Anna Fink - Boris Zatko - E-Book

Anna Fink E-Book

Boris Zatko

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Beschreibung

Der erste Band der preisgekrönten Fantasy-Jugendbuch-Trilogie! Nach dem Tod von Annas Vater machen Anna und ihre Mutter eine Erbschaft: eine Villa in einer fremden Stadt. Schon bei der Ankunft geschieht höchst Sonderbares. Die grusligen Gestalten aus der Nachbarschaft scheinen eine Verschwörung zu planen. Anna Fink beschließt den unheimlichen Vorgängen auf den Grund zu gehen und dabei das Rätsel zu lösen, das sich um ihre eigene Identität rankt. Dieser phantastische Roman steckt voller Spannung und skurriler Einfälle und wirft zugleich einen einfühlsamen Blick auf die Erlebniswelt seiner jugendlichen Heldin.

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Seitenzahl: 546

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Boris Zatko

ANNA FINK

DIE FANFARE DES KÖNIGS

Für Y, L und J.

1. Auflage der gedruckten Ausgabe 2017

1. Auflage als E-Book 2018

© 2017, 2018 Oberstebrink by Körner Medien UG, München

Alle Rechte vorbehalten.

Coverbild und Illustrationen: Boris Zatko

Satz: Helmut Schaffer

Digitalisierung: tool-e-byte GmbH

Verlag: Oberstebrink

c/o Körner Medien UG

Herzog-Heinrich-Straße 5

80336 München

Tel. 089/33095656, Fax: 089/33095473

[email protected]

www.oberstebrink.de

ISBN 978-3-96304-700-8

Boris Zatko

ANNA FINK

DIE FANFARE DES KÖNIGS

OBERSTEBRINK

Die Wolfsschlucht

»ANKUNFT IN TAUSTADT IN DREISSIG MINUTEN!«, brüllte der Schaffner in das Schlafabteil Nummer 24 und riss die drei Zuggäste, die sich darin befanden, unsanft aus dem Schlaf.

Linda Fink war als Erste auf den Beinen. Obwohl die junge Frau kaum geschlafen hatte, war sie sofort wach und sah sich aufmerksam im Abteil um, welches von einer kleinen Glühbirne, die einsam von der Decke hing, spärlich beleuchtet wurde. Ihr Blick fiel auf einen schnauzbärtigen Mann, der fast keinen Platz auf seiner Schlafpritsche hatte. Trotz seiner Leibesfülle schaffte er es, sich auf die andere Seite zu drehen und mit einem lauten Grunzen wieder einzuschlafen – der Anblick war alles andere als eine Augenweide. Linda schüttelte mit gerümpfter Nase den kleinen Rest Müdigkeit aus ihrem Körper und strich sich ihr schulterlanges braunes Haar wieder glatt, das nach der rumpeligen Fahrt völlig zerzaust war. Dann wendete sie sich ihrer Tochter Anna zu, die auf der obersten Pritsche lag und trotz des gerade stattgefundenen Radaus immer noch tief und fest zu schlafen schien.

»Guten Morgen, mein Schatz«, flüsterte Linda ihrer Tochter sanft ins Ohr. »Wir sind gleich da. Du musst aufstehen und dich anziehen!«

Leise stöhnend richtete sich Anna auf, rieb sich die schläfrigen Augen und blinzelte mit zerknautschtem Gesicht in eine dunkle Ecke des Abteils. Auf einmal rumpelte es heftig und sie musste sich festhalten. Der Zug fuhr gerade über ein großes Netz von Weichen, was zur Folge hatte, dass der schnauzbärtige Mann anfing zu schnarchen. Anna blickte aus dem Fenster, aber das Einzige, was sie erkennen konnte, waren dunkle, vom Morgennebel verschleierte Baumstämme, die vorbeiflitzten.

Mit einem lauten Gähnen wendete Anna ihren Blick wieder zurück ins Abteil und sah ihrer Mutter dabei zu, wie sie keuchend an einem riesigen schwarzen Koffer herumzerrte, der eingeklemmt unter der Polsterbank lag. Linda wirkte dabei wie jemand, der verzweifelt versucht, seinem ungezogenen Hund einen Stock aus der Schnauze zu ziehen. Das sah ziemlich komisch aus und Anna konnte sich ein Kichern nicht verkneifen.

»Ja, ja, sehr witzig«, sagte Linda mit rollenden Augen. »Aber anstatt dich über mich lustig zu machen, könntest du dich anziehen und deine eigenen Sachen bereitstellen.«

»Tut mir leid«, murmelte Anna mit schläfriger Stimme. Sie blickte auf den Sitz unter ihrer Pritsche, denn dort lagen ihr alter roter Lederkoffer und daneben die Kleider, die sie heute anziehen sollte.

»Oh nein«, seufzte sie, als sie erkannte, um was für Kleider es sich handelte. Es war der alte blaue Strickpullover von Tante Mathilde, der so fürchterlich kratzte, und eine graue, mit etlichen Flicken bestückte Hose. »Darin seh ich doch aus wie ein Sack Kartoffeln!«

»Ich bitte dich«, sagte Linda, als sie ihren Koffer endlich unter der Polsterbank hervorgezogen hatte. »Wir haben andere Sorgen!«

Anna wusste, wenn ihre Mutter in knappen Sätzen sprach, war Widerrede zwecklos. Also kletterte sie die kleine Leiter hinunter, die oberhalb des Abteilfensters befestigt war, und zog sich mit gequälter Miene die Kleider an. Dann verstaute sie ihren Schlafanzug im roten Koffer und stellte sich vor die Abteiltür.

»Ich bin fertig!«, sagte sie und tippte mit einer Fußspitze ungeduldig auf den Boden.

Linda schüttelte nur langsam den Kopf und rieb sich mit angestrengtem Gesicht die Stirn. Nachdem sie die restlichen Sachen verstaut und ihren Koffer sorgfältig verschlossen hatte, reichte sie Anna ein in Papier eingewickeltes belegtes Brot.

»Hier, iss das, es dauert noch eine Weile, bis wir ein vernünftiges Frühstück zu uns nehmen können.«

Anna gehorchte – wenn auch widerwillig. Sie packte das Brot aus und – Uääh! Gurken und Käse. Mit einem leidigen Ich-hasse-Gurken-und-Käse-Gesicht zeigte sie das Brot ihrer Mutter. Aber die stemmte nur ihre Hände in die Hüften und blickte sie streng an.

»Hör mal! Heute ist ein überaus wichtiger Tag für uns«, sagte sie mit gepresster Stimme. »Für mich ist es auch schwierig. Ich weiß, du magst keine Gurken und du magst keinen Käse. Aber du hast ja selber gesehen, dass es in der kleinen Imbissbude neben dem Bahnhof nichts Besseres gab. Trotzdem will ich nicht, dass meine Tochter mit leerem Magen aus dem Zug steigt. Ich verspreche dir: In Taustadt werden wir uns als Allererstes ein ordentliches Frühstück genehmigen – in aller Ruhe. Aber bis dahin werden wir uns helfen und nicht gegenseitig nerven!«

Anna sah ein, dass ihre Mutter recht hatte. Sie war einfach nur sehr verunsichert, weil sie nicht die geringste Ahnung hatte, was in Taustadt auf sie zukommen würde. Sie fühlte sich, als fiele sie in ein dunkles bodenloses Loch. Aber vermutlich ging es ihrer Mutter nicht anders und so versuchte sie sich zusammenzureißen. Mit einem leisen Seufzer blickte sie zu Boden, biss tapfer ins Brot und setzte sich auf den Platz neben dem Fenster.

So eine Reise hätte sich Anna vor ein paar Wochen nicht einmal im Traum vorstellen können. Damals hatte sie zusammen mit ihrer Mutter in Freibach gelebt, bei Tante Mathilde, denn sie waren arm. Das war nicht immer so gewesen, doch seit ihr Vater, Hiram Fink, vor einem halben Jahr an Annas zwölftem Geburtstag bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war – er war Pilot gewesen –, war es mit den beiden bergab gegangen.

Anna konnte sich an den Augenblick, als sie von dem Absturz erfahren hatte, nicht mehr genau erinnern. Eine Frau vom Flughafen hatte angerufen und mit betroffener Stimme erklärt, dass der Funkkontakt mit dem Flugzeug von Hiram Fink kurz nach dem Start abgebrochen war, die Maschine verschollen und wahrscheinlich irgendwo in den Bergen abgestürzt sei. Zahlreiche Suchmannschaften seien zwar dabei, das Gebiet abzusuchen, es müsse jedoch mit dem Schlimmsten gerechnet werden.

Hiram Fink war ums Leben gekommen.

Als Anna davon erfahren hatte, war ihr, als hätte sie ein Strudel in ein schwarzes tiefes Nichts gerissen. Was danach geschah, verblasste in ihrer Erinnerung, als hätte sich das Geschehene in Annas Kopf die dunkelste Ecke ausgesucht, um sich dort zu verstecken.

Am schlimmsten aber war die Beerdigung gewesen und an die konnte sich Anna noch ganz genau erinnern. Sie hatte in einer kleinen Kapelle stattgefunden, ohne Sarg, denn Hiram Finks Leiche war nie gefunden worden. Es war ganz seltsam gewesen, jemanden zu verabschieden, der nicht da war. Deshalb glaubte Anna nicht an den Tod ihres Vaters. Einen so schrecklichen Gedanken ließ sie einfach nicht zu. Es gab keinen Beweis dafür. Leute, die sie nicht kannte, hatten ihr zu erklären versucht, dass ihr Vater nie mehr zurückkommen werde. Doch was wussten die schon? Er war ein starker und kluger Mann und wäre nicht einfach so gestorben! Und in dieser Kapelle hatte ihr Vater nicht tot vor ihr gelegen. Nur das hätte Anna davon überzeugt, dass er nicht mehr am Leben war.

Aber wenn er nicht tot war, weshalb kam er dann nicht nach Hause? Warum tauchte er nicht einfach plötzlich wieder neben ihrem Bett auf, um sich zu entschuldigen, dass er so lange weg gewesen war? Je mehr Zeit verging, desto mehr ertappte sich Anna dabei, dass auch sie begann, an den Tod ihres Vaters zu glauben. Und das tat ihr stärker weh als alles andere.

Was den beiden zusätzlich zu schaffen machte, war, dass ihnen Hiram Fink nichts hinterlassen hatte. Nicht, dass er seinen Besitz jemand anderem vererbt hatte, nein, er besaß schlicht und einfach gar nichts. Das Einzige, was ihnen von Hiram geblieben war, war der rote Koffer, der jetzt Anna gehörte, und eine alte kaputte Taschenuhr, die Linda immer bei sich trug.

Und nur zwei Monate nach der Beerdigung hatte sich das Schicksal erneut gegen Anna und Linda gewendet: Das wenige, das sie besessen hatten, war bei einem Einbruch gestohlen worden, und nur kurz darauf hatte Linda auch noch ihre Stelle als Mathematiklehrerin verloren. Linda hatte sich zwar redlich um eine neue Anstellung bemüht, doch ohne Erfolg. Als sich dann ihre Ersparnisse dem Ende zuneigten, waren sie gezwungen gewesen, bei Tante Mathilde einzuziehen, mit der sie sich gar nicht gut verstanden. Die hatte nämlich keine Möglichkeit ausgelassen, Linda und Anna vorzuhalten, wie nutzlos sie doch waren.

Dann, vor einigen Tagen, war etwas geschehen, das ihr Leben von einem Moment auf den anderen vollkommen umkrempeln sollte. Sie hatten einen Brief von einem Notar namens Ribbeldip erhalten. In dem Brief stand in knappen Sätzen, dass sie ein Haus in Taustadt geerbt hätten und sich am 1. September in seiner Kanzlei einfinden sollten.

Tante Mathilde hatte nicht anders gekonnt, als ihnen die Vorfreude mit neidischen Sticheleien zu versalzen. Diese lächerliche Erbschaft sei doch nichts anderes als ein übler Scherz oder Bauernfängerei, hatte sie gespöttelt. Und sie hatte nicht einmal so unrecht. In dem Brief stand weder, von wem sie das Haus geerbt hatten noch eine Telefonnummer des Notars. Der Briefkopf enthielt lediglich die Adresse seiner Kanzlei. Und so hatten sie ihr letztes Geld zusammengekratzt, sich zwei Fahrkarten nach Taustadt gekauft und waren mit einem zwiespältigen Gefühl im Magen in den Zug gestiegen.

Nun, da Anna an einem ekligen Brot kaute, begleitet vom unappetitlichen Schnarchen des schnauzbärtigen Mannes und der düsteren Landschaft, die vorbeiflitzte, kamen ihr allerlei unbehagliche Gedanken: Was, wenn die ganze Sache tatsächlich nur ein Scherz war? Wie würden sie und ihre Mutter wieder zurückkommen? Und was in aller Welt würde Tante Mathilde sagen, wenn sie vor ihrer Tür stehen würden, mit der Bitte, wieder bei ihr wohnen zu dürfen? Anna bekam eine Gänsehaut und ihr spärlicher Appetit verabschiedete sich endgültig.

Sie warf das Brot in den Abfallbehälter, ohne dass ihre Mutter es bemerkte, und lehnte ihre Stirn an das kalte Glas des Fensters. Es hatte zu regnen begonnen und dicke Tropfen trommelten gegen die Scheibe.

Plötzlich wurde der Zug langsamer.

»Sind wir schon da?«, fragte Anna überrascht.

»Das kann nicht sein«, sagte Linda und spähte in die Dunkelheit hinaus.

Der Zug kam zum Stillstand.

Ihr Waggon befand sich nun genau in der Mitte einer schmalen Eisenbahnbrücke, die über eine hohe Schlucht führte. In der Dunkelheit wirkte die Schlucht wie ein bedrohlicher schwarzer Schlund.

»Das kann doch unmöglich der Bahnhof von Taustadt sein«, flüsterte Linda bedrückt und setzte sich wieder auf den Sitz neben der Abteiltür. »Hoffentlich geht’s bald weiter!«

Anna starrte in die Tiefe. Große Tannen krallten sich an den steilen Felswänden fest, allerlei knorriges Gestrüpp wucherte zwischen riesigen Steinblöcken, und ein Fluss, dessen Wasser wie schwarze Tinte wirkte, stürzte tosend ins Tal.

»Das ist die Wolfsschlucht!«

Anna zuckte zusammen. Der schnauzbärtige Mann schlief nicht mehr, sondern saß laut gähnend auf seiner Pritsche.

»Geht gleich weiter. Der Zug hält hier nur, weil der Tunnel, durch den wir gleich fahren werden, eingleisig ist und der entgegenkommende Zug Vorfahrt hat.«

»Gott sei Dank«, sagte Linda erleichtert. »Es wäre furchtbar, so hoch über einer Schlucht stecken zu bleiben.«

Der Mann stand auf und stemmte seine Hände in den Rücken, um sich durchzustrecken. Wieder gähnte er laut und eine Reihe gelber Zähne erschien in seinem Mund. Angewidert wandte Anna ihren Blick der Schlucht zu.

»Unheimlich, was?«, sagte der Mann, während er sich wieder hinsetzte.

Anna zuckte mit den Schultern, ohne ihn anzusehen.

»Die Schlucht führt bis nach Taustadt, ist aber völlig unbegehbar. Trotzdem versuchen es einige immer wieder, bis zur Quelle der Schlundmaul zu kommen.«

»Schlundmaul?«, fragte Anna, den Blick immer noch auf die Schlucht gerichtet.

»Das ist der Fluss, der durch Taustadt fließt«, fuhr der Mann fort. »An der Quelle soll es einen Schatz geben, der von irgendwelchen Berggeistern bewacht wird, oder so ’n Quatsch. Das sind natürlich Ammenmärchen, die sich die Leute seit Jahren in den Kneipen erzählen. Reiner Unfug! Aber es gibt immer wieder irgendwelche Spinner, die denken, dass da was Wahres dran ist, und dann auf Schatzsuche gehen. Soviel ich weiß, hat es noch keiner geschafft; haben sich alle das Genick gebrochen und sind zurück nach Taustadt gespült worden. Mich würden da keine zehn Pferde raufscheuchen.«

Anna schauderte.

»Ihre Horrorgeschichten interessieren uns nicht!«, bemerkte Linda aus ihrer Ecke.

Der Mann stieß ein heiseres Lachen aus und verschwand mit einer Schachtel Zigaretten im Seitengang des Waggons. Anna und Linda tauschten angewiderte Blicke.

»Ekelhafter Typ«, flüsterte Linda in Richtung des Mannes. Dann beugte sie sich zu Anna und kniff ihr in die Seite. »Der ist doch selber ein Berggespenst!«

Anna lächelte tapfer und blickte wieder aus dem Fenster.

Was war denn das?

Zwischen einem großen Felsen und einer besonders verkrüppelten Tanne tauchte plötzlich eine Gestalt auf. Es war ein großer Mann, der von Kopf bis Fuß grün gekleidet war. Auf seiner linken Schulter saß ein schwarzes Eichhörnchen, und über der rechten Schulter hing ein großer Sack, in dem irgendetwas heftig herumzappelte.

»Schau mal, da«, sagte Anna aufgeregt. »Da ist ein Mann in der Schlucht!«

»Wie bitte?«, fragte Linda ungläubig und setzte sich Anna gegenüber, um einen Blick auf diese Entdeckung zu werfen. »Hat der Typ vorhin also doch keinen Unsinn erzählt? Wo ist denn dieser Mann?«

Sie blickte neugierig nach unten.

»Ganz nah am Fluss, bei der komischen Tanne da«, erklärte Anna.

»Es ist so dunkel, man sieht ja gar nichts. Welche Tanne denn?«, fragte Linda gespannt.

»Na, da! Es ist die einzige Tanne, die nicht gerade ist. Der Stamm hat so eine komische Zickzack-Form.«

Linda verengte ihre Augen zu Schlitzen, um in der Dunkelheit besser sehen zu können.

»Ich glaube, ich seh sie! Ist es die, die über den Fluss gebogen ist?«

»Ja, genau«, bestätigte Anna. »Und gleich links neben ihr steht der Mann. Er hat ein Eichhörnchen auf der Schulter und einen Sack, in dem irgendein Tier oder so was drin ist. Komisch, nicht?«

»Du, ich sehe da nichts«, sagte Linda enttäuscht. »Du musst dich irren. Es ist viel zu dunkel, um wirklich etwas erkennen zu können.«

»Nein, nein, ganz sicher!« Anna wurde ungeduldig. »Da! Jetzt bewegt er sich!«

Und tatsächlich: Der seltsame Mann machte mächtige Sätze über den Fluss und dann von Fels zu Fels. Dabei bewegte er sich so sicher und flink, dass Anna der Atem stockte. Jeden Augenblick erwartete sie, dass der Mann auf den vom Regen rutschigen Felsen ausgleiten und sich das Genick brechen würde. Und dann würde auch er nach Taustadt gespült. Aber das Gegenteil war der Fall. Mit unglaublicher Sicherheit sprang der Mann mit seinem Eichhörnchen und dem Sack die Schlucht hinauf. Er sah fast so aus wie ein Felsbrocken, der anstatt hinab-, die Schlucht hinaufpolterte. Nach einem besonders weiten und beeindruckenden Satz über den Fluss blieb er wieder stehen und sah sich um.

»Hast du gesehen, wie der gehüpft ist?«, keuchte Anna, vor Spannung ganz zittrig.

»Hör bitte auf, ja?«, sagte Linda streng und blickte ihre Tochter mit verschränkten Armen an. »Da ist nichts! Gar nichts!«

»Ganz bestimmt!«, versicherte Anna und klopfte mit dem Finger aufgeregt gegen die Scheibe.

Noch einmal ließ sich Linda erweichen, nach unten zu schauen, aber auch diesmal erkannte sie nicht das Geringste.

»Na gut«, sagte sie dann ruhig, aber sichtlich gereizt, »fast hätte ich dir geglaubt. Aber nun ist Schluss! Ich habe keine Lust auf deine Scherze! Oder soll ich glauben, mit meiner Tochter stimme etwas nicht?«

»Aber …«

Linda warf ihrer Tochter einen Blick zu, der klar zum Ausdruck brachte, dass jedes weitere Wort überflüssig war. Dann setzte sie sich wieder an ihren Platz.

Dass Linda ihr nicht glaubte, obwohl sie die Wahrheit gesagt hatte, machte Anna wütend. Aber das war schon öfter der Fall gewesen. Schon häufig hatte sie Dinge gesehen, die für andere unsichtbar zu sein schienen. In anderer Leute Augen waren das alles nur Hirngespinste, und sie lästerten hinter vorgehaltener Hand, Anna sei krank. Kein anderes Kind wollte mit ihr etwas zu tun haben. Natürlich besitzen viele Kinder eine überschäumende Fantasie, aber selten so spektakulär und absonderlich wie Annas Entdeckungen. Alle, denen sie diese Entdeckungen zeigen wollte, wandten sich argwöhnisch von ihr ab, als hätte sie eine ansteckende Krankheit. Es bereitete ihr großen Kummer, dass sie von niemandem ernst genommen wurde. Und manchmal, und für Anna schmerzlich bewusst, dachte auch Linda Fink, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimme.

Annas Äußeres trug zu diesem verletzenden Urteil nicht unbedingt vorteilhaft bei. Sie war zwar ein hübsches Mädchen, doch hatte sie geradezu unheimlich große blaue Augen, die einen zu durchbohren schienen. Ihr gerades schulterlanges Haar war pechschwarz und sie war sehr dünn. So dünn, dass Linda mit ihr schon zu einem Arzt gegangen war, der aber keinerlei körperliche Mängel bei ihr feststellen konnte. Im Gegenteil: Anna strotzte nur so vor Gesundheit und Kraft.

Der Einzige, der nie an ihr gezweifelt hatte, war ihr Vater Hiram gewesen. Ihm hatte Anna alles anvertrauen können, denn auch er schien Dinge gesehen zu haben, die offensichtlich nicht existieren konnten. Doch sie war sich nie sicher gewesen, ob er dabei geschwindelt hatte, um sie zu trösten, oder ob er tatsächlich irgendetwas Außergewöhnliches gesehen hatte.

Und genau in solchen Augenblicken wie jetzt vermisste Anna ihren Vater mehr denn je.

Anna verscheuchte diese traurigen Gedanken und beschloss, nicht weiter auf ihre Mutter einzureden, die nun gelangweilt in einer Zeitung blätterte, die im Abteil auf dem Boden gelegen hatte. Lieber wollte sie wissen, wie es mit dem Mann in der Schlucht weiterging.

Als sie aber wieder aus dem Fenster blickte, war er verschwunden. Aufgeregt suchte sie den Fluss ab und entdeckte ihn auf einem höher gelegenen Felsen wieder.

Er streichelte sein Eichhörnchen.

Auf einmal flog ein riesiger Adler in die Schlucht und landete neben dem Mann auf einem abgestorbenen Baumstumpf. Der Mann beugte sich zu dem mächtigen Vogel, und Anna schien es, als ob die beiden miteinander redeten. Dann, wie vom Blitz getroffen, stieß sich der Mann von seinem Felsen ab und verschwand pfeilschnell in den Schatten der Bäume. Der Adler erhob sich in die Luft und Anna verfolgte mit angehaltenem Atem seinen majestätischen Flug.

Anna liebte Vögel, besonders Adler. Oft hatte sie mit ihrem Vater diese wunderbaren Bewohner des Himmels beobachtet und sie in Gedanken in ferne unbekannte Länder begleitet. Sie wusste sofort, um welche Art Adler es sich handelte: ein Kaiseradler. Die Federn auf seinem Kopf glänzten golden, dass es beinahe so aussah, als trüge er eine Krone. Sein übriges Gefieder schimmerte graubraun und seine weißen Schulterflecken verstärkten nur noch den Eindruck von Würde. Beim Anblick des Adlers kam Anna ein Gedicht ihres Vaters in den Sinn, das er ihr immer wieder vorgetragen hatte und das sie mittlerweile auswendig konnte:

Wär ich ein Vogel, so würd ich gern ein Adler sein,

Flög wie ein König in das weite Himmelsreich hinein,

Fern ab von des Menschen Hohn,

Der Wind wär mein Weg, eine Wolke mein Thron,

Und einen Namen würde ich mir geben,

Adolar würd ich heißen und fortan in Freiheit leben.

Wie sehr wünschte sich Anna, ebenfalls fliegen zu können. Einfach in die Höhe zu steigen, durch unendliche Wolkenlandschaften zu gleiten, weit weg von allen, die mit dem Finger auf sie zeigten und sie auslachten. Doch sie wusste genau, dass das nicht möglich war. Sie verlor den Adler aus den Augen, denn auch er verschwand in den langen Schatten des Morgengrauens.

Enttäuscht sank Anna in ihren Sitz zurück.

In diesem Moment kam der schnauzbärtige Mann zurück ins Abteil und setzte sich auf seinen Platz. Einen Augenblick später rauschte der entgegenkommende Zug auf dem Nachbargleis vorbei.

»Jetzt geht’s weiter«, sagte der Mann fröhlich, die bösen Blicke von Linda und Anna völlig ignorierend. Mit einem lauten Rumpeln setzte sich ihr Zug wieder in Bewegung.

»Na endlich!«, stöhnte Linda erleichtert. Sie blickte zu ihrer Tochter und setzte ein entschuldigendes Lächeln auf. Anna spürte, dass es ihrer Mutter leidtat, sie so angefahren zu haben, und sie lächelte zurück. Auch sie wollte den ersten Tag in einer Stadt, die vielleicht ihr neues Zuhause werden sollte, nicht mit einem Streit beginnen.

Aber wieso sah sie Dinge, die anscheinend nicht existierten? Bildete sie sich das alles nur ein? Unmöglich! Wenn sie sich den Mann in der Schlucht nur eingebildet hatte, hätte sie ihn immer sehen müssen und hätte nicht beim zweiten Mal, als sie nach unten geblickt hatte, nach ihm suchen müssen. Und wer war er? Etwa einer dieser Abenteurer, von denen der schnauzbärtige Mann erzählt hatte? Dann musste ja an der Geschichte mit dem Schatz und der Schlundmaul etwas Wahres sein. Und was steckte in dem Sack?

Oder hatten die Leute am Ende etwa doch recht, wenn sie behaupteten, sie sei krank? All diese Fragen summten wie lästige Fliegen in ihrem Kopf herum, aber keine Antwort konnte sie wieder verscheuchen. Das Einzige, was Anna wusste, war, dass es niemanden gab, der ihr helfen konnte. Und das machte sie traurig.

In ihrem Innern war es so dunkel wie in dem Tunnel, in den sie nun fuhren.

Karl

Im Bahnhof von Taustadt, einem kleinen roten Backsteingebäude mit hübschen weißen Fensterrahmen, herrschte schon seit dem frühen Morgen reger Betrieb. Es hatte aufgehört zu regnen und auf dem einzigen Gleis stand der Zug aus Freibach.

Überall tummelten sich Fahrgäste, die achtlos Papiertüten oder Zigarettenstummel auf den Boden warfen und die Gepäckwagen nach dem Gebrauch einfach stehen ließen. Ein paar Raben flatterten umher und pickten alles auf, was nicht niet- und nagelfest war. Der alte Bahnhofsvorsteher hatte alle Hände voll zu tun und eilte – so gut ihn seine Beine eben trugen – von einer Ecke zur anderen, um die Leute zurechtzuweisen oder ihnen Auskunft zu geben.

»Nein, mein Herr, wir haben keinen Getränkeautomaten! – Der Fahrkartenschalter ist dort hinten links! – Würden Sie bitte Ihren Müll in die dazu vorgesehenen Abfalleimer werfen? – Der Zug fährt pünktlich ab, machen Sie sich keine Sorgen! – Nein, der Speisewagen ist noch geschlossen! – Nein, ohne Halt nach Mandelheim, meine Dame!«

Er hasste diesen Tag. Immer montagmorgens geriet alles außer Rand und Band, und der Bahnhof sah am Ende des Tages aus, als wäre ein Wirbelsturm über ihn hinweggefegt.

Nachdem der Bahnhofsvorsteher den letzten Fahrgast bedient, den letzten Abfall entsorgt und die frechen Raben verscheucht hatte, lehnte er sich erschöpft an die Orientierungstafel. Ein hagerer, elegant gekleideter Mann stand davor.

»Nun sehen Sie sich dieses Gesindel an«, schimpfte der Bahnhofsvorsteher. »Da kümmert man sich tagaus, tagein darum, dass der Bahnhof anständig aussieht, nur damit solche …«

Er verstummte, denn der hagere Mann starrte ihn streng an, als wäre er gerade bei etwas sehr Wichtigem gestört worden. Der Bahnhofsvorsteher fühlte sich augenblicklich bedroht und wich ängstlich einen Schritt zurück.

Der Mann hatte kurzes, blaugraues Haar, das streng nach hinten gekämmt war. Besonders auffallend waren seine Ohren, aus denen schwarze fingerlange Haare wucherten. Doch was den Bahnhofsvorsteher am meisten schaudern ließ, waren die Augen. Eisblaue Augen, die einem körperliche Schmerzen zufügen konnten. So jedenfalls kam es dem Bahnhofsvorsteher vor.

Nach Luft ringend wich er dem stechenden Blick dieser kalten Augen aus. Der Mann sagte nichts, drehte sich dann auf dem Absatz um und verschwand.

»Verdammtes Gesindel!«, zischte der Bahnhofvorsteher keuchend, als er sich wieder gefasst hatte. Mit einer abschätzigen Handbewegung stapfte er davon.

Anna hatte diese seltsame Begegnung unbemerkt beobachtet. Sie bewachte, nachdem sie mit ihrer Mutter aus dem Zug gestiegen war, die Koffer, während Linda einen Gepäckwagen suchte. Die Orientierungstafel war nicht weit von ihr entfernt, sodass sie ganz genau hatte mitverfolgen können, wie der Bahnhofsvorsteher den hageren Mann angeredet hatte, verstummt und dann wütend davongeeilt war. Und während dieser Zeit war etwas geschehen, was ihr einen gewaltigen Schauer über den Rücken getrieben hatte. Es hatte sich angefühlt, als ob eiskalte, messerscharfe Zähne langsam in ihre Lungen beißen würden. So etwas hatte sie noch nie vorher gespürt.

Aber vielleicht waren es auch die zurückliegenden Ereignisse, die sie so frösteln ließen. Sie hatte immerhin die ganze Nacht in einem engen muffigen Zugabteil verbracht.

»So, ich glaube, wir haben uns ein Frühstück redlich verdient!«

Anna zuckte zusammen. Ihre Mutter stand neben ihr und stemmte den schwarzen Koffer auf einen Gepäckwagen, den sie erobert hatte.

»Hätte nicht gedacht, dass so viele Leute hier aussteigen«, sagte Linda beiläufig, als sie sich auf den Weg zum Bahnhofsrestaurant machten.

Anna dachte an etwas anderes. Sie dachte an den hageren Mann. Ein eiskalter Wind wehte ihr um die Ohren, und sie war froh, als sie endlich das Restaurant erreichten.

Anna seufzte erlöst, als sie sich an einem Tisch ganz hinten im Raum niederließen. Während Linda die Speisekarte nach einem brauchbaren Frühstück durchsah, ließ Anna ihren Blick durch das Restaurant wandern.

Außer ihnen befand sich nur noch ein älterer, sehr dicker Mann mit schütterem Haar im Raum, der einen grauen gestreiften Anzug trug und mit ernster Miene die Morgenzeitung las. Hin und wieder schüttelte er seinen dicken Kopf und schnaufte besorgt durch die Nase. Offensichtlich machte ihm die Lektüre der Zeitung nicht sonderlich Spaß.

Gab es in dieser Stadt denn niemanden, den man nicht gleich auf den ersten Blick unsympathisch fand?

»Haben die Kuchen oder so was auf der Karte?«, fragte Anna, um die unangenehmen Eindrücke zu verscheuchen.

»Ja«, sagte Linda. Sie blätterte eine Seite der Speisekarte zurück. »Was wäre dir lieber: Apfelkuchen, Zwetschgenstrudel oder Mandelkuchen?«

Anna bekam den letzten Satz ihrer Mutter nicht mehr mit. In der Eingangstür zum Restaurant stand ein Mann, der sich langsam im Raum umsah.

Annas Körper verkrampfte sich.

Es war der Mann von der Orientierungstafel.

»Anna?« Linda wartete mit vorgestrecktem Kopf auf eine Antwort ihrer Tochter.

»Was?«, fragte Anna gedankenverloren. »Hast du was gesagt?«

»Ob du lieber Apfelkuchen, Zwetschgenstrudel oder Mandelkuchen essen möchtest?«, fragte Linda und lächelte sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.

Endlich bewegte sich der Mann. Er setzte sich an den Tisch hinter dem dicken Zeitungsleser.

»Apfelkuchen, Zwetschgenstrudel oder Mandelkuchen?«, wiederholte Linda ihre Frage ein wenig energischer.

»Ja, gerne«, sagte Anna, während sie versuchte, so unauffällig wie möglich den Mann zu beobachten.

»Anna, ich bitte dich! Was soll das?«

Anna sah wieder zu ihrer Mutter. Linda hatte die Speisekarte zur Seite gelegt und musterte sie mit verschränkten Armen.

»Nichts, nichts! Entschuldigung! Was war das? Apfelkuchen? … Ja, ja! Das nehme ich!«, sagte Anna, als sei nichts gewesen.

Linda beugte ihren Kopf über den Tisch. »Stimmt etwas nicht?«

»Nein, alles in Ordnung! Ich habe nur den dicken Mann beobachtet, der dort hinten Zeitung liest. Sieht richtig doof aus, nicht?«, redete sich Anna mit einem leisen Kichern heraus.

Linda drehte ihren Kopf unauffällig nach hinten, um herauszufinden, wen ihre Tochter doof fand. Ihr Blick fiel auf den dicken Mann mit der Zeitung, der erneut verächtlich schnaufte.

»Na ja«, sagte sie dann, als sie sich wieder umgedreht hatte.

»Aber …«, flüsterte sie mit einem Gesicht, als ob sie gerade einen Löffel Ohrenschmalz in den Mund genommen hätte, »… hast du den Typen hinter ihm gesehen? … Der ist ja zum Fürchten!«

Was du nicht sagst, dachte Anna. Sie nahm die Speisekarte, spähte jedoch über den Rand hinweg hinüber zu dem Mann. Anna schätzte ihn auf etwa dreißig Jahre, also noch nicht richtig alt. Das eigentlich Beängstigende aber war, dass er die Ausstrahlung eines griesgrämigen alten Mannes besaß. Anna fragte sich, welche schrecklichen Erfahrungen ihn so hatten altern lassen.

Linda, für die die Welt wieder in Ordnung war, versuchte einen Kellner, der gerade den Raum betreten hatte, zu sich zu locken. Mit schlurfenden Schritten trat er an ihren Tisch.

»Ja, bitte?«, fragte er, ein Gähnen unterdrückend.

Linda bestellte für sich einen Mandelkuchen und einen Pfefferminztee, für Anna den Apfelkuchen und einen Schwarztee. Während der Kellner die Bestellung notierte, schielte Anna hinter seinem Rücken nach vorne.

Der unheimliche Mann saß auf seinem Stuhl und starrte regungslos aus dem Fenster. Er sah aus, als würde er nicht mal atmen. Anna spürte, wie ihr wieder eisige Kälte in den Magen kroch.

Nachdem der Kellner ihre Bestellung aufgenommen hatte, schleppte er sich laut gähnend weiter. Beim Tisch des unheimlichen Mannes blieb er stehen. Der regte sich immer noch nicht, doch Anna konnte erkennen, dass sich sein Mund langsam bewegte. Der Kellner verbeugte sich und verschwand in der Küche. Irgendwie wirkte er eingeschüchtert.

Nach einer Weile kehrte er mit einem Tablett zurück, auf dem Anna ihre Bestellung entdeckte, aber auch ein Glas Wasser. Er stellte es rasch auf den Tisch des Mannes und näherte sich dann Anna und Linda.

Während der Kellner Kuchen und Getränke servierte, beugte sich Anna ein wenig zur Seite, um zu beobachten, was der Mann als Nächstes tun würde. Langsam hob er seine linke Hand, an deren Zeigefinger ein großer metallener Ring mit einem farblosen Edelstein steckte. Mit der anderen Hand öffnete er den Edelstein und gelbes Pulver rieselte ins Glas. Sofort färbte sich das Wasser darin blutrot. Anna stockte der Atem. Der Mann verschloss den Edelstein wieder und trank das Glas in einem Zug leer.

Dann geschah etwas Unglaubliches: Die langen Haare, die dem Mann aus den Ohren wuchsen, verschwanden.

Anna konnte nicht glauben, was sie gerade gesehen hatte. Doch bevor sie sich darüber Gedanken machen konnte, blickte ihr der Mann direkt in die Augen, als spürte er, dass sie ihn beobachtete. Sein kalter Blick durchbohrte sie. Ihre Augäpfel fühlten sich wie Eiswürfel an, und es war ihr, als ob tausend kleine Eiszapfen in ihren Magen stachen. Die Kälte schien sich von innen durch ihren Körper zu fressen. Anna verbarg das Gesicht schützend hinter ihren Händen und krümmte sich zusammen.

»Ist dir schlecht, mein Schatz?«, fragte Linda besorgt, als sie Annas merkwürdiges Verhalten bemerkte. Es dauerte einen Augenblick, bis Anna es wagte, die Augen zu öffnen und zwischen den Fingern ihre Mutter anzusehen.

»Nein! Alles in Ordnung«, keuchte sie leise. »Ich bin nur immer noch sehr müde … und … mir ist ein wenig kalt!«

»Hoffentlich wirst du nicht krank!«, sagte Linda und legte ihre Hand auf Annas Stirn.

»Gott, deine Stirn ist ja eiskalt! Und du zitterst!«

»Es geht schon! Ich bin wirklich nur müde«, sagte Anna und zog trotzig ihren Kopf zur Seite. Da bemerkte sie, dass der Mann verschwunden war.

Warme Erleichterung wanderte durch ihren Körper.

»Nichts da!«, sagte Linda knapp und stand auf. Hastig öffnete sie den roten Koffer und holte einen dicken Wollpulli heraus.

»Mir geht’s wirklich gut!«

Linda duldete keinen Widerspruch und Anna zog sich den Pullover murrend an.

»Nach dem Tee gehen wir sofort zu diesem Notar!«

Anna fühlte sich deswegen keineswegs besser und von Freude auf eine neue Zukunft konnte nun keine Rede mehr sein. Sie blickte lustlos zu Boden.

Nachdem sie schweigend zu Ende gefrühstückt hatten, gingen sie hinaus vor den Bahnhof, um sich ein Taxi zu suchen. Leider war weit und breit keines zu sehen. Der Akku von Lindas Mobiltelefon (ein schon in die Tage gekommenes Modell) war leer und es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich auf die Suche nach einer Telefonzelle zu machen.

Wieder musste Anna die Koffer bewachen. Erschöpft setzte sie sich auf die einzige Bank, die inmitten eines lieblos gestalteten Blumenbeets stand. Die Raben, die der Bahnhofsvorsteher zuvor vom Bahnsteig verscheucht hatte, pickten nun einige Meter entfernt in einem Abfalleimer nach Essensresten.

Die Zeit floss zäh dahin, und Anna versuchte, für das vorhin Gesehene irgendeine logische Erklärung zu finden. Die einzige Lösung schien zu sein, dass sie sich das alles nur eingebildet hatte. Doch damit konnte sie sich nur schwer abfinden, war sie doch felsenfest davon überzeugt, keiner Sinnestäuschung auf den Leim gegangen zu sein. Das alles war so frustrierend, dass sie den Kopf hängen ließ.

Der Boden unter ihren Füßen begann leicht zu zittern.

Anna schüttelte den Kopf, denn zuerst dachte sie, ihr wäre immer noch schwindlig. Doch dann bewegte sich der Boden wieder, diesmal aber heftiger.

Das war keine Einbildung, irgendetwas war dort unter der Erde. Anna zog ängstlich ihre Knie hoch. Was war das? Irgendein Tier? Plötzlich wurde die Erde von unten aufgeschüttet, zur Seite geschoben und es erschien …

… der Kopf eines Mannes.

Der Kopf hatte kurzes, schwarzes Haar. Auf der spitzen Nase ruhte eine Brille mit unglaublich dicken Gläsern, die die braunen Augen erschreckend vergrößerten. In der Mitte der Stirn erhob sich eine mächtige Beule. Schnüffelnd blickte der dreckverschmierte Kopf nach allen Seiten.

Anna erstarrte vor Schreck. Das war doch nicht normal!

»Hallo, ich bin Karl, ja, ja«, sagte der Kopf mit piepsender Stimme. »Willkommen, willkommen! War die Reise anstrengend?«

Anna rührte sich nicht. Hatte der Kopf gerade mit ihr gesprochen? Wieder schüttelte sie sich, denn das konnte sie doch nur träumen. Oder etwa nicht?

»Ist anstrengend, sich unter einer Stadt zu bewegen, kann ich dir sagen. Ständig stößt man sich an Abflussrohren und Kellerwänden den Kopf an. Das ist sehr unangenehm. Und dass ich keinen Späher mehr habe, macht die Sache ja auch nicht einfacher, nein, nein«, sagte der Kopf namens Karl, ohne Annas verdutztes Gesicht zu beachten. »Nun, wie auch immer. Jetzt hab ich dich ja endlich gefunden, nicht wahr?«

Anna war zu verstört, um etwas zu erwidern. Sie saß nur da und glotzte den Kopf an, der wie ein verloren gegangener Fußball vor ihr lag.

»Scheinst nicht gerade gesprächig zu sein, was?«, sagte Karl. »Na, egal! Jedenfalls wollte ich der Erste sein, der dich begrüßt, bevor du die anderen triffst. Soll niemand behaupten, Karl gäbe sich keine Mühe. Karl ist immer zur Stelle, auf Karl ist Verlass. Ja, ja!«

»Aha!«, war das Einzige, was Anna hervorbrachte.

»Hör zu, Mädchen!« Karl streckte seinen Kopf in die Höhe. »Egal was dir die anderen über mich erzählen, die Sache mit der Gürtelschnalle war ein Versehen, ein Missgeschick sozusagen. Hätte jedem passieren können, mit Sicherheit.«

Anna verzog das Gesicht. Einerseits weil sie kein Wort von dem verstand, was dieser Karl von sich gab, andererseits weil ihr die Situation mehr als unheimlich war.

»Aber lassen wir das. Es tut jetzt nichts zur Sache.« Karl schaute prüfend nach allen Seiten, wohl um sicherzugehen, dass niemand sie beobachtete. »Wichtiger ist, dass du dich so schnell wie möglich zurechtfindest. Karl weiß Bescheid, musst du wissen. Karl ist klug und gewitzt. Karl weiß, was vor sich geht, man kann ihm nichts vormachen.« Sein Blick blieb am roten Koffer haften. »Na, wie ich sehe, hast du Flügelwind. Das ist ja schon mal die halbe Miete, wie man bei euch so schön sagt.«

»Flügelwind?«, fragte Anna verblüfft.

»Na, der rote Koffer da. Sag bloß, du weißt nicht, was es mit ihm auf sich hat!«

Anna war sprachlos und zuckte nur hilflos mit den Schultern.

»Meine Güte! Weißt du überhaupt, um was es hier geht, Mädchen?« Karl sah sie mit fordernden Augen an. »Ich hoffe doch, dass du wenigstens schon einen Späher hast?«

»Es … es tut mir leid, Herr Karl«, stotterte Anna nervös. »Aber ich habe überhaupt keine Ahnung, wovon Sie reden.«

Karl schüttelte wütend den Kopf. Kleine Käfer fielen aus seinen Ohren, die aufgeregt in alle Richtungen flohen. Anna juckte es bei diesem Anblick am ganzen Körper.

»Hör zu, Mädchen«, sprach Karl weiter, als er sich wieder beruhigt hatte. Seine Stimme war leise, aber sehr bestimmt. »Es kommen schlimme Zeiten auf uns zu, und ich verstehe nicht, weshalb du nicht vorbereitet bist. Das wirft ein schlechtes Licht auf Conrad, ja, ja! Und keiner kann das besser beurteilen als ich. Karl weiß Bescheid, ja, ja!« Karl machte eine Pause und sein Gesicht nahm einen stolzen Ausdruck an. »Jedenfalls …«, fuhr er fort, »… steht es schlimmer, als ich dachte. Siehst du die Raben dort drüben?«

Er deutete mit seiner Nase auf den Abfalleimer. Die Raben hatten aufgehört, im Müll herumzustochern. Stattdessen saßen sie da und beobachteten aufmerksam, was vor sich ging. Anna bekam ein mulmiges Gefühl, denn von diesen Tieren ging etwas Bösartiges aus, etwas, das nach ihr greifen wollte. Noch nie hatte sie beim Anblick von Vögeln so etwas verspürt und es machte ihr Angst. Als die Raben merkten, dass Anna und der seltsame Kopf sie ansahen, erhoben sie sich laut krächzend in die Luft und verschwanden.

»Die sind schon seit einigen Tagen in Taustadt und lungern die ganze Zeit am Bahnhof herum«, schnaufte Karl verächtlich. »Sie sind zwar feige, aber sehr bösartig. Haben wohl auf dich gewartet.«

»Auf mich gewartet?« Anna zuckte zusammen. »Aber … wieso denn? Was soll das alles?«

»Jetzt fliegen sie zu ihm und berichten von deiner Ankunft.« Karl sagte das mehr zu sich als zu Anna. »Ja, ja! Es steht schlimm!«

»Herr Karl, was reden Sie denn da?« Anna zitterte nun am ganzen Körper, denn sie verstand überhaupt nicht, was dieser Karl von ihr wollte. »Sie machen mir Angst!«

»Conrad wird sich schon etwas dabei gedacht haben, dich hierher zu bringen. Karl mag Conrad nicht. Nein, Karl hasst ihn sogar ein wenig. Die Gürtelschnalle … alles ein Missgeschick, alles ungerecht. Aber trotzdem ist Conrad ein kluger Kopf, ja, ja! Trotzdem. Es ist gut, dass ich dich gefunden habe. Ich bin hier, um dir meine Hilfe anzubieten, denn es ist ja wohl offensichtlich, dass du welche brauchst. Karl will dir helfen!«

»Helfen? Wobei denn?« Annas Kopf fing an zu schmerzen. Das alles wurde ihr langsam zu viel.

»Ganz recht, ganz recht! Karl weiß Bescheid, ja, ja! Karl ist kein Taugenichts, Karl ist tüchtig! Wenn ich dir helfe, dann darfst du niemandem etwas davon erzählen, hast du verstanden?«

Anna antwortete nicht. Sie saß nur da und blickte dem Kopf in die Augen. Sie wusste nicht mehr, was sie denken sollte. Verständnislos schüttelte sie den Kopf.

»Du meine Güte!« Karl räusperte sich. »Karl will zurück, will wieder bei den Grenzwächtern dabei sein. Darum will ich dir helfen, aber eigentlich darf ich nicht, darum zu niemandem ein Wort. Begreifst du das?«

Wieder schüttelte Anna den Kopf. Karl verdrehte die Augen und stöhnte auf.

»Na, vielleicht ist das auch besser so«, sagte er leise. »Und jetzt hör mir genau zu, Mädchen. Immer wenn du von mir Hilfe benötigst, dann stampfe mit einem Fuß zweimal auf den Boden. Karl eilt dann herbei.«

»Wenn Sie meinen, Herr Karl!«, flüsterte Anna hilflos.

»Gut! Bis dahin wünsche ich dir Glück, Mädchen. Denn das wirst du brauchen, ohne Zweifel. Einen Späher zu finden ist nämlich nicht leicht«, sagte Karl sorgenvoll. »Eigentlich findet dein Späher dich, das dauert seine Zeit, und die hast du nicht. Außerdem musst du noch lernen, wie man mit Flügelwind umgeht.«

Er schüttelte noch einmal den Kopf, versank dann lautlos in der Tiefe und die Erde schloss sich über ihm. Anna senkte ihre Knie, und ihre Füße berührten wieder die Stelle, an der sich Karls Kopf befunden hatte. Nichts deutete mehr darauf hin, dass da gerade noch ein Loch im Boden gewesen war.

Anna konnte nicht fassen, was sie soeben erlebt hatte. Das alles war so unglaublich, dass ihre Gedanken anfingen, sich immer schneller im Kreis zu drehen, sodass ihr wirklich schwindlig wurde. Gottlob saß sie auf einer Bank, sonst hätten ihre Beine den Halt verloren und sie wäre ohnmächtig geworden.

Ich muss verrückt geworden sein, dachte sie. Die Leute haben recht: Ich bin krank. Anna hatte schon davon gehört, dass sich Menschen in Traumwelten flüchten, wenn sie mit ihren Problemen nicht mehr fertig werden. Doch warum konnte sie darüber nachdenken? Wenn dem wirklich so wäre, dass sie sich irgendwohin flüchtete, dann hätte diese Begegnung mit Karl doch völlig normal für sie sein müssen. Doch normal war diese Sache ganz bestimmt nicht, das war ihr vollkommen klar.

Anna wurde schlecht.

Linda hatte ihr Telefonat mit der Taxizentrale beendet und kehrte zu ihrer Tochter zurück.

»Das Taxi kommt jeden Augenblick«, sagte sie, ohne zu merken, dass Anna ihr gar nicht richtig zuhörte.

»Gut!«, flüsterte Anna, als sich Linda neben ihr auf der Bank niederließ. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen.

Schweigend saßen die beiden nun da, warteten auf das Taxi und hingen jeweils ihren Gedanken nach, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Während Linda einen Prospekt über Taustadt, den sie am Bahnhof gefunden hatte, aus ihrer Jackentasche zog, dachte Anna an den Mann und den Adler in der Schlucht, an den hageren Mann im Restaurant, an Karl und die Raben. Und so seltsam und beängstigend ihr das auch vorkam, sie wünschte sich, dass sie ihnen nicht zum letzten Mal begegnet war.

Notar Ribbeldip

Es dauerte tatsächlich nicht lange, bis das Taxi auftauchte.

»Haben Sie ein Taxi bestellt?«, rief der Fahrer barsch aus dem offenen Wagenfenster, als er vor der Bank anhielt.

»Ja!«, sagte Linda erleichtert.

Der Taxifahrer entpuppte sich als überhaupt nicht hilfsbereit. Obwohl er merkte, wie angestrengt Anna und Linda ihre Koffer zu seinem Wagen schleppten, stieg er unbekümmert pfeifend aus und wartete beim geöffneten Kofferraum, bis die beiden keuchend bei ihm waren. Mit letzter Kraft hievten Anna und Linda die Koffer in den Wagen, stiegen ein und ließen sich erschöpft auf den Rücksitz fallen.

»Sehr freundlich«, sagte Linda in kaltem Ton, nachdem der Taxifahrer die Türen zugeschlagen hatte und selber wieder eingestiegen war.

»Wohin soll’s gehen?«, fragte er knapp, als habe er Lindas Bemerkung gar nicht gehört.

»Zum Taubenweg, bitte!«

»Zum Taubenweg?«, fragte der Taxifahrer erstaunt. »Sind Sie sicher?«

»Ja. Warum?«, fragte Linda mit hochgezogenen Augenbrauen.

»Na ja … Ich meine … Dort ist nichts! Gar nichts!«

»Ich verstehe Sie nicht!«, entgegnete Linda ungeduldig. Anna wurde langsam nervös.

»Da liegt ein Irrtum vor. Im Taubenweg stehen nur zwei Häuser und die sind beide verlassen und verfallen.«

»Dann schauen Sie doch selber, wenn Sie uns nicht glauben!« Linda kramte eine kleine, zerknitterte Visitenkarte aus ihrer Handtasche und überreichte sie dem Fahrer. »Ich habe es hier schwarz auf weiß.«

Auf der Visitenkarte stand in klaren deutlichen Buchstaben:

NOTAR C. RIBBELDIP

Vergessene Erbschaften & Testamente

Taubenweg 2, Taustadt

»Die muss aber alt sein. Ich kann mich nicht erinnern, dass es da je eine Kanzlei gab. Wohnen tut da ja auch niemand«, sagte der Fahrer verdutzt und gab die Karte zurück. »Außer Ratten natürlich.«

»Wir haben erst letzte Woche einen Brief von diesem Notar erhalten, mein Herr«, entgegnete Linda. »Da kann sie ja wohl unmöglich alt sein, nicht wahr?«

»Das ist Ihre Sache! Ich meine ja nur …«, sagte der Fahrer schulterzuckend und fuhr los. »Vergessene Testamente! Tss!«

Während der Fahrt herrschte bedrücktes Schweigen. Anna blickte aus dem Fenster. So hübsch der Bahnhof auch ausgesehen hatte, so hässlich war das Städtchen, in dem sie jetzt zusammen mit ihrer Mutter leben sollte. Lieblos gestaltete Betonklötze wechselten sich mit verwitterten Altbauten ab, bei denen entweder die Fenster eingeschlagen waren oder der Putz von den Wänden bröckelte.

»Das kommt alles weg«, sagte der Fahrer geschäftig und deutete mit einer großspurigen Handbewegung auf die alten, hässlichen Häuserfassaden. »Unser neuer Bürgermeister Bodo Krachmann hat Großes vor mit unserem Städtchen.«

»Was kommt weg?«, fragte Anna monoton. »Die Betonklötze oder die kaputten alten Häuser?«

Linda lächelte müde und für eine Weile war wieder für Ruhe gesorgt. Der Fahrer starrte auf die Straße – er beschloss, sich nun voll und ganz auf den Verkehr zu konzentrieren.

Nach einer Weile bog das Taxi in eine ruhige Straße ein. Anna entdeckte ein altes, verwittertes Schild, auf dem sie nur mit Mühe das Wort Taubenweg entziffern konnte. Und tatsächlich standen in dieser Straße nur zwei Häuser, die ganz und gar verfallen waren. Die Natur hatte sich diesen Teil der Stadt zurückerobert und wucherte nun unkontrolliert um die Häuser. Der Taxifahrer brachte den Wagen zum Stillstand, und als Anna mit ihrer Mutter das Gepäck aus dem Kofferraum hievte, konnte er ein schadenfrohes Grinsen nur schwer unterdrücken.

»Tja, da wären wir, meine Damen!«, sagte er mit einer gespielt bedauernden Stimme.

Mit einem unüberhörbaren Knurren bezahlte Linda den Mann, gab ihm aber kein Trinkgeld.

In dieser Straße gab es tatsächlich nicht den geringsten Hinweis auf eine Kanzlei. Und wäre der Taxifahrer nicht so ein Rüpel gewesen, sie wären mit ihm sofort wieder umgekehrt. Doch so stieg er allein wieder in den Wagen und brauste laut lachend davon.

Da standen sie nun, in einer verlassenen Straße einer fremden Stadt, mit allem, was sie besaßen. Anna fühlte sich schrecklich. Und als sie ihre Mutter ansah, wusste sie, dass es ihr genauso ging.

»Warum muss das ausgerechnet uns passieren?«, seufzte Linda. »Der Fahrer hatte recht: Hier ist nichts! Schon gar keine Kanzlei.« Sie blickte enttäuscht zu Boden. »Was haben wir nur verbrochen?«

Anna nahm die Hand ihrer Mutter und schluckte Tränen der Verzweiflung herunter. Wenn es irgendetwas gab, was sich gegen sie verschworen hatte, dann wollte sie diesem Etwas nicht die Genugtuung geben und weinen. Linda beugte sich zu ihr hinunter und nahm sie in den Arm.

»Es tut mir so leid, mein Schatz«, versuchte sie ihre Tochter zu trösten. »Aber mach dir keine Sorgen, wir werden eine Lösung finden!«

»Und die wäre?«, fragte Anna mit ersticktem Flüstern.

Linda Fink stand wieder auf und blickte die Straße hinunter.

»Wir gehen zurück zum Bahnhof und suchen uns ein Hotel. Morgen fahren wir dann zurück nach Freibach und …« Ihre Stimme erstarb. Nach einer Weile fuhr sie fort. »Und ich werde mir irgendeine Arbeit suchen! Irgendwas, womit wir uns für den Anfang über Wasser halten können. Und wir werden wohl oder übel wieder eine Zeit lang bei meiner Schwester wohnen müssen!«

»Bei Tante Mathilde?«, rief Anna entsetzt, als ob ihr im nächsten Moment ein Eimer Schleim über den Kopf gegossen würde. Linda zuckte nur hilflos mit den Schultern. Mühsam stemmten sie ihre Koffer hoch und bewegten sich in Richtung Bahnhof.

»ABER WAS MACHT IHR DENN DA?«

Anna und Linda drehten sich erschrocken um. Vor dem Haus, das besonders verfallen war, erblickten sie eine alte kugelrunde Frau, die auf sie zustapfte. Die Frau hatte langes graues Haar, das zu einem mächtigen Zopf geflochten war, der bei den schnellen Schritten, die sie machte, wild hin und her schlug. In der rechten Hand hielt sie ein Nudelholz. Es sah so aus, als ob sie damit auf Anna und Linda losgehen wollte. Doch bevor sie die beiden ganz erreicht hatte, verstaute sie das Holz in ihrer Küchenschürze.

»Willkommen in Taustadt, meine Lieben! Wir dachten schon, ihr kommt gar nicht mehr«, rief die seltsame Frau fröhlich, während sie ihre mehlverstaubten Hände mit einem Küchentuch säuberte. »Aber was soll denn das? Ihr geht ja in die komplett verkehrte Richtung!«

Anna und Linda waren zu verwirrt, um der Frau zu antworten. Sie standen nur da und blickten sich verdattert an. Die Frau schien nicht auf eine Antwort zu warten, riss ihnen einfach die Koffer aus den Händen und schleppte sie ohne sichtbare Mühe in Richtung des Hauses, aus dem sie gekommen war.

»Folgt mir, bitte!«, zwitscherte sie unbekümmert, ohne die beiden weiter zu beachten. »Am besten, ihr trinkt zuerst einen heißen Tee und esst ein gutes Stück Kuchen. Dann reden wir ein wenig. So viel Zeit muss sein! Und Notar Ribbeldip hat ohnehin noch sehr viel zu tun.«

Viel zu verwirrt, um irgendetwas zu sagen, folgten Anna und Linda der Frau ins Haus. So seltsam diese Frau auch war, sie war der erste Mensch, der an diesem schrecklichen Morgen wirklich nett zu sein schien.

Im Haus war es entgegen allen Erwartungen absolut ordentlich und gemütlich. Anna und Linda standen in einer langen Diele, an deren scharlachroten Wänden unzählige Bilder hingen, auf denen ausschließlich Blumen abgebildet waren. Überall standen Vasen in den unterschiedlichsten Formen und Größen, in denen Pflanzen steckten, die Anna noch nie zuvor gesehen hatte.

»Kommt mit!«, sagte die Frau, nachdem sie die Koffer auf den Boden gestellt hatte. Dann verschwand sie in der Küche, die sich auf der linken Seite der Diele befand.

Die Küche war ein Sammelsurium alter Küchenmöbel und Kochutensilien. Von der Decke hingen allerlei Zweige und Kräuter, die einen würzigen Duft verströmten. In einer Ecke stand ein kleiner alter Kachelofen, in dem ein gemütliches Feuer prasselte.

»Ach, wie unhöflich von mir«, trällerte die Frau und klatschte ihre mehlverstaubte Hand gegen die Stirn, sodass eine weiße Wolke ihren Kopf einhüllte. »Ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Olga Grünzweig und mache hier alles, was nicht mit Buchstabendomino zu tun hat.« Sie stieß ein kräftiges Lachen aus und streckte den sprachlosen Ankömmlingen die Hand entgegen.

»Linda Fink«, sagte Linda schüchtern, während Olga ihre Hand schüttelte. »Und das ist meine Tochter Anna!«

Olga packte Annas Hand und schüttelte sie so kräftig durch, als wollte sie sie wachrütteln.

»Das ist aber ein hübsches Mädchen! Willkommen, willkommen!«, sagte Olga fröhlich und es hörte sich sehr ehrlich an. Anna konnte nicht anders, als ihr ein breites Lächeln zu schenken.

»So, meine Lieben!«, zwitscherte Olga, während sie einen Teekrug auf den Tisch stellte. »Kommt, setzt euch und erzählt mir von eurer Reise!«

Linda und Anna setzten sich an den runden schweren Holztisch, der sich in der Mitte der geräumigen Küche befand. Auf dem Tisch stand ein halbes Dutzend Vasen, mit Blumen in allen möglichen Farben und Formen.

»Die Zugfahrt war recht anstrengend«, sagte Linda, während Olga einen riesigen Guglhupf aus dem Ofen zog und vor den beiden aufstellte.

»Kein Wunder«, sagte Olga mitfühlend, »meistens ist man da in viel zu stickigen Abteilen mit den unangenehmsten Zeitgenossen eingepfercht!«

Mit einem riesigen Kuchenmesser zerschnitt sie den Guglhupf in großzügige Stücke. Anna wurde die Frau immer sympathischer. Erst recht, als sie das größte Stück des Guglhupfes vorgelegt bekam, dessen Duft in ihre Nase zog und ihr enormen Appetit machte. Auch Linda bekam eine ordentliche Portion auf den Teller.

»Haut rein«, sagte Olga mit kräftiger Stimme. »Und dass bloß kein Stück davon übrig bleibt. Den hab ich nämlich nur für euch gebacken!«

»Das wäre doch nicht nötig gewesen!«, meinte Linda förmlich, doch Olga tat diese Bemerkung mit einer Handbewegung ab.

Der Guglhupf schmeckte fantastisch, und Anna hatte das Gefühl, noch nie etwas so Gutes gegessen zu haben. Zucker, Zimt, Vanille, Honig – es war, als ob der Kuchen mit jedem Bissen nach etwas anderem schmeckte. Mit dem Tee war es nicht anders. Er duftete nach exotischen Früchten und wärmte Annas Körper, als hätte sie eine Wärmflasche verschluckt. Im Nu hatte sie ihr Kuchenstück verdrückt und sogar noch Lust auf mehr.

»Darf ich bitte noch ein Stück haben?«, fragte sie, immer noch am letzten Bissen kauend.

»Anna, das ist sehr unhöflich von dir!«, ermahnte sie ihre Mutter. Doch Olga überhörte Lindas Bemerkung mit einem zufriedenen Kichern. Sofort stand ein frisches Stück Guglhupf vor Anna.

»Im Gegenteil«, sagte Olga zu Linda. »Es macht mir doch Freude, wenn euch der Kuchen schmeckt. Und außerdem habt ihr eine anstrengende Zeit vor euch. Da ist es gut, sich ordentlich zu stärken.«

»Das ist sehr nett von Ihnen, Frau Olga«, sagte Linda. »Aber ich will nicht ungeduldig wirken. Wir haben einen sehr langen Weg hinter uns, und es wäre mir sehr recht, wenn wir bald mit Herrn Ribbeldip reden könnten.«

»Aber selbstverständlich!«, sagte Olga. Sie stellte eine neue Vase auf den Tisch, mit Blumen darin, die natürlich ineinander verschlungen und verknotet waren, jedoch sichtlich nicht von der gleichen Art stammten. Olga senkte ihre Stimme und beugte sich über den Tisch. »Nach allem, was ihr durchgemacht habt, wäre ich an eurer Stelle genauso ungeduldig. Aber in letzter Zeit hatte Notar Ribbeldip so viel um die Ohren – ungewöhnliche Vorkommnisse und Beschwerden. Nicht, dass der Notar unzuverlässig wäre, nein, nein …«

»Woher wissen Sie, was wir durchgemacht haben?«, fragte Linda überrascht. Auch Anna merkte auf.

»Na ja …«, sagte Olga sichtlich verunsichert. Sie richtete sich wieder auf und blickte in irgendeine Ecke der Küche, als hätte sie dort etwas Interessantes entdeckt. »Wir … Notar Ribbeldip hatte Mühe, Sie ausfindig zu machen, um Ihnen von der Erbschaft zu berichten«, fuhr sie fort und begann hastig, Stücke aus einem rosafarbenen Strauch zu zupfen, der über der Geschirrspüle baumelte. »Er musste zahlreiche Nachforschungen anstellen, bei etlichen Behörden anrufen … und … ähm! Da kamen eben diese schlimmen Vorfälle zum Vorschein, die …«

»Welche Vorfälle denn?«, fragte Linda stutzig.

Olga eilte zu einer Wand, an der unzählige Gewürzregale hingen, über und über beladen mit Einmachgläsern, die allesamt mit seltsamen Pulvern, Körnern und Blättern vollgestopft waren.

»Es ist ja nicht so wichtig«, räusperte sich Olga, während sie ein Glas aus einem Regal holte und öffnete. »Wir … ich meine, Notar Ribbeldip verhält sich bei solchen Angelegenheiten äußerst diskret!«

»Welche Angelegenheiten denn?«, fragte Linda mit ratlosem Kopfschütteln. Anna verspürte ein gewisses Unbehagen über das, was Frau Olga da redete.

»Ich sagte ja schon, es ist nicht so wich…«

»SIND DIE FINKS SCHON DA?«, polterte es plötzlich aus dem Gang, gefolgt von einem lauten KLIRR!.

Frau Olga hatte vor Schreck das Glas fallen gelassen.

»Oh!«, sagte sie, sichtlich froh über die Unterbrechung. »Am besten, Sie gehen gleich nach hinten ins Arbeitszimmer. Es sieht so aus, als ob der Notar jetzt Zeit für Sie hat.«

Anna blickte, während sie zusammen mit ihrer Mutter die Küche verließ, auf das zerbrochene Einmachglas. Sie entdeckte das Etikett und stutzte. In königsblauer Tinte stand das Wort STEINKRAUT darauf geschrieben. Die Kräuter, die nun verstreut auf dem Küchenboden lagen, hatten die Form und Farbe von Kieselsteinen. Äußerst verwirrt über diesen Anblick folgte Anna ihrer Mutter.

Die Tür des Arbeitszimmers war nur angelehnt und warmes Licht drang durch den Spalt. Linda klopfte an, und fast im selben Augenblick ertönte die sonore Stimme, die vorhin Olga Grünzweig unterbrochen hatte: »HEREIN!«

Linda und Anna folgten der Aufforderung. Das Büro war sehr geräumig und besaß einen Kamin, in dem ein kleines Feuer loderte. Dem Kamin gegenüber stand ein großer Tisch aus schwarz lackiertem Holz, auf dem sich an beiden Seiten Hunderte von Umschlägen und Briefen zu hohen Türmen stapelten. Zwischen den Papiertürmen saß ein Mann über ein Formular gebeugt, das er durch eine riesige eckige Brille aufmerksam betrachtete. Als er Linda und Anna bemerkte, erhob er sich aufgeregt aus seinem Stuhl und schritt auf sie zu. Als er näher kam, sah Anna, dass der Mann sehr alt war. Doch sein Haar war pechschwarz und penibel nach hinten gekämmt. Sein Kinn zierte ein ebenso schwarzer Spitzbart. Auch seine Kleidung war schwarz, außer seiner Hose, die grau und gestreift war. Seine schwarzen Augen hatten durch die dicke Brille einen unheimlich stechenden Blick.

»Ah, sehr gut! Die Finks! Sehr gut! Gut, gut, gut ...«, sagte der Mann. Er knetete dabei nervös seine Handknöchel, die ein unangenehmes Knacken von sich gaben. »Setzen Sie sich doch, bitte! Hätten Sie vielleicht Lust auf einen Tee, bevor wir beginnen?«

»Danke, nein! Frau Olga hat uns schon …«, sagte Linda, doch der Mann redete schon wieder weiter.

»Ich seh schon, ich seh schon! Die gute, alte Olga«, sagte er mit ratternder Stimme, während er zwei alte Holzstühle an seinen Bürotisch rückte. »Immer ist sie darauf bedacht, es den Leuten so angenehm wie möglich zu machen!«

Linda und Anna setzten sich und auch der Mann nahm wieder hinter seinem Tisch Platz.

»Ich freue mich, Sie kennenzulernen«, begann er, während er den Wirrwarr aus Blättern und Briefen durchstöberte. »Mein Name ist Ribbeldip, und wie Sie wissen, geht es um die Erbschaft, genauer gesagt um das Haus, das Ihnen vermacht wurde.«

Ribbeldip zog ein Formular hervor, an das ein vergilbter Umschlag geheftet war. Der Notar stand offensichtlich unter Druck, was Anna ein wenig unruhig machte.

»Herr Ribbeldip«, sagte Linda höflich, »wir haben uns schon die ganze Zeit gefragt, wer uns denn …«

»Dazu kommen wir ja gleich, keine Eile, keine Eile!«, sagte der Notar, ohne die beiden anzublicken. Er löste den Umschlag vom Formular, zog einen Brief daraus hervor und rückte seine Brille zurecht, um ihn vorzulesen. Doch er hielt inne, denn es klopfte an der Tür.

Eine aufgewühlte Olga Grünzweig betrat das Zimmer.

»Bitte vielmals um Verzeihung, Herr Ribbeldip«, sagte sie, während sie ihren Blick nervös durch das Zimmer schweifen ließ.

Anna schien es, dass die alte Frau nach etwas suchte.

»Was ist denn?«

Notar Ribbeldip blickte Olga streng an, sichtlich genervt von der Unterbrechung.

»Nichts Besonderes«, sagte Olga Grünzweig, ohne den Notar anzusehen. Stattdessen durchsuchte sie aufgeregt das Büro nach irgendetwas. »Es ist nur, dass ich eine spezielle Kräutermischung verlegt habe. Und da dachte ich, dass …«

»Und da dachten Sie, dass dieses Grünzeug wohl in meinem Büro stecken müsse?«, schnauzte der Notar.

»Ich weiß, dass das sehr unwahrscheinlich ist!«, stotterte Olga verlegen, aber immer noch suchend. Anna tat die alte Frau leid, die wirklich ganz aufgeregt war.

»Ich bedaure Ihren Verlust zutiefst, Frau Grünzweig.« Notar Ribbeldip trommelte ungeduldig mit den Fingern auf der Tischplatte herum. »Aber ich bin gerade in einer wichtigen Besprechung. Dass Sie in Ihrer Unordnung etwas verlieren, wundert mich nicht. In meinem Büro ist aber für verloren gegangenen Krimskrams kein Platz.«

Olga schien dem Notar gar nicht zuzuhören. Sie stand einfach mit gedankenverlorenem Blick da und kratzte sich am Kopf.

»Gestern Abend hatte ich es doch selber ins Küchenregal gestellt.« Olga sagte dies mehr zu sich selbst. »Ich kann es unmöglich verlegt oder verloren haben.«

»Wie auch immer, Frau Grünzweig«, sagte Ribbeldip. »Wenn Sie uns jetzt bitte alleine lassen könnten?«

»Natürlich. Entschuldigung.« Olga verließ das Zimmer. Das Ganze hatte sie völlig durcheinandergebracht.

Anna und Linda war dieser Vorfall ein wenig peinlich, doch davon unbeeindruckt lenkte Ribbeldip seine Aufmerksamkeit wieder dem Brief zu und begann ihn vorzulesen: »Ich, Tom Trondolin, geboren am 16. November 1934 in Taustadt, wohnhaft in der Wolfsschluchtallee 40, setze Linda Fink und Anna Fink als meine Universalerben ein. Dieses Testament wurde von mir im Besitz meiner geistigen Kräfte eigenhändig geschrieben und wird nach meinem Ableben von Notar Conrad Ribbeldip amtlich verwahrt. Tom Trondolin.«

Er endete und steckte den Brief wieder zurück in den Umschlag. Dann beugte er sich zu Linda und Anna und fragte: »Möchten Sie das Erbe annehmen?«

Linda und Anna saßen da, als ob sie einen schlechten Witz gehört hätten.

Wer um Himmels willen war Tom Trondolin?

Doch Anna beschäftigte noch etwas anderes.

Der Notar hieß mit Vornamen Conrad. Hatte nicht Karl, der Kopf aus der Erde, von einem Conrad gesprochen? Meinte er mit diesem Conrad etwa den Notar oder war das einfach nur ein Zufall? Zufall oder nicht, Anna war überzeugt, dass hier etwas höchst Merkwürdiges vorging, und das war kein sehr angenehmes Gefühl.

»Ich glaube, da muss es sich um einen großen Irrtum handeln«, sagte Linda mit einem Kopfschütteln. »Wir kennen niemanden, der Tom Trondolin heißt!«

Anna wünschte sich, dass jemand sie kneifen würde, damit sie aufwachte, denn sie war überzeugt, dass sie das Ganze nur träumte. Der Notar blickte die beiden streng an. Sein Blick durchbohrte sie regelrecht, und sie bekamen beinahe ein schlechtes Gewissen – so als ob sie einem strengen Lehrer widersprochen hätten. Anna kam der Gedanke, dass Notar Ribbeldip diese Reaktion erwartet hatte. Sie war sich sicher, kleine Schweißperlen auf seiner Stirn zu entdecken. Er lehnte sich zurück, zwirbelte mit dem Zeigefinger seinen Spitzbart und blickte zum Fenster.

»Nun«, sagte er mit strenger Stimme, »mit ziemlicher Sicherheit kannte Herr Trondolin Sie und es besteht nicht der geringste Zweifel über Ihren Anspruch an der Erbschaft. Trondolin war ein Künstler und trieb sich viel in der Welt herum. Weiß Gott, wie viele Möglichkeiten es da gibt, in was für einem Verhältnis er Ihrer Familie oder Ihnen gegenüberstand. Aber da wäre noch etwas …«

Notar Ribbeldip beugte sich zum Schreibtisch und nahm den Brief in die Hand, als ob er plötzlich sehr beunruhigt wäre. Anna und Linda tauschten fragende Blicke, während sich der Notar von seinem Stuhl erhob. Er ging zum Fenster.

Ein Rabe saß draußen auf der Fensterbank.

Annas Mund wurde trocken.

»Da der besagte Herr Trondolin praktisch nie zu Hause gewesen ist und niemand sich um das Haus gekümmert hat …«, sagte Notar Ribbeldip, während er den Raben verscheuchte, schnell die Vorhänge zuzog und sich wieder Linda und Anna zuwandte, »… ist das Haus leider in einem sehr desolaten Zustand.«

»Das sind keine guten Neuigkeiten, Herr Notar«, sagte Linda leise. »Wir haben kein Geld für eine Renovierung!«

Annas Magen zog sich zusammen. Was um Gottes willen sollten sie mit einer Ruine anfangen?

»Darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, Frau Fink!«, sagte Ribbeldip mit übertriebener Freundlichkeit. Wieder begann er seine Handknöchel zu kneten, von deren Knacken Anna Gänsehaut bekam.

»Ich bitte Sie, wie stellen Sie sich das denn vor? Wir haben kein Geld, ich bin arbeitslos und …«

»Darum habe ich mich schon gekümmert«, übertönte Notar Ribbeldip Lindas Sorge, während er zurück zum Tisch ging und eine alte lederne Aktentasche mit Papieren und Formularen zu füllen begann. »Das Grundstück, auf dem das Haus steht, wird seit Jahren von einer Gruppe Fahrender Leute als Lagerplatz genutzt. Ich habe mich mit ihnen in Verbindung gesetzt, um ihnen mitzuteilen, dass das Haus nun neue Besitzer hat. Da sich aber für die Leute in dieser Gegend kein anderer sicherer Platz findet, haben sie sich bereit erklärt, das Haus zu renovieren, wenn ihnen gestattet wird, auf dem Grundstück auch weiterhin ihr Lager aufzustellen.«

»Zigeuner?«, fragte Linda erschrocken. »Das wächst mir jetzt ziemlich über den Kopf! Woher sollen wir denn wissen, ob das vertrauenswürdige Leute sind?«