Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Auf Terra schreibt man die Jahreswende 3818/19, als der Arkonide eine plötzliche Ortsversetzung erlebt. Atlans neue Umgebung ist die Galaxis Manam-Turu. Und das Fahrzeug, das dem Arkoniden die Möglichkeit der Fortbewegung im All bietet, ist die STERNSCHNUPPE. Und der neue Begleiter des Arkoniden ist Chipol, der junge Daila. In den sieben Monaten, die inzwischen verstrichen sind, haben die beiden schon manche Gefahr bestanden - immer auf der Spur jener Kräfte, die schon an anderen Orten des Universums verheerend wirkten. In dieser Zeit hat Atlan neben schmerzlichen Niederlagen auch Erfolge für sich verbuchen können. So sind zum Beispiel die Weichen für eine Zusammenarbeit der verbannten Daila mit den Bewohnern ihrer Ursprungswelt gestellt worden - was sich auf den Freiheitskampf der Daila gegen das Neue Konzil positiv auswirken dürfte. Nach den dramatischen Ereignissen um das Pre-Lo, das vom Erleuchteten, Atlans altem Feind aus Alkordoom, ausgeschickt wurde, um den Arkoniden zur Strecke zu bringen, hat dieser neue Probleme zu bewältigen. So geht Atlan nach dem jähen Verschwinden Fartuloons der Spur nach, die er auf der Welt der Weyngolen aufgenommen hatte. Er und seine Gefährten suchen den KONTAKT MIT GURAY ...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Veröffentlichungsjahr: 2012
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Nr. 730
Kontakt mit Guray
Atlan auf der Welt der erloschenen Sonne
von Arndt Ellmer
Auf Terra schreibt man die Jahreswende 3818/19, als der Arkonide eine plötzliche Ortsversetzung erlebt. Atlans neue Umgebung ist die Galaxis Manam-Turu. Und das Fahrzeug, das dem Arkoniden die Möglichkeit der Fortbewegung im All bietet, ist die STERNSCHNUPPE. Und der neue Begleiter des Arkoniden ist Chipol, der junge Daila. In den sieben Monaten, die inzwischen verstrichen sind, haben die beiden schon manche Gefahr bestanden – immer auf der Spur jener Kräfte, die schon an anderen Orten des Universums verheerend wirkten.
In dieser Zeit hat Atlan neben schmerzlichen Niederlagen auch Erfolge für sich verbuchen können. So sind zum Beispiel die Weichen für eine Zusammenarbeit der verbannten Daila mit den Bewohnern ihrer Ursprungswelt gestellt worden – was sich auf den Freiheitskampf der Daila gegen das Neue Konzil positiv auswirken dürfte.
Atlan, Mrothyr und Chipol – Sie erreichen die Welt der erloschenen Sonne.
Parok – Ein weiser Phurthuler.
Boran, Dulk und Soph – Drei Gesandte Gurays.
Guray – Ein Mythos erweist sich als Realität.
Guray ist voller innerer Unruhe. Er wartet auf die Rückkehr von über einem Dutzend seiner Gesandten. Sie sind nicht wie erwartet eingetroffen, und das Warten zehrt an Gurays Nerven. Aber Manam-Turu ist groß, und die Wege zwischen den Sternen sind verschlungen. Manchmal legen sich den kleinen Schiffen der Gesandten Hindernisse in den Weg, oder die Vielzahl anderer Transportmöglichkeiten lässt sich nicht benutzen, weil andere Wesen in der Nähe sind. Es gibt vieles, was Guray irritiert, und in der Neuzeit haben sich so viele neue Aspekte ergeben, dass der Schutzpatron der Piraten zwischen äußerster Vorsicht und forschem Draufgängertum schwankt, wenn er seine Befehle und Anweisungen gibt.
Die Hyptons sind gekommen, eine fremdartige Macht, die noch keiner zu Gesicht bekommen hat außer Soph. Soph hat die wertvollen Informationen über sie geliefert. Andere Gesandte haben die Ligriden erkundet und deren einheimische Helfer, die Naldrynnen. Die Ligriden stammen nicht aus Manam-Turu, soviel weiß Guray inzwischen. Die Hyptons haben sie mitgebracht.
Guray darf nicht ständig an die Hyptons denken. Die Fähigkeit dieser Wesen, andere Wesen geistig zu versklaven, macht ihm angst. Und diese kleine Angst nährt die große Angst, die tief in ihm sitzt und ihm zu keiner Zeit Gelegenheit gibt, völlig ruhig und ausgeglichen zu werden. Ein einzelner Gesandter kommt und teilt Guray bereitwillig mit, was sich ereignet hat. Ein Schiff der Piraten hat die Weltraumfalle der Ligriden entdeckt und die anderen Schiffe warnen können bis auf zwei.
Zwei Gesandte existieren nicht mehr, und der Verlust schmerzt Guray, als seien ihm gute Freunde genommen worden. Dabei hat der Schutzpatron keine guten Freunde, bei deren Hinscheiden er tiefe, schmerzende Regungen empfinden könnte. Es ist viel schlimmer mit ihm, aber er vergräbt seinen Gram in sich.
Endlich kommen die Verspäteten an. Sie sind froh, wieder auf dem Planeten zu sein, und Guray ist froh, dass sie ihm wieder Gesellschaft leisten. Gesandte verausgaben ihre Psyche, wenn sie sich unterwegs befinden, und der Schutzpatron weiß um dieses Handikap und bemüht sich, seine Diener so gut wie möglich zu stabilisieren. Er nimmt lieber ein wenig eigene Unruhe mehr in Kauf, denn er weiß, dass alle, die sich ihm als Gegner nähern können, seinen Schlupfwinkel niemals finden werden. Nur wer zu ihm gehört, hat die Chance, seine Nähe zu erreichen.
Und Manam-Turu ist groß, die Wege sind weit. Es gibt viele Sterne, Planeten und andere Himmelserscheinungen. In ihnen Guray zu finden, ohne geleitet zu werden, ist unmöglich. Das brächte nur einer fertig.
Vor ihm zittert Guray regelmäßig, vor ihm hat er die große Angst, die alles überdeckt, so dass er manchmal nicht mehr weiß, welche Anweisungen er an seine Gesandten und die ihnen unterstellten Völker gegeben hat.
Einen weiß er, vor dem Guray keine Angst hat. Er lässt ihn vorsichtig beobachten. Der Fremde arbeitet gegen die Hyptons und ihre Helfer, er setzt sich für die Freiheit der Rassen und Planeten ein. Der Schutzpatron erkennt, dass der Silberhaarige eigene Ziele verfolgt. Guray kennt sie nicht im einzelnen, aber dieser Atlan arbeitet ihm in die Hände, und Guray lässt ihn für sich arbeiten. Denn die Hyptons sind ihm unheimlich.
Guray will den Arkoniden finden, der irgendwo zwischen den Sternen herumfliegt. Er hat sich vor nicht allzu langer Zeit auf dem Planeten Pultar unter der Sonne Gyd aufgehalten, und Guray bewundert die Umsicht, die das Wesen mit dem Silberhaar bewies.
Der Schutzpatron der Piraten denkt nach. Er tut es intensiv und will in dieser Zeit nicht gestört werden. Über seine Piraten in der Stadt Barquass weiß er, dass Goman-Largo, Neithadl-Off und Anima den Arkoniden ebenfalls suchen. Deshalb hat er den Piraten Anweisung geben lassen, die drei an einer Suchaktion zu beteiligen. Sie haben Stadt und Planet Barquass bereits verlassen und durchstreifen die Galaxis, um Atlan zu finden. Die Piraten haben den dreien gegenüber keinen Hehl daraus gemacht, an wen sie über Atlan herankommen wollen.
Aber das ist eine andere Geschichte, an die Guray jetzt nicht denken kann.
Wieder einmal wird er gestört, wieder einmal brechen alle jene Stimmungen in ihm durch, die ihm das Leben schwermachen. Guray kämpft mit ihnen, und er hat längst begriffen, dass er sie nicht loswerden kann. Sie gehören zu seiner Persönlichkeit, er muss sie haben wie alles andere auch: Die Piraten, die Diener, die Schätze, die Freude und die Angst.
Guray ist der Sensible, und daran kommt er nicht vorbei.
*
»Es ist bald soweit. Es gilt, dem Schicksal gefasst ins Auge zu sehen!«
Dork hielt sämtliche Sensoren seiner Sinnesorgane nach oben gerichtet. Seine Artgenossen taten es ihm zögernd nach, doch viele von ihnen zuckten zurück. Sie richteten die Sensoren hastig wieder nach unten, und Dork ließ ein ungnädiges Grollen hören. Er fuhr den kurzen Sprechzylinder ein wenig mehr aus als bisher.
»Feiglinge!«, wies er sie zurecht.
Phur starb. Die Sonne hatte schon vor langer Zeit die letzte Phase eines unabwendbaren Prozesses eingeleitet. Sie verlor immer mehr an Kraft, und der O-5-Riese in vier Lichtjahren Entfernung besaß trotz seiner starken Strahlung nicht die Kraft, Phur zu ersetzen. Ganz im Gegenteil. Der strahlende Riese, dem das Volk der Phurthuler einst den Namen Tefairon gegeben hatte, sandte eine derart riesige Menge an Photonen aus, dass sie dem Planeten Phurthul gefährlich werden konnten, sobald der Strahlenmantel erlosch, den Phur noch teilweise produzierte. Die eigene Sonne verhinderte bisher mit ihrem Sonnenwind, dass der Einfluss Tefairons die Toleranzgrenze überschritt.
Nicht nur Phur starb. Auch die Lebenswolke veränderte sich, in die das Sonnensystem eingebettet war. Die Lebenswolke hatte in früheren Zeiten die Position einer hohen Gottheit besessen. Im Zeitalter der Forschung hatte sie dann allmählich ihre überirdische Kraft verloren und war zu einer bloßen physikalischen Erscheinung degradiert worden. Von Phurthul aus waren Messungen gemacht worden.
Die Lebenswolke bestand aus ionisiertem, interstellarem Wasserstoff, und sie besaß unter anderem den Nachteil, dass sie etliche Bandbreiten des Spektrums verschluckte und die gewöhnlichen Funkwellen völlig absorbierte. Bisherige Bemühungen, mit fremden Sonnensystemen in Kontakt zu kommen, waren dadurch fehlgeschlagen. Soviel wusste man jedoch, dass Tefairon als Nachbarstern keine Planetenbegleiter besaß.
Der Untergang nahte, und die Phurthuler konnten nichts dagegen tun. Ihr Volk war noch nicht so weit entwickelt, dass es die Raumfahrt besessen hätte. Ein paar Versuche in der Vergangenheit waren erfolglos abgebrochen worden. Es war einfach zu spät. Ein Rückstand von ein paar Jahrtausenden konnte nicht in wenigen Jahren und Monaten eingeholt werden.
»Du hast wohl Recht«, wandte sich Ranft an Dork. »Bald wird unsere Welt um einen toten Stern kreisen und ebenso tot sein wie er.«
Was dann zurückblieb, war die Lebenswolke. Sie würde leuchten wie immer. Sie würde zum Grab für ein Sternsystem, ohne etwas dafür zu können. Oder doch? Entzog die Lebenswolke Phur die Kraft, war sie für ihren Tod mitverantwortlich?
Keiner der Phurthuler unter freiem Himmel wagte es, diesen Gedanken in letzter Konsequenz auszudenken. Zu sehr waren auch diese Wesen in ihrer Weltanschauung verhaftet. Eine Lebenswolke konnte kein Todesbringer sein.
Die Wolke veränderte sich derart, dass sie mit abnehmender Leuchtkraft der Sonne stärker zu leuchten anfing. Sie glühte und war als bläulicher Schimmer auf der Tag- und der Nachtseite des Planeten zu sehen. Der Tag nahm langsam ab und ging in eine Phase der Dämmerung über.
Ein Jaulen klang am Horizont auf. Die Phurthuler wandten ihre Sensoren in die Richtung. Sie erkannten eine Gruppe von Flugzeugen, die am blassblauen Firmament emporzogen, das in früheren Zeiten goldgelb geleuchtet hatte. Die Maschinen flogen wirr durcheinander, sie hielten keinen rechten Kurs ein. Es sah sogar aus, als versuchten sie, sich gegenseitig zu rammen. Dabei kamen sie Jabbach-Stadt immer näher und hatten bald die Badeseen erreicht, die nur noch von wenigen Phurthulern benutzt wurden, da sie zu kalt geworden waren.
»Hinweg!«, schrie Dork auf. Er fuhr herum, und seine Stummelbeine verhedderten sich dabei so, dass er stürzte und einen Moment lang benommen liegen blieb. Hoch oben in der Luft krachte es. Ein Kreischen und Heulen belehrte ihn, dass zwei der Maschinen kollidiert waren und abstürzten.
Kamikaze!, durchzuckte es den Phurthuler. Sie bringen sich gegenseitig um. Die ganze Jagdstaffel des Kontinents begeht Selbstmord!
Er wurde emporgerissen und hinüber zu einer der Bodenluken gezerrt, die in die Stadt führten. Jabbach-Stadt lag dicht am Boden, geduckt wie ein Riesenkarmack vor dem Sprung. Unter der Oberfläche führten mehrere Fluchtgänge von den Kellerräumen ins Freie. Ein paar hohe Türme ragten aus den flachen Gebäuden empor.
Der Untergrund erzitterte. Unregelmäßige Bebenwellen pflanzten sich fort, und die Phurthuler wussten, dass die beiden Maschinen aufgeschlagen waren. Kurz darauf ereignete sich ein zweiter Absturz, und den Geräuschen nach stürzte etwas in einen der Seen. Inzwischen hatten die Fliehenden den Bereich der äußeren Keller erreicht. Sie hielten vor einer Tür an.
»Hier unten sind wir am sichersten«, verkündete Ranft. »Warum bauen wir keine Städte unter der Oberfläche?«
Die Frage war rein rhetorischer Natur. Jeder Phurthuler wusste, dass die Sonne die wichtigste Energiequelle des Planeten war. Es gab auf ihm keine Atomindustrie, mit der beliebig Energie erzeugt werden konnte. Phurthul war zum Aussterben bestimmt, eine kalte Welt in einer Bahn um einen kalten, dunklen Stern.
Dennoch suchten die Bewohner der Siedlungen in den Kellern Schutz. Sie waren noch warm, weil sie die Wärme der unteren Bodenschichten empfingen und speicherten.
Dork wollte die Tür aufstoßen. Sie war versperrt, und er klopfte dagegen.
»He!«, rief er. »Wir sind es. Macht auf!«
»Der Keller ist besetzt«, kam undeutlich eine Antwort. »Sucht euch einen anderen Platz!«
Wieder erfolgte ein Mehrfachaufschlag draußen in der Ebene. Pland verlor die Nerven und schob Dork zur Seite. Er warf sich mit der ganzen Gewalt seines Körpers gegen die Tür. Sie ächzte und knirschte, gab jedoch nicht nach. Ein Schlag warf die Phurthuler von den Beinen. Irgendwo in der Nähe war eine der Maschinen aufgeschlagen. In der Decke des Ganges bildete sich ein breiter Riss, und Erde und Steine stürzten auf die Wesen herab. Sie begruben sie unter sich, und Dork arbeitete sich mühsam unter dem Dreck hervor. Er half seinen Artgenossen auf und schrie erneut um Einlass. Er rief die Namen aller Phurthuler, die er in der Stadt kannte. Er nannte seinen eigenen und die seiner Begleiter. Hinter der Tür rührte sich nichts mehr, und als der nächste Aufschlag erfolgte, da kam das Geräusch nicht mehr von hinten, sondern von vorn. Mindestens eine der Maschinen war in die Stadt gestürzt.
Fassungslos beobachteten Dork und seine Begleiter, wie die Tür zusammenknickte und mehrfach gefaltet wurde, als sei sie aus dünnem Stroh gemacht. Im nächsten Augenblick brach die Kellerwand ein, und die Decke des Ganges kam endgültig herunter. Tonnen von Dreck und Mauersteinen häuften sich an der Mündung auf und begruben die Phurthuler unter sich.
Dorks letzter Gedanke galt der Lebenswolke.
Es beginnt!, begriff er. Danach hüllte ihn die Finsternis des ewigen Vergessens ein.
*
Die Einigen Dreihundert wussten längst, dass sie den Lauf der Dinge nicht mehr aufhalten konnten. Die Stadt rund um das Regierungsviertel glich einem aufgescheuchten Nissenstock. Das Geschrei der in Panik gefallenen Phurthuler und Phurthulerinnen machte selbst bei geschlossenen Fenstern nervös. Die historischen Wachen draußen an den Toren zum Blauen Platz fingerten nervös an den Griffen ihrer altertümlichen Waffen, mit deren stumpfen Klingen sie im Ernstfall niemanden aufzuhalten vermochten. Mit kleinen, fast nicht erkennbaren Trippelschritten zogen sie sich unter die Tore zurück, und dann waren sie von der Umschaugalerie aus nicht mehr zu erkennen. Dumpfe Schläge deuteten an, dass die Tore verschlossen worden waren.
Das Verschwinden der Wachen wirkte wie ein Signal. Der Bevölkerung signalisierte es, dass die Einigen Dreihundert sich verbarrikadierten. Dass sie sich zurückzogen und womöglich flohen. Es sah danach aus, als hätten sie die Möglichkeit, sich irgendwo vor der Katastrophe in Sicherheit zu bringen.
Langsam rückte die Volksmenge auf das Viertel zu. Sie achtete nicht auf die Phurthuler, die oben hinter der Umschaugalerie standen und ihnen begreiflich machen wollten, dass sie noch da waren und kein Grund zur Besorgnis bestand. Längst hatte die Angst den Geist verwirrt, und viele sahen in ihren Artgenossen nur noch Feinde, die ihnen ans Leben wollten.
Schwere Schritte klangen auf. Parok war ein dicker, schwitzender Politiker, aber er tat viel für das Volk und genoss hohes Ansehen. Er amtierte zur Zeit als Sitzungspräsident der Einigen Dreihundert, die in den letzten Jahren und Jahrzehnten alles andere als einig gewesen waren. Parok winkte mit einem metallenen Gegenstand, und er schob sich an den Mandatsträgern vorbei und steuerte zielbewusst auf die Türen der Galerie zu.
»Er hat ihn!«, machte der Satz die Runde. »Er hat den Schlüssel gefunden, der die Umschau öffnet!«
Das Schloss knirschte, als Parok öffnete. Die Einigen Dreihundert drängten hinaus auf den Balkon der Galerie. Unten wogte die Menge vor den verschlossenen Toren. Erste Schläge vom Rammböcken klangen zu den Politikern herauf.
»Hört her!«, schrie Parok laut. Er richtete alle Sensoren nach unten. »Wir sind da. Wir beschützen euch!«
Seine Worte gingen in dem Lärm unter, der von unten heraufdrang. Niemand beachtete die Galerie, niemand sah die Politiker.
Parok wandte sich um, weil es ein Zeichen des Anstands war, nicht nur die Sinnesrezeptoren, sondern auch die Sprechöffnung denen zuzuwenden, mit denen man umging.
»Sinnlos«, erklärte er. »Ich sehe es euch an, dass auch ihr nicht mehr vollständig über eure Sinne verfügt. Mir ergeht es ebenso. Ich bin ratlos.«
»Was sollen wir denn tun?«, klang eine hysterische Stimme auf.
»Automatisch tritt Plan dreihunderteins in Kraft«, hauchte der Vorsitzende. Betroffenes Schweigen machte sich breit. Plan dreihunderteins beinhaltete die Auflösung der Einigen Dreihundert. Jedes Mitglied war nur noch sich selbst verantwortlich. Damit besaß Phurthul keine Regierung mehr.
»Das bedeutet Anarchie!«, fuhr Parok fort. »Jeder weiß es. Niemand kann es aufhalten. Die Städte und alle anderen Siedlungen sind verloren. Es wird zu Mord und Totschlag kommen. Wir können nur zur Lebenswolke beten und hoffen, dass wenigstens ein Teil unseres Volkes überlebt!«
Parok war nie durch besondere Religiosität aufgefallen. Dass er jetzt vom Beten sprach, machte Eindruck bei den Politikern. Sie rissen sich ein wenig zusammen und verließen die Umschaugalerie. Ein paar wechselten noch Grußworte mit Freunden, dann gingen sie nach dreihundert Richtungen auseinander, was bei den vielen Gängen und Gebäudeflügeln des Regierungsviertels nicht schwierig war. Weit unten in den Korridoren des Erdgeschosses hörten sie bereits die Menge rumoren und kreischen. Sie rief nach der Regierung und ihrem Schutz, aber die Regierung konnte nicht helfen. Jedermann wusste das, aber die Verzweiflung in der Bevölkerung war zu groß. Neben einigen wenigen Lethargischen machten sich die meisten dadurch Luft, dass sie etwas taten, was sie zuvor nie getan hatten. Sie stürzten sich von den Türmen und durchschlugen die Dächer der flachen Gebäude. Sie zogen durch die Straßen, randalierten und zerstörten, um ihre Todesangst abreagieren zu können.
Phur sah alledem zu und änderte ihr Verhalten nicht. Die Sonne wurde dunkler und kälter. Sie hatte jenes Stadium erreicht, in dem sich der schleichende Auskühlungsprozess sprunghaft beschleunigte. Die Leuchtkraft ging von Stunde zu Stunde zurück, und die Lebenswolke leuchtete immer intensiver und freundlicher.
