Argos - Reloaded - Josef Kaindl - E-Book

Argos - Reloaded E-Book

Josef Kaindl

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Beschreibung

Der heiß erwartete zweite Band über den Serienmörder "Argos", klärt endlich alle noch offenen Rätsel komplett auf. "Argos", der seine Augen überall hat und das intimste Wissen über die dunkelsten Zeiten aus der Kindheit seiner Opfer hat, bekommt einen ebenso grausamen wie perfide agierenden Unterstützer. Wie bereits im ersten Teil "Argos erwacht. Er weiß alles von Dir.", sind auch in "Argos - Reloaded." wieder die einzelnen Fälle an mögliche Krankheitsbilder aus der Psychiatrie und Psychologie angelehnt. "Ich weiß, dass ich nichts weiß" (Sokrates). Wenn dies allerdings ein Kommissar über einen immer noch ungelösten Kriminalfall sagt, bedeutet das meist nichts Gutes. Der Fall des Serienmörders Alexander Vogel, alias "Argos", ist eine der wenigen noch immer offenen Mordserien der Münchner Kriminalpolizei. Bei einer von der Polizeistatistik genannten Aufklärungsquote von weit über neunzig Prozent bei Mord, ist eine ungelöste komplette Mordserie, wie die des Serienmörders "Argos", auf den ersten Blick scheinbar eine der ganz wenigen Ausnahmen. Glaubt man jedoch anderen Quellen, so wird mindestens jeder zweite Mord oder Totschlag in Deutschland (nach Auffassung von Rechtsmedizinern und Kriminalpolizisten) nicht als solcher erkannt. Die Perspektive ist plötzlich eine andere: sogar eine ganze Serie von ungelösten Morden scheint nun realistisch; begangen durch den selben Täter, wohlgemerkt. In Zeiten von Big Data, NSA-Abhör-Affären, sozialen Medien und anderen Datenkraken, sollten Sie sich gut überlegen, was Sie dem Internet preisgeben wollen. Es könnte jemand wie "Argos" sein, der über seine Internetrecherchen auch Daten über Sie findet. Und dann findet er garantiert auch den Weg zu Ihnen nach Hause. Teil 1 der Trilogie "Argos" finden Sie hier: http://www.kaindl1.de

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Psychothriller

Die Argos Trilogie:

Band 1: „Argos erwacht. Er weiß alles von Dir.“

Band 2: „Argos – Reloaded“

Band 3: „Argos – Imago“

Alle Personen und Handlungen dieses Buches sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Dieses Buch ist für Leser unter 18 Jahren nicht geeignet.

Inhalt

0. Vorwort

1. Einleitung

2. Schizotype Störung mit Zwangshandlungen

3. Multiple Diagnosen

4. Posttraumatische Belastungsstörung (und Rückblick auf Argos).

5. Trauerkarten mit zwei Worten: „Argos erwacht“

6. Paranoide Schizophrenie

7. Induzierte wahnhafte Störung

8. Panikstörung mit Agoraphobie

9. Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen.

0. Vorwort

In Ihren Händen halten Sie nun den zweiten Band der Trilogie über den Serienmörder „Argos“. Wie bereits im ersten Teil („Argos erwacht. Er weiß alles von Dir.“) sind auch in „Argos – Reloaded“ wieder die einzelnen Fälle an mögliche Krankheitsbilder aus der Psychiatrie und Psychologie angelehnt. Dass es diese Art der Erkrankungen wirklich gibt, ist zwar traurig, aber unzweifelhaft.

Vielleicht findet der eine oder andere die Muse während seiner Ausbildung oder eines Studiums der Psychologie sich diese beiden Bücher zu gönnen. Vielleicht als Ausgleich zum Pauken von Fakten? Oder auch, um sich das bisher angeeignete theoretische psychologische Wissen, mit den frei erfundenen Beispielen in diesen Büchern in der Phantasie ausmalen zu können. Möglicherweise wird dann das eine oder andere scheinbar abstrakte Krankheitsbild auf einmal lebendig. Oder, sie lieben es ganz einfach, Thriller mit medizinischem Hintergrund zu lesen…

Auch in diesem Buch erlaube ich mir den berühmten griechischen Philosophen Sokrates zu zitieren: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Wenn das allerdings ein Kommissar über einen immer noch ungelösten Kriminalfall sagt, bedeutet das meist nichts Gutes. Der Fall des Serienmörders Alexander Vogel, alias „Argos“, ist eine der wenigen noch immer offenen Mordserien.

Bei einer von der Polizeistatistik genannten Aufklärungsquote von weit über neunzig Prozent bei Mord, ist eine ungelöste komplette Mordserie auf den ersten Blick eine der ganz wenigen Ausnahmen. Glaubt man allerdings anderen Quellen, so wird mindestens jeder zweite Mord oder Totschlag in Deutschland (nach Auffassung zum Beispiel von Rechtsmedizinern und Kriminalpolizisten) nicht als solcher erkannt. Die Perspektive ist nun plötzlich eine andere: sogar eine ganze Serie von ungelösten Morden erscheint nun realistisch; begangen durch ein und denselben Täter, wohlgemerkt.

Profiler der Polizei versuchen bei sich wiederholenden Tötungsdelikten ein Muster zu finden, nach dem ein Serienmörder vermutlich vorgeht. Manchmal lässt sich daraus sogar die Motivation des Mörders für seine Taten herleiten. In Zeiten von Big Data, NSA-Abhör-Affären, sozialen Medien und anderen Datenkraken, sollten Sie sich gut überlegen, was Sie dem Internet preisgeben wollen. Es könnte jemand wie „Argos“ sein, der über seine Internetrecherchen auch Daten über Sie findet. Und dann findet er garantiert auch den Weg zu Ihnen nach Hause.

Wenn dann plötzlich ein Mörder wie in „Argos erwacht“, oder „Argos – Reloaded.“ vor Ihnen steht, dann …

Hasta la vista, Baby!

1. Einleitung

Peter-Josef Maier, der früher so erfolgreiche Münchner Kommissar, saß spät abends noch immer über den Akten des Falles „Argos“. Die Münchner Polizei hatte den Serienmörder Alexander Vogel passenderweise „Argos“ genannt, denn immer, wenn er seine Opfer ermordete, wurde er vom unscheinbaren Bürger zum wütenden alles zerstörenden Killer – genauso, wie „Argos“ das Monster aus der Mythologie.

Mehrfach hatte P.-J. („Peeee-Jayyyy“, wie er sich selbst am liebsten nannte; wobei er dummerweise die Bedeutung des englischen Wortes „pee“ nicht kannte) in den letzten Tagen in der Asservatenkammer nachgefragt, ob es noch irgendetwas an persönlichen Dokumenten, polizeilichen Unterlagen oder Gegenständen von Alexander Vogel, alias „Argos“, gäbe, die P.-J. Mayer noch nicht gesehen oder sich zukommen lassen hatte. Und jedes Mal war die Antwort ein eindeutiges Nein.

Mit seinem kriminalistischen Gespür hatte er bereits alle in der Asservatenkammer eingelagerten Gegenstände untersucht. Von den Waffen des Serienmörders, bis hin zu den Kleidungsstücken der Opfer.

Von Pistolen, Skalpellen, Behältnissen der den Opfern missbräuchlich verabreichten Narkotika und tiermedizinischen Produkten, über den Laptop des Mörders, bis hin zu Handwerkerwerkzeugen, die beim Quälen und Töten von „Argos“ Opfern zum Einsatz gekommen waren, hatte der Kommissar mittlerweile alles aus der Asservatenkammer in sein Büro bringen lassen.

Das Einzelbüro von P.-J. Maier war vollgestellt mit teilweise makabren Gegenständen aus der Hinterlassenschaft von „Argos“, wie zum Beispiel Beatmungsschläuche, die er zum Ersticken einiger Opfer nutzte. Aber auch mit Opferdevotionalien wie Medaillons und Rosenkränze, an denen die Forensiker der Polizei Abdrücke der Fingernägel der Opfer festgestellt hatten, als diese sich vermutlich im Todeskampf verzweifelt daran festhielten.

Kurzum, das Büro des Kommissars war selbst mehr oder weniger zu einer Asservatenkammer geworden.

Manfred Offerbaum, Peter-Josef Maiers Vorgesetzter, hatte ihn bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass das Ausfassen von kompletten Umfängen aus der Asservatenkammer unüblich sei und außerdem nur sehr ungern geduldet wurde. Und dass sein Büro nicht zu einer zweiten Asservatenkammer verkommen sollte. Doch Manfred Offerbaum war entgegen seinem sonstigen Vorgehen ungewöhnlich nachsichtig mit seinem „besten Pferd“ im Stall.

Kommissar Maier wirkte zwar teilweise etwas skurril und manchmal auch eher kauzig, aber seine Fahndungserfolge sprachen eben vehement für ihn und seiner Art der Ermittlungen.

Daher beließ es Manfred Offerbaum auch bei eher dezenten Hinweisen, und sprach keine dienstliche Weisung oder gar einen konkreten Befehl zum Aufräumen des Büros aus, oder zum Zurückbringen der Gegenstände in die Asservatenkammer. Er kam damit vielmehr seiner Sorgfaltspflicht als Vorgesetzter nach, als dass es ihm wirklich wichtig war, wie der Kommissar vorging. Selbst wenn P.-J.`s Büro immer mehr einer Folterkammer oder einem Gruselkabinett glich.

Das Gute daran war, dass es ein Einzelbüro war und sich bisher noch niemand über die Ansammlung von Gegenständen darin ernsthaft beschwert hatte. Die Kollegen machten eher Witze hinter P.-J.`s Rücken…

Medizinische Aufzeichnungen gelangten in falsche Hände.

P.-J. (oder besser: Pee-Jay; das machte ihn „wichtiger“, wie er fand; was er aber gegenüber einer anderen Person niemals zugeben würde), blätterte -wie schon so oft zuvor- die Akten zum Fall „Argos“ durch. Wie oft hatte der Kommissar wohl schon die diversen Krankenakten aus der Hinterlassenschaft des Kinderpsychiaters Dr. Williams durchgesehen und gelesen? Diese Unterlagen waren die Basis für die Taten des Serienmörder Alexander Vogel alias „Argos“ gewesen, der sich nach unzähligen Morden der Polizei freiwillig gestellt hatte.

Warum „Argos“ sich gestellt hatte, war für den Kommissar nach wie vor unklar. Da der Serienmörder Alexander Vogel zurzeit nicht befragt werden konnte, blieb dieses Geheimnis noch immer ungelöst. Er hatte während eines Verhörs im Hochsicherheitsgefängnis München Stadelheim, einen epileptischen Anfall mit tragischen Nebenwirkungen erlitten, bis hin zum immer noch anhaltenden Koma. Vielleicht würde es auch für immer sein Geheimnis bleiben, denn die ärztliche Prognose war für Alexander Vogel alles andere als gut.

Dr. Kurt Williams Patientenkarten hatten ein streng einheitliches Format. Sie trugen als Überschrift immer die persönlichen Angaben des Patienten, dann kam die vermutete oder auch gesicherte Diagnose und die jeweilige Medikation oder Therapieform. Danach notierte der Psychiater seine Erkenntnisse und Feststellungen, immer streng nach dem Datum sortiert. Alle Patientenkarten waren nach diesem Muster aufgebaut, ohne Ausnahme.

Manche hatten zusätzliche Hilfsmittel als Ergänzungen angeheftet, wie zum Beispiel Kassetten mit Aufnahmen von den psychotherapeutischen Sitzungen. Wie war „Argos“ an diese heiklen medizinischen Dokumente und Tonaufnahmen nur gekommen? Noch eine Frage, die der Kommissar nicht beantworten konnte. Das wurmte ihn ganz gewaltig. Mehr ärgerte ihn nur noch die bis heute unbeantwortete Frage, warum sich ein Mörder wie „Argos“ freiwillig stellte. Auch diese unbeantwortete Frage lies den Kommissar immer wieder grübeln. Manchmal eine ganze Nacht lang.

Dr. Williams war Kinderpsychiater und -psychologe gewesen und einerseits sehr strukturiert und logisch, wissenschaftlich vorgehend. Andererseits konnte man auf den besprochenen Kassetten der Therapiesitzungen Dr. Williams große Empathiefähigkeit geradezu heraushören. Da die Kassetten vor vielen Jahren aufgenommen worden waren, war manchmal die Tonqualität etwas dürftig. Doch man verstand meist im Satzzusammenhang, was die manchmal schwer verständlichen Einzelwörter bedeuten mussten.

Auch alle diese Tonkassetten hatte der Kommissar mehrfach abgehört, war dabei teilweise sehr betroffen, oder weinte manchmal sogar heimlich. Die jeweilige Kassette pausierte oder stoppte er dann, bis er sich wieder emotional im Griff hatte. In diesen Augenblicken war er sehr froh, ein Einzelbüro zu haben; so sah niemand, wenn ihm die eine oder andere Träne des Mitgefühls mit den betroffenen Kindern die Wange herunterlief.

Schließlich ging es in den aufgezeichneten Gesprächen zwischen Dr. Williams und den Kindern und Jugendlichen um wahre Abgründe der Seele. Oft um die verletzte Kinderseele, Aber noch vielmehr um das skrupellose und oft grausame Verhalten von Erwachsenen gegenüber Kindern. Oftmals waren die Verursacher der kindlichen psychischen Störungen nahe Verwandte: Onkel, Tanten, oder gar die eigenen Eltern.

Manchmal waren auch Mitschnitte der Therapiesitzungen mit den Kindern zu hören, in denen diese emotionslos von grausamsten Dingen erzählten, die ihnen angetan wurden. Das war das Absonderlichste, wie der Kommissar fand. Wenn Kinder weinten, oder schluchzten war er in der Lage mitzufühlen. Doch die wenigen Aufnahmen, in denen Kinder gar keine Emotion zeigten, machten ihm viel mehr zu schaffen.

War dies etwa jenes bizarre Verhalten, das in den psychologischen Fachbüchern als „Abspalten von Emotionen“ bezeichnet wurde? Oder in spirituell angehauchten Büchern auch als „außerhalb des Körpers sein“ beschrieben? Das war selbst dem hartgesottenen Kommissar unheimlich, gänsehauterzeugend und manchmal auch einfach zu viel. Ab und zu waren aber auch Einzelgespräche mit einem Elternteil auf einer Kassette aufgenommen worden. Was war, wenn die Aussagen des Kindes konträr zu denen des Elternteils waren? Wem glaubte Dr. Williams?

Mit seiner Beharrlichkeit, mit dem wiederholten Lesen aller Akten, der einzelnen Patientenkarten und dem Betrachten der diversen Gegenstände aus der Asservatenkammer, war P.-J. Mayer nahe daran, den Fall „Argos“ endlich zu lösen. Sehr nahe. Er wusste es zu diesem Zeitpunkt nur noch nicht.

2. Schizotype Störung mit Zwangshandlungen

Patientenkarte der psychiatrischen Praxis von Dr. Williams, Nummer 641: Petra Sedlmeyer, geboren am 24. Mai 1962, Diagnose: Verdacht auf schizotype Störung mit Zwangshandlungen (F21), Verdacht auf „Babysucht“ (ohne Fx). Therapie: bei Professor Doktor Markus Seifert, Psychiater und Neurologe an der Berliner Charité.

Gerade als der Kommissar begann, sich ernsthaft über die Sinnhaftigkeit und die geringen Erfolgsaussichten seiner weiteren Recherchen Gedanken zu machen, als er fast aufgeben wollte, da hielt er ein Dokument in Händen, dass ihm neue Energie gab.

Der Kommissar blätterte in einem der vielen Aktenordner zum Fall „Argos“ und war am Querlesen, als ihm ein psychiatrisches Gutachten eines Psychiater Kollegen von Dr. Williams auffiel. Das Schreiben begann mit „Lieber Kollege Dr. Williams, lieber Kurt, …“. Als Absender war ein Professor Doktor Markus Seifert, Psychiater und Neurologe von der Berliner Charité angegeben.

Es ging in dem Gutachten um eine Patientin namens Petra Sedlmeyer. Diese war weit älter, als die Klienten, die Dr. Williams in seiner Praxis üblicherweise zu sehen bekam. Es musste sich also um eine Mutter eines seiner kleinen Patienten gehandelt haben, vermutete der Kommissar. Schließlich wurde schon in der Grundausbildung Psychologie während des Polizeistudiums gelehrt, dass die Ursache für verhaltensauffällige Kinder oder Jugendliche meist die Eltern sind.

P.-J. Mayer las den psychiatrischen Befund weiter: „Die heute fünfunddreißig Jährige, sehr schlanke Frau Sedlmeyer (BMI: 17.5, nahe an Anorexie) wurde mir heute im Krankenhaus des Frauengefängnisses vorgestellt. Der heutigen Befragung durch mich, als beurteilendem Psychiater, hatte sie im Vorfeld überraschenderweise zugestimmt. Die bei der Aufnahme in das Frauengefängnis vom diensthabenden Arzt erstellte Erstdiagnose lautet: Verdacht auf schizotype Störung mit Zwangshandlungen“.

Der Kommissar nahm ein medizinisches Fachwörterbuch zur Hand und las nach, was diese Diagnose wohl bedeuten mochte. So richtig verstand er das medizinische Fachkauderwelsch, wie er es nannte, nicht wirklich. Daher nahm er ein anderes Nachschlagewerk für psychische Störungen zur Hand, den ICD-10, der ihm schon mehrmals gute Dienste erwiesen hatte. Darin waren die Kriterien aufgeführt, nach denen man so eine Diagnose stellen konnte, quasi das Kurz-Lexikon für psychische Krankheiten. Allein, dass die gestellte Erstdiagnose für Petra Sedlmeyer zum Formenkreis der Schizophrenie zählte, reichte dem Kommissar schon für seine Urteilsbildung: nicht nur verrückt, sondern völlig verrückt. Denn er wusste: Schizophrenien sind die schwersten Geisteskrankheiten überhaupt. Und vermutlich auch nicht heilbar.

Dann las er weiter: „Sie ist mit einer Zwangsjacke fixiert und in Begleitung von zwei Pflegern, da sie sich wiederholt aggressiv gegenüber dem Klinik- und Gefängnispersonal zeigte. Sedierende Medikamente wurden bis zum heutigen Tag ausschleichend abgesetzt, um den akuten Zustand der Patientin beurteilen zu können. Die Patientin berichtet von dem wiederholten Zwang Babys zu gebären. Sie hatte bereits im Alter von sechzehn Jahren ihr erstes Kind geboren. Sie bezeichnet es im diagnostischen Zweiergespräch als „Unfall“. Frau Sedlmeyer hatte zwischen ihrem sechzehnten Geburtstag bis heute zehn Geburten. Davon lebt heute nur noch ein Kind, das vom Jugendamt als Notmaßnahme der Mutter entzogen und dem leiblichen Vater übergeben wurde. Es besteht weder Kontakt zwischen den leiblichen Elternteilen, noch ist der Mutter der Aufenthaltsort des Kindes bekannt. Frau Sedlmeyer macht einen klaren und wachen Eindruck. Sie beginnt von selbst über den Zwang immer Babys um sich haben zu wollen zu sprechen. Es sei nicht das gebären als solches für sie wichtig, sondern vielmehr das Gefühl ein Baby bei sich zu haben. Da die Gesellschaft eine Mutter mit Baby üblicherweise vorbehaltlos akzeptiert, fällt eine junge Mutter mit Baby durchwegs positiv auf. Selbst ungewöhnliches Verhalten einer Mutter, wie exzessives Stillen und zur Schau stellen der Brust mit einem säugenden Baby daran, fällt niemanden auf, der die dahinterliegende Problematik nicht kennt. Permanentes Stillen als Belohnungseffekt für das Kind, sobald es schreit oder andere unangenehme Empfindungen verspürt, befriedigt das Kind; es schadet ihm aber auch zugleich (u. a. Übergewicht, überhöhte Aufmerksamkeitsbedarfe in der weiteren Entwicklung des Kleinkindes, vermutete Basis eines ADHS-Syndroms, etc.). Dass das permanente Stillen auch der Mutter Befriedigung bringt, mit einem nicht zu unterschätzenden positiven Verstärker über die Gesellschaft, ist ein Phänomen, dass im Zusammenhang mit der Überbemutterung symptomatisch ist für diese Art der psychischen Störung.

Die Klientin beschreibt, dass, sobald das Baby ein gewisses Alter hatte, erneut der dringende Wunsch nach einem nächsten, neuen Baby aufkomme. Manchmal dauere es nicht mal ein Jahr, bis sie den Wunsch nach einem weiteren Baby verspüre. Der Drang sei dann so stark, dass sie sich mit jedem beliebigen Mann zum Geschlechtsverkehr einlasse, nur um schwanger zu werden. Kurzer Exkurs: In der medizinisch psychiatrischen Literatur wird das zwanghafte Verhalten in Bezug auf Babys wie es Frau Sedlmeyer zeigt, nur sehr selten beschrieben (siehe Prof. Dr. Lenz, „Babysucht“). In den wenigen bisher beschriebenen Fällen handelt es sich durchweg um Mütter, die bis zur Triangulationsphase im dritten Lebensjahr, ihre Babys normal betrachten und durchwegs als „gute Mütter“ gelten. Sobald sich das Kleinkind allerdings emotional weg von der Mutter orientiert, also zum Vater oder einer weiteren Bezugsperson, kommt das Gefühl, beziehungsweise die Sehnsucht, nach einem Baby immer stärker auf. Je länger es dann dauert, wieder schwanger zu werden, desto verzweifelter versuchen diese Frauen alles, um wieder ein Kind zu bekommen. Promiskuität, künstliche Befruchtung und weiteres wird immer besessener, zwanghafter versucht“.

Ein seltenes psychiatrisches Krankheitsbild.

Interessant, fand der sichtlich erstaunt wirkende Kommissar und dachte sich, dass es immer noch Dinge gibt, von denen er noch nie etwas gehört hatte. Er las weiter: „Frau Sedlmeyer versuchte in ihren diversen Partnerschaften durch lamentieren, jammern aber auch verführerischem Auftreten immer wieder zu einem neuen Baby zu kommen, wie sie selbst ohne Scham oder Hemmung freimütig erzählte. Wenn definitiv klar war, dass ihr jeweiliger Mann kein weiteres Baby wollte, lies sie nicht nur Verhütungsmittel weg ohne ihren Partner zu informieren, sondern verführte ihren jeweiligen Mann möglichst in der fruchtbarsten Zeit ihres weiblichen Zyklus. Wenn sie allein war, trauerte sie diesem tollen Babygeruch hinterher und sogar wie sich ein Baby anfühlt und stellte sich vor, wie sie es im Arm hält. Selbst das für das Baby überlebenswichtige Stillen nutzte sie selbstsüchtig. Wann immer es ging nahm sie ihr Baby an die Brust. Egal ob das Kind satt war, oder nicht. Nur wenn es schlief setzte sie das Kind nicht an die Brust. Frau Petra Sedlmeyer beschreibt das Stillen als totale Befriedigung, Entspannung und Verschmelzung mit ihrem jeweiligen Baby. Dieses dyadische Verhalten fiel in all den Jahren niemandem auf.

Während des Babyalters ihrer Kinder hingegen, verweigerte sie jegliche sexuelle Annäherung eines Mannes. Versuchte einer ihrer diversen männlichen Partner sich in dieser Zeit sexuell anzunähern, wies sie ihn über moralische Argumente zurecht: eine stillende Mutter zu begehren sei pervers, Männer wollen immer nur das eine, selbst wenn eine Mutter noch stillt, und so weiter. Das funktionierte immer, sagte sie. Entweder verzichtete der jeweilige Partner wirklich irgendwann auf Sex, da er resignierte, oder er verließ die dauernd stillende Mutter und als Partnerin für einen Mann nicht mehr erreichbare, sexuell nicht verfügbare Frau.