Auf der Jacht des griechischen Tycoons - Lynne Graham - E-Book

Auf der Jacht des griechischen Tycoons E-Book

Lynne Graham

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Beschreibung

"Mr. Zikos möchte Sie auf einen Drink einladen." Neugierig folgt Grace dem Kellner in den VIP-Bereich der Bar und trifft dort den umwerfenden Tycoon Leo Zikos. Wie Leo sie berührt, wie er sie küsst -wie heiß er sie auf seiner weißen Jacht liebt! Mit ungeahnten Folgen …

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Auf der Jacht des griechischen Tycoons erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg

Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/72 52-399 E-Mail: [email protected]
Geschäftsführung:Katja Berger, Jürgen WelteLeitung:Miran Bilic (v. i. S. d. P.)Produktion:Christina SeegerGrafik:Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto)

© 2015 by Lynne Graham Originaltitel: „The Greek Demands His Heir“ erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe JULIA EXTRABand 416 - 2016 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg Übersetzung: Irmgard Sander

Umschlagsmotive: GettyImages-Olga_Gavrilova

Veröffentlicht im ePub Format in 6/2021.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783751507394

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, TIFFANY

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1. KAPITEL

„Übrigens, letzte Woche habe ich zufällig Rodas getroffen“, sagte Anatole Zikos, der seinen Sohn Leo ursprünglich angerufen hatte, um ihm zu seinem jüngsten geschäftlichen Erfolg zu gratulieren. „Dein zukünftiger Schwiegervater schien mir etwas … ungeduldig, wann ihr endlich ein Datum für die Hochzeit festsetzt. Immerhin seid ihr seit drei Jahren verlobt, Leo. Wann hast du denn vor, Marina zu heiraten?“

„Wir treffen uns heute Mittag zum Essen“, wich Leo der besorgten Frage amüsiert aus. „Aber wir haben beide nicht vor, etwas zu überstürzen.“

„Nach drei Jahren kann euch das auch niemand vorwerfen“, entgegnete Anatole trocken. „Bist du sicher, dass du das Mädchen überhaupt heiraten willst? Es ist ja nicht so, als hättest du Kouros Electronics heutzutage noch nötig.“

„Darum geht es doch gar nicht“, entgegnete Leo pikiert. „Es ist eine Frage der Vernunft. Marina wird einmal die perfekte Ehefrau für mich sein.“

„Es gibt keine perfekte Ehefrau, Leo.“

Unwillkürlich dachte Leo an Cleta, seine Mutter, und biss sich auf die Zunge, ehe er etwas sagte, was er bereuen würde. Die Ehe seiner Eltern war lange Zeit ein Kriegsschauplatz gewesen, nicht zuletzt weil sein Vater sich über Jahre eine Zweitfamilie mit seiner Geliebten und deren Kind geleistet hatte. Auch nach dem Tod der Geliebten waren die Spannungen zwischen Leos Eltern nicht besser geworden, da der uneheliche Sohn in Anatoles Haus aufgenommen worden war. Genau wie sein Halbbruder war Leo, kaum dass er erwachsen war, vor diesem Unfrieden geflohen und hatte es ebenso wie Bastien ohne Hilfe in wenigen Jahren zum Selfmade-Milliardär gebracht.

Seine Eltern lebten seit einiger Zeit gütlich getrennt, was es Leo ermöglicht hatte, sich mit seinem Vater auszusöhnen. Lange Zeit hatte er ihm nicht verzeihen können, dass er mit seiner notorischen Untreue seine Mutter unglücklich gemacht und die Atmosphäre in der Familie vergiftet hatte. Cleta Zikos war im Herzen eine enttäuschte, verbitterte Frau geblieben, die den Anblick des unehelichen Sohnes ihres Mannes nicht ertragen konnte.

Am anderen Ende der Leitung seufzte Anatole, als sein Sohn schwieg. „Ich möchte doch nur, dass du in deiner Ehe glücklich wirst, Leo.“

„Das werde ich“, erklärte Leo zuversichtlich und beendete lächelnd das Gespräch.

Das Leben meinte es gut mit ihm, sehr gut sogar. Nicht nur war er groß, dunkelhaarig und athletisch – der Traum vieler Frauen. Er war auch überaus reich und erfolgreich. Sein Vater hatte also durchaus recht, dass Leo Marina nicht heiraten musste, um auf diese Weise in den Besitz des Elektronikkonzerns ihres Vaters zu gelangen. Aber er hatte Marina nie ihres Geldes wegen heiraten wollen.

Als Leidtragender der explosiven Auseinandersetzungen in seinem Elternhaus hatte Leo schon mit achtzehn eine Liste mit Eigenschaften aufgestellt, die seine zukünftige Ehefrau aufweisen sollte. Marina Kouros genügte ihr in allen Punkten. Sie war reich, schön und intelligent und entstammte denselben exklusiven Kreisen, in denen er aufgewachsen war. Sie hatten sehr viel gemeinsam, waren aber nicht ineinander verliebt, geschweige denn eifersüchtig. Ihre Ehe würde eine Vernunftehe auf der Basis von Freundschaft und Partnerschaft sein. Nein, mit Marina, die er seit dem Kindergarten kannte, musste Leo keine unangenehmen Überraschungen befürchten.

Zufrieden mit sich und seinem Leben, ließ sich Leo zu dem Jachthafen an der Côte d’Azur chauffieren und ging an Bord der Hellenic Lady, einer der größten Privatjachten der Welt. Mit fünfundzwanzig hatte er seine erste Milliarde gemacht, und seitdem gönnte er sich nach einem abgeschlossenen Deal wie jetzt gelegentlich eine Auszeit auf seiner Luxusjacht.

„Schön, Sie wieder an Bord zu haben, Sir“, begrüßte ihn sein englischer Kapitän. „Miss Kouros erwartet Sie im Salon.“

Marina, eine schlanke, elegante Brünette, bewunderte gerade ein Gemälde, das er erst vor Kurzem erworben hatte. Bei Leos Eintreten wandte sie sich lächelnd um.

„Deine Nachricht hat mich etwas überrascht.“ Leo küsste sie auf die Wange. „Ich wusste gar nicht, dass du in der Gegend bist.“

„Ich bin unterwegs zu einem Wochenendtrip mit Freunden und dachte, wir sollten uns mal wieder kurzschließen. Ich glaube, mein Vater streut Gerüchte über eine bevorstehende Hochzeit …“

„Neuigkeiten verbreiten sich schnell“, meinte Leo trocken. „Anscheinend wird dein Vater etwas ungeduldig.“

Marina seufzte. „Er hat seine Gründe. Ich war in letzter Zeit wohl etwas indiskret.“

„Inwiefern?“

„Hatten wir uns nicht geeinigt, dass wir uns bis zur Heirat keine Erklärungen schuldig sind?“, protestierte sie.

„Wir waren uns einig, dass wir unserer eigenen Wege gehen, bis die Ehe uns bindet“, räumte er ein. „Aber als dein Verlobter habe ich doch wohl das Recht, zu erfahren, was du mit ‚indiskret‘ meinst?“

„Also gut!“ Ein wenig trotzig warf sie ihren Seidenschal aufs Sofa. „Ich habe gerade eine heiße Affäre, und es hat etwas Gerede gegeben.“

„Wie heiß?“, erkundigte sich Leo sanft.

Marina verdrehte lachend die Augen. „Du bist keine Spur eifersüchtig, stimmt’s?“

„Nein, aber ich wüsste doch gern, was deinen Vater so aufgescheucht hat, dass er auf einen Hochzeitstermin drängt.“

Sie verzog das Gesicht. „Wenn du es unbedingt wissen willst: Mein Geliebter ist ein verheirateter Mann.“

Leos Augen blitzten auf. Er war ebenso erstaunt wie enttäuscht, denn bislang hatte er stillschweigend angenommen, dass für Marina Ehebruch ebenso tabu sei wie für ihn. Zu sehr hatte er als Kind unter den Konsequenzen der Affäre seines Vaters gelitten.

„Meine Güte, Leo, stell dich nicht so an!“, verteidigte sich Marina, als er so offensichtlich missbilligend schwieg. „Der Klatsch legt sich wieder. Das ist doch immer so.“

„Du kannst nicht erwarten, dass ich das gutheiße. Zumal eine solche Affäre deinen Ruf schädigt … und damit auch meinen“, erwiderte er kühl.

„Etwas Ähnliches könnte ich auch über die kleine Striptease-Tänzerin sagen, mit der du letzten Sommer übers Mittelmeer gekreuzt bist.“

Leo zog es wieder einmal vor, zu schweigen, warf Marina aber einen Blick zu, der sie vor Unbehagen erröten ließ. Tatsächlich war Leo Zikos ein Mann, der regelmäßigen Sex als genauso selbstverständlich betrachtete wie die Luft zum Atmen oder tägliche Mahlzeiten. Er sah keinen Grund, sich dafür zu rechtfertigen – vor allem, da er und Marina nicht einmal das Bett miteinander teilten. Ihre Abmachung, sich bis zur Hochzeit alle Freiheiten zu erlauben, funktionierte einfach besser bei gleichzeitigem Einverständnis, sich den Sex miteinander für die Ehe aufzuheben. Ein vernünftiges Arrangement.

Es gibt keine perfekte Ehefrau, hatte sein Vater erst vor gut einer Stunde zu ihm gesagt, doch Leo hatte nicht erwartet, schon so bald den Beweis für diese Behauptung zu erhalten. Seine hohe Meinung von Marina hatte empfindlich Schaden genommen, weil sie es offensichtlich nicht als grundsätzlich falsch betrachtete, mit dem Ehemann einer anderen zu schlafen. Waren seine Ansichten in diesem Punkt so altmodisch? Zu stark beeinflusst von den Erfahrungen in seiner Kindheit und Jugend?

„Es tut mir leid, aber mein Vater lässt mir keine Ruhe“, lenkte Marina reumütig ein. „Wahrscheinlich hat er Angst, ich könnte dich vergraulen. Wie ich es ja angeblich schon mit deinem Bruder getan habe …“

Das war ein Thema, an dem Leo am liebsten nicht rührte. Den einzigen richtigen Fehler hatte Marina in seinen Augen nämlich vor Jahren begangen, als sie sich einen One-Night-Stand mit seinem Halbbruder erlaubt hatte, zu dem Leo nie ein gutes Verhältnis gefunden hatte. Zu allem Überfluss hatte Bastien Marina im Anschluss auf unverzeihliche Weise abgefertigt, was Leo ihm nie verziehen hatte. Denn Marina war seit seiner Kinderzeit so etwas wie sein bester Freund und Kumpel. Es gab kaum einen Menschen, dem er so vertraute.

„Vielleicht sollten wir einfach einen Termin für die Hochzeit festlegen, damit alle zufrieden sind“, schlug sie nun beiläufig vor. „Ich bin zwar erst neunundzwanzig, aber ich glaube, mein Vater hat Angst, ich könnte zu alt werden, um die ersehnten Enkel zu liefern.“

Wieder schwieg Leo, denn er fühlte sich noch gar nicht bereit für die Vaterrolle.

„Was hältst du von Oktober?“ Marina schien sein Unbehagen nicht zu bemerken. „Mir würden drei Monate für die Vorbereitung reichen. Eine entspannte kleine Feier in London, nur mit der Familie und unseren engsten Freunden.“

Damit war die Sache entschieden. Während des Mittagessens an Deck tauschten sie die jüngsten Neuigkeiten über gemeinsame Freunde aus. Als Marina gegangen war, hätte Leo eigentlich zufrieden sein können. Wieder einmal war zwischen ihnen alles ganz harmonisch und ohne Streit abgelaufen. Aber obwohl er dem Hochzeitstermin zugestimmt hatte, blieb ein Gefühl nagender Unzufriedenheit … nein, schlimmer noch, er fühlte sich plötzlich, als säße er in der Falle.

„Unsinn, Grace, natürlich fliegst du mit Jenna in die Türkei.“ Wie üblich wischte Della Donovan, Grace’ Tante, die Einwände ihrer Nichte vom Tisch. „Wer wäre so dumm, auf einen Gratisurlaub zu verzichten?“

Grace blickte angestrengt in den hübschen Garten hinter dem repräsentativen Haus ihrer Tante und ihres Onkels im Londoner Norden. Vergeblich zerbrach sie sich den Kopf auf der Suche nach einer Ausrede, um die „großzügige Einladung“ ihrer Cousine ablehnen zu können.

„Deine blöden Prüfungen hast du doch alle hinter dir, oder?“, mischte sich Jenna ein, die auf dem Sofa saß. Mutter und Tochter waren sich sehr ähnlich, große, schlanke Blondinen … ganz im Gegensatz zu Grace, die klein war, mit Rundungen, einer feuerroten Lockenmähne, hellem Alabasterteint und Sommersprossen auf der Stupsnase.

„Ja, aber …“ Sie verkniff sich das Eingeständnis, dass sie die Semesterferien nutzen wollte, um sich mit einem Kellnerjob ein möglichst großes finanzielles Polster für ihr letztes Studienjahr an der Universität zu verdienen. Jegliche Anspielungen auf ihre enge finanzielle Lage betrachtete ihre Tante als undankbar und geschmacklos. Dabei hatte Grace im Haus ihrer Tante und ihres Onkels für ihr Geld stets arbeiten müssen, obwohl ihre Tante eine erfolgreiche Anwältin und ihr Onkel ein hoch bezahlter Manager war. Schon mit zehn Jahren wurde ihr von ihrer Tante unmissverständlich klargemacht, dass sie keine „richtige“ Tochter der Donovans war, deshalb auch nichts von ihnen erben würde und somit allein für ihren Lebensunterhalt aufkommen musste.

So hatte Grace schon sehr früh gelernt, welch unterschiedlicher Stellenwert ihr und Jenna zukam. Eine Privatschule für Jenna, die staatliche Gesamtschule im Viertel für Grace. Ein eigenes Pferd und Reitstunden für Jenna, Stallausmisten für Grace. Jenna machte selbstverständlich Abitur, studierte und arbeitete mit fünfundzwanzig dank der Beziehungen ihrer Eltern schon für ein populäres Modemagazin. Grace musste mit sechzehn erst einmal die Schule beenden, um Dellas bettlägerige Mutter bis zu deren Tod zu pflegen. Statt sorglos ihre Jugend zu genießen, hatte sie neben ihrer Pflegetätigkeit das Abitur an der Abendschule nachgeholt, um schließlich das Medizinstudium aufnehmen zu können.

Trotzdem verbot sie sich jede Bitterkeit. Die alte Mrs. Grey zu pflegen betrachtete sie als faire Gegenleistung dafür, dass die Donovans sie nach dem Tod ihrer Mutter in ihrem Haus aufgenommen hatten. Niemand sonst hatte sie haben wollte. Ohne die Intervention ihres Onkels wäre sie damals im Heim gelandet. Das hielt sich Grace jedes Mal vor Augen, wenn die Familie ihres Onkels wieder einmal einen Dienst von ihr einforderte. Manchmal jedoch hatte sie das Gefühl, an der Anstrengung ersticken zu müssen, die es sie kostete, ihr rebellisches Temperament zu zügeln und den Mund zu halten.

„Wie es aussieht, bin ich auf dich angewiesen“, maulte Jenna wie ein verzogener Teenager. „Ich kann meinen geplanten Mädelsurlaub ja schlecht allein machen. Und von meinen Freundinnen hat keine Zeit. Glaub mir, du bist meine letzte Wahl.“

Grace presste ihren hübschen Schmollmund zusammen und strich sich die roten Locken aus der Stirn. Ihre hellgrünen Augen blitzten, und allmählich meldeten sich die ersten Anzeichen von Kopfschmerzen. Eigentlich hatte ja Lola, die beste Freundin ihrer Cousine, Jenna begleiten sollen, aber sie hatte sich bei einem Autounfall beide Beine gebrochen. Das war der einzige und traurige Grund, warum Jenna Grace einlud, sie in die Türkei zu begleiten, und Grace hätte liebend gern abgelehnt, obwohl sie ewig keine Ferien gemacht hatte.

Denn unglücklicherweise hatte Jenna Grace nie leiden können. Die Donovans hatten vielleicht gehofft, dass ihre Tochter Grace als kleine Schwester akzeptieren würde, weil die beiden Mädchen nur ein Jahr trennte. Als verwöhntes Einzelkind hatte Jenna ihre Cousine jedoch von Anfang an als Rivalin um die Gunst der Eltern betrachtet. Und das war im Lauf der Jahre nur schlimmer geworden, als Grace sich als die weitaus bessere Schülerin erwiesen und trotz ihrer unterbrochenen Schullaufbahn schließlich sogar begonnen hatte, Medizin zu studieren.

„Da es so kurzfristig ist, wirst du mit Grace vorliebnehmen müssen, Darling“, meinte Della nun mitfühlend. „Aber sie wird sich sicher bemühen, dir eine nette Gesellschaft zu sein.“

Jenna stöhnte. „Sie trinkt nichts, sie hat nicht einmal einen Freund … sie interessiert sich für nichts außer ihrem Studium.“

„Ich komme mit, wenn Jenna es wirklich will.“ Grace wusste, wann es klüger war, nachzugeben. Und solange sie noch zu einer geringfügigen Miete, die sie von ihrem Kellnerjob bezahlte, unter dem Dach der Donovans wohnte, durfte sie es sich nicht mit ihren Verwandten verscherzen. Sie hatte schon als Kind gelernt, dass ihr jede Weigerung oder Störrigkeit als Undankbarkeit ausgelegt wurde. „Allerdings habe ich für einen Strandurlaub gar nichts Richtiges anzuziehen“, fügte sie hinzu, weil sie wusste, wie versnobt Jenna in Sachen Mode war.

„Mal sehen, ob ich bei meinen abgelegten Sachen etwas für dich finde“, sagte ihre Cousine gereizt. „Aber ich weiß nicht, ob du mit deinem Busen und Po überhaupt hineinpasst. Als zukünftige Ärztin solltest du eigentlich besser auf deine Figur achten und dich gesünder ernähren.“

„Das sind meine natürlichen Rundungen“, erwiderte Grace, wobei sie ein amüsiertes Lächeln unterdrückte. Längst hatte sie begriffen, dass aus Jennas Sticheleien gegen ihre Figur blanker Neid sprach.

Das Knallen einer Tür schreckte Grace auf. Sie setzte sich kerzengerade auf und begriff im nächsten Moment, wo sie sich befand.

„Es tut mir leid, aber es ist nicht gestattet, hier unten im Empfangsbereich zu schlafen“, sagte die junge Frau hinter der Rezeption bedauernd.

Grace strich sich mit beiden Händen durch die zerzausten roten Locken und stand auf. Ein Blick auf die Uhr verriet zu ihrer Erleichterung, dass es schon nach zehn Uhr morgens war. Nun konnte sie hoffentlich in das Hotelzimmer zurück, das sie ja eigentlich mit ihrer Cousine teilte.

Bisher war der gemeinsame Urlaub ein Desaster gewesen. Ungeachtet ihres festen Freundes in London hatte Jenna sich gleich am ersten Tag auf die Suche nach einer Urlaubsaffäre gemacht und war zu Grace’ Pech schnell fündig geworden. Stuart war Banker, eingebildet und prahlerisch, aber Jenna fuhr total auf ihn ab. Also hatte sie Grace unmissverständlich klargemacht, dass sie sich aus dem gemeinsamen Hotelzimmer fernzuhalten hatte, weil Jenna die Nacht mit Stuart verbringen wollte. Nachdem Grace die erste Nacht lesend in der Hotellobby zugebracht hatte, protestierte sie energisch, als Jenna am zweiten Abend erneut von ihr verlangte, für Stuart das Feld zu räumen.

„Wo soll ich denn hin? Ich kann nicht schon wieder die ganze Nacht in der Lobby sitzen!“

„Selbst schuld, du hättest dir halt auch einen Kerl suchen sollen“, entgegnete Jenna ungerührt.

„Aber könnt ihr heute Nacht nicht in seinem Hotel schlafen?“

„Stuart teilt sich die Unterkunft mit fünf anderen Jungs. Außerdem zahlen meine Eltern für das Hotelzimmer. Es ist mein Urlaub, und wenn mir deine Gegenwart nicht passt, musst du dich verkrümeln!“, zischte Jenna.

Diese unfreundlichen Worte im Sinn, klopfte Grace lieber an die Zimmertür, statt ihren Schlüssel zu benutzen. Auf keinen Fall wollte sie die beiden Turteltauben stören. Zu ihrer Überraschung öffnete Jenna ihr lächelnd und bereits vollständig angezogen.

„Komm rein. Ich frühstücke gerade. Möchtest du eine Tasse Tee?“

„Gern.“ Grace blickte skeptisch zur Badezimmertür. „Ist Stuart noch da?“

„Nein, er ist schon früh fort … zu einem Tauchausflug. Ich weiß nicht, ob wir uns heute Abend sehen. Wie wär’s, wenn wir beide in den Club gehen, von dem alle reden?“

„Wenn du möchtest.“ Grace war natürlich klar, dass Jenna sie nur brauchte, weil Stuart sich offensichtlich rarmachte.

„Stuart will etwas Abstand. Das geht ihm alles zu schnell …“, plapperte Jenna. „Was soll’s, andere Mütter haben auch hübsche Söhne. Der soll sich bloß nicht einbilden, ich würde auf ihn warten!“

„Nein“, pflichtete Grace ihr höflich bei.

„Vielleicht triffst du ja heute Abend auch jemanden. Höchste Zeit, dass du endlich den Club der Jungfrauen verlässt und dich ins richtige Leben stürzt.“

„Woher willst du wissen, dass ich das nicht längst getan habe?“, fragte Grace pikiert.

„Weil du jeden Abend brav nach Hause kommst – und nie besonders spät. Weißt du was? Du bist einfach zu wählerisch“, verkündete Jenna ihr Urteil.

„Mag sein.“ Grace nippte an ihrem Tee und sehnte sich nur nach ihrem Bett.

Jennas ganze Welt drehte sich um den jeweiligen Mann in ihrem Leben, und sie war total verunsichert, wenn sie einmal keinen hatte. Grace’ Leben dagegen drehte sich einzig um ihr Studium. Sie hatte zu hart dafür gearbeitet, doch noch Medizin studieren zu können, und hielt Männer für eine gefährliche Ablenkung. Nichts sollte sich zwischen Grace und ihren Traum stellen, als Ärztin anderen Menschen zu helfen. Nicht umsonst hatte sie das warnende Beispiel ihrer Mutter vor Augen, die ihr Leben verkorkst hatte, weil sie auf den falschen Mann hereingefallen war.