Die dunklen Seiten eines Sommers - Klaus-J. Teutloff - E-Book

Die dunklen Seiten eines Sommers E-Book

Klaus-J. Teutloff

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Beschreibung

In diesem Roman geht es nicht um die Jahreszeit Sommer, sondern vielmehr wird hier die Geschichte eines Herrn Ronny Sommer erzählt. Ronny wurde 1958 in Magdeburg (damals noch DDR*) geboren. Als Kind wächst er behütet, aber auch streng erzogen, bei seinen Eltern auf, die nach seiner Geburt die Großstadt verlassen um ihn in einem kleinen Dorf das Aufwachsen zu verschönern. In der Familie geht es sonst harmonisch zu und es wird viel gelacht. Ronny entwickelt sich auf dem Land gut und so hatte er es leicht einen besten Freund zu finden. Die helle Kinder- und Jugendzeit verdunkelt sich dann, als im Jahr 1973 ein dramatisches Ereignis seine Welt auf den Kopf stellt. Aus dem fröhlichen Jungen wird ein Scheusal. 16 Jahre später verändert Ronny dann die ganze Welt. * DDR = Deutsche Demokratische Republik (1949-1989) Zum 30-Jährigen Mauerfall-Jubiläum Diese Deutsch-deutsche Geschichte erklärt (auch) warum die Mauer gefallen ist.

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Seitenzahl: 255

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Die mitwirkenden Personen und Handlungen

in diesem Buch sind frei erfunden.

Jegliche Übereinstimmung mit Lebenden oder

Verstorbenen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Sowohl der Autor als auch der Verlag haften nicht

und sind daher klaglos zu halten.

Inhaltsverzeichnis

05. Mai 2016: kurz vor 19:00 Uhr

05. Mai 2016: 05. Mai 2016

05. Mai 2016: ca. 21:15 Uhr

05. Mai 2016: Ca. 21:25 Uhr

05. Mai 2016: Ca. 22:30 Uhr

06. Mai 2016: Ca. 08:30 Uhr

1989

06. Mai 2016: kurz nach 13 Uhr

06. Mai 2016: Ca. 15:50 Uhr

06. Mai 2016: Ca. 17:00 Uhr

06. Mai 2016: Ca. 21:30 Uhr

07. Mai 2016: ca. 07:10 Uhr

07. Mai 2016: Ca. 09:15 Uhr

07. Mai 2016: Ca. 10:10 Uhr

07. Mai 2016: Ca. 10:25 Uhr

07. Mai 2016: Ca. 10:55 Uhr

07. Mai 2016: Ca. 11:17 Uhr

15. Juni 2015

16. Juni 2015: ca. 11:00 Uhr

07. Mai 2016: ca. 13:30 Uhr

Ca. 19:05 Uhr

Ca. 19:45 Uhr

20. Februar 1986

07. Mai 2016: ca. 19:50 Uhr

07. Mai 2016: ca. 20:30 Uhr

Ca. 21:30 Uhr

1973

Mitte bis Ende der 1970er

1989

Mitte Mai 2016

Mitte bis Ende Juni 2016

Nachwort

05.Mai 2016

kurz vor 19:00 Uhr

Ihr Wagen rollte mit 60 Km/h die gut ausgebaute Bundesstraße entlang. Der Abend schlich sich langsam über das flache Land. Am Horizont ging allmählich die Sonne unter. Der Wind pustete sanft gegen die Bäume, die am Straßenrand standen und ließ deren noch junge Blätter flattern. Peggy schien die einzige Person zu sein, die auf dieser Straße fuhr. Auf dem Straßenschild, dass sie gerade passierte, stand eine 90, aber sie wollte nicht schneller fahren. Sie blickte erneut in den Rückspiegel um sich zu vergewissern, dass sie niemanden mit ihrer langsamen Fahrweise behindern würde. Von ganz weit hinten konnte sie ein Licht erkennen, es jedoch nicht zuordnen. War es von einem Fahrzeug oder hatte schon jemand Licht in seinem Haus eingeschaltet? Egal, sie hielt nun ihre Geschwindigkeit und drückte am Lenkrad auf einem Knopf, der für die Lautstärke ihres Radios zuständig war.

Gerade lief ein Evergreen, aus einer Zeit noch vor ihrer Geburt, den sie sehr gern mochte. Er handelte davon, wie es wäre einmal in San Francisco zu sein.

Ihre Lippen bewegten sich und aus ihrem Mund erklang eine liebliche Stimme. Keine, die ihr eine große Gesangskarriere eingebracht hätte, aber sie konnte sich hören lassen. Zunächst trällerte sie den Song mit, wobei ihr Englisch nicht das Beste war und sie es nur so wiedergab, wie sie meinte, dass es richtig war. Ein Engländer oder Amerikaner hätte sie sicher überhaupt nicht verstanden. Dafür war Peggy zu schlecht in Sprachen. In der Schule hatte sie Französisch und Englisch, beide Fächer wurden bei ihr nur mit ausreichend bezeugt.

Dann kam eine Stelle an der für sie eine Pfeifeinlage angebracht war und so befeuchtete sie mit ihrer Zunge die Lippen und spitzte diese zu. Voller guter Laune ließ sie die Luft aus ihrem Bauch über die Luftröhre und Kehle nach Außen gleiten, um am Ende die verschiedensten, meist krummsten Töne auszuwerfen. Auch der Rhythmus war nicht unbedingt im Takt, aber das war ihr schnurzpiepegal. Sie hielt mit beiden leicht gebeugten Armen das Steuer in den Händen. Das linke Bein war auf einer Ablage neben dem Kupplungspedal abgestellt. Das Rechte hielt konstant, auch bei einer kleinen Steigerung oder einer Abfahrt, das Tempo. Das Lied wurde leiser und ein Sprecher verkündete, dass es gleich mit der Musik der 60er, 70er und 80er Jahre weiter ginge, jedoch würden vorher noch die Nachrichten und der Wetterbericht kommen. Da die Zeit bis dahin zu kurz war, um noch einen Gesangstitel zu spielen, folgte ein instrumentales Musikstück, das die Fahrerin ebenfalls mit schrägen Pfeiftönen untermalte.

Sie war auf dem Weg von ihrem Freund nach Hause. Beide verbrachten, wie so oft in letzter Zeit die Nachmittage und Abende zusammen.

Heute fuhr sie früher nach Hause, weil sie mal wieder mit ihren Eltern zu Abend essen wollte.

Bei der Geburtstagsfeier ihrer besten Freundin Alina, am

05. Dezember letzten Jahres, lernte sie Oliver kennen. Seine funkelnden blauen Augen hatten es ihr sofort angetan. Niemals zuvor sah sie in solch strahlende Augen.

Sie nahm an diesem Tag all ihren Mut zusammen und sprach ihn einfach an. Insgeheim hatte sie sich keine Chance ausgerechnet, einen so tollen Typen wie ihn für sich gewinnen zu können. Mit diesem Aussehen musste er einfach schon vergeben sein.

Ein Versuch war es ihr aber trotzdem Wert.

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, hatte schon ihre Oma oft zu ihr gesagt.

Den genauen Wortlaut ihres Anmachspruches würde sie heute nicht mehr zusammen bekommen, er schien ihn aber sehr beeindruckt zu haben. Sie tanzten die halbe Nacht zusammen und er brachte sie um sechs Uhr morgens nach Hause. Bis dahin haben sie sich nicht einmal geküsst, was er durch einen schüchternen, feuchten Abdruck auf ihrer Wange, vor ihrer Haustür, beendete. Mit dem Vorschlag sich am nächsten Wochenende zu verabreden, verschwand er zu Fuß im Morgengrauen. Sie blickte ihm noch so lange nach, bis er sich noch einmal umdrehte, winkte und dann um die nächste Ecke bog. Dort hatte er seinen Wagen geparkt. Bevor er in diesen einstieg, machte er einen hohen Sprung in die Luft und ballte dabei seine rechte Faust in den Himmel hinein.

Dies war jedoch kein Zeichen der Gewalt, sondern eher ein triumphierendes.

Ein, seine Freude nach außen zeigendem Hochsprung, mit Handzeichen.

Die Nachrichten, der Wetterbericht, der für Morgen prächtiges Sonnen- und Badewetter versprach und auch schon die ersten drei Lieder waren vorbei, als Peggy merkte, dass sie viel zu schnell fuhr. Ihr Blick blieb an der Nadel des Tachometers hängen, der auf 125 zeigte. Sie kehrte kurz in sich und musste mit Erschrecken feststellen, dass sie immer noch fröhlich mitsang, wodurch sie scheinbar völlig die Kontrolle über sich selbst verloren hatte. Zumal sie außerdem mit dem Daumen der rechten Hand das Lenkrad durch schnelle wippende Bewegungen malträtierte.

Das passierte ihr nur sehr sehr selten, dass sie zu schnell fuhr.

Hatten ihre Augen das Schild, an dem sie gerade vorbeifuhr nicht gesehen, oder hatten die Sehnerven nur vergessen das Signal an das Gehirn weiterzuleiten.

„Verdammt“, rief sie laut aus und dachte dann leise weiter. „Wie konnte mir das bloß passieren?“

Ihr nächster Blick ging zur Uhr, die sie am linken Unterarm trug. Wieder stieß sie ein „Verdammt“ aus und befahl dann bewusst oder unbewusst ihrem rechten Fuß sich vom Gaspedal zu lösen und auf das Bremspedal zu wechseln. Mit leichtem Druck verringerte sie das Tempo und suchte mit den Augen nach einer Haltemöglichkeit. Diese bot sich ihr wenige Meter weiter an.

Der Hebel zum Blickzeichen wurde gesetzt und das Auto in die Haltebucht gelenkt, um dort stehen zu bleiben.

Peggy sah sich verstohlen um. „Hoffentlich hat das keiner gesehen“, dachte sie. Es muss wohl, nach ihrer Ansicht, komisch ausgesehen haben, wie sie sich verhalten hatte.

Der Sekundenzeiger ihrer Armbanduhr, auf die sie schaute, bewegte sich zu ihrem Erstaunen nicht.

„Ich habe doch die Batterie gerade erst vor ein paar Wochen gewechselt“, dachte Peggy nach.

Mit dem nächsten Augenaufschlag hatte sie die Uhr am Radio fest im Blick. Da diese keine Sekundenanzeige hatte musste sie einige Sekunden warten, um herauszufinden, ob die Zeit tatsächlich stehen geblieben war. „Nach spätestens 59 Sekunden müsste sich die Minutenanzeige bewegen“, dachte sie.

In Gedanken zählte sie mit.

Nach nur 17 selbst gezählten Sekunden, die ihr vorkamen wie zwei Minuten, drehte der Minutenzeiger auf die nächste Zahl.

Es war wohl auch nicht wirklich damit zu rechnen, dass die Zeit und damit die Erde stehen geblieben waren.

„Was war nur in den letzten Minuten passiert“, dachte sie nach.

Der Zeitunterschied zwischen ihrer Armbanduhr und der Uhr am Radio war fast genau fünfzehn Minuten.

„Hatte ich solange keine Kontrolle über mich?“, ging ihr durch den Kopf.

Bei diesem Gedanken kroch ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Sie musste sich kurz ein wenig schütteln, damit die Hühnerpelle sich wieder auf die Haut legte.

Sie drückte den Knopf, der die Scheibe, der Fahrertür öffnete und nahm einen langen, tiefen Atemzug. Die Abendluft war erfrischend. Eine leichte Prise kühler Luft kam von dem Feld gegenüber, die den Duft von frisch gemähtem Gras mitbrachte. Das in weiter Ferne ein Bauer auf seinem Traktor saß, bekam Peggy nicht mit.

Den ganzen Tag über herrschte eine schwüle, feuchte Luft in der Gegend. Man konnte es erahnen, dass es wohl bald regnen würde. Aber das erwartete abkühlende und erfrischende Nass von oben blieb bisher aus.

Stattdessen zog dieser sanfte Grasgeruch durch das Auto, der auch eine kleine Portion von Gewitter in seinem Flacon hatte.

Peggy mochte keine Gewitter. Sie wollte daher gern zu Hause sein, bevor dieses sich eventuell doch noch über das Dorf, zu dem sie unterwegs war, ergoss. Bis dahin waren es jedoch noch einige Kilometer. Jetzt merkte sie grinsend, dass es, durch ihren Umweg, noch ein paar Kilometer mehr geworden waren. Das Schild, an das sie eben vorbeigefahren war, zeigte ihr den Weg zu ihrem Dorf, aber sie hatte, warum auch immer, die Ausfahrt verpasst.

Sie lachte erneut kurz auf.

„Bin ich so verliebt, dass ich nicht mal mehr den Wegweiser folgen kann, oder bin ich etwa verhext?“, dachte sie.

Sicher, sie hatte einen wunderbaren Tag mit Oliver verbracht. Den schönsten, den sie seit langer Zeit gehabt hatte. Vergleichbar nur mit ...,

„... nein, das konnte man mit nichts vergleichen“, ging ihr durch den Kopf, der mit langen blonden Haaren versehen war. Heute Abend trug sie diese offen, sodass der leichte Windhauch ihre Mähne nach hinten wirbeln ließ.

Wieder musste sie Lachen. Die Erinnerungen an die letzten Stunden konnte sie nur zu solch einer Mimik bewegen.

Ein langer, bis in ihren Bauch führenden Atemzug beendete die Frischluftzufuhr in ihrem Wagen, dann schloss sie, durch erneutes Drücken auf den Knopf, das Fenster. Peggy sah sich um, setzte den Blinker um dann auf der Breiten Straße ihre Fahrt in entgegengesetzter Richtung fort zu führen.

„Tz, hab‘ ich doch glatt die Ausfahrt verpasst“, flüsterte sie und drehte das Radio wieder lauter.

Der Blick zur Radiouhr sagte ihr, dass ihre Armbanduhr bereits vor einer Viertelstunde stehen geblieben war und dass sie es wohl nicht mehr pünktlich zum versprochenen Abendessen, um 19 Uhr, bei ihren Eltern schaffen würde.

Sie hatte sich so auf ihre Armbanduhr verlassen, dass sie nach dessen Zeit von Oliver losfuhr.

„Wahrscheinlich lief sie vorhin schon falsch“, dacht Peggy.

Noch während sie an den bezaubernden Tag mit seinen wunderschönen Momenten dachte, lenkte sie ihr Auto auf die zu ihrem Dorf führenden schmaleren Landstraße. Ein Lied aus den späten 70er Jahren begleitete sie dabei. Dieses behandelte das Thema von blauen Jeans.

In dem Dorf, zu dem sie unterwegs war, wurde sie geboren und ist dort aufgewachsen. Das heißt geboren wurde sie in einem Krankenhaus, in der nächstgrößeren Stadt.

Zumindest konnte sich Peggy an nichts Anderes erinnern, beziehungsweise wurde ihr nichts anderes gesagt. Ihre Eltern hatten vor vielen Jahren dort ein schönes, großes Haus gekauft und es liebevoll eingerichtet.

Peggy blieb, sehr zum Leidwesen ihrer Eltern, ein Einzelkind.

Ein Zimmer in der ersten Etage, das für ein zweites Kind reserviert war, blieb so kaum genutzt. Die Tochter vermögender Eltern bekam es, als sie mit 16 Jahren in die Lehre ging, zusätzlich zu ihrem eigenen, als Ankleidezimmer.

Die ganzen Jahre vorher wurde es als Abstellraum regelrecht missbraucht. Viel zu schade, wie Peggy fand und sich nach kurzen Gesprächen mit ihren Eltern, Monika und Ronny, dazu durchsetzen konnte, es für sich zu gewinnen.

Diese Landstraße war weitaus mehr befahren, als die Bundesstraße eben. Immer wieder kamen ihr Fahrzeuge entgegen und hin und wieder wurde sie von einem Schnelleren überholt. Obwohl sie sich hier an die Richtgeschwindigkeit hielt, schien sie wieder die Langsamste zu sein.

Sie drückte erneut den Knopf am Lenkrad, der für die Lautstärke zuständig war, um das Radio leiser zu machen.

Warum sie das tat war ihr nicht bewusst, denn für die nächste Tätigkeit, die Peggy ausführen wollte, hätte sie es nicht gebraucht.

Eine weitere Taste drunter wurde aktiviert und es meldete sich eine Computerstimme. Diese forderte Peggy auf etwas auszuwählen. Sie wählte das Programm „Anrufen“ und beantwortete danach eine weitere Frage mit „Zuhause“.

Wenn man mit der Freisprechanlage telefonierte, ging das Radio automatisch aus. Kurze Zeit später ertönte ein Freizeichen, das durch ein Tuten den Raum des Wagens beschallte. Durch ein kleines Mikrofon, das in die Decke des Autos eingebaut war, erklang die Stimme ihres Vaters.

Sie wechselte einige Worte mit ihm, ehe er sie an ihre Mutter weiterreichte.

Peggy erzählte ihrer Mutter gerade von dem kleinen Missgeschick mit der Ausfahrt und dass sie deshalb etwas später kommen würde, als sie aus unbegreiflichen Gründen die Gewalt über ihr Fahrzeug verlor.

„Kind, was ist bei Dir los?“, rief die Mutter besorgt.

Doch ihre Tochter antwortete nicht.

Im Innenraum des Wagens verhallte die Stimme der Mutter und ein knirschendes Geräusch, aus Metall und Glas, folgte.

Es dauerte nur wenige Sekunden, dann konnte Monika nur ein leises Schnaufen vernehmen.

Waren das die Atemgeräusche ihrer Tochter?

„Peggy?“, schrie die Mutter. Immer und immer wieder.

„Peggyyyyyy“.

Schließlich brach die Verbindung ab.

05. Mai 2016 Ca. 19:15 Uhr

***

05. Mai 2016

Ca. 20:30 Uhr

„Wir dürfen Ihre Tochter nicht operieren, Frau Sommer“, erklärte der behandelnde Arzt im Krankenhaus in der nächsten Stadt. Hierher hatte man Peggy mit einem Hubschrauber gebracht. Monika stand fassungslos da und konnte es nicht begreifen. Ronny hielt sie fest, damit sie nicht umfiel. Zumindest machte sie jetzt den Anschein, dass dies gleich passieren würde. Der Arzt holte auf die Schnelle einen Stuhl und schob ihn Monika unter den Po. Dann rief er einer Krankenschwester zu, sie möge bitte ein Glas Wasser organisieren.

„Warum können Sie sie nicht operieren, Herr Doktor?“, fragte Ronny nach.

„Nun, nach den Papieren, welche Sie mir hier mitgebracht haben, möchte Ihre Tochter von keinem anderen Arzt, als diesem ...ähmm...“, er blätterte in den Unterlagen, die er auf dem linken Unterarm gelegt hatte um mit der rechten Hand zu blättern, „ ... ah hier, Professor Doktor Schlingbein behandelt werden. Da sehen Sie“, sprach er und zeigte den Eltern den Namen in den Papieren.

„Wer ist das?“, fragte Monika und sah ihren Mann an. Der schüttelte nur verständnislos seinen Kopf und sagte einige Sekunden nichts.

Er schien zu grübeln, ob er den Namen nicht doch schon einmal gehört hatte.

„Ich kenne keinen Doktor Schlingfuß. Wer soll das sein?“, grummelte Ronny und sah den Arzt an.

„Nun, Professor Doktor Schlingbein, nicht Schlingfuß, ist einer der besten Ärzte Deutschlands, wenn nicht sogar Europas. Er behandelt und operiert in einer renommierten Klinik in Bayern“, gab der Mann im weißen Kittel Antwort.

„Bayern? Wie kommt Peggy denn da hin? Wir sind hier in Nordfriesland. Wir waren noch nie in Bayern. Ronny, wie kommt Peggy nach Bayern? Weißt Du etwas darüber? Ich versteh’ grad die Welt nicht mehr. Peggy ...“, konnte Monika noch von sich geben, ehe sie ganz kurz das Bewusstsein verlor.

Der Arzt kümmerte sich sofort um Frau Sommer, die nur einen Augenblick später wieder zu sich kam. Noch leicht benommen schien sie jedoch nicht vergessen zu haben, wovon sie gerade sprach, als sie diesen körperlichen Ausfall hatte. „... Peggy war doch noch nie in Bayern, woher kennt Sie diesen Doktor?“, fragte sie die beiden Männer, die sich daraufhin verdutzt ansahen.

„Nun, woher Ihre Tochter den Professor kennt, weiß ich nicht, aber hier in diesen Papieren steht, dass nur er ihre Tochter behandeln darf, wenn sie es nicht selbst entscheiden kann. Und Ihre Tochter ist zurzeit nicht in der Lage sich selbst dazu zu äußern. Diese Patientenverfügung hier müssen wir akzeptieren. Wenn nicht, verstoßen wir gegen geltendes Recht. Ich schlage vor ich werde mich sofort mit Professor Schlingfuß, quatsch, jetzt sage ich auch schon Schlingfuß, Professor Schlingbein in Verbindung setzen und dann werden wir sehen wie es weiter geht“, drückte sich der Arzt formstark und wie abgelesen aus.

05. Mai 2016 ca. 20:55 Uhr

***

05. Mai 2016

ca. 21:15 Uhr

Peggy hatte ihre Augen offen und starrte an die weiße Decke des Zimmers mit der Nummer 2 an der Tür. In ihren Armen steckten mehrere Braunülen und Zugänge, die jede für sich andere Flüssigkeiten zu transportieren schienen. Die eine war durchsichtig, eine andere blutrot und wieder eine andere hatte eine merkwürdig ockerfarbene Flüssigkeit mit roten Einschlüssen.

Aus ihrem Mund ragte ein dünner Schlauch hervor, der unter der Bettdecke verschwand und erst an einem Gerät, welches Piepgeräusche von sich gab, endeten.

Die Arme lagen regungslos neben ihren Körper. Das rechte Bein lag auf einer Erhöhung und lugte ebenfalls aus der Bettdecke hervor. Ein Gipsverband, der nur die Zehen herausschauen ließ, ummantelte den schlanken Unterschenkel.

Mehrere Kabel lagen scheinbar kreuz und quer über und unter der Zudecke verteilt und waren an einem Monitor angeschlossen. Auf diesem konnte man mehrere Kurven erkennen, die aussahen, als würde ein Kleinkind einen Drachenrücken malen. Neben dem Monitor pumpte eine Maschine einen Bolzen auf und ab um einen Schlauch mit Luft zu füllen, um diese dann in Peggys schmächtigen Körper abzugeben. Das dies von Erfolg gekrönt war, konnte man an ihrem Brustkorb sehen, der sich ständig und immer im gleichen Rhythmus auf und ab bewegte.

An diese Apparaturen wurde Peggy bereits angeschlossen, ehe ihr Vater mit den Unterlagen ins Krankenhaus kam. Daher hatte der behandelnde Arzt jetzt die Bedenken, ob Peggy überhaupt noch daran angeschlossen sein durfte.

Die Patientenverfügung sagte wohl etwas anderes aus.

Neben Peggy stand eine Krankenschwester. Sie war vom Hals bis zu den Füßen in ein grünes Ganzkörperkondom gekleidet und trug zusätzlich einen blauen Mundschutz, der ihr komplettes Gesicht, bis auf die Augen, verdeckte. Ihr Haar wurde durch ein ebenfalls blaues Haarnetz bedeckt. Liebevoll tupfte sie mit einem feuchten Tuch über Peggys Stirn und schien mit ihr zu sprechen.

Von Peggy kam jedoch keine Reaktion.

05. Mai 2016 Ca. 21:20 Uhr

***

05. Mai 2016

Ca. 21:25 Uhr

Der Arzt, der sich durch das Tragen eines Namensschildchens an seinem Kittel, als Doktor der Neurologie zu erkennen gab und den mehr- oder weniger schönen Namen Dr. F. Fricke trug, kam einige Minuten später in den Warteraum. Dorthin bat er die beiden Sommers vor ein paar Minuten um in aller Ruhe mit dem Professor Kontakt aufzunehmen.

Erwartungsvoll sprang Monika aus ihrem Stuhl, schaute ihn an und als ob er die Frage, die sie ihm jetzt stellen wollte, zu wissen schien, antwortete er ungefragt: „Also, der Professor kann sich gut an Ihre Tochter erinnern. Ich habe gemeinsam mit ihm alles in Bewegung gesetzt, dass Ihre Tochter, sobald

es möglich ist, zu ihm nach Bayern in die Klinik verbracht wird. Jedoch müssen wir Ihre Tochter erst einmal transportfähig bekommen. Außerdem habe ich mir die Erlaubnis geben lassen, dass ich Ihre Tochter weiterhin beatmen darf“.

„Ähm … Moment, das ging jetzt aber schnell“, sagte Frau Sommer. „Nochmal bitte. Was wollen Sie mit unserer Peggy machen?“.

„Entschuldigen Sie, Frau Sommer. Natürlich ist das für Sie alles kaum zu verstehen. Also ich versuche es Ihnen noch einmal etwas langsamer zu erklären“.

Er benutze irgendwelche anderen Worte um jedoch genau dasselbe wie eben zu sagen.

Im Großen und Ganzen verstanden die Sommers die Worte des Arztes, konnten sich aber immer noch keinen wirklichen Reim daraus machen.

Vor allem, woher kannte ihre Tochter diesen Professor?

Das mit der Patientenverfügung war ihnen klar. Jeder in der Familie hatte eine solche bei einem Notar hinterlegen lassen. Die Kopien aller Verfügungen und weitere wichtige Papiere, Schmuck und eine kleine Menge an Bargeld, wurden im großen Safe in der Wand im Esszimmer aufbewahrt.

Vor der Tresortür hing ein noch größeres Bild, auf dem ein Familienstammbaum aufgezeichnet war. Wenn es ein echter Baum gewesen wäre, hätte er schwer zu tragen gehabt, bei so vielen Ästen.

Ronny, der ein vorausschauender Mensch war, griff sofort nach den Papieren, als er hörte, dass Peggy ins Krankenhaus geflogen wurde. Er hatte so eine Ahnung, eine Vorahnung, die wahrscheinlich nur ein Vater oder eine Mutter haben konnte.

***

Peggy lag regungslos auf ihrem Krankenbett auf der Intensivstation. Sie hatte ihre Augen und den Mund immer noch geöffnet.

Man hätte sie gern ansprechen wollen. Aber würde sie es überhaupt hören?

Darüber ist man sich nach all den vielen Untersuchungen, die schon durchgeführt wurden, nicht sicher.

Kann ein Mensch der im Wachkoma liegt, etwas von seiner Umwelt mitbekommt?

Gern hätte Peggy die Worte ihrer Eltern gehört, aber die Ärzte ließen sie nicht ins Zimmer. Nur ein Blick durch das kleine Fenster in der Tür blieb als einseitige Kontaktaufnahme übrig. Monika rollten die Tränen an der Wange herunter, als sie ihre Tochter so sah. Ronny hielt seine Frau und kämpfte mit sich, um nicht auch gleich zu weinen. Er war nicht unbedingt ein sehr starker Mann, jedoch wurde er so erzogen, dass eben ein Junge beziehungsweise ein Mann nicht weint. In den meisten Fällen gelang es ihm auch, indem er sich auf etwas anderes konzentrierte. Aber worauf sollte er sich hier, vor der Tür, hinter der seine Peggy im Koma lag, konzentrieren? Außer, dass er Monika stützte und durch das Fenster sah, konnte er nichts tun. Er sah sich um, um etwas zu finden das ihn ablenken könnte, aber da war nichts das seine Aufmerksamkeit hätte gewinnen können. So rollten auch bei ihm schnell die salzigen Tropfen aus seinen Augen.

Eine Krankenschwester, die eine solche Situation schon des Öfteren mitgemacht hatte, brachte eine Schachtel, aus der ein kleines weißes Tuch herausguckte und drückte es Monika in die Hand. Frau Sommer bedankte sich schluchzend und zupfte ein Tuch heraus und gab es ihrem Mann.

Ja, ihr war nicht entgangen, dass auch Ronny weinte. Als sie in ihm einen dankbaren Abnehmer für das Tuch fand, zupfte sie erneut eines heraus und rieb sich damit ihre Tränen ab.

So blieben sie noch eine Weile stehen und irgendwann kam die Schwester noch einmal und sagte ihnen, dass es wohl besser wäre, wenn sie nach Hause fahren würden. Wenn sich irgendetwas ergeben würde, würde sie sich sofort bei den Sommers melden.

***

05. Mai 2016

Ca. 22:30 Uhr

Die Heimfahrt dauerte eine knappe halbe Stunde und führte Monika und Ronny auch an der Unfallstelle von Peggy vorbei. Ronny wollte kurz stehen bleiben, aber Monika lieber weiterfahren. So fuhr er langsam daran vorbei und konnte trotz der Dunkelheit erkennen, dass die Stelle mit Polizeiflatterband abgesperrt war. Das Auto von Peggy war bereits abtransportiert.

Im Lichtkegel einer nahen Laterne konnte man die Abschälungen am Baum erkennen, die das Fahrzeug hinterlassen hatte. Monika konnte dort nicht hinsehen. Sie sah stur aus der Windschutzscheibe nach vorn. Als Ronny ihr die Situation erklären wollte, blockte sie sofort ab und bat ihren Mann schnell weiter zu fahren und ihr nichts zu sagen. Als liebender Ehemann tat er dies und drückte aufs Gaspedal.

Die Beiden lagen die ganze Nacht wach, schwiegen sich gegenseitig an und warteten auf einen Anruf aus dem Krankenhaus.

Jeder hatte so seine eigenen Gedanken, die sie dem Anderen nicht mitteilen wollten oder konnten.

Eine merkwürdige Situation.

Normalerweise sprachen die Sommers über jedes Problem miteinander. Nur in dieser Nacht konnte keiner der Beiden etwas sagen. Sicher dachten beide darüber nach, dass Peggy sterben könnte. Wie sollten sie das nur in Worte fassen? War das das Hauptproblem von Monika und Ronny? Sie wussten nicht, wie sie es sagen sollten, wenn der Fall der Fälle eintreffen würde. So suchten beide die ganze Zeit in Gedanken nach Worten, ohne die Richtigen zu finden.

06. Mai 2016

Um 06:14 Uhr brach Monika ihr Schweigen.

„Wird Peggy wieder aufwachen?“

Hat sie, um diese vier Worte auszusprechen, die ganze Nacht schlaflos damit verbracht, nachzudenken? Waren diese vier Worte nicht schon in einer ihrer ersten Gedankengänge vorhanden gewesen?

Ronny drehte sich zu ihr um und verschränkte einen Arm unter seinen Kopf, mit der anderen Hand streichelte er Monika behutsam über ihre Wange.

„Ganz bestimmt, Moni. Peggy ist eine Kämpferin. Sie hat das doch alles schon einmal durchgemacht. Sie wird es auch diesmal schaffen, ganz bestimmt. Mach dir keine Sorgen. Versuch jetzt ein wenig zu schlafen“, sagte er und gab seiner Frau einen Kuss auf die Stirn.

Er war froh, dass das Schweigegelübte vorbei war, wollte aber auch keinen Redemarathon beginnen. Zufrieden lächelte er seine Frau an.

„Keine Sorgen machen. Keine Sorgen machen. Sag mal spinnst Du? Wie kannst Du mir so etwas sagen?

Mein einziges Kind liegt auf dem Sterbebett und Du redest von keine Sorgen machen“, rief Monika, deren Stimme mit jeder Silbe lauter wurde und sie sich zunächst aus der Hand ihres Mannes und dann aus dem Bett drehte. Mit schnellen Schritten verließ sie das Schlafzimmer, ohne hinter sich die Tür zu knallen. Sie wollte diese eigentlich so richtig knallen lassen, jedoch verpasste ihre Hand die Türkante und so schlug Monika nur einen Lufthaken und die Tür blieb offen. Herr Sommer atmete schwer durch und folgte seiner Frau.

Er fand sie in der Küche am Fenster stehend. Draußen wurde es schon hell. Die wenigen Wolken am Himmel versprachen, dass es ein guter Tag werden würde.

Zumindest Wettertechnisch.

Er griff ihr, mit beiden Händen, von hinten an die Hüftknochen und schmiegte sich langsam an sie an. Seinen Kopf legte er an ihren und dann sagte er: „Es tut mir leid, Moni. Du weißt doch, wie ich das gemeint habe“. Frau Sommer reagierte zunächst überhaupt nicht. Sie stand einfach nur da, blickte aus dem Fenster und beobachtete einen Vogel, der auf einem Baum des Nachbargartens saß. Das Piepsen des Spatzes konnte sie durch das geschlossene Fenster nur sehr leise vernehmen. Erst als ein weiterer, größerer schwarzer Vogel direkt vor ihrem Fenster vorbeiflog, erschrak Monika und drehte sich zu ihrem Mann um.

„Du hast Recht. Ich habe überreagiert. Es liegt wohl am Schlafmangel. Bitte entschuldige. Ich weiß, dass Du es nicht so gemeint hast“.

„Entschuldigung angenommen“.

„Was machen wir jetzt so früh?“, fragte sie.

„Also ich habe Hunger. Wollen für frühstücken?“, antwortete Ronny und ließ seine Frau aus der Umarmung frei um sich mit einer Hand seinen Bauch kreisend zu streicheln.

„Ja gut. Ich füll dann mal Wasser auf. Deckst Du schon mal den Tisch?“.

Die Küche war sehr geräumig. Eine große L-Küche, eine weitere Zeile und sogar ein Esstisch mit 4 Stühlen, hatten darin Platz. Sie war mit allem Schnick-Schnack ausgestattet. Mikrowelle, hochgebautem Backofen, Geschirrspüler, Dampfgarer und eine im Schrank eingebaute Kaffeemaschine. Man musste nur den Wassertank und den Kaffeebohnenbehälter gefüllt haben, dann brauchte es nur einen Knopfdruck und in die untergestellte Tasse floss der gewünschte, frisch gemahlene und gebrühte Kaffee. Wahlweise mit Milch, Zucker oder Beidem. Monika mochte es nicht, wenn das Wasser längere Zeit im Behälter stand, so machte sie dieses immer frisch in das Gefäß.

Ronny, der nicht auf die Frage seiner Frau antwortete, machte die Schublade des Küchenschranks auf und holte zwei Brettchen und zwei Messer heraus und legte diese auf den Tisch. Dabei blieb er ruhig. Auch Monika brachte kein Wort heraus.

Sie saßen sich bald darauf schweigend gegenüber und kauten auf ihren Broten herum.

***

Monika und Ronny haben sich 1982 beim „Sommerfest der Parteifreunde“ kennengelernt.

Die damals 22-Jährige kellnerte dort, um sich für ihr Studium etwas dazu zuverdienen. Sie studierte Jura um später einmal Rechtsanwältin zu werden. Zu einer eigenen Kanzlei hatte es nie gereicht, so arbeitete sie nach dem Studium, bis heute, als Gehilfin in diesem aufregenden Beruf.

Ronny, der nur knapp zwei Jahre älter war, durfte damals die Kellnerkünste seiner heutigen Frau live miterleben. Sie verschüttete ein ganzes Tablett voller Biergläser über ihn. Er sah, im wahrsten Sinne des Wortes aus, wie ein begossener Pudel.

Damals hatte Ronny noch einen dunkelblonden Lockenkopf. Durch das Bier wurden die Locken glatt und so konnte man denken, Ronny hätte längere Haare gehabt.

Ein Bild für die Götter.

Seine Kameraden hatten jedenfalls mächtig Spaß und viel zu lachen. Auf jedem weiteren Fest kam die Bierdusche von Monika immer wieder als Gesprächsthema zu Sprache.

Zum Glück wohnte Ronny damals nicht weit entfernt und so konnte er sich schnell duschen und umziehen. Eine knappe halbe Stunde später saß er wieder bei seinen Kumpels. Die Kellnerin gab eine Runde für Ronny und seine Freunde aus und dabei muss es passiert sein. Genau erinnern können sich die beiden heute nicht mehr, aber es muss wohl ordentlich gefunkt haben. Bereits wenige Wochen danach machte Ronny Monika einen Heiratsantrag. Diesen nahm sie mit sehr viel Emotionen an. Ronny arbeitete zu dieser Zeit schon als Krankenpfleger in einer großen Poliklinik in Magdeburg. In dieser Stadt studierte auch Monika. Beide waren dort geboren und aufgewachsen.

Zum Glück hatte Ronny an diesem 1. Mai frei bekommen, sonst hätte er die hübsche, charmante und lebensfrohe Bedienung nicht kennengelernt.

Nach der schnellen Verlobung folgten zwei schwierige Jahre für die Beiden. Monika wurde schnell schwanger, jedoch verlor sie das Kind, kurz vor Weihnachten, in der 11. Woche. In der Zeit, der Schwangerschaft, bemühte sich das Paar um eine gemeinsame Wohnung. Eine 2- oder 3-Raumwohnung in der DDR zu finden, wenn man nicht verheiratet war, schien fast unmöglich. So lebten sie zusammen in der winzigen 1-Zimmerwohnung von Ronny. Die Fehlgeburt bedrohte zunächst ihre Beziehung, bis sich beide ganz offen aussprachen und sie sich wieder liebten, wie am ersten Tag. Nur, dass man Monika gesagt hatte, dass sie wohl kein Kind mehr bekommen könne, brachte die beiden fast um den Verstand. Zu gern wollten sie zusammen ein Kind großziehen.

Um den Schmerz halbwegs zu überspielen oder um ihn erträglicher zu machen entschied sich das Paar bald zu heiraten. Eine große Feier mit der Familie und Freunden blieb bis heute bei allen Beteiligten unvergessen. Damit dieser Tag auch nicht vom Hochzeitspaar vergessen werden würde, wählten sie den 5.5. aus. An diesem wunderschönen sonnigen Tag, im Jahr 1984, steckten sie sich die Ringe an und zogen diese auch nie wieder ab.

***

06. Mai 2016

Ca. 08:30 Uhr

Ronny las in einem Buch, dass er sich kürzlich besorgt hatte. Es wurde ihm von einem Freund empfohlen. Er war gerade auf Seite 55 des spannenden Thrillers, der den Titel

„Angst um Berlin – Ein unwahrscheinlicher Tag“ trug, als das Telefon klingelte.

Blitzschnell sprang Ronny vom Stuhl auf und rannte ins Wohnzimmer, wo das Telefon auf einer Basis stand. Noch vor dem Anrufbeantworter, der nach fünfmaligem Klingeln angegangen wäre, hielt Ronny den Hörer in der Hand und drückte die grüne Taste.

Monika kam eben ins Zimmer, als Ronny gerade seinen Nachnamen ausgesprochen hatte.

„Ja, … ja … aha … ja“, hörte Monika. Voller Neugier trat sie näher um die Worte der Gegenseite zu hören, aber diese waren zu leise. Ronny sprach noch ein paar Worte, dann stellte er das Telefon wieder auf die Basis.