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November 3103 alter Terranischer Zeitrechnung: Die Milchstraße ist ein gefährlicher Ort. Verschiedene Gruppierungen kämpfen gegen das Solare Imperium der Menschheit, Sternenreiche entstehen neu, und überall ringen kleine Machtgruppen um mehr Einfluss. In dieser Zeit geht die United Stars Organisation - kurz USO genannt - gegen das organisierte Verbrechen vor. An ihrer Spitze steht Atlan, Perry Rhodans bester Freund. Der ca. 9000 Jahre v. Chr. geborene Arkonide ist dank eines Zellaktivators relativ unsterblich. Als junger Kristallprinz erkämpft er sich die rechtmäßige Nachfolge und besteigt Arkons Thron, bis er im Jahr 2115 abdankt und die Leitung der neu gegründeten USO übernimmt. Auf Terra existiert nach wie vor Atlans Unterwasserkuppel. Sein Geheimstützpunkt liegt südlich der größten Azoreninsel Sao Miguel am Meeresgrund im Schutz eines Energieschirmes verborgen. Plötzlich sendet die Bordpositronik der Tiefseekuppel Signale, die den Arkoniden in höchste Alarmbereitschaft versetzen. Rico, Atlans treuer Robotgefährte, der mehr über den Unsterblichen weiß als sonst jemand, schwebt in höchster Gefahr ...
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Veröffentlichungsjahr: 2015
Rico
von Arndt Ellmer
Hans Kneifel gewidmet,
der mit seinen ATLAN-Zeitabenteuern
die schönste und spannendste Verbindung
zwischen Vergangenheit und Zukunft
Atlan – der Lordadmiral bangt um einen Freund und um den Frieden in der Milchstraße
Bante Lerte – für den Carsual-Major heißt es – Ferrol sehen und sterben
Decaree Farou – weil Atlan ihre Heimatstadt besucht, muss sie auf seinen Japanischen Garten warten
Greg Benson – der Mann von DABRIFAUC findet den Maulwurf zu spät
Gucky – dem Mausbiber missfallen verschmutze Strände
Haydin Escobar – ein toter Taucher weiß zu viel
Henderson – der Assistent des Professors erregt den Unmut der falschen Person
Hendrik Voltham – der Mann mit den vielen Namen mag keine Müllschlucker
Jean-Claude Monmartin – Atlans Doppelgänger oder umgekehrt?
Lady Sister – in der dünnen Drei-Schwester steckt mehr als man denkt
Leutnant Higgins – eine rechte Hand, die weiß, was die Linke tut
Louise Vimteaux – die schöne Comtesse spielt ein Spiel auf Leben und Tod
Madame Tristesse – auch eine zu gute Spürnase kann tödlich sein
Mitchell – eigentlich sind alle mit ihm verwandt
Nikos Themosthenes – der USO-Major findet ein neues Betätigungsfeld
Paceto Caldras – der alte Inselvorsteher ist umgezogen
Perry Rhodan – der Großadministrator weiß, wem er vertrauen darf
Rico – auch robotischer Leichtsinn wird bestraft
Saint-Phare – der Professor verliert erst die Hoffnung und dann das Gedächtnis
Velaton – der Akone bekommt nicht, was er will, sondern was er nicht will
Zerog Fantor –
»Sie sind weit in der Überzahl!«
In dem Klirren von Hunderten Schwertern drang Doraks Warnruf nur undeutlich zu mir durch. Ich wich einem der Hünen aus dem Sumpfland aus und stellte ihm ein Bein, sodass er stürzte. Gleichzeitig versuchte ich, Blickkontakt zu Dorak zu erhalten. Es gelang mir nicht. Um mich herum wimmelte es nur so von stark behaarten, kaum bekleideten Kriegern des Malikuschi Drag.
»Wie viele?«, schrie ich.
»Mindestens tausend …«
Ein Teil seiner Worte ging im Zischen von Pechschleudern unter. Ich sah die kochende schwarze Substanz in der Luft, hundert bis zweihundert Meter entfernt. Die Sumpfkrieger versuchten uns damit den Weg abzuschneiden.
»Zurück aufs Schiff!«, schrie ich, so laut ich konnte.
Die Knäuel der Kämpfenden gerieten durcheinander, der Lärm der Schwerter und Keulen wurde erst lauter, dann leiser. In meiner Nähe rückten die Körper der namenlosen Sumpfkrieger auseinander, dazwischen tauchte der spitze Lederhelm eines Fremden auf. Sein Gesicht zog meine Blicke wie magisch an. Es war glattrasiert. Die Augen glühten. Das Gesicht selbst schien wie aus Stein gemeißelt.
»Stirb«, zischte er in der Sprache der Nordküstenbewohner, die ich hier am allerwenigsten erwartet hätte. In seiner linken Hand hielt er eine Basaltaxt, in der rechten einen langen steinernen Dolch.
Ich wich zurück. Nicht, weil ich vor diesem Mann Angst gehabt hätte, sondern weil ich erkannte, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte. »Halt ein«, schrie ich hastig. »Ich bin Atlan aus Nokra. Wir sind Verbündete!«
Der Fremde reagierte nicht. Stumm hieb er auf mich ein. Reflexartig wich ich dem Axthieb aus, ließ mich nach links fallen und fing mich mit den Händen ab. Gleichzeitig trat ich ihm mit dem linken Fuß den Dolch aus der Hand. Ein kurzes Nachschlagen gegen seine Waden, und er fiel wenig elegant in den Staub. Über mir tauchte in schneller Bewegung ein Sumpfkrieger auf. Zwei pelzige Hände legten sich um meine Gelenke.
»Dorak!« Zwischen den Beinen der Kämpfer hindurch sah ich ihn liegen, die Augen ausdruckslos starr noch oben gerichtet. Der Speer des Gegners steckte in seiner Brust.
Ein Schleier legte sich über meine Augen, ich stöhnte. Silberne Lichter tanzten auf und ab. Der Fremde mit der Spitzmütze stach mit einer dünnen Nadel in meinen Arm, obwohl er mich ohne Weiteres hätte töten können. Ich spürte, wie Wärme meinen Körper durchflutete. Die silbernen Lichter wichen vor mir zurück, und ich entdeckte ein Gesicht über mir.
»Entspanne dich, Gebieter. Es ist alles in Ordnung!«
Das Gesicht gehörte Rico, meinem Roboter, das erkannte ich in den wenigen Augenblicken mit, in denen ich klar denken konnte. Dann übermannte mich die Erschöpfung. Ich wurde ohnmächtig.
Sie schlangen kalte, metallene Fesseln um meine Arme und Beine. Ich versuchte es zu verhindern, indem ich den Körper hin und her warf. Etwas Kaltes, Glitschiges legte sich auf mein Gesicht. Ich rang nach Luft.
»Jetzt die Augen«, hörte ich eine emotionslose Stimme. Ich wollte den Kopf abwenden, aber er war durch Klammern fixiert.
»Lasst den Unfug«, wollte ich rufen, aber es kam nur ein Krächzen aus meinem Mund. Nach einer Weile ließ der Druck auf den Kopf und die Gliedmaßen nach.
»Entspanne dich, Erhabener«, vernahm ich erneut die Stimme.
Ein halbes Dutzend Medoroboter schwebten über mir, kegelförmige Maschinen unterschiedlicher Größe. Unerbittlich folgten sie ihrem fest vorgegebenen Programm. Mit Lasern schufen sie winzige Öffnungen in meinem Körper, setzten Kanülen, legten Drainagen und zapften mir Blut ab. Als ich erneut aus einer Ohnmacht erwachte, sah ich die Schläuche, die zu einem Kasten führten, der schräg über mir in der Luft hing.
Etwas stimmt nicht!, stellte ich fest. Das Erwachen dauert viel zu lange.
An die Schmerzen des Erweckungsprozesses hatte ich mich in den Jahrtausenden auf Larsaf III gewöhnt. Meist dauerte es Tage, bis ich wieder im Vollbesitz meiner geistigen und körperlichen Kräfte war. Ohne den Roboter mit seinem Bioplastgesicht hätte ich es in ein paar Fällen nicht überlebt. Die Unterwasserkuppel in den Tiefen des Atlantiks wäre mir zum Grab geworden.
Ihr Sternengötter!, murmelte ich. Lasst mich nicht in der Fremde sterben.
Larsaf III als Friedhof für einen Kristallprinzen – es hätte die Familie der Gonozal für alle Zeiten der Lächerlichkeit preisgegeben, wenn es denn jemand erfahren hätte.
In meinem Brustkorb blähten sich die Lungenflügel auf. Stechender Schmerz raste bis zum Hals. Wieder rang ich nach Atem, aber gleichzeitig zischte die nächste Injektion, diesmal seitlich am Nacken. Ich wehrte mich nicht mehr gegen den Schmerz, sondern nur noch gegen das Vergessen. Ich kämpfte einen lautlosen und reglosen Kampf, um nicht erneut das Bewusstsein zu verlieren.
Ich bin Mascaren da Gonozal, rechtmäßiger Erbe des Throns von Arkon. Unglückliche Umstände haben mich zu einem Gestrandeten auf dem dritten Planeten von Larsafs Stern gemacht. Seither lebe ich von der Hoffnung, diese Barbarenwelt wieder verlassen zu können.
Wohlige Wärme breitete sich in meinem Körper aus. Ich wurde müde, die Gedanken immer leiser, als entfernten sie sich von mir. Ich gab mir einen Ruck, versuchte mit letzter Willenskraft das Unvermeidliche zu verhindern. »Nein!«
Etwas drückte gegen meinen Körper, versuchte ihn am Boden zu halten. Ich spürte, wie ich erneut den Kontakt zur Wirklichkeit verlor und Erinnerungsfetzen aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche stiegen. Der Kämpfer setzte mir die Spitze seines Steindolchs an die Kehle.
»Verbündete?«, lachte er. »Kerbil braucht keine Verbündeten.«
»Auch keine Löwenjäger?«
Der Kerl zuckte leicht. Die Spitze seines Dolches ritzten meine Haut. Hastig nahm er die Waffe zur Seite.
»Die Jäger des Goldenen Löwen?«
»Auf dem Weg nach Kerbil.«
Er trat einen Schritt zurück und reichte mir die Hand. »Steh auf, Atlan.«
Sein lauter Ruf ließ die Sumpfkrieger innehalten. Sie lösten sich von ihren Gegnern und steckten die Waffen ein.
So schnell meine Beine mich trugen, rannte ich hinüber zu Dorak. Seine Hände umklammerten den Speer, der in seiner Brust steckte. Als er mich sah, verlor sein Blick jede Starrheit. Er grinste, zog die Spitze aus seinem dicken Wams und warf den Speer achtlos zur Seite.
»Es geht nichts über ein paar flache Steine unterm Hemd«, knurrte er. »Der Kerl hat doch tatsächlich geglaubt, ich sei tot. Ich sage dir, Atlan, es war leicht, die Wucht der Waffe zu bremsen, aber schwer, den Speer senkrecht zu halten, als würde er tief im Körper stecken.«
Der Sumpfkrieger trat herbei und hob die Waffe auf. Er gab etwas in einer Sprache von sich, die wir nicht verstanden. Aber sein Mienenspiel war vielsagend genug.
»Das wird ihm kein zweites Mal passieren«, klärte ich Dorak auf. »Beim nächsten Mal prüft er nach, ob er auch wirklich getroffen hat.«
»Ich bin müde. Weckst du mich, sobald wir aufbrechen?«
»Ja.«
Seltsamerweise überkam auch mich mit einem Mal eine bleierne Schwere. Statt zu dem Nordküstenbewohner zurückzukehren, streckte ich mich neben Dorak aus.
Augenblicke später war ich eingeschlafen.
»Elektroschock«, sagte die Stimme. »Vorsichtig, der Zellaktivator darf keinen Schaden nehmen!«
Noch immer war mein Körper schwer wie Blei. Mein Gesicht glühte, meine Zunge schien sich in einen aufgequollenen Klumpen verwandelt zu haben.
»Rico«, murmelte ich, »lass mich endlich richtig aufwachen.«
Der Roboter schlug auf mich ein, als wolle er alle meine Knochen brechen. Erst nach ein paar Hieben kam ich auf den Gedanken, dass es die Elektroschocks waren, die ich spürte. Was sie im Einzelnen bewirkten, konnte ich in diesen Augenblicken nicht sagen. Ich bekam wieder besser Luft, das Blut erhielt mehr Sauerstoff, und der Kreislauf stabilisierte sich.
Nach und nach kehrte mein Wahrnehmungsvermögen zurück. Ich blinzelte in das gedämpfte Licht der Schlafkammer, sah Schatten, die sich bewegten. Kegelförmige Schatten. Sie schwebten über und neben mir, durch Schläuche mit meinem Körper verbunden.
Ich fröstelte leicht.
»Was ist geschehen?«, ächzte ich.
Aus dem Nichts hinter meinem Kopf tauchte das Gesicht des Roboters auf. »Eine Fehlfunktion der Kuppelpositronik ist die Ursache. Sie hat ohne ersichtlichen Grund den Erweckungsvorgang eingeleitet«, sagte Rico. »Die Prozedur wurde so schnell durchgeführt, dass du in Lebensgefahr geraten bist, Gebieter.«
Die Kuppelpositronik – der oberste positronische Koordinator meines unterseeischen Stützpunkts also. Auf den Rechner war bisher immer Verlass gewesen, eine Fehlfunktion musste schwerwiegende Ursachen haben.
Ich versuchte mich mit den Armen abzustützen und mich aufzurichten. Stechender Schmerz jagte vom Nacken in den Kopf und ließ mich halb bewusstlos werden.
»Vielleicht ein Raumschiff …« Mein Atem ging rasselnd. Ich bekam einen Hustenanfall und spuckte Schleim.
Mein Extrasinn meldete sich. Narr! Langsam wird es bei dir zur fixen Idee.
Die Fehlfunktion … Ich klammerte mich an den Gedanken wie ein Ertrinkender, der sich an einem Strohhalm festzuhalten sucht.
Der Logiksektor schwieg wie immer, wenn er mich für einen hoffnungslosen Fall hielt. Ähnlich fühlte ich mich auch.
Ich starrte Rico an, dessen Gesicht von meiner Position aus auf dem Kopf stand, das Kinn oben, die Stirn unten. Mit einem Finger strich er mir eine weiße Haarsträhne aus dem Gesicht.
»Wasser! Ich …«
»Vorsicht!«, warnte einer der Medoroboter leise. »Der nächste Blutdruckabfall kündigt sich an.«
Das kühle Getränk, das Rico mir gab, weckte die Lebensgeister meines Gaumens und Rachens. Aber gleichzeitig versickerten meine Gedanken, zog sich das Blut aus dem Kopf zurück wie die weichende Flut vom Ufer.
»Rico …«
»Kämpfe weiter, Gebieter! Hilf uns dabei, den Tod zu besiegen! Deinen Tod!«
Ich hätte es so gern getan, aber ich war zu schwach. Es hielt mich nicht mehr auf den Beinen. Ich klammerte mich an Dorak, den tapferen Jäger. Er konnte sich selbst kaum noch aufrecht bewegen, dennoch stützte er mich. Und dann stürzten wir gemeinsam auf den felsigen Untergrund, holten uns Abschürfungen und Prellungen.
Wie lange wir dalagen, ich wusste es nicht. Jegliches Zeitgefühl war mir abhanden gekommen. Irgendwann erhielt ich einen Faustschlag in die Seite – eigentlich eher ein kraftloser Stoß, der mir dennoch die Luft aus der Lunge trieb.
»Ich – rieche – Wasser«, stöhnte Dorak. Ich starrte auf das zerschundene Gesicht und das wirre Haar. Nichts war von der herrlichen Turmfrisur übrig, die er bei unserem Aufbruch mit Stolz getragen hatte. »Komm mit, Atlan!«
»Wasser! Ah!«
Er kroch vorwärts, Zentimeter um Zentimeter. Ich versuchte ihm zu folgen, so gut es ging. Bald war er mir um Meter voraus, und irgendwann sah ich ihn weit weg bei den Felsen. Fast mühelos räumte er sie zur Seite, während ich mit blutigen Fingern über den eiskalten Boden kroch.
Mit letzter Kraft robbte ich voran. Als ich den Felsriss erreichte, war Dorak längst weitergegangen. Ich tauchte die Hände in das herrliche Quellwasser und schöpfte von dem erquickenden Nass. Zehnmal trank ich, dann spürte ich die erste Reaktion meines Körpers auf die unerwartete Erfrischung. Es gelang mir, mich ein wenig aufzurichten und mich an die Quelle zu knien. Ich hielt die Hände zusammen und schöpfte dadurch effektiver aus der Quelle.
Trink nicht zuviel davon! In großen Mengen kann auch Wasser tödlich sein!
In diesen Augenblicken war es mir egal. Das Wasser aus der Quelle besaß auf geheimnisvolle Weise Heilkraft. Die Abschürfungen an den Händen verschwanden wie von Geisterhand. Frisch gestärkt machte ich mich auf den Weg und folgte Dorak, der eine deutliche Spur auf dem Untergrund hinterließ.
Ich sah ihn am Fuß des Felsmassivs liegen. Er hatte den Abgrund nicht bemerkt und war abgestürzt.
»Dorak, nein!«, schrie ich, so laut ich konnte. »Du darfst ebenso wenig sterben wie ich!«
»Rapider Blutdruckanstieg«, sagte eine Stimme über mir. »Den nächsten Anfall wird er nicht überleben. Da hilft auch sein Zellaktivator nichts mehr.«
Ich spürte Schläuche in der Nase, die Medos führten mir zusätzlichen Sauerstoff zu. Nach ein paar Minuten ging es mir deutlich besser. Ich drehte den Kopf und hielt nach Rico Ausschau, aber er war nicht da.
»Die Nieren versagen, die Leber ist stark angeschwollen.« Die Worte schienen von überall her zu kommen. »Wir leiten die Entgiftung ein.«
»Erste Transfusion startet.«
Mein Bauch schmerzte. In der Mitte meines Rumpfes schien ein Stein zu sitzen. Ich versuchte die Augen zu öffnen, aber es gelang mir nicht.
Es kann so nicht ewig weitergehen! Gleichzeitig war mir klar, dass ich keine Möglichkeit hatte, es zu beeinflussen. Ich konzentrierte mich, bemühte mich gleichmäßig und tief zu atmen. Nach kurzer Zeit aber verließ mich die Kraft. Ich schaffte es einfach nicht.
Was hatte Rico gesagt? »Hilf uns dabei, den Tod zu besiegen! Deinen Tod!«
Bei allen Göttern Arkons, wie viele Jahre war das schon her? Hundert? Tausend?
Ich versuchte, nicht auf die Stimmen zu achten, die hin und wieder Bemerkungen von sich gaben. Kontrolliere deinen Puls. Du kannst das. Dein Zellaktivator unterstützt dich dabei!
Das lebenspendende Ei auf meiner Brust diente vor allem der fortwährenden Zellerneuerung und damit der Lebensverlängerung. Wie lange der Aktivator seinen Dienst tun würde, wusste ich nicht. Es erschien mir daher angebracht, von relativer Unsterblichkeit zu sprechen.
Der Aktivator schützte auch nicht vor einem gewaltsamen Tod. Ich musste selbst auf mich aufpassen und mich Tag für Tag aufs Neue dieses Gerätes würdig erweisen.
Jetzt! In diesen Stunden und Tagen oder Jahren.
Ein Stich in der Herzgegend erinnerte mich an die Gefahr, in der ich schwebte. Ich richtete meine Sinne nach innen, versuchte die Vorgänge in meinem Körper zu erkennen. Dass meine Organe reihum versagten, konnte gar nicht sein. Eher stimmte die Steuerung durch das Gehirn nicht. Der zu schnelle Vorgang des Erwachens …
Die Elektroden an meinem Kopf – die Roboter versuchten alles, um mir zu helfen. Aber ich musste mir auch selbst helfen.
Du hast die Kraft! Nutze sie! Ich redete mir etwas ein, aber dann überwand ich meine inneren Vorbehalte gegen mich selbst.
Was esse ich am liebsten? Welchen Wein trinke ich gern?
Selbst das Denken fiel mir immer schwerer. Ich versuchte die Gedanken festzuhalten, doch sie entglitten mir. Ich vergaß die Fragen. Die Hitze in meinem Kopf zehrte sie auf. Alles in mir loderte wie Feuer.
»Der vierte Anfall steht unmittelbar bevor.« Diesmal verstand ich die Worte deutlich und klar. Aber der Flammenfraß in meinem Innern blieb.
Mühsam kletterte ich den Felshang hinab, bis ich Dorak erreichte. Er lebte noch. Wieder hatte sein gefüttertes Wams mit den eingearbeiteten Steinen ihn vor dem Schlimmsten bewahrt.
»Komm, ich helfe dir auf«, sagte ich.
Er wandte mühsam den Kopf in meine Richtung. Ich sah, dass Blut aus Mund und Nase lief. Hastig kniete ich bei ihm nieder.
»Es wird alles gut!«
»Ja«, ächzte er. »Aber einer muss gehen. Ich bin an der Reihe!«
»Du wirst nicht sterben, hörst du?«
»Wer will es mir verbieten?«
»Komm, ich helfe dir auf!«
Ich wollte ihn unter den Armen fassen, ihn an die Felswand setzen und ihm meinen Aktivator umhängen. Schon einmal hatte ich ihn damit vor dem sicheren Tod bewahrt.
Er wehrte sich, aber dann zog er doch die Beine an den Körper und unterstützte mich in meinem Bemühen.
»Zu spät«, stöhnte er.
Entgeistert starrte ich auf die Gestalt, die ich in meinen Händen hielt. Es war nicht Dorak, ich war es selbst. »Aber …!«
Jemand zog einen Vorhang beiseite, den ich bisher nicht bemerkt hatte. Wieder sah ich silbernes Licht – und Roboter, in deren Tentakeln ich hing.
»Exitus abgewehrt«, hörte ich wieder die robotische Stimme sagen. »Wir geben ihm erneut Sauerstoff!«
Noch immer fassungslos ließ ich es über mich ergehen. Dieses Mal befestigten sie eine Atemmaske auf meinem Gesicht und legten mich zurück auf die dick gepolsterte Liege.
Ich war noch immer in der Schlafkammer, die längst einer multifunktional ausgestatteten Medostation glich.
»Ich bin müde.«
»Dann schlafe, Erhabener!« Undeutlich sah ich das Bioplastgesicht des Roboters am Fußende des Bettes.
Ich schloss die Augen und schlief ein paar Sekunden. Als ich sie wieder öffnete, spürte ich die Kraft, die in meinen Körper zurückströmte. Das Pochen des Aktivators war leiser, lange nicht mehr so heftig wie zuvor.
Rico war da. Er stand neben mir.
»Es geht dir besser, Gebieter. Deine Körperwerte normalisieren sich.«
»Ich bin gar nicht mehr müde …«
»Kein Wunder, Erhabener. Du hast drei Tage und drei Nächte an einem Stück durchgeschlafen.«
»Das kann nicht sein.«
»Ein Narkoseeffekt«, sagte der Roboter zu mir. »Deshalb kommt es dir vor, als seien es nur Augenblicke gewesen.«
Ich stemmte mich mit den Ellenbogen ein Stück hoch, es klappte sogar. »Wieso …«
»Ich weiß es noch immer nicht«, gab Rico zur Antwort. »Die Kuppelpositronik ist wieder intakt, alle Systeme arbeiten normal. Die Fehlerquelle konnte bislang nicht lokalisiert werden. Sie wird noch gesucht. Hier, trink, Gebieter!«
Er reichte mir einen Krug mit Wein. Im Augenblick war es mir gleichgültig, ob er synthetischen Ursprungs war oder nicht. Er schmeckte so köstlich wie der, den ich im Zweistromland genossen hatte. Ich trank ein paar Züge, dann rebellierte mein Gaumen, und ich verlangte nach Wasser.
»Das überhastete Erwachen hätte mich das Leben kosten können«, sagte ich leise. »Sobald ich mich erholt habe, mache ich mich auf die Suche nach der Ursache des Programmfehlers.«
»Überlass das getrost mir, Gebieter.«
Ich drehte mich herum. »Hilf mir auf!« Er fasste mich unter den Armen und setzte mich an die Bettkante. »Wie viel Zeit ist seit meiner letzten Wachphase vergangen?«
»Zweihundert Larsaf-Drei-Jahre.«
»Und du bist dir ganz sicher, dass die Kuppelpositronik mich nicht geweckt hat, weil auf dieser Welt etwas Wichtiges vorgefallen ist?«
»Ganz sicher.«
Ich machte Anstalten aufzustehen. Rico reichte mir den Arm. Drei Anläufe brauchte ich, bis die Beine mich endlich trugen. Eine Weile gingen wir langsam in der Schlafkammer hin und her, immer unter den wachsamen Linsen und Scanner der Medoroboter.
»Ich werde ein paar Tage trainieren und dann an die Oberfläche zurückkehren«, kündigte ich an.
»Das empfehle ich nicht«, meinte der Roboter. »Da dein Körper wieder normal funktioniert, brauchst du den Heilschlaf dringender denn je.«
»Du hast schon alles veranlasst?«
»Ja. In drei Stunden ist es soweit. Zusätzliche Redundanzsysteme werden dafür sorgen, dass es kein zweites Mal zu einem solchen Vorfall kommt.«
»Die Redundanz der Redundanz also.«
Rico kannte mich längst in- und auswendig und hörte den Sarkasmus in meiner Stimme nur zu deutlich.
»Sei unbesorgt, Erhabener. Ich werde über dich wachen!«
Drei Stunden begleitete er mich durch die Kuppel, und in dieser Zeit beschäftigten sich meine Gedanken mehr mit dem Roboter als mit meiner neuerlichen Schlafphase. Rico war immer in meiner Nähe gewesen. Anfangs, vor etlichen tausend Jahren, mochte er noch ein simpler Roboter für mich gewesen sein. Inzwischen war er weit mehr; ein Begleiter und Wächter, ein Ratgeber. Und eine wichtige Stütze auf dieser Welt, wenn mich die Hoffnungslosigkeit umfing und ich alles verloren glaubte.
Mit diesen Gedanken kehrte ich in die Schlafkammer zurück, wo die Roboter bereits alles für meine Ankunft vorbereitet hatten. Ich legte mich hin, sah ihnen zu, und nach einer Weile verschwammen die Kegelgestalten vor meinen Augen. Nur Ricos Gesicht blieb deutlich, weil direkt über mir.
»Schlafe gut, Erhabener«, verabschiedete er sich.
Ich erwachte und zuckte wie unter einem starken elektrischen Schlag zusammen. Wo bin …
Im Bett, wo sonst!, meldete sich der Extrasinn mit eindeutigem Unterton.
Ich schwitzte stark, atmete hastig wie nach einer großen Anstrengung.
Jahrtausende alte Erinnerungen hatten an die Oberfläche meines Bewusstseins gedrängt, aus irgendeinem Grund … Der Störfall der Kuppelpositronik und die meine Heilung fördernden Fragmente frühzeitlicher Abenteuer – erneut brach alles über mich herein.
Mein Erinnerungsschatz besaß Dimensionen, die ein Terraner nicht einmal erahnen konnte. Die Erlebnisse und Erfahrungen von mehr als elftausend Jahren machten mich zu einem wandelnden Geschichtsbuch, zu einem Vergangenheitsspeicher ohnegleichen. Und mein fotografisches Gedächtnis sorgte dafür, dass nichts verlorenging, sondern für alle Zeiten aufbewahrt blieb.
Nicht immer konnte ich bei diesen Erinnerungsschüben Gegenwart und Vergangenheit strikt trennen, ab und zu gab es Überschneidungen.
Und manchmal brauchte ich Tage, bis sich mein aufgewühltes Inneres beruhigt hatte.
Mit einem Zipfel meines Betttuchs trocknete ich den Oberkörper. Wie sehr mich der Traum mitgenommen hatte, zeigte das leichte Pochen des Aktivators an der Brust.
Neben mir tauchte aus den Kissen ein Kopf mit kurzem, schwarzem Haar auf. Die Augen, die mich besorgt musterten, waren nicht grün wie beim Einschlafen, sondern leuchtend blau, zwei funkelnde Edelsteine im Halbdunkel des Schlafgemachs, Decaree Farous colorvariable Kontaktlinsen.
»Was ist?«, fragte sie schlaftrunken.
»Nichts, ich habe nur schlecht geträumt. Schlaf weiter!«
»Ach so. Gute Nacht!«
»Gute Nacht!«
Ich legte mich auf den Rücken und starrte die Decke an. Auch ich war müde nach dieser langen Liebesnacht, und nach dem Traum fühlte ich mich wie gerädert. Aber an Einschlafen war nicht mehr zu denken. Die Eindrücke waren zu realistisch gewesen, zu tief und zu alarmierend.
Damals … Wann genau war es gewesen?
Nach der heutigen Zeitrechnung im Jahr 778 vor Christus, informierte mich der Extrasinn.
Eine simple Fehlfunktion der Kuppelpositronik, deren Ursache nicht gefunden worden war. Ich grub in meiner Erinnerung und fragte mich, warum ich bisher nichts davon gewusst hatte. Waren es tatsächlich echte Eindrücke aus der Vergangenheit gewesen, oder doch nur ein simpler Traum, in dem sich Erlebnisse mit Wunschdenken vermischt hatten?
Vielleicht hing der Traum auch mit den vielen ungeklärten Dingen der nahen Vergangenheit zusammen. Das spurlose Verschwinden der Hohrugk-Kühe von Lepso und von ihrer Heimatwelt Hohrugkheim beschäftigte mich ebenso wie das Ausbleiben der ESHNAPUR mit dem Museumskurator Cleany Havedge, die viereinhalb Monate nach meiner Rückkehr nach Quinto Center immer noch vermisst wurde.
Beunruhigend blieben ebenfalls die Erkenntnisse über die seltsamen Schwarmwesen namens Illochim.
Und da war auch noch Trilith Okt, das Schemawesen, das mit einem Zellaktivator um den Hals herumlief und mit dem ich mich am 1. Juli des kommenden Jahres auf Ertrus treffen wollte.
Eine dumpfe Ahnung stieg in mir hoch, dass alle diese Dinge irgendwie zusammengehörten wie Teile eines Puzzles. Aber wie? Und vor allem: Würden wir jemals die Querverbindungen finden? Bestimmt nicht heute oder morgen. Vielleicht im nächsten Jahr oder in hundert Jahren. Wer konnte schon sagen, was die Zukunft brachte.
Für einen Mann mit meiner Vergangenheit bestand kein Anlass, übermäßig neugierig darauf zu sein.
»Schlechte Nachrichten von Terrancona, Lordadmiral!«
Ich warf einen Blick auf das Namensschild des Leutnants. Ugo Manzani stand da zu lesen. Dem Namen nach war er ein Terraner aus Südeuropa. Zumindest seine Vorfahren mussten im Grenzgebiet der früheren Nationalstaaten Italien und Jugoslawien gelebt haben.
»Legen Sie mir die Aufzeichnungen auf mein Terminal«, antwortete ich.
Er nickte und ging hinüber zum Halbrund der Funk- und Ortungsabteilung.
Terrancona, einziger Planet der gelben Sonne Terranco, einer terranischen Kolonialwelt nahe dem Herrschaftsbereich der ZGU, der Zentral-Galaktischen-Union. Wir hatten dort ein halbes Dutzend USO-Agenten im Einsatz.
Das Funkgerät an meinem Terminal erwachte zum Leben.
»Hedrando spricht«, hörte ich eine hektische Stimme. »Mehrere hochrangige Politiker des Planeten sind bestochen worden und bereiten einen Umsturz vor. Es steckt allerdings nicht die ZGU dahinter. Wir konnten Agenten des Imperiums Dabrifa identifizieren und ausschalten. Dabei haben wir drei unserer Leute verloren.«
Dabrifa also! Der Kolonialterraner hatte sich ebenso wie die Triumvirn des Carsualschen Bundes einen der Zellaktivatoren der in der Second-Genesis-Krise verstorbenen terranischen Mutanten unter den Nagel gerissen und herrschte seither als relativ unsterblicher Diktator über sein expandierendes Reich.
»Nachricht erhalten und verstanden«, diktierte ich der Steuerpositronik. »Halten Sie die Stellung, so lange es geht. Mehrere Schiffe mit angeblichen Touristen sind unterwegs. Diese sind psychologisch geschult und werden versuchen, ein Klima des Vertrauens unter der Bevölkerung zu schaffen. Ein Umsturz muss unter allen Umständen vermieden werden.«
Die Antwort verließ Quinto Center. Über eine Relaiskette aus Korvetten und Leichten Kreuzern nahm sie ihren Weg durch die Westside der Milchstraße, überbrückte die rund 19.000 Lichtjahre bis ins Terranco-System, wo sie in wenigen Stunden in dem geheimen USO-Stützpunkt eintreffen würde.
Terrancona durfte auf keinen Fall in die Hände eines Diktators fallen.
Dabrifa, Carsual und ZGU stellten die drei größten menschlichen Sternenreiche dar, die aus ehemaligen terranischen Kolonien hervorgegangen waren. Sie umfassten sowohl ehemalige Welten des Solaren Imperiums als auch freie Planeten, die sich einem kleineren Bündnis hatten anschließen wollen und einfach geschluckt worden waren. Wie viele die Loslösung vom Solaren Imperium letztlich bereut hatten, darüber existierte keine Statistik. Diktatoren wie Dabrifa oder die drei Potentaten des Carsualschen Bundes Nos Vigeland, Runeme Shilter und Terser Frascati duldeten in ihren Imperien keine Abweichler. Ähnliches galt für die ZGU, die seit Jahrhunderten von 21 nur scheinbar demokratisch gewählten Kalfaktoren regiert wurden.
Für das Solare Imperium und seinen Regierungschef Perry Rhodan war die Lage über den Jahrtausendwechsel hinweg dadurch nicht einfacher geworden. Das größte von Menschen regierte Staatsgebilde der Milchstraße sah sich einer immer stärkeren Konkurrenz gegenüber.
Aber es gibt ja noch die USO, kleiner Barbar von Larsaf III, dachte ich. Sei also unbesorgt!
Wir verstanden uns als übergeordnete Polizeitruppe der Milchstraße, als Galaktische Feuerwehr. Überall arbeiteten USO-Agenten daran, Krisenherde zu entschärfen und stellare Kriege zu vermeiden. Damit versuchten sie Stabilität in der Westside der Milchstraße zu sichern. Und damit halfen sie auch dem Solaren Imperium bei seiner Existenzsicherung. Die Zeiten, in denen die anderen raumfahrenden Völker die Koordinaten Terras noch nicht gekannt hatten, waren längst vorbei. Da half kein Bluff mehr, um das Solsystem vor einer Flotte von Springern oder Akonen zu schützen.
Terra besaß aus diesem Grund eine schlagkräftige Flotte. Am besten garantierten jedoch politisch und wirtschaftlich stabile Verhältnisse den interstellaren Frieden zwischen den einzelnen Völkern und Machtblöcken. Genau hier sah ich die Hauptaufgabe der USO. Und ganz nebenbei sicherte diese Stabilität meinem eigenen, durch Degeneration geschwächten Volk die notwendige Zeit und Ruhe, um den zivilisatorischen Tiefpunkt zu überwinden.
Eines Tages würde auch Arkon wieder erstarken.
Ich hob den Kopf und musterte die riesige Panoramagalerie des Abschnitts XII in der Hauptzentrale des fliegenden Mondes. Auf über hundert Segmenten waren hier aktuelle Bilder und Lageberichte aus allen möglichen Sektoren der galaktischen Westside eingeblendet. USO-Agenten lieferten Filme oder auch nur Funksprüche über das Geschehen in ihrem Einsatzgebiet. Keine 2000 Lichtjahre von Quinto Center entfernt hatten Schiffe einer Springer-Sippe einen Agrarplaneten überfallen und die im Orbit für den Export eingelagerten Vorräte gestohlen. Mit den Besatzungen der Verladestationen hatten die Piraten kurzen Prozess gemacht.
Da diese Vorräte vor allem für Siedler auf Extremwelten bestimmt gewesen waren, die ohne den Nachschub nicht existieren konnten, gerieten durch den Überfall Millionen von Lebewesen in Gefahr.
Generaladmiralin Adin Aneesa hatte sofort eine Flotte aus zweihundert kleineren und mittleren Kampfschiffen vom Stützpunkt Korona 88 in Marsch gesetzt. Ihr Auftrag lautete, die Walzen der Springer zu stoppen und dafür zu sorgen, dass die gestohlenen Vorräte umgehend an ihren Bestimmungsort gelangten.
Für die Mehandor, wie sich die Springer selbst nannten, würde die Strafe ziemlich drastisch ausfallen. Sie mussten nicht nur das Diebesgut zurückgeben, sie verloren auch die Verantwortlichen ihres Familienclans einschließlich des Patriarchen, denen vor einem ordentlichen Gericht der Prozess gemacht werden würde. Darüber hinaus war zu erwarten, dass das Gericht die Hälfte ihrer Walzenraumer dem geschädigten Planeten als Wiedergutmachungsleistung zusprechen würde.
Raub, Mord und Totschlag durften sich nicht lohnen in einer Sterneninsel, deren Zukunft ein friedliches Miteinander sein sollte. So zumindest schwebte es Perry Rhodan und seinen Terranern vor. Ich war mir nicht sicher, ob mein Freund und Weggefährte seit über tausend Jahren dieses hohe ethische und moralische Ziel jemals erreichen würde. Zu hundert Prozent bestimmt nicht. Bisher schaffte er es nicht einmal bei den Menschen des Solaren Imperiums und den aus ihnen hervorgegangenen Kolonialvölkern.
»Atlan, richte deine Aufmerksamkeit auf Bild achtundsechzig!« Das war Decarees Stimme. Fast gleichzeitig tauchte ihr Kopf auf meinem Monitor auf. Ihre Augen leuchteten rot wie die einer Arkonidin. »Da ist irgend etwas im Gange, seit Tagen schon.«
Der Bildausschnitt zeigte einen einzigen Datensatz. Ich fing an zu lesen. Mehrere USO-Agenten hatten auf Lepso und anderen Welten über fragwürdige Kanäle Wind von einem Informationshandel bekommen – nichts Ungewöhnliches, denn der Handel mit Informationen zählte zum alltäglichen Geschäft in der Westside. In diesem Fall war die Meldung aber durchaus dazu angetan, mir vor Aufregung Tränen der Aufregung in die Augen zu treiben. Ungläubig wischte ich mit dem Handrücken das salzige Sekret weg, das sich in den Augenwinkeln gebildet hatte. Am 10. Dezember, also in gut zwei Wochen, sollte eine Auktion stattfinden, bei der eine Vielzahl von brisanten Informationen über die USO verkauft werden sollten.
Genaueres ließ sich bisher nicht ermitteln. Wer immer diese Information an andere weitergab, achtete auf ein Höchstmaß an Verschleierung.
»Versucht, die Meldung möglichst weit zurückzuverfolgen«, sagte ich zu Decaree Farou. »Um alles andere kümmere ich mich.«
»Verstanden!«
Der Kopf verschwand vom Monitor, ich sah wieder das Bereitschaftszeichen der Biopositronik.
Ich gab meinen Vorrangkode in das Terminal ein und aktivierte den Stillen Alarm für den 62 Kilometer durchmessenden Trabanten, der im Zentrum eines geheimen Raumsektors stand, den wir die Koordinatenspinne nannten.
Informationen über die USO – mit Kinkerlitzchen würden sich die potentiellen Käufer nicht zufrieden geben. Bei einer Auktion stand viel Geld auf dem Spiel. Da mussten die Informationen von entsprechender Qualität sein.
Für die USO stellte sich die Frage, woher die Informationen stammten. Wenn es sich um hochbrisantes Material handelte, kam nur Quinto Center als Herkunft in Frage. Ein Verräter? Der Agent einer fremden Macht?
Ich verhängte ein absolutes Nachrichtenverbot auf unbestimmte Zeit. Ab sofort durfte kein einziger Funkspruch mehr den Mond verlassen. Allerdings hatte ich keine große Hoffnung, dass sich der Abtrünnige durch ein unerlaubtes Funksignal verraten würde.
Eigentlich ist es unmöglich, überlegte ich. Alle USO-Agenten und USO-Spezialisten in Quinto Center sind handverlesen und werden jedes Mal überprüft, wenn sie den Mond verlassen oder zurückkehren. Und Quinto Center selbst ist eine uneinnehmbare Festung. Niemand könnte ungesehen in ihr Inneres vorstoßen.
Und doch ist es passiert, denkst du? Es gibt noch andere Möglichkeiten, an Informationen über die USO zu kommen, wandte mein Extrasinn ein. Terra zum Beispiel.
Du meinst, ich sollte nach Terra fliegen?
Nur für den Fall, dass dein kleiner Barbar sich nicht mehr deutlich genug an dein Gesicht erinnern kann.
Der Zentralbunker bildete das Kernstück der Hauptleitzentrale und damit den geometrischen Mittelpunkt des ausgehöhlten Mondes. Mit 400 Metern Durchmesser war er halb so groß wie die Hauptleitzentrale. Kampfroboter mit schussbereiten Strahlern säumten den Korridor, der zu einer der Identifizierungsschleusen führte – eine unmittelbare Folge des von mir ausgelösten Stillen Alarms.
»Lordadmiral Atlan, optische Identifizierung positiv«, schnarrte die vorderste Maschine. »Bitte treten Sie in die Schleuse und verhalten Sie sich ruhig.«
»Verstanden!«
Das erste von vier Schotts öffnete sich. Ich trat ein. Im Innern der Schleusenkammer brannte gedämpftes gelbes Licht. Ein einzelner Sessel stand an der linken Seite.
»Setzen Sie sich und entspannen Sie sich«, ordnete eine mechanische Stimme an. »Nur dann ist der Scan zuverlässig.«
Ich tat, wie geheißen, sank in die weichen Polster und schaute die gegenüberliegende Wand an. Ein leichtes Flimmern auf der Netzhaut, mehr bemerkte ich vom Iris-Scan nicht.
»Ihre Fingerabdrücke sind in Ordnung, die Iris ebenfalls. Entspannen Sie sich weiter. Es folgt die Überprüfung der Individualschwingungen.«
Der Vorgang nahm gewöhnlich ein paar Sekunden in Anspruch. Dieses Mal dauerte er Minuten. Vermutlich wiederholte der Automat ihn mehrmals, oder ich war innerlich zu angespannt.
»Ist etwas nicht in Ordnung?«, erkundigte ich mich, als schätzungsweise fünf Minuten verstrichen waren.
»Bitte gehen Sie jetzt in die nächste Kammer«, sagte der Automat, ohne auf meine Frage einzugehen. Dafür war er nicht programmiert.
Ich erhob mich und betrat den nächsten Schleusenraum. In ihm erfolgte eine Art Bewusstseinssondierung. Spätestens hier trennte sich die Spreu vom Weizen. Individualschwingungen konnte man mit hohem Aufwand imitieren, solche Fälle hatte es schon gegeben. Der Bewusstseins-Scan hingegen ließ sich nicht fälschen, es sei denn, die Person verfügte über entsprechende Parakräfte. Aber die wären schon zuvor bemerkt worden.
»Extrasinn identifiziert«, meldete die Stimme nach ein paar Augenblicken. »Fotografisches Gedächtnis vorhanden. Scan erfolgreich. Bitte gehen Sie weiter!«
Das dritte Schott öffnete sich. Automatische Hochenergiestrahler ragten mir entgegen – schussbereit. Obwohl selbst für die Einrichtung dieser Sicherungssysteme verantwortlich, begann ich mich ein wenig unwohl zu fühlen.
»Bitte geben Sie jetzt Ihre Überrangkodes ein, Lordadmiral!«
Ich trat an die Konsole vor der rechten Wand und führte die Prozedur zu Ende. Ein gelbes Lämpchen fing zu blinken an.
»Zutritt gestattet«, verkündete die Stimme. Die schussbereiten Strahler wurden abgeschaltet.
Ich ging weiter. Durch das sich nun öffnende letzte Schott betrat ich den Zentralbunker und suchte sofort das verkleinerte Pendant zur Hauptzentrale auf. Alle Systeme waren vorhanden, aber ebenso wie die Positronik arbeiteten sie autark, konnten jedoch im Fall einer Gefahr an die Systeme des Mondes gekoppelt werden. Ich setzte mich in den Kommandantensessel. Das Terminal aktivierte sich automatisch.
»Höchste Prioritätsstufe«, sagte ich. »In Quinto Center befindet sich möglicherweise ein Verräter. Suche und finde ihn.«
Es konnte sich nur um einen hohen USO-Offizier handeln, einen Geheimnisträger also. In den vergangenen Jahrzehnten war nie einer von ihnen auffällig geworden. Ein Schläfer womöglich? Schläfer jedoch erwachten nie von selbst, sie benötigten einen Katalysator, der sie aktivierte, ein Kodewort in einer Funkbotschaft oder etwas Ähnliches, das den meist hypnotisch verankerten Befehl aktivierte.
»Ihr Auftrag wird bearbeitet, Sir«, bestätigte die Positronik.
Jetzt hieß es erst einmal warten. Es konnte Tage oder schlimmstenfalls Wochen dauern, bis die Zahl der in Frage kommenden Personen so deutlich eingegrenzt war, dass sich erste Verdachtsmomente erkennen ließen. Ich hatte nicht vor, so lange untätig herzumzusitzen.
Adin Aneesa? Unvorstellbar. Sie gehörte zu den ranghöchsten Offizieren und war über jeden Zweifel erhaben. Und Decaree Farou? Für sie galt dasselbe.
Wie immer in solchen Fällen war mein Extrasinn anderer Meinung. Frauen sind deine große Schwäche! Wenn sie dich nur nicht enttäuschen!
Und selbst wenn, gab ich zurück. Auf meinen Instinkt und meine Erfahrung konnte ich mich immer verlassen.
Noch ehe ich den Gedanken zu Ende geführt hatte, erkannte ich, dass ich dieses Spiel verloren hatte.
Schach matt, Kristallprinz! Du weißt, warum?
Mirona Thetin!
Bei der Tefroderin war ich blind vor Liebe gewesen bis zum bitteren Ende. Selbst als es längst klar gewesen war, dass nur sie Faktor I der Meister der Insel sein konnte, hatte ich die Augen davor verschlossen.
»Melde dich, sobald du ein erstes Ergebnis vorliegen hast.«
Ich verließ den Zentralbunker und kehrte in die Hauptzentrale zurück. Die Zahl der Bildausschnitte auf dem Panoramaschirm hatte sich mindestens verdoppelt, ein deutliches Zeichen, dass von überall her Meldungen und Nachrichten eintrafen.
In meinem Briefkasten fand ich eine persönliche Nachricht von Decaree. »Was macht dein japanischer Garten?«
»Er wartet nur darauf, dass du mit mir einen Tee dort trinkst. Heute Abend?«
Ihre zustimmende Antwort traf gleichzeitig mit einer verstümmelten Botschaft ein, die mich über eine der Relaisketten erreichte. Sie war an mich persönlich adressiert, deshalb lief sie nicht über die offiziellen Stellen von Quinto Center, sondern landete direkt in meinem Terminal. Die Positronik vermochte die einzelnen Worte der Botschaft nicht zu rekonstruieren und schloss daraus, dass der Sender fehlerhaft gearbeitet hatte oder der Funkspruch beim Absenden unter einen Störeinfluss geraten war.
Lediglich einen einzigen Begriff hatte der Automat rekonstruieren können: Sami Gel.
So sehr ich mein fotografisches Gedächtnis anstrengte, ich kannte keine Person und keinen Ort dieses Namens, auch keine Substanz, die so hieß. Also versuchte ich es mit Fuzzy-Logik und klapperte alle Begriffe ab, die Sami Gel in irgendeiner Weise ähnlich waren.
Einen einzigen fand ich. Sami Gel konnte nur Sao Miguel sein. Das Kodewort »Sao Miguel«!
Für einen Moment stand ich wie erstarrt. Dann versenkte ich mich in eine Dagor-Übung, die mir schon oft geholfen hatte, meine Fassung wiederzufinden.
»Sao Miguel!«
Die Botschaft war eindeutig. Ich musste sofort handeln.
Meine Finger flogen nur so über das Eingabefeld des Terminals. »Decaree, Japanischer Garten muss warten!«
Ich stellte eine Verbindung mit der Biopositronik her. »Decaree Farou kommandiert bis auf Widerruf Quinto Center. Ihre Stellvertreterin ist Adin Aneesa. Ich werde in einer dringenden Angelegenheit auf Terra erwartet.«
Eine halbe Stunde später verließ mein fernflugtaugliches Kleinschiff, die GENUVIE, den Mond und begab sich auf die 28.444 Lichtjahre lange Strecke.
Galbay-Informationshandel 1
Wer am meisten bietet, erhält den Zuschlag. Die Zeit läuft …
Kensington Bloom ließ unauffällig die kleine Schachtel mit den Metallplättchen fallen. Sie prallte auf die hellgraue Fliese. Vermutlich lösten die Plättchen dort irgendeinen Kontakt aus. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte Bloom den Eindruck, als habe er am Rand seines Gesichtsfeldes einen kleinen Blitz gesehen. Lichtreflexion einer Linse?
»Sie fotografieren«, murmelte er kaum hörbar, »das hatten wir nicht verabredet.«
Der einen Meter siebzig große Mann mit dem kurzen braunen Haar und dem voluminösen Schnauzbart ging weiter. An der nächsten Säule aktivierte er das Info-Fon in seiner Gürtelschnalle.
»Sie befinden sich auf der Südseite der Straße der Herrlichkeit«, verkündete eine angenehme weibliche Stimme. »Schauen Sie über die Straße, dann erkennen Sie auf der anderen Seite das Mausoleum der Dabrifas. Seine Erhabenheit, Imperator Shalmon Kirte Dabrifa lässt darin alle seine verstorbenen Familienangehörigen beisetzen. Ein Stück weiter rechts erhebt sich ein Gebäude, das einem langgestreckten Ei ähnelt. Darin lagern die Insignien des Imperators.«
Bloom tat, als sei er beeindruckt. Auf Nosmo musste man damit rechnen, an jeder Ecke beobachtet oder gefilmt wurde. Gemütlich ging er weiter, wählte einen der Tunnel, die auf die andere Straßenseite führten, und schlenderte eine belebte, unterirdische Einkaufspassage entlang.
Von wegen Insignien des Imperators. In dem Ei befand sich derzeit das Hauptquartier der Schwarzen Garde, der Organisation der Agenten Seiner Erhabenheit im Außendienst. Seit dem schmählichen Verrat ihres Anführers Artemio Hoffins unterstand die Garde Dabrifa persönlich.
Bloom hielt unauffällig nach Kontaktleuten Ausschau. Der alte Mann mit dem Schwebekorb vielleicht, oder der Junge ohne Schuhe … Nichts leichter, als jemandem im Gedränge einen Kristall, einen Chip oder einen schlichten Zettel mit Informationen zuzustecken.
»Die historische Einkaufspassage der Hauptstadt Dabrifala stammt aus dem ersten Jahrzehnt der Besiedlung. Sie wurde damals den Passagen terranischer Städte nachempf…« Es rauschte im Empfänger, Bloom kannte diese typischen Effekte eines schwachen Störsenders. »Gehen Sie bis zum Eingang der Mediana. Rechts daneben befindet sich eine schmale Gasse. Folgen Sie ihr. Sie erhalten dann weitere Anweisungen …« Wieder das Rauschen. »… ist die Passage eine der bestbesuchten der 615 Planeten unseres glorreichen Imperiums.«
Mediana – Bloom bog ab, wobei er sich unauffällig umsah. Er konnte niemanden entdecken, der ihn beobachtete oder ihm folgte. Die Mitarbeiter des hiesigen Geheimdienstes hatten es nicht nötig. Sie waren hier zu Hause, kannten jedes Fassadensegment und fanden zweifellos Mittel und Wege, unsichtbar zu bleiben. Auch ohne Deflektorschirm.
Die Gasse führte in den hinteren Teil eines Gebäudes. Hohe, durchsichtige Wandelemente ragten im Innern auf, grenzten Geschäfte von Restaurants und Cafés ab. Dazwischen sorgten Antigravlifte für einen reibungslosen Publikumsverkehr.
Aus dem Nichts tauchte vor Bloom ein Hologramm auf. »Rechts abbiegen!«
Er tat es und folgte dem Korridor bis zu der einzigen Tür am hinteren Ende. Sie öffnete sich automatisch. Er betrat einen Raum mit einem Stuhl und einem positronischen Terminal. Vorsichtshalber blieb er auf halbem Weg zwischen der Tür und dem Stuhl stehen.
»Du willst also Informationen«, erklang eine verzerrte Stimme von der Decke. »Was für Informationen?«
»Ich dachte, das sei klar. Ihr habt mich doch herbestellt, um mir ganz bestimmte Informationen zu geben.«
»Beim Imperator, da muss ein Irrtum …«
Kensington Bloom begriff blitzschnell, dass ihm die Kontrolle über die Situation vollends entglitten war. Er fuhr auf dem Absatz herum und stürmte zur Tür. Sie öffnete sich halb, dann blockierte sie. Er zwängte sich hindurch und rannte den Korridor zurück.
Eine Falle? Ein Versehen? In den Kreisen, in denen er sich bewegte, gab es Letzteres nicht. Also eine Falle!
Auf der linken Seite wurde die Wand durchsichtig. Ein Zugstrahl packte ihn und riss ihn durch die Projektion in den angrenzenden Raum. Er fand sich auf einer Antigravscheibe wieder, die mit hohen Werten beschleunigte. Sie raste über eine Rampe abwärts in den Teil des Gebäudes, der unter der Oberfläche lag.
Bloom klammerte sich am Haltegriff fest und spähte über die Schulter. Noch folgte ihm niemand, aber das konnte nur eine Frage der Zeit sein.
Vor ihm entstand ein Hologramm aus dem Boden der Scheibe. Es zeigte einen Mann in einem nichtssagenden grauen Anzug. Der Kopf und das Gesicht waren digital verzerrt.
»Tut mir leid«, erklärte die ebenfalls verzerrte Stimme. »Es gab Probleme. Ich konnte nicht schneller reagieren.«
Bloom zählte zwei und zwei zusammen. Der Unbekannte hatte ihn in ein Gebäude bestellt, in dem sich offensichtlich Dabrifas Leute aufhielten. Folglich war er einer von ihnen. Gleichzeitig arbeitete er aber auch für Galbay.
Kensington Bloom hatte es mit einem Doppelagenten zu tun.
»Mir bleiben nur Sekunden, sonst fliegt meine Tarnung auf«, erklang die Stimme hastig. »Dein Kontaktmann ist Ebner Walsh in Densington.«
Die Stimme verstummte, die Antigravscheibe beschleunigte und flog auf die Außenwand des Gebäudes zu. Sie durchdrang sie mühelos. Bloom sah eine Straße über sich, die Scheibe jedoch hielt auf eine Tiefgarage zu. Dicht an der Außengrenze kam sie zum Stehen.
»Klettere hinüber«, empfahl der Steuerautomat.
Bloom schwang sich über die Brüstung. Die Scheibe entfernte sich eilig und verschwand Augenblicke später hinter einem Deflektorfeld.
Mit schnellem Blick entdeckte Agent das Hinweisschild zum Transmitterraum. Zwei Minuten später war er schon in Densington.
Von der ersten Stunde an hatte Kensington Bloom das Gefühl, als würde er überall beobachtet. Er schlüpfte in ein öffentliches Kommunikationszentrum und setzte sich an eines der Terminals. Unauffällig und mit eher gelangweilter Miene ging er die Meldungen der letzten Stunden durch.
»Toter Agent über Nosmo!« Bloom hielt den Atem an. »Die Sicherheitskräfte des Imperiums teilen mit, dass erneut ein Zugriffsversuch aggressiver fremder Mächte auf unsere Zentralwelt abgewehrt werden konnte. Der Agent einer feindlichen Macht ist bei dem Versuch ums Leben gekommen, heimlich auf Nosmo zu landen. Er rettete sich aus seinem brennenden Flugboot und verglühte in der Atmosphäre des Planeten.«
Nosmo als Drehscheibe – Bloom war nicht naiv, aber in vollem Umfang erkannte er erst jetzt, worauf er sich eingelassen hatte. Wenn sie alle Interessenten beziehungsweise deren Beauftragte über Nosmo geschleust wurden, gab es ein heilloses Durcheinander. Absicht?
Er zog sich ebenso unauffällig aus dem Gebäude zurück, wie er gekommen war, suchte einen öffentlichen Hygieneraum auf und vergewisserte sich, dass es keine Überwachungseinrichtungen gab. Dann zog er sein Besteck hervor, heftete den kleinen Spiegel an die Wand und setzte das Skalpell an. Nach ein paar Schnitten in seinem Gesicht lösten die Bioplastteile fast wie von selbst. Anschließend schälte Bloom einen Teil der Kopfhaut mit dem Haar ab und entfernte den Schnurrbart.
Zuletzt entfernte er die Mikrofolien mit den künstlichen Fingerabdrücken von den Kuppen und befestigte neue daran.
Die entfernten Teile legte er zusammen mit der ausgedienten ID-Karte in ein Waschbecken. Nachdem er aus einer kleinen Phiole eine farblose, leicht rauchende Flüssigkeit darauf gegossen hatte, wartete er, bis sich alles aufgelöst hatte. Ein Strahl klaren Wassers beseitigte alle offensichtlichen Spuren.
Zuletzt kämmte er das plattgedrückte schwarze Lockenhaar auf, wendete das Innere seiner Kombination nach außen und packte seine Sachen zusammen.
Kensington Bloom von Baalstram war jetzt Hendrik Voltham von Plophos. Ihn hatten sie bei Dabrifas Garden nicht im Visier. Noch nicht, zumindest.
Der Agent besuchte ein Infozentrum ein paar Häuser weiter. Hier tat er so, als kenne er den Namen nicht genau, den er suchte, probierte ein paar Eingabevarianten, lehnte sich kurz zurück, blickte sich um und versuchte es noch einmal. Damit verhielt er sich wie viele Touristen auf allen möglichen Planeten der Galaxis.
Inzwischen hatten sie den Hygieneraum vermutlich untersucht, möglicherweise Spuren seines Tuns entdeckt. Aber sie fahndeten wohl noch immer nach Kensington Bloom, der spurlos verschwunden war. Voltham rechnete aus, wie lange sie brauchen würden, um die Videoaufzeichnungen aus der Umgebung die Toilettenanlage auszuwerten. Höchstens ein paar Minuten!
Endlich tauchte Ebner Walshs Name auf dem Bildschirm auf. Hendrik Voltham prägte sich die Adresse und den Kode der Wohnung ein, während er weiterscrollte und mehrere andere Namen weiter unten aufrief. Danach verließ er das Informationszentrum durch einen Seitenausgang.
Voltham benutzte eines der unterirdischen Gleitbänder, um an sein Ziel zu gelangen. Dreimal musste er umsteigen, dann wies eine Leuchtschrift darauf hin, dass er sein Ziel erreicht hatte. Der Antigrav trug ihn hinauf in den vierzigsten Stock.
Ebner Walsh erwartete ihn schon, ihn oder jemanden anders. Voltham flüsterte dem unscheinbar aussehenden Mann den Kontaktkode zu, während er laut »Guten Tag!« sagte. Walsh ließ ihn ein und schloss die Tür.
»Man sucht nach Ihnen. Soeben ist ein Bild in den Nachrichten. Es heißt, es ginge um eine dringende Erbschaftsangelegenheit.«
»Das kann man wohl sagen.«
Die beiden Männer grinsten.
»Nehmen Sie den hinteren Antigrav. Vier Stockwerke tiefer wechseln Sie in den Notschacht. Viel Glück!«
Walsh flüsterte ihm den Zielort ins Ohr, dann war Voltham schon wieder draußen im Korridor und machte sich mit gesenktem Kopf auf den Weg.
Als er im 36. Stock in den Schacht für Notfälle stieg, warf er einen kurzen Blick auf die Öffnung des daneben verlaufenden Müllsammelrohrs. Er war dankbar, dass er nicht diesen Abstieg benutzen musste. Abgesehen vom Gestank war man in Abfallschächten niemals dagegen gefeit, am Ende auf ein tödliches Desintegratorfeld zu stoßen oder gar auf einen Konverter. Voltham hatte keine Ahnung, auf welche Weise die Nosmoner mit ihrem Müllproblem umgingen.
Falls der Notschacht überhaupt einen Antigravprojektor besaß, dann war der auf jeden Fall abgeschaltet. Mühsam hangelte sich Voltham die Behelfsleiter aus Stahlspangen hinab. Unterwegs verpasste er sich blondes, mittellanges Haar, eine etwas flachere Nase, schmale Lippen, Kontaktlinsen mit dunkelbrauner Iris und erneut neue Fingerabdrücke, passend zur nächsten ID-Karte.
Unten im Schacht aktivierte er die Mimikryfunktion seiner Jacke. Innerhalb von zwei Minuten verwandelte sich das dezente Lindgrün in ein kräftiges mit gelben Linien durchwirktes Blau. Er griff nicht gern auf diesen Trick zurück, denn nach drei Anwendungen war die kostspielige M-Funktion erschöpft, aber in diesem Fall musste es sein.
In der Deckung eines üppigen Pflanzenarrangements suchte er sich einen Weg ins Freie, diesmal unauffälliger als bei der Hygieneanlage. So schnell würden sie seine Spur nicht wiederfinden, da war er sicher.
Mergener hatte Glück. Als das Verschwinden des »glücklichen Erben« gemeldet wurde, hatte der Passagierliner nach Zenda schon fast den Orbit erreicht. Eric Mergener hatte seine Spur so gründlich verwischt, dass kein Wesen der Milchstraße ihm mehr auf die Schliche kommen konnte.
Drei Passagen später erreichte Mergener das Genua-System. Er war nun als Handlungsreisender unterwegs, was er in gewissem Sinn auch war. Er kaufte und verkaufte Informationen, kannte sich in diesem Geschäft aus wie kein anderer und wusste, wie man aus Lappalien Sensationen machte. Die Rechnung dabei war einfach: Wenn die Lappalie tausend Solar einbrachte, dann verdiente man mit einer Sensation eine Million Solar oder mehr.
Angesichts der schnellen interstellaren Verbindungswege, der Hyperfunkbrücken zwischen den Handelswelten und der ständig zunehmenden Konkurrenz durch Medienkonzerne wie Interbay oder Virtutrade wurde das Geschäft mit neuen Informationen von Tag zu Tag schwieriger. Die freiberuflich tätigen Informationshändler blieben als erste auf der Strecke. Manche flüchteten sich unter die Fittiche wichtiger Wirtschaftsorganisationen oder politischer Interessenverbände, die meisten aber gaben einfach auf und gingen fortan anderen Gewerben nach. Auch er selbst konnte längst nicht mehr ohne Regierungsaufträge auskommen.
Kensington Bloom alias Hendrik Voltham alias Eric Mergener kannte alle seine Kollegen, vom Erfolgreichsten bis zum Verlierer. Gesichter und Namen merkte er sich wie kaum ein anderer. Und er hatte die Zeichen der Zeit erkannt.
Für ihn stand außer Zweifel, dass man in seinem Metier mit Anstand und Ehrenhaftigkeit auf Dauer nicht weiterkam. Letztlich zählte immer nur, was auf dem Bankkonto war. Auf welchen Wegen das Geld dorthin kam, spielte für den Mann mit den vielen Namen nur eine untergeordnete Rolle.
Das Schiff setzte zur Landung auf Dronderfuss, dem vierten Planeten, an. Von dort brachten ihn zwei kostspielige Transmittersprünge über die interplanetare Schnellverbindung zum zweiten Planeten des Systems, der Hauptwelt Gendola.
Nachdem er die Einreiseformalitäten erledigt hatte, suchte Mergener ein Restaurant in der Hafenpassage auf, wo er zu Mittag aß. Das Essen war vorzüglich, aber trotzdem schmeckte es ihm nicht. Woran es lag, konnte er nicht sagen.
Eine Weile trug er sich mit dem Gedanken abzureisen, aber nach dem Nachtisch hatte er sich wieder im Griff. Mit einem Gefühl der Hochstimmung nahm er die Röhrenbahn nach Nepoltan, einer der Nordküstenstädte des Hauptkontinents. Ebner Walshs Koordinatenangabe führte ihn in ein Industriegebiet, in dem sich namhafte Konzerne wie Whistler oder die CTC angesiedelt hatten. Zwei Stunden lang ließ sich der Agent von den Transportbändern durch das Viertel tragen. Er hielt Ausschau nach möglichen Verfolgern oder Beobachtern, aber entweder gab es sie nicht oder sie versteckten sich so gut, dass sie selbst einem erfahrenen Mann wie ihm nicht auffielen.
Wieder zögerte er. »Die Sache ist zu groß«, flüsterte er. »Zu groß für uns und zu groß für mich selbst. Wieso haben sie nicht auf mich gehört?«
Er erreichte den Ort, den Walsh ihm genannt hatte. Ein bekannter Hersteller von Vakuumlegierungen, die im Raumschiffbau verwendet wurden, hatte hier seinen Sitz. Mergener sprang vom Band und betrat das Foyer. Zwischen durchsichtigen Kunststoffwänden wartete ein Roboter auf Besucher.
Eric Mergener trat auf die Maschine zu und nannte seinen Namen. »Ich bin mit Mister Kentazza verabredet.«
»Stets zu Diensten. Signore Kentazza hat sein Büro in der sechzehnten Tiefetage, Raum achtundvierzig.«
Mergener fand das Büro auf Anhieb. Als er sich näherte, glitt die weiß glänzende Tür zur Seite. Statt eines Büros erstreckte sich vor ihm eine etwa vierzig Meter durchmessende Halle mit Maschinenanlagen.
»Treten Sie ruhig näher, Mister Mergener«, erklang eine Stimme mitten in der Luft. »Folgen Sie dem mittleren Gang bis ans Ende.«
Er tat es und blieb vor der Wand stehen, die langsam nach rechts wich.
