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Ein spannendes Fantasyabenetuer für Kinder ab 10 Jahren über eine mutige Heldin, die entschlossenen für die Harmonie zwischen Mensch und Natur kämpft! Es leben mehr Geistwesen und Gottheiten auf der Welt als Sterne am Himmel stehen ... Anis Stern liebt nichts so sehr wie ihr Zuhause, das Flickwerkhaus, und ihren Weißwald. Er ist nicht nur ihre Heimat, sondern auch die unzähliger Geistwesen, die verborgen in der Natur leben. Durch eine seltene Gabe hat Anis eine besondere Verbindung zu ihnen: Als Herzseherin kann sie die Geistwesen sehen und hören und versucht als Vermittlerin zwischen den Wesen das Erbe ihrer Mutter weiterzuführen. Jäh wird ihre Welt jedoch bedroht, als ihr Vormund den Weißwald abholzen will und ein gefährliches Tintenwesen sie verfolgt. Entschlossen macht sich Anis gemeinsam mit ihrem treuen Geisterhund Wolf auf den weiten Weg in die Hauptstadt. Sie muss ihren Bruder finden und die Hilfe des Königs erbitten! Allerdings ist ihre Reise nicht nur ein Wettlauf gegen die Zeit, sondern auch abenteuerlicher und aufwühlender, als Anis es sich je hätte träumen lassen. Zum Glück hat sie Freunde an ihrer Seite: Menschen, Geistwesen, Gottheiten. Doch wem kann sie wirklich vertrauen?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Anis Stern liebt nichts so sehr wie ihren Weißwald. Er ist nicht nur ihre Heimat, sondern auch die unzähliger Geistwesen, die verborgen in der Natur leben. Durch eine seltene Gabe hat Anis eine besondere Verbindung zu ihnen: Als Herzseherin kann sie die Geistwesen sehen und hören. Jäh wird ihre Welt jedoch bedroht, als der Weißwald abgeholzt werden soll und ein gefährliches Tintenwesen sie verfolgt. Entschlossen macht sich Anis gemeinsam mit ihrem treuen Geisterhund Wolf auf den weiten Weg in die Hauptstadt. Sie muss ihren Bruder finden und die Hilfe des Königs erbitten! Allerdings ist ihre Reise nicht nur ein Wettlauf gegen die Zeit, sondern auch abenteuerlicher und aufwühlender, als Anis es sich je hätte träumen lassen …
© Usborne Publishing Limited, 2023
Rowan Foxwood arbeitet als Dozentin im Fach Creative Writing. Als Kind einer Weltenbummlerfamilie haben Reisen rund um die Welt in Rowan schon in jungen Jahren eine große Liebe zu Mythen, Märchen und folkloristischen Erzählungen geweckt, die inzwischen ihre Texte kennzeichnen. Mittlerweile lebt sie in Südengland, lässt dem Fernweh freien Lauf, wann immer sie kann, und hält unterwegs ständig Ausschau nach neuen Märchen und Legenden. Mit der Aussicht auf Bücher, Katzen und einer schönen Tasse Tee kann man sie ziemlich leicht um den Finger wickeln. Die Geschichte von Anis Stern ist ihr Kinderbuch-Debüt.
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Viel Spaß beim Lesen!
Rowan Foxwood
Hüterin des Weißwaldes
Aus dem Englischen vonLeena Flegler
Planet!
Für meinen Dad:
Ein Buch zu schreiben ist wie Magie – man muss daran glauben.
Danke, dass du an mich glaubst!
Da waren Geistwesen im Garten. Verstohlen beobachtete Anis durchs Küchenfenster, wie sie quer über den Rasen auf die Rosenbüsche zuflitzten – ein ganzes Dutzend von ihnen, keins größer als ein Gummistiefel, die Gesichter gesprenkelt wie Baumrinde, und in ihren dichten Bärten steckten Blätter und Zweige. Strauchkobolde – der Albtraum jedes Gärtners.
»Schnell, schnell!«, kreischte einer von ihnen namens Häuptling. Anis hatte ihn an seinem steifen roten Spitzhut erkannt, der mit Efeu umrankt war.
Strauchkobolde waren seit jeher über die Rosen in Anis’ Garten hergefallen. Als ihre Mutter Melisse noch am Leben gewesen war, hatten sie sich tagsüber nie hergetraut, doch in den vergangenen zwei Jahren waren sie immer dreister geworden. Anis nahm es ihnen nicht krumm. Als gute Herzseherin wusste sie natürlich, dass Geistwesen einen Gefallen stets beglichen, wenn auch mitunter widerwillig. Sobald man einen Strauchkobold beim Strauchen erwischte, musste er einem im Gegenzug ein Geheimnis verraten, etwa wo die besten Pilze wuchsen, wann der erste Schnee fallen würde oder welche Beeren sich am besten als Malfarbe eigneten. Man musste sich bloß vor ihren Zähnen in Acht nehmen.
Das Laub in Anis’ Apfelbäumen war bereits bernsteingolden verfärbt, und jetzt, da der Winter nicht mehr weit war, kämen ihr Gefälligkeiten sehr gelegen. Deshalb hatte Anis den Strauchkobolden eine Falle gestellt, war mit großem Trara aus der Tür getreten und dann eilig durchs rückwärtige Fenster wieder nach drinnen geschlüpft, um sich auf die Lauer zu legen. Und natürlich waren sie aufgetaucht.
»Schnell, schnell!« Häuptling fuchtelte wild mit seinen Pummelärmchen. Es klang fast, als würde er eine Räumung anordnen und nicht die Plünderung von Anis’ Rosen. »In Formation!«
Anis rieb sich die Hände, als die Strauchkobolde einander auf die Schultern kletterten, um einen Turm zu bilden. Auf dem Weg nach oben pflückten sie die ersten Rosen, die sie nach unten durchreichten.
Vorsichtig und mit angehaltenem Atem schob Anis den Fensterriegel zurück. Der Strauchkoboldturm wuchs in die Höhe, und zu guter Letzt kletterte Häuptling empor bis zur Turmspitze. Mit blitzendem Gierblick streckte er sich nach einer großen rosa Blüte aus, packte den Stängel und knickte ihn mit einem Ruck ab.
Auf diesen Moment hatte Anis gewartet. Sie stieß das Fenster auf und lehnte sich mit einem triumphalen »Aha!« hinaus.
Der Turm geriet ins Wanken und fiel in sich zusammen. Die Strauchkobolde kullerten über den Rasen und piepten wie eine Schar panischer Küken.
»Wolf!«, rief Anis.
Mehrere Strauchkobolde schafften es noch bis zum Waldrand – allerdings war dort Schluss. Bleicher Rauch waberte ihnen entgegen, und dann preschte ein riesiger grau-weißer Hund, der zuvor nicht da gewesen war, zwischen den Baumstämmen hervor. Er war eindeutig größer als eine Kuh. Kreischend flüchteten die Strauchkobolde zurück in Richtung Haus, doch der riesige Hund jagte hierhin und dorthin und trieb sie in der Mitte des Gartens zusammen. Dort drängten sie sich fauchend und zischelnd aneinander.
Anis kletterte aus dem Fenster, blieb kurz mit dem Rocksaum am Rosenbusch hängen und riss sich los. »Hab ich’s doch gewusst! Meine Rosen – schon wieder!«
»Garstiges Mädchen! Grässliches Mädchen! Du hast uns reingelegt!«, fauchte Häuptling.
»Darf ich ein paar von ihnen fressen?«, grollte eine tiefe Stimme, und die Strauchkobolde zogen den Kopf ein, als der Riesenhund grinsend die Zähne fletschte.
»Schluss damit, Wolf«, sagte Anis.
Wolfs Rute peitschte in weitem Bogen hin und her und rauschte so laut, als würde jemand mit einem langen Ast herumfuchteln. Von seinem Rücken und von der Rute stieg weißer Rauch empor, der sich an der Luft seltsam verwirbelte. Er schnaubte, setzte sich und schrumpfte zur Größe eines normalen Wolfhunds.
»Liebes Mädchen«, gurrte Häuptling und rang seinen Hut in den gekrümmten Fingern. »Du hetzt uns doch wohl nicht dein Ungetüm auf den Hals?«
»Natürlich nicht. Hier.« Anis klaubte eine der Rosen auf, die ins Gras gefallen war. Sie konnte den Hunger der Strauchkobolde regelrecht spüren: Wie sie alle nach der blassrosa Blüte gierten.
Mit misstrauischem Blick nahm Häuptling sie entgegen.
»Die Rosen, die ihr schon abgezupft habt, dürft ihr behalten.« Anis ließ sich im Schneidersitz im Gras nieder. Tau sickerte durch ihren Rock und sie spürte die Kühle an ihren Beinen, aber das war ihr egal. »Allerdings will ich dafür ein paar Gefälligkeiten.«
Häuptling funkelte sie finster an. »Wir haben ihr schon so viele Gefallen getan, und das scheußliche Mädchen will immer nur mehr!«
Anis hörte darüber hinweg und zählte stattdessen die stibitzten Blüten. »Schauen wir doch mal … Das sind fünf Rosen.« Sie tat so, als hätte sie die sechste, die Häuptling eilig in seinen Hut gestopft hatte, glatt übersehen. »Also schuldet ihr mir fünf Gefallen. Das ist doch wohl nur gerecht?«
»Das ist ungerecht!«, greinte Häuptling. »Garstiges Mädchen!«
»Garstiges Mädchen!«, plärrten die anderen im Chor.
»Ach?« Anis seufzte theatralisch auf. »Tja, dann muss ich diese üppigen, leckeren Rosen wohl oder übel ins Feuer werfen.« Sie streckte sich nach der Blüte in Häuptlings Hand aus. Eilig presste er sie sich an die Brust.
»Liebes Mädchen!«, säuselte er sofort wieder schmeichlerischer. »Kluges Mädchen! Wir wollen sie doch nicht verschwenden! Zurück an den Rosenbusch können sie nicht, aber wir tun dir gern den Gefallen und nehmen sie dir ab.«
»Das ist kein Gefallen. Ihr habt sie doch überhaupt erst abgezupft«, entgegnete Anis nachdrücklich.
Häuptling verzog das Gesicht, sodass er aussah wie eine schrumpelige Rosine. »Das garstige Mädchen hat uns reingelegt!«
»Na gut. Wie wäre es mit vier Gefallen?«, schlug Anis vor. »Die fünfte Rose schenke ich euch.«
»Schenken? Schenken?« Die Vorstellung empörte ihn umso mehr. »Wir nehmen vom garstigen Mädchen doch nichts geschenkt! Wir bleiben niemandem etwas schuldig! Fünf Rosen, fünf Gefallen. Und das Ungetüm lässt uns in Ruhe!« Vorwurfsvoll zeigte er auf Wolf, der abermals die Zähne fletschte.
»Wenn kleine Strauchdiebe nicht umhergejagt werden wollen, dann sollten sie sich besser fernhalten«, knurrte er.
»In Ordnung, Häuptling«, ging Anis dazwischen. »Ich fordere meine Gefallen demnächst ein. Lasst euch die Rosen schmecken.«
»Garstiges Mädchen! Unterdrückerin! Möge dein Haus in sich zusammenfallen!«
Unter wilden Beschimpfungen wieselten die Strauchkobolde in Richtung Wald, und Anis winkte ihnen hinterher.
»Nur einen – einen hätte ich doch fressen können«, schnaubte Wolf, ohne dass sich seine Schnauze bewegt hätte. Was immer er sagte, hörte Anis direkt in ihrem Kopf, so als wollte er sich mit ihren Ohren gar nicht erst aufhalten.
»So schlecht füttere ich dich doch wohl nicht?« Anis kraulte ihn am Ohr.
Wolf ließ die Zunge aus dem Maul hängen, sagte aber nichts.
Anis spähte zum Haus empor. Es war gute dreihundert Jahre alt, windschief und baufällig und sah wirklich so aus, als fehlte nur noch ein vorwitziger Windstoß, damit es in sich zusammenfiel. Mit der Zeit waren zig Anbauten hinzugekommen, und die bunte Mischung – roter Klinker, schwarzer Schiefer, weiße Ziegel und Holzbalken – hatte ihm auch seinen Namen beschert: das Flickwerkhaus.
Anis liebte jeden Winkel daran. Ja, das Dach war an vierzehn Stellen undicht, von den Fensterläden blätterte die blaue Farbe und der Fußboden im Obergeschoss hing so tief durch, dass über Nacht die Möbel verrutschten und allmorgendlich zurückgerückt werden mussten. Trotzdem war es ihr Zuhause.
Hinter ihr schrillte eine Fahrradklingel und Anis drehte sich um. Herr Hase strampelte den Weg herauf. Er war dünn wie eine Bohnenstange, hatte ein längliches Gesicht, einen dunklen Teint und ein schmales Bärtchen, das aussah wie mit dem Lineal gezogen.
»Hallo!«, rief Herr Hase.
»Guten Morgen!« Anis kam auf die Beine. Herr Hase stieg von seinem schlammbespritzten Fahrrad ab, und Anis musste den Kopf in den Nacken legen, um ihm ins Gesicht zu sehen. Sie war klein für ihre dreizehn Jahre, hatte dünne Handgelenke und Knöchel sowie ein schmales Gesicht. An der Herbstsonne hatte sie Farbe bekommen, und auf Wangen und Nase leuchteten ockerbraune Sommersprossen auf ihrer bronzegebräunten Haut.
»Du hast endlich das Schild ausgetauscht.« Herr Hase nickte in Richtung des lavendellila Anschlags am Gartentor. Dort stand in großen, sorgsam aufgemalten Buchstaben:
Anis Stern
HERZSEHERIN
hilft Geistwesen und Menschen, harmonisch zusammenzuleben
»Irgendwann musste es ja sein«, antwortete Anis. Sie hatte zwei Jahre gebraucht, um allen Mut zusammenzunehmen und den Namen ihrer Mutter zu übermalen. »Haben Sie Briefe für mich?«
»Nur einen.« Herr Hase griff tief in seinen schlaffen Postsack. Anis’ Haus, das inmitten des Weißwalds stand, war immer das letzte auf seiner Route. »Von Herrn Biedermann.«
»Von Herrn Biedermann?« In ihrem Bauch fing es an zu rumoren, als Anis den dicken sahneweißen Umschlag entgegennahm. Was war denn nun schon wieder? Die nächste Kürzung ihrer monatlichen Beihilfe? Ausgaben, mit denen sie nicht gerechnet hatte? Irgendeine schreckliche neue Regel? Anis schluckte trocken.
Der gepflegte, katzenhafte Herr Biedermann – der »Luchs«, wie Anis’ Mutter ihn immer genannt hatte – leitete die Bankfiliale in Brück. Zu Melisses Lebzeiten war er regelmäßig vorbeigekommen, um mit ihr über »günstige Gelegenheiten« und »Finanzen« zu sprechen, doch Melisse hatte ihn jedes Mal weggeschickt. »Diesem Mann traue ich keinen Meter weit«, hatte sie oft zu Anis gesagt.
Doch als Melisse gestorben war, hatte Herr Biedermann Anis’ »Pflege« übernommen und ihr das Leben zusehends schwer gemacht. Er hatte sich alles von Wert, was Anis besessen hatte, unter den Nagel gerissen, von Rechnungen und Kosten schwadroniert und behauptet, dass der monatliche Geldbetrag, den ihr Bruder Bertram aus der Hauptstadt schicke, für Anis’ Ausgaben kaum ausreiche. Als Anis vorgeschlagen hatte, sich selbst um ihre Geldangelegenheiten zu kümmern, hatte Herr Biedermann abgewinkt: Dafür sei sie zu jung und naiv.
»Warum er noch Geld für die Briefmarke ausgibt, wo er doch jetzt ein Auto hat«, murmelte Herr Hase und riss Anis damit aus ihren Gedanken. »Er hätte doch auch einfach herfahren und mit dir sprechen können.«
»Herr Biedermann hat ein Auto?« Anis kannte Autos nur aus Bildern in der Zeitung.
»Ja. Wurde vergangene Woche frisch aus der Hauptstadt geliefert. Und es darf sich ihm niemand auf drei Meter nähern.«
Das verwunderte Anis kein bisschen. Herr Biedermann hatte sie mal im Garten erwischt, als sie dort gemalt hatte, und ließ sie seither nicht mehr in sein Büro, bevor er sie von Kopf bis Fuß beäugt hatte, damit sie auch ja kein Fleckchen Farbe einschleppte. Sie hatte so eine Ahnung, wie sein Auto aussah: eine riesenhafte weiße Karosse, die schimmerte wie blanker Marmor, große, silbern umrahmte Scheinwerferaugen und ein blitzender Kühlergrill, der die Fußgänger ringsum anzugrinsen schien.
»Tut mir sehr leid, dass ich keine nettere Post für dich habe«, sagte Herr Hase leise. »Bestimmt schreibt dir Bertram bald wieder. Apropos!« Sein Gesicht hellte sich auf. »Ist seine Ausbildung nicht bald vorbei?«
Sofort waren Anis’ Sorgen wie weggefegt. »Ja, schon im kommenden Monat.«
»Da richtet der Bürgermeister doch eine Willkommensfeier aus!« Herr Hase strich sich über das Bärtchen. »Dein Bruder ist immerhin mit das Berühmteste, was dieses Dorf je hervorgebracht hat. Gewinner des Erfinderwettbewerbs und Stipendiat Seiner Majestät des Königs – und das mit nur fünfzehn Jahren!« Herr Hase pfiff anerkennend durch die Zähne.
Anis nötigte sich ein Lächeln ab. Als Bertram den Wettbewerb gewonnen hatte, waren sie alle völlig aus dem Häuschen gewesen. Dem Sieger winkte ein Studienplatz an der Universität bei den besten Erfinderinnen und Erfindern des Landes, mit denen er eigene Ideen verwirklichen konnte – dieselben Ideen, die Bertrams Lehrerinnen und Lehrer an der Schule immer gern als Hirngespinste und Luftschlösser abgetan hatten.
Die Gesandten des Königs waren anderer Meinung gewesen. Sie hatten Bertrams begeisterter Vorstellung von Hochgeschwindigkeitsfahrzeugen, Unterwasserbooten und Flugmaschinen aufmerksam gelauscht und entschieden, dass sie genau so jemanden an der Universität bräuchten. Bertram wurde für seine Tüftelei und Arbeit sogar bezahlt … Es war aber auch viel Arbeit. Das Stipendium zu erhalten bedeutete außerdem, dass Bertram für drei Jahre im Dienst des Königs stehen musste, bis er wieder heimkehren durfte. Was damals nach einer einmaligen Chance geklungen hatte, hatte sich als goldener Käfig erwiesen.
»Nach so langer Zeit in der Hauptstadt«, fuhr Herr Hase selbstvergessen fort, »wird das gute alte Brück ihm bestimmt verschlafen und rückwärtsgewandt vorkommen.«
Anis lachte. »Nie im Leben!«
In jedem Brief, den Bertram schrieb, erkundigte er sich nach Brück. Seite für Seite tauschten sich die Geschwister darüber aus, was sie hier einst unternommen hatten. Sie erinnerten einander an die Picknicks im Frühjahr unter blühenden Bäumen, an winterlich warmen Kakao am Kamin, an die Brombeeren, die sie im Herbst den Schattenjuxen vor der Nase weggeschnappt hatten, an heimliche Ausflüge in der Mittsommernacht, wenn sie sich den Wandernerver angehört hatten … Oder vielmehr hatte Anis ihn sich angehört. Mit etwa zehn Jahren hatte Bertram die Fähigkeit eingebüßt, Geistwesen zu hören, was ihm aber nichts ausmachte. Er liebte Brück und den Weißwald ebenso sehr wie sie.
Zuletzt war Bertram anlässlich der Beerdigung ihrer Mutter zu Hause gewesen. Der König hatte ihm magere vierzehn Tage gestattet, dann hatte Bertram an die Arbeit zurückkehren müssen. »Das reicht nicht!«, hatte Anis geschluchzt, als Bertram sie zum Abschied umarmt hatte.
»Die meisten Arbeitgeber erlauben nur drei Tage«, hatte er erwidert und trotz dunkellila Ringen unter den Augen tapfer gelächelt. »Ich bin bald wieder da, Anis. Ehrenwort.«
Seit jenem Tag waren zwei Jahre vergangen. Zwei Jahre, seit sie ihn zuletzt gesehen hatte. Zwei Jahre unter Herrn Biedermanns unseliger Aufsicht. Doch bald wäre der Albtraum vorbei, bald hätte Bertram seine Pflicht gegenüber dem König erfüllt und käme wieder nach Hause. Das Leben würde zur Normalität zurückkehren.
»Da sind keine Leckerli drin, Wolf«, sagte Herr Hase unvermittelt. »Beim nächsten Mal bringe ich dir welche mit.«
Wolf zog die Schnauze aus Herrn Hases Postsack, in dem er herumgeschnüffelt hatte. »Das hat er beim letzten Mal schon gesagt.«
»Das haben Sie beim letzten Mal schon gesagt«, dolmetschte Anis.
Kaum jemand im Dorf konnte Wolf hören, und die meisten gingen davon aus, dass er ein normaler Hund war. Anis ließ sie in dem Glauben. Üblicherweise strichen wilde Geisthunde durch Sümpfe und Wälder. Weil sie fortwährend hungrig waren, fielen sie nachts über Nutztierherden her und machten Jagd auf Reisende, doch wenn man nur mutig genug war und einen von ihnen fütterte, schloss er sich einem für alle Zeiten als treuer Wachhund an.
»Beim nächsten Mal, Ehrenwort.« Herr Hase presste sich die Hand aufs Herz. »Aber wenn ich dürfte, Anis … Ich bin nämlich nicht nur der Post halber hier.«
Anis horchte auf. »Nicht?«
Er lächelte sie breit an und angelte eine Silbermünze aus der Tasche. »Meine Frau und ich haben eine Geistwesenfrage, und du bist die Einzige, die sie uns beantworten kann.« Er hielt ihr die Münze hin. »Wenn ich also dürfte, würde ich gern unsere örtliche Herzseherin konsultieren.«
Als Anis die Münze entgegennahm, versuchte sie, sich nicht anmerken zu lassen, wie dankbar sie war. Geistwesen waren übernatürliche Geschöpfe, es gab sie überall, in unterschiedlicher Gestalt und Größe – von salzkornkleinen Schrankmilben bis hin zu Grüngeistern, die über Baumwipfel hinwegspähen konnten. Einige waren den Menschen wohlgesinnt, ein paar andere mitunter gefährlich – aber die meisten waren vollkommen harmlos, wenn auch ein bisschen eigenwillig.
Das Problem mit Geistwesen war, dass sie in der Regel unsichtbar waren, und wenn nicht, dann gingen sie oftmals als ganz normale, unauffällige Erscheinungen durch: als Tiere, Pflanzen oder sogar Menschen. Das liege daran, hatte Anis’ Mutter ihr einst erklärt, dass den Leuten bei übernatürlichen Erscheinungen mulmig werde; deshalb wollten sie lieber nichts sehen oder gar nicht erst daran glauben. Für ihre Nachbarn im Dorf war Wolf bloß ein Hund, und wenn er ausnahmsweise mal auf die Größe eines Pferdes anwuchs … Tja. Dann spielte ihnen die Fantasie einen Streich.
»Es ist allerdings nicht so, als hätten sie vergessen, wie man Geistwesen sieht«, hatte Melisse erklärt. »Nein, sie haben gelernt, wie man über sie hinwegsieht.«
Dies wiederum bedeutete, dass Menschen manchmal versehentlich mit Geistwesen zusammenstießen, und das führte oft zu Problemen: für die Gärtnerin beispielsweise, die bei der Gartenarbeit unwissentlich den Bau eines Samenschrats beschädigte und dann verblüfft feststellte, dass in ihrem Beet nur noch Unkraut wuchs. Oder für die Familie, die vom Dachboden Schritte hörte, aber nicht ahnte, dass es sich dabei nur um einen freundlichen Schellentänzer handelte, der seinen alten Schuhen mal wieder ein Ründchen gönnte. Und genau hier kamen Herzseherinnen und Herzseher ins Spiel: Sie waren Fachleute für Geistwesen, konnten sie sehen und mit ihnen kommunizieren. Anis’ Aufgabe bestand darin, eine Brücke zwischen der übernatürlichen und der Menschenwelt zu schlagen und ihnen zu einem glücklichen Zusammenleben zu verhelfen.
Und sie half nicht nur den Menschen. Hier und da kamen auch Geistwesen zu ihr und baten um Hilfe. Einmal war ein gruselig großer Nusspfeifer in grauer Kutte und Kapuze vor Hunger im Wald zusammengebrochen. Anis hatte ihn mit nach Hause genommen, ihn aufgepäppelt, und zum Dank hatte er ihrem kranken Apfelbaum neues Leben eingehaucht. Ein andermal hatte Anis einen kleinen Grasklopfer in Gestalt eines Kaninchens vor ihrer Haustür vorgefunden, in dessen Hinterlauf ein scharfer Dorn gesteckt hatte. Sie hatte den Dorn entfernt und den Grasklopfer gesund gepflegt, ehe sie ihn wieder hatte laufen lassen. Im selben Jahr waren in ihrem Garten unfassbar viele leckere Pilze gewachsen.
Anis’ Mutter war viele Jahre lang die örtliche Herzseherin gewesen. Sie war aus dem tiefen Süden über die Mondberge nach Brück gezogen. Und nun gab Anis sich alle Mühe, das Vermächtnis ihrer Mutter in Ehren zu halten und in deren Fußstapfen zu treten.
»Wie kann ich Ihnen helfen, Herr Hase?«, fragte sie gespannt.
»Na ja, heute Abend ist doch Erntedankfest … Kommst du eigentlich auch?«, unterbrach er sich selbst.
Aus den Augenwinkeln erhaschte Anis einen Blick auf Wolf und presste die Lippen zusammen. Sie hatte eigentlich so tun wollen, als wäre ihr gar nicht klar, welcher Tag heute war, und hatte irgendwann heimlich hinausschleichen wollen.
»Äh … ja.«
»Also, wir hatten gerade unserer Tochter mit ihrer Maske geholfen, als sie von uns wissen wollte, warum wir überhaupt Masken tragen. Ich dachte immer, wir feiern so den Übergang der Jahreszeiten, aber meine Frau sagt, wir vertreiben damit böse Geister.«
Anis strahlte übers ganze Gesicht. »Sie liegen beide gar nicht so falsch! Geistwesen sind oft eng mit den Jahreszeiten verknüpft. Am letzten Herbsttag erwachen viele Winterwesen aus dem Sommerschlaf – und sind dann natürlich ausgehungert. Früher, als die Menschen zu ihrem Schutz noch keine Städte und Steinmauern errichtet hatten, lenkten sie die ausgehungerten Wesen von sich selbst ab, indem sie große Bankette veranstalteten und sich Masken aufsetzten, damit die Wesen sich auf das Festessen statt auf die Menschen stürzten.«
»Dann verkleiden wir uns also als Geistwesen?« Herr Hase strich sich über das Bärtchen. »Moment … Heißt das etwa, dass heute Abend dort draußen Unwesen unterwegs sind?«
»Keine Bange, im Dorf sind Sie sicher – ob mit oder ohne Maske«, erwiderte Anis. »Inzwischen ist das Ganze eher Tradition als eine Sicherheitsmaßnahme.«
»Und was ist mit dir? Allein hier draußen …?«
»Ich bin ja nicht allein.« Anis tätschelte Wolfs Kopf.
»Das stimmt.« Herr Hase streckte die Hand aus und zerzauste Anis’ rostrote Haare. »Dann bis heute Abend! Pass gut auf sie auf, Wolf!«
Wolf antwortete mit einem Wuff, während Herr Hase wieder in die Pedale trat und zum Abschied klingelte.
»Dann willst du also heute Abend dort hin, ja?« Kaum dass Herr Hase außer Sicht war, hatte Wolf aufgehört, fröhlich zu wedeln.
»Wolf.« Anis seufzte. »Dies wird für mich der einträglichste Abend des Jahres. Ich kann mir nicht leisten, nicht hinzugehen.«
»Aber alles Geld ist nichts mehr wert, wenn du aufgefressen wirst. Ausgerechnet heute Abend sind die Wälder viel zu gefährlich.«
»Der Wächter des Weißwalds kümmert sich um alles, was mir übel gesinnt ist.«
Wolf sah Anis an, als hätte sie soeben etwas besonders Dummes gesagt. »Ein Schutzgott wiegt kein einfältiges Verhalten auf.«
Anis verdrehte die Augen. Der Wächter des Weißwalds war die hiesige Gottheit – ein Kleingott, zu dem die Dorfbewohner beteten, wenn sie seinen Schutz benötigten. Sein Schrein hatte inmitten des Weißwalds gestanden, war aber noch vor Anis’ Geburt einem Feuer zum Opfer gefallen. Niemand ging mehr dorthin, und Anis hatte den Gott auch nie mit eigenen Augen gesehen. Trotzdem hatte Melisse immer betont, dass er immer noch dort lebe. »Er wacht über dich, Anis, und wird dich stets beschützen.«
Wolf war sich dahingehend nicht ganz so sicher.
Mit einem Seufzer nahm Anis die Hände hoch. »Meinetwegen, dann gehe ich eben nicht. Aber dann müssen wir unsere Ausgaben eindampfen.«
Wolf schnaubte zufrieden.
»Kein Besuch beim Metzger und kein knuspriges Knoblauchhähnchen mehr.« Anis tippte sich an die Lippe, während Wolfs Ohren nervös zu zucken begannen. »Kein brutzelnder, salziger Speck. Keine Fischpastete und bei Wintereinbruch kein Rindereintopf mehr. Ein paar Eier pro Woche schaffen wir vielleicht – und ein bisschen Käse rund um die Mittwinterzeit, wenn wir richtig sparsam sind.«
»He, Moment …«, grollte Wolf.
»Aber wenigstens hatten wir in diesem Jahr eine ganz passable Rübenernte.«
Wolf kniff die Augen zusammen, und Anis musste sich ein Grinsen verkneifen.
»Also gibt’s eben öfter Rüben. Bittere rohe Rüben« – sie konnte ihm die Resignation regelrecht ansehen –, »breiig gekochte Rüben« – er verzog die Lefzen zu einer Grimasse –, »und dünne, wässrige Rübensuppe. Ganze fünf Monate lang Rüben …«
»Schon gut, ich hab’s verstanden.«
Anis grinste ihn breit an.
»Aber wir gehen früh und bleiben nicht lange«, ermahnte er sie.
»Du wirst überhaupt nicht gehen. Sie haben ein Feuerwerk geplant.«
Sofort sträubte sich ihm das Fell. Wann immer irgendwo ein Feuerwerk abgebrannt wurde, ergriff Wolf winselnd die Flucht.
»Aber wie wäre es hiermit: Sobald ich dort fertig bin, holst du mich am Waldrand ab und begleitest mich nach Hause. Ich bringe dir auch etwas zu essen mit.«
»Einverstanden.« Wolf schnaubte und Rauch stieg aus seinen Nasenlöchern. »Und – was will der Luchs diesmal?« Er stupste mit der Schnauze ihre Hand an.
Anis blickte auf Herrn Biedermanns Brief hinab, und sofort zog sich alles in ihr zusammen.
Sie setzte sich ins Gras und riss den Umschlag auf. Wolf legte den Kopf auf ihre Schulter und sein Atem kitzelte sie an der Wange. Er roch nach Stein und nach Holzfeuer, und sein dichter, weicher Pelz war kühl – kühl, wie sich nur Geistwesen anfühlten, wie etwas, was da war und gleichzeitig auch wieder nicht.
Stockend und mit einiger Mühe las Anis ihm den Brief laut vor: »… wie ich dem jüngsten Schreiben deines Bruders entnehmen konnte, scheint er in der Hauptstadt herausragende Leistungen zu erbringen und hat eine persönliche Emp… Empf…«
»Empfehlung«, warf Wolf mit grimmiger Stimme ein.
»… Empfehlung des Königs erhalten.« Anis runzelte die Stirn. Schon lange bevor sie die Schule abgebrochen hatte, um ihre Mutter zu pflegen, hatte sie Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben gehabt. Herr Biedermanns verschnörkelte Handschrift machte es kein bisschen besser.
»In Anbetracht seines Erfolgs hat er eine neue Aufgabe zug… zuge…«
»Zugewiesen bekommen.« Kurzerhand las Wolf laut weiter: »Damit verzögert sich seine Rückkehr nach Brück auf unbestimmte Zeit.«
Anis starrte die dicken Tintenbuchstaben an. Sie fühlte sich, als hätte sie einen Stein verschluckt.
Auf unbestimmte Zeit. Was hatte das zu bedeuten? Sechs Monate? Ein Jahr? Noch länger?
»Glücklicherweise wurden Vorkehrungen für den Fall getroffen, dass dein Bruder mit Erreichen der Volljährigkeit nicht imstande sein sollte, das Sorgerecht für dich auszuüben. Ich selbst werde die volle gesetzliche Vormundschaft übernehmen« – Wolf knurrte kurz auf –, »und als dein Vormund habe ich für deine nähere Zukunft bereits erste Entscheidungen getroffen. In diesem Zusammenhang bitte ich um eine Unterredung vor Ende dieser Woche. Hochachtungsvoll, A. Biedermann.« Wolf fletschte die Zähne. »Der Luchs hat doch etwas ausgeheckt!«
Anis hörte ihn nur mehr wie aus weiter Ferne. Bertram kam nicht zurück. Kurz vor Ablauf seiner Dienstzeit hatten sie ihn erneut an die Kette gelegt.
Der Kloß in ihrem Hals wurde zusehends dicker, und es brannte hinter ihren Lidern. Sie reckte das Kinn vor, um die Tränen zurückzuhalten. Es hätte ja doch keinen Sinn zu weinen. Wenn dies der Wunsch des Königs war, dann hatte Bertram keine Wahl.
»Anis?«, fragte Wolf leise.
»Wir müssen dem Bürgermeister Bescheid geben, damit er das Fest absagt«, wisperte sie zittrig, und Wolf bedachte sie mit einem traurigen Blick. Anis schniefte. »Ach, ist schon in Ordnung. Wir haben es so lange geschafft – da halten wir es auch noch ein bisschen länger aus.« Sie stemmte sich hoch und legte ihre Hand auf Wolfs Fell. »Wir zwei, wir schaffen das.«
Doch noch während sie es aussprach, wog der Brief bleischwer in ihrer Hand. Der Wind drehte, strich ihr ums Gesicht, und unwillkürlich schoss ihr eine alte Weisheit durch den Kopf.
Schlechte Nachrichten waren wie Krähen: Sie kamen nie allein.
Brück platzte aus allen Nähten. Aus sämtlichen Weilern und Dörfern ringsum waren Besucherinnen und Besucher zu den Feierlichkeiten gekommen – aus Grüntal, Sattweiten, Niederflucht und sogar aus den Heimlichtungen. Farbenfrohe Wimpel und Lampions waren hoch oben zwischen den Häusern aufgehängt worden.
Anis saß auf der Treppe zum Rathaus unter einem riesigen Bild des Königs, auf dem geschrieben stand: ERNEUERUNG IST DER SCHLÜSSEL ZUR ZUKUNFT! Sie hatte dem Bild den Rücken zugekehrt, weil sie den Schmerz immer noch nicht verwunden hatte. Er flammte jedes Mal neu in ihr auf, sobald sie daran dachte, dass der König ihren Bruder in der Hauptstadt festhielt.
Schulkinder standen auf einer kleinen Bühne und sangen im Chor, wurden jedoch von Verkäufern übertönt, die in den Buden entlang der Straße ihre Waren anpriesen. Der seidig-säuerliche Duft von Frau Lieblichs Honig-Zitronen-Kuchen, den sie nach einem Rezept aus dem Süden backte, wetteiferte mit dem salzigen, rauchigen Geruch der Aale und Forellen, die Herr Seicht auf den Grill gelegt hatte.
Und dann die Masken! Ob aus Holz, Ton, Papier oder Stoff – auf unterschiedlichste Weise stellten sie Tiere, Ungeheuer und fremdartige Gesichter dar. Anis, die ihren Zeichenblock auf dem Schoß aufgeschlagen hatte, fertigte so viele Skizzen an, wie sie nur konnte. Die Farben und Muster merkte sie sich und würde sie zu Hause nachmalen.
An diesem Abend hatte sie schon mehrere Kunden gehabt, die den Rat der örtlichen Herzseherin benötigt hatten. Frau Fischer hatte sie um ein paar Frühlingsputzer gebeten: Geistwesen, die bei einem einzogen und sich von Staub und Schmutz ernährten. Anis hatte ihr versprochen, ihr Anliegen weiterzugeben. »Ich muss Sie allerdings warnen«, hatte sie hinzugefügt. »Frühlingsputzer sind ziemlich arglistig und werden nicht allzu gut mit Ihrer Katze auskommen.«
Frau Klein war zu Anis gekommen, um über Dauermüdigkeit und Erschöpfung zu klagen.
»Sie haben womöglich Schlaffresser im Bett … Normalerweise befallen sie Tiere, die Winterschlaf halten. Machen Sie jeden Morgen für mehrere Stunden Ihr Fenster auf, wechseln Sie zweimal pro Woche die Bettwäsche und versuchen Sie, sofort nach dem Aufwachen aufzustehen«, lautete Anis’ Rat. »Das sollte sie vergraulen.«
Ein älterer Mann mit Buckel, den Anis nicht kannte, befragte sie nach seinem Brunnen. »Mein Enkelsohn behauptet, er habe darin glitzernde Fische gesehen, und manchmal bilde ich mir ein, ich höre ein Platschen … Habe ich etwa Geistwesen im Wasser?«
»Machen Sie sich keine Gedanken«, versicherte sie ihm. »Das sind Silberlichter. Die ernähren sich von Graumäulern – von giftigen Geistwesen. Sie haben Glück: Silberlichter halten Ihr Wasser klar und rein. Sie waren früher hier im Fluss weit verbreitet, bis er irgendwann zu stark verschmutzt war … Inzwischen wimmelt es darin von Graumäulern. Das Flusswasser würde ich nicht mal dann trinken, wenn Sie mich dafür bezahlen würden.«
Ein paar weniger erfolgreiche Gespräche hatte es auch gegeben.
Eine Frau war davon überzeugt gewesen, dass Geistwesen ihr einen Schnupfen beschert hatten. Anis hatte ihr zu einem Arztbesuch geraten.
Ein anderer Kunde hatte Anis gebeten, ihm aus der Hand zu lesen, woraufhin sie ihm hatte erklären müssen, dass sie Herzseherin und nicht Wahrsagerin war.
Einer hatte sie aufgefordert zu beweisen, dass Geistwesen existierten.
»Wenn sie existieren, dann zeig sie mir, los!«, hatte er zu ihr gesagt.
»Haben Sie den König schon mal mit eigenen Augen gesehen?«, hatte Anis seelenruhig erwidert.
»Nein …?«
»Dann glauben Sie an ihn wohl ebenso wenig.« Anis hatte die Arme verschränkt. »Und was Geistwesen angeht – Sie haben gerade eins in den Haaren. Wenn Sie mögen, kann ich …«
Doch der Mann schnaubte nur. »Gib dir keine Mühe, du kleine Geldschneiderin!«
Wortlos sah Anis ihm hinterher. Vollkommen unbemerkt hatte auf seinem Kopf ein Spinnerlauswesen damit begonnen, die ersten braunen Haare in Silber umzuspinnen. Bis Monatsende würde der Mann komplett ergraut sein.
Doch abgesehen von dieser Handvoll weniger erfreulicher Begegnungen war es ein erfolgreicher Abend gewesen. Anis hatte ihre Einnahmen in einer Geheimtasche im Saum ihres Kleides versteckt. Herr Biedermann würde garantiert jede unverhoffte Münze konfiszieren, die er bei ihr fände. Und sie hatte mehr eingenommen als erwartet. Vielleicht könnte sie sich eine kleine Belohnung gönnen? Einen Karamellapfel möglicherweise? Bei der Vorstellung machte ihr Herz einen Hüpfer.
Sie wollte gerade aufstehen, um sich an den Verkaufsbuden umzusehen, als etwas am Rand ihres Bewusstseins zupfte. Eine Stimme – nein, eher ein Gefühl, ein Vorüberstreifen, das außer ihr niemand wahrnahm. Einige Geistwesen konnten nicht sprechen, doch ihre Gefühlsregungen klangen in Anis’ Kopf so laut wie Lieder.
»Hilfe«, flog es sie an. »Hilfe!«
»Na, wenn sich da mal nicht jemand ziemlich weit von zu Hause weggetraut hat«, schnurrte eine wohlbekannte Stimme aus der Gasse direkt hinter Anis.
Sie erstarrte, wirbelte herum, doch dann dämmerte ihr, dass das Schnurren nicht ihr gegolten hatte. Alarmiert packte Anis ihren Zeichenblock ein, eilte die Treppenstufen hinab und spähte um die Straßenecke.
Tief im Schatten kauerte eine schlanke weiße Katze mit leuchtend rostroten Flecken.
»Raff!«, zischte Anis.
Aus ihren grünen Augen funkelte die Katze sie an. »Was willst du, Herzseherin?«, fauchte sie.
Anis stapfte auf sie zu. Raff war eine Geldkatze – ein Geistwesen, das ähnlich wie Wolf von normalen Menschen gesehen, aber für gewöhnlich nicht verstanden wurde. Melisse hatte Anis erzählt, dass die Menschen Geldkatzen früher angebetet hätten, weil sie angeblich Glück und Wohlstand brächten. In Wahrheit jedoch liebten die Katzen bloß den Geruch von Geld und waren geschickte Schatzsucher. Geldkatzen schlossen sich gern reichen Familien an und blieben ihnen treu verbunden.
Raff hatte sich Herrn Biedermann angeschlossen, was kaum verwunderlich war: Immerhin war er der reichste Mann im Ort.
»Was immer du gerade gefangen hast – lass es laufen!«, forderte Anis sie auf.
Raff hielt ihr Opfer weiter mit den Tatzen fest. »Sonst – was?«
»Sonst rufe ich Wolf.«
Raff sträubte ihr Fell. »Wenn du dein Ungeheuer rufst, dann erzähle ich meinem Herrn, dass du Geld in deinem Kleidersaum versteckst!«
»Miau doch, so laut du willst. Wir wissen beide, dass er dich nicht verstehen kann.«
Die Katze kniff die Augen zusammen. »Na gut«, fauchte sie, wich ein Stück zurück und ließ von einem kleinen blauen Flammenball ab, den sie mit den Klauen festgehalten hatte.
Anis keuchte auf. Ein Geistfeuer?
Doch kaum dass sie es erkannt hatte, schlug Raff erneut zu und packte das Wesen mit den Zähnen.
»Nicht!« Anis stürzte auf sie zu, griff Raff ins Nackenfell und schob ihr die Finger ins Maul. Mit einem beherzten Ruck entriss sie ihr das Geistfeuer und nahm es in die offene Hand.
Wild fauchend machte Raff sich von Anis los und flüchtete an ihr vorbei die Gasse hinunter. »Mein Herr wird’s dir zeigen, Herzseherin!«, jaulte sie noch und rannte auf die Straßenecke zu. »Ich kann es kaum erwarten, dich loszuwerden!«
Ein unheilvoller Schauder lief Anis den Rücken hinunter. Doch dann schüttelte sie ihn ab und konzentrierte sich auf das Geistfeuer in ihrer Hand. Der sonst so feurige Schein war ermattet, sodass sie den insektengleichen, etwa käfergroßen Leib darin erkennen konnte. Für einen kurzen Moment fürchtete Anis bereits, dass das Geistfeuer gestorben wäre. Doch dann rührte es sich, und der kleine Körper flackerte erneut überirdisch blau auf.
»Dem Wächter sei Dank«, hauchte Anis, »es geht dir gut!«
In Städten und Dörfern waren Geistfeuer selten. Insektenwesen hielten sich lieber in der Wildnis auf.
Das kleine flammenförmige Wesen flackerte kurz, dann richtete es sich still auf.
»Danke«, wisperte die schwache Stimme.
Anis sah dem Geistfeuer hinterher, als es davonschwebte, bis es nur mehr einer von zahlreichen Sternen am Himmel war. Dann kehrte sie zu den Feierlichkeiten zurück.
Während sie in der Gasse gestanden hatte, hatte der Kinderchor seinen Auftritt beendet und sich zerstreut. Ein paar Mädchen in Anis’ Alter schlenderten untergehakt und mit zusammengesteckten Köpfen an ihr vorbei. Überrascht stellte Anis fest, dass sie ihre Haare mit langen, schimmernden Bändern zu eleganten Knoten hochsteckten.
Unwillkürlich fuhr sie sich durch die eigenen Haare. Früher hatten sie ihr bis zur Taille gereicht, doch im ersten Winter nach dem Tod ihrer Mutter hatte Anis sich den Zopf abgeschnitten und ihn bei einem Hökerwesen gegen einen Feuerstein eingetauscht, der auf Kommando zu brennen begann. Die Haarbänder, die sie nicht mehr benötigte, hatte sie an ein paar Frühlingsputzer verschenkt, die dafür die Löcher in ihren Schuhen geflickt und das Leder verzaubert hatten, damit es keine Risse mehr bekam. Nach und nach hatte sie ihre übrigen Besitztümer gegen Gefälligkeiten eingetauscht – weil ihr Herr Biedermann Letztere nicht wegnehmen konnte.
Vor einer Bude blieb Anis stehen und kaufte sich zwei Karamelläpfel, schlug einen davon für Wolf in Papier ein und kehrte auf die Rathaustreppe zurück, um sich über den zweiten Apfel herzumachen.
