Asaheim - Verena Pophanken - E-Book

Asaheim E-Book

Verena Pophanken

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Beschreibung

Eine Insel zwischen den Welten, ein im Exil lebender Gestaltwandler und eine Frau auf der Suche nach ihrem wahren Selbst. Nur weg! Keine Erinnerungen. Valeria rennt um ihr Leben. Auf der Insel am Rande der Zeit, Asaheim, findet sie Unterschlupf in einer Höhle. Dort trifft sie auf den Wolf Fenrir, einen Gestaltwandler. Je länger sie nach einem Weg von der Insel sucht, desto mehr rätselhafte Hinweise auf ihre Identität entdeckt sie. Schließlich offenbart ihr eine zuvor im Eis eingeschlossene Valkyre, dass sie Fenrir töten muss. Jenen, den sie liebt.

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Seitenzahl: 470

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Eine genauere Beschreibung findest du auf Seite 299.

WREADERS E-BOOK

Band 216

Dieser Titel ist auch als Taschenbuch erschienen

Vollständige E-Book-Ausgabe

Copyright © 2023 by Wreaders Verlag, Sassenberg

Verlagsleitung: Lena Weinert

Druck: epubli - Neopubli GmbH, Berlin

Umschlaggestaltung: Jasmin Kreilmann

Lektorat: Annina Anderhalden, Vanessa Janke

Satz: Elci J. Sagittarius

www.wreaders.de

Dieses Buch ist für all jene, die sich suchen. Geht euren Weg, haltet euer Ziel fest im Blick, denn am Ende wartet euer wahres Selbst, das euch tröstend in die Arme nimmt.

Lasst euch nicht von anderen in eine Schublade stecken. Brecht mit Klischees und seid ganz ihr selbst.

Kapitel 1: Ankunft

Valeria

Sie riss die Arme hoch, um die Hand mit der Waffe aufzuhalten. Sie griff ins Leere. Wo war der Dolch? Dumpfer Schmerz pochte in ihrer Brust. Steckte die Stichwaffe in ihr? Sie hob mühsam den Kopf. Da war nichts.

Weg, sie musste weg von hier. Sie rappelte sich auf, taumelte einige Schritte vorwärts und verlor das Gleichgewicht. Mit ausgestreckten Händen fing sie sich auf dem Sand ab. Sie sah sich um. Doch niemand war zu sehen. Aber jemand konnte sich verstecken und auf den richtigen Augenblick warten. Tief ein- und ausatmend überwand sie den Schwindel.

Sie erhob sich und konzentrierte sich darauf, das Gleichgewicht zu behalten. Wieder verschwamm alles vor ihren Augen. Sie schob ihre nackten Füße durch den körnigen Untergrund, um nicht zum zweiten Mal umzukippen. Sie musste weg von diesem Ort, bevor derjenige zurückkam, der nach ihrem Tod dürstete.

Sie betrachtete aufmerksam ihre Umgebung. Am Horizont zeigte sich ein hellrosa Streifen. Einige Schritte zu ihrer Rechten erkannte sie eine dunkle Silhouette und ging zielstrebig darauf zu. Außer Atem erreichte sie die ersten fremdartigen Bäume.

Ein stechender und brennender Schmerz setzte sich in ihrer Brust fest. Mit einer Hand fuhr sie über den Stoff ihres Kleides. Oberhalb des Herzens war er klebrig und feucht. Sie hielt sich die Finger vor die Augen. Was war das? Sie waren dunkel befleckt. Ein metallischer Geruch setzte sich in ihrer Nase fest.

Das Knacken von Zweigen in der Nähe ließ sie zusammenzucken. Sie stolperte in das Unterholz, fand einen Wildwechsel und rannte diesen entlang. Sie durfte nicht stehen bleiben. Der salzige Wind frischte auf. In der Ferne erklang ein Donnergrollen.

Nicht auch noch das. Wo sollte sie denn hin? Sie blieb an einer Gabelung stehen, um sich zu orientieren. Ihr Blick glitt über die düsteren Wolken am Himmel.

»Das sieht nicht gut aus«, sagte sie mit kraftloser Stimme. »Hier kann ich jedenfalls nicht bleiben.« Sie folgte dem schmalen Pfad nach links tiefer in den Wald hinein.

Die ersten Regentropfen brachen durch das Blätterdach und innerhalb weniger Augenblicke war sie bis auf die Haut durchnässt. Sie hatte längst die Orientierung verloren und wusste nicht einmal mehr, wo sie hergekommen war. Sie zwang sich, weiterzugehen.

»Nicht stehen bleiben.« Immer wieder flüsterte sie diese Worte. Ein Blitz zuckte über den Himmel, dem kurz darauf ein ohrenbetäubendes Donnern folgte. Sie stolperte über eine Wurzel und landete mit einem unterdrückten Schrei im Laub. Während sie am Boden kauerte, versuchte sie, ruhiger zu werden. Mit einem Zittern richtete sie sich auf und setzte ihren Weg fort. Sie konnte auf keinen Fall bei diesem Unwetter hierbleiben.

Während der Regen unablässig mit Blitz und Donner konkurrierte, folgte sie etwas, das wie Tierspuren aussah. Sie musste zu Kräften kommen. Sie würde an Unterkühlung sterben, wenn sie nicht bald eine Höhle fand. Wenn sie einen Unterschlupf fand, konnte sie sich um etwas Essbares kümmern.

»O ihr Götter, ich flehe euch an, lasst mich eine Zuflucht finden.«

Längst hatte sie ihr Zeitgefühl verloren. Sie torkelte durch das Unterholz, bis sie an einer Eiche innehielt. Sie lehnte am Stamm des uralten Baumes und sah sich verzweifelt nach Schutz um.

Der nächste Blitz erhellte die Umgebung und offenbarte einen Höhleneingang in der Felswand, zehn Schritte entfernt. Hier konnte sie warten, bis das Unwetter vorübergezogen war.

Der Donner erinnerte sie daran, dass es Zeit war, ins Trockene zu kommen. Sie eilte auf den Höhleneingang zu, blieb davor jedoch stehen.

Sollte sie wirklich in die Höhle gehen? Was, wenn dort Gefahr auf sie lauerte? Andererseits wollte sie während dieses Unwetters nicht länger im Freien sein.

Vorsichtig betrat sie die Höhle, bis sie nach zehn Schritten eine Wand aus Stalagmiten erreichte. Sie sank daran hinab und zog die Beine eng an ihren Körper. Ihr Blick war auf den Ausgang gerichtet.

Wo war sie hier? Befand sie sich auf einer Insel oder einem Kontinent? Aber vor allem, wie war sie hierhergekommen? Wieder brannte ihre Brust und ihr wurde etwas übel. Ihr Atem ging stoßweise. Warum war sie so außer Atem?

Ihre Hand glitt auf ihre Brust, wo der Schmerz immer noch saß. Feuchtigkeit haftete an ihren Fingerkuppen. Durch das Zwielicht des Unwetters hatte sie nicht erkannt, was es war. Jetzt erkannte sie den metallischen Geruch! Blut! Wo bei den alten Göttern kam das her? Sie sah an sich hinunter.

Ihr weißes Kleid war mit dem Lebenssaft besudelt, der einen Kontrast zu ihrer blassen Haut bildete. Sie fragte sich, wem es gehörte. Etwa ihr Eigenes? Sie zog etwas am Stoff und untersuchte die Stelle, wo die klebrige Feuchtigkeit am dichtesten war. Sie entdeckte einen Riss in ihrem Kleid. Etwa zwei Finger breit. Sie fuhr in den Ausschnitt und betastete die Stelle oberhalb ihres Herzens. Da war eine Vertiefung mit empfindlicher, dünner Haut. Wie bei einer erst kürzlich verheilten Wunde.

Es musste ihr eigenes Blut sein.

Sie durchforstete ihr Gedächtnis. Sie erinnerte sich nicht, was sich ereignet hatte, bevor sie am Strand zu sich gekommen war. Das vage Gefühl, dass jemand Nahestehendes sie verraten hatte und nach ihrem Leben trachtete, war das Einzige, das sie wahrnahm. Bei den Göttern, was war passiert? Wieso konnte sie sich nicht erinnern? Das stete Tropfen von Wasser auf Stein lullte sie langsam ein.

Ein Klacken riss sie aus ihrem Dämmerzustand. Was war das? Sie sah zum Höhlenausgang. Draußen tobte noch immer das Unwetter. Mit steifen Gliedern erhob sie sich von ihrem Platz. War es wirklich eine gute Idee gewesen, in eine Höhle zu flüchten? Was, wenn sie bewohnt war? Sie hatte keine Waffe, um sich zu verteidigen. Aus dem hinteren Teil nahm sie das Plätschern auf Stein wahr. Es hörte sich an, als gäbe es dort eine Quelle. Sie schluckte. Ihre Kehle war ausgedörrt und trocken.

Vorsichtig ging sie auf eine Reihe aus Tropfsteinen zu. Ein Durchgang, doppelt so breit wie ihre Hüften, öffnete sich vor ihr. Mitten im Durchgang blieb sie stehen.

Vor ihr breitete sich ein Lager mit einem einzigen Schlafplatz aus. Eine Felldecke lag unordentlich und zerwühlt darauf. Überall lagen Felle, Knochen, Riemen, eine Schüssel herum, vergessen von ihrem Besitzer. Irgendjemand lebte an diesem Ort. Wo bei allen Göttern befand sich der Bewohner jetzt? Gab es hier jemanden, der ihr helfen konnte? Oder sollte sie besser auf der Hut sein? Was, wenn er wiederkam und sie hier erwischte? War er derjenige, der sie verfolgt hatte? Dann wäre sie ihm direkt in die Falle gelaufen.

Ihr wurde übel. Sie sollte verschwinden, solange sie noch konnte.

Sie biss sich auf die Unterlippe und ging zwei Schritte rückwärts. Ein erneutes Klacken erklang aus den Tiefen der Höhle. Sie zuckte zusammen und hielt inne. Vor ihr ein Rascheln. Sie war nicht länger allein.

Ein Blitz erhellte die Höhle. Bernsteinfarbene Augen funkelten sie an. Ein Wolf? Sie erschauderte. Ein weiterer Blitz in ihrem Rücken beleuchtete erneut für wenige Herzschläge das Innere der Höhle. Der Wolf löste sich aus den Schatten des hinteren Höhlenteils. Sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Alles in ihr drängte zum Wegrennen, doch ihr Körper gehorchte ihr nicht.

Unter äußerster Willensanstrengung drehte sie sich auf dem Absatz um und rannte auf den Ausgang zu. Ein Stoß in die Seite ließ sie zu Boden stürzen und sie fing sich mit den Händen ab. Brennender Schmerz schoss durch ihre Handflächen und Feuchtigkeit sammelte sich darauf. Keuchend rappelte sie sich auf die Knie. Ihre verletzten Hände drückte sie sich gegen die Brust.

Vor ihr ragte der Wolf auf. Er maß die doppelte Größe eines ausgewachsenen Sturmbären und versperrte ihr den Fluchtweg. Sie hatte noch nie ein solch riesiges Exemplar gesehen. Geifer tropfte von seinen zurückgezogenen Lefzen. Er näherte sich ihr, zog die Lefzen weiter zurück und entblößte Fänge, die so lang wie ihre Hand waren.

Ihre Instinkte weckten etwas tief in ihrem Inneren.

Er wird dir nichts tun, Kulta.

Wer sprach da? Hörte sie jetzt schon Stimmen?

Er wird dir kein Haar krümmen, Kulta.

Und dieses Wort, Kulta, sie kannte es, doch woher?

Das Grollen des Wolfes hallte von den Höhlenwänden wider. Sie wich nach hinten aus, bis sie mit dem Rücken gegen die Stalagmiten stieß. Er stellte seine tellergroßen Vorderpfoten neben ihren Körper und beugte seine Schnauze tiefer zu ihr herunter. Mit zusammengekniffenen Augen drehte sie ihren Kopf zur Seite. Fauliger Atem strich über ihre Wange.

Mit den Händen auf Mund und Nase erstickte sie den Schrei in ihrer Kehle, was ihr einen Schluckauf bescherte. Sie zählte ihre Hickser. Wann biss er endlich zu? Nichts geschah.

Beschnüffelte er sie etwa? Sie blinzelte.

Er zog sich von ihr zurück. Mit einer Vorderpfote rieb er sich über die Schnauze und nieste. Er hatte sich drei Armlängen von ihr entfernt auf die Hinterläufe gesetzt.

»Widerlich!«

Hatte er gerade tatsächlich gesprochen?

»Du stinkst nach Blut und Tod.« Er rieb sich wieder über die Schnauze.

Sie erstarrte. Seit wann konnten Wölfe reden? Was bei den Göttern war das für ein verfluchter Ort?

»Was willst du hier?« Der knurrende Bass dröhnte in ihren Ohren. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als genug Abstand zwischen sich und ihn zu bringen.

»Ich-ich habe Schutz gesucht«, flüsterte sie.

Er zog mit einem leisen Knurren erneut die Lefzen zurück und kam ihr wieder gefährlich nahe. »Du bist keine verlorene Seele. Also, was willst du hier auf Asaheim?«

»Asaheim?« War das der Name dieses Ortes? Auf Asaheim? Es klang, als wäre sie auf einer Insel.

»Ich wiederhole mich nur ungern, Weib!«, knurrte er. Er schnappte nach ihrem Gesicht.

Instinktiv warf sie sich zur Seite und landete bäuchlings am Durchgang zum Lager. Sie drehte sich zu ihm um. Wie hatte sie seinem Angriff so schnell ausweichen können?

»Du hast die Reflexe einer Kriegerin. Was bist du?« Die Spannung und das Misstrauen in seiner Haltung verstärkten sich.

»Du irrst dich. Ich bin keine Kriegerin. Ich bin –« Aber da war nichts in ihren Erinnerungen, das ihr eine Antwort gab. Mit geöffnetem Mund starrte sie auf ihre Hände. Wo die Hände nicht aufgeschürft waren, sah sie Schwielen.

»Wer bist du, Weib?« Drohend stand er über ihr. Sie sah zu ihm auf und öffnete den Mund, um zu antworten. Kein Wort verließ ihre Lippen.

»Sprich!«

»Ich … ich weiß es nicht. Ich habe nur Schutz vor dem Unwetter gesucht.« Es war die Wahrheit.

»Woher kommst du?«

»Ich weiß nicht.«

»Wie kannst du nicht wissen, woher du kommst?« Er brüllte sie an. Seine Lefzen zuckten, während sein Blick sie durchbohrte. »Kein Sterblicher kann einen Fuß auf dieses Eiland setzen!«

»Ich … erinnere mich nicht.« Während sie es aussprach, trafen sie ihre eigenen Worte mit aller Gewalt. Es stimmte! Sie erinnerte sich nicht. Da war nichts. Nur Leere! Ihr blieb die Luft weg.

Er schüttelte den Kopf. »Lügnerin!« Eine seiner riesigen Pranken raste auf sie zu und warf sie über die Tropfsteine hinweg in die Höhle. Sie landete hart auf dem Felsboden und Schmerz schoss durch ihren Körper, reflexartig sog sie wieder Luft in ihre Lungen. Der Wolf kam zu ihr herüber und schloss seinen Kiefer um ihren Unterarm.

»Ah«, schrie sie auf.

Er zerrte sie ungerührt mit einer Kopfbewegung zum stinkenden und vor Dreck starrenden Schlafplatz und ließ sie los.

Seine Zähne hatten deutliche Spuren hinterlassen, von denen einige bluteten. Ihr Arm schmerzte. Sie zog ihn eng an ihre Brust und kauerte sich so klein wie möglich zusammen.

»Leg dich schlafen! Und morgen gibst du mir Antworten!« Mit diesen Worten trottete er in Richtung Höhlenausgang, wo er sich niederlegte. Er versperrte ihr jede Fluchtgelegenheit.

Sie wickelte sich zitternd in die Felldecke ein. Mit angezogenen Beinen drückte sie die kratzige Decke an ihre Brust. Nach einigen Herzschlägen legte sie sich hin und starrte an die Wand aus Stalagmiten. Die Kälte und der Schmerz wollten nicht aus ihren Knochen weichen.

Was für ein Glück, dass ihr nichts Schlimmeres passiert war. Aber jetzt verlangte er Antworten, die sie ihm nicht geben konnte. Sie konnte sich nicht erinnern. Nur, dass sie am Strand erwacht war, mit dem Gefühl, dass jemand einen Dolch in ihr Herz rammen wollte. Nichts in ihren Gedanken erzählte ihr etwas von dem Davor. Hatte sie jemand hergebracht und wenn ja, warum? Wo kam sie her? Sie rollte sich enger zusammen. Mit den Fingern fuhr sie über ihre Wangen und wischte die Tränen weg, die ihr übers Gesicht liefen.

Sie war allein mit einem gefährlichen Jäger, der sie jederzeit töten konnte. Was sollte sie bloß tun? Ihre Augen suchten die Höhle ab. Sie sah keine Gegenstände, die als Waffe gegen solch ein Biest geeignet wären. Aber da war ein Gang, der tiefer in die Höhle hineinführte. Der Wolf würde ihren Fluchtversuch hören, bevor sie auch nur aufgestanden wäre. Zudem schaffte sie es nicht einmal, sich aufzusetzen. Zu entkräftet war sie. Es blieb nur der quälende Gedanke übrig: Wer war sie? Irgendwann versank sie in einen Dämmerschlaf.

Fenrir

Den Kopf auf den Vorderpfoten abgelegt, starrte er zu der Wand aus Tropfsteinen. Was wollte dieses Weib hier? Sie war eine Sterbliche und keine verlorene Seele. Die Götter hatten sicherlich ihre Finger im Spiel.

Er beobachtete sie dabei, wie sie sich unter der Wolldecke zusammenrollte. Seine Ohren zuckten. Sie atmete tief und gleichmäßig. Lautlos erhob er sich, ging hinüber zu seinem Lager und näherte sich ihr, um sie zu beschnuppern. Der metallische Gestank des Blutes stach ihm in der Nase. Unter diesem Geruch lag ein ihm vertrauter Duft. Wildblumen und Sommerregen. Also gehörte ihr die Fährte, die ihm entgegengeschlagen war, als er aus dem Labyrinth im Berg zurückgekehrt war. Er schloss die Augen und nahm das dezente Aroma in sich auf.

Er tastete nach der verhassten Menschlichkeit in seinem Innersten und zerrte sie an die Oberfläche. Innerhalb eines Augenblicks nahm er die Gestalt eines Mannes mit schwarzen Haaren und einem Dreitagebart an. Er schlug die Augen auf und rückte seine Kleidung mehrmals zurecht.

Er hockte sich neben sie und streckte eine Hand nach ihr aus. Sie war eiskalt. Die Decke schützte sie vor der gröbsten Kälte, aber das würde sie nicht vor der drohenden Unterkühlung bewahren. Zähneknirschend erhob er sich und starrte auf sie hinunter. Mit seiner Pranke hatte er sie weggewischt wie eine Klette auf seinem Fell. Er sollte sie eigentlich an Ort und Stelle umbringen. Aber dann bekäme er keine Antworten von ihr. Die Gangart auf zwei Beinen war ungewohnt, weshalb er mehrmals stolperte und fast stürzte. Er schnaubte wütend und wandte sich einem Haufen Plunder hinter seinem Thron an der Felswand zu. Er holte eine Decke aus Kaninchenfell hervor und schüttelte sie aus. Staub kitzelte seine Nase.

Sie stöhnte hinter ihm. Er warf ihr einen misstrauischen Blick über die Schulter zu, während sich seine Hände in die Felldecke krallten. Wenn sie die Nacht nicht überlebte, dann würde sie ihm keine Antworten auf seine Fragen geben.

Er kramte eine Stoffhose und eine leichte Wolltunika aus dem Haufen hervor. Mit Felldecke und Kleidung auf den Armen kehrte er langsamen Schrittes zu ihr zurück.

Er zog die Decke von ihrem Körper, schob ihr das Kleid hoch und erreichte ihre Hüfte, als sie mit einer Hand nach ihm schlug. Fenrir wich zurück und stolperte dabei über seine eigenen Füße. Die Lippen fest aufeinander gepresst näherte er sich ihr erneut. Wenn er versuchte, ihr das Kleid über den Kopf zu ziehen, würde sie aufwachen. Sein Blick wanderte zu der Hose und der Tunika. Kurzerhand entschloss er sich wieder in seine Wolfsgestalt zu wechseln. Mit einer Pfote stieß er sie an.

Sie riss die Lider auf und starrte ihn mit schreckgeweiteten Augen an. Ihr Atem war deutlich beschleunigt und Fenrir nahm unter dem Geruch von Regen und Wildblumen etwas Säuerliches wahr. Langsam setzte sie sich auf und drückte sich gegen die Tropfsteine.

»Zieh das Kleid aus! Ich habe dir frische Sachen besorgt.« Er deutete mit einer Bewegung seines Kopfes auf die Sachen neben ihr.

Skeptisch wanderte ihr Blick zwischen ihm und dem Haufen aus Stoff hin und her.

»Was ist, Weib? Warum zögerst du noch? Willst du dir den Tod holen?«, knurrte er und baute sich vor ihr auf.

»Könntest du dich umdrehen?«, fragte sie leise und wich seinem Blick aus, während ihre Wangen an Farbe gewannen.

Er schnaubte und drehte sich um, während er sich auf die Hinterläufe setzte. Er lauschte dem leisen Rascheln des Leinenkleides und wartete darauf, dass sie fertig wurde. Hatte sie denn noch nie im Leben einen Mann gehabt?

»Fertig.«

Fenrir drehte den Kopf in ihre Richtung. Sie saß erneut zusammengekauert vor ihm wie ein Tingelbram, das in die Ecke gedrängt wurde und auf das U nvermeidliche wartete. Mit den Zähnen nahm er den blutbesudelten Stoff auf und trug ihn in Richtung Höhlenausgang, wo er sich niederlegte. Es dauerte einige Zeit, bis er ihre tiefen und ruhigen Atemzüge wahrnahm. Erst dann verwandelte er sich wieder in die Gestalt des Mannes.

Er hielt das weiße Leinenkleid vor sich. Es besaß die gleiche Schnittform wie die Gewänder sonnengelber Seelen. Die Seelen, die rituell geopfert wurden.

Konnte es sein, dass … Er schüttelte den Kopf. Wenn dem so war, dann besäße sie keinen Körper aus Fleisch und Blut. Die einzige Person, die jemandes Seele zurück in den Leib bringen konnte, war seine Schwester. Und selbst wenn Hel sie wiedererweckt hatte, wie kam dieses Weib auf die Insel?

Sie war geopfert worden. Aber warum war sie dann lebend auf Asaheim? Er musste ein ernstes Wort mit seiner Schwester sprechen. Benutzten Balder und Hödur nun auch Hel, um ihn zu bändigen? War dieses Mädchen deshalb hier, um ihn im Auftrag der beiden Asen zu töten?

Kalter Zorn durchflutete seine Adern. Er kämpfte den Wolf zurück, der bedrohlich unter der Oberfläche lauerte. Nach einer Ewigkeit hatte er sich so weit im Griff, dass er bei Verstand blieb. Es führte zu nichts, wenn er seinen Zorn an ihr ausließ.

Fenrir zog sich auf den steinernen Thron zurück, der einst irgendeinem Zwerg aus Niflheim gehört hatte. Er stützte einen Ellbogen auf der Lehne und seinen Kopf auf der geballten Faust ab, während er die schlafende Fremde betrachtete.

Ihre dunklen Haare und die schmalen Gesichtszüge weckten Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit. Wer war sie?

Valeria

Das Zwitschern der Vögel und das Summen der Insekten weckten sie spät am nächsten Tag. Sie stützte sich auf die Ellbogen. Verschlafen wischte sie sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Die Sonnenstrahlen erhellten die Höhle und brachten die Mineralien in Tausenden von Farben zum Leuchten. Mit geöffnetem Mund saß sie da und betrachtete die Schönheit des funkelnden Gesteins.

»Wunderschön, nicht wahr?«

Sie zuckte zusammen und wandte sich dem Sprecher zu. Vor ihr auf einem thronähnlichen Gebilde saß ein hochgewachsener, schwarzhaariger Mann. Auf seinem kantigen Gesicht zeichnete sich ein amüsiertes Grinsen ab. Es wirkte, als würde er seit einiger Zeit darauf warten, dass sie ihn bemerkte. Das schwarze Hemd spannte sich bei jedem Atemzug über seiner Brust. Nicht einmal die kurzärmlige Tunika verbarg dies. Eine ebenso schwarze Stoffhose steckte in Lederstiefeln, die ihm eine Handbreit über den Knöchel reichten.

»Jetzt, wo du wach bist, kannst du mir meine Fragen beantworten«, sagte er und drückte sich mit den Armen von seinem Platz empor.

»Wer bist du?«, fragte sie misstrauisch und zog sich an einem Stalagmiten auf die Füße.

»Der Wolf vom vergangenen Tag?« Wie ein Raubtier, das sich seiner Beute näherte, trat er auf sie zu und hielt eine Armlänge vor ihr inne. »Das war ich!«

Mit geöffnetem Mund starrte sie ihn an.

»Überrascht dich das?« Er verschränkte die Arme vor der Brust. Eine steile Falte bildete sich über seiner Nasenwurzel.

»Wölfe können sich nicht verwandeln und schon gar nicht«, sie schluckte, »sprechen.« Ihr Mund war staubtrocken wie ein Flussbett im Hochsommer. Sie fuhr sich mit der Zunge über die spröden und aufgerissenen Lippen. Sie fasste all ihren Mut zusammen und wiederholte mit krächzender Stimme: »Wer … wer bist du?«

»Die Alten nennen mich Fenrir.«

»Der Wolf, der den Untergang der Götter herbeiführt?« Ihre Stimme stieg um eine Oktave.

»So steht es geschrieben.« Er überwand mit einem letzten Schritt die Distanz zwischen ihnen. Sie wich vor ihm zurück. »Wie nennt man dich, Weib?« Seine dunkle Stimme ließ sie erschaudern. Sie sah ihn von unten herauf an. Er überragte sie um eine Haupteslänge.

»Valeria«, antwortete sie. »Aber ich werde Vale gerufen.« Der Name fühlte sich vertraut an.

Er musterte sie von oben bis unten. Um nicht länger in seine bernsteinfarbenen Augen zu blicken, senkte sie den Blick auf den Boden und ihre nackten Füße. Hatte er wirklich versucht, sie am vergangenen Tag auszuziehen? Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt. Die Welt drehte sich unaufhaltsam. Sie fiel in einen Strudel aus Farben, bis sie warme, kräftige Hände packten. Er hielt sie fest umschlungen. Sein Gesicht schwebte für einen Herzschlag über ihr, bevor er seinen Kopf zur Seite neigte und an ihrer Halsbeuge schnupperte. Sandelholz und Zedern stiegen ihr in die Nase. Hitze brannte in ihren Wangen. Sie stemmte sich gegen seine Brust.

»Was … was hast du … mit mir vor?« Sie musterte das bärtige, markante Kinn, das über ihr schwebte, folgte der Bartlinie bis zu seinen Lippen, die von wenigen Barthaaren umgeben waren.

»Das kommt darauf an, wie du dich mir gegenüber verhältst.« Ein süffisantes Lächeln huschte über seine Lippen. Er fing ihren Blick mit seinem ein, ließ ihn nicht los und entblößte ihre Seele. »Du solltest Nahrung und Wasser zu dir nehmen. Dein Körper ist geschwächt.« Er schnupperte erneut an ihrem Hals. »Du hast sehr viel Blut verloren. Du brauchst Kraft zum Regenerieren.« Er ließ sie los. Sie plumpste auf das Schlaflager und starrte ihn an, während er sich von ihr entfernte.

»Warte!«, sagte sie. »Wo willst du hin?«

Er hielt inne und antwortete, ohne sich umzudrehen: »Es geht dich nichts an, wo mich meine Wege hinführen.« Dann verließ er die Höhle, wobei er mehrmals stolperte.

Was erwartete er von ihr? Gestern noch wollte er sie verschlingen und hätte sie mit seinem Pfotenhieb töten können. Heute machte er sich Sorgen um ihr Wohlbefinden. Sie wurde nicht schlau aus seinem Verhalten. Waren alle Männer so?

Sie sah auf ihre Handflächen hinunter. Rote verschorfte Striemen zeichneten sich darauf ab. Er hatte ihr frische Kleidung gegeben, die sie zu ihrem Widerwillen vor ihm anziehen musste. Wenigstens hatte er sich umgedreht. Sie schluckte. Ihre Kehle war ausgedörrt. Sie sollte endlich etwas trinken.

Wie eine Betrunkene torkelte sie zu einem flachen Bachbett im hintersten Teil der Höhle. Mit der hohlen Hand spritzte sie sich das erfrischende Nass ins Gesicht, um dann in langen Zügen von dem klaren Wasser zu trinken. Schon besser. Ihre Lebensgeister verdrängten die Vorsicht. Sie blickte über die Schulter zum Höhleneingang. Ob er lange fortbleiben würde? Sie erhob sich und hielt auf den Ausgang zu. Auf wackligen Beinen tastete sie sich an der Wand entlang.

Vale sog die frische Luft ein, sobald sie ins Freie trat, und schloss die Augen. Sie hielt ihr Gesicht den wärmenden Sonnenstrahlen entgegen.

»Du solltest deine Kräfte schonen!«

Sie hob die Lider. Er stand wenige Schritte von ihr entfernt zwischen zwei Erlen. In den Händen hielt er einen Trinkschlauch.

»Ich brauchte Bewegung.«

»Um dann zusammenzubrechen!« Er umklammerte den Schlauch in seiner Hand, sodass seine Fingerknöchel weiß hervortraten.

»Warum kümmerst du dich um mich? Gestern machte es nicht den Eindruck, als würde dich mein Wohlergehen kümmern«, entfuhr es ihr.

»Meine Beweggründe gehen dich nichts an, Weib.« Er näherte sich ihr und packte sie am Oberarm. Unsanft schob er sie zurück zum Lager.

»Ich versuche lediglich abzuschätzen, wie du mir gegenüber eingestellt bist.«

»Wenn ich wollte, wärst du schon lange tot.« Er zog die Lippen zurück und entblößte seine Eckzähne. Es wirkte nicht halb so bedrohlich wie in Wolfsgestalt. Er beförderte sie unsanft auf das Fell und die Decken neben den Tropfsteinen.

»Und gibt es noch andere Bewohner auf dieser Insel?«, fragte sie, sobald er mit dem Rücken zu ihr am Steinthron stand.

»Nein!«, knurrte er.

»Dann musst du ja ziemlich einsam gewesen sein, bis ich hier aufgetaucht bin.«

»Stellst du eigentlich jedem, dem du begegnest, so aufdringliche Fragen?«, erwiderte er heftig und wirbelte auf dem Absatz herum.

Betreten wandte sie den Kopf zur Seite. »Ich glaube nicht.«

Aus dem Augenwinkel sah sie, wie er sich zu ihr lehnte. »Was soll das heißen: ›Du glaubst nicht‹? Kannst oder willst du dich nicht erinnern?«

Sie sah ihm in die Augen. »Ich erinnere mich nicht daran, kapiert?«

»Wie kannst du dich nicht daran erinnern?«

Sie verstand es selbst nicht. Wie sollte sie ihm da erklären, dass sie keine Erinnerungen an ihre Vergangenheit hatte?

»Ich kann mich eben nicht daran erinnern«, entgegnete sie nach einem Moment des Schweigens und hob hilflos die Hände.

Er sprang mit wutverzerrtem Gesicht auf sie zu. Sie kämpfte sich auf die Füße und hielt sich an den Spitzen der Stalagmiten in ihrem Rücken fest.

»Wer bist du?«, fragte er eindringlich. Der Blick seiner bernsteinfarbenen Augen bohrte sich tief in sie.

»Ich weiß es nicht!«

Fenrir überwand die Distanz zwischen ihnen mit einem großen Schritt und stützte die Hände auf die Tropfsteine zu beiden Seiten ihres Körpers. »Wer bist du?« Unvermittelt packte er sie an der Schulter und schüttelte sie. »Wer bist du?«

»Ich weiß es nicht!« Verzweifelt versuchte sie, sich aus seinem Griff zu lösen. Doch er hielt sie eisern fest. »Lass mich los!«

»Erst wenn du mir sagst, wer du wirklich bist!«

»Ich sagte doch schon, dass ich mich nicht erinnern kann!«

»Wer zum Helheim bist du?!«

Sie schloss die Augen und presste die Hände auf die Ohren. Er drang weiter auf sie ein, brüllte sie an. Übermannt von Angst, Trotz und Verzweiflung stieß sie ihn von sich.

»Ich weiß es nicht!«, schrie sie zurück. Ihre Brust hob und senkte sich. Nach unzähligen Atemzügen taumelte sie gegen die Tropfsteine und sank daran zu Boden. Wie Wassertropfen auf ihrer Haut rannen Tränen an ihren Wangen hinunter. Sie schlang die Arme um die angezogenen Knie.

Wütende Schritte entfernten sich vom Lager und verklangen außerhalb der Höhle. Allein und verwirrt blieb sie zurück. Was war da gerade passiert? Schluchzend vergrub sie ihr Gesicht in den Händen. Irgendwas hatte sich unter die Wut und die Verzweiflung gemischt und die Oberhand übernommen. Sie hatte ihn von sich gestoßen, obwohl sie sich zuvor nicht aus seinem Griff hatte befreien können. Was war in sie gefahren?

Das gefällt mir nicht, Kulta. Er hat kein Recht, so mit uns umzuspringen.

Da war sie wieder – die Stimme vom Vortag.

»Wer bist du?« Sie sah sich um. Niemand außer ihr war da.

Ich bin du!

»Wie kann das sein?« Was, wenn diese Frauenstimme etwas damit zu tun hatte, dass sie sich unvermittelt gegen Fenrir hatte wehren können?

Ein Lachen hallte in ihrem Kopf wider. Natürlich habe ich was damit zu tun. Ich bin es, die dir diese Kräfte verleiht, Kulta.

»Verschwinde aus meinem Kopf!«, rief sie laut, kniff die Augen zusammen und legte die Hände auf die Ohren.

Wie du willst, Kulta. Aber sei dir gewiss, ich bin nie weit weg.

Ein Lachen kämpfte sich Vales Kehle herauf. Sie schluckte es hinunter. Wurde sie jetzt verrückt? Erst ein sprechender gestaltwandelnder Wolf und nun eine seltsame Stimme in ihrem Kopf. Sie verstand das alles nicht. Wo war sie da nur hineingeraten? Sie packte eine der Felldecken und zog sie sich um die Schultern.

Was versprach er sich davon, wenn er sich um sie kümmerte? Sie war eine Sterbliche, die keinen Nutzen für ihn hatte. Er misstraute ihr. Warum sonst wich er ihren Fragen aus? Es musste doch möglich sein, dass er ihr half. Vielleicht konnte sie ihn auf subtile Weise dazu bringen, dass er sich öffnete und ihr anvertraute.

Sie vertrieb sich die Zeit bis zu seiner Rückkehr mit dem Erkunden des Lagers. Sieben Schritte von ihrem Schlafplatz entfernt, nahe einer weiteren niedrigen Stalagmitenwand, entdeckte sie einen Haufen Gegenstände. Sie durchsuchte diesen ausgiebig und fand einen Kessel, ein paar Schalen mit Rissen und abgebrochenen Kanten sowie Ausrüstung, die sie nie zuvor gesehen hatte. Den Kessel und die Schalen trug sie zu einer kaum benutzten Feuerstelle zwei Armlängen von ihrem Schlafplatz entfernt.

Der Mann tauchte links von ihr auf und ging hinter ihr entlang zu einem niedrigen Felsblock an der Höhlenwand. Sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu. Er legte gehäutete Hasen darauf. Wo hatte er diese so schnell aufgetrieben? Sie wollte es nicht so genau wissen. Ein Schauder jagte ihr über den Rücken, während sie die beiden Hasenkörper betrachtete. Wenn er Lust auf Menschenfleisch bekam, dann könnte er sie im Schlaf töten.

Er drehte sich zu ihr um und streckte ihr den Schlauch, den er am Morgen bei sich getragen hatte, entgegen. »Trink!« Der Unterton in seiner Stimme machte deutlich, dass er keine Widerrede duldete. Sie schüttelte den Kopf. Was, wenn die Flüssigkeit darin vergiftet war? Oder mit etwas versetzt, das sie gefügig machte?

Er knurrte, öffnete den Schlauch mit den Zähnen, nahm einen langen Schluck und hielt ihr den Trinkschlauch erneut entgegen.

»Es wird dich kräftigen. Aber trink nicht zu viel«, sagte er.

Sie ergriff den Hals des Schlauchs, setzte die Öffnung an die Lippen und nippte daran. Nach vier weiteren Schlucken der süßherben Flüssigkeit raffte sie ihren Mut zusammen und stellte ihm die Frage, die ihr auf dem Herzen lag.

»Warum hilfst du mir?«

Er unterbrach das Ausweiden des Hasen für einen Wimpernschlag, sah sie aber nicht an.

»Genauso gut hättest du mich verjagen und mich meinem Schicksal überlassen können.« Sie schluckte. »Oder mich einfach töten können, weil ich unbefugt in dein Revier eingedrungen bin.«

Er wandte ihr den Kopf zu und schenkte ihr ein wölfisches Grinsen. »Ich habe tatsächlich einen Augenblick darüber nachgedacht, dir die Kehle herauszureißen.«

Ein Schauder jagte ihr den Nacken hinunter, wie Wassertropfen an einem Eiszapfen. Er widmete sich wieder den Hasen und befreite das Fleisch von den Knochen.

»Statt tatenlos herumzusitzen, hole ein paar Äste von dem Stapel neben dem Thron und bring sie zur Feuerstelle, Weib!« Widerwillig folgte sie seiner Anweisung. Sie nahm sich einen Armvoll davon und legte ihn neben der von Steinen umrahmten Mulde ab.

Er beendete seine Arbeit mit dem Hasenfleisch und kniete sich neben die Feuerstelle, um vier der Äste in die Mulde zu legen. Er zog einen Feuerstein und einen Eisenring aus einer seiner Taschen und hantierte ungelenk damit herum. Erfolglos versuchte er, ein Feuer zu entzünden.

Sie runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. So würde er nie ein Feuer entfachen. Er hielt Feuerstein und Eisen im falschen Winkel zueinander.

»Soll ich dir helfen?«

»Nein!« Er hämmerte mit verbissenem Gesicht den Stein und das Eisen gegeneinander. »Ich. Brauche. Keine. Hilfe.«

Kein Funke entstand, egal, wie fest er zuschlug. Sie seufzte und kniete sich neben ihn.

»Warte, lass mich das machen.«

»Ich sagte, ich brauche deine Hilfe nicht!«, fuhr er sie an. Ungerührt hielt sie seinem Blick stand.

»Wenn du so weitermachst, sitzen wir in einer Stunde immer noch hier und das Feuer brennt nicht.«

Er knurrte und hielt ihr das Werkzeug entgegen. Sie nahm ihm den Feuerstein und den Ring aus der Hand. Ihre Fingerkuppen berührten leicht seine Hände. Das Kribbeln nach der Berührung war angenehm und ungewohnt.

Sie zog die Äste aus der Mulde und baute ein Nest aus Rinde, das als Zunder diente. Mit drei Schlägen glommen kleine Funken in der Borke, die sie mit sanftem Pusten zu einer Flamme anfachte. Sobald sie kräftig brannte, legte Vale kurze Zweige darüber. Zufrieden mit der Größe des Feuers gab sie ihm das Werkzeug zurück.

»Was hat es mit Asaheim auf sich?« Sie setzte sich vor das Feuer, das leise knisterte, zog die Beine an und legte die Arme um die Knie, ohne ihn aus den Augen zu lassen.

Er musterte sie eingehend. »Es ist die Insel am Rande der Zeit.«

»Ich habe noch nie von ihr gehört.«

»Die Lebenden wissen nichts von ihrer Existenz.« Er setzte sich ihr gegenüber hin. Seine Augen verengten sich. »Wie kommst du also her?«

Sie zuckte mit den Schultern. Was wollte er hören? Sie wusste selbst nicht, wie sie hergekommen war. Die Erinnerungen daran waren ausgelöscht.

Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Mit zwei Schritten war er bei ihr, zog sie auf die Füße.

»Ich bekomme langsam das Gefühl, dass du mich nur hinhalten willst«, sagte er und kam ihrem Gesicht bedrohlich nahe. Er hob eine Hand zum Kragen ihrer Tunika und zog ihn nach unten, bis sich die rosa Narbe zeigte. Sein tiefes Knurren hallte durch die Höhle. Sein Gesicht schwebte dicht vor ihrem.

»Wer hat dir die Narbe zugefügt?« Er tippte ihr auf die Stelle. Das Bild eines Gesichts, das von einer Kapuze verdeckt wurde, blitzte vor ihrem inneren Auge auf und die Worte »Der Tod steht dir so viel besser als ein Schwert in der Hand«, hallten in ihr wider.

»Es war jemand, der mir einst nahestand.« Ihre Worte entfachten eine nicht erklärbare Wut in ihrem Innersten. Der bittere Geschmack des Verrats legte sich auf ihre Zunge.

»Waren es die Götter?«, brüllte er.

»Die Götter? Was?« Sie schüttelte den Kopf.

Das Knurren, das aus seiner Brust drang, verwandelte sich in einen Aufschrei, der die Höhle erbeben ließ. Seine Bernsteinaugen glühten vor Zorn. Härter als beabsichtigt stieß er sie von sich. Ihr Kopf schlug auf einen hervorstehenden Tropfstein. Sie wimmerte.

Fenrir starrte sie für einen Moment mit geweiteten Augen an, bevor er zögernd eine Hand nach ihr ausstreckte. Doch er besann sich und stürmte aus der Höhle, während sie verängstigt zurückblieb. Mit einer Hand hielt sie den zerrissenen Kragen zusammen. Was hatte ihn so aufgebracht? Sie tastete mit den Fingerspitzen die Stelle ab, an der sie mit dem Stein zusammengestoßen war. Sie zog die Finger von der Wunde an ihrer Schläfe. Frisches Blut haftete daran. Der Hass auf die Götter brodelt sicher schon sehr lange in ihm, dachte sie und wischte sich die Hand an der Stoffhose ab.

Fenrir

Am Abend trottete er auf einem schmalen Pfad in Richtung Osten. Der volle Mond des Wonnemonats strahlte auf ihn herab und erhellte seinen Weg in silbrigem Glanz. Als er sein Ziel nach mehreren Meilen erreichte, trat er in Gestalt eines Menschen auf den Sand der Bucht hinaus. Es fiel ihm leichter, bei Vollmond in seine menschliche Form zu wechseln. Die Kraft des kalten Lichtes durchströmte ihn auf magische Weise. In diesen Nächten verbrachte er nicht wirklich viel Zeit auf den Füßen. Aber er musste sicherer im Gehen auf zwei Beinen werden und nicht wie ein tapsiger Welpe durch die Gegend stolpern.

Der körnige, sonnenwarme Sand unter seinen nackten Füßen lenkte seine Gedanken auf das Hier und Jetzt. Mehrere Schritte von ihm entfernt erhob sich die schlanke Gestalt Nereidas aus den Fluten. Ihr schwarzes Haar glänzte silbern im Schein des Mondes. Sie konnte nur einmal im Monat eine Nacht lang in dieser Bucht an Land kommen.

Diese eine Nacht während des Mondzyklus war eine willkommene Ablenkung zu seinem sonst eintönigen Alltag. Seine Verpflichtung, die verlorenen Seelen zum Heltor zu geleiten, war nicht gerade spannend.

Fenrir ging auf Nereida zu, packte sie im Nacken und zog sie mit sich zu Boden. Er gab sich der Wildheit in seinem Inneren hin und biss ihr in den Hals, was ihr ein Stöhnen entlockte. Seine Hand wanderte an ihrem Bein entlang, wobei er den Saum ihres Kleides nach oben schob. Sie griff in seine schulterlangen Haare und presste ihre Lippen auf seine. Stürmisch beendete er den Kuss und leckte ihr über die Haut zwischen Schlüsselbein und Nacken. Der Geschmack von Salz ergoss sich auf seiner Zunge wie ein reißender Strom. Er versank in der Leidenschaft, die der Vollmond und Nereida in ihm hervorriefen. Er genoss es, sich fallen zu lassen.

Sie schob ihm das Hemd über den Kopf und biss in seine Schulter. Sein Atem beschleunigte sich.

Knurrend drückte er sie auf den Sandboden zurück und fuhr mit seiner Rechten erneut ihr Bein hinauf. Eng ineinander verschlungen geriet Fenrir in einen Rausch der Lust. Er sog den Duft des Meeres und des Windes ein, der von ihr ausging. Nichts wollte er im Augenblick mehr als sie. Bei ihr konnte er sein, was er wirklich war. Roh, wild und leidenschaftlich.

Er entledigte sich seiner Hose und einen Moment später drang er mit einem kräftigen Stoß seiner Hüften in Nereidas Heiligstes ein. Samtig und warm schmiegte sie sich an ihn. Eine Brise wehte aus Richtung Wald und trug den Duft von Regen und Wildblumen mit sich.

Für einen Herzschlag tauchte Valeria vor seinem inneren Auge auf. Sie räkelte sich unter ihm wie eine Katze in der Sonne. Sie streckte die Hand nach ihm aus und verlangte nach seiner Stärke und Wildheit.

Er vertrieb das Bild aus seinen Gedanken und beschleunigte den Rhythmus seiner Stöße. Er bog den Rücken durch, als er über die Klippe seines Höhepunktes sprang und seine Lust in den Himmel schrie. Sein Heulen verlor sich im Wald am Rande der Bucht.

Fenrir zog sich aus Nereida zurück und ging zum Wasser, um sich rückwärts hineingleiten zu lassen. Mit angehaltenem Atem gönnte er sich einige Augenblicke unter der Oberfläche, bevor er sich aufrichtete und zu seiner Gespielin sah.

»Was ist denn in dich gefahren?«, fragte sie, halb beleidigt, halb amüsiert. »Du wolltest es heute schnell hinter dich bringen, Liebster.«

»Nichts von Bedeutung, Nereida.«

»Nun, dann frage ich mich, was dich so sehr gereizt hat, dass du deine ganze aufgestaute Wut herauslassen musstest.«

Er ballte die Hände zur Faust und erhob sich aus den Fluten. »Nichts von Bedeutung«, wiederholte er knurrend.

»Was ist eigentlich mit dieser Sterblichen, die seit vier Tagen auf der Insel ist?« Sie streckte sich aus und zeigte sich in ihrer ganzen Schönheit. »Willst du mir von ihr erzählen?« Sie fuhr sich mit einer Hand über die weiche Haut ihrer Brüste.

»Nein!« Er stapfte an ihr vorbei und sammelte seine Kleidung auf. Dabei glitt ihm mehrmals die Hose aus den Händen, was er mit einem gereizten Brummen quittierte.

»Warum bringst du sie nicht einfach zum Heltor?«

»Die Situation ist nicht ganz so einfach, wie du es dir vorstellst.«

»Und warum nicht?«, säuselte sie.

Er wirbelte zu ihr herum, nachdem er sich die Hose angezogen hatte. »Was interessiert sie dich überhaupt und woher weißt du von ihr?«, fuhr er sie an und näherte sich ihr bis auf zwei Schritte. Das Blut rauschte wie das Meer in seinen Ohren. »Sie ist nichts Besonderes!« Das Wasser, das in sanften Wellen auf den Strand floss, umspielte die Sohlen seiner Füße.

»Mein Liebster, du beleidigst mich.« Sie lachte glockenhell. »Ich bin die Göttin der Meere, Seen und Flüsse. Natürlich weiß ich von ihr.« Ihre vollen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das ihn daran erinnerte, wie gefährlich sie war. »Und scheinbar bedeutet sie dir mehr, als du dir eingestehen willst. So wie du reagierst.« Sie rümpfte die Nase und wandte sich ab. »Ich verstehe nicht, warum du ihr hilfst.«

»Ich helfe ihr nicht.«

»Warum gewährst du ihr dann Unterschlupf in deiner Höhle?«

»Weißt du was?« Er machte einen Schritt auf sie zu. »Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, Weib!«

Unberührt erwiderte Nereida: »Ich bin eine Göttin. Wage es nicht, mich zu behandeln wie irgendeine Dirne!«

Er presste die Kiefer fest aufeinander, um keine unbedachte Bemerkung von sich zu geben, und zog sich das Hemd über den Kopf, um sie nicht anzusehen. Zielstrebig hielt er auf die Reihe von Platanen zu, die diese Bucht begrenzten. Er war bereits dabei, in seine Wolfsgestalt zu gleiten, als sie ihm etwas nachrief.

»Ich habe etwas gefunden, das dich vielleicht interessieren wird.«

Er blieb stehen, kniff sich in die Nasenwurzel und drehte sich langsam um. »Ich habe jetzt wirklich keine Zeit für deine Spielchen, Nereida.« Als er sie ansah, hielt sie einen Dolch in den Händen.

»Wo zum Helheim hast du den her?«

»Ich fand ihn halb verborgen im Sand im Süden Asaheims.«

»Und du bist nicht auf die Idee gekommen, mir früher davon zu berichten?«, brüllte er sie an. Sie erwiderte seinen Blick ungerührt.

»Du bist nicht mein Herr. Ich bin dir in keiner Weise Rechenschaft schuldig.« Sie drehte den Dolch zwischen ihren Händen hin und her. Sie packte das Heft und betrachtete die Klinge eingehend.

Fenrir knurrte und musste an sich halten, um ihr nicht zu zeigen, wo ihr Platz war. Er hasste es, wenn sie ihre intriganten Spielchen trieb. »Du wurdest ebenso an diesen Ort verbannt wie ich. Aber ich bin Hüter dieser Insel und somit stehst du im Rang unter mir.«

»Interessant«, sagte sie und ignorierte seine Worte. Sie legte den Kopf schräg. »Auf der Klinge sind Runen der Menschen eingraviert.«

Fenrir überwand die Distanz zwischen ihnen mit zwei Schritten und nahm ihr den Dolch aus der Hand. Er musterte die Stichwaffe genauer. Irgendwas daran war gewaltig faul. Runen waren mittig in der Klinge graviert.

»Dem Willen der Götter geopfert«, las er. »Verfluchte Asen!«

Welche Asengötter hatten ihre Finger im Spiel? Sicher Balder und Hödur. Sie planten wieder irgendeine Intrige, um sein Schicksal endgültig zu besiegeln, und statt selbst herzukommen, nutzten sie erneut jemanden als Werkzeug.

Auf der Spitze bis zur Parierstange befanden sich Spuren getrockneten Blutes. Die Dolchklinge roch nach Metall, gemischt mit Wildblumen und Sommerregen. Valerias Lebenssaft. Warum haftete er daran? Seine Hand krampfte sich um den ledernen Griff des Dolches, der schwer in seiner Hand lag.

Die Wunde auf Valerias Brust oberhalb ihres Herzens, die blutbefleckte Schneide, die Gravur in der Mitte. Hatten die Menschen sie den Göttern geopfert? Sollte sie, die aus Midgard stammte, ihn mit diesem Dolch töten? Keine von Menschenhand gefertigte Klinge konnte ihm etwas anhaben. Dieses Menschenweib erinnerte sich nicht einmal daran, was vor ihrem Auftauchen geschehen war. Er schob die Waffe in seinen Gürtel.

»Nun, da du jetzt den Dolch hast, was gedenkst du, mit der Sterblichen zu tun?«, fragte Nereida ihn.

Er warf ihr einen Blick zu. Er musste dafür sorgen, dass Nereida niemals auf das Menschenweib traf. »Braucht dich nicht zu kümmern.«

Ohne ihr weiter Beachtung zu schenken, machte er sich auf den Rückweg zum Wolfsberg. Zuallererst würde er den Dolch sicher verwahren. Er benötigte ein Versteck, wo Valeria die Klinge nicht fand. Was, wenn der Dolch der Schlüssel zur Flucht von dieser verdammten Insel war? Was, wenn Fenrir ihr Blut brauchte, um ein Portal zu öffnen?

Er knurrte und reckte die Faust gen Himmel. »Ihr werdet nicht noch einmal über mich richten, ihr elenden Bastarde!« Ob Balder und Hödur ihn nun hörten oder nicht, es spielte keine Rolle. Was wollten sie ihm noch antun? Wegen ihnen saß er bis zu seinem Lebensende auf dieser verlassenen Insel fest.

Er senkte die Faust und stand für mehrere Herzschläge mit hängenden Schultern mitten auf dem Pfad. Was machte schon eine weitere List der Götter? Keiner außer Tyr und dessen Tochter Lysandra waren ihm jemals wohlgesinnt gewesen.

Lys, wie er die Göttin liebevoll nannte, war fasziniert von ihm, sodass sie ihm Bücher aus der großen Bibliothek von Asgard gebracht hatte, wenn er sie darum bat. Es hatte sich eine enge Freundschaft zwischen ihnen entwickelt. Bis zu jenem schicksalhaften Tag, als ihn auch Tyr hinterging, wie all die anderen scheinheiligen Gestalten Asgards. Den Preis für diesen Verrat hatte Tyr mit seiner Schwurhand bezahlt.

Ein Lachen verließ seine Kehle. Sollten die Nornen weiter ihre Fäden spinnen und die Asengötter ruhig ihre Spiele treiben, er hatte nichts mehr zu verlieren. Er musste mehr über Valeria herausfinden. So viel wie möglich, bevor er sie damit konfrontierte, dass sie eine Gesandte der Götter war, die aus nur einem Grund hier war: um ihn zu töten. Es bedeutete, abzuwarten und sie zu beobachten. Vielleicht offenbarte sich ihre Rolle im Spiel des Schicksals zur gegebenen Zeit. Ihr kurzer Ausbruch war überraschend und vertraut zugleich gewesen. Etwas ruhte in ihr, das ihn an die kriegerischen Valkyren erinnerte. Insbesondere an eine ganz bestimmte Kriegerin, die mehr als sein Vertrauen erworben hatte. Doch das war lange her, in einem anderen Leben.

Fenrir saß auf einem Felsvorsprung oberhalb der Höhle und ließ den Ausblick auf den südlichen Teil der Insel auf sich wirken. Seit gestern grübelte er, was er mit dem Dolch anfangen sollte. Er warf einen Blick über die Schulter zu dem Wasserbecken, das von einer Quelle gespiesen wurde. Dort würde Valeria ihre Waffe nicht finden, sollte sie sich wieder erinnern und nach ihr suchen.

Warum hatten die Götter diese Frau hierhergebracht? Vermutlich hatten Balder und Hödur ihre Finger im Spiel gehabt. Sie hatten ihm nie verziehen, dass er Odin, ihren Vater, getötet hatte.

Er spuckte aus. Sollten sie in Asgard auf ihren hohen Thronen verrotten. Irgendwann würde er die Asen zur Verantwortung ziehen, für all das, was sie ihm in der Vergangenheit angetan hatten. Und zwar, bevor Valeria ihr Gedächtnis zurückbekam und sich an ihren Auftrag erinnerte.

Die Sonne berührte den Horizont. Er sollte sich besser auf den Rückweg machen, bevor die Dämmerung einbrach. Fenrir erhob sich und lief einen schmalen Bergpfad an der Felswand entlang, der für seine Wolfsgestalt zu schmal war, bis zum Fuß des Berges, wo er dem Waldrand folgte. Immer wieder musste er sich an einem Baum oder einem Felsbrocken abstützen. Diese Hülle war so schwach geworden. Es war Jahrhunderte her, dass er in dieser Form längere Zeit verbracht hatte. Zuletzt, als er mit Kyra zusammen gewesen war.

Er hob nacheinander Äste auf, um sie als Feuerholz zu verwenden. Wie sollte er mit ihr verfahren?

Als Fenrir einen weiteren Ast aufhob, stockte er. Warum sammelte er eigentlich Feuerholz? Ein Knurren verließ seine Kehle und das Holz knackte in seiner Hand. Dieses Weib provozierte ihn, doch er konnte nicht sagen, womit genau.

Mit hochgezogenen Lippen stapfte er zurück zur Höhle. Sie lag auf seinem Schlafplatz. Den Arm mit Feuerholz beladen, trat er vor sie und ließ die Äste fallen, die klappernd übereinander fielen. Sie zuckte zusammen und sah zu ihm auf.

»Wenn du weiterhin hierbleiben willst, dann kümmere dich ums Essen. Ich will, dass es fertig ist, wenn ich abends zurückkomme!« Er verschränkte die Arme vor der Brust.

Sie schob die Unterlippe nach vorn und reckte das Kinn. »Nur, wenn du mir wärmere Kleidung besorgst.«

»Du stellst hier keine Forderungen, Weib!«, knurrte er und unterband jeden weiteren Einwand mit einer schneidenden Geste. »Dies ist mein Territorium! Und wenn du bleiben willst, hast du meinen Anweisungen zu folgen.« Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und sah auf sie hinunter. »Hast du verstanden?«

Sie zögerte, als würde sie ihm widersprechen wollen. Schließlich antwortete sie: »Ich habe verstanden.«

Ihre Worte hinterließen einen bitteren Beigeschmack.

»Ich werde uns etwas Essbares jagen.« Er drehte sich zum Höhleneingang und kam fünf Schritte weit, als sie fragte: »Kann ich mitkommen?«

Er wirbelte zu ihr herum und bleckte die Zähne. »Du verlässt diese Höhle nur, um am Waldrand Holz zu sammeln!«

»Übertreib mal nicht so, ja? Ich bin durchaus in der Lage, ein Tier zu jagen und es zu erlegen.«

»Und wo hast du das gelernt?«

Ihre Schultern sanken nach unten. Gleichgültig ließ er sie zurück.

Außerhalb der Höhle glitt er geschmeidig in seine Wolfsgestalt. In den letzten Jahrhunderten hatte er sich die meiste Zeit in dieser Verwandlungsform aufgehalten. Wenn er als Wolf über die Insel streunte, konnte er ganz seinen Instinkten folgen. Dann gab es nur noch seinen Jagdtrieb und die Gier nach frischem Fleisch. Der Wolf in ihm kannte keine menschlichen Gefühle. Und genau das machte ihn frei.

Mit überschlagenen Beinen saß er auf dem Steinthron. Valeria stand neben einem improvisierten Kochtopf und rührte darin herum. Der Duft des kochenden Eintopfes schwebte langsam zu ihm herüber.

In den letzten drei Tagen hatte Valeria sich vehement geweigert, seine Regeln zu befolgen. Waren alle Weiber wie sie? Stur und ignorant ihrer eigenen Sicherheit gegenüber. Nicht selten war er kurz davor, sie körperlich zu züchtigen. Mühsam hielt er sich zurück, weil er ihrem geschundenen Körper weitere Strapazen ersparen wollte. Wenn er es nicht besser wusste, dann war er mehr als nur gereizt, weil er sich wegen ihr viel zu oft in menschlicher Gestalt aufhielt. Es ärgerte ihn, dass er hin und wieder über seine eigenen Füße stolperte. Wie schwer konnte es sein, auf zwei Beinen zu laufen? Er hatte es vor neun Jahrhunderten doch auch hinbekommen. Außerdem war er kein kleiner Welpe mehr, der erst noch Laufen lernen musste.

Subtil und ohne Unterlass fragte sie nach wärmerer Kleidung. Ihn interessierte es nicht, was sie trug. Wie konnte sie frieren? Die Temperaturen auf der Insel fielen selten bis in einen Bereich, in dem man sich Erfrierungen zuziehen konnte. Wenn ihr kalt war, sollte sie sich mit der Felldecke behelfen.

Am Wonnemond vor drei Tagen hatte er sich erhofft, Entspannung beim Stelldichein mit Nereida zu finden. Es hatte nicht geholfen. Sobald er in Valerias Nähe kam, war seine Gelassenheit verschwunden. Sie war seit sechs Tagen auf Asaheim. Seither war er nicht weitergekommen, was dieses sterbliche Weib anging. Sie war ihm ein Rätsel.

»Gibt es eigentlich auch Jahreszeiten auf dieser Insel? Oder bleibt das Klima gleich? Ich glaube nämlich, dass ich erfrieren werde, wenn die Temperaturen sinken«, plapperte sie vor sich hin, während ihr Blick auf den Topf gerichtet war.

Fenrir verdrehte die Augen. Fing sie schon wieder damit an. »Wenn du noch einmal nach wärmerer Kleidung fragst, reiße ich dir die Zunge heraus!«, drohte er ihr.

Sie zuckte zusammen, rührte aber unbekümmert weiter in dem Eintopf, der verführerisch nach frischen Kräutern und Hasenfleisch duftete. Er schnaubte. Es half ihm wirklich nicht, wenn sie so hervorragende Speisen kochte. Nicht oft aß er mehr als eine Schüssel davon und doch musste er sich insgeheim eingestehen, dass er selten etwas Derartiges gegessen hatte.

»Es tut mir ja leid. Aber ich habe nun mal kein Fell, das mich wärmt, so wie der arrogante Herr«, murmelte sie vorlaut.

»Wie bitte?« Er sprang auf und hätte um ein Haar die Schüssel mit Wasser umgestoßen. Sie wich einen Schritt zurück.

Wenn er sie jetzt tötete, dann hätte er endlich Ruhe. Warum war ihm die Idee nicht früher gekommen? Allerdings würde er niemals dahinterkommen, was die wahren Beweggründe für ihre Anwesenheit waren. Beruhige dich, mahnte er sich zur Ruhe. Beherrscht setzte er sich ans Feuer und rieb sich die Schläfen. Sie folgte seinem Beispiel, achtete aber darauf, das Feuer zwischen ihnen zu haben.

»Wieso lässt du mich nicht selbst nach passender Kleidung suchen?«, fragte sie nach einiger Zeit leise.

»Weil da draußen Kreaturen hausen, die dich mit einem Happs verschlingen können«, antwortete er müde, ohne sie anzusehen.

»Schlimmer als du können sie nicht sein«, murmelte sie verhalten.

Er lachte trocken. »Es gibt auf Asaheim Wesen, die selbst mich in ihrer Grausamkeit in den Schatten stellen. Raubtiere, die du dir nicht einmal in deinen kühnsten Träumen vorstellen kannst.« Er fuhr sich mit einer Hand durch die dichten Haare. »Sturmbären und Steinlöwen sind da noch die harmlosesten Räuber.« Er deutete mit einem Finger auf ihre Gestalt. »Und du bist nur Haut und Knochen. Du besitzt nicht einmal Waffen, mit denen du dich verteidigen kannst.«

»Weil du mich keine tragen lässt.« Trotz und Ärger schwangen in ihren Worten mit.

»Um mich von dir im Schlaf töten zu lassen?« Er beugte sich zu ihr vor. »Niemals. Eher schlafe ich in der Nähe eines Raglandari, als dir eine Waffe in die Hand zu drücken.«

»Raglandari?«, fragte sie mit erhobenen Augenbrauen.

»Ein fledermausähnliches Raubtier, etwa so groß wie ein Sturmbär.« Er nahm einen Stock zur Hand und stocherte damit in der Glut unter dem Kessel herum.

Lange war das Knistern des Feuers das Einzige, was in dem Schweigen zwischen ihnen zu hören war. Als er den Blick hob, hatte sie die Hände zu Fäusten geballt. Es wirkte für einen Augenblick, als würde sie etwas sagen wollen, bevor sie aufstand und in Richtung Höhleneingang marschierte.

Er schüttelte den Kopf. Ihre wilde und impulsive Seite brachte eine Saite in ihm zum Klingen, die er längst vergessen glaubte. Was hatte sie an sich, dass er auf sie reagierte wie ein junger Wolf auf der Suche nach einer Partnerin? Diese Momente, wenn ihre impulsive Seite hervortrat, verhielten sich wie der Wind an einem stillen Sommertag. Kaum waren sie da, schon waren sie wieder verschwunden.

Fenrir seufzte und hob den Blick aus den Flammen und griff nach einem Ast, den er zum Stochern in der Glut nutzte. Ihre Schritte waren verstummt. Mit verengten Augen lief er zum Höhlenausgang und starrte hinaus. Sie hockte hinter einem Baum am Waldrand und erleichterte sich. Mit dem Stock in der Hand lehnte er sich an die Wand und verschränkte die Arme vor der Brust. Warum spielte er hier überhaupt den Aufpasser? Der Stock kratzte über die Erde. Fenrir hätte sie längst zum Heltor bringen sollen. Seine Schwester konnte mehr mit ihr anfangen als er. Sein Blick wanderte über die Freifläche vor dem Höhleneingang. Als sein Blick auf den Waldrand fiel, knurrte er.

»Bei allen Göttern! Wo ist sie hin?« Das konnte doch nicht wahr sein. Wie hatte sie sich davonstehlen können? Er ärgerte sich, dass er sich zu sehr von seinen Gedanken hatte ablenken lassen. Mit einem wütenden Fluch auf den Lippen rannte er zum Waldrand, glitt in seine Wolfsform, und eilte weiter in den Wald hinein. Was brachte es ihr, wenn sie ihrem eigenen Willen nachging? Gar nichts! Sie begab sich dadurch nur selbst in Gefahr. Sah sie das denn nicht?

Er hob den Kopf und schnupperte. Sie war meilenweit gegen den Wind zu riechen. Er senkte den Blick auf den Boden. Da waren ihre Fußspuren. Sie gab sich keine Mühe, ihre Spuren zu verwischen. So würde sie jeder Jäger im Umkreis des Berges sofort bemerken. Am besten er zeigte ihr, wie sie unsichtbar wurde.

Er stutzte. Wie kam er auf einen solch absurden Gedanken? Wenn ein Steinlöwe sie angriff, dann war sie selbst schuld. Sie hatte nicht auf ihn gehört, als er sie gewarnt hatte. Mit der Nase im Wind nahm er ihre Fährte auf, die ihn durch das lichte Unterholz Richtung Ryan-Fluss führte. Während er ihr nachspürte und sie jagte wie ein Reh, empfand er immer mehr Freude daran. Diese Art von Fangspiel hatte er mit Kyra geübt, was ihm ein Gefühl von Unbeschwertheit gegeben hatte – so wie jetzt.

Ein leises Rascheln wenige Schritte vor ihm ließ ihn aufhorchen. Lautlos glitt er zu einer Eiche, wo er sich wieder in einen Menschen verwandelte, und sprang hinter dem Stamm hervor. Mit den Armen umfasste er ihre Taille, während sie sich aus Leibeskräften wehrte.

»Lass mich sofort los!« Ihre kalten Hände legten sich auf seinen Arm. Er hob sie hoch, was sie dazu brachte, mit den Beinen zu strampeln.

»Halt still!«, knurrte er dicht an ihrem Ohr. Sie schauderte und versteifte sich, woraufhin er seinen Griff lockerte. Bevor er sie wieder fester packen konnte, bekam er als Dank ihren Ellbogen gegen das Kinn. Seine Zähne stießen hart aufeinander und ein Schlag gegen die Nasenwurzel traf ihn. Er jaulte vor Schmerz und ließ sie los. Mit einer Hand unter der blutenden Nase sah er sie hinter einem Busch verschwinden.

»Elendes Weibsstück!«, knurrte er und wischte sich die blutbeschmierten Finger an der Hose ab, um ihr nachzusetzen. So leicht würde sie ihm nicht entkommen. Beim nächsten Versuch wäre er vorsichtiger. Noch mal würde es ihr nicht gelingen, ihm eine blutige Nase zu verpassen. Mithilfe von Gleipnir, der magischen Fessel, mit der die Götter ihn vor Ewigkeiten banden, würde er dafür sorgen, dass sie nicht mehr davonrannte.

Valeria

Wenn es ihr gelang, ihn abzuschütteln, konnte sie nach einem sicheren Unterschlupf suchen. Weit weg von ihm und seiner Kontrollsucht. Eine Böschung bremste ihre übereilte Flucht. Am Fuße des Abhangs blockierte ihr ein Fluss den Weg. Sie sah sich um. Zurückgehen war keine Option und zu ihrer Rechten versperrten Haselnusssträucher ihr den Weg. Blieb nur der Pfad am Fluss entlang.

Ein Schwarm Vögel stieg kreischend aus den Bäumen über ihrem Kopf. Sie zuckte zusammen und lief weiter flussabwärts, während das Rauschen des Wassers Vale begleitete. Wenn es ihr gelang, aufs andere Flussufer zu kommen, würde er sicher ihre Fährte verlieren.