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Sie berufen sich auf das Grundgesetz und nehmen den Bundestag als Geiseln. Eine Nation befindet sich im Ausnahmezustand. Die Gefahr ist größer als gedacht. Im Zentrum des Geschehens: Politik, Verrat, die öffentliche Meinung. Und bei allem ist mit helfender Hand dabei: Der Tod. Ein Thriller über eine Nation am Scheideweg.
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Seitenzahl: 281
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Artikel 20.4
von
Klaus Hammer
Impressum
Texte: © Copyright by Klaus Hammer
Umschlag: © Copyright by Klaus Hammer
Verlag: Klaus Hammer
Bannizastr. 13b
45894 Gelsenkirchen
Druck: epubli ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Vorwort
Die Idee zu diesem Buch entstand in einem Moment, als ich mich mal wieder fürchterlich über die parlamentarische Demokratie in Deutschland aufgeregt habe. Einige der Dinge, die auch in diesem Buch angesprochen werden (Oder im Begleitmaterial vorhanden sind) ließen mir den "Was wäre wenn" Gedanken in den Kopf schießen.
Da das ganze aus einer Situation der Wut heraus geschah, war der Arbeitstitel noch „Wut“. Während des Schreibens ist mir jedoch aufgefallen, dass ich wütend war, nicht meine Protagonisten. Also wäre Wut der vollkommen falsche Titel.
Der Grundgedanke, der den Anstoß gab, ist somit zum Titel geworden:
Was wäre also, wenn Bürger dieses Landes den Artikel 20 Absatz 4 des Grundgesetzes wirklich ernst nehmen würden? Was, wenn sie handeln, anstatt zu reden?
Noch während ich die Geschichte entwickelt habe, formten sich die einzelnen Personen heraus. Nach und nach wurde das Netz feiner und die Geschichte schlüssiger.
Vorweg noch ein Hinweis: Dieses Buch soll der Unterhaltung dienen und ist als hoffentlich spannende Lektüre gedacht. Die Orte und Beschreibungen entsprechen der Realität. Die in dem Begleitmaterial aufgelisteten Punkte sind echt und wurden von den Protagonisten benutzt. Der Link zum Begleitmaterial ist: [http://workupload.com/archive/WuRMyx] Dabei bitte die Groß- Kleinschreibung beachten. Er findet sich auch noch einmal an einer passenden Stelle im Buch.
Und nun noch viel Spaß beim Lesen,
Klaus Hammer
Danke
Zuerst möchte ich mich bei den Autoren des Programms oStorybook bedanken. [http://ostorybook.tuxfamily.org/] Wer sich mit dem Schreiben beschäftigt und kommerzielle Lösungen nicht nutzen mag, ist hier genau richtig. Auch wenn die Einarbeitung eine Gewisse Zeit benötigt, so lässt sich doch alles prima organisieren und man verliert nie die Übersicht.
Als Java Programm arbeitet es unter allen verbreiteten Betriebssystemen.
Danke auch an @axwart Satirebaum der sich in einem Twittergespräch als Figur für den Roman angeboten hat. Er spielt hier den Alexander Wagner. Wobei ich zugeben muss: Zwischen der Figur im Roman und der echten Person besteht lediglich einen Namensähnlichkeit.
Danke auch an Sylvia, die dankenswerter Weise alles zuerst gelesen hat und mich auf einige Bugs hingewiesen hat.
Danke an Sean, der in vielen Diskussionen um Politik und das Grundgesetz die Ideehat entstehen lassen.
Für meine Familie.
Eine große Halle.
In langen Reihen stehen zwei Meter hohe Schaltschränke. Darin befinden sich unzählige Server. Eng an Eng zusammengepackt. Zwischen den Servern sind Unmengen an Kabeln gesteckt. An einigen Stellen kann man die Server kaum noch erkennen.
Es herrscht ein ohrenbetäubender Lärm. Die Klimatisierung und Belüftung des Raumes lassen ein Gespräch unmöglich erscheinen.
Doch in diesem Raum befindet sich niemand. Bis auf die Status LEDs der Server und Netzwerkkomponenten gibt es keine aktiven Lichtquellen.
Unbemerkt von den Überwachungsprozeduren verbindet sich ein Benutzer von einem weit entfernten Terminal aus mit einem der Server. Wäre an dem Server ein Monitor angeschlossen, so könnte man eine Fehlermeldung erscheinen sehen. Dann kryptische Zeichen. Ein Beep-Ton geht im Lärm der Klimaanlage unter.
Ein Login-Prompt zeigt:
root@fa-srv1543-bmi:~>
Eingaben erscheinen auf dem Bildschirm.
Verzeichnisse werden gewechselt.
root@fa-srv1543-bmi:~> cd datastore/ba/polizei/berlin
Ein Befehl wird ausgeführt.
root@fa-srv1543-bmi: ~/datastore/ba/polizei/berlin> /usr/bin/curl -o 172.217.20.227/down/fingerprint.tif -x http://10.7.168.222:6666 print9857534291_1.tif
172.217.20.227 is known for a different service. Download maybe broken. Continue? (Yes/No)
YES
Please wait
########## Download complete.
root@fa-srv1543-bmi: ~/datastore/ba/polizei/berlin> /tmp/trackblur.sh
Logfiles cleaned.
You are logged out.
CONNECTION LOST.
An der Eingangstür zum Serverraum hängt ein Schild. Auf diesem Schild steht:
Zentrale Fingerabdruck Speicherstelle.
Zutritt nur für Befugte in Begleitung!
Vor der Tür steht ein mit einer Maschinenpistole bewaffneter Polizist. An diesem kommt niemand, so scheint es, vorbei.
9:00h U55
„Diese scheiß Linie 55! Warum ich?“
Dieter Freeh sah sich um. Er saß nun seit zwei Wochen auf dieser Linie. Viele verschiedene U-Bahnlinien hatte er in Berlin bereits gefahren, doch diese Linie war für ihn der absolute Horror. Die Fahrstrecke betrug gerade einmal 1,8 km. Drei Haltestellen. Und davon waren zwei die Endhaltestellen!
Gerade einmal drei Minuten war er unterwegs. Dann hieß es die Richtung wechseln. Da die U-Bahnen in Berlin nicht mit einer Oberleitung, sondern mit einem Stromabnehmer seitlich am Wagen fuhren, gab es nicht wie in anderen Städten sogenannte Wendeschleifen bei denen die Züge einmal im Kreis fuhren und dann in Gegenrichtung zurück. Nein, hier fuhr der Zug einmal vorwärts, einmal rückwärts. Wobei in diesem Fall rückwärts auch irgendwie wieder vorwärts war.
Es war 8:57. Er war gerade an der Haltestelle Brandenburger Tor angekommen. Nun hatte er zwei Minuten Zeit, um durch den Zug zur anderen Seite zu gehen und in die Gegenrichtung zurück zu fahren.
Er wuchtete seine hundertzehn Kilo aus dem Fahrersitz. Die letzten Fahrgäste waren dabei aus zu steigen. Langsamen Schrittes ging er zwischen den nun leeren Sitzreihen hindurch.
„Jetzt brauche ich auch noch eine zweite Thermoskanne...“,murmelte er leise vor sich hin. Er hatte beim letzten Wechsel seine Kanne und die Snacks in der Fahrerkabine auf der anderen Seite liegen gelassen. Und wenn er eins überhaupt nicht leiden konnte, dann war es, wenn er Lust auf etwas süßes verspürte und die Sachen nicht im Zugriff hatte.
Das Leben war so schön gewesen. Damals als er noch auf den langen Strecken unterwegs gewesen war. Da konnte man schon mal eine Weile sitzen bleiben. Aber diese Fahrdienstleiterin hatte genau gewusst, womit sie ihm die Laune verderben konnte. Aber er konnte sich von dieser Schnäpfe ja nicht alles gefallen lassen. Schließlich war er schon seit über vierzig Jahren bei der BVG. Da wusste er einiges über den Fahrbetrieb. warum sollte er sich dann von so einer Tussi, die halb so alt war wie er, etwas vorschreiben lassen? Vor allem, da diese blöde Kuh erst seit ein paar Wochen die Fahrdienstleitung inne hatte. Und wie es aussah, hatte sie es von Anfang an auf ihn abgesehen.
Er nahm den Schlüssel für die Fahrkabine aus der Tasche. Er hatte sich angewöhnt, ihn mit einer kleinen Kette am Hosenbund fest zu machen. Denn in der ersten Zeit war es ein paar mal vorgekommen, dass er den Schlüssel auf der anderen Seite vergessen hatte. Nicht, dass ihn gestört hätte, das jemand in die Fahrkabine gegangen wäre, aber er konnte nicht rechtzeitig abfahren. Und bei dem engen Zeitplan hatte er noch nicht einmal die Gelegenheit, die Verspätung wieder heraus zu fahren.
Er schloss die Tür der Fahrerkabine hinter sich und schaltete die Elektrik mit dem Schaltschlüssel ein. Die Lichter auf dem Instrumentenpult erwachten zum Leben.
9:00h Er tippte auf die Taste zum Schließen der Türen. Die Türen bewegten sich aufeinander zu und der Warnton, für all diejenigen die noch dazwischen standen, ertönte. Doch das Schließen verzögerte sich. Es kamen immer noch Fahrgäste auf den Zug zu und wollten einsteigen. Er lehnte sich aus dem Fenster und ihm blieb mit einem Mal die Luft weg. Er starrte mit offenem Mund in Richtung Bahnsteig. Was er sah, hatte er in all den Jahren als U-Bahn Fahrer noch nicht erlebt.
Der Bahnsteig war schwarz vor Menschen. Nicht dass es so viele gewesen wären, nein. Es waren etwa 100 Personen auf dem Bahnsteig und einige davon bewegten sich in Richtung des Zuges. Aber alle diese Menschen waren komplett schwarz gekleidet. Viele von ihnen hatten Sachen an, die wie ein Ganzkörperkondom über ihrem Körper lag und sogar den Kopf einschloss. Nur das Gesicht war frei. Wobei auch das merkwürdig war. Die hatten ja alle das gleiche Gesicht!
Es sah aus wie eine Maske eines Typen mit einem kleinen nach oben gebogenen Schnauzbart und einem schmalen Kinnbart. Die Maske hatte ein nahezu dämonisches Grinsen aufgelegt und war ziemlich blass, Man konnte sagen: Weiß.
Moment! Diese Maske hatte er schon einmal gesehen. Im Fernsehen, als die bei Frauentausch, nein, es war etwas anderes... Egal. Das ist wohl wieder so ein komischer Fluschmopp, oder wie man das nannte. Er dachte noch „Eigentlich aus der Mode..." als auf seinem Pult die Lampe Türen geschlossen zu leuchten begann.
Er drückte den Fahrhebel leicht nach vorne und der Zug setzte sich langsam in Bewegung.
9:02h Haltestelle Bundestag
Er konnte es sehen, als sein Zug den Tunnel verließ und auf den Bahnsteig zu rollte. Auch dieser Bahnsteig war voller schwarz gekleideter Menschen mit diesen komischen weißen Grinsemasken.
Dieter Freeh lies den Zug langsam auf den Haltepunkt zu rollen. Als er endlich zum Stehen gekommen war, öffnete Freeh, wie eine Maschine, die Türen um die Fahrgäste Ein- und Aussteigen zu lassen.
„Eigentlich könnte diesen Job ja auch irgend so ein blöder Computer machen.“, dachte er bei sich. Zwischen den drei Haltestellen hin- und her zu fahren und Türen bei Bedarf zu öffnen, dafür brauchte man doch ihn nicht. Er erschrak, als ihm klar wurde, dass er dann auf der Straße sitzen würde. Denn etwas anderes als Straßenbahnen zu fahren hatte er nie gelernt. Warum auch. „Straßenbahnfahrer werden immer gebraucht.“, hatte sein Vater immer zu ihm gesagt. „So was werden die nie automatisieren können!“ Sein Vater war über vierzig Jahre als Straßenbahnfahrer unterwegs gewesen. Als er vor zwei Jahren gestorben war, hatte Freeh das stark mitgenommen. Sein Vater war stets ein Vorbild für ihn gewesen. Ehrlich, ruhig und pflichtbewusst. Nie hatte er auch nur eine Zeile der Vorschriften missachtet. Zumindest wenn man dem glauben konnte, was er Freeh erzählt hatte. Sein Vater war nie etwas anderes als Straßenbahnfahrer gewesen. Und nun konnte an jedem Tag morgens jemand vor dem Zug stehen und ihm, Dieter Freeh, mitteilen, dass er nicht mehr gebraucht würde. Der Zug würde dann automatisiert betrieben. So wie das in anderen Städten weltweit schon der Fall war. „Gut dass Vater das nicht mehr miterleben muss.“
Dieter Freeh schrak aus den Gedanken hoch. „Mein Zeitplan!“
Er sah auf die Uhr. „Verdammt“ Er drückte auf den Knopf um die Türen zu schließen.
Kaum waren die Türen geschlossen, drückte er den Fahrhebel nach vorne. Er beschleunigte den Zug stärker, als er das normalerweise tat.
Freeh war während des Haltes so beschäftigt gewesen mit seinen Gedanken, dass ihm nicht aufgefallen war, dass einige der schwarz gekleideten Menschen kleine schwarze Boxen mit in den Zug gebracht hatten und diese an vielen Stellen unter den Sitzen verteilt abgestellt hatten.
Als er an der Haltestelle Hauptbahnhof angekommen war, waren die schwarz Gekleideten alle verschwunden. Als ob sie nie im Zug gewesen waren.
„Verrückt“ dachte er sich. „Das wird wohl heute Abend in den Nachrichten zu sehen sein.“
Er sollte Recht behalten.
8:50h Phoenix live
Monika Holtzmann war aufgeregt. Nicht etwa, dass dies ihre erste Liveübertragung war. Nein, sie hatte schon einige Erfahrung mit diesem Format. Doch heute war sie zum ersten mal für den Sender Phoenix unterwegs. Und daher hatte sie deutlich mehr Zuschauer als in der Vergangenheit. Sie rief sich ins Gedächtnis, dass sie ja sowieso nur die Kamera sah. Wie viele Menschen dahinter zusahen, blieb für sie verborgen. dass sie gerade heute hier vom Vorplatz des deutschen Bundestages berichten sollte, machte sie dann noch zusätzlich nervös. Sie hatte nicht erwartet, so schnell von wichtigen Ereignissen berichten zu können.
Sie blickte sich um. Sie stand auf dem großen Platz vor dem Reichstagsgebäude kurz vor der großen Wiese am Übergang zwischen der gepflasterten Fläche und dem Rasen. Ihr Kameramann Jovi Mols hatte darauf bestanden, sich nicht auf die Wiese zu stellen. Der Regen der letzten Tage hatte den Rasen recht weich und matschig gemacht.
„Ich will mir nicht meine guten Schuhe versauen...“, hatte er in dem für ihn typischen niederländischen Akzent gesagt.
Also waren sie auf der Steinfläche geblieben. Auch wenn der Standpunkt aus Sicht der Kamera nicht der Beste war. Der Reichstag war so nur Ausschnittsweise im Bild zu sehen. Würden sie weiter hinten auf der Wiese stehen, hätte das Gebäude komplett ins Bild gepasst. Vor allem, da sich heute niemand vor dem Gebäude aufhielt.
Etwas abseits, am Rand der Scheidemannstrasse, also links von ihr, stand der Übertragungswagen mit dem sie hier her gefahren waren. Es war einer der typisch weißen Mercedes Sprinter Kastenwagen mit der riesigen Sat-Schüssel auf dem Dach und dem Phoenix Aufkleber auf der Seite. Von dort aus konnten sie lokal aufgezeichnete Berichte schneiden und nachbearbeiten und dann per Satellit zum Sender schicken. Heute würde die Sendung vom Ü-Wagen nur durch gereicht. Sie würde live auf Sendung sein.
Monika rückte noch einmal ihre Haare zurecht und brachte sich in Position.
Diese konstituierende Sitzung des gerade neu gewählten Bundestages ist alle vier Jahre schon etwas aufregendes. Besonders wenn man sich für Politik interessiert. Doch das taten in den letzten Jahren immer weniger Menschen.
Gerade einmal 49% betrug die Wahlbeteiligung bei der gerade abgeschlossenen Bundestagswahl.
Sie rief sich noch einmal schnell die Zahlen und Sitzverteilung ins Gedächtnis zurück. „Mist wie war noch...“, sie sah wohl zum hundertsten mal auf Ihren Spickzettel.
„Du solltest ihn Dir einfach vor die Nase halten und davon ablesen.“ Jovis Augen schienen ihm vor Schadenfreude fast aus den Höhlen zu fallen. „Das sieht sich doch sowieso keine Sau an. Wer interessiert sich schon dafür, wer ihn die nächsten vier Jahre verarscht und über den Tisch zieht?“
„Du hast recht.“ Monika stopfte den Zettel in die Jackentasche und achtete dabei darauf, dass nicht noch eine Ecke heraus schaute. Sie streifte mit der freien linken Hand über ihre Hüfte um den Stoff ihres Businesskleides glatt zu streichen. Das angedeutete Bolero-Jäckchen betonte ihre Augen, hatte der Verkäufer gesagt, als sie das Kleid vor ein paar Tagen gekauft hatte. Sie war jedoch davon überzeugt, dass die Leute ihr eher auf die Brüste starren würden. Sei es drum.
Dabei war die Sitzverteilung recht einfach. Die CDU/CSU hatte mit 51% die absolute Mehrheit der Stimmen bekommen. Die SPD war mit ihren 15,9% auf einem Tiefpunkt angelangt, den viele Anhänger als Tunnelwertung bezeichneten. Die Linke und die Grünen hatten mit etwa 10 bzw. 12% ihre Ergebnisse noch etwas verbessern können. Zumindest wenn man außer Acht ließ, dass die Wahlbeteiligung so niedrig war, wie nie zuvor. Und somit auch absolut weniger Wähler der Linken und der Grünen zu den Wahlurnen gegangen sind.
Die zurückliegenden vier Jahre hatte tiefe Spuren in Deutschland hinterlassen. Die einzige Überraschung stellten die Piraten dar. Die hatten, nachdem sie bei der letzten Wahl noch grandios abgestürtzt waren, bei dieser Wahl eine erstaunliche Aufholjagd hin gelegt. Zeitweise hatte es sogar recht gut ausgesehen für die Freibeuter in Orange. Doch zu guter Letzt hatte es nicht gereicht.
Sie stand mit dem Rücken in Richtung Reichstagsgebäude, so dass es hinter ihr erschien. Rechts konnte sie, hinter den Bäumen an der Paul-Löbe-Allee, das Kanzleramt gegenüber das Paul-Löbe Haus mit der sich davor befindlichen U-Bahn Haltestelle Bundestag erkennen.
9:02h Eine Demonstration?
Sie nahm ihr Mikrofon hoch und blickte in die Kamera. Nun wartete sie nur noch auf das Startsignal von Jovi, damit sie loslegen konnte. Gleich war sie auf Sendung.
Jovi Mols hatte die Kamera mit einem Schwebestativ vor sich und schaute mit einem Auge durch den Sucher, mit dem andern Auge sah er an der Kamera vorbei auf Monika Holtzmann. In seinen Kopfhörern konnte er die Regieanweisungen aus dem Sender hören. Gleich war es soweit.
Er winkte leicht mit dem linken Arm und begann mit gespreizten Fingern im Sekundentakt von fünf rückwärts zu zählen. Als er den letzten Finger weg klappte, so dass seine Hand beinahe eine Faust bildete, schwang er mit dem Arm einen Bogen, als ob er eine Bowlingkugel werfen wollte und öffnete die Hand wieder.
Monika holte tief Luft. „Herzlich willkommen bei Phoenix. Ihrem Dokumentationskanal. Heute ist ein wichtiger Tag in der gerade begonnenen Legislaturperiode. Es findet die erste Sitzung des neu gewählten Bundestages statt...“ Aus dem Augenwinkel heraus konnte Sie eine Bewegung rechts am Rande ihres Blickfeldes erkennen. Noch zu klein und zu weit entfernt. Aber es irritierte sie.
Jovi Mols zog die Stirn kraus als er sah, dass Monika von irgendetwas irritiert wurde. Er wagte einen Blick in Richtung Kanzleramt. Ohne die Kamera zu bewegen drehte er den Kopf weiter und riss die Augen auf.
„Zoon van een teef!“, murmelte er, was einen ziemlich üblen niederländischen Fluch darstellte.
„...Findet heute auch die Wahl des Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland statt.“ Monika versuchte irgendwie trotz der Bewegungen in ihrem Augenwinkel weiter zu machen. „Es wird erwartet, dass Angela Merkel heute den Staffelstab an Ursula von der Leyen weiter gibt. Nach ihrer außenpolitisch sehr erfolgreichen Zeit als Verteidigungsministerin hatte sie Deutschland schließlich in den zurückliegenden zwei Jahren durch mehrere bewaffnete Auseinandersetzungen geführt, die dank der guten Zusammenarbeit mit den alliierten Freunden, zu einem positiven Ende gebracht worden waren. Deutschland ist dank Ursula von der Leyen auch Militärisch wieder eine Macht mit der Weltweit gerechnet werden muss.“
Die Bewegung aus der Richtung Kanzleramt wurden stärker. Es schien, als ob eine größere Menschenmenge sich auf den Bundestag zu bewegte.
„Die CDU war zwar mit dem Slogan: Bewährtes bewahren, Stärke beweisen! in den Wahlkampf gegangen. Heute...“ sie konnte nicht mehr anders. In all den Jahren, in denen sie für das Fernsehen arbeitete, war es ihr noch nie passiert, dass sie sich so ablenken lies. Sie bewegte zuerst nur die Augen langsam nach rechts. Doch was sie dort sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Sie drehte den Kopf ganz in die Richtung in die sie blickte. Und da sah sie es.
Jovi Mols hatte die Bewegung in ihren Augen gesehen und das einzige gemacht, was die Situation noch retten konnte: Er hatte die Kamera in die Richtung geschwenkt, in die Monika blickte. Jetzt sah er es auch.
Hunderte von Kopf bis Fuß in hautenge schwarze Pantomimenanzüge gekleideten Menschen bewegten sich vom Paul-Löbe-Haus in Richtung Bundestag. Alle hatten weiße Guy Fawkes Masken aufgesetzt und waren somit nicht voneinander zu unterscheiden.
„een demonstratie“, entfuhr es ihm.
„Mach die verdammte Kamera aus!“, fauchte Monika mit einem mal. „Das ist eine verdammte Demonstration! Hast Du eine Ahnung für wie lange die uns weg sperren, wenn wir Bilder einer nicht genehmigten Demonstration über den Sender schicken?“
„Ich...“
„Ruhe! Mach das Ding aus!“
Jovi Mols wurde mit einem mal ganz ruhig. „Der Sender ist schon längst runter, die haben bereits bei deinem Seitenblick unser Signal gekappt.“
„Die haben was?!“
„Ja. Ich habe nur noch die Aufzeichnung in der Kamera laufen, so können wir später...“
„Hast Du sie noch alle? Lass uns schnell von hier verschwinden, bevor noch irgendjemand etwas von dieser Demo mit bekommt.“
*
Historypedia: „Gesetz zur Sicherheit der Bürger“
Im letzten Quartal 2014 startete die Regierung in Spanien einen Gesetzesvorstoß, dessen Wirkung recht schnell das Europäische Parlament erreichen sollte um dann im Eilverfahren in fast allen Europäischen Ländern umgesetzt zu werden.
Es begann damit, dass nach der Euro-Einführung die Mittelmeerstaaten der Europäischen Union aufgrund des nicht mehr vorhandenen Wechselkurses wirtschaftlich unter Druck gerieten. Beschleunigt wurde das Problem noch durch die in Deutschland und den anderen Nordstaaten eingeführten Sparmaßnahmen und Sozialeinschnitte, die den Bürgern als Auswirkungen der Wirtschaftskrise verkauft worden waren.
Die Not wurde in den Südländern immer größer, die Auswirkungen für die einfachen Menschen immer stärker spürbar. Durch die Knebelung der Südstaaten und der Zwang zum Sozialabbau sowie dem Verkauf von Staatseigentum zur Schuldentilgung gerieten die Südstaaten wie Spanien in eine Abwärtsspirale, die sie geradewegs in den Bankrott führte.
Die Menschen begannen, gegen diese Ungerechtigkeit zu demonstrieren. Sie hatten ihre Arbeit gemacht, hatten der Regierung vertraut und verloren inzwischen alles. Job, Einkommen, Haus, Lebensgrundlage.
Um diese Proteste im Keim zu ersticken, schuf die spanische Regierung ein Gesetz die es der Polizei vor Ort erlaubt, ohne irgendeine richterliche Kontrolle Strafen für zivilen Ungehorsam zu verhängen. Jede oppositionelle Äußerung, jeder Protest wird von dem neuen Gesetz erfasst. Und die möglichen Strafen sind sind hart: zwischen 100 und 600.000 Euro kann der zivile Ungehorsam den einzelnen Demonstranten kosten.
dass die Polizei dabei in der Vergangenheit immer wieder der falschen Anschuldigung gegenüber Demonstranten überführt wurde und jetzt gegenüber eben diesen vollkommen freie Hand bekommt, macht die Stoßrichtung dieses Gesetzes klar. Insbesondere, da das Fotografieren und Filmen der Polizei ebenso eine Straftat darstellt, wie das Twittern gegen Polizei und Staat.
So wurde Angst verbreitet, um die Proteste zu ersticken. Niemand konnte es sich erlauben, gegen die Regierungsmachenschaften auf die Straße zu gehen.
Die zeitgleich in Deutschland stattfindenden Naziaufmärsche und die entsprechenden Gegendemonstrationen halfen dem NRW Innenminister, der sich damals bereits für den Posten des Bundesinnenministers zu empfehlen begann, das Gesetz fast unverändert im NRW Landtag vor zu legen. Nach einmaliger Lesung wurde das Gesetz dann in NRW mit den Stimmen der SPD, der CDU und mit schweren Bedenken, aber wegen der parlamentarischen Zwänge leider zustimmenden Fraktion der Grünen beschlossen.
Danach war es nur eine Sache von Wochen, bis nahezu wortgleiche Gesetze in den meisten anderen Bundesländern beschlossen wurden. Als die Mehrheit der Bundesländer dieses „Gesetz zur Sicherheit der Bürger“ verabschiedet hatten, übernahm die Bundesregierung den Gesetzestext und machte ihn zu einem Bundesgesetz. So dass auch die ablehnenden Bundesländer in ihrer Entscheidung übergangen wurden.
Mitte 2017 war es dann soweit: Das Demonstrationsrecht in Deutschland war faktisch abgeschafft.
*
9:07h
Diese ganzen in schwarz gekleideten Menschen bewegten sich zielstrebig genau auf den Standpunkt von Monika Holtzmann und Jovi Mols zu. Beide bewegten sich vorsichtig zurück. Weg vom Reichstagsgebäude.
Jovi lies die Kamera durchgehend aufzeichnen während Monika versuchte ihm nicht ständig ins Bild zu laufen.
„Die haben da etwas in den Händen“, murmelte Monika Jovi zu. „Versuche mal, ob Du das näher zeigen kannst...“
Jovi betätigte die Zoomtasten an der Kamera und vergrößerte so den Bildausschnitt. Nun konnte man es genau erkennen: Es waren kleine Kastenförmige Gegenstände. Fast so groß wie Schuhkartons. Und jeder der Typen in schwarz hatte so einen Kasten in den Händen. Es sah aus, als ob die Kästen schwer wären. Zumindest schwerer, als wenn sich Schuhe darin befunden hätten.
„Kannst Du etwas erkennen?“
Jovi zischte nur ein kurzes: „kleine weiße Kästen.“
„Bomben? Meinst Du die haben Bomben dabei?“
Jovi schüttelte den Kopf. „Das glaube ich nicht. Dafür sind die Kästen zu klein. Es sei denn, sie würden sie zu einer großen Bombe zusammenfügen.“
Monika schluckte. Das war ihr immer weniger geheuer. „Wir müssen hier weg. Wenn die Polizei mitbekommt, dass wir jetzt immer noch hier waren, als die ihre Bomben aufgebaut haben, kommen wir nicht wieder so schnell an das Tageslicht.“
„Verdomme!“ Jovi fluchte in voller Lautstärke, so dass auch auf der Aufzeichnung sein Fluchen zu hören sein würde.
„Was hast Du?“
„Ich bin jetzt hier voll in diesen Matsch getreten. Schau Dir meine Schuhe an!“ Er verzog das Gesicht, als ob ihm dein Butterbrot beim Frühstück vom Tisch auf die Marmeladenseite gefallen wäre.
Monika achtete nicht auf sein Zetern. Sie hatte eine Veränderung in den Bewegungen der schwarz gekleideten Menschen mit Guy Fawkes Masken entdeckt. „Schau mal, die fangen an, die Kästen abzulegen!“ Ihr schlug der Puls bis zum Hals. Was sollte das alles werden?
Die schwarz Gekleideten blieben alle stehen und legten die weißen Kästen, die sie eben noch in den Händen gehalten hatten, vorsichtig vor ihren Füßen ab. Dann richteten sie sich wieder auf und legten die Hände wie zu einem Gebet übereinander. Dabei richteten sie ihre Gesichter zu Boden.
„Das sieht ja aus, wie auf einer Beerdigung. Hast Du das im Kasten, Jovi?“
„Ach, auf einmal soll ich die Kamera laufen lassen? Keine Angst mehr vor dem Gefängnis?“ Er grinste von einem Ohr zum anderen. Natürlich hatte er die Kamera weiter laufen lassen. In seiner Heimat galt das Presserecht noch etwas im Gegensatz zu Deutschland, wo die meisten Presseleute entweder von Politikern oder irgendwelchen Konzernen geschmiert wurden. Und ein Gesetz wie das Gesetz zur Sicherheit der Bürger, dass das Demonstrationsrecht faktisch abschaffte, gab es in den Niederlanden auch noch nicht.
Inzwischen löste sich die Menschenmenge langsam wieder auf. Die schwarz gekleideten Personen zogen in verschiedenste Richtungen davon. Nach wenigen Augenblicken war niemand mehr zu sehen.
Das ganze hatte gerade einmal fünf Minuten gedauert. Nun war alles wieder so ruhig wie zuvor. Mit dem Unterschied, dass Monika und Jovi bis zu den Knöcheln im matschigen Gras standen und sich hunderte weiße Kisten auf der großen gepflasterten Fläche vor dem Reichstag befanden.
„Was soll das Ganze?“ Monika war ratlos.
„Nach Bomben sieht das für mich immer noch nicht aus.“ Jovis Augen erhellten sich. „Ich weiß was das ist es ist: Ein Muster!“
„Aber wie sollen wir das erkennen können. Dafür müssten wir ziemlich hoch hinauf.“
Jovi schlug sich die flache, rechte Hand vor die Stirn. „Gut dass ich mich um die Technik kümmere.“ Er lief, so schnell das mit seinen schlammigen Schuhen ging, zum Ü-Wagen. Zum Glück hatten sie den Wagen direkt in der Nähe, am Rand der Scheidemannstrasse abgestellt. „Das gibt Ärger im Sender, wenn ich jetzt mit den Schlammschuhen da rein gehe. - Egal. Ich hab keine Zeit für solchen Kleinkram.“
Er sprang durch die seitliche Schiebetür in den Übertragungswagen und riss im hinteren Bereich ein paar Schubladen auf. Die Laden waren etwas höher als normale Schreibtischschubladen. In ihnen wurden ja auch keine Stifte und Blätter verstaut. Zumindest nicht hauptsächlich. Sondern überwiegend Geräte für die Übertragung.
Endlich, nachdem er die dritte Schublade geöffnet hatte fand er, was er gesucht hatte: Eine der kleinen Kameradrohnen, die seit etwa zwei Jahren zur Ausstattung jedes Ü-Wagens gehörten. Ein kurzer Druck auf die Ladekontrolle zeigt ihm, dass die Drohne voll geladen war. Er stieg wieder aus dem Wagen und startete die Drohne. Er steuerte das Fluggerät von innen, über einen der Bildschirme im Ü-Wagen, wobei er die unter der Drohne hängende Kamera als Orientierungshilfe benutzte.
Er lies das kleine Gerät immer höher steigen, so dass er auf dem Bildschirm zu der Flugkamera einen immer größeren Ausschnitt vom Platz der Republik erkennen konnte.
„Und? Kannst Du schon etwas erkennen?“
Jovi erschrak. Er hatte nicht mitbekommen, dass Monika ihm gefolgt war und inzwischen auch den Übertragungswagen betreten hatte. Sie zog ihre inzwischen vollkommen mit Schlamm überzogenen Pumps aus und warf sie aus dem Wagen.
„Gleich. Ich muss noch etwas höher“
„Sind das Buchstaben?“
„Keine Ahnung. Sieht aus wie h.02.“ Jovi bewegte einen der beiden Joysticks zwischen Daumen und Zeigefinger ein wenig nach rechts. Das Bild begann sich im Kreis zu drehen. Nach etwa einer halben Drehung lies er den Joystick los. Sofort kam die Drehung zum Stillstand.
Auf Monika Holtzmanns Stirn zeigte sich eine steile Falte. Sie kniff die Augen zusammen. „20.4“
„Sagt Dir das etwas?“ Jovi schien ratlos.
„Wenn das ein Datum ist: Dann wäre das der 20. April“ Monika riss die Augen auf. „Oh mein Gott. Kann das sein, dass das gottverdammte Nazis waren?“
Jovi zog die Augenbrauen zusammen. „Nazis! mit Guy Fawkes Masken? Ist das nicht ein bisschen - merkwürdig?“
„Der 20. April!“ Monika konnte es nicht fassen und musste sich setzen. „Das ist Hilters Geburtstag. Da fahren diese Nazi Typen voll drauf ab.“
„O.K. Nehmen wir einmal an, dass Du recht hast. Warum sollten Nazis am heutigen Tag den Geburtstag Hitlers auf dem Platz der Republik auslegen? Und dazu noch in Guy Fawkes Masken?“
Monika war ratlos. Das schien alles keinen Sinn zu ergeben. Da musste etwas anderes dahinter stecken.
„Wir müssen an dem Thema dranbleiben! Das ist unsere Chance!“ Monika nahm ihr Handy aus der Tasche und blickte auf das Display. Nur zwei, drei Wischgesten und sie hatte die Nummer der Sendeleitung. Das war ihre Chance. Nun konnte sie als Journalistin zeigen, dass sie mehr konnte als nur langweiligen Statistikkram ablesen. Hier war etwas großes im Gange. „Paul? Ich bin hier vor dem Reichstag auf etwas unglaubliches gestoßen... Ja. ...Natürlich haben wir Bilder... ...Wir haben hier eine mögliche Nazisache direkt vor dem Reichstag. Und das heute..!“
Das Gespräch dauerte nicht sonderlich lange. Nach wenigen Minuten hatte sie ihren Chef überzeugt, dass heute über mehr zu berichten sei, als nur über die konstituierende Sitzung des neuen Bundestages.
Paul Fiedler, ihr Chef beim Sender Phoenix schien zwar nicht sonderlich überzeugt, aber er dachte sich: Was soll sie schon großes haben? Also schickte er ihr noch zwei Kollegen mit einem PKW hinterher. Und die gewünschten frischen Pumps aus ihrem Spind im Sender auch. Er schüttelte den Kopf, und sah das Display seines Handys lange an, nachdem das Gespräch beendet war. „Da wird heute schon keine Revolution beginnen.“ dachte er sich.
Er sollte sich täuschen.
*
9:10h Die Sitzung beginnt
Bundespräsident Gauck machte sich langsamen Schrittes auf den Weg zum Rednerpult im deutschen Bundestag. Er war erst im Frühjahr für eine weitere Amtsperiode wiedergewählt worden. Dies war für die meisten Menschen in Deutschland nicht unerwartet gewesen, schließlich hatte die große Koalition im Bundestag wie auch bei den Vertretungen der Länder in der Bundesversammlung eine ausreichende Mehrheit bei der Wahl gehabt, so dass das Ergebnis von vornherein fest stand. Außerdem hatte es keinen Gegenkandidaten gegeben.
Kanzlerin Merkel hatte im Vorfeld der Bundesversammlung die Geschlossenheit der Parlamentarier angemahnt. Schließlich sei durch den islamistischen Terror, der seit Anfang 2015 Europa überziehe eine Gefahr erwacht, die man nicht mit Parteipolitischem klein klein begegnen könne. Daher hatten sich auch die eher kämpferischen Linken nicht zur Aufstellung eines Gegenkandidaten durchringen können.
Ihm konnte das heute egal sein. Er würde wieder auf einer Kanzel stehen und konnte zu seinen Schäfchen reden. Fast so wie die Predigten, die er in seinem Leben vor dem Präsidentenamt gehalten hatte. Es hatte eine kleine Debatte in der Öffentlichkeit gegeben dass er, anstatt des Bundestagspräsidenten, die Eröffnungsrede halten sollte. Als jedoch der amtierende Bundestagspräsident Lammert ausdrücklich betonte, dass es ihm eine Ehre sei das Privileg der Eröffnungsrede an ihn abzugeben, waren die Debatten darum schnell wieder beendet gewesen.
Er schritt zwischen den Reihen der Parlamentarier hindurch, geradewegs auf das Rednerpult zu. Hinter sich den Haupteingang mit seinen großen Glastüren, vor denen heute wie an jedem Sitzungstag, Wachleute standen um zu verhindern, dass jemand unbefugt in den Plenarraum eindringen konnte. Geradeaus sah er das Rednerpult auf das er sich zubewegte. Davor befand sich noch der leicht gebogene Tisch mit den vier Arbeitsplätzen der Protokollanten. Diesen musste er leicht links liegen lassen um zum Rednerpult zu gelangen. Insgeheim schmunzelte er über diesen kleinen Wortwitz, wobei dieses Schmunzeln seinen Auftritten immer eine so menschliche Note gab, wie er meinte.
Die Regierungsbank, von ihm aus gesehen links neben dem Platz des Bundestagspräsidenten war selbstverständlich noch leer. Eine Regierung würde die Koalition aus CDU/CSU und der SPD in den nächsten Tagen bilden. Dann käme auch auf ihn wieder Arbeit zu. Er würde die Kanzlerin und die Minister vereidigen.
Direkt hinter und oberhalb des Platzes des Bundestagspräsidenten, hing der zweieinhalb Tonnen schwere Bundesadler. Fast wie in einer Kirche, dachte Gauck sich. Die Symbolik ist etwas anders, aber die Anordnung ist ähnlich. Am Fuße des Bundesadlers standen die Bundes- und die Europaflagge.
Er hatte das Pult erreicht und legte sein Redemanuskript ab. Ein Mitarbeiter des Bundestages hatte ihm bereits ein Glas Wasser auf das Pult gestellt,so dass er während seiner Rede einen trockenen Hals würde bekämpfen können. Wenigstens das ist besser als bei den Predigten. Da hatte er damals nicht einfach ein Schluck Wasser trinken können, wenn sein Rachen trocken wurde.
Er sah auf das Rednerpult hinab. Dann tippte er auf die Tasten für die Höhenverstellung um das Pult auf die für ihn ideale Höhe ein zu stellen.
Sein Blick schweifte leicht umher. Vor ihm befanden sich die Reihen der jüngst gewählten Parlamentarier. Oberhalb davon befanden sich die Plätze für die Zuschauer. Von der Tribüne aus konnten die Menschen dem parlamentarischen Treiben zusehen. Hinter den Zuschauern, auf dem Rundgang für den Zugang zu den Tribünen befanden sich jeweils rechts, links und in der Mitte Kameras, die das Geschehen in die weite Welt hinaus transportierten. Zuständig für die Aufzeichnung und die Verbreitung war das Parlamentsfernsehen der Deutschen Bundestages. Nach einem Bundestagsbeschluss von 1991 wurde das Parlamentsfernsehen aufgebaut und startete 1995 als parlamentarischer Dokumentationskanal seinen Sendebetrieb. Sämtliche Plenardebatten sowie öffentliche Sitzungen und Anhörungen von Ausschüssen werden live, unkommentiert und in voller Länge übertragen. Darüber hinaus befanden sich verschiedene Reporter der Print- und TV Medien auf diesem Rundgang. Sie würden sich eigene Bilder machen. Direkt unterhalb der Tribünen befanden sich links und rechts neben dem Haupteingang die Kabinen der Mitarbeiter des Parlamentsfernsehens und der technischen Dienste, die z.B. die Mikrofonlautstärke und die Beleuchtung im Saal steuerten.
Gauck nahm langsam seine Lesebrille aus der Jackentasche seines Jacketts, setzte sie auf und rückte noch einmal die Seiten seines Manuskriptes zusammen. Sein Redenschreiber hatte die Rede von vor vier Jahren als Vorlage genommen und sie leicht angepasst. Das würde wahrscheinlich niemandem auffallen. So wenig wie vor vielen Jahren den Menschen aufgefallen war, das die Neujahrsansprache des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl aus der vorherigen Legislaturperiode von dem damaligen und jetzigen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert stammte.
„Heute, liebe Abgeordnete, konstituiert sich zum 19. Mal ein Deutscher Bundestag, der aus allgemeinen, freien, gleichen und geheimen Wahlen hervorgegangen ist. Wie immer man das Wahlergebnis vom 6. August beurteilen mag: Dies allein ist ein eindrucksvoller Beleg für die politische Stabilität dieser deutschen Demokratie, die inzwischen mehr Legislaturperioden aufzuweisen hat, als die Weimarer Demokratie an Jahren erlebt hat.“
Er sah im Plenarsaal in die Runde. Der Großteil der Abgeordneten nickte oder schloss und öffnete zustimmend langsam die Augen.
Es folgte eine historische Würdigung dieses 16. Augusts sowie Danksagungen an ausgeschiedene - und eine Begrüßung der neu in den Bundestag gewählten Abgeordneten.
„Sie alle übernehmen heute ein Mandat, und den meisten wird bewusst sein, dass dies nicht ein Beruf wie jeder andere ist. Nicht alle Abgeordneten werden die gleichen Aufgaben und Funktionen wahrnehmen, aber alle haben die gleiche Legitimation und die gleichen Rechte und Pflichten. Wir sollten das eine so ernst nehmen wie das andere, die Rechte wie die Pflichten.“
Irgendetwas war merkwürdig. Es roch als ob jemand hier im Plenum rauchen würde. Wenn das so wäre, das wäre das eine Ungeheuerlichkeit.
