Atlan 3: Karawane der Wunder (Blauband) - Hans Kneifel - E-Book

Atlan 3: Karawane der Wunder (Blauband) E-Book

Hans Kneifel

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Beschreibung

Als Hüter der Menschheit und Wächter über die Erde verbrachte der unsterbliche Arkonide Atlan, später der beste Freund Perry Rhodans, rund 10.000 Jahre auf der Erde. In seinem Bemühen, die Entwicklung der Menschheit in die richtige Richtung zu lenken, setzt Atlan im zweiten vorchristlichen Jahrtausend auf einen Ausbau zwischen den entstandenen Hochkulturen: Mit der gigantischen Karawane der Wunder macht er sich auf den langen Weg aus dem Mittelmeerraum quer durch die Steppen Innerasiens bis hin zum künftigen Großreich der Chinesen, das sich gerade am Gelben Fluss entwickelt. Und als er Jahre später von seinem Mentor, der Superintelligenz ES, von der Existenz eines geheimnisvollen Außerirdischen auf der Erde erfährt, setzt sich der Arkonide ein neues Ziel ...

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Nr. 3

Karawane der Wunder

Vorwort

Auch der dritte Band, in dem der Historiker Cyr Aescunnar auf dem Fluchtplaneten Gäa, im Neuen Einsteinschen Imperium gelegen, Atlans Zeitabenteuer-Erzählungen den ANNALEN DER MENSCHHEIT hinzufügt, vereinigt in sich den Text von vier Taschenbüchern. Sie wurden in den Jahren 1975 bis 1977 geschrieben und jeweils etwa ein Jahr später veröffentlicht. Es sind das neunte bis zwölfte Abenteuer von mehr als 60 Berichten des »Einsamen der Zeit«, der zwischen 8000 vor der Zeitwende (nach dem Untergang des arkonidischen Atlantis) bis 2040 n.Chr., seinem Eintritt in die Rhodan-Welt, im Auftrag der Superintelligenz ES und ebensooft aus eigenem Entschluss versucht, den barbarischen Bewohnern des dritten Planeten von Larsafs Stern den Weg zu Kultur und Zivilisation zu zeigen beziehungsweise zu erleichtern.

Der arkonidische Kristallprinz und Thronfolger, der nach den strengen Prüfungen der ARK SUMMIA von ES einen Zellschwingungsaktivator und damit die potentielle Unsterblichkeit verliehen bekam, versteckt sich im Biotiefschlaf, beschützt von seinem Hochleistungsroboter Rico, in 2500 Meter Tiefe im leistungsfähigen Überlebenszylinder und wird, wie auch andere Bewohner des Planeten, vom Geistwesen ES scheinbar skrupellos manipuliert – zum Wohl der Erde. Der Planet Wanderer befindet sich nahe einem Endpunkt seiner kosmischen Bahnellipse in der Nähe des Solsystems, und so wird der Kosmopsychologe, Kosmokolonisations-Infrastrukturplaner und ausgebildete Dagorkämpfer Atlan zum Werkzeug von ES: In chronologischer Folge erlebt er die Karawane der Wunder (Taschenbuch Nr. 162), wird zum Nomaden der Meere (Nr. 165), befreit den Planeten, der Im Bann des schwarzen Dämons steht (Nr. 173), und wird zum Kämpfer für den Pharao (Nr. 177).

Die Originalromane erschienen ab 1976; nach knapp zwei Jahrzehnten haben viele seriöse Forschungen die wirkliche historische (Atlan-)Welt verändert. Viele Recherchen und eine gründliche stilistische Bearbeitung stellten sich als unumgänglich heraus, und so finden sich zwischen dem originalen Text und der notwendigen verbindenden Rahmenhandlung viele neu geschriebene Passagen; diese textliche Betreuung wird bis zum letzten Zeitabenteuer nötig bleiben. Die vier Erzählungen des vorliegenden dritten Hardcover-Bandes umfassen die Zeit zwischen 1989 und 1915 vor der Zeitwende. Auf den Umschlag-Innenseiten sind die phantastischen und beschwerlichen Wege Atlans und seiner Getreuen über Land und auf See und deren Knotenpunkte als Hilfe für die Phantasie dargestellt. Rainer Castor half mir dankenswerterweise beim Zähmen der Datenmenge.

Prolog

Der schwarzhaarige Moderator von Gäa-TV hob langsam den Kopf und sagte sichtlich betroffen:

»Noch lebt Lordadmiral Atlan. Das Ärzteteam der Überlebensstation ist, den Umständen nach, gemäßigt optimistisch; zwar schwebe der prominenteste Patient des Krankenhauses nach wie vor auf dem messerscharfen Grat zwischen Tod und Leben, aber es werde alles Menschenmögliche getan.« Für wenige Sekunden wurde das Bild des Arkoniden eingeblendet, dessen Körper als dunkle Silhouette in der Nähr- und Heilflüssigkeit ruhte. Die goldfarbene SERT-Haube war nach oben geglitten; einige Ärzte in sterilem Hellgrün umstanden den Tank und verhinderten, dass die Fernsehzuschauer mehr als einen flüchtigen Blick auf Atlan werfen konnten. Der Sprecher schloss:

»Wie wir erfahren konnten, berichtet der Statthalter des Neuen Einsteinschen Imperiums während seines postoperativen Überlebenskampfes faszinierende geschichtliche Erlebnisse aus seinem langen Leben. In der Umgebung der Intensivstation sind weder Ton- noch Bildaufnahmen gestattet. Einer der verantwortlichen Mediziner, Dr. Ghoum-Ardebil, drückte vorsichtigen Optimismus aus, was die Heilungschancen Atlans betrifft.«

Cyr Aescunnar schaltete kopfschüttelnd den Empfänger aus. Er wusste es besser. Die KHAMSIN hatte Atlan am 25. August 3561 in letzter Sekunde nach Gäa, ins Versteck in der Dunkelwolke Provcon-Faust, gebracht; er und seine kleine Mannschaft hatten das vulkanische Inferno des berstenden Planeten Karthago II überlebt. Seit diesem Tag lag der Arkonide im abgeschotteten Bereich des Medo-Centers und kämpfte um sein Leben. Nicht nur der Geschichtswissenschaftler war überzeugt, dass Atlans Überlebenschancen von Tag zu Tag gestiegen waren. Die höchstentwickelte medizinische Technik und die besten Ärzte, über die das NEI auf Gäa verfügte, überwachten jede Sekunde des qualvollen Wiederherstellungsprozesses. Ein Umstand aber irritierte Aescunnar und dämpfte seinen Optimismus: Seit neun Tagen schwieg der Arkonide.

Cyr war allein in seinem Arbeitsraum. Die lange Unterbrechung in Atlans Berichten aus der fernen Vergangenheit der Erde hatte der Historiker dazu verwendet, sein Büro, die externe Forschungsstelle der Chmorl-Universität, gründlich aufräumen zu lassen. Alle Unterlagen waren geordnet und präzise katalogisiert. Er warf durch dunkle Brillengläser einen Blick auf den Chronometer. Kurz nach Mittag. Sonnenschein durchflutete die Räume; die Klimaanlage war ausgeschaltet, eine kühle Gäabrise wehte durch die weit offenen Balkontüren und ließ einzelne Staubteilchen tanzend funkeln. Aus der Pantry roch es nach starkem Kaffee.

Cyr setzte sich auf die Lehne seines schweren Arbeitssessels und blickte das Regal an der Büro-Längswand an. Auf zwölfeinhalb Metern Länge, deckenhoch, stapelten sich Tausende alter Bücher, Folienbände, Buchchips, Lesespulen und Musicubys. In die Datenträger mit ihren grellfarbigen Rücken hatten er und die Roboter Ordnung gebracht. Eine innere Stimme sagte Aescunnar, dass Atlans seltsames, durch eine Änderung seines Zustandes nicht zu erklärendes Schweigen bald vorbeisein würde; oder schwieg der Arkonide, weil es mit zunehmender Heilung die Notwendigkeit nicht mehr gab, sich vom angestauten Druck der Erinnerungen befreien zu müssen? Die Wahrscheinlichkeit, im nachoperativen Schock zu sterben, blieb groß, obwohl Atlans Zellschwingungsaktivator die Heilung entscheidend unterstützte.

»Dann, Professor Aescunnar«, sagte er halblaut und nahm die Brille ab, »wird auch dein ›Opus magnum‹ unvollendet bleiben, wie so vieles im Leben.«

Er begann gedankenlos die Brille zu putzen, holte sich einen Becher voll Kaffee und schaltete nacheinander die Monitoren ein, die Holografie-Projektoren und Tonleitungen sowie die Gegensprechanlage und aktivierte die Stand-by-Chips der verschiedenen Aufzeichnungsgeräte. Sein Arbeitsplatz, durch störungsresistente Lichtleiterkabel und Bildfunkbrücken mit dem Überwachungsraum von Medo-Center verbunden, war binnen einer Minute in voller Funktionsbereitschaft. Aescunnar setzte die Brille auf und berührte ein leuchtendes Kontaktfeld. Leise Musik strömte in den Raum.

Als er den Becher absetzte, summte der Interkom. Cyr tastete das Gerät ein. Überlebensgroß baute sich das Abbild Ronald Tekeners auf. Er nickte grüßend; sein Gesichtsausdruck bewies, dass er über Atlans Zustand informiert war.

»Bevor ich’s vergesse.« Tekener kratzte sich hinter dem Ohr. »Ich habe eine Sendung unseres Historischen Korps an Sie organisiert. Irgendwann in den nächsten Tagen lassen wir die Daten zu Ihnen überspielen, Professor Aescunnar. Die Ärzte sind so verdammt zurückhaltend – wie geht es ihm wirklich?«

Aescunnar hob die Schultern und brummte:

»Ich meine, dass er sich zu erholen beginnt. Ein Teil der Verbände ist überflüssig geworden, einige Wunden vernarben, und seine Stimme klang unverändert kräftig. Sein Verstand scheint absolut klar zu sein. Ghoum-Ardebil äußert vorsichtig Zufriedenheit mit Atlans Zustand.«

Der USO-Spezialist musterte die Einrichtung des Büros.

»Wie weit sind Sie mit Ihren ANNALEN DER MENSCHHEIT, Cyr?«

»Nun, es geht, verständlicherweise, zögerlich voran. Im Rico-Atlan-Kalender bin ich inzwischen bei 3484 angelangt. Für diesen Block sind sämtliche Informationen verwendet und wissenschaftlich einigermaßen befriedigend eingegliedert worden; Bilder, Karten und die Dokumentationen der entsprechenden terranischen Funde.«

»Die in unzugänglichen irdischen Museen lagern«, brummte Tekener. In der Beleuchtung seines Terminals traten die Narben der Lashat-Pocken auf seinen Wangen scharf hervor. »Unerreichbar für uns. Was hat unser Patient sonst noch erzählt?«

»Bevor er sich entschloss, hoffentlich nur vorübergehend zu schweigen, berichtete er vom Bau des sogenannten Labyrinths auf Kreta. Diese Erzählungen bearbeiten meine Studenten und ich gerade.«

Ronald Tekener nickte nachdenklich und sagte:

»Ich bin jederzeit über die Point-Allegro-Administration von Solarmarschall Tifflor zu erreichen. Zumindest für Sie, Professor. Wenn Sie etwas aus den USO-Archiven brauchen, für Ihre ANNALEN …«

»Sie haben mir wahrscheinlich mit Ihrem Material mehr als genug geholfen.« Aescunnar deutete auf seine leere, spiegelnd saubere Arbeitsplatte, auf der nur der kreisförmige Rand des Kaffeebechers störte. »Danke, Tekener. In einigen Tagen wissen wir mehr über seinen Zustand. Ich glaube, er überrascht uns bald wieder mit einer neuen Erzählung.«

»Ist er ansprechbar?«

»Nein. Aber jede winzige Lebensäußerung wird überwacht. Atemfrequenz, Gehirnwellen, Zellmembranschwingungen … die Computer geben bei der geringsten Änderung lauten Alarm.«

»Sollte er in den nächsten Tagen aufwachen und verstehen, was Sie sagen: Richten Sie die besten Wünsche von Tifflor, mir und Anson Argyris aus.«

»Ich versprech’s«, sagte Aescunnar und hob die Hand. Tekener lächelte kaum wahrnehmbar und trennte die Verbindung. Cyr holte tief Luft und drehte den Sessel. Schweigend, am Kaffee nippend, musterte er die Einzelheiten der holografischen Großprojektion. Vor einem Tag war die kreislaufstützende und heilungsfördernde Flüssigkeit des gläsernen Beckens, auf ein hundertstel Grad auf Atlans Körpertemperatur abgestimmt, ausgetauscht worden. Unter den Antigravgittern, die den Körper in stabiler Lage hielten, brodelten dichte Vorhänge aus Sauerstoffbläschen. Atlan, die Arme ausgestreckt, lag ruhig da. Ab und zu bewegten sich seine Finger oder die Zehen, ein Handgelenk zuckte. Der entspannte Gesichtsausdruck schien zu beweisen, dass der Arkonide in tiefem Schlaf lag. Heilschlaf?, dachte der Historiker und betrachtete die Kurven, Farbsäulen und Impulsanzeigen der Monitorenwand. Sämtliche Überwachungsinstrumente zeigten beruhigende Werte; selbst die Strömungsgeschwindigkeit der intravenösen Ernährung blieb auf niedrigem Niveau konstant. Die modifizierte SERT-Haube mit ihren vielfarbigen Kabelbündeln schwebte einen halben Meter über Atlans Kopf; über dem fast regungslosen, zwölf Jahrtausende alten Organismus.

»Was geht hinter dieser Stirn vor?«, flüsterte Aescunnar. »Denkt er? Was denkt er, und woran? Ist er noch immer im Irrgarten der irdischen Geschichte? Oder in seiner Jugend, irgendwo im Großreich Arkons? Baut er Tempel, kämpft er gegen Invasoren? Langweilt er sich mit Roboter Rico in der Kälte der riesigen Überlebensanlage am Fuß von São Miguel?«

Der Geschichtswissenschaftler zuckte mit den Schultern und leerte den Kaffeebecher. Aus der Pantry hörte er den leisen Gongschlag, das Zeichen der internen Verbindung zwischen der Historischen Fakultät und deren Außenstelle. Mit langen Schritten erreichte Cyr Aescunnar den Sessel und schaltete den Projektor ein. Sekunden danach stand das Holobild. Noami Corhadelys, eine seiner Referentinnen, lächelte geschäftsmäßig und sagte:

»Sie fehlen uns mehr und mehr, Professor. Keine Schmeichelei; die unteren Semester gieren nach Ihren Vorträgen.«

»Sie werden sich noch gedulden müssen.« Aescunnar schüttelte den Kopf. »Wenn feststeht, dass Atlan überlebt, und wenn er aus dem Tank geholt und in ein gemütliches weißes Bett gelegt wird, bleibe ich hier. Schließlich leite ich eines der ehrgeizigsten Projekte unserer Fakultät.«

»Wissen wir, Professor. Deswegen melde ich mich. Wir arbeiten schließlich alle an den ANNALEN DER MENSCHHEIT mit. Wir haben sämtliche Archive der Fakultät durchstöbert. Hier steht ein Container voller Informationen, wild durcheinander: Buchchips ebenso wie alte Karten, Bücher und Promotionsarbeiten. Viertes und drittes Jahrtausend vor der Zeitenwende. Ich denke, Sie brauchen es dort, wo Sie gerade sitzen?«

»Genau hier brauch’ ich alles.« Die ANNALEN gehörten zu einem Geschichtswerk, das nahezu jeden Terraner interessieren musste, zumindest auszugsweise. Der Heimatplanet war verloren, das Sonnensystem unter der Kontrolle der Laren. Das Wissen über die Heimat der Menschheit durfte nicht vergessen werden; die Erde war mehr als nur ein Planet unter vielen. Je mehr die Menschen über ihre Heimat wussten, desto enger würde ihre Bindung an die Vergangenheit des menschlichen Geschlechts sein. Auch aus diesem Grund arbeiteten ein Dutzend wissenschaftlicher Disziplinen zusammen. Das Ergebnis war eine Kultur-, Zivilisations- und Geistesgeschichte von den ersten Anfängen bis zur Mitte des vierten Jahrtausends, von der mehrere Bände – in riesigen Auflagen als Lesespulen, Buchchips oder in herkömmlicher Form auf Folienseiten gelasert – bereits erschienen waren. Cyrs ANNALEN stellten nur einen Ausschnitt dieses Riesenopus’ dar. Er wies auf seinen Schreibtisch. »Die USO leert ebenfalls ihre historischen Speicher. Wann wollen Sie übertragen, Noami?«

»In einer halben Stunde könnten wir anfangen.«

»Einverstanden«, sagte er. »Ich sitze da und warte, bis Atlan wieder zu sprechen anfängt. Ist es viel Material?«

»Eine erhebliche Menge, eine Flut interessanter Daten und Informationen, Professor.« Die Magisterin hob die Schultern. »Ein Dutzend Kommilitonen lesen seit Stunden Daten in die Speicher ein.«

»Also.« Er richtete stöhnend den Blick zur Decke. »Ich schalte die Datenleitungen und erwarte das Überspielen um fünfzehn Uhr. Einverstanden?«

»Selbstverständlich, Professor Aescunnar.«

Cyr grüßte, trennte die Verbindung und aktivierte zusätzliche Geräte. Die ANNALEN mussten eine fehlerlose Dokumentation werden. Dazu gehörte, dass sämtliche zeitlichen Bezüge innerhalb der Erlebnisse Atlans präzise berechnet und aufeinander abgestimmt wurden. Die Historische Fakultät hatte ein Rechnerprogramm entwickelt, das die unterschiedlichen Jahresskalen berücksichtigte. Aescunnar rief das laufende Arbeitsprogramm auf den Monitor und verglich: In seiner Hyperpositronik rechnete Roboter Rico absolut exakt die Monate und Jahre nach »dem Untergang von Atlantis«, NUvA, und die Jahresskala vor oder nach Christi Geburt war nach dem unkorrekten Versuch des Mönches Dyonisius Exiguus erst vom nordenglischen Theologen Beda Venerabilis, 672 bis 735 n.Chr., etwa um 735 n.Chr. entwickelt und fixiert worden. Die Chronisten des Römischen Reiches rechneten »ab urbe condita«, seit der Gründung der Stadt Rom um 753 v.Chr., und nach einzelnen Regierungsjahren ihrer Caesaren. Die Geschichte des Islam begann 662 n.Chr., als der Prophet Muhammad von Mekka nach Medina umsiedelte. Cyr kontrollierte die bisher bearbeiteten Daten und stöhnte:

»Ägyptische Jahresskalen, hebräische, solche aus dem Reich der Mitte, Afrika ist so gut wie ›zeitlos‹; da wird nicht einmal Rico daraus klug.« Er warf einen langen Blick auf die Bilder der Intensivstation. »Und der hatte Jahrtausende dazu Zeit.«

1.

Vier Stunden nach Mitternacht regten sich die ersten Schläfer. Wie ein leiser nächtlicher Regen aus Myriaden einzelner Tropfen vereinigten sich unzählige Bewegungen, ein Rinnsal, das stetig anschwoll und schließlich mit lauten Geräuschen über Klippen stürzte und ein großes Mühlrad knarrend bewegte. Das Rad drehte sich schneller, der Anprall des Wassers nahm an Stärke zu; schließlich drehte sich das Mühlrad mit markerschütterndem Knirschen malmend und riss mit schaumsprühendem Schwung Räder, Achsen und Steine mit sich. Zweieinhalbtausend Menschen, hunderte verschiedener Tiere, Traglasten und Wagen bildeten eine dunkle Kulisse in der weichenden Finsternis. Sklaven entzündeten die Feuer in den schweren Brustfeueröfen auf den Bäckerwagen und heizten, bis die Steine glühten.

Beim Licht der ersten Fackeln fingen die Hähne in den großen Käfigen zu krähen an. Als sie schwiegen, von den Erwachenden gebührend verflucht, begannen die schwarzen kappadokischen Esel ihr misstönendes Geschrei; obwohl nützliche Tiere, genügsam und belastbar, waren sie, ihren Gesang betreffend, Verirrungen der Evolution. Nach dem ärgerlichen Gebell der Hunde herrschte eine Stunde lang Ruhe. Die Bäcker formten Brotlaibe und schoben sie in die Öfen, nachdem die Sklaven die Glut herausgerissen, in Kupferschalen gefüllt und Passsteine in die Ofenöffnungen gesteckt hatten. Abermals eine Stunde danach begannen Hirten und Frauen damit, die Kühe, Schafe und Ziegen zu melken, die gesammelte Milch durch feines Leinen zu filtern und schwere Krüge ins Lager zu schleppen; ein Drittel wurde zu Käse und später, entrahmt, zu gesalzener Butter. Aufseherinnen kontrollierten die Kochsklavinnen, die in großen Kupferkesseln fette, gutgewürzte Hirsesuppe bereiteten und die Milchsuppe mit Honig süßten, viele kalte Braten und Käselaibe aufschnitten. Gerüche krochen im Morgennebel zwischen massiven Scheibenrädern, Zelten und Deichseln über das niedergetrampelte Gras. Körbe voller Sammelobst und Beeren wurden herumgereicht; mitunter zuckten knallende Peitschen auf die Schultern angeblich fauler Sklaven nieder. Die Romêt-Soldaten und die Aufseher des jungen Amenemhet zeigten mit Säumigen wenig Nachsicht. Abermals schob sich eine kurze Zeit, durch die letzte Träume geisterten, zwischen Arbeitsgeräusche und Dämmerung. Erst als die Pfadsucher ihre Pferde zäumten und sattelten, gab es neuen Lärm, der bis Sonnenuntergang anhalten würde.

Schwarzbärtige Männer aus Susa mit Stoßlanzen und geschweiften Bögen, glattrasierte Axt- und Seilmänner aus den Heeren des Zariqu von Assur, die ihre gekräuselte Haarflut mit Goldmetallbändern bändigten, Geländekundige aus Hattusa, die ebenso stanken wie ihre Wildesel, erleichterten sich außerhalb des Lagers und wuschen sich, dann aßen und tranken sie schweigend, hoben die Waffen auf und kletterten auf die Rücken der Reittiere. Fünfzehn Männer auf breitbrüstigen, trittsicheren Pferden, die im Galopp gewechselt wurden und nicht nach Schnelligkeit, sondern Kraft und Stärke gezüchtet waren, verließen im Wirbel dumpfen Huftrommelns das Lager in östlicher Richtung. Die Luft schmeckte nach Schnee.

Seit dem Aufbruch von Assur blieb die Morgensonne zur rechten Hand. Durch die Ebenen der beiden Ströme, über Sindsha bis Haran, dem Wegekreuz der Karawanenpfade, von dort über die gute Königsstraße nach Norden; Baumeister des frühakkadischen Sharrukin hatten sie angelegt. Auf dem Königsweg zog die »Wunderbare Karawane« an Bi-Retsch vorbei, ging durch die Furt des Idiglat, wälzte sich nach Ma’haresch, kletterte auf das Hochplateau nahe Elbi-Stohn und zur Karawanenstation von Kanesh. Dort erwartete uns Iluschuma, Vertreter des karum, Assurs »Handelskammer«, und übergab uns den zweiten, größeren Teil der Karawane. Einige Kaufleute erholten sich einige Tage lang, sonderten ihre Saumtiere und Wagen aus und wanderten nach Nordwesten weiter zum Ufer des Nördlichen Meeres.

Seit einer Handvoll Tagen kannten nur noch die Führer aus Harappa die Pfade, Hügel und Wasserstellen. Bis zum Ende der Langen Reise würden wir jeden Morgen in den Glutball von Schamaschs Gestirn blinzeln. Die Karawane kannte nur einen Befehl: ostwärts, vorwärts, weiter!

Der Lärm des aufwachenden Lagers belästigte meine flachen Träume. Ich zog es vor, völlig aufzuwachen. Im Zelt brannte noch das winzige Öllämpchen. Ich drehte den Kopf und betrachtete das schmale Gesicht Asyrta-Marayes, das, im Schlaf gelöst, weich und verletzlich wirkte. Die junge Schwarzhaarige, schönstes Angebot des Sklavenmarktes von Kanesh, war seit dem Aufbruch an meiner Seite. Auch der Logiksektor erwachte und flüsterte: Kümmere dich um deine Wunderbare Karawane, Arkonide. Denk an die drei Ziele deiner Aufgabe!

Ich schlüpfte aus den Fellen, tappte zum niedrigen Klapptisch und zog die knielangen Stiefel an. Ich warf den bodenlangen Mantel um die Schultern, schlug gähnend den Zeltvorhang zurück und schloss die Augen im roten Sonnenlicht. Nur einer der beiden Robotleoparden stand auf, riss den Rachen auf und erwartete meinen Befehl. Der andere drehte den Schädel und blieb liegen. Der schwarze Falke kreiste über dem Lagerplatz. Ich stapfte unausgeschlafen durch die schlammige Lagergasse; die dicken Schwammsohlen und die eingeschraubten Sporen versanken im Morast. Unter den Bäumen lagen schmutzige Schneereste. Der Boden war tief und schwer; noch immer rechneten wir mit Schneestürmen. Ich kauerte hinter einem Busch, kehrte zum Zelt zurück und gähnte. Die Standarte klebte, klamm von nächtlicher Feuchtigkeit, an der Lederhaube. Ich sah zu, wie Ochsenpaare angeschirrt wurden, und erkannte die ältere Frau im Pelzumhang. Ihr Lächeln entblößte schwärzliche Zahnstummel.

»Dein erstes Essen, Herr? Wie jeden Morgen?«

»Ja, wie immer, teuerste Solcher.« Ich grinste und nickte. »Hör zu. Ich brauch’ etwas, das mich aufweckt. Ich fühl’ mich wie nasser Schnee.«

Solcher sah aus wie ein kranker Geier; eine Köchin wie sie wurde nur alle Jahrzehnte einmal in Assur geboren. Ihr Herz war aus schierem Gold: Brauchte man ihre Hilfe, war sie liebenswert aufopfernd, was jedermann verblüffte. Mit allen außer mir und Asyrta schrie und keifte sie. Schon oft hatte ich ihren Wortschatz bewundert.

»Sie kochen gerade die Suppe. Ich tu’ etwas aus meinen Beutelchen und Krügelchen hinein.« Sie deutete grinsend zum Zelt und machte eine obszöne Geste. »Auch für die Schwarzhaarige, die junge, dumme Sklavin, mein Sohn?«

»Asyrta-Maraye ist seit drei Tagen frei. Keine Sklavin mehr.« Ich legte Solcher die Hand auf die magere Schulter. »Es wäre lieb, wenn du, Mutter der Würzung, weniger schroff zu ihr wärst. Du warst auch einmal eine junge, schöne Sklavin. Ich schlage sie nicht. Lehre sie zu begreifen, wie schön das Altern sein kann.«

Solcher legte den Kopf schief und kicherte.

»Du bist zu gut für das reisende Gesindel. Wart nur! Eines Tages gehorchen sie dir nicht mehr. Ich hol’ den fetten Brei.«

»Ich hab’ keine Angst, solange du meine Verbündete bist«, schmunzelte ich. Sie kicherte länger und schriller und sagte:

»Meine Kräuter reichen aus, und ich kann das halbe Lager vergiften.« Sie trippelte zum Feuer. Der Extrasinn murmelte: Du hast reichlich bizarre Freunde unter den Barbaren.

Im Zelt roch es abgestanden, aber es war noch warm. Ich säuberte meine Zähne, entfernte mit Hilfe schäumender Salbe die Bartstoppeln und wusch mich. Mein verschlafenes Gesicht starrte mich grämlich aus der plangeschliffenen, polierten Metallscheibe an; nachdem ich Heilsalbe auf wunde Körperteile gestrichen hatte, knotete ich das Schamtuch aus weißem Hapiland-Leinen, schlüpfte in den weichen Wildlederrock und strich über dessen Golddrahtstickerei. Die Gürtelschnalle aus vergütetem Arkonstahl klickte; meine Finger tasteten über die Hohlräume voller überlebenswichtiger Kleinigkeiten. Ich zog ein Wildlederhemd an, darüber eine knielange Felljacke mit hohem Kragen und befestigte über dem Zellaktivator den Brustschmuck, der mich als mächtigen Handelsherrn auswies. Der Aktivator versteckte sich in einer Bernsteinscheibe voller eingeschlossener Insekten. Ich schob die beiden langen und den kurzen Dolch in die Lederscheiden, die getarnten Energiewaffen und Lähmstrahler. Ich warf einen Blick auf die übrige Ausrüstung, die im aufgeschlagenen Truhendeckel lag, als Asyrta mit den Decken raschelte. Sie kreuzte die Unterarme vor den Brüsten und blickte mich schweigend an.

»Guten Morgen«, sagte ich, »denn es war eine gute Nacht.«

»Du hast geträumt und in fremder Sprache geredet, Herr. Mit einem Freund. Aber du hast seinen Namen nicht gewusst.«

Ich setzte mich neben sie in den Faltstuhl und räumte den Tisch ab. Mein Erstaunen war nicht gering: Sie hatte erzählt, dass sie kaum älter als achtzehn Sommer sei. Und sie war ein Bündel aus Aberglauben und sklavischer Lebensangst, passiv, gehorsam wie ein gut erzogenes Tier. Nur in seltenen Augenblicken lachte sie und freute sich, ohne zu befürchten, zu schweigendem Gehorsam gezwungen zu werden. Ihre Schönheit war beträchtlich: Haut wie dunkler Sand, dunkelbraune Augen, raffiniert geschminkt und scheinbar vergrößert, ein feingliedriger Körper mit runden Brüsten, langen Beinen und schlanken Fingern. Eigentlich gehörte sie nicht in Schnee und Kälte; sie war ein Kind langer Tage und heißer Sonne. Ich streichelte ihre Schulter und sagte:

»Das mag sein. Hast du dich gefürchtet?«

Sie schüttelte stumm den Kopf. Wenn sie einmal gelernt hatte, sich neben dem Karawanenherrn zu behaupten, würde unser Zug längst das nächste Ziel erreicht haben. Sie schmiegte ihr Gesicht in die Höhlung meiner Hand, schien zu erschrecken und unterdrückte den Augenblick erwachenden Vertrauens. Ich stand auf.

»Wasch dich. Zieh dich an. Solcher bringt das Essen.«

»Solcher hasst mich.« Sie flüsterte ängstlich und begann zu zittern. Ich zog sie hoch und legte meine Arme um sie.

»Solcher, die wie eine Mutter zu mir ist, hütet mich eifersüchtig. Wenn du sie brauchst, wird sie helfen. Sie ist ganz anders als es scheint. Man hat sie ein Leben lang schlecht behandelt. Du brauchst keine Angst zu haben.«

Asyrta bückte sich, zog die farbigen Felle um Schultern und Hüften und bat brüchig:

»Geh hinaus, Herr, bitte. Sie soll mich nicht nackt sehen.«

Ich nickte ihr zu, hob die Handschuhe auf und ging vors Zelt. Der Anflug guter Stimmung verging ebenso schnell wie die Sonnenstrahlen. Der Himmel, von tiefhängendem Nebel bedeckt, färbte sich milchig. Ich blickte mich wartend um und verstand die Vorwürfe des Logiksektors: Du hast zwar neunundneunzig Probleme, du Narr, die dir nicht zu reichen scheinen: mit Kauf und Erziehung einer Sklavin halst du dir das hundertste auf.

Wenn ich schon versuchte, tiefe Spuren auf dem Barbarenplaneten zu hinterlassen, wenn man mich zwang, gegen meinen Willen zu handeln, dann bestand kein Grund, dies auch noch in freiwillig auferlegter Einsamkeit zu tun. Ich drehte den Kopf. Mit dem Gesichtsausdruck eines magenkranken Skeptikers näherte sich der Schreiber Nianchre. Er schien sarkastisch zu lächeln; seine Lippen waren vor Jahren von einem Dolchhieb zerschnitten, die Muskeln falsch zusammengenäht worden. Nianchre konnte den Mund nicht mehr richtig schließen, dadurch war seine Sprechweise mitunter anstrengend für die Ohren anderer.

»Dir, Herr Atlan, einen sonnigen Tag. Uns s-ünsche ich ebensolches. Gig-ts S-efehle, die üser das Saß des Norsalen hinausgehen, König der Steste?«

Mit Nianchres Augen konnten nur die Robotlinsen Boreas’ konkurrieren. Er sprach so gestelzt, wie er schrieb. Für ihn war ich »König der Steppe«; er war meine rechte Hand; ein schlanker Mann von dreißig Sommern, die Stoffkapuze über dem kurzgeschorenen Schädel. Ihm gehorchten die Unterschreiber, die Wegsucher, Kämpfer und die selbständigen Jäger. Seine Befehle galten, als kämen sie von mir.

»Keine Befehle. Wir fahren weiter wachsam und langsam nach Sonnenaufgang.«

»Hast du für s-ich etsas zu tun?« Er rülpste, den Kopf zur Seite gedreht. Ich nickte. Er sah mich überrascht an.

»Ich höre, Svater der Esel.«

An die etwa fünf Dutzend durchaus respektvoller Anreden hatte ich mich gewöhnt. Der skurrilste Name war »Liebling der fernen Götter«. Ich kannte den wahren »Gott« dieser Karawane und sagte:

»Asyrta-Maraye. Du kennst sie. In Kanesh gekauft.«

»S-er sollte sie nicht kennen? Ihr Glanz ersetzt das Leuchten der Sonne. Da sie dein Herz ers-reut, schenkt sie der S-untersaren Kara-sane die richtige S-reude.«

»Verausgab dich nicht. Ich hab’ ihr die Freiheit gegeben. Sie wird, glaube ich, bei mir bleiben. Du bist aus ihrem Land und sollst sie lesen und schreiben lehren, auch in anderen Sprachen. Sei wie ein Bruder zu ihr, sie fürchtet Solcher und mich. Damit tust du etwas für die Freude der Karawane.«

»Dein S-efehl ist s-eine Ehre.« Er verbeugte sich, die Hand auf dem Herzen. »Soll ich sie schlagen, wenn sie s-aul ist?«

»Der beste Lehrer lehrt mit dem Herzen!« Ich schüttelte den Kopf und zeigte ihm die Faust. »Jäger und Aufseher gebrauchen die Peitsche nur bei faulen Verstockten. Verlang nicht zuviel; sie wird fleißig lernen.«

»S-an sird sehen. S-ann kossen die S-egesucher surück?«

»In zwei, drei Stunden kommen sie.« Ich sah Solcher mit zwei Helfern das Essen ins Zelt bringen. »Wenn die Karawane weiterzieht.«

»Schick nach s-ir, Herr, und ich komme sosort!«

Solcher hatte den Tisch von den Spuren der Morgenwäsche gereinigt, breitete ein Tuch darüber und stellte Schalen, Näpfe, Krüge, Becher und Brettchen darauf. Eine Glutpfanne wurde gebracht, kalte Luft wirbelte ins Zelt. Schweigend sah Asyrta zu. Sie wirkte in Fellen und halbwegs männlicher Kleidung exotisch und begegnete verständnislos den scheuen Seitenblicken Solchers. Die Alte hob mahnend einen Holzlöffel.

»Esst, meine Kinder. Solange die Suppe heiß ist.«

Sie ließ den Zelteingang geöffnet. Die Suppe brannte auf der Zunge und verwandelte die Speiseröhre in schmelzende Bronze. Hitze breitete sich im Körper aus und musste mit Bier gemildert werden. In der folgenden Stunde wuchs unsere gute Laune. Die ersten Ochsengespanne knirschten aus dem Lager, Zelte wurde abgebaut und verladen, und Handwerker beendeten die Arbeiten an Rädern, Felgen und Achsen. Die Asche der Feuer streute man aus und vergrub die Abfälle, um keine Wölfe anzulocken. Hochbeladene Esel, mit kurzen Seilen aneinandergebunden, schrien mit im Chor der dumpf brüllenden Ochsen. Ich streckte die Beine aus und sagte:

»Sonnenwärme ist in unseren Därmen. Du wirst heut in Nianchres Wagen mitfahren, meine junge Freundin. Lerne das Lesen und das Schreiben!«

Sie wusste nicht, was ich mit ihr vorhatte. Als Sklavin der Romêt geboren und aufgewachsen, mehrmals benutzt und verhökert, schließlich von dem weißhaarigen Karawanenherrn gekauft, dann freigelassen, schließlich der Prozedur des Lernens ausgesetzt – sie blieb verwirrt.

»Was soll ich tun, Herr?«

»Lernen, und klüger werden. Meine Gefährtin darf nicht dumm sein.« Ich leerte den Rest Bier in unsere Becher und blickte in ihre Augen. »Ich habe die Macht über diese Karawane, die mir nicht gehört. Ich bin drei Herrschern verantwortlich: dem von Assur, deinem Gottkönig und dem Herrn meines Lebens. Ich will und werde eine lange Straße nach Osten schaffen. Ich will, dass du zu meiner rechten Hand wirst, wie unser Bruder Nianchre. Vergiss das Sklavenleben. Du sollst nicht nur mit mir schlafen, sondern auch neben mir befehlen. Willst du das – dann lerne! Wenn nicht, finden wir andere, nicht so angenehme Wege.«

»Herr …!« Ihre Unsicherheit wuchs. Ich hob die Hand.

»Ich bin nicht mehr dein Herr. Ich will das Wort nicht mehr hören. Nenn mich Atlan.«

»Ich hab’ nicht viel gelernt. Du kennst alles«, flüsterte Asyrta. »Es ist wenig. Wie soll ich können, Herr Atlan, was du verlangst?«

»Du wirst jeden Tag ein wenig lernen. Wenn wir am Ziel sind, wirst du selbst staunen und vielleicht klüger sein als Nianchre.«

Ihre Wangen begannen zu glühen. Ich glaubte, es kam nicht vom Bier, sondern war Zeichen langsam erwachender Begeisterung.

»Versuch mir zu vertrauen. Heut’ Abend sprechen wir über alles. Nimm deine kleine Truhe, geh zu Nianchres Wagen. Sie wollen das Zelt abbauen.«

Ich verstaute die Ausrüstung in den Satteltaschen und brüllte zum Zelt hinaus:

»Meine Pferde. Sattelt den Schecken!«

Als die Sonne drei Handbreit über dem Horizont stand, eine glühende Scheibe im Dunst, saß ich im Sattel. An vielen Orten des Großreiches züchtete man planmäßig Pferde, die ausdauernd, anspruchslos, wild und dickfellig waren. Man musste sie hart reiten, und der Schecke zitterte zwischen meinen Schenkeln vor Ungeduld. Ich gab die Zügel frei und setzte die Sporen ein. Hinter mir verklang das stumpfe Klirren der Bronzemeißel, mit denen die Handwerker im Wegstein Worte und Zahlen in zwei Sprachen eingruben. Die siebente Steintafel ragte aus einem mannshohen Hügel auf, den wir aufgeschüttet hatten. Wir stellten jeden Abend einen solchen Stein auf.

Ich galoppierte schnell in den Spuren der Wegsucher und überholte die ersten Gespanne. Hinter mir formierte sich ein schier endloser Zug. Waren Wagen und Saumtiere, kleine und größere Herden durch einen Teil des Landes gezogen, hinterließen sie zwangsläufig eine Art Straße. Unter Nianchres Geschrei und den knallenden Peitschen trieben etwa hundert junge Hirten rund 170 Schwarzesel, zerrten je zwei Ochsenpaare einen der 77 vierrädrigen Wagen: Lasten, Handelswaren, Öfen, Mehltruhen, Küchen voller Kessel, die Wasservorräte und jene Wagen, in denen Kaufleute lebten.

Wir stießen auf dem ersten wirklich neuen Teil der Fahrt in eine ungewöhnliche Art von Steppe vor. Die Spur vor mir führte durch niedriges Buschwerk, zwischen kleinen Hügeln hindurch und entlang schmaler Wasserläufe. Hin und wieder zeichneten sich am Horizont kleine Wälder ab. Gefolgt von beiden Leoparden hielt ich an, als ich eine Lanze erreichte, die im weichen Boden steckte. Weit vor mir bewegten sich undeutliche Punkte. Ich verschob eine Niete im Unterarmschutz und sagte:

»Bilder und alle Ausschnittvergrößerungen, Boreas!«

Ich kippte den runden Schild, dessen äußerste Stahlschicht, hochvergütet, als Blitzsignalgeber zu verwenden war. Im innersten Kreis leuchtete durch das grimmige Kriegergesicht der Bildschirm auf. Der Falke sendete eine Folge von Höhenaufnahmen. Nach Ricos Karten zogen wir parallel zu einem breiten Fluss in die Richtung auf einen namenlosen Binnensee, schon fast ein kleines Meer. Einen Teil des Ufers würden wir, vermutlich, umrunden müssen. Ich versuchte, jede wichtige Einzelheit des vorausliegenden Geländes genau abzuschätzen: Die zukünftige Straße musste den am wenigsten beschwerlichen Pfaden folgen, und jeder, der sie dereinst benutzte, war auf Brunnen, Wasserläufe oder Seen angewiesen. Ich ritt langsamer den Hügel hinunter und dachte an die Größe und das Wagnis dieser Aufgabe.

»Eine Karawanenstraße für Jahrhunderte, Atlan«, murmelte ich. Wenn wir jeden Tag nur die Strecke zurücklegten, die ein rüstiger Mann in fünf Stunden schaffte – also fünfmal tausend große Schritte pro Stunde, 25.000 am Tag – würden wir ein Jahr zum Ufer des östlichen Meeres brauchen. Ich rechnete mit dem Doppelten dieser Zeit und mit Anstrengungen und Zwischenfällen, von denen wir nicht einmal etwas ahnten. Acht Jahreszeiten.

Ich hatte genug gesehen: Zwei Punkte lösten sich vom Horizont, und zwei Hapiland-Fährtensucher galoppierten heran. Ich ritt weiter. Ihre Spuren umgingen den nächsten Hügel, führten 3000 Schritt am Waldrand entlang, durch einen Bach, auf eine tischebene Fläche hinaus. Weit voraus glitzerte Schnee auf hohen Bergen, in deren Tälern wir uns nach Osten kämpfen mussten. Als die Reiter heran waren, zügelten wir unsere schweißnassen Pferde.

»Wie ist der Weg, Rechmire?«, rief ich. Er lachte abschätzig und zauste die Mähne des dampfenden Pferdes.

»Für heut’ und morgen – gutes Gelände. Schwerer Boden. Wann brennt die Frühlingssonne?«

»In zwei Zehntagen. Reitet zu Nianchre. Ich treffe mich mit den Jägern. Habt ihr Wild geschossen?«

»Nein. Die Jäger suchen rechts vom Zug. Wildschweine und fettes Rotwild.«

»Spuren von Bewohnern? Hinterhalte? Fallen oder Siedlungen? Rauch von frühen Feuern?«

»Nichts, Herr der Räder. Wir reiten durch leeres Land.«

Wir trennten uns. Rechmire und sein Begleiter ritten zur Spitze der Karawane und würden sie auf dem leichtesten Weg anführen. Ich blickte hinter ihnen her. Die große Masse aus Menschen, Tiere und Gespannen bildete einen selbständigen Organismus, eine Schlange aus kreischenden Achsen, brüllendem Vieh, Geschrei und Peitschenknall, schreienden und furzenden Eseln, vermischt mit Meckern, Blöken und Hundegebell. Dumpfer Hufschlag kurzmähniger Pferde unterbrach das Kichern der Sklavinnen, mit denen die Reiter zotige Späße trieben. Nachzügler tappten in der Gestankfahne der Karawane hinterher oder klammerten sich an Naben und Wagenenden. Ein Schritt nach dem anderen. Die Felgen schnitten tiefe Rillen, in denen die zweirädrigen Wagen, von drei Pferden oder Eseln gezogen, schwankten und aus der Spur kamen. Acht Stunden lang schob sich die Karawane durchs Land, bis das Tageslicht abzunehmen begann. Ich saß vor dem auseinandergeklappten Tisch und betrachtete Höhenphotos und Karten. Als der Tagesstein endlich aus der weichen Erde des Hügelchens herausragte, als sich die Ruhe der Erschöpfung über das Lager senkte und ich die Strecke des kommenden Tages einigermaßen zuverlässig abschätzen konnte, schallte das vertraute Gelächter scheinbar wie Donner über die im Kreis zusammengestellten Wagen und Zelte dahin. Aber nur ich hörte und verstand die Worte. ES sprach.

Du hast deine Aufgabe begriffen, Arkonide, und auch die sinnlichen Freuden mit Derione sind längst vergessen. Neue Pfade, ein anderes Glück. Ihr seid auf dem Weg, und viele werden das Ziel erreichen. Noch ist das Land menschenleer, aber bald trefft ihr Gruppen, Horden und Stämme. Erzählt vom Prunk und Reichtum der Länder, aus denen ihr aufbracht. Zeigt ihnen, dass viele Straßen zu anderen Menschen führen, und dass es sich lohnt, auf ihnen zu reiten. Knüpft das Netz besserer Wege! Du sollst wissen, dass du viele Helfer hast, aber nur drei wirkliche Schwierigkeiten.

»Ich weiß viel.« In Gedanken formulierte ich stöhnend meine Antwort. »Warum das alles? Muss ich wieder einen Flüchtling von Wanderer töten? Ist deine Rätsel- und Museumswelt noch immer in der Nähe des Larsaf-Systems?«

Die Antwort war das dröhnende Gelächter der kosmischen Intelligenz. ES ließ sich viel Zeit mit der Erklärung.

Ich war, offensichtlich allein, im Tiefseeversteck aufgewacht. Die gesamte Ausrüstung, einschließlich der Sprachprogramme, lag bis ins Detail bereit. Rico war selbst für meine überkritischen Ansprüche überzeugend menschähnlich und trug, ungewöhnlich, ein dünnes Gewand und geradezu kostbare Romêt-Schmuckimitationen. Selbst seine Sandalen waren vergoldet. Nur ein geringer Teil der Informationen und Programme für die Herstellungsmaschinen war verschwunden, also in kaum entdeckbaren Speichern abgelegt. Rico, der mit dem Namen Rê-Korach ebenso kokettierte wie mit seinem bartlosen, mit Mesdenet-Schminke verzierten Gesicht, versicherte mir, dass er die Anwesenheit eines zweiten, tiefschlafenden Lebewesens registriert zu haben glaubte: Es gab keine Bestätigung dafür, und keinen Gegenbeweis. Ich wartete in steigender Unruhe auf den nächsten Ansturm des galaktischen ES-Lachens.

Alles zu seiner Zeit, Hüter der Welt. Du wirst Handel treiben mit den Menschen entlang eures Weges. Handelt also mit Menschen und Ideen, Metallen und Kenntnissen, Götterglauben und allem, was dir einfällt. An anderer Stelle wird eine andere Karawane zu euch stoßen; der Anführer wird dein Freund sein. Ich sorge dafür. Legt zusammen den langen Weg zurück, bis ihr unter Opfern und Verlusten den großen Fluss des lehmiggelben Wassers erreichen und den Menschen des fernenOstens von den Kulturen des Westens erzählen könnt. Deine Straße, Atlan, wird zwei Weltteile miteinander verbinden, fast ein Viertel des planetaren Umfanges lang. Diese Straße, für eine kleine Ewigkeit gezogen, wird der Erfolg der Wunderbaren Karawane sein. Hütet euch vor den Bergen, Wüsten und wasserlosen Steppen.

Wieder das makabre Gelächter.

Vielleicht sprechen wir noch einmal miteinander. Ihr seid so gut ausgerüstet, wie ich es vom Kristallprinzen Atlan erwarten durfte. Dein Wille, zu überleben, wird zum wichtigsten Bestandteil der Karawane. Du, Vater der Esel, wirst es sicherlich schaffen.

Nach dem letzten Gelächter schien das Schweigen endgültig. Ich hatte meinen Herrscher mühelos wiedererkannt. Ich wusste, dass entlang der gewaltigen Strecke jedes noch so winzigste Problem zur riesigen, kaum überwindbaren Schwierigkeit werden konnte. Ich hatte keine wirklich bedeutenden Helfer und Freunde bei diesem schwierigen Jahrtausendvorhaben. Asyrta-Maraye und Nianchre? Der Extrasinn sagte: Nun kennst du alle deine Aufgaben, Atlan. Mach das Beste daraus. Und: Du musst überleben, unter Umständen als Einziger!

Ich schloss die Augen und sehnte mich nach Asyrtas ungeschickten Liebenswürdigkeiten; wir alle würden in diesen vierundzwanzig Monden vieles lernen und unzählige Abenteuer überstehen müssen; einige würden das Ziel der Wunderbaren Karawane nicht lebend erreichen.

In fünfzehn Tagesetappen, so geschwind wie möglich, näherten wir uns dem großen Binnensee. Dutzende wenig bedeutungsvoller Zwischenfälle hielten uns immer wieder viel zu lange auf: Scheibenräder brachen und mussten ausgewechselt werden, Bronzefelgen rissen ab, Tiere verendeten oder wurden geschlachtet, die Beute der Jäger zu Proviant verarbeitet. Die Köche und Handwerker der Karawane konnten jeden Bestandteil verwerten. Häute, Gehörn, Klauen, Knochen und Sehnen. Ich ließ das Fett auskochen und einen Teil als Schmiere für die massigen Bronzelager verwenden. Von Tag zu Tag gingen Aufbruch und Einrichtung des abendlichen Lagers ein wenig schneller. Ebenso zögerlich wich der Nebel.

Die Kraft der Sonne nahm zu. Frische Grasflächen breiteten sich hellgrün unter unseren Blicken aus, die Bäume trieben Knospen und Blätter, Insektenschwärme summten und belästigten Mensch und Tier. Während wir unsere Straße in den Boden eindrückten und Meilenmale setzten, legte die Karawane jeden Tag eine größere Strecke zurück als am Vortag. Mit der Wärme des Frühlings wich auch die Beklemmung, besserte sich die Stimmung; wir blieben nicht mehr länger frierende Fremde in diesem Land. Selbst die Tiere wurden übermütig.

Schafböcke und Ziegenböcke besprangen die Muttertiere. Die Esel verfielen in eine Art Raserei und kopulierten, wann immer es möglich war. Hengste trieben Stuten über die Ebene. Die Stiere ritten den Kühen auf. Scheinbar unaufhaltsam rollte und tappte die Karawane in weitem Zickzack nach Osten und hinein in die Tage des Sommers.

Die Kraft der Sonne schien auch Asyrta-Maraye zu durchdringen. Sie lernte nicht nur lesen und schreiben; sie verlor langsam die Angst, die Scheu und das Misstrauen jenen Menschen gegenüber, die nicht Sklaven waren. Es gab wenige Kranke, und die Brüche und Verletzungen konnten wir ohne Schwierigkeiten versorgen. Dennoch warnte, viel zu häufig, der Extrasinn: Du hast den Frühling überlebt, Arkonide. Sommer und Herbst verbergen noch ihre Schrecken vor euch.

Ich verglich und korrigierte die photographisch hergestellten Karten, die Entfernungslinien und die Ausschnitte der Landschaft, die von Boreas’ Linsen stammten und mir Details der Wirklichkeit zeigten. Häufig ritt ich mit den Fährtensuchern, um die nächsten Meilen abzustecken. Je weniger beschwerlich es für die Gespanne war, desto leichter wurde es folgenden Generationen, diesen Weg zu benutzen. Ich saß in Nianchres Wagen und schrieb Bemerkungen in die leeren Flächen der Karten.

»Bald werden wir mit Bewohnern dieses Landes zusammentreffen«, sagte ich. »Aber erwartet keine prunkvollen Städte!«

»Räuser oder Segelagerer, Herr?«, sagte Nianchre.

Ich schüttelte den Kopf. »Es sind zu wenige. Und wir können uns sehr gut wehren. Wir werden wahrscheinlich ein wenig handeln und viele Fragen stellen.«

»Kennst du ihre Sprache?« Asyrta sah fragend vom Schreibpergament auf. Ich schüttelte langsam den Kopf.

Auf den großen, einige Jahre alten Karten erkannte ich die Punkte und feinen Linien von Siedlungen und Straßen, wahrscheinlich nur ausgetretenen Pfaden. Auf den schärferen Ausschnitten, weitaus stärker vergrößert, sah ich dürftige Hütten und Häuser. Über die Bäche führten keine Brücken. Die Siedlungen erstreckten sich zwischen dem großen Binnenmeer, das sich in Nord-Süd-Länge ausdehnte, und dem Flachsee östlich davon, dessen Oberfläche nur ein Fünftel des Namenlosen Meeres maß.

Wir hatten vier Straßen gekreuzt, auf denen zu anderen Jahreszeiten Händler reisten. Das Erdreich dieser Bänder war so stark verdichtet, dass kaum mehr Gras darauf wachsen konnte. Unsere Wegesucher ritten auf das Südufer des kleinen Flachsees zu, und während ich über den Weg der nächsten Tage nachdachte, hörte ich wieder das Wispern des Logiksektors: Bleib wachsam, Atlan. Niemand kennt das Land, niemand weiß etwas über seine Bewohner!

Am nächsten Tag versteckte sich die Sonne hinter Hochnebel und Dunst. Im Westen wuchs eine riesige Wolkenbank. Gegen Mittag, als ich auf den Spuren der Pfadfinder ritt, wich unvermittelt das Licht. Die Wolke hatte sich vor das Gestirn geschoben; es fröstelte mich plötzlich. Unruhig wieherte der Hengst. Die Menschen warfen ängstliche Blicke nach Westen, wo die Wolke ungewöhnlich schnell Form und Aussehen veränderte. Sie schien sich uns in rasender Geschwindigkeit zu nähern. In einer plötzlichen Windstille erschien jedes Geräusch doppelt so laut und scharf wie eine Messerspitze. Ich riss das Pferd herum und galoppierte auf den Wagen Nianchres zu. Der Wimpel an der Standarte hing bewegungslos herunter.

»Ein Sturm«, sagte ich laut. »Schützt euch. Verschließt die Plane.«

Nianchre und Asyrta stiegen auf das Sitzbrett und starrten über den langen Zug hinweg zum dunklen Horizont. Ein Sturmstoß, der nicht zu spüren war, heulte heran. Asyrta rief:

»Wenn wir im Hapiland wären, würde ich sagen: ein Sandsturm, Atlan!«

Ich preschte den Zug entlang und schrie den Wagenlenkern zu, anzuhalten und die Tiere zu beruhigen. Die Fahrzeuge hielten stockend, in unregelmäßiger Reihenfolge. Wie gelähmt stierten die Menschen die Wolke an. Die Tiere der kleinen Herden drängten sich dicht aneinander und bildeten Gruppen. Es war nicht der erste schwere Sturm, den wir erleben würden – viele Gewitter, tagsüber und nachts, waren über uns hinweggezogen, aber mit Tieropfern waren die verschiedenen Götter besänftigt worden.

»Ein Schneesturm kann nicht schlimm sein«, rief ich, »denn es ist warm! Nur der Boden weicht auf.«

Im gleichen Moment ritt ein Mann aus der Umgebung von Kanesh an uns vorbei und brüllte:

»Es ist der Zorn der Götter, Herr! Sand und Schnee und Blitz!«

Ich schrie hinter ihm her:

»He! Kennst du diesen Sturm? Kann er uns gefährlich werden?«

Der Begriff Zorn der Götter raste durch den Zug. Fast augenblicklich brach an einigen Stellen Panik aus. Es war schlimm, wenn ein Wagen zusammenbrach und mit Balken hochgestemmt werden musste. Aber plötzlich ließen Hunderte alles stehen und liegen. Sofort handelten die Soldaten. Sie sprengten rücksichtslos in die Menge, ihre Peitschen pfiffen. Die Panik setzte sich fort und breitete sich aus wie Wellenringe im Wasser. Ich riss das Pferd herum, ritt schräg aus der Richtung der Karawane heraus und auf die Nachhut zu. Nach dreißig Galoppsprüngen erreichte mich der erste heulende Sturmstoß. Er schmetterte mir eisige Kälte, Eiskristalle und Sand ins Gesicht.

»Hinter die Wagen! Legt euch auf den Boden! Deckt die Köpfe zu!«, schrie ich, aber meine Stimme ging im Lärm unter. Noch niemals hatte ich einen derart schnell heranrasenden Sturm gesehen. Dunst und Dunkelheit schlugen über der Karawane zusammen. Alle Schreie und Geräusche erstarben. Nur ein schrilles Brausen war in der Luft. Ich sprang, kaum dass ich den Rand des Zuges erreicht hatte, aus dem Sattel und klammerte mich an den Hals des Pferdes. Der nächste Ansturm warf uns beide ins hohe Gras hinter einer sturmgepeitschten Buschreihe. Es geht um euer Leben, dröhnte der Logiksektor.

Der Sturm aus dem Westen war von unbeherrschter Wildheit. Binnen einiger Augenblicke durchjagte eine scheinbar massive, gelbschwarze Fläche die gesamte Länge der Karawane. Aus dem schrillen Brausen wurde ein Heulen, dann ein erderschütterndes Geräusch, das Menschen und Tiere halb besinnungslos machte. Klirrende Kälte kam mit dem Sturm einher; er wirbelte Massen dicker Schneeflocken heran, mit scharfen Sandkörnern durchsetzt. Sie wirkten wie Waffen, die jede Hautfläche aufrissen. Das Pferd vor mir, zwischen dessen Läufen ich mich gegen den Boden presste, versuchte immer wieder, hochzukommen. Ich versuchte, die Läufe festzuhalten. Um mich hatte ich keine Angst, aber ich brauchte mir nicht vorzustellen, wie der Sturm unter Menschen, Gerät und Tieren hauste, und wie es aussehen würde, wenn er vorbei war.

Verschwommen spürte ich, wie ein losgerissenes Ochsengespann haarscharf neben meinen Stiefeln vorbeiraste, angstgepeitscht, blind und mit langgezogenen dumpfen Schmerzensschreien. Ich krümmte mich blitzschnell zusammen. Der Sturm heulte und kreischte wie eine Herde Dämonen und ließ hinter jedem Gegenstand, der zu groß war, als dass er ihn hätte mitreißen können, eine Düne aus Schnee und Sand entstehen.

Dazwischen krachten immer wieder Donnerschläge. Selbst mit zusammengekniffenen Lidern sah ich den zuckenden Schein von Blitzen, die unmittelbar rund um die Karawane einschlugen. Wir waren dem furchtbaren Wüten des Gewittersturms völlig hilflos ausgeliefert.

Aus herzschlaglangen Zeitabschnitten wurden Ewigkeiten, in denen wir auf alle nur denkbare Weise geschunden wurden. Sand knirschte zwischen den Zähnen und verstopfte die Ohren. Der Würgegriff des Sandes legte sich auf die Nase, ich litt an Atemnot. Öffnete ich den Mund, so schluckte ich eisigen Sand.

Plötzlich änderte sich wieder etwas. Die Geräusche, die wir mehr spürten als bewusst hörten, bekamen eine drohende, tiefere Tonart. Ein Summen wie von einer Milliarde riesiger Bienen ließ die Umgebung beben und zittern. Ein harter Schlag traf meinen Nacken, ein zweiter die Hand, dann prasselte Hagel hernieder. Die Schlossen mussten so groß wie Taubeneier sein, denn ihre Einschläge schmerzten wie von Schleudersteinen. Rings um uns ratterte und knatterte es. Tausende und aber Tausende Sekel Eis stürzten auf uns herunter, mit furchtbarer Wucht. Und immer wieder Blitz und Donner. Ich spuckte eine Handvoll stinkenden Sand aus, den Kopf zwischen den zitternden Schenkeln des Schecken. Mein ganzer Körper schmerzte vom Trommelfeuer aus Eis. Dann, nach einer erstaunlich kurzen Zeitspanne, war der ganze Spuk vorbei. Die plötzliche Stille war schmerzhaft.

Aufstehen, sofort! Du musst aufstehen, Atlan!, befahl der Logiksektor. Ich schrie vor Schmerzen, als ich mich taumelnd hochstemmte. Keinen Augenblick zu früh, denn der Hengst reagierte sofort, als er mich nicht mehr spürte. Er schlug im Liegen mit den Hufen aus, wieherte dumpf und sprang unsicher auf die Beine. Ich griff nach dem Zügel. Jetzt, als die Kälte nach Osten weiterjagte und es von Moment zu Moment heller wurde, wich die vorübergehende Blindheit. Warmes Blut lief mir in die Augen, ich wischte es mit dem Ärmel ab und drehte langsam den Kopf. Der Hengst zerrte am Zügel.

Eine verblüffende Erscheinung!, erklärte völlig überflüssigerweise der Logiksektor.

Der Sturm hatte eine weiße, kniehohe Spur durch die Landschaft gezogen. Die Sonne, die hinter dem Wolkenrand hervorstach und augenblicklich heiß zu brennen begann, ließ eine vierhundert Schritt breite Bahn erkennen, die sich wie eine glatte Straße über Hügel, quer durch entlaubte Wälder, über Weiden und Bachläufe zog. Sie endete am westlichen Horizont, ging schnurgerade weiter und hatte auf ihrem Weg die Karawane verschüttet und aufgelöst. Nur zweihundert Schritt weiter rechts oder links, und wir hätten alle den Wirbelsturm vorbeiziehen sehen.

Die Spur führte weiter nach Osten und endete dort, wo ich die Wolke erkennen konnte. Jetzt erhob sich eine breite Bahn aus dampfendem Nebel. Der Dunst verhüllte gnädig das Elend, das die Wunderbare Karawane teilweise vernichtet hatte. Ich bedeckte die Augen mit der Hand und atmete einige Male tief durch. Dann griff ich in die Hagelschicht und reinigte mein Gesicht, bohrte in den Ohren und schnäuzte den Sand aus der Nase. Ich hatte in meine Zunge gebissen, denn der Speichel war blutig. Leise redete ich während dieser Zeit auf den Schecken ein, der sich langsam beruhigte. Schließlich stieg ich ächzend in den Sattel und ritt auf den nächststehenden Wagen zu.

Der Zorn der Götter hatte ganze Arbeit geleistet. Ein schneller Rundblick zeigte mir niederschmetternde Bilder, aber auch solche, die hoffen ließen. Die Herden der Rinder und Pferde hatten am wenigsten gelitten. Sie waren zwar weithin verstreut, aber ich sah die Hirten und ihre zottigen Hunde bereits an der Arbeit. Ich vergaß dieses Problem. Hinkende Schafe mit triefend nassen Fellen tauchten aus dem dampfenden Eis auf. Die toten Tiere sah ich nicht unter der Schicht aus Hagelkörnern. Zwei Wagen waren umgeworfen, die Deichseln zerbrochen, die Zugseile gerissen. Mit dem dröhnenden Schmerzensschrei eines Ochsen, der sich beide Läufe gebrochen und ein Horn bis zum Knochenzapfen gespalten hatte, brach der tausendstimmige Chor aus menschlichen und tierischen Kehlen los.

»Die Karawane ist nur noch ein Spottbild ihrer selbst.« Ich riss den Hengst herum und sprengte entlang des schmelzenden Eisstreifens nach vorn. Dort sah ich Nianchres Wagen. Als ich näher kam, bemerkte ich, dass die Lanze mit der blitzenden Bronzespitze und dem Wimpel vom Blitz getroffen, geschmolzen und verbrannt war. Eine breite Spur verkohlten Holzes lief über die Flanke des Wagens zur Achse und über die geschmolzene Nabe und die verkohlten Speichen bis in den Boden. An dieser Stelle war das Eis geschmolzen. Ich parierte das Pferd neben dem Wagen und brüllte:

»Asyrta! Nianchre?«

Zweistimmiges Stöhnen antwortete mir aus dem Innern. Ich sprang aus dem Sattel auf den Bock hinauf, riss den nassen Vorhang zur Seite und entdeckte Nianchre, der versuchte, das Mädchen wachzurütteln.

Nachdem wir ihr einen Becher Wein eingeflößt hatten, kam sie wieder zu sich. Als sie wieder klar atmete und ansprechbar war, wussten wir, dass der Blitz sie beide geschockt hatte. Ich winkte Nianchre, der kopfschüttelnd aus dem Wagen blickte und sagte:

»Aufs Dach hinauf. Wir müssen Ordnung schaffen!«

»Richtig. Wo sind die Säger, die Srieger, die Segesucher?«

Wir standen auf dem Wagen und blickten die breite Zone des Schreckens entlang. Es war zu überlegen, was wir als erste Schritte befehlen und unternehmen konnten.

»Zuerst unseren Wagen dort hinüber!«, befahl ich. »Die anderen werden folgen. Der Boden vor dem Hügel ist trocken.«

Mit zischelnder Stimme rief Nianchre einige Treiber her. Sie erhielten klare Befehle, entwirrten die Leinen, holten einen Zugochsen, schirrten ihn ein, und dann rumpelte der Wagen weiter. Als er nach 500 Schritten am vorbestimmten Platz stand, sahen wir, wie das Rad endgültig zusammenbrach und sich der Aufbau langsam nach rechts vorn senkte. Sie stützten den Wagen mit der Reservedeichsel ab.

Wir schafften es, die Eselstreiber mit Flüchen und Peitschenhieben zu ihren Tieren zurückzubringen. Die Ladungen wurden eingesammelt und wieder aufgeschnallt. Überall liefen die verschiedenen Tiere aufgescheucht zwischen den Menschen hin und her.

2.

Ich war allein im Zelt, lag im Faltstuhl und trank dünnes, kaltes Bier. Eine der größeren Truhen war aufgeklappt. Im Innenteil des Deckels hatten die Projektoren eine makellose holografische Darstellung aufgebaut. Das Lager war ruhig: zwischen den Wagen brannten Fackeln, und Feuerschein spiegelte sich auf bronzenen Schilden und den ledernen Planen der Gespanne. Hunde bellten, und Esel stießen ihr schrilles Wehgeschrei aus. Nach einem langen Gespräch mit Rico, einer Überspielung der letzten Sonden-Aufnahmen und der Reproduktion etlicher Karten zeigte er mir überraschende Aufnahmen – diese Überzeugung drängte sich mir auf, als ich die Reiter sah – eines kleinen Heeres, dessen Existenz offenbar mit meiner Karawane zu tun hatte.

Ich sah die Bilder, hörte und verstand die Sprache, definierte die Geräusche. Der Anführer, den sie »Rantiss« nannten, war mir bekannt. Aber so sehr ich in meiner Erinnerung forschte, die mich sonst nie im Stich ließ, ich erkannte ihn nicht, erkannte ihn nicht wieder. Er wirkte überaus selbstbewusst, hart und tüchtig. Durch Hufgetrappel, knarrende Sättel und das scharfe Schnauben der Pferde hörte ich die Erklärungsversuche des Roboters.

»So wie du von ES auf diese Reise geschickt wurdest, Atlan, sind auch meine Positroniken teilweise manipuliert worden. Seit etlichen Monden verfolge ich Rantiss und seine wilde Truppe mit den Sonden, und ich weiß nicht, ob auch dieser Befehl von ES stammt. Aber jetzt ist die erste zusammenhängende Sequenz vorhanden, und du wirst bald wissen, welche Bedeutung Rantiss und seine Leute haben.«

»An welchen Orten hast du diese Beobachtungen gemacht?«

»Hundert Romêt-Meilen nordwestlich des Punktes, den deine Karawane heute erreicht hat.«

Ich vertiefte mich in die Bilder und konzentrierte mich darauf, deren Bedeutung richtig zu verstehen. Je mehr ich sah, desto sicherer wurde ich, dass ich Rantiss kannte; unter anderem Namen, in einer anderen Maske vielleicht?

In nur einem Mond hatte er es geschafft, mit Drohungen und Autorität, als Anführer und Vorbild, aus einem Haufen halb verwahrloster Männer mit Waffen und Pferden eine etwa 200 Köpfe starke Truppe zu erziehen und zu schulen. Ihre innere Disziplin entsprach noch nicht ganz der äußeren. Sie waren und blieben wild und kämpferisch, aber auf den ersten Blick und aus der Sicht der Sondenlinsen wirkten sie ausnahmslos entschlossen und zielbewusst. Der gleiche unausgesprochene Drang, der Rantiss beseelte, trieb auch seine Reiter an.

Die ersten Bilder stammten aus den Mittagsstunden. Sie waren keinen halben Mond alt, dachte ich. Die Natur an den Seiten des fast unsichtbaren Pfades, dem die Reiter folgten, stand in kräftigem Grün. Die Waffen der Männer blitzten, ihre Kleidung war sauber, und alle Tiere schienen sorgsam gestriegelt und standen gut im Futter. Ich blickte Rantiss an und durchforschte mein Gedächtnis, aber die zähen Nebel, die ES aus unbekannten Gründen geschaffen hatte, wichen nicht.

Asyrta kam herein, warf mir einen langen Blick zu und setzte sich neben mich. Ich deutete auf die Bilder; sie lächelte und sah schweigend zu. Nur ab und zu fuhren ihre Finger durch das lange blauschwarze Haar.

Rantiss ritt auf einem prächtigen, großen Hengst an der Spitze seiner Reiter. Er spähte nach rechts und links; nichts entging ihm.

Es war eine herrliche Gegend für ein Reiterheer. Eine Steppe, übersichtlich und fruchtbar. Voller jagdbarer Tiere; Wasservögel in morastigen Flecken, Gazellen und Rehe, Wildschweine und Hirsche, und Füchse, deren buschige Schwänze man an die Lanzen band. Rantiss ritt rechts vor dem Hauptfeld, hinter ihm in Dreierreihen liefen 600 Tiere.

Jeder Mann hatte zwei Packpferde, die Decken, Waffen und Proviant trugen. Im kräftesparenden Galopp ritten sie nach Südosten. Die Männer saßen weit vorn in den Sätteln, um die Pferde zu schonen; sie riefen sich Scherzworte zu. Die Hufe der Pferde erzeugten ununterbrochenen leisen Donner.

Rantiss hob, ohne anzuhalten und sich umzudrehen, den Arm steil in die Höhe. Das Sonnenlicht blitzte reflektierend auf der doppelten Schneide des Kampfbeils. Von der vordersten Gruppe der Reiter löste sich ein einzelner Mann, dessen Schädel bis zu einer Linie, die von Ohr zu Ohr ging, kahlgeschoren war. Langes, dunkelbraunes Haar flatterte bei jedem Galoppsprung. Er ritt schärfer, bis er an der Seite des Anführers war und hob die Arme mit den Zügeln bis zur Brust.

»Was gibt es? Gefahren?«

Rantiss lachte heiser und spuckte Staub aus.

»Nein. Aber ich weiß, dass dir diese Steppe bekannt ist. Wie weit ist es bis zum Ostrand des Flachsees?«

Der andere schüttelte den hageren Kopf. Seine bernsteingelben Augen leuchteten, als er grinsend sagte:

»Du fragst mich das jeden Tag dreimal. Du weißt selbst, wie weit es ist. Ich bin sicher, dass dich ein Dämon vorantreibt mit einer unsichtbaren Peitsche.«

»Du magst recht haben, Skath«, gab Rantiss zurück. »Es ist wichtig, meinen Freund zu treffen. Ich weiß, dass er mich braucht!«

»Es sind noch fünfzehn Tage bis dorthin. Oder zwei Zehntage, vielleicht, wenn wir zu lange lagern.«

»Was denken die anderen?«

Sie ritten schneller. Ihre Knie berührten sich beinahe. Vor einer Stunde hatten sie die Pferde gewechselt; die Tiere waren ausgeruht. Der eckige Helm von Rantiss trug einen breiten Goldstreifen um die Stirnblende, der runde Schild leuchtete wie poliertes Silber. Im Köcher raschelten die Pfeile. Hinter ihnen jagten die anderen her, eine lange Schlange, die nicht einmal Staub aufwirbelte. Skath rief:

»Sie denken wie ich, Rantiss. Sie fragen sich, was wir versäumen, wenn wir langsamer reiten und länger rasten.«

Rantiss’ Lachen war heiser. Er hatte sich auf der Welt wiedergefunden, als ob er bisher blind gewesen wäre und plötzlich zum ersten Mal Farben und Dinge sähe. Er lebte und wusste, dass er ein starker, kluger und schneller Kämpfer war, zusätzlich viele andere Dinge kannte oder zumindest ahnte. In seinem Herzen waren drei Wünsche gewesen, deren er sich immer wieder erinnerte: Männer zu suchen und zu finden, die das größte Wagnis des Barbarenlandes auf sich nahmen und mit ihm eine unermesslich weite Strecke bis zu einem undeutlichen Ziel zusammen ritten und kämpften.

Eine große Menge Menschen und Tiere zu treffen, die sein Freund mit Strenge und Klugheit lenkte. Dieses Treffen lag irgendwo dort vor den Bergen, die man bisweilen erahnen konnte, jenseits des Sees. Er wusste nicht einmal den Namen des Freundes, aber er besaß das Bild vieler Träume – er würde ihn erkennen, wenn er ihn sah.

Der dritte Wunsch, der in ihm saß wie der giftige Stachel des Skorpions, war das Bild des Zieles. Unglaublich weit entfernt im Osten zwischen den Schleifen des gelben Flusses und dem Meer, sollten die Stämme gesammelt und miteinander verbunden werden.

Diese drei Träume oder Zwänge trieben ihn unablässig zur Eile und ließen ihn über sich hinauswachsen. Er entdeckte nach und nach, dass er mehr konnte als nur reiten und Bogenschießen. Er rief dem Unterführer zu: »Wir versäumen vielleicht die richtige Stunde. Ich weiß, dass mein Freund in Gefahr kommt, und nur wir können ihn retten. Deswegen habe ich aus euch eine Gruppe von Männern gemacht, die tödlicher ist als eine Feuersbrunst in der Herbststeppe.«

»Niemand versteht dich, Rantiss. Aber wir gehorchen dir!«, versicherte Skath grimmig.

»Alaca versteht mich!«, sagte er hart. Sein Lachen war wie Bronze. Auf seinem Weg – die Gruppe zählte dreißig Männer und etwa fünfzig gute Pferde – hatte er die anderen aufgelesen, eine Handvoll nach der anderen. Er hatte sie angeworben. Ihre Frauen oder Väter erhielten Silberplatten, Bernstein oder Kupfer, kleine Brocken arsenhaltiges Antimon und Zinn, um daraus Bronze zu kochen. Man tauschte Metall gegen Pferde und Männer, denen man alles versprach, wovon ein Mann träumte: Gefahren, Kämpfe, Kameradschaft, Räusche und Frauen. Auf diese Weise wuchs in einem Mond die Truppe an. Und kaum befanden sich die neuen Männer einen Tagesritt von ihrer Siedlung entfernt, einer der erbärmlich barbarischen Siedlungen, in denen die Menschen neben dem Vieh schliefen, erfasste sie die erbarmungslose Faust des Anführers. Er war der Stärkste und Klügste, und er setzte sich durch.

»Alaca ist ein Kind«, sagte Skath einschränkend.

»Ein Kind versteht mehr von Träumen und dem Zwang, Großes zu tun, als du Tölpel«, gab Rantiss bissig zurück. Er riss an der Schnalle des Helmes, löste die Kopfbedeckung und band sie mit äußerster Geschicklichkeit am Sattelknauf fest. Nur ein Drittel der Männer konnte mit Sattel reiten, aber alle hatten sie sich an Zaumzeug und Steigbügel gewöhnt.

»Warum bin ich nicht bei meinen Ziegen und meinen Schwestern geblieben!«, schrie Skath auf. Zur Hälfte meinte er es ernst. Von den kühnen Versprechungen, die Rantiss gemacht hatte, waren noch nicht viele eingetroffen.

Zuerst wurden die Neuen gepackt, von ihren stinkenden Fellen befreit und in den nächsten Bach geworfen. Dort wusch man sie mit Sand und mit Brocken einer fetten, schäumenden Masse, die Rantiss in seinen Satteltaschen fand. Läuse, Zecken und Flöhe flüchteten aus dem Haar und von den Körpern der Männer. Dann wusch, kämmte und schnitt man ihr verfilztes Haar und steckte sie in Kleidung aus Leinen, Fellen und Leder. Sie waren schon nach der ersten Behandlung dieser Art nicht mehr wiederzuerkennen.

In den Pausen des Rittes lehrte Rantiss sie, mit den Waffen umzugehen. Sie lernten schnell, weil sie auf schmerzhafte Weise lernten. Die Waffen aus den Lasten der Trosspferde waren gut, ausgewogen und leicht. Nach einem Viertelmond gab es keine stinkenden, verlausten Hirten und Bauern mehr, sondern stolze Krieger. Sie lernten, richtig zu reiten, Sättel aus Leder, Bronzeschnallen und Fellen zu gebrauchen, ihre Füße in Schlingen aus Lederschnüren zu stecken, die rechts und links der Pferderücken herunterhingen.

Sie lernten ebenso gründlich Bogenschießen und die Handhabung des Schildes. Tausend Würfe mit der Lanze führten auch beim Dümmsten irgendwann zu einem Treffer. Rantiss brachte ihnen bei, wie man Pfeile herstellte. Er verband ihre Wunden und gebrauchte geheimnisvolle Salben. Sie lernten, ohne Müdigkeit acht Stunden zu reiten, das Pferd zu schonen, auf die Eigenarten des Tieres einzugehen. Fast jeder Ritt gedieh zu einem Kampfspiel. Sie lernten ferner, mit Messer oder Dolch und Löffel zu essen. Rantiss war ein Mann, der alles wusste und alles konnte. Er übertraf jeden von ihnen mühelos. Und an einem bestimmten Punkt vergaßen die Neuen, woher sie gekommen waren. Sie gehörten jetzt zu den Kameraden. Sie waren einzelne, aber geborgen in der Menge; eine Erfahrung, die gleichermaßen neu und faszinierend für sie war.

Und jeden Tag ritten sie weiter nach Südosten. Sie begriffen, warum man Pferde nicht schindete. Sie lernten, sich nach dem Essen die Speisereste aus den Zähnen zu stochern. Sie lernten, wie man Wild am Spieß briet, Fische fing, ausnahm und würzte, dass Hirsebier ein gutes Getränk war, wenn man nicht zuviel davon trank. Und dass es wichtig war, Körper und Kleidung sauber zu halten. Sie aßen Beeren, lernten den perfekten Gebrauch der verschiedenen Waffen und lernten, dass es nur zwei Dinge gab, denen man zu gehorchen hatte: dem eigenen Können und dem Anführer.

Hatte jemand Schwierigkeiten auf diesem langen Weg zur Einsicht, dann half Rantiss nach. Er war der beste Kamerad, der klügste Freund, trinkfest wie keiner und von rücksichtsloser Härte, wenn es nötig war. Es gab keinen der Zweihundert, der nicht Rantiss’ Freund war – und umgekehrt.

Einige Rucke am Zügel. Die zwei Reiter, die sich weit vom Zug entfernt hatten, blieben vor einem breiten Hohlweg stehen, nachdem die Pferde langsamer geworden waren.