Außer Gefecht gesetzt - Peter Beuthner - E-Book

Außer Gefecht gesetzt E-Book

Peter Beuthner

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Beschreibung

Ein Mann bricht plötzlich auf offener Straße zusammen. Die Untersuchung in der Klinik liefert zunächst keine Erklärung für die Ursache. Der unbekannte Mann ist nicht ansprechbar. Erst nach einer Suchmeldung in der Presse wird er durch einen Kollegen, Mr. Forrester, als Mr. McMorris identifiziert. Wie sich herausstellt, sind beide KI-Forscher aus den USA und derzeit Teilnehmer an einem Symposium zum Thema "Künstliche Intelligenz" an der Universität Ulm. EEG-Untersuchungen bei McMorris deuten auf Mikrochip-Implantate hin und eröffnen damit eine mögliche neue Ursachenquelle für seinen Zustand. Zwei Tage später ist er tot. Mr. Forrester erscheint verdächtig, aber es gibt kaum verwertbare Spuren bzw. Indizien. BKA und FBI werden eingeschaltet. Kurze Zeit später ist der Leich¬nam verschwunden. Wie konnte das passieren und was könnte das bedeuten? Wenig später wird die Leiche eines Klinik-Angestellten aus der Donau gezogen. Hängen beide Fälle vielleicht zusammen? War er an der Tat beteiligt? Verschiedene Spuren werden verfolgt – und wieder verworfen. Schließlich gibt es eine heiße Spur.

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Seitenzahl: 265

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Peter Beuthner

Außer Gefecht gesetzt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Samstag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Impressum neobooks

Dienstag

Plötzlich lag er da, regungslos. Leute eilten herbei – manche aus Besorgnis um den Gestürzten, andere aus reiner Neugier. Schnell stand eine Menschenansammlung um den auf dem Bauch liegenden Mann im Kreis herum.

„Was ist passiert?“ „Was hat er denn?“ „Ist er tot?“ Fragen, die keiner beantworten konnte. Zwei Männer knieten zu ihm nieder, drehten ihn in die Rückenlage, prüften seinen Puls, spürten sein Atmen, klatschten ihm auf seine linke und rechte Wange, aber der Liegende zeigte keinerlei Regung. Sein Gesicht war blutverschmiert, die Augen geöffnet, der Blick starr.

„Ruft doch endlich mal jemand einen Krankenwagen“, erregte sich eine Frau in der Menge laut und fordernd. „Ja, ruft einen Arzt, schnell“, stimmte eine andere Frau ein. Mehrere der Umstehenden zogen ihr Handy heraus und telefonierten, andere fotografierten den Liegenden und wieder andere machten gleich ein Video von der ganzen Szenerie.

Zehn Minuten mochten bereits vergangen sein, die Menge der Schaulustigen war inzwischen deutlich angewachsen. Jetzt überwogen offenbar die Neugierigen, die Gaffer, die von jeder Menschenansammlung magisch angezogen werden. Mit Ellenbogeneinsatz drängelten sich mehrere durch die dichter gewordenen Reihen, um das Objekt der Begierde endlich zu Gesicht zu bekommen.

Plötzlich hörte man Martinshörner und sah auch schon das Blaulicht. Ein Notarzt- und ein Krankenwagen kamen angebraust. Die Sanitäter sprangen aus dem Wagen und versuchten eine Gasse durch die Menschenmenge aufzumachen, der Arzt folgte. Er beugte sich runter zu dem Liegenden, prüfte Puls und Atem, dann leuchtete er mit einer Taschenlampe in die weit geöffneten Augen. Keine Reaktion. Der Puls war äußerst schwach. Aber immerhin, der Mann lebte noch.

„Der muss sofort ins Krankenhaus, Notaufnahme“, sagte er zu den Sanitätern. Diese hoben ihn auf eine Trage und bugsierten sie in den Krankenwagen.

„Kennt jemand von Ihnen diesen Mann?“ fragte der Arzt noch die Umstehenden. Doch er sah nur allgemeines Kopfschütteln. Dann fuhren sie in großer Eile mit Blaulicht und Horn davon.

In der Notaufnahme herrschte gerade reger Betrieb. Zwei Patienten, die sich bei einem Verkehrsunfall verletzt hatten, warteten bereits im Vorraum auf ärztliche Behandlung, und der diensthabende Oberarzt war im OP mit einem anderen Notfall beschäftigt. Ein junger, noch nicht sehr erfahrener Assistenzarzt, Doktor Lambrecht, wollte sich soeben den beiden Unfallopfern zuwenden, als der neue Patient eingeliefert wurde, von dem man bisher lediglich wusste, dass er auf der Straße zusammengebrochen und seitdem bewusstlos war. Deshalb musste dieser Fall selbstverständlich vorrangig behandelt werden.

Zwei Schwestern kümmerten sich bereits um ihn, halfen den Sanitätern beim Umbetten des Patienten und schoben das Bett in eine der Notaufnahmekabinen. Dort entkleideten sie ihn, zogen ihm ein Krankenhaushemd über und legten ihm eine Decke über Unterleib und Beine. Schwester Anne legte ihm die Blutdruckmessmanschette und die Kontakte für die Elektrokardiographie an, während die andere Schwester ihm ein Pulsoximeter zur Messung und Überwachung der Sauerstoffsättigung und des Pulses auf den Finger steckte, als Dr. Lambrecht eintrat.

Dr. Lambrecht schaute sich als erstes die Messwerte auf dem Monitor an, bevor er sich dem Patienten zuwendete. „Oh, das ist ja eine ziemlich große Platzwunde an der Stirn“, bemerkte er, während er der Schwester Anne dabei zusah, wie sie dem Patienten das Blut aus dem Gesicht wischte. „Der ist offenbar voll aufgeschlagen und hat jetzt garantiert auch eine Gehirnerschütterung“, kombinierte er.

Er schaute noch einmal auf den Überwachungsmonitor und vergewisserte sich, dass die dargestellten Messwerte keine Unregelmäßigkeiten aufwiesen. Dann untersuchte er den Patienten näher. Beiläufig fragte er Schwester Anne, die gerade die Wunde gesäubert und mit einem großen Pflaster versehen hatte: „Mit wem haben wir es denn hier eigentlich zu tun? Haben Sie schon einen Ausweis oder ähnliches gefunden?“

„Nein!“ antwortete die zweite Schwester, die gerade dessen Kleidung durchsuchte. „Er hat ja auch gar keine Jacke oder Tasche dabei. Das ist schon komisch, denn so warm ist es ja nun auch nicht gerade.“

„Das ist schlecht, sehr schlecht“, sagte Lambrecht nachdenklich und kratzte sich dabei am Kopf.

„Was soll ich denn da in unsere Dokumentation schreiben?“ fragte die Schwester.

„Schreiben Sie halt erst mal ‚Unbekannte männliche Person‘“, schlug Lambrecht vor und richtete seine Blicke wieder auf Schwester Anne, die dem Patienten gerade Blut entnahm. Anne hatte sehr wohl bemerkt, dass Lambrecht sie immer wieder anschaute und offenbar Gefallen an ihr zu haben schien. Aber sie mochte diese Blicke nicht, denn sie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass er sie damit förmlich auszuziehen versuchte. Wortlos drehte sie sich um und brachte die Blutprobe ins Labor.

Lambrecht wendete sich wieder dem Patienten zu und leuchtete mit einer Taschenlampe in dessen weit geöffnete Augen. Der Patient zeigte keinerlei Reaktion. Komisch, dachte sich Lambrecht schließlich, Blutdruck und Puls sind zwar relativ niedrig, aber die Werte sind alle noch im grünen Bereich. Und auch die Herzstromkurve zeigt keine Rhythmusstörungen oder andere Unregelmäßigkeiten. Wieso taucht der aus seiner Bewusstlosigkeit nicht wieder auf? Er schien ratlos.

Als Schwester Anne wieder eintrat, sagte er zu ihr: „Schauen Sie mal, Anne, er hat die Augen weit geöffnet, aber sie zeigen keinerlei Regung. Haben Sie so etwas schon mal gesehen?“

Zögernd folgte Schwester Anne seiner Aufforderung und ging zu ihm, um die Augen des Patienten zu betrachten. Lambrecht nutzte die Gelegenheit, trat ganz dicht an sie heran, schaute ihr tief in die Augen und sagte: „Nicht mal so ein bildschönes Gesicht wie Ihres, Anne, bewirkt bei ihm eine Regung. Ganz anders als bei mir.“ Anne errötete leicht und trat einen Schritt zurück. Sie war unsicher, wie sie darauf reagieren sollte und wie sie sich am besten dieser Situation entziehen konnte, ohne unhöflich zu werden oder gar ihn zu verletzen. Sie mochte diesen Typ einfach nicht, und diese plumpe Anmache schon gar nicht. Aber sie musste ja auch weiterhin mit ihm zusammenarbeiten. „Ich hab´ noch etwas zu erledigen“, sagte sie schließlich und verließ den Raum. Er schaute ihr, sie von oben bis unten musternd, hinterher. Dann setzte er seine Untersuchungen fort, fand aber keine Möglichkeit, auch nur geringste Regungen des Patienten, selbst kleinste körperliche Reaktionen auf seine Maßnahmen zu provozieren.

„Heute haben wir Dienstag, den …“ Lambrecht trug gerade seine bisherigen Untersuchungsergebnisse in die Akte „Unbekannte männliche Person“ ein, als der Oberarzt, Doktor Bernauer, hereinkam – ein jovialer Herr mittleren Alters mit bereits leicht ergrautem, schütterem Haar und einem Schnurrbart. Er hatte zuvor eine Operation durchgeführt und hätte sich jetzt am liebsten eine Verschnaufpause gegönnt. Aber nun stand er schon wieder vor dem nächsten Fall, und ließ sich berichten, was vorliegt und welche Feststellungen bereits getroffen wurden. Dann wandte er sich dem Patienten zu.

„Also, was haben wir: Sein Kreislauf ist okay, die Atmung funktioniert. Die Augen sind geöffnet, aber der Patient zeigt keine äußerlich erkennbare Bewusstseinsregung, ist nicht ansprechbar. Die lebenswichtigen Funktionen scheinen in Ordnung zu sein, aber Bewegungen oder gar Anzeichen für Kommunikation waren bisher nicht festzustellen. So weit sind wir bisher mit der Diagnose, ja?“

„Ja, das ist korrekt. Und die Platzwunde am Kopf, die er sich beim Fallen zugezogen hat, haben wir inzwischen versorgt“, entgegnete Lambrecht.

„Gut. Wissen wir sonst schon was über den Patienten?“

„Nein, leider nicht. Er hat keinerlei Papiere bei sich gehabt.“

„Aha, wieder mal ein Fall von ‚Unbekannter männlichen Person‘.“

„Genau so haben wir ihn auch erst mal in die Dokumentation aufgenommen.“

„Hmm . . . Wir wissen also weder, wer er ist noch woher er kommt“, murmelte Bernauer.

„Nein, keine Ahnung“, entgegnete die Schwester, die dessen Sachen untersucht hatte, „aber das kann er uns ja vielleicht erzählen, wenn er wieder bei Bewusstsein ist.“

„W e n n!“ wiederholte Dr. Bernauer betont langgezogen. „Und wenn nicht? Wenn hier zum Beispiel eine symptomatische Hypotonie oder Herzinsuffizienz vorliegt, dann kommt es zu einer Minderversorgung des Gehirns mit sauerstoffreichem Blut und dadurch zur Bewusstlosigkeit, die dann möglicherweise eine längerdauernde Verwirrtheit nach Wiedererlangen des Bewusstseins nach sich zieht. Und im Ernstfall wacht er gar nicht wieder auf.“

„Oh!“ Die Schwester klang sichtlich erschrocken.

Bernauer hatte ihre Betroffenheit sofort bemerkt. Es war aber gar nicht seine Absicht gewesen, sie zu verängstigen, denn er pflegte eigentlich eine von Teamgeist geprägte Arbeitsatmosphäre. Deshalb sprach er in versöhnlicherem Ton weiter: „Naja, es muss ja nicht gleich der schlimmste Fall eintreten. Jedenfalls müssen wir schnellstmöglich wissen, mit wem wir es hier zu tun haben, um eine Anamnese aufnehmen zu können. Und da der Mann offenbar im Koma liegt, was unter Umständen lange dauern kann, müssen auch die Angehörigen umgehend informiert werden. Ich werde mich gleich mal mit der Polizei in Verbindung setzen, damit die sich um seine Identifikation kümmern. Das kann ja nicht unsere Aufgabe sein.“

Während er die Nummer wählte, beauftragte er Lambrecht, sich um die beiden verletzten Unfallopfer zu kümmern, die immer noch im Vorraum auf ihre Behandlung warteten. Dann wandte er sich wieder dem Unbekannten zu. Er übte verschiedene Schmerzreize auf den Patienten aus, um irgendeine Reaktion zu provozieren. Aber der Patient bewegte sich nicht, zeigte weder Schmerzreaktionen noch Schutzreflexe, auch keine Pupillenreaktion. Hier haben wir es offenbar schon mit einer Komatiefe vierten Grades zu tun, dachte er, eine schwere Hirnschädigung, das ist sehr bedenklich. Dann untersuchte er den ganzen Körper auf mögliche äußere Verletzungen oder besondere Merkmale, indem er den Kör-per des Mannes hin- und herwendete. Dabei entdeckte er schließlich eine merkwürdige kleine Stelle seitlich an dessen Brust, die er sich nicht erklären konnte. So etwas hatte er noch nicht gesehen. Was könnte das sein, fragte er sich. Es sah für ihn so aus wie ein verblichener Abdruck eines Stempels oder etwas ähnliches. Er berührte die Stelle mit seinem Finger, und sie schien ihm leicht klebrig. Merkwürdig, dachte er.

Während er noch so grübelte, kam Lambrecht herein und fragte ihn, ob es schon neue Erkenntnisse gebe. „Schauen Sie sich das mal an, Lambrecht“, antwortete er und zeigte dabei mit dem Finger auf die betreffende Stelle. „Haben Sie so etwas schon mal gesehen? Ich habe keine Erklärung dafür.“

Lambrecht kam zu ihm und schaute sich die bezeichnete Stelle an. Dann schüttelte er den Kopf: „Nein, damit kann ich auch nicht wirklich was anfangen. Ich meine, beim Disko-Besuch bekommt man ja manchmal eine Markierung auf die Hand gedrückt, aber eben auf die Hand beziehungsweise auf den Handrücken. Doch nicht auf die Brust. Und außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser ältere Herr hier noch in Diskos geht.“

„Schade, ich hatte gehofft, Sie könnten aufgrund Ihres jugendlichen Alters vielleicht Dinge kennen, mit denen man in meinem Alter üblicherweise gar nicht mehr in Berührung kommt. Na, gut. Vielleicht finden wir noch jemanden, der uns dabei helfen kann. Auf jeden Fall sollten wir gleich mal ein Foto davon machen, denn solche Hautabdrücke halten nicht ewig.“

„Okay, das mache ich gleich“, antwortete Lambrecht. „Und haben Sie sonst noch etwas herausgefunden?“

„Apropos herausgefunden: „Was ist mit den beiden Unfallopfern?“

„Die sind gerade beim Röntgen. Ich gehe gleich wieder rüber und schaue mir die Aufnahmen an.“

„Gut“, antwortete Bernauer. „Der vorliegende Fall hier ist sicher ernsthafter und schwieriger zu diagnostizieren. Denn in Anbetracht der Symptome kommen mehrere Ursachen infrage.“

„Zum Beispiel?“

„Vorbehaltlich einer gründlicheren Untersuchung könnte es sich zum Beispiel um ein Apallisches Syndrom handeln, also um einen funktionellen Ausfall der gesamten Großhirnfunktion oder zumindest sehr großer Teile. Dafür sprechen eigentlich alle Anzeichen. Wir wissen allerdings noch nicht, ob hier ein persistent oder permanent vegetative state vorliegt, das lässt sich erst nach längerer Beobachtung sagen.“

„Also, Sie meinen, ob sein Zustand zumindest teilweise rückbildungsfähig ist oder ob er einen dauerhaften Schaden behält?“

„Ja, das meine ich; das lässt sich im Moment nicht beurteilen. Und leider kennen wir auch die Ursache dafür noch nicht. Es könnte sich aber auch um ein Locked-in-Syndrom handeln. Die Abgrenzung gegen äußerlich so ähnliche Krankheitsbilder wie Koma und Locked-in-Syndrom ist nicht ganz einfach. Da gab es schon des Öfteren nachgewiesenermaßen Fehldiagnosen ...“

Plötzlich wurde er durch die Ankündigung eines neuen Notfalls unterbrochen. Im Gehen sagte er noch zu Lambrecht: „Also, der Mann bleibt für heute sicherheitshalber in der Intensivstation unter Beobachtung. Die basalen Lebensfunktionen werden ja durch das autonome Nervensystem aufrechterhalten, und das funktioniert augenscheinlich einwandfrei. Darum brauchen wir uns vorerst keine Sorgen zu machen. Wir werden ihn dann morgen gründlich weiteruntersuchen.“

„EEG und Kernspintomographie?“

„Ja!“

Lambrecht beugte sich noch einmal über den Patienten und musterte dessen Gesicht und insbesondere dessen geöffnete Augen, während er mit seinen Händen heftige Bewegungen direkt vor dessen Gesicht vollführte, um vielleicht doch irgendwelche Reaktionen, und wenn auch nur Augenzuckungen, zu provozieren. Aber auch er konnte keinerlei Reaktion feststellen. „Okay. Dann fotografiere ich jetzt das Brust-Mal unseres Unbekannten“, sagte er schließlich, während die Krankenschwestern das Bett in den Beobachtungsraum schoben.

Zwei Stunden später war Oberkommissar Walter vom Kriminaldauerdienst, dem rund um die Uhr tätigen Bereitschaftsdienst der deutschen Kriminalpolizei, da, machte Fotos von dem Mann und ließ sich erzählen, was man über den Fall bisher wusste. „Das ist ja nicht viel“, sagte er nach einer Weile, „eigentlich gar nichts. Wo soll ich denn da zu suchen beginnen?“

„Ja, wenn’s einfach wäre, dann hätten wir das auch selber geschafft“, entgegnete Lambrecht.

„Ja, ja, ich weiß schon, dass es meine Aufgabe ist, den Mann zu identifizieren. Ich hoffe, die Fotos helfen uns weiter. ... Ähh ... Was hat er denn eigentlich angehabt?“

„Nur Hemd und Hose.“

„Kann ich die mal sehen?“

Die Schwester reichte ihm die Sachen.

„Hmm . . . das fühlt sich gut an. Scheint sehr gute Qualität zu sein.“ Dann wandte er sich noch einmal dem Patienten zu und sagte schließlich, nachdem er ihn eine Weile gemustert hatte: „Er macht auch einen gepflegten Eindruck. Im Obdachlosen-Milieu müssen wir ihn schon mal nicht suchen, wie es aussieht. Wie groß ist der eigentlich, haben Sie das schon gemessen?“

„Ja. Er misst 1,75 Meter.“

„Einmeterfünfundsiebzig“, wiederholte Walter langsam, „augenscheinlich gut trainiert und ziemlich schlank für sein Alter. Angegrautes, aber noch volles Haar. Wie alt wird der sein, was schätzen Sie?“

„Ich würde ihn als Ü50 einordnen“, antwortete Dr. Lambrecht.

„Hmm, das könnte hinkommen“, stimmte Walter zu. „Und seine Kleidungsgröße, wie ist die?“ Dabei untersuchte er die Kleidungsstücke, die er gerade in den Händen hielt. „Aha, da haben wir’s ja: Größe L fürs Hemd und auch für die Hose. Und die Schuhgröße? Die ist – Moment – da: die ist 44. Braune Schuhe und Strümpfe, dunkelblaue Hose mit braunem Gürtel, weißes Hemd – alles von guter Qualität. Okay, die Sachen braucht er ja vorläufig nicht. Ich nehme sie mal mit. Vielleicht kann man da irgendetwas herauslesen, über die Herkunft zum Beispiel, vielleicht auch mehr. Und wenn er sein Bewusstsein wiedererlangt, rufen Sie mich bitte umgehend an.“ Er gab Lambrecht seine Visitenkarte und verabschiedete sich. An der Tür drehte er sich plötzlich um und fragte: „Fast hätte ich das Wichtigste vergessen. Gibt es eigentlich Zeugen für den Sturz?“

„Keine Ahnung“, antwortete Lambrecht, und auch die Schwestern zuckten mit der Schulter. „Aber Sie können mal die Sanitäter und den Notarzt kontaktieren, die waren ja vor Ort“, schlug Lambrecht vor.

„Okay, mache ich, danke! Die Namen können sie mir bestimmt unten bei der Rezeption sagen, denke ich. Also dann.“ Damit verließ Herr Walter den Raum.

Nachdem er sich bei der Rezeption des Krankenhauses nach dem Notarzt und den Sanitätern, die den Patienten an der Unfallstelle aufgenommen und erstversorgt hatten, erkundigt hatte, suchte er diese auf und befragte sie nach Auffälligkeiten. Leider konnten sie ihm auch nichts darüber sagen, wie es zu dem Sturz des Mannes gekommen war. Denn als sie dort eintrafen, lag der Mann ja bereits längere Zeit am Boden. Und sein Zustand ist seither unverändert. Aber es gebe ja eine ganze Menge Zeugen des Unfalls, vielleicht könne sich noch jemand von denen daran erinnern und berichten, wie es zu dem Sturz kam. Doch wer waren die Zeugen? Es wurde ja niemand namentlich notiert.

Da hilft wohl nur eine Pressenotiz, dachte sich Walter, und ging zu seinem Vorgesetzten, Hauptkommissar Freigang, um sich mit ihm abzustimmen. Dieser äußerte allerdings Bedenken: „In diesem Fall müssen wir erst mal die Vermisstenstelle des Bundeskriminalamtes einschalten.“

Wieso muss man das gleich so „hochhängen“, hatte Walter gefragt. Man könne doch einfach mal eine Suchanfrage mit dem Foto des Mannes und der Bitte um sachdienliche Hinweise an die Redaktion der Regionalzeitung schicken. Im Übrigen gäbe es ja bisher gar keine Vermisstenmeldung. Vielmehr sei der Mann ja da, er müsse halt nur identifiziert werden.

Woher wissen Sie denn, dass der Mann nicht doch schon als vermisst gemeldet ist, ohne dass wir Kenntnis davon haben, hatte Freigang ihm geantwortet. Dann belehrte er seinen jungen, manchmal etwas zu forsch auftretenden Kollegen: „Zu den Aufgaben der beim BKA angesiedelten Vermisstenstelle gehört nicht nur die Fahndung nach vermissten Personen, sondern auch die Identifizierung von unbekannten Leichen und unbekannten hilflosen Personen. Und letzteres, nämlich unbekannte hilflose Person, ist der vorliegende Fall. Das BKA muss also auf jeden Fall informiert werden. Dort werden alle entsprechenden Fälle in die INPOL-Datenbank, das Informationssystem der Polizei, eingepflegt und stehen dann allen deutschen Polizeidienststellen für Anfragen zur Verfügung. Zuständig für die Sachbearbeitung einer Vermisstenangelegenheit, auch für die Erhebung von Identifizierungsmöglichkeiten, bleibt jedoch grundsätzlich die Polizeidienststelle, in deren Be-reich die vermisste Person ihren Wohnsitz oder letzten Aufenthaltsort hatte – also in diesem Fall wir. Das heißt, wir machen pflichtgemäß Meldung ans BKA, fragen dort an nach möglicherweise passenden Vermisstenmeldungen und bearbeiten dann den Fall in eigener Regie weiter. In der Reihenfolge. Also, dann fangen Sie mal an.“

„Aha! So läuft das. Wieder was gelernt“, murmelte Walter und machte sich an die Arbeit. Nachdem er von der Vermisstenstelle keinerlei Hinweise mit Bezug zum vorliegenden Fall erhalten hatte, schickte er eine Suchanfrage mit dem Foto des Mannes und der Bitte um sachdienliche Hinweise an die Redaktion der Regionalzeitung.

In der Uni-Klinik war zwischenzeitlich wieder ein schwerverletzter Mann in sehr kritischem Zustand eingeliefert worden, der die sofortige Aufmerksamkeit von Bernauer und Lambrecht erforderte. Bernauer sagte scherzhaft: „Das geht ja heute wieder zu wie im Bienenkasten.“ Beide machten sich auf den Weg zu dem Neuzugang und begannen mit dessen Untersuchung.

Mittwoch

Am nächsten Tag, nach Erscheinen der Tageszeitung, meldeten sich mehrere Zeugen des Unfalls am Telefon, die zur fraglichen Zeit gerade an der Bushaltestelle „Neue Mitte“ gestanden und gesehen hatten, wie der Mann auf sie zu kam und dann plötzlich zusammenbrach. Fremdeinwirkung habe es nicht gegeben. Und eine Tasche oder ähnliches habe er nicht bei sich gehabt. Aber mehr konnten sie auch nicht berichten.

„Das ist mehr als dürftig“, sagte Walter zu seinem Chef. „Wenn da nicht vielleicht doch noch jemand mit weiteren Informationen kommt, dann haben wir ein Problem.“

„Na, so wie es aussieht, wollte er doch vermutlich zum Bus“, sagte Freigang nachdenklich. „Jedenfalls nach allem, was wir bisher wissen.“

„Das glaube ich nicht, Chef. Der Mann hatte doch überhaupt kein Geld dabei – und auch kein Handy, mit dem er hätte bezahlen können.“

„Hmm . . . ja, stimmt. .... Dann kann das doch eigentlich nur bedeuten, dass er entweder aus einem nahegelegenen Hotel oder aus einem der umliegenden Häuser kam“, kombinierte Freigang.

„Oder er ist beziehungsweise war geistig verwirrt, möglicherweise dement, und irrte vielleicht schon eine Weile in der Stadt herum und kam dann zufällig gerade dort entlang, wo er stürzte“, wand Walter ein.

„Ja, das können wir auch nicht ausschließen. So etwas kommt ja leider immer wieder vor, und wir müssen dann jedes Mal den Hubschrauber über der Stadt kreisen lassen, um den Verwirrten zu finden. Ein teurer Spaß. Aber wenn es so ist, dann bekommen wir wahrscheinlich bald eine Vermisstenmeldung, die uns weiterhilft. Vielleicht ist der ja auch einem Pflegeheim entlaufen? . . . Ach, sagen Sie mal, wie alt schätzen Sie den Mann eigentlich?“

„Der behandelnde Arzt, ein gewisser Doktor Lambrecht, schätzte ihn gestern als Ü50 ein. Kann sein, aber so alt ist der vielleicht doch nicht. Ich schätze ihn eher auf etwa 45, höchstens 50 Jahre. Und dann hätte er ja bis zur Demenz sicher noch ein paar Jahre Zeit.“

„Das kann sein, muss aber nicht! Also, ich sehe schon, wir tappen noch ziemlich im Dunkeln. Und solange wir keine weiterführenden Informationen haben, klappern Sie jetzt erstmal mit dem Foto die naheliegenden Hotels ab. Vielleicht werden wir ja doch da irgendwo fündig.“

„Okay! Dann mach‘ ich mich mal auf den Weg“, antwortete Walter und ging.

Er war noch gar nicht sehr lange weg, da rief ihn sein Chef an: „Also, Herr Walter, jetzt haben wir erste konkrete Hinweise. Der Mann ist tatsächlich hier im Hotel abgestiegen, und zwar im ‚Goldenen Rad‘. Die haben soeben hier angerufen. Da gehen Sie jetzt gleich mal hin und suchen in seinem Zimmer nach seinen Papieren und möglichen Auffälligkeiten. Außerdem hat sich hier gerade auch noch ein Herr Dr. Michael Forrester, ein Amerikaner, gemeldet und mitgeteilt, dass er derzeit zusammen mit unserem Patienten einen wissenschaftlichen Kongress an der Universität besucht. Unser Patient heißt demnach Dr. Steven McMorris, ist 48 Jahre alt und ebenfalls US-Bürger. Ich habe Mr. Forrester gebeten, möglichst bald bei uns vorbeizuschauen, um uns mehr über McMorris zu erzählen. Er schien sehr besorgt und hat mir zugesagt, nach dem nächsten Vortrag, etwa gegen 11.30 Uhr, herzukommen.“

„Okay, danke. Bis dahin werde ich sicher auch wieder zurücksein. Ich bin jetzt gleich im ‚Goldenen Rad‘.“

Im Hotel „Goldenes Rad“ ging Walter schnurstracks zur Rezeption, wies sich als Polizeibeamter aus und zeigte das Foto von McMorris vor. „Sie haben bei uns angerufen? Der Mann ist hier bei Ihnen abgestiegen?“

„Ja, richtig, er hat vor drei Tagen, also letzten Sonntagabend, bei uns eingecheckt. Ist was mit ihm passiert?“

„Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?“

„Gestern, denke ich. . . . Nein, warten Sie, es war vorgestern.“

„Also wann?“

„Ja, stimmt, es war vorgestern, also am Montag. Gestern habe ich ihn gar nicht gesehen, und heute habe ich ihn auch noch nicht gesehen. Er war, glaube ich, auch gar nicht beim Frühstück.“

„Sie haben ihn also gestern auch nicht weggehen sehen?“

„Hmm . . . nein, ich glaube nicht. Er ist mir jedenfalls nicht aufgefallen. Wissen Sie, hier gehen so viele Leute ein und aus. Und wenn ich gerade mit Ein- und Auschecken beschäftigt bin, dann kann ich nicht gleichzeitig auch noch jeden Vorbeigehenden registrieren.“

„Hmm, also vorgestern. Sagen Sie, bei Ihnen wohnt doch auch ein gewisser Mr. Forrester, ja?“

„Das ist richtig, ja. Soviel ich weiß, sind sie beide Kongressbesucher an der Uni. Vorgestern habe ich zufällig gesehen, wie sie nach dem Frühstück gemeinsam das Hotel verließen und vermutlich zur Uni hochgefahren sind. Und gestern, . . . ja richtig, wenn ich mich recht er-innere, gestern war Mr. Forrester allein beim Frühstück. Als er dann das Hotel verließ, kam er nämlich hier noch kurz vorbei und sagte . . . Moment, wie war das gleich. . . . Ja, er sagte, ich solle Mr. McMorris ausrichten, er sei schon gegangen. Mr. McMorris wolle wohl heute länger ausschlafen, nachdem sie am Abend zuvor reichlich Alkohol in der Bar genossen hatten. Ja, so war das.“

„Okay, das ist ja interessant. Ich würde jetzt gern sein Zimmer sehen.“

„Selbstverständlich, ich rufe den Zimmerservice.“

„Geben Sie mir den Schlüssel, ich gehe allein hinauf. Zimmernummer?“

„Es ist im dritten Stock, Zimmer 302. Da drüben ist der Fahrstuhl.“

„Danke, das finde ich schon.“ Dann ging er zum Fahrstuhl und fuhr nach oben.

Das Zimmer machte einen sehr gepflegten Eindruck. Der Zimmerservice hatte seine Arbeit gut gemacht. Herr Walter öffnete die Schranktüren und stellte fest: Auch der Gast, Mr. McMorris, hatte seine persönlichen Sachen sehr ordentlich, fast schon pedantisch korrekt, in die Schränke eingeräumt. Der Tresor im Schrank war verschlossen. Herr Walter kramte in den Taschen des Jacketts, fand aber weder eine Brieftasche noch eine Geldbörse und auch keine Ausweispapiere. Er durchsuchte die gesamte Garderobe von Mr. McMorris, fand aber nichts. Dann nahm er sich dessen Koffer vor. Der war verschlossen. Ein Nummerncode. Er rief seinen Chef an, schilderte die Situation und fragte Ihn, ob er den Koffer aufbrechen solle.

„Nein, bringen Sie den Koffer mit hierher, wir haben hier Spezialisten für sowas. Aber lassen sie sich den Tresor öffnen. Vermutlich liegen da die Papiere drin“, bekam er zur Antwort.

Herr Walter rief bei der Rezeption an und bat darum, jemanden hochzuschicken, der den Tresor öffnen könne. Kurz darauf erschien der Hoteldetektiv, lies sich erst einmal den Polizeiausweis zeigen und öffnete dann den Tresor. Tatsächlich, da lagen die Brieftasche mit den Ausweispapieren sowie Flugticket und Handy von Mr. McMorris. Er steckte sich die Sachen ein. Dann bat er den Hoteldetektiv, das diensthabende Mädchen vom Zimmerservice hoch zu beordern. Sie erschien auch gleich, und so befragte er sie, ob ihr beim Aufräumen und Reinigen des Zimmers irgendetwas aufgefallen sei. Das war nicht der Fall. Und so ließ er das Zimmer vom Hoteldetektiv verschließen, ging noch einmal bei der Rezeption vorbei, um anzuordnen, dass dieses Zimmer bis auf weiteres nicht betreten werden darf, und verließ das Hotel mit dem Koffer.

Mr. Forrester wurde gerade von einem Beamten des Polizeikommissariats zum Büro von Herrn Freigang geführt, als auch Herr Walter von seinem Hotelbesuch zurückkehrte. Freigang begrüßte den Gast: „Mr. Forrester?“ Der nickte zustimmend, während Freigang weitersprach: „Thank you for comming. My name is Freigang and this is my colleague Mr. Walter. Please take a seat, we’ve some questions concerning Mr. McMorris to clarify. Do you like a cope of coffee?“

Mr. Forrester setzte seine Brille auf und schaute Herrn Freigang an. Das Smart Glass zeigte ihm an: »Werner Freigang, Polizeihauptkommissar im Kriminaldauerdienst Ulm, Alter: 46 Jahre, verheiratet, zwei Kinder im Schulalter.« Danach schaute er Herrn Walter an und las: »Person unbekannt.« „Ja, gern“, antwortete er dann. „Wir können uns übrigens auch gern auf Deutsch unterhalten, dann habe ich gleich wieder etwas Übung im Sprechen.“

„Ausgezeichnet! Darf ich fragen, wo Sie das gelernt haben?“ wollte Freigang wissen, während Walter Kaffee bei der Sekretärin bestellte.

„Das habe ich meinem Großvater mütterlicherseits zu verdanken, der war deutscher Abstammung. Bei dem verbrachte ich in meiner Jugend häufig die Ferienzeit und lernte dabei von ihm deutsch“, erklärte Forrester.

„Interessant! . . . Ja, dann kommen wir bitte mal zu Mr. McMorris.“

Forrester wollte gerade nach seiner Kaffeetasse greifen, zuckte aber sofort zurück und zeigte sich sehr besorgt: „Sagen Sie, was ist mit Mr. McMorris? Ist ihm etwas zugestoßen? Wir haben ihn schon vermisst. Er hätte gestern Nachmittag einen Vortrag halten sollen, aber er war nicht da.“

„Bitte, Herr Forrester, immer eins nach dem anderen. Geben Sie uns bitte erst mal Auskunft auf unsere Fragen“, versuchte Polizeihauptkommissar Freigang den Gesprächsablauf zu ordnen. „Zunächst nehmen wir Ihre Personalien für das Protokoll auf.“

„Okay. Mein Name ist Michael Forrester, Alter: 40 Jahre, Beruf: Hirnforscher, Wohnort: Palo Alto im Silicon Valley, momentaner Aufenthalt in Ulm, Hotel ‚Goldenes Rad‘, dienstlich als Konferenzteilnehmer an der Universität Ulm“, beantwortete er freimütig ihre Fragen.

„Darf man fragen, was das für eine Konferenz ist, ich meine, mit welcher Thematik?“

„Selbstverständlich, das ist ja kein Geheimnis. Es geht dabei um KI . . .“

„KI?“

„Hmm? Hört sich an wie eine Formel. Was bedeutet das denn?“

„Nun, das steht für: Biologische Intelligenz plus Künstliche Intelligenz gleich Intelligenz zur xten Potenz.“

„Ach du Schreck“, murmelte Freigang still vor sich hin.

„Ja, das mag für Laien etwas fragwürdig oder seltsam klingen. Aber eigentlich drückt es nur das genau aus, wovon wir tatsächlich überzeugt sind, dass nämlich die Kombination von biologischer und künstlicher Intelligenz mehr ergibt als lediglich die Summe von beidem. Diese Formel darf man allerdings nicht wörtlich nehmen, sie ist eher symbolisch zu verstehen. Aber wir erwarten dadurch in der Tat eine ganz erhebliche kognitive Leistungssteigerung!“

„Das vermag ich mir gar nicht vorzustellen“, sinnierte Herr Freigang. Und Herr Walter, der wesentlich jünger war als sein Chef, und der den neuen Technologien entsprechend offener gegenüberstand, bekam ganz große, glänzende Augen.

„Das nehme ich Ihnen unbesehen ab. Für Laien auf diesem Gebiet ist das auch kaum vorstellbar. Aber die Entwicklungen sind weit gediehen. Und Mr. McMorris zählt zu den führenden Köpfen auf dem Gebiet der KI. Sein Interesse und seine Arbeiten gelten insbesondere der Schaffung von Cyborgs.“

„Cy . . . was?“

„Cyborg, das ist ein Akronym für cybernetic organism. Man versteht darunter dauerhafte Verbindungen von biologischen, in diesem Fall menschlichen, mit technischen Elementen. Im Grunde sind Menschen mit technischen Implantaten wie Herzschrittmachern, künstlichen Glied­maßen, komplexen Prothesen, Cochlea- oder Retina-Implantaten dem Begriff nach bereits Cyborgs. Allerdings wurde der Terminus in diesem Zusammenhang üblicherweise nicht angewendet. Erst seit es um ‚Kognitives Enhancement‘ in Verbindung mit Brain-Computer-Interfaces geht, hat sich der Begriff Cyborg durchgesetzt.“

„Kognitives Enhancement?“ schaute Freigang ihn fragend an.

„Ja, ja“, bestätigte Forrester, „die Menschen möchten doch gerne ihre kognitiven Leistungen verbessern, also sich mehr merken, schneller denken, schärfer schlussfolgern und weiser urteilen können. Mit dem Upgrade des Körpers zur Verbesserung seiner natürlichen Eigenschaften und kognitiven Fähigkeiten durch Künstliche Intelligenz über eine Gehirn-Computer-Schnittstelle entsteht ein neuer Typ Mensch, gewissermaßen ein hybrider Mensch, ein Mischwesen, das den natürlichen Menschen intellektuell deutlich überlegen ist.“

„Gott bewahre uns vor dem Übel“, stöhnte Freigang.

„Das ist doch interessant“, warf Walter begeistert ein. „Wie weit ist denn das Ganze heute schon gediehen? Könnte ich mir auch so ein Ding implantieren lassen?“

„Selbstverständlich“, entgegnete Forrester mit dem Brustton der Überzeugung. „Es laufen schon etliche Leute – zumindest und besonders in den USA – mit einem Chip im Kopf herum, das merken wir vielleicht nicht gleich so schnell, weil wir damit überhaupt nicht rechnen.“

„Ja – schön und gut“, unterbrach Freigang die sich anbahnende Diskussion. „Bleiben wir doch lieber bei unserem ganz konkreten Fall. Da stellt sich mir jetzt die Frage: Ist Mr. McMorris davon betroffen? Ich meine, ist der vielleicht so ein Cyborg?“

„Das weiß ich leider nicht. Ich kann lediglich bestätigen, dass diese Thematik zu seinem Arbeitsgebiet gehört. Aber jetzt sagen Sie mir doch bitte endlich, was mit ihm los ist. Was ist ihm passiert?“ drängte Forrester mit besorgter Miene.

„Gleich! Sie erfahren es gleich“, entgegnete Freigang betont ruhig. „Zunächst beantworten Sie bitte unsere Fragen: Also, könnte McMorris ein Cyborg sein?“

„Wie gesagt, ob er selbst einen implantierten Chip trägt, das weiß ich wirklich nicht. Jedenfalls hat er in meiner Gegenwart nie so etwas verlauten lassen. Und wir kennen uns schon länger – allerdings weniger privat, mehr geschäftlich wissenschaftlich, verstehen Sie?“

„Aber wenn Sie ihn doch immerhin schon länger kennen, dann könnte Ihnen ja vielleicht irgendetwas an ihm beziehungsweise an seinem Verhalten aufgefallen sein – wie soll ich sagen – etwas Cyborghaftes? Wie würde sich sowas eigentlich äußern?“

„Das lässt sich so allgemein nicht beantworten. Das wichtigste Kriterium habe ich schon erwähnt: Diese Cyborgs zeichnen sich durch sehr große Intelligenz und ein phänomenales Gedächtnis aus. Aber wie sie mit diesen Fähigkeiten umgehen, das heißt, wie sie sich gegenüber der Gesellschaft geben, ob sie zum Beispiel andere ihre geistige Überlegenheit in erniedrigender Weise spüren lassen, das hängt ganz von ihrem individuellen Charakter ab, verstehen Sie? Allerdings ist Arroganz kein Alleinstellungsmerkmal für Cyborgs. . . . Also, was ich sagen will, ist, man sieht nicht gleich auf den ersten Blick, ob man es mit einem Cyborg oder einem ganz natürlich intelligenten Menschen zu tun hat.“

„Hmm . . . es könnte also durchaus sein, dass Sie, der sich intensiv wissenschaftlich mit dieser Materie befasst, auch ein Cyborg sind, ohne dass ich das bemerken müsste?“ kombinierte Freigang.

„Selbstverständlich! Ich würde das auch nicht jedem auf die Nase binden, wie man hierzulande so schön sagt. Man kann ja seine Vorteile gegenüber gewöhnlichen Menschen auch ganz für sich still genießen.“

„Und wenn ich Sie ganz konkret danach fragte: Sind Sie ein Cyborg? Was würden Sie mir darauf antworten?“

„Ich schätze Sie nicht so ein, dass Sie mich auf eine so plumpe Art und Weise auszufragen versuchten, Herr Freigang. Aber es gibt natürlich auch Leute, die gar kein Geheimnis daraus zu machen versuchen. Um mal wieder auf McMorris zurückzukommen: Von ihm ist bekannt, dass er bekennender Transhumanist ist, und das lässt immerhin den Schluss zu, dass er zwar nicht mit Sicherheit, aber doch mit großer Wahrscheinlichkeit auch ein Cyborg ist.“

„Schon wieder eine Vokabel, die ich nicht kenne: Was zum Teufel ist ein Transhumanist?“