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In einer stürmischen Winternacht bricht das Grauen über die Bewohner eines abgelegenen Apartmenthauses herein. Ein spinnenartiges Monster, entkommen aus einem Forschungslabor, greift sie aus der Dunkelheit an. Für die Bestie sind die Männer, Frauen, ein kleiner Junge und sein Hund nichts anderes als Nahrung. Abgeschnitten von der Außenwelt kämpfen die Bewohner verzweifelt ums Überleben. Wer von ihnen wird noch das Licht des nächsten Tages sehen?
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Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2025
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PROLOG
- VIER JAHRE SPÄTER -
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
EPILOG
„Man muss höllisch aufpassen! Diese aggressiven Biester sind verdammt schnell!“
Die Warnung ließ Aushilfsfahrer Ed Brundle aufhorchen. Er warf aus mit Tränensäcken unterlegten Augen einen erstaunten Blick zu John Meadows, dem dickbäuchigen Eigentümer des Zoogeschäftes, und schaute dann in das große Vollglasterrarium, welches sich auf einem schwarzen, hüfthohen Sockel direkt vor ihm befand. In der vorderen Hälfte des Behälters war außer der Wärmelampe nichts weiter zu entdecken als die nackte, feuchte Erdschicht aus lehm- und sandhaltigem Waldboden. In der hinteren Hälfte des Terrariums lag ein breites, unterarmlanges Stück Eichenrinde, eingebettet in ein Dickicht aus großblättrigen Grünpflanzen.
Verwundert kratzte sich Brundle an seiner Halbglatze. „Was ist‘n da drin?“, fragte er. „Skorpione?“
Meadows schüttelte den Kopf. „Eine Vogelspinne.“
Ed Brundle zuckte gleichgültig mit den Achseln. „Ist das was Besonderes?“
Meadows musterte den blassen Aushilfsfahrer, der mit dem fliehenden Kinn, dem dümmlich-hilflosen Gesichtsausdruck und den schmalen, hängenden Schultern für ihn wie das Musterbeispiel eines Verlierers aussah.
„Die hier schon! Eine ‚Theraphosa blondi‘!“
Brundle schmunzelte. „Blondi? Hört sich ja niedlich an.“
Der Eigentümer des Zoogeschäftes kniff die Augen zusammen. Sein Gegenüber hatte offensichtlich nicht die geringsten fachlichen Kenntnisse. „Niedlich ist was anderes. Die ‚Theraphosa blondi‘ ist die größte Vogelspinne der Welt. Unser ausgewachsenes Exemplar hier hat die Maße eines Ziegelsteins. Sehr begehrt bei Sammlern, aber ich würde mir so ein Tier nicht halten. Zu aggressiv und unberechenbar“, erklärte er und war sich sicher, den Fahrer damit beeindruckt zu haben.
Doch dieser schaute nur fragend in das Terrarium. „Aber die ist gar nicht zu sehen. Wo ist sie denn? Ist sie weg?“
Meadows musste tief durchatmen. „In ihrem Versteck unter der Baumrinde“, antwortete er genervt. „Wann ist Mr. Wilson wieder arbeitsfähig?“
Brundle sah ihn verwundert an. „Übernächste Woche. Wieso?“
Meadows beantwortete die Frage nicht. Er hatte keine Lust, noch mehr Zeit mit dem Aushilfsfahrer zu vergeuden, und besah sich den Transportschein auf dem Klemmbrett, das er in den Händen hielt.
„Nun gut, dieses Terrarium und die drei hier rechts mit den Schlangen müssen heute Abend noch in die Niederlassung nach Hartford. Ich hole einen Mitarbeiter zu Hilfe und dann beladen wir den Van.“
Brundle nickte. „Okay“, sagte er nur.
„Warten Sie hier“, befahl der Eigentümer des Zoogeschäftes und legte das Klemmbrett in die Mitte des aufschiebbaren Glasdeckels des Terrariums. „Und fassen Sie auf keinen Fall in eines der Terrarien, vor allem nicht in dieses!“
Ed Brundle winkte ab. „Ich mach‘ hier gar nichts.“
Meadows hielt kurz inne. Mit diesen Worten schien der Fahrer wohl auch seine grundsätzliche Arbeitseinstellung verraten zu haben. Meadows wandte sich ab und ging nach vorn in Richtung Kasse, wo zwei Mitarbeiter gerade Kundschaft bedienten, und ließ Brundle allein zurück.
Dieser schaute seinem Auftraggeber kurz nach, dann blickte er sich im Zoogeschäft um. Das ‚Fish & Reptile Paradise‘ war mit über 1.500 qm Ausstellungsfläche das größte seiner Art in ganz Neuengland, mit einem halben Dutzend Filialen in Massachusetts, Rhode Island und Connecticut, und spezialisiert auf tropische Tiere. Neben diversen Aquarien, bewohnt von Guppys, Salmlern, Kois und unzähligen anderen farbenfrohen Fischen jeder Art, gab es noch Dutzende unterschiedlich große Terrarien, in denen Nattern, Pythons, Wasserschildkröten, Leguane, Geckos und sonstige Kaltblüter scheinbar teilnahmslos zwischen Pflanzen, Steinen und Dekoration herumlagen und Brundle ebenso wenig Beachtung schenkten wie er ihnen.
‚Der typische Kram, alles uninteressant‘, dachte Brundle und schaute wieder in das Terrarium mit der Vogelspinne, beobachtete das große Stück Eichenrinde, unter der das Tier verborgen sein sollte. Meadows hatte ihn neugierig gemacht. Zu gern hätte Brundle einen Blick auf die Spinne geworfen, aber das blöde Viech hielt sich stur versteckt. Plötzlich hatte er eine Idee.
Ed Brundle schaute hinüber zur Kasse. Der Eigentümer und seine Mitarbeiter waren noch immer im Kundengespräch. Niemand achtete auf ihn.
Langsam schob Brundle den Glasdeckel des Terrariums fast bis zur Hälfte auf.
„Hey, komm mal raus da! Pst! Pst!“, flüsterte er und überlegte, mit welchem Kommando man eine Vogelspinne überhaupt anlocken konnte.
Brundle zog einen Kugelschreiber aus der Brusttasche seiner Jacke und bewegte seine Hand zum oberen Rand des offenen Terrariums, klopfte mit dem Kugelschreiber dreimal an die Innenseite des Glasbehälters. Gespannt starrte er auf die Baumrinde. Nichts rührte sich. Hatte Meadows ihn angeschwindelt? War das Terrarium in Wahrheit leer? Brundle ging mit der Hand etwas tiefer hinein und klopfte erneut mit dem Kugelschreiber gegen das Glas, zuerst vorsichtig, dann etwas kräftiger. Plötzlich ertönte ein Zischen, die Eichenrinde bewegte sich leicht. Erschrocken zuckte Brundle zusammen, stieß dabei gegen den Deckel und das darauf liegende Klemmbrett. Hektisch griff er danach, damit es nicht vom Terrarium rutschte. Dabei glitt ihm der Kugelschreiber aus den Fingern, fiel in den Glaskasten und landete dort inmitten der freien Fläche auf dem weichen Waldboden.
„Scheiße!“, fluchte Brundle leise und warf einen hastigen Blick zum Kassentresen.
Meadows und die beiden Angestellten waren zum Glück noch mit den Kunden beschäftigt. Niemand von ihnen schien den Vorfall mitbekommen zu haben.
Brundle sah wieder in das Terrarium. Ihm war klar, dass er den Kugelschreiber unbedingt dort herausholen musste. Er wagte sich kaum vorzustellen, was es gleich für einen Ärger geben würde, wenn der Eigentümer des Zoogeschäftes den Stift entdeckte. Brundle schluckte. Was hatte Meadows über die Vogelspinne gesagt? Die größte ihrer Art auf der Welt. Unberechenbar und aggressiv.
Brundle holte tief Luft. ‚Es ist doch nur eine dumme Spinne‘, dachte er und nahm all seinen Mut zusammen.
Seine Rechte glitt wieder über den Rand des Terrariums. Auf einmal erschien ihm der Kugelschreiber unendlich weit entfernt. Seine Augen maßen die Distanz zwischen Hand und Kugelschreiber, die fast identisch war mit dem Abstand zwischen Stift und Eichenrinde. Vorsichtig griff er in das Terrarium, starrte nervös zu der Rinde. Nichts rührte sich dort. Vielleicht empfand die Vogelspinne die sich langsam nähernde Hand als nicht bedrohlich, vielleicht hatte sie es sogar mit der Angst bekommen. Vorsichtig wanderte sein Arm weiter in den gläsernen Kasten, mittlerweile bis fast zum Ellenbogen. Brundles Augen waren weiterhin konzentriert auf die Baumrinde gerichtet. Seine Hand hatte die Hälfte des Weges bis zum Kugelschreiber geschafft, als auf einmal ein leises, langgezogenes Zischen aus dem Terrarium zu ihm heraufdrang. Brundle verharrte augenblicklich. Ihm stockte der Atem. In seinen Ohren klang das Zischen wie eine letzte Warnung. Dann war es wieder still. Angestrengt lauschte er und wartete kurz ab, doch es ertönte kein weiterer Laut. Brundle war nur noch zwanzig Zentimeter entfernt. Er konnte jetzt nicht abbrechen. Vorsichtig setzte er sein Vorhaben fort, während sein Blick an der Baumrinde haftete. Langsam näherte sich die Hand dem Kugelschreiber. Plötzlich bewegte sich die Rinde. Ganz leicht, kaum wahrnehmbar, es war mehr ein kurzes Erzittern. Brundle erstarrte und wagte es nicht, sich weiter zu rühren. Er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Er fixierte weiter die Baumrinde, die sich nicht mehr bewegte. Der Kugelschreiber war nur noch eine Handlänge entfernt!
‚Du hast es gleich‘, versuchte Brundle sich zu beruhigen.
Dann langte er schnell nach vorn und ergriff den Kugelschreiber vom weichen Waldboden.
In diesem Moment wurde die Baumrinde abrupt hochgestoßen, ein großes, dunkelbraunes Etwas mit acht Beinen stürzte darunter hervor und raste direkt auf Brundles Hand zu! Wie von einem Stromschlag getroffen, riss Brundle mit einem kurzen Aufschrei des Entsetzens seine Hand gerade noch rechtzeitig aus dem Terrarium, nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor das kräftige Tier sie erreicht hatte. Der Angriff der Vogelspinne war so aggressiv, dass sie nicht stoppte, sondern ungebremst auf Brundle zustürmte, bis sie schließlich derart gegen die Glaswand des Terrariums krachte, dass der große Behälter unter der Wucht des Aufpralls erbebte. Brundle stolperte zurück und zitterte am ganzen Körper, während vor ihm, auf der anderen Seite der Glaswand, die massige Vogelspinne, groß wie ein Frühstücksteller und zum Kampf bereit leicht aufgerichtet, ihn aus ihren sechs schwarzen, kalten Augen feindselig anstarrte. Brundle registrierte die beiden Beißklauen der Spinne, die fast doppelt so lang waren wie seine Fingernägel. Es dauerte eine Weile, bis Brundle sich wieder beruhigt hatte.
Als er mit dem weißen Ford Transit vom Gelände des Zoogeschäftes im Industrie- und Gewerbegebiet fuhr, war es bereits dunkel geworden. Brundle steuerte den Kleintransporter zunächst in einen in unmittelbarer Nähe des Gewerbegebietes liegenden Tunnel. Zwei Autos überholten ihn dort. Brundle blickte den roten Rücklichtern der Fahrzeuge nach, die sich schnell von ihm entfernten und ihn allein in der langen, zweispurigen Betonröhre zurückließen. Gern wäre er schneller gefahren, aber mit der teuren Fracht musste er vorsichtig sein. Außerdem war dies seine erste Tour zu der Niederlassung nach Hartford. Brundle hatte trotz Navigationssystem Angst, sich zu verfahren. Er warf einen kurzen Blick über die rechte Schulter, durch das kleine Fenster der Trennwand zum Laderaum, um sich zu vergewissern, dass sich die in ihren Halterungen befestigten vier Terrarien noch an ihren Plätzen befanden. Brundle konnte das Gefühl der Beklommenheit nicht abschütteln. Der Vorfall im Zoogeschäft mit dem plötzlichen und unerwartet aggressiven Angriff der großen Vogelspinne jagte ihm auch eine halbe Stunde danach noch immer einen kalten Schauer über den Rücken.
Der Ford Transit verließ den Tunnel. Auf dem sich anschließenden Highway kam ihm nur ein einzelner Pkw auf der Gegenfahrbahn entgegen. Brundle wurde von einem Gefühl der Einsamkeit übermannt. Er hasste Autofahrten in der Dunkelheit und die Dunkelheit generell. Sie machte ihm Angst, schon seit jeher. Es gab keinen Grund dafür, kein Ereignis in der Kindheit, das ihn geprägt hatte. Trotzdem fürchtete er sich vor der Dunkelheit. Sie war für ihn der Ort einer latenten, nicht greifbaren Gefahr.
Als er nach einer knappen Meile vom Highway auf eine Landstraße abbog, begann es leicht zu regnen.
Brundle fluchte und betätigte den Scheibenwischer. Er war angespannt. Die Zeit drängte. In weniger als einer Stunde schloss die Niederlassung in Hartford. Auch wenn die dortigen Kollegen auf ihn und die Lieferung warteten, er hasste es unter Zeitdruck zu arbeiten. Er drückte das Gaspedal etwas weiter hinunter, bis der Zeiger des Tachometers auf 50 mph gewandert war.
Brundle steuerte den Kleintransporter durch ein scheinbar endloses Wald- und Wiesengebiet entlang der Landstraße, auf der er völlig allein unterwegs war. Weder vor noch hinter sich sah er die Lichter irgendeines anderen Fahrzeugs. Das Gefühl der Einsamkeit verstärkte sich.
Eine halbe Stunde lang geschah nichts. Brundle schaute stoisch geradeaus, vorbei an den unermüdlich ihre Arbeit verrichtenden Scheibenwischern, auf die regennasse Straße. Abgesehen von dem Licht der Scheinwerfer war es um ihn herum stockdunkel auf der eintönigen Strecke, in deren Verlauf lediglich die Bäume und Büsche am Straßenrand für Abwechslung sorgten. Brundle stutzte. Er passierte auf einmal eine Abfahrt auf der rechten Seite, sah dort Lichter, ein großes Eingangstor und einen vor dem Pförtnerhaus stehenden Wachmann sowie links und rechts davon einen hohen Metallstabzaun mit darüber gerolltem NATO-Draht, knapp hundert Meter dahinter ein durch einige Lichter schemenhaft zu erkennendes dreistöckiges, langgezogenes Gebäude mit Flachdach. Eine Fabrik? Ein Militärgelände? Ein halbes Dutzend beleuchtete Fenster in dem dreistöckigen Bau verrieten, dass dort zu dieser Zeit noch gearbeitet wurde. Kaum war Brundle an der Abfahrt vorbeigefahren, verschwand die Anlage auch schon wieder aus seinem Blickfeld hinter den am Seitenfenster vorbeihuschenden Bäumen. Das zum mysteriösen Gebäude gehörende Gelände schien riesig zu sein. Brundle stellte fest, dass der Zaun mehrere hundert Meter entlang der Landstraße verlief. Auf einmal kamen ihm Zweifel. War er überhaupt noch auf dem richtigen Weg? Brundle beschloss vorsichtshalber die Anzeige des im Armaturenbrett eingebauten Navi zu überprüfen. Der Regen wurde stärker, Brundle schaltete den Scheibenwischer eine Stufe schneller. Dann widmete er sich dem Navigationsgerät, während er zwischendurch immer wieder auf die freie, geradeaus verlaufende Landstraße vor sich schaute. Doch die Menüführung des Navi überforderte Brundle. Immer hektischer tippte er auf dem Touchscreen herum und bekam nur Fehlermeldungen. Er fluchte und sah mittlerweile kaum noch auf die Straße, als diese urplötzlich in eine scharfe Linkskurve überging. Das Scheinwerferlicht strahlte eine große, alte Buche an, auf die der Wagen direkt zuraste. Brundle schrie entsetzt auf, riss das Steuer herum und trat mit aller Kraft auf die Bremse. Mit einem grellen Quietschen bohrten sich die Reifen in den Asphalt. Doch die Kurve war zu scharf und die Geschwindigkeit des Transporters zu hoch. Das Heck des Ford Transit brach aus, knallte seitlich mit einem ohrenbetäubenden Krachen und Scheppern gegen den Baum. Dann schleuderte der Transporter kurz auf die Gegenfahrbahn. Brundle versuchte mit wilden Lenkbewegungen die Kontrolle über das Fahrzeug zurückzuerlangen, während er weiter seinen Fuß mit aller Kraft auf das Bremspedal presste. Erst nach zwei weiteren Schlenkern kam der Transporter zum Stehen, halb auf der Straße und halb auf dem Gras, nur wenige Meter vor dem nächsten Baum. Brundle keuchte, sein Herz raste, aber er war erleichtert, heil davongekommen zu sein. Auf einmal registrierte er ein lautes Klappern und Knirschen von hinten. Er schaute durch das kleine Fenster der Trennwand in den Laderaum und erstarrte. Die Hecktüren des Transporters standen weit offen. Die rechte Tür mit zerborstener Glasscheibe hing nur noch schief an der unteren Angel.
„Oh nein!“, rief Brundle.
Hektisch schnallte er sich ab, wühlte eine Taschenlampe aus dem Handschuhfach hervor, stieg aus und eilte durch den Regen zum Heck des Wagens.
„Verdammte Scheiße!“, fluchte er entsetzt.
Die hintere rechte Seite des Ford Transit war durch den Aufprall gegen den Baum stark verbeult, der Lack abgerissen, das Rücklicht zersplittert. Zusammen mit der halb abgerissenen Hecktür sah dies für Brundle nach einem Totalschaden aus.
„Das darf doch nicht wahr sein!“, stammelte er. „Das darf doch nicht…“
Er leuchtete mit der Taschenlampe in den Laderaum und hielt inne. Brundles Blick fiel auf die Terrarien. Drei von ihnen befanden sich noch immer an ihrem ursprünglichen Platz und schienen unbeschädigt zu sein. Aber das vierte Terrarium war aus der Befestigung gerissen und auf den Boden des Transporters gefallen, dabei war die linke Seitenwand des Glaskastens zerborsten. Der Waldboden befand sich noch halb im Terrarium, halb hatte er sich mit den Pflanzen und dem großen Stück Eichenrinde bis zur Ladekante des Fahrzeugs verteilt, das…. Brundle stockte der Atem.
„Oh mein Gott!“, flüsterte er erschrocken. Es war das Terrarium mit der Vogelspinne! Sie war weg, entkommen! Instinktiv wich Brundle einen Schritt zurück. Die Attacke der Spinne im Zoogeschäft war noch allgegenwärtig. Die Wucht, mit der das Tier gegen die Glaswand geknallt war, ihre sechs schwarzen Augen, die ihn anstarrten, diesen Anblick würde er nie vergessen. Brundle war schweißgebadet. Nervös und ängstlich suchte er, in sicherem Abstand von der Straße aus, mit dem Licht der Taschenlampe den Laderaum des Ford Transit gründlich ab. Die drei verbliebenen Terrarien waren zum Glück noch intakt, mitsamt den Schlangen, die Brundle vorwurfsvoll anzublicken schienen. Aber die Spinne war nicht da. Also musste sie… außerhalb des Transporters sein, lief irgendwo hier herum und würde ihn wahrscheinlich jeden Moment aus der Dunkelheit attackieren! Brundle stieg schnell auf die Ladekante und starrte in die Nacht. Der Strahl der Taschenlampe tastete die nähere Umgebung ab, Fahrbahn, Straßengraben, Sträucher bis hinüber zu dem hohen Zaun. Brundle schluckte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Was sollte er nur tun? Der Verlust eines solchen Tieres würde einen Riesenärger geben. Aber in welcher Richtung und wie weit sollte er suchen? Und was, wenn er sie finden würde? Er hatte gesehen, wie schnell sie war. Ihm schauderte bei dem bloßen Gedanken, dieser aggressiven Vogelspinne schutzlos hier draußen zu begegnen. Er schüttelte den Kopf. Keine zehn Pferde konnten ihn noch länger an diesem Ort halten. Aufmerksam die Umgebung beobachtend, stieg er von der Ladekante des Transporters, schloss die klappernden Hintertüren so gut es ging und eilte dann nach vorn, schwang sich auf den Fahrersitz und warf einen letzten Blick umher. In seiner Angst konnte Brundle fast fühlen, wie die Spinne in der Nähe war und ihn beobachtete. Er zog die Tür zu und startete den Wagen.
Das aufleuchtende linke Rücklicht spiegelte sich einige Meter entfernt in den sechs Augen der Vogelspinne wider. Die beiden Hauptaugen in der Mitte registrierten Bild und Farben, die vier Nebenaugen die Bewegungen des großen Objektes, das sich schnell entfernte, bis es irgendwo in der Dunkelheit verschwand. Die Spinne wartete noch einen Moment, bis sie sicher war, dass das potentiell feindliche Wesen fort war, und kam dann vorsichtig aus der Deckung des Gebüsches hervor. Die Spinne war irritiert. Alle ihre Sinne meldeten unbekannte Informationen. Das sie umgebende Terrain, Temperatur und Schwingungen in der Luft, alles war fremd, hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit dem Habitat, das sie ihr Leben lang kannte. Lediglich Gräser, Holz und Sträucher gaben ihr ein gewohntes Gefühl und zumindest einigermaßen Sicherheit. Die Vogelspinne war sich ihrer Kraft durchaus bewusst, sie vernahm, nachdem das Lebewesen in dem großen Objekt verschwunden war, auch keinen möglichen Aggressor mehr, der eine Gefahr und damit einen Grund zum Angriff darstellte. Aber sie spürte, dass die niedrige Temperatur, verbunden mit dem kalten Regen, sie schwächte, langsamer machte und letztlich ihren Tod bedeuten würde. Die Sinne der Spinne liefen auf Hochtouren, um einen Ausweg aus dieser feindlichen Umgebung zu finden. Da registrierten die Haare auf ihrem Körper und ihren acht Beinen einen minimalsten Anstieg der Temperatur, eine Veränderung, die weniger als ein hundertstel Grad betrug, von der Vogelspinne aber klar erkannt wurde. Sie drehte sich von der Straße weg in die Richtung, aus der die Temperaturveränderung zu ihr herüberwehte, verharrte einen kurzen Moment und begab sich dann instinktiv auf die Suche nach der lebensrettenden Quelle. Kurz darauf wurde die Spinne von dem Metallstabzaun gestoppt. Aber er hatte Lücken, die gerade groß genug waren, dass sie sich mühsam hindurchzwängen konnte. Die Vogelspinne krabbelte auf der anderen Seite des Zauns weiter, folgte unbeirrt der Temperaturveränderung, die stärker wurde und sie schneller krabbeln ließ. Diese höhere Temperatur war ihr vertraut, versprach Leben. Die Vogelspinne hielt inne. Ihre Augen hatten die beleuchteten Fenster in dem entfernten dreistöckigen Gebäude bemerkt und lediglich als helle, kleine Punkte wahrgenommen. Doch diese bewegten sich nicht, schienen keinem Lebewesen zu gehören. Also krabbelte die Spinne weiter, der Ursprung des Temperaturanstiegs war nun direkt vor ihr. Die Beine der Spinne ertasteten eine runde Öffnung im Boden, sie spürte die wohlige Wärme, die dort herausströmte. Die Spinne wartete erneut ab, sich erst vergewissernd, dass keine Gefahr drohte. Dann kletterte sie langsam in die Öffnung, die nur etwas größer war als sie, und stoppte bereits nach einem halben Meter wieder. Der Weg war durch einen mehrschichtigen Filter aus Hartplastik, Schaumstoff, Aluminium und anderen Materialien versperrt. Für die Spinne war es nur ein weiteres unbekanntes Objekt. Ihre Beine tasteten das starre Ding ab und registrierten auf einmal eine Beschädigung, einen Bereich, in dem das Hindernis nachgab. Die kräftige Vogelspinne drückte gegen die defekte linksseitige Befestigung des Filters, schob ihn zur Seite und zwängte sich daran vorbei. Der Weg in die Röhre aus verzinktem Stahl war nun frei. Die Spinne krabbelte weiter. Ihre Sinne meldeten, dass das Innere der Röhre nicht natürlich war, es war glatt und hart, verlief mit einem leichten Gefälle. Die Spinne war durch das erneut fremdartige Terrain zwar irritiert, aber die Wärme, die ihr entgegenkam, war zu verlockend. Sie krabbelte weiter. Das Gefälle der Röhre wurde steiler, zunächst auf 25 Grad, einige Meter weiter dann auf 45 Grad. Die Beine der Spinne verloren den Halt am glatten Material, das Tier begann zu rutschen. Vergeblich versuchte es zu stoppen, drehte sich dabei leicht. Die Vogelspinne wurde immer schneller, glitt wie auf einer Eisbahn voran. Auf einmal mündete die Röhre in einem senkrechten Fallrohr. Die Spinne raste abwärts, durchschlug mühelos einen weiteren Filter, bestehend nur aus einer dünnen Aluminium-Schaumstoffmembran, als das Rohr kurz darauf plötzlich endete. Im freien Fall stürzte das Tier mehrere Meter hinab und landete abrupt in einem großen, offenen Metalltank, der mit einem grauen, warmen Brei gefüllt war. An der Seite des Tanks klebte ein orangefarbenes Schild mit dem Wort ‚Warning!‘. Neben dem Hinweis prangte ein Piktogramm, das einen Totenkopf mit gekreuzten Knochen zeigte. Als die Vogelspinne auf den Brei klatschte, schien es zunächst, als würde die Masse das Tier tragen, welches sofort begann, mit den Beinen zu strampeln. Doch dann gab der hochgiftige Brei nach und zog wie Treibsand die Spinne nach unten. Zunächst versank der kugelartige Hinterleib. Die Vogelspinne kämpfte, versuchte sich gegen die weiche Masse zu wehren, aus der es kein Entkommen gab. Langsam versank auch der restliche Körper. Die Spinne kämpfte weiter, vergeblich ruderten noch die Vorderbeine umher, bis auch sie schließlich in dem Brei untergegangen waren.
Dann war es wieder still, kehrte Ruhe ein in dem großen Tank, in welchem der giftige Brei weiter vor sich hin gärte.
Es war einer dieser schönen Wintertage, die den Sommer nicht so schmerzlich vermissen ließen. Die Mittagssonne strahlte von einem blauen Himmel, der nur sporadisch von harmlosen Schäfchenwolken verziert wurde, auf eine von Wäldern und Wiesen geprägte idyllische Landschaft und ließ diese, trotz des dominierenden blassbraunen Farbtons, im hellen Licht geradezu malerisch erscheinen. Auch wenn sich die Natur noch vollständig im Griff der kalten Jahreszeit befand, so waren an diesem Tag im Januar die Sonne und die leichten Plusgrade zur Mittagszeit in der Lage gewesen, den Nachtfrost verschwinden und einen unerwarteten Hauch von Frühling erahnen zu lassen.
Quer durch die Landschaft schlängelte sich ein breiter Sandweg, auf dem sich zwei Jogger zügig voran bewegten.
„Ich kann nicht mehr!“
Die attraktive, schlanke Frau, Mitte Zwanzig, mit hautenger, schwarzer Laufhose und Softshell-Jacke, wurde langsamer.
„Hier ist Schluss für heute!“, keuchte sie und schüttelte den Kopf, wobei der blonde Pferdeschwanz munter hin- und her wedelte.
Der gleichaltrige, durchtrainierte Mann neben ihr stoppte ebenfalls seinen Lauf. Er hatte offensichtlich keine Probleme mit der Kondition, atmete nicht einmal schwer. Die Jahreszeit scheinbar ignorierend trug er lediglich ein dunkelblaues Langarm-Shirt und eine gleichfarbige kurze Hose.
„Lisa, was ist los?“, schmunzelte der leicht gebräunte junge Mann, während die beiden nebeneinander her spazierten. „Du hast letzte Woche schon geschwächelt.“
Sie winkte ab. „Alles okay. Ich bin momentan nur zu kaputt, um sportliche Höchstleistungen zu bringen.“
Er wurde ernst. „Oder übertreibe ich es mit dem Fitness-Programm? Ich bin dein Freund und Personal-Trainer, aber kein Folterknecht. Wenn es dir zu viel wird, schalten wir einen Gang runter.“
„Hey, Chris, entspann dich!“, beruhigte sie ihn, während sie das Gummiband vom Pferdeschwanz nestelte und ihren langen Haaren die Freiheit wiedergab. „Dein Training ist mega. Nur meine Arbeit schafft mich.“
„Aber du warst doch mit dem Autohaus-Projekt fast fertig.“ „Das ist ja auch schon erledigt. Allerdings habe ich gleich zwei neue Aufträge angenommen. Und die Deadline für beide ist in zwei Wochen.“
„Ich dachte, du wolltest das neue Jahr ruhiger angehen?“
„Was soll ich machen? Als selbstständige Grafik-Designerin kann ich so etwas nicht ablehnen. Ich muss ja gucken, wie ich meine Miete zahlen kann. Aber dir rennen sie doch auch schon wieder die Bude ein, um den Weihnachtsspeck abzutrainieren.“
Er zuckte mit den Schultern. „Kein Problem. Immer ganz in Ruhe einen Termin nach dem anderen. Und Sonntag ist zur Erholung da.“
Sie zwinkerte ihm zu. „Erholung ist ein anderes Wort für Brad? Oder ist er auch so im Stress wie ich?“
Chris grunzte missmutig. „Keine Ahnung. Seit letztem Wochenende ist mal wieder Funkstille zwischen uns.“
„Oh nein!“, sagte Lisa mitfühlend, während der Sandweg endete und sie auf einer einspurigen Straße, die leicht bergauf führte, weitergingen. „Ihr hattet euch doch wieder vertragen. Worum geht es denn jetzt?“
„Immer noch das alte Thema. Ich möchte mit ihm zusammenziehen, egal ob Hartford oder Providence, aber er will lieber unabhängig bleiben und seine Freiheit genießen. Midlife-Crisis, wie das so ist bei über Fünfzigjährigen.“
Lisa klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. „Das wird schon wieder. Eure On-Off Beziehung dauert jetzt bereits über zwei Jahre. Und sie wird ein Happy End haben, da bin ich sicher.“
„Trotzdem. Ich rate dir dingend, nie etwas mit einem älteren Mann anzufangen. Ist einfach zu schwierig.“
Sie warf ihm aus ihren großen, blauen Augen einen vielsagenden Blick zu. „Zu spät!“
Er blieb stehen. „Wie bitte?! Dein Neuer ist auch ein Oldie? Endlich erzählst du mal was!“
„Na ja“, druckste sie herum. „Er ist jünger als Brad, aber auch klar älter als ich. Er liegt so dazwischen.“
„Mann, Lisa! Jetzt hör auf mit deiner wochenlangen Geheimniskrämerei. Wer ist er, was macht er, wie sieht er aus?!“
„Chris, bitte!“, flehte sie verzweifelt. „Es ist noch nicht ganz spruchreif! Aber ich werde dir bald alles erzählen.“
„Du bist so richtig verliebt und er auch in dich?“
Lisa strahlte. „Oh ja! Und wie! Es sieht diesmal wirklich gut aus.“
Chris sah sie mit besorgter Miene an. „Nur bitte lass dich nicht wieder ausnutzen. Es war echt schlimm das letzte Mal.“
Sie schüttelte den Kopf und lächelte. „Keine Sorge. Ich bin sicher. Jetzt habe ich endlich den Richtigen gefunden.“
„Na gut, warum auch immer du so ein Mysterium daraus machst, ich will dich nicht nerven“, grinste er. „Sag Bescheid, wenn du so weit bist. Aber dann musst du mir alles berichten! Jede Kleinigkeit!“
Sie lachte. „Bis ins kleinste Detail! Versprochen!“
Lisa zeigte nach rechts. „Schau! Immer wieder herrlich! Ich liebe diese Aussicht! Die müsstest du aufgeben, wenn du wegziehst.“
Sie schauten knapp über die Bäume einer sich vor ihnen ausbreitenden bewaldeten Ebene hinweg zur gut fünf Meilen entfernten Skyline von Hartford, der Hauptstadt von Connecticut, aus deren Mitte ein halbes Dutzend Hochhäuser mit in der Sonne glänzenden Fassaden emporragten.
„Ich muss gestehen, das würde ich vermissen“, stimmte Chris zu.
Die beiden gingen weiter die leichte Anhöhe hinauf.
Knapp fünfzig Meter vor ihnen endete die Straße mit einem Parkplatz für acht Autos, auf dem bereits fünf Fahrzeuge standen, ein Chevrolet Pacific Minivan, ein Honda Accord, ein Mini Countryman John Cooper Sport, ein VW Beetle sowie ein schwarzer 68er Ford Mustang. Hinter dem Parkplatz erhob sich auf einer großen Lichtung, umgeben von dichtem Wald, ein wuchtiges, vierstöckiges Herrenhaus aus dunkelrotem Backstein mit einer mächtigen Eingangstür aus Eiche. Die schlossartige neugotische Architektur des imposanten Gebäudes mit zahlreichen Nischen, Giebeln und Vorsprüngen verriet, dass es irgendwann im vorletzten Jahrhundert errichtet worden war.
Hinter Lisa und Chris ertönten Motorengeräusche. Sie drehten sich um. Zwei Autos, ein dunkelblauer Volvo Kombi und ein neuer, anthrazitfarbener Range Rover Evoque, kamen die Straße herauf, fuhren an ihnen vorbei und hielten auf dem Parkplatz.
„Ich weiß, du bist im Stress. Wollen wir heute Abend trotzdem nach Hartford was trinken gehen, ein bisschen tanzen?“, fragte Chris. „Du brauchst auch mal eine Pause.“
„Du hast ja recht“, seufzte Lisa. „Aber heute passt es wirklich nicht. Morgen wäre besser. Wir müssen nur gucken, was dann mit dem Wetter ist. Ich habe im Radio gehört, dass es richtig heftig werden soll.“
Chris winkte ab. „Die Leute drehen immer gleich durch. Ein paar Schneeflocken sind doch ganz normal für Mitte Januar.“
Die beiden gingen am Parkplatz vorbei und nickten einer sehr attraktiven, rothaarigen Frau, Ende Zwanzig, im Business-Anzug zu, die gerade aus dem Range Rover stieg und den Gruß erwiderte. Aus dem Volvo daneben kletterte ein großer Mann mittleren Alters. Die Frau im Anzug, deren dunkelroter Lippenstift perfekt mit ihrer Haarfarbe harmonierte, ging direkt auf ihn zu.
„Sydney Dearing, Hausverwaltung Hannigan. Hallo Mr. Corbett, wir hatten telefoniert“, lächelte sie charmant, was sich unmittelbar auf den Interessenten übertrug, der von der unerwartet hübschen Maklerin auf das Angenehmste überrascht zu sein schien. Er bekam einen leicht roten Kopf, als sie sich die Hände schüttelten.
„Hallo Ms. Dearing! Ich hatte schon befürchtet, ich wäre zu spät“, begrüßte er sie etwas verlegen.
„Nein, nein. Familie Anderson ist noch nicht da, kommt aber gleich. Darf ich Ihnen bis dahin etwas über das Haus erzählen?“, strahlte sie ihn an. Sie wusste um ihre Wirkung auf Männer und war sich sicher, diesen Fisch hier schnell an den Haken zu bekommen.
„Sehr gern.“ Er musste sich bemühen, seine Augen von ihr zu lassen und stattdessen das Haus zu betrachten. „Es hat ja eine sehr interessante Architektur. Von wann ist das Gebäude?“
„Das Haus wurde 1868 gebaut und war so ein richtiges Herrenhaus, in dem eine alte Adelsfamilie residierte. Die Wohnungen hier sind gemäß den ursprünglichen Grundrissen überdurchschnittlich groß und liegen bei achtzig und knapp hundert Quadratmetern. Deswegen gibt es auch nur zwei Wohnungen pro Etage.“
„1868?!“, platzte Corbett fast schon entsetzt heraus. „Das Innenleben solch betagter Häuser befindet sich meistens in einem ziemlich maroden Zustand.“
„Keine Sorge“, schnurrte sie. „Das Gebäude wurde vor knapp dreißig Jahren in ein Mehrparteienhaus mit acht Wohnungen umgewandelt und dabei kernsaniert. Mit dem Slogan ‚Schön und ruhig in der Natur, aber doch nahe der Stadt‘ waren und sind die Wohnungen bis heute sehr beliebt.“
Der Mann nickte anerkennend. Sie hatte ihn wieder. Er schaute die Fassade hinauf. „Fahrstuhl?“
„Nun ja, es gibt im Haus einen tollen alten Lift mit so einer Gitter-Aufziehtür, der in den 1930er Jahren eingebaut wurde. Er wäre auch voll funktionsfähig, ist aufgrund moderner Sicherheitsbestimmungen jedoch seit einigen Jahren leider stillgelegt. Wir haben hier aber eine schöne, rustikale Holztreppe aus Eiche, die ebenfalls aus dieser Zeit stammt und dem großen Treppenhaus ein ganz besonderes Flair verleiht.“
„Wie wird hier geheizt? Mit Öl?“, fragte Corbett.
„Flüssiggas“, erwiderte Dearing. „Im Keller befindet sich der ursprüngliche Heizungsraum mit dem nicht mehr genutzten alten Gastank. Der neue liegt gemäß den heutigen Sicherheitsauflagen unterirdisch einige Meter außerhalb des Gebäudes.“
„Was ist mit Internet?“
„5G über Mobilfunk. Der Funkmast steht nur zwei Meilen entfernt.“
Der Interessent nickte zufrieden und blickte umher. „Die Lichtung, auf der das Haus steht, sieht so groß aus. Standen hier früher noch mehr Gebäude?“
Dearing lächelte ihn beeindruckt an. „Kompliment, Mr. Corbett! Gut beobachtet. Es gab tatsächlich ein weiteres Herrenhaus, das aber irgendwann in den Sechzigern abgerissen wurde. Ich habe mal gehört, dass davon noch die gesamte Kelleretage existieren soll, allerdings weiß ich nichts Genaues.“
Corbett grinste verlegen. „Sie müssen entschuldigen. Ich frage Sie wirklich Löcher in den Bauch.“
Dearing lachte charmant. „Ach was, dafür bin ich doch da“, versicherte sie und berührte ihn sanft am Arm. „Fragen Sie alles, was Sie wissen möchten.“
Er errötete erneut. Nun hatte sie ihn endgültig.
„Und wo wohnen die Andersons?“
„In der ersten Etage. Sie werden in knapp drei Monaten ausziehen…“ Dearing hielt inne und deutete geradeaus. „Apropos, da kommen sie schon!“
Interessent Corbett sah knapp hundert Meter entfernt einen Mann und eine Frau mitsamt Kind und Hund aus dem Wald hinter dem Haus spazieren.
Chris ging die unter seinen Turnschuhen wohlig knarrenden Stufen der breiten Eichentreppe leichten Schrittes hinauf in den zweiten Stock. Er fühlte sich noch immer topfit nach dem Jogging und schwitzte kaum. In seiner Linken hielt er drei Briefe. Als Chris vor seiner Wohnung angekommen war und nach dem Türschlüssel in der Seitentasche seines Langarm-Shirts kramte, warf er einen Blick auf die Umschläge, stutzte und schüttelte den Kopf. Schmunzelnd schlenderte er zehn Meter zu der gegenüberliegenden nachbarlichen Wohnungstür. Dabei passierte er auf halbem Wege den fast einhundert Jahre alten Fahrstuhl, dessen von Hand aufziehbare Tür über Kreuz mit rot-weißem Absperrband zugeklebt war. Der Lift in offener Gitterbauweise verlief, eingefasst in dem ebenfalls offenen Fahrstuhlschacht aus Metallschienen und Rahmen, in dem großen, hellen Treppenhaus mittig zwischen den Treppenaufgängen, vom Erdgeschoss bis zum Dachboden. In der Decke des atriumhaften Treppenhauses befand sich ein großes gläsernes Oberlicht, durch das Tageslicht fiel.
Chris blieb vor der Tür mit dem Namensschild ‚McAllister‘ stehen, drückte auf die Klingel und musste nur wenige Sekunden warten, bis die Tür geöffnet wurde.
Vor ihm stand eine drahtige Siebzigjährige. Ein modischer, fransiger Kurzhaarschnitt ließ sie trotz der grauen Haare deutlich jünger wirken.
„Hallo Chris!“, strahlte sie ihn freundlich an.
„Hallo Ellie!“, grüßte er sie. „Unser kurzsichtiger Briefträger hat mal wieder die Post falsch eingeworfen.“ Er hielt ihr einen der Briefe hin. „Ist aus England. An dich und Kenneth adressiert.“
Ellie nahm den Brief entgegen. „Vielen Dank. Bestimmt von seiner Schwester.“ Sie grinste. „Ärgere dich nicht über den Postboten. Er geht bald in Rente. Und wer weiß, wer dann kommt. Vielleicht sehnst du dich noch nach unserem Maulwurf zurück.“
Die beiden lachten herzlich.
„Bleibt es bei übermorgen zum Kaffee?“, wollte Ellie wissen.
„Auf jeden Fall! Und ich bringe den selbstgebackenen Kuchen mit! Also bis Sonntag!“
„Bis Sonntag, Chris!“
Ellie schloss die Tür. Mit einem Brieföffner, den sie aus der obersten Schublade der Kommode im Flur nahm, schnitt sie vorsichtig den Umschlag auf, zog die darin befindliche Aufklappkarte hervor, las den Inhalt und schmunzelte.
Ellies korrekter Vorname war Elisabeth. Die Kurzform hatte sie von ihrem Mann Kenneth erhalten, den sie im Frühjahr 1980 am Times Square in Manhattan kennengelernt hatte, zufällig, als dort die beiden Junggesellenabschiede ihrer besten Freunde aufeinandertrafen. Es war Liebe auf den ersten Blick zwischen Ellie und Kenneth gewesen. Niemand aus ihrem privaten Umfeld hatte gedacht, dass die beiden ein Paar werden und bleiben würden. Der kräftige, wortkarge, erst zwei Jahre zuvor aus Liverpool nach New York gekommene, auf Oldtimer spezialisierte Automechaniker und die zierliche Grundschullehrerin, die mühelos einen ganzen Abend Marcel Proust und Oscar Wilde rezitieren konnte. Doch Ellie hatte schnell bemerkt, dass hinter dem grobschlächtig wirkenden Hobbyrennfahrer ein äußerst feinfühliger und großherziger Mensch steckte. Kenneth wiederum hatte sofort gespürt, dass er der unglaublich sympathischen, hübschen Literaturkennerin mit ihrem ansteckenden Lachen so sehr vertrauen konnte wie noch nie einem Menschen vorher. Als beide dann beim ersten Date und dem Kinobesuch von ‚Airplane - Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug‘ feststellten, dass sie auch noch den gleichen Sinn für schrägen Humor hatten, und ein erster Kuss im Vollmondschein den Abend krönte, war ihnen klar, dass eine Zukunft für sie nur gemeinsam in Frage kam. Seit 43 Jahren waren sie mittlerweile verheiratet und keiner der beiden hatte jemals auch nur einen einzigen Tag davon bereut.
Ellie ging in das große, gemütlich eingerichtete Wohnzimmer, aus dem laute Motorengeräusche und Reifenquietschen drangen.
„Wer war das, Darling?“, fragte mit englischem Akzent der füllige, bärtige Mann, der konzentriert geradeaus starrte. Auf dem Kopf trug er eine Ferrari-Baseball-Cap, unter der grauschwarze, leicht gewellte Haare hervorlugten.
„Chris. Der trottelige Postbote hat mal wieder die Briefe falsch eingeworfen“, antwortete sie amüsiert.
„Aha, okay.“
Ellie grinste. Sie brauchte nicht weiter zu berichten. Ihr Ehemann Kenneth ‚Ken‘ McAllister, der drei Jahre älter war als sie, befand sich geistig mal wieder in seiner eigenen Welt. Angespannt saß er leicht vorgebeugt in einem Sessel der Ledercouchgarnitur vor dem TV-Lowboard, auf dem sich ein 55-Zoll Fernseher nebst Playstation 4 befand. Kenneths Hände umklammerten den Controller und drückten hektisch daran herum, während er den Bildschirm fixierte, auf dem ein virtuelles Formel 1 – Rennen lief.
Die geradezu perfekte visuelle Illusion eines dort ablaufenden Autorennens wurde noch verstärkt durch das kraftvolle Dröhnen der Motoren aus den 5.1 Digital-Sound-Lautsprechern des Fernsehers. Kenneth raste aus der Cockpit-Perspektive eines Ferrari-Rennwagens einen Streckenkurs entlang, überholte auf einer langen Geraden einen Mercedes-Silberpfeil, bevor er kurz vor ihm in eine scharfe Rechtskurve bretterte und den Gegner endgültig hinter sich ließ. Kenneth und Ellie jubelten zeitgleich. Als er wenige Sekunden später vorbei an der Tribüne und den Boxengassen über die Zielgerade jagte, riss Kenneth sich die Mütze vom Kopf und wedelte damit triumphierend in der Luft herum.
„Fünfter!“, strahlte er übers ganze Gesicht. „Das bisher beste Ergebnis in Silverstone!“
„Super!“, feierte Ellie das Platzierungsergebnis auf dem Bildschirm. „Wenn du so weitermachst, kannst du dich doch noch bei Ferrari bewerben!“
Kenneth lachte. „Ich glaube, diese Zeiten sind vorbei, Darling! Aber damit bin ich mental gut vorbereitet, wenn wir im halben Jahr wieder hinfahren!“
„Darauf freue ich mich schon!“, bestätigte Ellie. „Die Stimmung dort ist einfach großartig!“
Die beiden gaben sich einen liebevollen Kuss. Die mehrtägige Kurzreise zum britischen Grand Prix war fester Bestandteil ihres jährlichen Terminkalenders.
„Und ich kann es kaum erwarten, Suzie und Rob wiederzusehen. Und Linda, Scott und Maggie. Wir treffen sie alle viel zu selten“, fügte sie leicht wehmütig hinzu.
Kenneth kratzte sich am Kopf. „Nun, das Wochenende bei meiner Schwester ist toll, aber keine Erholung.“
„Ja, es ist immer recht hektisch. Trotzdem. Mit den vielen fröhlichen Kindern, die dann zu Maggies Geburtstag da sind, fühle ich mich fast, als wäre ich wieder Lehrerin an meiner alten Grundschule. Übrigens…“, Ellie zeigte die Karte, die mit der Post gekommen war, „… Suzie hat uns wieder eine Einladung geschickt.“
Kenneth kicherte, während er durch das Menü des Spiels navigierte und die Videospielkonsole ausschaltete. „So ein verrücktes Huhn. Warum macht sie das? Sie weiß doch, dass wir kommen. Sind wieder nackte Männer drauf wie letztes Jahr?“
Ellie hielt ihm die Karte hin. „Leider nicht. Dieses Mal nur tanzende Schildkröten.“
Die beiden lachten.
„Ein verrücktes Huhn!“, wiederholte Kenneth kopfschüttelnd.
Lautes Hundegebell von draußen ließ die beiden aufhorchen. Sie gingen zum Fenster und erblickten ein ihnen bekanntes Ehepaar, deren kleinen Sohn und dessen Hund, einen Golden Retriever, die gerade aus dem Wald kamen.
„Ah, die Andersons!“, sagte Kenneth und öffnete das Fenster.
Die Familie schaute zu ihnen hoch. Ellie und Kenneth winkten fröhlich. Die Frau und der Junge erwiderten eifrig. Ellie atmete tief durch. „Ich mag gar nicht daran denken, dass sie in einigen Wochen wegziehen. Karen wird mir sehr fehlen und vor allem der kleine Tim. Mein Gott, was habe ich den Jungen in mein Herz geschlossen.“
„Sie ziehen nur um, Ellie. Sie sind nicht aus der Welt“, versuchte Kenneth seine Frau aufzumuntern.
Sie lächelte zwar, doch ein trauriger Schatten huschte über ihr Gesicht.
Kenneth wusste, woran sie dachte. Er strich ihr zärtlich über die Wange. „Ich liebe dich, Ellie.“
Sie nahm seine Hand. „Ich dich auch, Ken.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht, was es ist. Vielleicht weil Timmy wegzieht. In letzter Zeit denke ich wieder öfter daran, wie schön es gewesen wäre, wenn wir…, wenn ich in der Lage gewesen wäre…“
Sie stockte. Aber sie musste auch gar nicht weiterreden.
„Ellie“, sagte Kenneth sanft, „es sollte nun mal nicht sein. Es ist alles gut so, wie es ist. Du bist der wichtigste Mensch auf der Welt für mich, und ich bin Gott jeden Tag dankbar, dass sich unsere Wege getroffen haben.“
Sie küssten sich und sahen sich tief in die Augen. Ellie nickte und lächelte wieder. Zwischen ihr und Kenneth lag das jahrzehntelange Band einer tiefen und ehrlichen Liebe, das durch nichts zu zerstören war.
Sie schauten zu der Gruppe und winkten ihnen erneut zu.
„Hallo Ellie! Hallo Kenneth!“, rief der strohblonde Junge aus Leibeskräften und wedelte mit beiden Armen in der Luft herum. Der Golden Retriever neben ihm blieb verwundert stehen, folgte seinem Blick und sah an einem der Fenster zwei vertraute Menschen stehen. Er bellte freudig auf.
„Die schon wieder“, grummelte Martin Anderson, ein gutaussehender Mittvierziger, sichtlich genervt, aber nicht so laut, dass sein zwölfjähriger Sohn es mitbekam.
„Was meinst du?“, fragte seine gleichaltrige, hübsche Frau Karen verblüfft.
Die Familie hatte den Wald verlassen und ging gerade am Haus entlang.
„Na, die beiden Alten!“
„Die McAllisters? Was ist mit ihnen?“
„Gehen mir so was von auf den Sender mit ihrem freundlichen Getue. Machen immer einen auf Pseudo-Großeltern und mischen sich ein. Bin froh, wenn wir hier wegziehen und die Spinner endlich los sind.“
Karen winkte dem Paar im zweiten Stock noch einmal fröhlich zu. Dann sah sie ihren Ehemann mit ernster Miene an.
„Die McAllisters sind wirklich nette, immer hilfsbereite Menschen. Ich mag die zwei sehr. Außerdem lieben sie Timmy und er sie. Wie oft haben die beiden auf ihn und Sam aufgepasst, wenn wir nicht da sein konnten.“
„Jaja, ist schon gut“, brummte Martin. „Aber jetzt brauchen wir sie zum Glück nicht mehr.“
„Ich wollte die McAllisters mit Timmy mal besuchen“, warf Karen ein.
Martin verzog ungläubig das Gesicht. „Wozu das denn?“
„Weil wir mit ihnen befreundet sind!“
Er schüttelte energisch den Kopf. „Nein, du und Tim, ihr seid mit diesen Klugscheißern befreundet, nicht ich.“
„Pst!“ Karen hatte bemerkt, dass Tim auf das Gespräch aufmerksam geworden war.
Martin stoppte sofort und lächelte seinen Sohn an. „Na, Timmy?“
„Streitet ihr euch schon wieder?“, fragte dieser ängstlich.
Tim hatte die heftigen Auseinandersetzungen im letzten Jahr noch in schmerzlicher Erinnerung. Er hatte nicht gewusst, worum es ging und was der ursprüngliche Anlass gewesen sein mochte, aber plötzlich waren sie da. Die verletzenden Wortwechsel zwischen seinen Eltern, die für ihn unerträglichen monatelangen Spannungen, die sich immer wieder in lautstarken Streitereien entluden. Er hatte sehr wohl bemerkt, dass sie versuchten, ihre Konfrontationen in seiner Anwesenheit zu überspielen, und bei Nachfragen nur als harmlose Diskussionen abtaten. Doch um sich täuschen zu lassen, hätte er taub sein müssen. Oft lag er mit über den Kopf gezogener Decke in seinem Bett und weinte, während von jenseits seines Zimmers wütendes Geschrei, Türenknallen und schließlich das Schluchzen seiner Mutter an seine Ohren drang. Die Streitereien seiner Eltern nahmen den sensiblen Jungen sehr mit. Die Angst, dass sie sich trennen könnten, war für ihn unerträglich und er bekam bald schon Magenschmerzen und Schlafprobleme, was er sich aber nicht anmerken ließ. Sein einziger Vertrauter, sein Fels in der Brandung, war sein Hund Sam, dem er unzählige Male sein Herz ausschüttete. In der Schule, wo der schüchterne Tim ohnehin stets ein Außenseiter war, fielen in der Folge seine Leistungen rapide ab. Vielleicht hatten seine Eltern dann doch irgendetwas von seinen Problemen bemerkt, denn im letzten Frühling zogen sie alle von Boston nach Hartford und wie auf wundersame Weise endeten gleichzeitig die Streitereien. Zudem beichteten ihm seine Eltern, dass sie sehr wohl Differenzen gehabt hatten, diese aber nun überwunden waren. Und tatsächlich schien alles wieder gut zu sein. Aber die Angst von Tim verschwand nie ganz. Und jedes doppeldeutige Wort, jeder Tonfall, den man auch als ansatzweise schärfer hätte interpretieren können, ließen ihn noch immer besorgt zusammenzucken.
„Ach was, natürlich nicht“, verneinte Karen sanft.
Martin kniete sich vor seinem Sohn hin und strich ihm über den Kopf. „Wir streiten uns nicht mehr. Nie wieder. Aber ich sage dir, was wir machen.“
Tim atmete erleichtert durch und sah seinen Vater erwartungsvoll an.
„Na, in das schöne Haus ziehen, was wir neulich gesehen haben. In ein paar Wochen ist es fertig. Das hat dir doch so gut gefallen.“
Tim nickte und überlegte kurz. „Ja, das war schon cool.
Aber egal wo wir wohnen. Hauptsache, wir bleiben alle zusammen und Sam kommt auch mit.“
Karen schmunzelte gerührt und Martin lachte.
„Na klar kommt er mit!“ Martin sah zu dem Golden Retriever, der am Wegesrand im Gebüsch schnupperte. „Nicht wahr, Sam?!“
Der Hund blickte bei der Nennung seines Namens auf und nahm wahr, dass sein Rudel über ihn redete. Sogleich wedelte er freudig mit dem Schwanz, bellte bestätigend und kam zu Tim herübergetrottet, der ihn fröhlich in die Arme nahm und drückte.
In dem Moment bemerkte Martin die Maklerin und den Interessenten auf dem Parkplatz. Er schaute auf die Uhr.
„Die sind aber pünktlich. Nun, je eher daran, desto eher davon.“
Karen wandte sich ihrem Sohn zu. „Okay, Timmy! Daddy und ich treffen jetzt die Frau von der Hausverwaltung.
Bleibt ihr beiden solange hier draußen und spielt noch etwas. Wir sind in ein paar Minuten zurück und dann gehen wir alle Burger essen, einverstanden?“
„Au ja!“ Tim nickte begeistert.
Karen küsste ihren Sohn liebevoll auf die Stirn. „Also bis gleich, mein Schatz.“
Sie und Martin gingen zu den Autos hinüber. Tim und Sam blieben zurück.
Der Junge sah seinen Eltern kurz nach, dann schlenderte er zur Hauswand, an der in über zwei Metern Höhe ein Basketballnetz angebracht war. Darunter lag ein kleiner Kinderbasketball. Tim hob ihn auf, ging ein Stück von der Hauswand weg, drehte sich um und visierte den Korb an, während er die ganze Zeit über von Sam interessiert beobachtet wurde.
„Wenn der reingeht, werde ich ein Profi-Basketballspieler!“
Er warf. Der Ball flog in einem hohen Bogen direkt in den Korb.
„Ja!“, jubelte Tim.
Sam eilte auf den aus dem Netz zu Boden plumpsenden Ball zu, schnappte ihn und brachte ihn brav dem Jungen, der sich noch einige Meter weiter von der Hauswand entfernte.
„Danke, Sam!“, sagte Tim, als der Golden Retriever den Ball aus dem Maul in seine Hände fallen ließ.
Der Junge visierte wieder den Korb an.
„Okay, wenn der reingeht, werde ich ein reicher und berühmter Basketballstar bei den Boston Celtics!“
Sam sah aufmerksam, wie Tim warf, folgte der Flugbahn des Balles, der erneut einen hohen Bogen beschrieb und nochmals direkt in dem Korb landete.
„Jaaa!“, rief Tim und sprang vor Freude in die Luft.
Sam sprintete los, holte den auf dem Boden herumhüpfenden Ball und lief damit zurück zu Tim. Liebevoll nahm der Junge den Hund in den Arm.
„Als kommender Basketballstar brauche ich auch nicht mehr in die Schule gehen zu all diesen fiesen Idioten.“
Tim war auf einmal ernst geworden.
Er schaute Sam in die Augen und strich ihm sanft über den Kopf. „Du bist mein allerbester Freund, weißt du das?“ Er hielt kurz inne. „Und mein einziger!“
Sam schien die düsteren Gedanken des Jungen zu spüren.
Sofort begann er, ihm aufmunternd das Gesicht abzulecken.
Der Junge kicherte und versuchte die nasse Zunge abzuwehren.
„Mann, Sam, ist ja eklig!“, lachte Tim.
Der Hund sah den Jungen zufrieden an und bellte kurz. Er hatte sein Ziel erreicht.
Karen Anderson hielt dem Interessenten Corbett und Maklerin Dearing die große Haustür auf, als sie nach ihr das Gebäude betraten. Martin folgte als Letzter.
„Wirklich ein schönes, helles und im positiven Sinne altmodisches Treppenhaus“, stellte Corbett anerkennend fest.
Plaudernd gingen sie die Stufen hinauf. Da kam ihnen Lisa, noch im schwarzen Jogging-Dress, mit einer Mülltüte in der Linken und zwei Pizza-Pappschachteln unter dem anderen Arm, entgegen.
„Hallo, Ms. Sattler“, grüßte Karen freundlich.
„Hallo, Mrs. Anderson“, antwortete Lisa ebenso nett und nickte der dahinter gehenden Frau von der Hausverwaltung und dem Interessenten zu.
„Hallo“, sagte Martin knapp.
„Hallo“, erwiderte Lisa, jedoch mit einem sanften Unterton in der Stimme.
Während die beiden aneinander vorbeigingen, berührten sich ihre Hände nur scheinbar zufällig. Ihre Finger suchten einander, umspielten sich kurz und zärtlich, als die Begegnung auch schon endete und sie sich voneinander entfernten.
Martin grinste verstohlen, sah kurz zu Karen hoch, die aber anscheinend nichts bemerkt hatte. Nur mit Mühe konnte er dem Drang widerstehen, sich nach Lisa umzudrehen.
Nachdem Lisa das Haus verlassen hatte, hielt sie neben der Eingangstür einen Moment inne und schloss die Augen.
Glücklich lächelnd atmete sie tief durch. Sie hätte die ganze Welt umarmen können. Als Lisa zwei Autos bemerkte, welche die Straße zum Haus heraufkamen, ging sie weiter, hinüber zu den beiden Müllcontainern, die hinter den Parkplätzen standen.
Ein alter, roter Nissan Micra, knapp fünfzig Meter vor einem silberfarbenen Audi TT, fuhr kurz darauf an ihr vorbei und hielt, schräg versetzt, mit dem Heck zu der noch einzigen freien Parklücke. Der Rückwärtsgang wurde eingelegt, der Kleinwagen setzte sich in Bewegung. Doch in diesem Moment war bereits der Audi TT da und schoss mit einem gewagten Lenkmanöver haarscharf am Micra vorbei, vorwärts hinein in die Parklücke. Der Nissan stoppte abrupt und sendete ein empörtes Hupen in Richtung seines unverschämten Kontrahenten.
Aus diesem stieg lässig ein leicht gebräunter, sportlicher Enddreißiger in Jackett, weißem Hemd, Jeans und Turnschuhen.
Die Seitenscheibe des Nissan Micra senkte sich und die Fahrerin, eine junge Asiatin mit Hornbrille und strubbeliger Kurzhaarfrisur, funkelte den Mann wütend an.
„Hey, was soll der Scheiß?! Das war mein Parkplatz!“
Der Fahrer des Audi TT zuckte mit den Schultern. „Genau, war. Jetzt stehe ich drin. Hier wird nun mal anders Auto gefahren als bei euch in China!“
Der Asiatin stand nur kurz der Mund offen. „Ich habe Ihnen schon zigmal gesagt, dass ich aus Südkorea komme, Sie Arschloch!“, fauchte sie ihn erbost an.
Der Mann zeigte sich aufgrund seiner gelungenen Provokation zufrieden. Er zwinkerte der Frau zu und ging frech grinsend weiter.
„Sie können doch jetzt nicht einfach abhauen! Hey! Ich rede mit Ihnen!“, tönte es zornig hinter ihm her, während er der jungen Asiatin keinerlei Beachtung mehr schenkte.
Der Fahrer des Audi betrat das Haus. Er begab sich zu den Briefkästen, die sich nur einen Schritt neben der einzigen Wohnungstür im Erdgeschoss befanden, schloss den mit dem Namensschild ‚Lorenzen‘ auf und nahm zwei Briefe heraus.
In diesem Moment wurde die Wohnungstür von innen geöffnet. Im Türrahmen erschien ein schmaler Mann mit Halbglatze und auffälligen Tränensäcken.
„Ach, der geschätzte Mr. Brundle!“, begrüßte Mark Lorenzen ihn so spöttisch wie verärgert.
Der Mann mit den Tränensäcken zuckte beim unerwarteten Anblick des Mieters erschrocken zusammen.
Mark baute sich vor ihm auf. „Ist meine verdammte Stromsicherung jetzt endlich ausgewechselt oder muss ich mich selber darum kümmern?! Ich habe keine Lust ewig zu warten, bis Sie als Hausmeister endlich den Arsch hochkriegen und einen Techniker bestellen.“
Brundle, der einen halben Kopf kleiner war als Lorenzen, schien bei dieser deutlichen Ansage noch einige Zentimeter zu schrumpfen.
„Ich… ich habe mich darum gekümmert. Es ist zumindest provisorisch erledigt“, stotterte er und versuchte Marks bohrendem Blick auszuweichen. „Der… der Techniker von der Hausverwaltung war da und es läuft jetzt alles wieder.
