuhr in Richtung Rathaus.

„Ick mach mal ditt Radio an, vielleicht hörn wa ja watt da los iss“, sagte Bernd anschließend etwas lauter.

In diesem Moment klingelte Susannes Handy. Erschrocken öffnete sie ihre Handtasche und ging flüsternd ans Telefon. Während Bernd am Radio drehte, um einen Nachrichtensender zu finden, sah Frank nur Susanne an. Er hatte sie schon oft gesehen und sich gefragt, ob sie wohl einen Freund hatte oder vielleicht schon Kinder. Er hätte sie gern näher kennengelernt, hatte sich aber nie getraut sie anzusprechen. Frank war 22 Jahre alt, kurz vor dem Abschluss seiner Lehre zum

Versicherungskaufmann und Single. Er schätzte Susanne auf 25, na vielleicht auch 26 Jahre.

6:16 Uhr „Was, das gibt’s doch nicht“, rief Susanne plötzlich. „Das kann doch nicht wahr sein, nein“. Susanne kullerte eine Träne die Wange herunter. „Sag, dass das nicht wahr ist, Jürgen. Willst du mich verarschen? Moment…“ Sie hielt das Handy mit der linken Hand und mit der rechten hielt sie sich jetzt am Griff fest, der über der Tür war. Sie saß auf dem Beifahrersitz, Frank saß auf dem Notsitz in der Mitte. Sie wurde kreidebleich.

„Was ist los?“, fragte der junge Blonde. Er sah Bernd fragend an, aber auch er wusste mit dieser Situation nichts anzufangen, schüttelte nur seinen Kopf und zuckte mit den Schultern, ehe er sich wieder auf die Straße vor ihm konzentrierte. Susanne fing an zu weinen und sagte etwas, aber man konnte es durch ihr Schluchzen nicht verstehen. Sie legte auf und packte ihr Handy in ihre Handtasche.

„Halten Sie bitte sofort an“, bat Susanne, die nach einem langen Schluchzen tief Luft geholt hatte und nun wieder zu verstehen war. Bernd setzte den Blinker und hielt bei der nächsten Gelegenheit, noch in der Wildenbruchstraße, rechts an.

„Was ist passiert?“, fragte Frank.

„Mein Arbeitsplatz…“, sie schluchzte noch einmal, holte erneut tief Luft und beendete den Satz mit: „… brennt.“

„Was…?“, entgegnete Frank, „… der Tower brennt.“ Frank war Azubi im Treptower, in dem auch Susanne, bei der gleichen Versicherung, arbeitete. Daher kannte er sie. Aber Susanne hatte den Lehrling nie wirklich wahrgenommen. Jetzt legte Frank seinen rechten Arm um Susanne; oft hatte er sich das gewünscht, einmal sogar davon geträumt. Dass es erst zu so einem Ereignis kommen musste, hätte Frank nicht gedacht. Er mochte Susannes struppiges rotes Haar. Eigentlich war sie brünett, aber sie fühlte sich nie wohl mit dieser Haarfarbe. So wechselte sie oft die Farben, bis sie, vor etwa vier Jahren, ihren Rot-Ton gefunden und behalten hatte.

6:19 Uhr „Fahren Sie sofort zur Polizei, schnell“, sagte Susanne zu Bernd. Der schaute Susanne nur kurz an und schien sodann verstanden zu haben, was sie von ihm wollte.

„Ich habe vorhin im Bus ein Telefonat mitbekommen, davon muss ich der Polizei erzählen! Schnell zur nächsten Polizeistation, schnell“, fast schrie Susanne Bernd an, ohne wirklich laut zu werden. Der Fahrer setzte den Blinker und fuhr los. „Susanne, watt haste jehört, vorhin im Bus“, fragte Bernd.

„Ich habe…“, ihre Stimme wurde leiser, sie wurde noch bleicher bis schließlich kein Wort mehr aus ihr heraus kam. Frank stützte sie, denn sie sackte in sich zusammen. „Oh, Mann und ditt am frühen Morjen, watt machen wa jetze? Zu de Bullen oder ins Krankenhaus?“, fragte der Fahrer. Bernd wurde immer nervöser, eine solche Situation hatte auch er noch nicht erlebt.

„Bleib ruhig Bernd, fahr erstmal ins Krankenhaus, weißt du wo das nächste ist?“, fragte Frank. Bernd überlegte kurz und gab dann Gas.

6:28 Uhr Bevor die Drei am Orsan-Krankenhaus ankamen, wurde Susanne langsam wieder wach. „Was ist passiert?“, fragte sie. Sie lag noch immer in Franks Armen. Ein Zustand, den Frank gern länger gehabt hätte.

„Du bist einfach weggeklappt“, antwortete Frank. „Weschjeklappt iss jut, zusammenjebrochen biste“, spitzelte Bernd, der sehr froh war, dass Susanne wieder wach war, hinterher.

„Wo sind wir hier?“, fragte Susanne.

„Am Orsan“, sagte Bernd.

„Nein, zur Polizei, schnell“, schreckte Susanne hoch, befreite sich aus der Umklammerung ihres jungen Arbeitskollegen und starrte nach vorn aus dem LKW. „Schnell“, trieb sie Bernd an.

„Lass dich doch erstmal hier im Krankenhaus ansehen, du bist eben zusammengebrochen“, sagte Frank voller Fürsorge. „Nein, ich muss zur Polizei“, antwortete Susanne. Die Musik im Radio ging zu Ende, dann kam eine Meldung.

„Wir haben 6:35 Uhr, das war Robert Königmit „Tante Maria“, und nun noch einmal zumBrand in Friedrichshain. Einer der Treptowerssteht dort in Flammen, es handelt sich wohl umdas Hochhaus. Mehrere Feuerwehren aus derUmgebung versuchen dort das Feuer unterKontrolle zu bringen. Weitere Neuigkeiten gleichnach der Werbung…“

„Nicht zu fassen, das gibt es doch nicht“, sagte Susanne, die immer noch wie gelähmt dasaß und aus dem LKW starrte.

„Sie können hier nicht stehen bleiben“, rief ein älterer Mann mit blauem Kittel, während er an der Fahrertür klopfte und zum Fahrer hochsah.

Bernd kurbelte das Fenster herunter. „Wir erwarten hier gleich mehrere Krankenwagen, bitte fahren Sie weiter“, wurde die Stimme des älteren Mannes energischer.

„Abba, Susanne, also diese Frau hier, muss zum Arzt“, antwortete Bernd.

„Nein, zur Polizei, fahren Sie schon“, unterbrach Susanne Bernd. Der wusste kurze Zeit nicht, was er nun tun sollte, mit dieser Aufforderung von Susanne hatte er nicht gerechnet. Er sah den älteren Mann an, dann schaute er zu Susanne, schüttelte mit dem Kopf und ließ seinen großen Wagen an.

„Wissen Se wo die nächste Polizeistation iss?“, fragte Bernd den Mann im Kittel. „Ähmm, Friedrichstrasse, kenn’ ich eine Polizei“, antwortete dieser zögerlich. „Ja richtig, kenn ick, danke“, antwortete Bernd dafür umso schneller und fuhr los.

„… ich bin doch nicht dumm.So, liebe Hörerinnen und Hörer, Sie haben esgerade in den Kurznachrichten gehört, an denTreptowers in Friedrichshain brennt es, wirhaben versucht mit dem Einsatzleiter derFeuerwehr zu sprechen, leider gibt es zu dieserZeit keine Stellungnahme. Wir versuchen esspäter noch einmal, bleiben Sie dran,und jetzt wieder Musik, hier kommen die…“

Bernd, der viele Straßen von Berlin gut kannte, bremste kurze Zeit später in der Friedrichstraße vor dem Polizeirevier. Susanne schnallte sich ab, riss die Tür auf und stolperte aus dem Fahrzeug. Sie hatte vergessen, dass dies ein LKW war und nicht ihr Kleinwagen. Sie brach sich den Stöckel des rechten Schuhs ab, bückte sich, nahm ihn in die Hand und rannte so schnell sie konnte ins Polizeirevier. Frank und Bernd konnten ihr nicht so schnell folgen. Susanne war sehr aufgebracht.

6:42 Uhr Ein netter Polizist nahm Susanne behutsam mit den freundlichen Worten „Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?“, in Empfang.

„Ich will, ich muss mit Ihnen reden, es geht um ein Telefonat, das ich vorhin gehört habe. Es geht…“, Susanne musste eben mal durchschnaufen, „… um einen Anschlag, verstehen Sie?“ Bernd und Frank, die mittlerweile neben Susanne standen, sahen sich an und grübelten. Einen Moment war es ganz still. „Sie möchten einen Anschlag melden?“, fragte der Polizist. „Kommen Sie bitte mit durch“, der Polizist winkte Susanne ins nächste Zimmer. „Haben Sie auch das Telefonat mitgehört?“, fragte der Beamte die beiden verdutzten Männer. Diese schüttelten nur ihre Köpfe zur Verneinung. „Dann bleiben Sie bitte draußen“, gab der Polizist den beiden bekannt und ging mit Susanne in ein Zimmer in der Nähe des Eingangs.

***

6:42 Uhr Zur gleichen Zeit standen um den Treptowers Hunderte von Feuerwehrmännern, die versuchten das Feuer, welches im Erdgeschoss seinen Lauf nahm, zu bändigen. Sogar ein Löschboot wurde geordert, da das Haus direkt an der Spree stand. Die Flammen schlugen schon bis zur 4. oder 5. Etage hoch. Insgesamt hat das 1998 fertiggestellte Hochhaus 32 Etagen. Normalerweise waren zum Zeitpunkt des Brandausbruches nicht viele Menschen in dem Gebäude, aber die Versicherung plante in den nächsten Tagen eine Großveranstaltung im Tower. Die Werbetrommel sollte mal wieder angekurbelt werden. Deshalb waren alle Mitarbeiter aufgerufen, ein paar Handgriffe zum guten Erfolg der Veranstaltung beizutragen. Dies sollte jedoch möglichst nicht während der normalen Arbeitszeit geschehen. So zeigten sich viele Mitarbeiter bereit, in dieser Woche ein bis zwei Stunden früher zu kommen. Stars und Sternchen waren geladen. Ein kurzer Live-Bericht im Fernsehen war in der Vorbereitung und ein neuer Werbefilm sollte gedreht werden. Jetzt konnte es jedoch zu einer längeren Übertragung kommen, länger als gedacht und geplant.

***

„Einen Moment, bitte setzen Sie sich, ich hole etwas zum Schreiben. Möchten Sie ein Glas Wasser oder etwas anderes, einen Kaffee oder Tee?“, fragte der Polizist.

„Nein, danke“, antwortete Susanne.

„So, jetzt mal von Anfang an“, sagte der Polizist.

Susanne beantwortete viele Fragen, die der nette Polizist stellte.

Nach ihrer Aussage brachte der Polizist Susanne wieder auf den Flur, wo Frank und Bernd geduldig auf einer Bank sitzend gewartet hatten, zurück.

„Soll ich Sie nach Hause fahren lassen?“, fragte der Polizist.

„Nee, kommt ja nisch in Frage, ditt mach ick“, antwortete Bernd.

„Nein, danke Herr, ähhm…“, erst jetzt las sie den Namen des Polizisten, der in seinem Hemd eingestickt war, „… Birgel, ich denke es geht schon“. „O.K. dann passen Sie auf sich auf, alles Gute und vielen Dank für Ihre Aussage“, sagte der nette Polizist und brachte die Drei zur Tür.

Als der Polizist wieder in Richtung Büro ging, machte er eine Handbewegung, die so aussah, als würde er einen Scheibenwischer machen, oder kratzte er sich nur am Kopf und war am überlegen? Wie sollte Susanne das nur deuten?

7:28 Uhr „Ich glaube, er glaubt mir nicht“, sagte Susanne draußen zu ihren beiden neuen Bekannten.

„Was sollte er denn glauben, Susanne“, fragte Frank.

„Bitte sarre uns watt de jehört hast“, kam von Bernd hinzu.

„Es ist alles… so furchtbar,… ich kann es doch selber nicht glauben,… was ich…da gehört habe“, stotterte Susanne. Ihr Gesicht verschob sich, die Augen wurden kleiner, die Mundwinkel zogen sich zusammen, die Stirn wurde kraus und eine Träne rollte über ihre Wange.

„Ick fahr dir jetze erstmal nach Hause, ist dort jemand da?“, fragte Bernd.

„Oh mein Gott, Jürgen“, die Augen der Frau weiteten sich schlagartig. „Mein Handy, ich muss Jürgen anrufen“, sie öffnete ihre Handtasche und zückte das Telefon heraus. Sie musste ihre PIN zweimal eintippen, denn beim ersten Mal hatte sie die falsche eingegeben. Zu aufgeregt war sie. „Jürgen, bist du zu Hause? Ja, prima, ich komme jetzt nach Hause. Was?… Das erkläre ich dir gleich, wenn ich da bin“, sagte Susanne und legte auf. „Herr ähh,… Bernd kannst du mich bitte schnell nach Hause bringen?“, fragte Susanne etwas hektisch.

„Ja klar, hab ick doch eben schon jesacht, wa?“, sagte Bernd. „Und du, kommste ooch mit, Frank?“

„Ja, gern“, gab der junge Mann kurz und knapp zur Antwort. Er saß gern noch eine Weile neben dieser umwerfenden Frau.

Auf der ganzen Fahrt war es um Susanne ruhig gewesen. Außer der Bekanntgabe ihrer Adresse, hatte sie sich still verhalten. Frank und Bernd schienen auch Angst zu haben, sie irgendetwas zu fragen. Sie sahen sich nur ab und an mal an und verzerrten den Mundwinkel oder zuckten mit den Schultern. Vor ihrer Haustür, in der Neckarstraße, nahm Jürgen die Drei in Empfang.

7:50 Uhr Der Lebensabschnittspartner oder einfacher gesagt Freund von Susanne war ein gutaussehender, schlanker Mann mit dunklem Haar. Obwohl er nicht sehr viele Muskeln zu haben schien, streckte er seine Arme in Richtung Susanne, in die sie sich, beim Aussteigen, fallen ließ.

„Watt sinnten ditt für Typen?“, fragte Jürgen leise.

„Die sind O.K. Schatz, die haben mir schon viel geholfen heute morgen. Komm lass uns nach oben gehen. Wollt Ihr einen Kaffee haben?“, sagte Susanne zu Jürgen leise und fragte die beiden Männer etwas lauter. Beide bejahten ihre Frage und so gingen die Vier in Susannes Wohnung in der 2. Etage des Altbaus. Im Hausflur zog Susanne sich ihre Schuhe aus, weil sie sonst wegen des fehlenden Absatzes gehumpelt wäre. Auf der Treppe erzählte Susanne Jürgen in groben Zügen vom morgendlichen Geschehen. Frank und Bernd liefen schweigend durch das alte Treppenhaus, das mit gedrechselten und schön verzierten Holzarbeiten versehenden Treppengeländer bewundernd hinterher. Dabei kamen sie auch an einem Fenster vorbei, das zum Innenhof gerichtet war. Hier lachte den Besuchern und Mietern eine wunderschöne bunte Bleiverglasung an, die mit einer riesigen Sonne in der Mitte versehen war. Wenn im Sommer um 12:00 Uhr die echte Sonne am Himmel stand und ihre Strahlen auf diese Haus schickte, strahlte das gesamte Treppenhaus in einem bezaubernden sonnengelb.

In der Wohnung schaltete Jürgen sofort das Fernsehgerät ein, während Susanne ihre Schuhe und das Kleid wechselte und ihren Gästen, die sie auf der Couch platzierte, einen Kaffee machte. Im Fernsehen liefen bereits die Bilder vom Tower. Es war mittlerweile 8:22 Uhr, als Susanne mit einem Tablett, auf dem sie eine Kaffeekanne, vier Tassen, Milchkännchen und Zuckerdose mit fünf Löffeln, im Wohnzimmer eintraf. Sie stellte das Tablett vorsichtig auf einem kleinen Nebentisch ab und sah sich die Bilder im Fernsehen an.

„Oh mein Gott, das ist mein Büro. Das da ist… das war… mein Büro, dort in der 5. Etage.“ Zögernd setzte sich Susanne auf einen Sessel, die Hände an den Wangen und den Mund offen, sie atmete schnell und tief. „Oh mein Gott“, kam jetzt noch mehrere Male über ihre Lippen, die sie wie jeden Morgen mit Lippenstift belegt hatte, wobei er jetzt schon etwas verblasst war. „Ich muss mich bei Herrn Zander melden, dass ich heute nicht ins Büro komme“, rief Susanne, die die Bilder im Fernsehen noch nicht richtig zuordnen oder verstehen wollte.

Herr Zander war ihr Abteilungsleiter und hielt große Stücke auf Susanne, weil sie nie zu spät kam und auch keinen Ärger machte, wenn es um Überstunden ging. Besonders gern mochte er an Susanne ihre ruhig Art die Arbeit zu erledigen, ihr Organisationstalent und ihren Kaffee. Sie war seine Sekretärin und in seinen Augen auch genau so eine Sekretärin, wie man sie sich vorstellte. Eine „Bilderbuchsekretärin“ nannte er sie oft. Mit ähnlichem Lob redete Susanne über ihren Chef. Er war nie bösartig zu ihr, auch wenn sie mal Fehler machte. „Das kann schon mal passieren Frau Pohl, Hauptsache Sie lernen daraus“, sagte er stets, wenn es doch mal zu einem kleinen Fehltritt kam. Susanne machte keinen Fehler zweimal, das war ihre große Stärke.

Sie ging in den Flur, wo ihr Telefon auf einem kleinen Beistelltisch stand. Das Telefon war noch ein altes Modell aus den 1990ern, welches noch mittels Kabel mit der Wand verbunden war. Jürgen wollte ihr immer schon ein schnurloses kaufen, aber Susanne wollte das „alte Schätzchen“ behalten. Susanne tippte mit zittriger Hand die Nummer, mit der Erwartung gleich Herrn Zander zu sprechen. Es tutete zweimal, dann war die Leitung unterbrochen. Sie wählte erneut die Nummer, jedoch mit dem gleichen Resultat.

„Es geht keiner ran.“ Mit diesen Worten kam sie ins Wohnzimmer zurück. Dort sah sie die drei Männer gebannt vor dem Bildschirm sitzen. Diese bemerkten Susanne gar nicht, sie starrten nur auf den modernen Flachbildschirm, der in ihrer modern weiß hochglänzenden Anbauwand integriert war.

Die Bilder, die sie jetzt zu sehen bekam, schockten Susanne erneut. Das war nicht der Tower, der brannte. Das waren Bilder von der Oberbaumbrücke. Diese Brücke verband die Bezirke Kreuzberg mit Friedrichshain und war nicht weit weg vom Tower.

„Was ist da los?“, fragte Susanne in die Runde.

„Du wirst et nisch glooben, die Brücke is eingestürzt, Se vermuten een Unglück. Een U-Bahnzuch der uff der Brücke fuhr, iss inne Spree jestürzt“, antwortete Jürgen entsetzt. „Et soll mehrere Tote jeben“, fügte er hinzu. „Watt passiert hier? Iss heute der 11. September? Wer oder watt tut sowatt, ditt kann doch keen Unfall sein, da will eener unsere Stadt kaputt machen“, fragte und bemerkte Bernd.

„Nein, heute ist der 28. Februar“, war das Einzige, was der vollkommen fassungslose Frank mit weit offenem Mund sagen konnte.

8:35 Uhr „Erst der Tower, jetzt die Brücke, was kommt als nächstes… der Fernsehturm… oh mein Gott… das sind Terroristen, die greifen unsere Stadt an. Jetzt sind wir dran. Erst Madrid, dann London und jetzt Berlin. Verdammt Bin Laden ist doch schon tot. Das ist die Rache,… das Telefonat…“ Das war zu viel für Susanne. Mit letzter Kraft setzte sie sich in ihren Sessel und wurde wieder kurz ohnmächtig. Die sonst so ruhige und taffe Frau war völlig überfordert mit der Situation.

Jürgen stürmte in den Flur zum Telefon und rief die 112. Während dessen kümmerte sich Frank um Susanne. Er klopfte fast zärtlich an ihre Wangen und sprach sie an, bis sie wieder zu sich kam.

Mit den Worten: „Ditt kann einige Zeit dauern, bis een Arzt kommt, die sind alle im Einsatz“, kam Jürgen ins Wohnzimmer zurück.

„Mir geht es schon wieder besser, sag den Arzt ab, den können jetzt andere besser gebrauchen“, sprach Susanne.

„Ey, Alter, schaut euch das an, da brennt es auch“, rief Frank und zeigte auf den Bildschirm. Tatsächlich, aus der Kugel im Fernsehturm am Alexanderplatz stiegen Rauchwolken auf.

8:38 Uhr „Hab ich es doch gewusst und mir wollte keiner Glauben. Vielleicht hätten die das verhindern können“, rief Susanne.

„Watt zum Teufel haste da bloß jehört, Susanne. Sach doch endlich ma, wattde jehört hast“, sagte Bernd mit einer noch tieferen Stimme, als er vorher hatte. Ihm war ein Frosch im Hals anzumerken, den er gern runtergeschluckt hätte, es gelang ihm aber nicht.

Jürgen machte den Fernseher leise und sprach: „Jetzte setzen wa uns erstma alle hin und schnaufen ma durch. Ick hol uns watt anderet zu Trinken, der Kaffee is ooch schon kalt, dann reden wa in Ruhe. Susanne, dann erzählste uns ma watt de am Morjen jehört hast.“

„Haste ooch n’ Schnaps für mir, ick könnte jetze een jebrauchen, dürfte ick ooch eene roochen?“, fragte Bernd.

„Ähhhm… ick kiek ma nach nem Schnaps, du sorry, aber roochen is hier nisch“, antwortete Jürgen.

„Im Vorratsschrank unten rechts steht noch eine Flasche Wodka, möchten Sie, ähhhm… möchtest du davon einen haben, Bernd?“, fragte Susanne.

„Jerne. Schuldijung, ick trinke sonst nisch am frühen Morjen, schon ja nisch, wenn ick noch fahn muss, wa, abba jetze verspür ick son Bedürfnis nach nem Schnäpperkin. Roochen muss ja ooch nisch sein“, antwortete Bernd fast schüchtern.

Einige Zeit später war die Gesprächsrunde beendet. Bernd genoss derweil seinen Schnaps, der ihn sichtlich ruhiger machte. Frank und Jürgen tranken Wasser und Susanne hielt immer noch ihr fast volles Glas mit Apfelschorle, ihrem Lieblingsgetränk, in der Hand. Sie war die Einzige, die in dieser Gesprächsrunde etwas sagte. Die drei Männer saßen nur auf der Couch und im zweiten Sessel und hörten gespannt auf Susannes geschocktes, zum Teil unverständliches Gemurmel.

Ab und an ging mal der Mund auf, als wollten sie etwas sagen, aber da redete Susanne einfach weiter. Dann war es für einen kurzen Moment absolut still im Wohnzimmer.

„Und das hat dir die Polizei nicht geglaubt?“, fragte Frank. „In was für einem Scheißstaat leben wir eigentlich, dass dir nach so einem Telefonat nicht mal die Polizei glaubt. Wer soll uns denn vor diesen perversen Menschen schützen? Ich will noch nicht sterben! Verdammter Scheißstaat. Wer soll uns beschützen?“, entrüstete sich Frank, der wie wild mit erhobenen Zeigefingern Richtung Decke zeigte. „Beruhige dir, Frank“, versuchte Jürgen einzulenken. „So schnell stirbste nisch. Wir müssen jetzt janz ruhich bleiben und überlejen watt wa tun können. Also, in dem Telefonat haste eenen Satz vollständich mitjekrischt, Susanne?“, fragte Jürgen.

„Ja“, antwortete sie.

„Diesen Satz glooben dir die Bullen nisch, weiller zu abstrakt ist. Zu, wie haste jesacht, hat es der Polizist uff’m Revier jenannt, zu unwahrscheinlich. War ditt sein Wort, Susanne, unwahrscheinlich?“

„Jawohl, das hat er gesagt, dieser ungläubige Thomas. Das komische ist, der heißt auch noch Thomas. Hauptkommissar Thomas Birgel, mit vier Sternen auf der Schulter, diesen Namen vergess’ ich nie mehr“, fügte Susanne fast lachend hinzu. „Wieso konntest du eigentlich das Telefonat mithören?“, fragte Frank.

„Watten, watten, gloobste Ihr etwa ooch nisch, oder watt?“, sprach Bernd.

„Doch, aber ich habe noch nie ein Telefonat von anderen mithören können. Warum, wieso… wie soll das gehen, das frage ich mich nur gerade“, verteidigte sich Frank. „Wie ditt passieren kann weeß ick ooch nisch, aba et iss wohl so jewesen. Susanne hat es jehört und ick gloobe Ihr“, sagte Jürgen und sah Susanne mit einem bezaubernden Lächeln an.

„Danke Schatz“, antwortete sie ihrem Freund mit einem Spitzmund, wie bei einem Kuss.

„Heute werde ich Berlin inSchutt und Asche legen,wie es 1945 nicht hätte schlimmersein können, so wahr mir Gott helfe…

… Mann, Mann, Mann ditt darf doch allet nisch wahr sein. Wieso hat da eener so’n Hass uff Berlin. Ditt scheint mir keen Terrorist zu sein, sondern een Verrückter, aus „Bonnies Ranch“1entflohener“, wetterte Bernd, nachdem er den Satz, den Susanne mitgehört hatte und in der Gesprächsrunde aussprach, nochmal für sich durch den Kopf gehen ließ und dann noch einmal laut wiederholte.

„Een Verrückter is doch zu sowatt janisch im Stande, ditt müssen mehrere sein, der muss ja ooch mit irjend jemand telefoniert haben, also sind ditt schon mindestens zwee“, hängte Jürgen hintendran.

Diese Diskussion dauerte noch einige Minuten, ehe sich alle wieder dem auf laut gestellten Fernsehen hingaben. Sie sahen, wie die Bilder sich immer wieder wiederholten. Zunächst die Bilder vom brennenden Tower, dann die eingestürzte Oberbaumbrücke und die Bilder von der mittlerweile scheinbar in voller Feuersbrunst stehenden Fernsehturmkugel. Egal auf welchen Fernsehkanal Jürgen auch stellte, überall waren diese schrecklichen Bilder zu sehen. Wenn das normale Programm doch noch lief, waren zumindest in einem Laufband am unteren Rand die Nachrichten zu lesen.

Es erinnerte sicher alle Anwesenden an den 11. September 2001.

9:36 Uhr Es klingelte an der Tür, Susanne sprang aus ihrem Sessel, lief zur Tür und öffnete diese.

„Polizei. Frau Pohl? Dürfen wir rein kommen?“, hörten die drei Männer im Wohnzimmer eine weibliche Stimme. Susanne winkte zwei Beamte ins Wohnzimmer. „Schlimm, diese Bilder, was? Guten Morgen, mein Name ist Polizeiobermeisterin Kerstin Schmidt und das ist mein Kollege Polizeimeister Mike Kiekeben. Frau Pohl, wir kommen wegen Ihrer Aussage heute Morgen auf der Polizeidirektion 5 Abschnitt 53 in der Friedrichstrasse. Dort haben Sie mit Herrn Birgel gesprochen. Ist das soweit richtig?“, fragte die Beamtin. Sie trug ihr langes blondes Haar zu einem Dutt nach hinten.

„Ja, aber der Vollid… ähhhh… aber der wollte mir nicht glauben“, sprach Susanne zunächst entrüstet, dann beschämend.

„Frau Pohl, wir, die Polizei, gehen jedem Hinweis nach. Sollte es sich für Sie so angehört haben, als würden wir Ihnen nicht glauben, tut uns das sehr leid. Wir hätten da noch ein paar Fragen an Sie, Frau Pohl und daher möchten wir Sie bitten, mit uns auf’s Revier zu kommen“, sagte die Beamtin freundlich und doch bestimmend.

„Ja, natürlich komme ich mit. Darf mein Freund mich begleiten?“, fragte Susanne. „Wenn ihr Freund auch eine Aussage bezüglich Ihrer machen kann, ja. Wenn nicht kann er zwar mitkommen, muss aber draußen warten“, antwortete die Polizistin.

„Jürgen, kommst du bitte mit, ich brauche dich“, flehte sie ihren Freund an.

„Ja, na klaa komm ick mit, aba watt machen wa mit Bernd und Frank?“, fragte Jürgen.

„Also, ich würde jetzt auch gern nach Hause, aber ich fahre mit dem Bus, macht euch um mich keine Sorgen“, sagte Frank.

„Ja und ick muss ooch noch meene Tour weiter fahrn, verdammt, ditt hätt ick jetzte fast vajessen. Watt für’n Tach“, sprach Bernd.

„Lasst bitte eure Telefonnummern da, damit wir in Kontakt bleiben, würde mich freuen euch wieder zu sehen“, bat Susanne. Jürgen holte einen kleinen Schreibblock und einen Stift aus der oberen Schublade der Anbauwand und machte ganz nebenbei den Fernseher aus, auf dem gerade nochmal die Bilder von der Brücke liefen. Nachdem alle gegenseitig ihre Namen, Anschriften und Telefonnummern ausgetauscht hatten, schnappte sich Susanne ihren Schlüssel, den sie immer im Flur auf das kleine Beistelltischchen neben das Telefon legte, nahm ihre Handtasche, zog sich eine Jacke über und schloss, nachdem alle aus der Wohnung waren, die Tür ab.

9:56 Uhr Frank fuhr mit dem Bus zur Fontanestraße. Dort wohnte er mit seinem älteren Bruder bei seinen Eltern. Er zückte sein Handy und rief seine Mutter an. „Hallo Mama, ich bin’s, ich komme jetzt nach…“

Zusammen hatte die Familie eine große Fünf-Zimmerwohnung, die sie schon seit über 20 Jahre bewohnten. Zurzeit beaufsichtigten sie dort den kleinen Hund des Nachbarn, weil dieser mit Verdacht auf Herzinfarkt im Krankenhaus lag.

Wenige Monate nach der Geburt von Frank sind sie vom Bezirk Wedding hierher gezogen, weil der Arbeitgeber des Vaters nach Neukölln umzog. So zogen sie in diese kleine Nebenstraße, direkt am großen Park.

Frank war der Jüngere und damit das Nesthäkchen der Familie. Für seinen Bruder, der letztes Jahr nach über zwei Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen wurde, war er immer ein Störenfried. Er saß diese Haftstrafe ab, weil er mit einem Kumpel einen bewaffneten, erpresserischen Überfall mit Geiselnahme auf eine Bank verübte. Bei der Flucht ließen sie die zwei Geiseln, die sie gut behandelten, frei und hauten mit einem Fluchtwagen und mehreren hunderttausend Euro ab. Wenig später blieb der Wagen wegen Benzinmangels stehen und die Polizei hatte leichtes Spiel. Die beiden Flüchtigen ergaben sich auch sofort und ohne Widerstand. Wegen guter Führung kam er schon nach über zwei Jahren wieder raus, obwohl ihn der Richter zu viereinhalb verdonnerte.

Es gab keine Bruderliebe zwischen ihnen. Schon als Kinder hatten sie immer Streit. Alles, was Frank gut fand, wurde von seinem Bruder für schlecht befunden. Auch jedes Mädchen, was Frank gut gefallen hatte, wurde von seinem sechs Jahre älteren „Versager der Familie“ vergrault. So fand Frank schwer eine Freundin, was bis heute auch so geblieben ist. Als Franks Bruder, vor ein paar Wochen, mal einen scheinbar guten Augenblick hatte, vertraute er ihm an, sich etwas in eine Arbeitskollegin verguckt zu haben, aber vermutete, das diese zu alt für ihn sei, was der Bruder natürlich bejahte und ihn lächerlich machte. Damit war der gute Moment dann auch schon wieder vorbei.

Frank wurde von seinen Eltern, von Geburt an stets mehr bemuttert als sein Bruder, was diesem natürlich überhaupt nicht gefiel. Am liebsten hätte er Frank dafür umgebracht, aber das traute er sich dann doch nicht, obwohl er oft darüber nachgedacht hatte. Einmal sagte er es sogar laut, ausgerechnet auf einer Familienfeier. Da bekam der ältere der beiden Söhne aber mächtig einen auf den Deckel von seinen Eltern. Fast wäre er auf der Straße gelandet, konnte sich aber mit einer großen Entschuldigung vor der ganzen Familie in der Wohnung halten. Wo sollte er auch hin. Er war arbeitslos und auch keinen Schritt dazu bereit etwas an diesem Zustand zu ändern. Warum auch, wenn Mutter und Vater ihn doch durchfütterten. Er war das „schwarze Schaf“, das war jedem in der Familie klar. Frank dagegen war genau das Gegenteil von ihm. Er war schon in der Schule kein Schlechter, brachte stets gute Noten und Lobeshymnen der Lehrerinnen und Lehrer mit nach Hause. Das zog sich die gesamte Schulzeit so durch. Franks Eltern waren so froh, als sie hörten, das ihr Lieblingssohn eine Ausbildung zum Versicherungsfachmann, also einen seriösen Beruf, absolvieren wollte. Sie unterstützten ihn bei allem und vergaßen dabei ihren ersten Sohn, der auch nicht unbedingt den Anschein machte dazugehören zu wollen. Er hing, schon als Jugendlicher, lieber den ganzen Tag irgendwo mit Kumpels ab und bemühte sich kein Stück um Familie oder Arbeit. Er brach seine erste und einzige Lehre zum Maler nach nur vier Monaten ab, mit der Begründung, dass er keinen Bock habe, im Winter auf ein Geländer zu klettern und Häuser anzustreichen. Vor allem aber schon gar nicht, die schweren Farbeimer zu schleppen. So ließ er lieber sich selber „anstreichen.“ Jede Menge verrückter und teils unsauber gestochener Tattoos belegen einen großen Teil seiner Haut. Als er letztes Jahr aus dem Knast kam, war sogar sein Gesicht nicht verschont geblieben. Er hatte plötzlich ein paar Tränen unter den Augen, die man aber nicht einfach wegwischen konnte. So ist er für ewig traurig. Ob er es irgendwann einmal bereut?

Seine Eltern hatten schon den ganzen Vormittag versucht, Frank per Handy zu erreichen, aber die Leitung war angeblich stets besetzt. Sie waren jetzt sehr erleichtert, dass es ihrem Jungen gut ging, denn auch sie hatten die Bilder im Fernsehen verfolgt und sich gefragt, ob Frank bereits an seinem Arbeitsplatz angekommen war und sich im Gebäude befand. Es hätte nicht mehr lange gedauert und sie hätten bei der Polizei angerufen um sich zu erkundigen, ob ihr Sohn sich eventuell unter den Opfern befand, weil er nicht zu erreichen war. Darüber hatte Frank in der ganzen Aufregung überhaupt nicht nachgedacht. Natürlich machten die sich große Sorgen, das wurde ihm jetzt bewusst. Die Nähe zu Susanne und die Ereignisse des Vormittags ließen ihn die Sorgen seiner Eltern nicht in sein Bewusstsein dringen.

„… Hause. Dann erzähle ich dir was ich heute Morgen alles erlebt habe. Bis gleich, tschüss.“

Bernd fuhr mit seiner Tour fort, die er vorhin durch den Feuerwehreinsatz und seine Fahrt durch die Pfütze abrupt beendet hatte. Er musste Lebensmittel in die Supermärkte bringen, die wohl schon auf ihn warteten. Auch er telefonierte. Mit seiner Frau Andrea, die krank im Bett lag. Er sagte ihr nichts von seinen Erlebnissen des Vormittages, um sie nicht zu beunruhigen. Er wollte ihr einfach mal so zwischendurch „Ich liebe dich“ sagen.

10:07 Uhr „Frau Pohl, mit wem haben Sie telefoniert, als Sie das mit dem, wie Sie sagen, Anschlag gehört haben? Konnte Ihr gegenüber das Gespräch auch hören, gibt es weitere Zeugen? Um welche Uhrzeit war das alles noch mal? Wenn es geht bitte sehr genau, wir werden das auch alles überprüfen. Der Kollege Birgel aus Kreuzberg ist auf dem Weg hierher, so müssen Sie nicht noch einmal dorthin“, sagte die Polizistin, Frau Schmidt, die nun zusammen mit ihrem Kollegen Mike und Susanne auf dem Revier, in der Rollbergstraße, im Bezirk Neukölln, in einem Dienstzimmer saßen.

„Das sind so viele Fragen, lassen Sie mich versuchen den heutigen Morgen Schritt für Schritt zu rekonstruieren“, antwortete Susanne. Sie holte noch mal tief Luft und fing an zu reden: „Also, ich sprach mit Jochen, das ist der Aufnahmeleiter von LRT wegen der Filmaufnahmen zum Werbefilm, der in dieser Woche gedreht werden sollte. Hmmm,… nein, er hatte schon aufgelegt, ich glaube nicht, dass er mithören konnte. Weitere Zeugen gibt es also nicht. Was war nochmal die nächste Frage?“ Susanne war zwar viele Fragen gleichzeitig gewohnt, aber in diesem Moment war sie einfach nicht in der Lage dazu, sich voll zu konzentrieren. „Wissen Sie noch die genaue Uhrzeit, Frau Pohl?“, fragte Frau Schmidt. „Darf ich mal mein Handy rausholen, ich habe dort ein Gesprächsprotokoll, da müsste es genau stehen, wann ich telefoniert habe“, fragte Susanne.

„Natürlich, wenn Sie so etwas haben, das hilft uns doch weiter“, bekam Susanne die Erlaubnis. Die rothaarige Frau stöberte in ihrer Handtasche nach ihrem Handy. Als sie es gefunden hatte, sah sie in ihren Anrufprotokollen nach.

„Also, das muss,… nein… es war um 5:58 Uhr, bis dahin habe ich mit Jochen Stoffel telefoniert. Dann hat er aufgelegt und als ich es gerade tun wollte, hörte ich noch eine Stimme. So hielt ich mir das Handy nochmal ans Ohr und fragte: „Wolltest du noch etwas sagen, Jochen?“ Aber Jochen war nicht mehr dran. Stattdessen hörte ich diese Stimme“, sagte Susanne.

„Wissen Sie genau, dass die Stimme nicht von dem Produzenten war? Wie hörte sich die Stimme an, wurde mit Dialekt gesprochen?“, fragte die Polizistin.

„So viele Fragen, aber gut ähmmm… also, ja, es war nicht Jochen. Ich kenne seine Stimme schon seit cirka drei Wochen, solange geht das schon mit den Vorbereitungen. Ich habe Ihn auch mal persönlich kennen lernen dürfen. Er hatte immer die gleiche Stimmlage. Übrigens, er ist nicht Produzent, sondern Aufnahmeleiter. Das Telefonat danach, also der Anrufer danach hatte eine ganz andere Tonlage. Ich würde sagen keinen ausländischen Dialekt, eher altdeutsch… hmmm…so wie mein Großvater früher mit mir gesprochen hat. Der kam aus Ostpreußen“, sagte Susanne.

Der Beamte aus Kreuzberg kam noch während des Gesprächs dazu, so musste Susanne nur ein Teil ihrer Aussage wiederholen. Herr Birgel entschuldigte sich bei Susanne für seinen, vielleicht nicht ganz vorschriftsmäßigen, Umgang mit ihr am Morgen. Dann konnte Susanne, nachdem sie das Aussage-Protokoll unterschrieben hatte, den Vernehmungsraum und das Revier verlassen. Sie fuhr mit Jürgen in ihre Wohnung zurück. Im Auto lief das Radio. 10:42 Uhr

„… niemals in Hava…… wir unterbrechen den Jörgens nur ungern,aber für eine wichtige Durchsage müssen wirden Uwe aus Havanna zurückholen.

Soeben wurde uns mitgeteilt, dass es einenversuchten Bombenanschlag auf dasReichstagsgebäude gegeben haben soll.Die Bombe soll nur verpufft sein.

Wer der oder die Täter sind, ist noch nicht bekannt.Genauso weiß man noch nicht, ob dieserversuchte Bombenanschlag mit den Brändenan den Treptowers, dem Fernsehturm und demEinsturz der Oberbaumbrücke zusammenhängt.

Die Spitzenpolitikerin, Frau Veronika Kelmert, warzum Zeitpunkt des Fundes der Bombe im Gebäude,welches komplett evakuiert werden soll.

Jetzt weiter mit Musik, die Gruppe„The Firemans from UK“ mit „Every breath…“

10:47 Uhr „Ditt muss doch eene janze Gruppe Wahnsinniger sein, ditt kann doch keen einzijer sein, der die janze Stadt terrorisiert und wir haben jetzt erst dreiviertel Elf, watt passiert noch allet heute“, fragte Jürgen.

In Susannes Wohnung angekommen, schmiss sie ihre Handtasche auf das kleine Tischchen, auf dem das Telefon stand. Dabei fiel ihr Portemonnaie zu Boden, was Susanne aber nicht bemerkte. Sie versuchte nun noch mal Herrn Zander zu erreichen, während sich Jürgen vor den Fernseher setzte. Der Anruf blieb wieder ohne Erfolg, so setzte sie sich neben ihren Freund auf die Couch und sah sich fast wie in Trance die Bilder im Fernsehen an.

„Oh mein Gott“, kamen wieder mehrere Male über ihre Lippen. „Was wird aus unserer Arbeitsstelle?“, fragte sie dann zwischendurch. Auch Jürgen war bei der großen Versicherung, im Außendienst, beschäftigt. Er feierte diese Woche ein paar Überstunden ab, wobei er auch für den Werbefilm mit anpacken wollte. So wollte er das Foyer schmücken und hätte sich freiwillig in den Eingang gestellt, um den Willkommenssekt zu servieren. Dafür hatte er sich extra vor wenigen Tagen einen Smoking gekauft. Einen solch feinen Zwirn wollte er immer schon mal anziehen und servieren hat ihm schon als Kind Spaß gemacht. Jetzt sah er die Bilder im Fernsehen vom Eingang des Towers, in dem die Feuerwehr versuchte die Flammen unter Kontrolle zu bekommen. Sein Kindheitstraum scheint nicht in Erfüllung zu gehen. 11:04 Uhr

***

8:24 Uhr Die 27jährige Daniela Röstel saß, wie jeden Morgen mit einem Buch in der Hand in der U-Bahn Richtung Warschauer Straße. Sie hielt gerade am Bahnhof Kottbusser Tor. Ein Umsteigebahnhof, auf dem es um diese Zeit wild zuging. Viele Menschen stiegen aus den Zügen, in die andere so schnell wie möglich hinein wollten. Oft kam es so zu Reibereien zwischen den Passagieren. Am heutigen Morgen kam es zu keinen Schwierigkeiten. Alles lief perfekt. Zunächst ließ man aussteigen, dann wurde eingestiegen.

An diesem Morgen kam Daniela nicht viel zum Lesen. Sie nahm ihr Buch mal beiseite. Dazu steckte sie ihren Zeigefinger in die Stelle, wo sie gerade aufgehört hatte zu lesen und hielt das Buch nun mit Mittelfinger und Daumen fest. Sie musste jetzt einfach diesen kleinen Kindern, die eine Station vorher, an der Prinzenstraße zugestiegen waren zusehen und deren Gespräche belauschen.

„Du, mein Papa kann viel besser Kochen als deine Mama“, sagte da ein kleiner Stöpsel.

„Na und, mein Papa kann dafür besser Autofahren als deiner“, entgegnete dort ein anderer.

„Meine große Schwester hat einen neuen Freund, der ist total doof“, kam es aus der anderen Ecke des Zugabteils.

Daniela machte es Spaß, diesen Kindern zuzuhören und sie zu beobachten. Es war herzerweichend, wie die Kinder sprachen, rumalberten und lachten. Dieses Lachen steckte jeden der vielen Fahrgäste an. Alle hatten so ein fröhliches, zufriedenes Lächeln im Gesicht.

Gern hätte Daniela auch Kinder gehabt, aber bisher hat sie noch nicht den richtigen Mann dafür gefunden. Sie hatte schon einmal einen, mit dem sie gern Kinder gehabt hätte, aber der starb bei einem Autounfall vor über drei Jahren. Er war die wirklich große Liebe für sie. Vielleicht war es deshalb so schwer für sie einen neuen Freund zu finden, weil sie ihn mit diesem Mann verglichen hätte. Außerdem gab sie sich immer noch die Schuld an seinem Tod. Sie war der Meinung, sie hätte es verhindern können, dass er damals in das Auto einstieg, wenn sie ihn nur mehr darum gebeten hätte.

Ihr damaliger Freund war aber nun mal ein Autonarr. Er sagte einmal: „Ich will mal jedes Auto-Modell der Welt gefahren sein, bis ich sterbe.“ Dieses Auto war sein sechsundachtzigstes und sein letztes. Es war ein Ferrari 512 BB, Baujahr 1977, mit 360 PS unter der Haube. Dass der Rennwagen nicht ganz in Ordnung war, hatte er gewusst, aber er wollte ihn unbedingt Probefahren, wie er dazu immer zu sagen pflegte. Er fuhr mit solchen Wagen immer auf Landstraßen im Umland von Berlin. Dort konnte er die Wagen mal richtig auf Touren bringen und auch seinen Adrenalinhaushalt. Wie an diesem 10. Oktober 2008. Er saß allein in der Rennmaschine, die ihm ein entfernter Bekannter seines Arbeitskollegen besorgt hatte. Er hatte schon auf 120Km/h beschleunigt, was für diesen Wagen und für ihren Freund noch überhaupt nichts war. In einer Rechtskurve hatte dann wohl, so kam später heraus, die Lenkung versagt und das Auto schoss förmlich zwischen zwei Bäumen hindurch über einen Graben und dann kopfüber in einen kleinen See. Das Fahrzeug sank schnell. Ihr Freund kam nicht mehr heraus und ertrank. Daniela hatte ihn vorher gebeten, nicht mit diesem kaputten Wagen zu fahren. Hätte sie ihn doch bloß energischer angefleht. Vielleicht wäre er nicht losgefahren, obwohl er sich wahrscheinlich nicht hätte davon abbringen lassen. Heute noch erinnert ein hölzernes Kreuz mit seinem Namen drauf in der Kurve an ihn.

Die 24 Kinder saßen diszipliniert auf den Sitzen der U-Bahn, ihre beiden Betreuerinnen standen verteilt im Waggon. Eine ältere Begleiterin war Melanie Engewicht. Sie stand in Fahrtrichtung an einer Haltestange angelehnt. Sie hielt sich, mit beiden Armen nach hinten verschränkt, an der Stange fest, von wo die 58-Jährige die Kinder gut im Blick hatte. Betreuerin auf der anderen Seite des Abteils war die 33-jährige Yvonne Bösebeck. Ganz im Gegenteil zu ihrem Namen war sie sehr nett. Die Kinder fanden sie „Klasse, Super, Toll, Spitze“. Yvonne war die Lieblingsbetreuerin von fast jedem Kind des Kindergartens, in dem sie seit über sechs Jahren arbeitete. Sie hatte selber keine Kinder, wusste aber perfekt mit den Kleinen umzugehen. Meist war sie sehr lieb zu ihnen, aber wenn sie mal die Stimme erheben musste, wussten die Kinder auch ganz genau: „OK, bis hierhin und nicht weiter.“ Manch kleines Bengelchen musste es schon mit ihren lustigen Strafen, die sie dann verteilte, aufnehmen. Wenn ein Kind wirklich mal nicht gehört hatte, auch nach mehrmaliger Ermahnung, so musste es für zehn Minuten abwechselnd auf einem Bein stehen und dabei in die Hände klatschen, oder sich für fünf Minuten selbst, abwechselnd an beiden Ohren ziehen und dabei die Zunge immer wieder herausstrecken. Den meisten Kindern war das alles zu peinlich, so vermieden sie es, Yvonne zu reizen.

Als der Zug vom Schlesischen Tor abfuhr, ging eine freundliche aber bestimmende Durchsage durch das Abteil: „So Kinder, an der nächsten Station müssen wir raus, bitte in Zweierreihen aufstellen und ruhig verhalten, Danke“, hörte man eine ältere Stimme von rechts.

Daniela saß in der Mitte des Waggons, der in drei verschieden große Abteile unterteilt war, jeweils mit gegenüberliegenden Sitzflächen. Nur in diesem Waggon war eine Sitzbank im kleineren Abteil nicht vorhanden, weil dort ein Platz für Koffer oder Fahrräder war, der heute aber nicht belegt war. Es war für Daniela schön anzusehen, wie die Kinder hörten und alle sofort ihre Gespräche beendeten und sich in Zweierreihen, Hand in Hand, aufstellten. Die Kinder im Alter von vier und fünf Jahren waren auf dem Weg zu einem Kindertheater und standen nun direkt in einer Schlange von zwölf Zweierreihen, vor Daniela. Am Anfang und am Ende der Kinderschlange standen jeweils die Betreuerinnen. Auch Daniela musste an der nächsten Station aussteigen, weil der Zug dort seinen Endbahnhof erreichte. Daniela sah auf ihre Armbanduhr, die 8:29 Uhr anzeigte, was bedeutete, dass sie wohl die Straßenbahn, in die sie gleich umsteigen wollte, nicht mehr erreichen würde, weil dieser Zug drei Minuten Verspätung hatte.

Daniela war darüber nicht erbost. Sie wusste, dass die Nächste schon in wenigen Minuten kam. An jedem Tag fuhr sie etwas früher los, um nicht in Zeitnot zu geraten. Wobei sie heute schon etwas später dran war als sonst. Die Züge und Straßenbahnen hatten eine kurze An- und Abfahrtsfolge, weshalb sie auch lieber die Bahn nahm, als sich in das Auto zu setzen und im Stau zu stehen. Das Auto nahm sie seit dem Unfall ihres Freundes sowieso nicht so gern. Nur wenn es unbedingt sein musste. Außerdem konnte Daniela noch ganz entspannt ein Buch lesen, sich die Menschen ansehen, die teilweise schon morgens gestresst zur Arbeit fuhren oder einfach die Aussicht aus dem Zug genießen. Sie war so begeistert von diesen Kindern, dass sie sich dieses Schauspiel, oder besser die Kunst der Erziehung der Betreuerinnen gern noch ein wenig im Sitzen ansah. Daniela hatte einen guten Überblick über die Kinder und als sie nun einen Blick nach draußen warf, um zu sehen wie weit es noch etwa zum Bahnhof war, sah sie die drei, 30 Meter großen Figuren, die man „Molecule man“ nannte, in der Spree und die Rauchschwaden und das Blaulicht vom Tower.

„Oh, was ist da wieder los?“, dachte sich Daniela, guckte dann aber sofort wieder auf die Kinder. Diese standen nun fast alle schweigend, wie an einer Schnur gezogen, in Reih und Glied und warteten auf weitere Kommandos der Betreuerinnen. So kam es Daniela jedenfalls vor. Als auch eines der Kinder den Rauch entdeckte, rief der kleine Knirps laut: „Ey, kickt ma, da drüben steht die Feuerwehr“, und schon war es mit der Disziplin der kleinen Rabauken vorbei. Wo Platz war, schossen die Kleinen nun an die Fenster und sahen wie die Feuerwehren mit den Rettungsleitern am Hochhaus standen und wie aus deren Schläuche das Wasser spritzte.

„Cooooool, wenn ich groß bin, werde ich auch Feuerwehrmann“, sagte ein Fünfjähriger.

„Und icke werd Polizei“, antwortete ihm ein Vierjähriger.

Als die U-Bahn, die nicht, wie ihr Name es vermuten ließ, unter der Erde fuhr, sondern oberhalb etwa auf der Hälfte einer Brücke war, machte es für Daniela plötzlich den Eindruck als würde der Tower umkippen. Für sie sah es so aus, als fiele der Tower nach rechts um. Für einen Augenblick kamen Daniela die Bilder vom 11. September 2001 in den Sinn. Groß und Klein im Waggon starrten auf das Hochhaus. Von draußen drang nun ein sehr lautes Quietschen, welches entstand, wenn man zwei verrostete Metalle mit sehr hohem Druck aufeinander rieb, ins Innere des Zugabteils. Sofort gingen bei vielen Passagieren die kleinen Härchen an den Armen hoch und bildeten eine Parade, eine Gänsehautparade. Es war so laut, dass man es kaum aushalten konnte. Nach dem ohrenbetörenden Quietschen kam dann ein Moment der Stille. Dann die Schwerelosigkeit. 8:31 Uhr

***

10:36 Uhr „Gehen Sie bitte weiter, Sie behindern die Arbeit der Feuerwehr. Hallo, Sie da, nicht hinter die Absperrung, hey, haaaallo, nicht hinter die Absperrung“, schrie einer der Polizisten, der mit der Absperrung am Treptower beauftragt wurde.

An Tower und Umgebung herrschte das Chaos. Die Straßen ringsum wurden für den Fahrzeugverkehr komplett gesperrt. Ein solches Polizei- und Feuerwehraufgebot sah man selten in diesem Bezirk. Aus den angrenzenden Bezirken wurden Einsatzkräfte hinzugezogen. Die Hilfskräfte taten ihr Bestes.

Für 12:00 Uhr wurde eine Pressekonferenz einberufen, an der der Bürgermeister von Friedrichshain Rolf Mazur, Einsatzleiter der Feuerwehr und Polizei teilnehmen würden, damit die Mitbürger über den Stand am Tower benachrichtigt werden.

Das Fernsehen war mit vielen Kameras vor Ort, sogar ein Hubschrauber wurde eingesetzt, den die Polizei aber nach kurzer Zeit wieder aus der Luft beorderte, weil er zu Nahe am Geschehen war und eventuell das Feuer durch die Luftverwirbelungen noch hätte anfachen können. So flog der Helikopter jetzt weiter oben, wo er keinen Schaden mehr anrichten konnte. Nur so war auch der Einsturz der Oberbaumbrücke und der Brand im Fernsehturm schnell im Fernsehen zu sehen. Die Bilder von dort oben gehen nun um die ganze Welt.

„Sagen Sie mal, rede ich chinesisch, oder sind Sie taub?“, brüllte der Polizist. „Ich habe Sie doch gerade schon gebeten, hinter der Absperrung zu bleiben. Jetzt sind Sie schon wieder hineingegangen“. Der Polizist schüttelte den Kopf.

„Aber mein Mann ist doch noch im Gebäude, er arbeitet hier“, rief die Frau, Mitte 50, und war den Tränen nah.

„Kommen Sie bitte hier herüber“, bat der Polizist, Danny Nuppenau, jetzt mit ruhigerer Stimme. Als die Frau neben dem Polizisten stand, sah er die Panik in ihren Augen. Das Gesicht schien zerfressen von der Sorge um ihren Mann. Die Frau zitterte und fragte den Beamten: „Wissen Sie, ob alle aus dem Gebäude gekommen sind? Mein Mann hat hier im 5. Stock gearbeitet. Er war heute extra sehr früh los, er hatte noch so viel zu erledigen.“

„Leider kann ich Ihnen über Personen keine Auskunft geben, aber die Mechanische Hilfsgemeinde, das DOX, also das Deutsche Orange X und die Theresa-Unfall-Stiftung haben in der Puschkin-Allee, gleich hier um die Ecke Zelte aufgebaut, da könnten Sie mal fragen“, antwortete Herr Nuppenau. Die Frau ging umgehend dorthin.

„Können Sie mir vielleicht sagen, ob mein Mann noch im Gebäude ist, ob er verletzt ist?“, fragte die ältere Frau eine junge Frau, die eine orangefarbene Jacke mit dunkelgrauen Querstreifen, mit der Aufschrift „Deutsches Orange X“ trug.

„Darf ich Ihren Namen erfahren, dann kann ich in unserer Kartei nachsehen“, sagte die junge Frau, Lisa Pamp. In dem großen Zelt waren viele Menschen, die behandelt wurden auf Liegen und Stühlen verteilt. Einige hatten Kopfverbände, andere hatten ihre Hände und Arme verbunden. Die ältere Frau sah sich um, konnte aber ihren Mann nicht finden. Die Helfer hier hatten genug zu tun, genauso wie in den benachbarten Zelten. An diesem hier stand in großen Buchstaben „Angehörigen-Nachfrage“, deshalb hatte sich die ältere Frau hier hinein begeben.

„Zander, Peter Zander. Er arbeitet im 5. Stock der Versicherung“, sagte sie zu der jungen Frau.

„Danke, und Sie sind die Ehefrau?“, fragte Lisa. Diese vernahm darauf ein kurzes: „Ja.“

„Moment bitte.“

Lisa setzte sich an einen Computer und wurde leicht nervös. „Kommen Sie bitte mal mit, wir gehen in ein anderes Zelt“, flüsterte die junge Frau jetzt fast. So gingen die beiden, ohne jedes weitere Wort, aus dem großen Zelt. Im kleineren Nachbarzelt kamen den beiden gleich zwei Personen entgegen. Der eine trug ein weißes Sweatshirt der andere war in schwarz gekleidet. „Bitte setzen Sie sich, Frau ähhh…?“, fragte der Mann in weiß. „Zander“, antwortete die ältere Frau.

„Ja, Frau Zander, bitte hier. Darf ich Ihnen etwas anbieten, ein Glas Wasser vielleicht?“

„Nein danke, ich möchte nur wissen, wo mein Mann ist. Er hat sich seit heute Morgen nicht mehr gemeldet“, sagte die Frau. Die Stimmlage der älteren Frau wurde energischer. „Es tut mir leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Mann es nicht geschafft hat“, kam dann die prompte und direkte Antwort.

Stille.

Totenstille.

Um Frau Zander herum waren viele Geräusche. Noch immer hörte man Sirenen, Stimmengewirr, selbst ein Vogelzwitschern war zu vernehmen, doch nicht für Frau Zander. Die 56-jährige fiel in einen Tunnel der Stille. Erst ganz langsam kamen wieder Geräusche, zunächst ein Zischen, dann ein Rauschen, was in menschliche Stimme überging. Ganz allmählich konnte sie die Worte, die auf sie einrieselten wieder verstehen. Der Mann in schwarz redete die ganze Zeit, während Monika Zander aus dem Reich des Nichts wieder hervorkam. Sie bekam zunächst nur Bruchstücke mit, ehe sie wieder alles hörte.

„Schschsch… brennen… schsch… hat uns… sch… Fenster… gewaltsam Tür geöffnet… am Boden… geholt… im Rettungswagen versucht… wieder da…Krankenhaus… wurde wiederbelebt… hat es dann aber leider doch nicht mehr geschafft, Frau Zander, es tut uns leid. Ihr Mann erlag einer Rauchgasvergiftung. Man hat alles versucht“. 11:17 Uhr

***

„Susanne…“, sagte Jürgen. „… Susanne, uffwachen“, rief er etwas lauter und drückte sie von sich weg. 11:11 Uhr Beide waren kurzerhand erschöpft eingeschlafen. Zunächst Susanne, deren Kopf an Jürgens Schulter stoppte, dann Jürgen, dessen Kopf wiederum gegen Susannes Kopf lehnte. Das war ein schönes Bild. Jürgen wachte nun auf und sah zum Fernseher. Er musste die Bilder jetzt Susanne zeigen. „Hää, was ach Schatz noch 10 Minuten“, sagte sie schläfrig.

„Nee, ditt musste dir jetze aba ankieken, et scheint weita zu jehen, ditt sind doch neue Bilder, wa?“, fragte er. Susanne rieb sich die Augen, die von der Schminke und dem Weinen heute Morgen etwas verklebt waren. „Ist das das Reichstagsgebäude?“, fragte sie.

„Ja, ditt isset“, beantwortete er ihre Frage.

„Mach doch mal lauter, da kommt gerade ein Reporter“, bat Susanne.

„Ja und im Hintergrund iss de Polizei zu sehen“, sagte Jürgen während er auf der Fernbedienung die Lautertaste drückte.

„… was genau passiert ist, jetzt von unseremKorrespondenten Heinz Kettner.“

„Ja, danke Peter, was für ein Tag hier in Berlin,zunächst brennt es im Treptower, einemBürogebäude in Friedrichshain, dannstürzt die Oberbaumbrücke in Kreuzberg ein,auf der eine darüberfahrende U-Bahn indie Spree stürzt.

Dann der Brand im Fernsehturm und nundiese beiden versuchten Bombenanschlägeauf das Reichstagsgebäude.

Aber zunächst einmal von hier.

Heute um 10:00 Uhr hat es hier schon einmaleinen Bombenanschlag gegeben,der jedoch verpuffte. Um 11:00 Uhr ist eine weitereBombe losgegangen, auch diese ist nurverpufft. Daraufhin wurde jetzt daskomplette Gebäude geräumt, natürlichauch Frau Kelmert, und jetzt geht man dasGebäude verstärkt mit Bombenspürhunden ab.“

„Wurden Personen verletzt oder wurde dasGebäude beschädigt?“

„Nein, bei beiden Bomben haben wohl dieZünder versagt, so kam es zum Glück nurzu Verpuffungen und nicht zu Explosionen.“

„Ja, zum Glück, vielen Dank für dieseEindrücke, das war Heinz Kettner, vor demReichstagsgebäude in Berlin, wo es heutebereits zwei versuchte Bombenanschläge gab.“

„Nun zu den eben angesprochenen anderenEreignissen des Tages hier in Berlin“

Um 5:45 Uhr heute Morgen wurde die Feuerwehrzu einem Großeinsatz in den Bezirk Friedriedshaingerufen, dort brannte das Hochhausgebäudeder Treptowers. Hier nochmal die Bilderdazu,… man sieht wie die wenigen Menschenan den Fenstern stehen und um Hilfe rufen undnach Luft ringen…“

„Oh mein Gott, das ist Herr Zander, das ist Herr Zander, Jürgen das ist…mein Chef“, rief Susanne. „Er war schon vor mir da. Juhu, er lebt“, rief Susanne erleichtert und schmunzelte ein wenig. 11:16 Uhr

„…bei dem Einsturz der Oberbaumbrücke, diedie Bezirke Kreuzberg und Friedrichshainverbindet, wurde die erst 1995 wiederhergestellteBrücke an einer Seite so stark beschädigt, dassdie Gleise von der U-Bahn in Mitleidenschaftgezogen wurden. Ein U-Bahnzug, mit4 Waggons, stürzte komplett in die Spree.

Es steht jetzt fest, dass es sich hierbei um einenAnschlag handeln muss.

Die Brücke ist nicht, wie anfangs vermutetwurde, einfach eingestürzt, sie wurde durch Bombenstark beschädigt, was den Einsturz verursachte.

Bisher sind uns 49 Tote und 28 Verletzte bekannt“.

„Bei dem Brand in der Kugel des Fernsehturms istnoch nicht bekannt, ob es sich um einenAnschlag handelt, es könnte auch an einemtechnischer Defekt gelegen haben, dass es zumBrand gekommen ist. Bisher ist jedochein Toter zu beklagen“.

„Noch einmal zurück zum Feuer an den Treptowers.

Nach den letzten Angaben der Feuerwehr gabes 15 Tote und vier verletzte Feuerwehrmänner.Das Gebäude soll komplett durchsucht undgeräumt worden sein.

Da es keine Vermissten, außer den bekanntenToten zu geben scheint, hat wohl niemandaus diesem Gebäude das Feuer oder denRauch überlebt,….

„Nein, das darf nicht wahr sein“, dachte Susanne. Eben noch freute sie sich, ihren Chef lebend gesehen zu haben und nun diese Nachricht. Sie schrie „Oh mein Gott“ und weinte bitterlich. Auch Jürgen rollten nun die Tränen an den Wangen herunter. 11:29 Uhr Plötzlich klingelte das Telefon. Susanne und Jürgen erschreckten sich. Beide waren eigentlich nicht in der Lage, mit irgendjemanden zu sprechen. So klingelte das Telefon weiter und gab keine Ruhe. Viele Sekunden später beschloss Susanne doch abzuheben. „Ich muss mal dran gehen“, sagte sie. Mit weinerlicher Stimme nahm sie den Hörer ab und sagte: „Pohl, wer ist da?“

„Ick bin et, Bernd. Wollte mich erkundigen wie et dir jeet. Hab grade Mittachspause und leider een bisschen Zeit zum Nachdenken. Ick kann ditt allet noch nicht vaabeiten, watt heute Morjen los war. Wie jeht ditt dir?“

Susanne hielt einen Moment inne. „Schlecht, ganz schlecht, Bernd. Mein Chef ist wahrscheinlich im Tower… gestorben“, jetzt hörte Bernd nur noch ein Schluchzen. Es kamen keine weiteren Worte mehr aus Susanne heraus.