Auf der Suche nach Chet Baker - Bill Moody - E-Book

Auf der Suche nach Chet Baker E-Book

Bill Moody

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Beschreibung

Chet Baker, der erste Popstar des Jazz, feiert in den Fünfzigerjahren seine größten Erfolge, doch die Drogen ruinieren seine Karriere. Ihm gelingt, was ihm keiner mehr zugetraut hätte: Er feiert ein Comeback in Europa – bis er im Mai 1988 in Amsterdam aus dem Fenster eines Hotels zu Tode stürzt. Jazzpianist Even Horne ermittelt in einem klassischen Fall von Jazz & Crime: Rauchige Clubs, amerikanische Musiker im selbstgewählten europäischen Exil, die Coffeeshops und kleinen Gassen in Amsterdam bilden den Hintergrund für einen spannenden Kriminalroman, der den Spuren des von den Drogen und der Musik getriebenen Trompeters nachgeht.

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Seitenzahl: 427

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über dieses Buch

Ein klassischer Fall von Jazz & Crime: Rauchige Clubs, amerikanische Musiker im selbstgewählten europäischen Exil, die Coffeeshops und kleinen Gassen in Amsterdam bilden den Hintergrund für einen spannenden Kriminalroman, der den Spuren des von den Drogen und der Musik getriebenen Trompeters nachgeht.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Bill Moody (1941-2018) studierte Musik am berühmten Berklee College of Music in Boston und spielte Schlagzeug mit Größen wie Maynard Ferguson, Earl Hines und Lou Rawls. Nach einigen Jahren in Europa und Las Vegas zog Moody nach San Francisco, wo er als Jazzmusiker und Schriftsteller arbeitete.

Zur Webseite von Bill Moody.

Anke Caroline Burger (*1964) übersetzt seit vielen Jahren Romane und Kurzgeschichten mit den Schwerpunkten amerikanische Minderheitenliteratur und Kriminalromane. 2003 erhielt sie den Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis.

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Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Taschenbuch, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

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Bill Moody

Auf der Suche nach Chet Baker

Kriminalroman

Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger

Ein Fall für Evan Horne (4)

E-Book-Ausgabe

Unionsverlag

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Impressum

Dieses E-Book enthält als Bonusmaterial im Anhang 2 Dokumente

Die Originalausgabe erschien 2002 unter dem Titel Looking for Chet Baker bei Walker & Company, New York.

Originaltitel: Looking for Chet Baker (2002)

© by Bill Moody 2002

© by Unionsverlag, Zürich 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: PaylessImages

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30232-7

Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte

Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)

Version vom 25.06.2024, 15:54h

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Über dieses Buch

Titelseite

Impressum

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Inhaltsverzeichnis

AUF DER SUCHE NACH CHET BAKER

VorwortIntro1 – Ein paar Tage lang schiebe ich den Anruf …2 – Als ich Los Angeles hinter mir gelassen hatte …3 – Als der Zug rumpelnd im Amsterdamer Hauptbahnhof einfährt …4 – Nach der Zugfahrt von London herüber und dem …5 – Nach dem Frühstück frage ich wieder am Empfang …6 – Fletcher Paige ist ein Wunder. Jeden Abend spielt …7 – Im Bimhuis werde ich mitten im zweiten Set …8 – Bist du denn völlig verrückt geworden, du blöder …9 – Der freie Abend und viel Schlaf tun mir …10 – Der Sonntagmorgen beginnt friedlich. Ich dusche und ziehe …11 – Als ich zurück in die Wohnung komme …12 – Ich kann ihnen nicht widerstehen, den Molltonarten …13 – Es ist später Vormittag, als Elaine Blakemore mich …14 – Van Gogh?« Ich finde Darren vor dem Baby …15 – Ich bin früh wach, viel zu früh für …16 – Andie will nichts davon hören, dass ich ein …CodaDank

Mehr über dieses Buch

Über Bill Moody

Bill Moody: »Jazz Fiction — It Don’t Mean a Thing if it Ain’t Got That Swing«

Anke Caroline Burger: Jamsession in Crockett, California

Über Anke Caroline Burger

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Chet Baker

Blickt aus seinem Hotelzimmer

Über die Amstel zu dem Mädchen,

Das an der Gracht entlangradelt und

Die Hand hebt und winkt, und als

Sie lächelt, ist es wieder wie damals,

Als jeder Produzent in Hollywood

Aus seinem Leben eine

Bittersüße Story machen wollte,

In der er tief fällt, aber nur

In die Liebe zu Pier Angeli,

Carol Lynley, Natalie Wood;

An dem Tag lief er ins

Studio, Herbst zweiundfünfzig,

Und spielte die perfekten Linien

Über die Akkorde von »My Funny Valentine«,

Und als er jetzt aus dem Fenster blickt

Und sie im Vorbeifahren hoch in das Blau

Eines perfekten Himmels lächelt, weiß er,

Dass dies einer der seltenen Tage ist,

An denen er wirklich fliegen kann.

John Harvey

Vorwort

Chet Baker – oder Jet Faker, wie ich ihn gern nannte – und ich begegneten uns Anfang der Fünfziger. Musikalisch verstanden wir uns auf Anhieb. 1953 mieteten Chet, seine erste Frau Charlaine und ich ein Haus in den Hollywood Hills. Dort schrieb ich viele der Kompositionen, die wir später gemeinsam aufnahmen. Ich war nicht nur Arrangeur, Komponist und Pianist des Quartetts, sondern kümmerte mich auch um alle Einzelheiten, wenn wir auf Tournee gingen, und so kam es, dass ich Chet sehr gut kennen lernte. Fast fünf Jahre lang arbeiteten wir zusammen.

Anderen Leuten gegenüber war Chet oft rücksichtslos, aber spielen konnte er. Er liebte Autos und fuhr zu schnell, vierzig seiner achtundfünfzig Lebensjahre lang war er drogensüchtig, aber spielen konnte er wirklich. All das ist wahr.

Nicht wahr ist hingegen, dass Chet keine Noten lesen konnte. Er konnte sie allerdings nicht gut genug vom Blatt ablesen, um als Studiomusiker zu arbeiten. Es stimmt, dass er von Harmoniestrukturen oder selbst der Zusammensetzung einfacher Akkorde keine Ahnung hatte. Fragte man ihn, aus welchen Noten ein bestimmter Akkord bestand, wusste er es nicht. Er hatte jedoch einen echten Instinkt für Musik, ein unglaubliches Gehör und ein großes lyrisches Gespür. Falls irgendjemand daran zweifeln sollte, braucht er nur »Love Nest« oder »Say When« auf der CD Quartet: Russ Freeman and Chet Baker anzuhören. Es ist bedauerlich, dass vielen Kritikern und Musikern nicht bewusst war, was sie da hörten. Chet Baker war einzigartig; einen wie ihn wird es nie wieder geben.

Russ Freeman, Las Vegas, 2001

Intro

Weißt du, was ich gemacht habe, als ich es hörte, Mann? Ich saß minutenlang da, starrte in den Fernseher und wusste dass ich am nächsten Tag nicht arbeiten gehen konnte. Ausgeschlossen. Fünfzehn Sekunden in den Achtzehn-Uhr-Nachrichten und ein altes Foto. ›Der amerikanische Jazzmusiker Chet Baker starb gestern unter ungeklärten Umständen in Amsterdam.‹ Von wegen! Du weißt genau, dass er high war, eingepennt ist und einfach aus dem Hotelfenster gekippt ist. Chet war nicht mehr.

Da hab ich was von meinem besten Shit rausgeholt und mir einen reingedröhnt. Zum Andenken an Chet, weißt du. Die ganzen ollen Platten hab ich auch rausgekramt, Mann, die Anlage aufgedreht und sie alle gehört. Das Quartett mit Gerry Mulligan, die Band mit Russ Freeman, die New-York-Sessions mit Philly Joe und Johnny Griffin – sogar sein Gesangszeug, was er da später rausgebracht hat, das ist richtig gut. Der Stimme konnte man anhören, was er schon alles durchgemacht hatte, Mann, als würde er es nicht bis zum Ende von dem verdammten Lied schaffen, aber irgendwie schaffte er es doch immer. Zerreißt einem das Herz. Hör dir doch an, was er auf ›Fair Weather‹ zu Stande bringt, als er den Film mit Dexter Gordon gemacht hat. Ich sags dir: Es zerreißt einem das Herz. Einiges von dem europäischen Zeugs auch, und davon gibts ’ne Menge. In Italien mit Streichern, als er aus dem Knast gekommen war. Nicht mal ich habe alle Platten, niemand hat die. Er hat so viel aufgenommen, dass wahrscheinlich nie alles gefunden wird.

Und weißt du, was ich dann gemacht habe? Ich hab auch meine Trompete rausgeholt. Hab meinen Schrank durchwühlt, den ganzen Scheiß durcheinander geschmissen, weil ich da schon völlig breit war, aber ich hab sie gefunden, die Tröte. Hab ›My Funny Valentine‹ aufgelegt und versucht, mit Chetty mitzuhalten. Total unmöglich, das ist vorbei, hab kaum einen Ton aus der alten Hupe rausgekriegt, aber im Kopf, da hab ichs gehört. Dann hab ich nur rumgehangen und zugehört, wie Chet singt und spielt und den Scat genauso singt, wie er gespielt hat.

Ich saß da, die Trompete in der Hand, heulte wie ein Baby und wünschte nur, ich könnte so spielen wie er. Aber natürlich kann niemand spielen wie Chet Baker. Er war der Größte!«

All das – Tommy Ryan, durchgeknallter Möchtegerntrompeter, zum Informatiker mutierter Jazzfan, der mir einen vorschwärmte, wann war das? Vor fünf Jahren? – fällt mir wieder ein, während ich ein signiertes Foto von Chet Baker in Postergröße betrachte, das vor mir an der Wand hängt. Wie immer blickt er an der Kamera vorbei, sieht einem nie in die Augen, vielleicht ins Nichts, irgendwohin, wohin ihm keiner von uns folgen kann.

Colin Mansfield bemerkt meinen Blick. »Ach das. Das hat Chet mir geschenkt, als er bei Ronnie Scott’s war, kurz vor seinem Tod. Von dem Auftritt gibts noch ein Video.« Er mustert mich. »Sie wollen das doch nicht etwa untersuchen, Evan, oder? Mit Ihrer Vergangenheit und so …«

Ich schüttle den Kopf. »Da gibts nichts zu untersuchen. Er ist im Hotel aus dem Fenster gestürzt, oder etwa nicht?« Mehr als zehn Jahre war das jetzt her.

»Es wurde über Selbstmord geredet, sogar Mord«, sagt Mansfield. Ich hatte Chets langjährigen Pianisten, Russ Freeman, kennen gelernt, und wir hatten uns darüber unterhalten. Das war nach meinem Unfall gewesen, als ich herauszufinden versuchte, warum manche Musiker einfach eines Tages aufhören zu spielen. Russ Freeman war einer von ihnen. So viele Jahre mit Chet und Shelly Manne – und dann hatte Freeman einfach eingepackt und nie wieder gespielt. Wie ich gehört hatte, wohnte er jetzt in Las Vegas, arrangierte und komponierte.

»Ausgeschlossen«, hatte Freeman gesagt. »Chet hätte nie auch nur an Selbstmord gedacht.« Freeman war sich hundertprozentig sicher gewesen. Aber es kann ja immer etwas Unvorhergesehenes passieren.

Die Gerüchte über einen möglichen Mord hatte ich natürlich auch schon gehört. Chet war ein Junkie gewesen. Da ist es schwer, sich von schlechter Gesellschaft fern zu halten, auch wenn man ein berühmter Jazzmusiker ist, der wunderschöne Musik macht. Drogendealern ist das egal, besonders, wenn sie ihr Geld nicht kriegen. In San Francisco wurde Chet überfallen, was ihn Gerüchten zufolge all seine Zähne kostete und seine Karriere um ein Haar beendet hätte. Aber Selbstmord? Nein.

»Ich glaube nicht«, sage ich zu Mansfield.

»Aber trotzdem interessant«, sagt er. »Und spannend – auch Sie: ein Jazz spielender Detektiv. Macht es Ihnen etwas aus, darüber zu sprechen? Ich habe ein paar Fragen, und ich bin sicher, dass meine Hörer ebenfalls entzückt wären.«

Oh nein, bitte nicht, hätte ich am liebsten gesagt. Aber ich zucke nur die Achseln, vielleicht, weil ich aus dem Mund eines Jazz-DJs noch nie das Wort entzückt gehört habe. Allerdings sind wir hier in England. »Sie sind hier der Chef.«

»In fünf Sekunden sind wir auf Sendung.« Ich höre die Stimme des Tontechnikers über meine Kopfhörer. Mansfield und ich sehen ihm zu, wie er lautlos den Count-down mit den Fingern abzählt.

»Guten Abend. Mein Name ist Colin Mansfield, Sie hören BBC 3 Jazz Scene. Ich habe heute Abend den amerikanischen Pianisten Evan Horne zu Gast, der ab morgen eine Woche lang bei Ronnie Scott’s zu hören sein wird. Willkommen in London, Evan. Vielen Dank, dass Sie gekommen sind.«

»Danke für die Einladung.« Mansfield sitzt mir am Tisch gegenüber, flankiert von den unvermeidlichen CD- und Plattenspielern. Er sieht ganz anders aus, als ich mir einen Jazz-DJ vorstelle, aber ich hatte London auch noch nie für eine Jazzstadt gehalten. Hier ist sowieso alles anders. In seiner Tweedjacke mit Ellbogenflecken aus Leder ähnelt Mansfield eher einem Oxford-Prof am Feierabend. Er spricht perfektes Oxbridge English. Während er einen Blick auf die Notizen vor ihm wirft, schiebt er den Kopfhörer, der ihm ständig in die Stirn rutscht, wieder nach oben.

»Zum Anfang möchte ich ein Stück von Ihrer ersten Platte als Bandleader spielen.« Mansfield lächelt, als er meinen überraschten Gesichtsausdruck sieht. »Es hat ein bisschen Geschick dazu gehört, dieses Exemplar von Arrival aufzutreiben, aber wir haben es geschafft. Wir hören jetzt ›Just Friends‹ hier auf BBC 3 Jazz Scene.«

Mansfield stellt das Sendemikrofon aus, aber ich höre ihn über den Kopfhörer. »Kennen Sie Ronnie’s?«

»Ja, von einer Kurztournee mit Lonnie Cole.« Wir hatten als Vorgruppe für Stan Getz gespielt.

»Ich bin sicher, dass es Ihnen da gefallen wird«, sagt Mansfield. »Pete King macht seine Sache sehr gut, seit Ronnie nicht mehr da ist. Auch eine echte Tragödie.«

Ich hatte davon gelesen. Herzinfarkt oder Schlaganfall, aber unter irgendwelchen ungewöhnlichen Umständen. Mansfield nickt im Takt und hält die Plattenhülle hoch. Ich betrachte mein Foto und erkenne mich fast nicht wieder, ich sehe dort wesentlich jünger und ausgeglichener aus, als ich mich gerade fühle.

Die nächste halbe Stunde lang spielt Mansfield Musik. Ich beantworte Fragen nach meinen Vorbildern – Bud Powell, Bill Evans, Keith Jarrett – und mogle mich, soweit möglich, um Auskünfte zu meinen außermusikalischen Eskapaden herum. Meine Vergangenheit, wie Mansfield es nennt. Nein, ich habe das Rätsel um Wardell Grays Tod in Las Vegas nicht gelöst. Ja, ich habe herausgefunden, dass eine angeblich verschollene Plattenaufnahme von Clifford Brown gefälscht war, und nein, ich konnte die Serienmörderin in Los Angeles nicht aufhalten. »Die Leute vom FBI waren die wirklichen Helden«, gebe ich mein einstudiertes Sprüchlein zum Besten.

»Dennoch«, erwidert Mansfield, »wage ich zu behaupten, dass Sie eine entscheidende Rolle gespielt haben.« Er drückt den Knopf, und ein weiteres Stück von meinem Album ist zu hören, aber im Hintergrund. »Zum Abschluss der heutigen Sendung will ich etwas spielen, das vielleicht auch zu Ihren Lieblingsballaden zählt: ›My Foolish Heart‹. Übrigens auch ein Favorit von Chet Baker«, fügt Mansfield hinzu. Ich werfe ihm einen fragenden Blick zu.

»Sie hören Colin Mansfield auf BBC 3 Jazz Scene. Unser Gast heute Abend war Pianist Evan Horne. Bleiben Sie dran, um zweiundzwanzig Uhr folgen die Nachrichten.«

Die Musik setzt ein, und Mansfield reicht mir die Plattenhülle. »Ob Sie wohl so freundlich wären?«

»Natürlich.« Ich signiere sie und denke mir, dass »My Foolish Heart« oder »I Fall in Love Too Easily« auch das Motto meines Lebens sein könnte. Beide Songs waren auch Lieblingsstücke von Chet Baker. Ich gebe Mansfield das Cover zurück. »Nochmals danke für die Einladung.«

»Es war mir ein Vergnügen. Ich werde auf jeden Fall bei Ronnie’s vorbeischauen und Ihnen einen ausgeben.«

»Ich freue mich darauf.« Wir geben uns die Hand. Auf dem Weg in den Empfangsbereich stoppt mich eine junge Frau mit feuerroter Igelfrisur, schwarzgeschmintken Lippen und engelsgleichem Lächeln.

»Da hat ein Mr. Buffington für Sie angerufen«, sagt sie mit sanfter, heller Stimme. Sie gibt mir einen Zettel.

»Danke.« Ich werfe einen Blick auf Name und Telefonnummer und zerknülle ihn. »Können Sie mir ein Taxi rufen?«

»Na klar doch.« Draußen stecke ich mir eine Zigarette an, spiele mit dem zusammengeknüllten Papierball und hätte ihn beinah in den Rinnstein geworfen. Ich konnte ja einfach behaupten, ich hätte die Nachricht nicht erhalten. Aber ich bin nicht der Typ für so etwas.

»Wo solls hingehen, Chef?«, fragt mich der Taxifahrer.

»Keine Ahnung.«

1

Ein paar Tage lang schiebe ich den Anruf bei Ace Buffington vor mir her, aber schließlich lässt mich ein vielleicht falsches Gefühl der Verpflichtung oder Verbundenheit doch zum Hörer greifen. Wir verabreden uns in einem Pub namens Boar’s Head in unmittelbarer Nähe der Shaftesbury Avenue im Londoner Theaterbezirk. Drinnen ist es verqualmt und laut, breite Körper drängeln sich zur Theke, um sich den letzten Drink zu holen, bevor der Vorhang hochgeht. Ace ist nicht zu übersehen. Er überragt alle und wedelt mit Geldscheinen, um die Aufmerksamkeit des Wirtes auf sich zu ziehen.

»Wahnsinn«, sagt Ace, als ich zu ihm stoße. »Hier ist was los. Ich hole uns was, dann trinken wir auf unsere Zusammenarbeit. Bier?«

Ich sehe ihm in die Augen. »Vergiss es, Ace.«

Er tut erstaunt. »Was?«

»In was immer du mich da verwickeln willst.« Den ganzen Nachmittag habe ich mich auf diesen Augenblick vorbereitet und versucht, mich gegen Ace’ Überzeugungskraft und Hartnäckigkeit zu stählen. Ich bin schon mal auf ihn reingefallen.

»Nun komm schon, Evan. Hörs dir wenigstens an.« Er winkt dem Barmann wieder zu.

»Damit wirst du nichts erreichen, Ace. Reine Zeitverschwendung. Ich frage dich noch nicht mal, warum du in London bist.« Das Frühjahrssemester ist noch nicht vorbei. Ace müsste an der University of Nevada in Las Vegas, der UNLV, sein, Vorlesungen über amerikanische Literatur halten und Abschlussklausuren korrigieren, statt sich mit mir in einem Londoner Pub zu treffen.

»Forschungssemester«, sagt Ace. »Ich war an der Reihe, und da habe ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt, vor allem, als sich diese andere Sache ergeben hat.«

Ich muss lächeln. »Ich suche uns einen Tisch.«

Ein paar Leute ziehen Mäntel an. Ich bin kurz vor drei anderen Typen an ihrem Tisch und belege ihn.

Ace Buffington hatte ich auf einer meiner ersten Reisen nach Las Vegas kennen gelernt, als ich bei Lonnie Cole spielte und dirigierte. Ace ist ein großer, gutmütiger Kerl, der nach zwei Dingen verrückt ist: Jazz und Tennis. Er ist Englischprofessor, seine Leidenschaft gilt jedoch dem Sammeln alter Schallplatten; seine Kenntnis der Geschichte des Jazz ist beeindruckend. Als seine Frau Janey überraschend an Krebs starb, stürzte er sich in die Arbeit. Doch selbst die Intrigen an seinem Fachbereich – ihm zufolge schlimmer und bösartiger als jeder Verbrecherclan – reichten nicht aus, um die einsamen Stunden zu füllen. Er setzte es sich in den Kopf, einen wissenschaftlichen Artikel über Las Vegas zu schreiben – und damit begann auch der Ärger für mich.

Bevor er mir begegnete, waren Jazzmusiker für ihn nur Namen gewesen, über die er las oder die er hörte, aber Ace wollte Insiderwissen. Er genießt es, einen Jazzmusiker zum Freund zu haben. Manchmal geht die Begeisterung jedoch einfach mit ihm durch – ein Grund, warum Musiker häufig Distanz zu Fans halten. Zivilisten, wie wir sie nennen. Gleichgültig, wie viel ihnen die Musik bedeutet, der unüberbrückbare Abstand zwischen der Bühne und einem Platz in der ersten Reihe bleibt immer bestehen. Jemand wie Ace kann nie verstehen, was in einem vorgeht, wenn man auf der Bühne sitzt. Trotzdem ist er immer ein guter Freund gewesen. Nur sein Übereifer macht es schwierig.

Er wollte einen Aufsatz über das Moulin Rouge schreiben, das erste gemischtrassische Kasino in Las Vegas, und den Tod des Saxofonisten Wardell Gray aufklären. Also heuerte er mich an, ihm bei den Recherchen zu helfen und mit Musikern zu reden. Weil er mir das erste Engagement nach meinem Unfall verschafft hatte, fühlte ich mich ihm verpflichtet und sagte zu. Dabei war mir allerdings nicht klar, dass ich jede Menge Dreck aus der Vergangenheit wieder aufrühren, mich mit einem kleineren Mafiapaten anlegen und fast dabei draufgehen würde.

Ace’ Sammelleidenschaft brachte mich dann nochmals in die Bredouille, als er mich beauftragte, angeblich verschollene Platten von Clifford Brown zu beurteilen. In dem Fall stand ein durchgedrehter Sammler dahinter, und ich musste erfahren, wie ernst es solchen Leuten sein kann. Damals schwor ich mir, dass es das letzte Mal war. Dass Ace mich jetzt in London aufgespürt hatte, bedeutete, dass er wieder etwas im Schilde führte. Aber diesmal nicht. Los Angeles saß mir immer noch in den Knochen. Damit hatte Ace allerdings nichts zu tun gehabt. Die Vorfälle in Los Angeles waren zumindest teilweise der Grund, warum ich in London war.

Meine musikalische Fertigkeit war wieder da gewesen, ich hatte eine CD aufgenommen, mit Natalie und mir war es ernst, alles lief wunderbar – bis eine wahnsinnige Frau, die sich unbedingt für die Zurückweisung ihres Bruders durch die Jazzwelt rächen wollte, anfing, Smooth-Jazz-Interpreten umzulegen. Sie hinterließ eine Riesenfährte von Hinweisen, auf die sich das FBI keinen Reim machen konnte, bis ich zur Unterstützung meines alten Schulkameraden Lieutenant Danny Cooper herangezogen wurde. Das Ganze eskalierte zu einem psychologischen Zweikampf zwischen der Wahnsinnigen und mir, einem Albtraum, der mich völlig ausgebrannt zurückließ. So sehr, dass ich eine Weile allem entkommen und in Europa mal vollkommen abschalten wollte.

Ace bahnt sich den Weg durch das Gedränge und stellt zwei Glas Lager mit fester Hand auf den Tisch.

»Was für eine andere Sache, Ace?«

Er zwinkert mir nur zu und trinkt einen großen Schluck Bier. »Ah, das Warten hat sich gelohnt«, sagt er. Er setzt das Glas ab und wendet mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit zu. »Ein Buchvertrag, den ich praktisch schon in der Tasche habe, im Grunde alles geklärt, fehlt nur noch eine letzte Kleinigkeit.« Ace’ Augen leuchten begeistert auf. Diesen Blick kenne ich. »Wer ist der Jazzmusiker, über den am meisten geschrieben worden ist, der die meisten Platten eingespielt hat, der nach wie vor von einem geheimnisvollen Nimbus umgeben und über den immer noch geredet wird?«

Erleichtert, dass englische Pubs nicht so raucherfeindlich sind wie kalifornische Kneipen, stecke ich mir eine Zigarette an. »Miles Davis.« Schön zurückhaltend bleiben, denke ich, damit sich Ace in seiner Begeisterung nicht auch noch bestätigt fühlt.

»Warm. Instrument stimmt, Mann nicht.«

Ich zucke die Achseln. »Ich gebe auf.«

»Na komm schon, Evan.« Er beugt sich zu mir. »Man munkelt sogar von einem Filmdeal. Er wird oft mit James Dean verglichen. Tragisches Leben, ungemein erfolgreiche Karriere und … rätselhafte Todesumstände.« Er wirkt enttäuscht, dass ich nicht auf sein Ratespiel anspringe. »Chet Baker natürlich.«

»Natürlich. Was ist mit dem Filmdeal?«

»Ein paar bekannte Schauspieler streiten sich um die Rechte. Mehr als zehn Jahre nach seinem Tod, und die Leute reden immer noch über ihn.« Ace kommt in Fahrt.

»Na schön, du kriegst also einen Vertrag für ein Buch über Chet Baker. Herzlichen Glückwunsch, das freut mich für dich.«

Ace klingt allerdings alles andere als glücklich. In seiner Stimme liegt eine gewisse Verzweiflung. »Es ist vom Schicksal vorherbestimmt, Evan: dass ich neulich abends das Radio angemacht und dich in der Sendung gehört habe. Dass wir beide in London sind. Wusstest du, dass Chet Baker keine Flugstunde von hier in Amsterdam gestorben ist? Und nun bist du hier und gehst vielleicht sowieso nach Amsterdam!« Ich hatte am Telefon erwähnt, dass diese Möglichkeit besteht. »Es ist vorherbestimmt«, wiederholt er.

Allmählich fühle ich mich, als würde ich von einem Immobilienmakler bearbeitet, der mir unbedingt eine Ferienwohnung andrehen will. Als müsse er mir diese Wohnung unbedingt aufschwatzen, weil er sonst seine Provision nicht kriegt. »Das mit dem Gig in Amsterdam ist noch nichts Festes.« Ich sehe Ace geradewegs ins Gesicht. »Nein, Ace, nichts ist vorherbestimmt, diesmal nicht.« Sein schmerzlicher Ausdruck gibt mir zu denken. Ich verdanke ihm zu einem guten Teil, dass ich wieder spiele, aber ich meine, wir sind quitt.

Ace atmet tief durch. »Na schön, ich will dir nichts vormachen. Der Buchvertrag ist nur provisorisch, weil ich ihnen versprochen habe, dass du Koautor wirst.« Er weicht meinem Blick aus und trinkt noch einen Schluck Bier.

Einen Augenblick lang starre ich ihn fassungslos an. »Was soll das, Ace? Hinter meinem Rücken?« Ich versuche, meine Wut im Zaum zu halten, was mir nicht leicht fällt.

»Ich weiß, ich weiß. Aber, Evan … es muss einfach klappen. Wenn ich endlich die Anstellung auf Lebenszeit kriegen will, muss ich noch ein Buch veröffentlichen. Ich habe mir ein paar Feinde gemacht, aber ich will Chef von dem verdammten Institut werden, Intrigen hin oder her. Wenn du mit an Bord bist, geht das mit dem Vertrag auf jeden Fall klar, und dann …« Er führt den Gedanken nicht zu Ende.

Was er da andeutet, gefällt mir gar nicht: Wenn ich ihm nicht helfe, bin ich schuld daran, dass er nicht befördert wird. »Ich habs doch schon gesagt, Ace. Daraus wird nichts.«

»Evan, wir waren Partner, hast du das etwa vergessen? Wir haben immer gut zusammengearbeitet. Was wir mit Wardell Gray erreicht haben! Wir hätten beinahe einen vierzig Jahre alten Mordfall gelöst. Und was ist mit Clifford Brown und den verschollenen Aufnahmen? Du hast bewiesen, dass sie gefälscht waren. Allein hätte ich das nie geschafft. Ich brauche dich, Evan.« Seine Stimme wird leiser. »Es ist unheimlich wichtig für mich, Evan. Sonst würde ich dich nicht bitten.«

»Hör auf, Ace. Diese Sachen sind mir total über den Kopf gewachsen. Hast du etwa vergessen, dass ich ein paar Mal beinah habe dran glauben müssen? Damit will ich nichts mehr zu tun haben.«

Er sieht mich an und merkt, dass er lieber das Thema wechseln sollte. »Hast du von Natalie gehört?«

»Nein, habe ich allerdings auch nicht erwartet. Ich habe sie auch nicht angerufen.«

»Tja, dann kann ich dir auch nicht helfen.« Er redet sich wieder in Fahrt. »Aber das hier hat rein gar nichts damit zu tun. Chet Baker ist eine völlig andere Geschichte.«

»Wirklich? Bist du dir da ganz sicher? Offenbar gibt es Leute, die ein Interesse daran haben, dass sein Tod das bleibt, was er zu sein schien – ein Unfall. Nach allem, was bekannt ist, war es ein Unfall.« Selbst bei dem Geräuschpegel hier im Pub höre ich, dass meine Stimme lauter ist als beabsichtigt. An einem Tisch in der Nähe dreht sich ein Paar nach uns um. »Es tut mir Leid, Mann, wirklich, aber ich muss Nein sagen. Ich kann dir nicht helfen, Ace. Das musst du allein machen.«

Ace lächelt schwach. Sein Ton wechselt zu stiller Resignation. »Na ja, einen Versuch war es wert, was? Du nimmst es mir doch nicht übel, oder?«

»Nein«, antworte ich. Das war ein Fehler.

Sein Tonfall verändert sich wieder. »Was soll ich denn tun, Evan? Du verstehst anscheinend nicht. Das mit dem Buch muss klappen.«

»Ace, lass das. Ich kann nicht.«

Er schweigt ein paar Minuten lang. Ich weiß nicht, was ich sagen soll; ich weiß nur, dass es nicht »Ja« sein wird.

»Im Grunde habe ich nicht geglaubt, dass du einwilligen würdest«, sagt er schließlich. »Mein Temperament ist mit mir durchgegangen. Der Verleger schien noch so unentschieden zu sein.« Er setzt sich aufrechter hin und ringt sich eine Fröhlichkeit ab, die sehr aufgesetzt wirkt. »Keine Sorge, ich komm schon zurecht. Ich muss einfach nur so gut recherchieren, dass sie mir den Buchvertrag auch so geben. Habe ich überhaupt erwähnt, dass du als Autor genannt würdest? Dein Name würde auf dem Bucheinband stehen. Du sollst das nicht anonym machen oder so. Ich –«

»Ace.«

Er hebt die Hände. »Schon gut, schon gut.« Er sieht auf die Uhr. »Musst du nicht gehen? Dein erster Auftritt heute Abend, oder? Ich würde gern mitkommen und dich spielen hören, aber ich habe etwas zu erledigen.«

Ein unbehagliches Schweigen entsteht, das selbst der Kneipenlärm nicht vertreiben kann. Ich habe das Gefühl, etwas sagen zu müssen. »Es muss doch jede Menge Materialien zu Chet Baker geben. Wenn du nach Amsterdam fährst, kannst du mit ein paar Musikern reden, vielleicht mit der Polizei …«

»Ich weiß, wie man recherchiert«, sagt Ace.

Das Schweigen lastet wieder auf uns. Schließlich breche ich es. »Also dann, ich muss los.«

»Natürlich«, sagt Ace. »Hör zu, versprich mir, dass wir uns in Ams-terdam auf ein Bier treffen, falls dein Auftritt stattfindet.« Er wühlt in seiner Tasche nach Papier und Stift. »Hier«, sagt er. »Da wohne ich in Amsterdam.« Er schreibt einen Namen und eine Nummer auf und gibt mir den Zettel. »Sag Bescheid, ob du kommst.«

»Natürlich, Ace, auf jeden Fall.« Ich stopfe den Zettel in die Tasche und erhebe mich. »Viel Glück mit allem.« Als ich zur Tür gehe, hat sich das Gedränge im Pub weitgehend gelichtet. Einmal drehe ich mich noch zu Ace um, der immer noch am Tisch sitzt und in das leere Glas starrt. Dann gehe ich.

Soho fängt gleich hinter der Shaftesbury Avenue an. Ich laufe durch die vollen, lauten Sträßchen: Pubs, Sexshops, indische, chinesische und griechische Restaurants, in deren Fenstern Lämmer am Spieß geröstet werden, Tabakläden und hin und wieder eine Fish-and- Chips-Bude. Geistig bin ich aber immer noch mit Ace’ Bitte und Gillian Payne beschäftigt. Drei Leute hatte sie bereits umgebracht, und beinahe auch ihren Bruder. Das FBI machte mich zu ihrer Kontaktperson, nachdem sie versprochen hatte, mit dem Morden aufzuhören, wenn ich ihr bei der Suche nach ihrem Bruder helfen würde. Ich habe ihn gefunden, aber der Preis war hoch: Es kostete meine Beziehung zu Natalie. Was sie jetzt wohl tat? Ace’ Frage nach ihr hat jede Menge Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit wachgerufen.

Gegenüber von Ronnie Scott’s mache ich Halt, gönne mir einen Kaffee und eine Zigarette und genieße diesen letzten Augenblick der Anonymität, bevor ich die Straße überquere. Es ist ein gutes Gefühl, meinen Namen in Leuchtschrift an einem der renommiertesten Jazzclubs Europas zu sehen. Ich fühle mich gut. Ich will spielen und an nichts anderes als Musik denken. Nicht an Ace, nicht an Gillian, nur an Musik.

Eine ansehnliche Menge Zuschauer ist bereits da. Ich gehe an der Theke vorbei in den Backstagebereich. Der auf mich wartende Flügel wird von einem Bass und einem Schlagzeug flankiert. Die Sitzplätze sind leicht stufenförmig im Halbkreis um die Bühne herum angeordnet. Irgendjemand zeigt auf mich und sagt: »Ich glaube, das ist er.« Hinter der Bühne unterhält sich Pete King, vierschrötiger Cockney und Geschäftsführer des Clubs, mit dem Bassisten und dem Schlagzeuger.

»Evan«, sagt King. »Alles klar? Die Jungs hier sind schon in den Startlöchern.« Er zeigt mit dem Daumen auf Gordon und Derek, den Bassisten und den Drummer.

»Hey, Pete, hey, Leute.« Wir hatten am Nachmittag nur zu einer kurzen Probe Zeit gehabt. Beide sind gut, und ich weiß, dass alles klargehen wird, wenn ich mich an Standards und Blues-Stücke halte. Derek trommelt mit den Stöcken auf einer Gummiunterlage herum und blickt kurz hoch. Gordon nickt mir zu und lächelt.

Pete sieht sich um. »Und, wollen wir?« Wir betreten im Gänsemarsch die Bühne und nehmen unsere Plätze ein, während die Bühnenbeleuchtung angeht und Pete die Einführung macht.

»Schönen guten Abend, meine Damen und Herren. Es ist uns eine große Freude, die Sie sicherlich teilen werden, den Pianisten Evan Horne begrüßen zu dürfen. Er ist Amerikaner, aber daraus wollen wir ihm keinen Vorwurf machen.«

Pete macht eine Pause, klopft gegen das Mikrofon und wartet das höfliche Geschmunzel ab. Ich sehe, wie Gordon die Augen verdreht.

»Hmm«, sagt Pete. Er wirft mir einen Blick zu und zuckt die Achseln. »Ronnie hat das immer viel besser gemacht. Jedenfalls wird Evan von unseren alten Bekannten Gordon Powell und Derek Runswick begleitet.«

Ich fange mit »Alone Together« in nicht zu schnellem Tempo an. Gordon und Derek folgen mir mühelos, und beim zweiten Chorus haben wir einen angenehmen Groove erreicht. Meine Hände fühlen sich gut und entspannt an, der Flügel ist gestimmt, und ich merke, dass ich in guter Gesellschaft bin. Ich habe noch nicht allzu oft mit einer mir unbekannten Rhythmusgruppe gespielt. Das kann mächtig in die Hose gehen und ist mit einer eigenen Band gar nicht zu vergleichen. Die beiden sind zwar nicht Gene Sherman oder Jeff Lasorda, haben aber schon eine Menge amerikanischer Gäste begleitet.

Ich spiele noch ein paar Chorusse und überlasse dann Derek das Feld für sein Solo. Ich nicke Gordon zu, wir spielen ein paar achttaktige Dialoge, dann bringen wir das Stück zum Abschluss. Ein paar Balladen, ein schneller Blues, und ich beende den Set mit »Just Friends«. Erste Stücke, erster Set, Hummeln im Bauch verschwunden, und wir drei kennen uns jetzt ein wenig. Das Publikum geht mit, und der Applaus ist echt, als wir eine Pause einlegen.

»Gar nicht schlecht, Leute«, sage ich zu Gordon und Derek. »Ich will euch einen ausgeben.« Ich fange die Bedienung ab und bestelle für uns drei.

»Und dann zwei Whiskey ohne Eis, bitte schön«, höre ich eine bekannte Stimme hinter mir sagen. Ich drehe mich um und sehe Colin Mansfield und einen anderen Mann. »Hallo, Evan«, sagt Mansfield. »Setzen Sie sich zu uns. Das ist Mike Bailey vom Daily Telegraph.«

»Hi, Colin. So bald hatte ich Sie nicht hier erwartet.« Ich gebe Bailey die Hand; er ist ein kleiner, untersetzter Mann in zerknittertem Anzug mit Strickkrawatte.

»Ich komme immer gern am ersten Abend«, erwidert Mansfield. »Mike würde gern einen Artikel über Sie für das Feuilleton schreiben, wenn Sie Zeit hätten.«

»Na, klar, gerne.«

»Keine Bange«, beruhigt mich Bailey mit einem schnellen Lächeln. »Es wird nicht sehr wehtun.«

Bailey und ich gehen in die Garderobe hinter der Bühne. Er holt einen Schreibblock und einen Kugelschreiber aus der Tasche, und ich stecke mir eine Zigarette an.

»Colin hat mich schon über Ihren Werdegang ins Bild gesetzt. Der Artikel wird kurz, aber ich will versuchen, ihn in die Ausgabe von morgen zu bekommen. Wie ich höre, gibt es demnächst ein neues Album von Ihnen?«

»Das stimmt. Bei Quarter Tone Records. Kleines Label aus Los Angeles. Wir haben es kurz bevor ich hergekommen bin aufgenommen. Wann es herauskommt, steht meines Wissens noch nicht fest, aber ich habe mich auch eine Weile nicht mehr bei denen gemeldet.«

Bailey sieht auf. »Verstecken Sie sich in Europa?«

Etwas an seinem Tonfall stört mich, aber vielleicht bin ich überempfindlich. Ich habe genug schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht. »Nein, ich will nur eine Weile weg vom Stress.«

Bailey nickt und kritzelt etwas auf seinen Block.

Nach ein paar Fragen zur Musik, zu meinem Spiel und wie mir das Ronnie Scott’s gefällt wechselt er die Gangart. »Ich vermute, dass diese Geschichte mit der Serienmörderin in Los Angeles ziemlich schlimm für Sie war.«

Ich frage mich, worauf er hinaus will, kann eine Antwort aber nicht umgehen. »Ein Vergnügen war es nicht, das versichere ich Ihnen.«

In diesem Moment stößt Colin zu uns, gefolgt von der Bedienung mit unseren Getränken.

»Na, dann mal Prost«, sagt Mansfield. »Was haben Sie nach Ronnie’s vor?«

»Noch nichts wirklich Konkretes. Möglicherweise ein Gig in Amsterdam, dann sehen wir weiter.«

»Dann bleiben Sie also eine Weile in Europa?«

»Vielleicht. Ich entscheide das gern spontan.«

Mansfield und Bailey sehen sich an, dann redet Bailey weiter. Die beiden haben sich offensichtlich abgesprochen.

»Ist Chet Baker nicht in Amsterdam gestorben?«

»Das habe ich auch schon gehört. Aber deswegen fahre ich nicht hin.«

»Nein, natürlich nicht«, sagt Mansfield.

Baileys Lächeln kommt mir irgendwie höhnisch vor. Er macht noch ein paar Notizen und klappt dann seinen Notizblock zu. »Tja, das dürfte wohl reichen. Danke, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben.«

»Kein Problem. Hören Sie sich noch den nächsten Set an?«, frage ich Mansfield.

»Nein, leider nicht. Ich muss morgen früh raus.«

»Und ich habe einen Abgabetermin«, sagt Bailey und steht auf. »Ihre Musik hat mir gut gefallen.«

»Danke.«

Ich begleite sie zur Tür und sehe sie in Richtung Ausgang verschwinden. Derek und Gordon lehnen an der Theke und trinken Bier.

»Mike Bailey, oder?«, fragt Derek.

»Ja. Kennst du den?«

»Alter Wichser«, sagt Powell und trinkt sein Bier aus.

Derek grinst. »Er fand, dass Gordon bei einer Sängerin zu laut gespielt hat. Wie war das doch gleich?«

Gordon verzieht das Gesicht und spuckt die Worte aus, als würden sie ihm die Zunge verätzen. »›Powells penetrantes Getrommel trug nur wenig zum Genuss des Abends bei.‹ Was weiß der denn schon? Er ist Reporter.«

Derek zwinkert mir zu. »Gordon ist sehr sensibel.«

»Bei einem Drummer ein sehr wichtiger Charakterzug.«

»Siehste«, sagt Gordon. »Hab ichs nicht immer gesagt.«

Pete King gibt mir ein Zeichen. Zeit für den zweiten Set.

Der wird noch besser. Dereks Linien passen genau, und Gordons zischelndes Becken begleitet mich den ganzen Set über. Ich bedaure nur, dass dieser Gig gerade dann vorbei sein wird, wenn es anfängt, so richtig abzugehen.

Ich wohne in einem kleinen Hotel in Bloomsbury, das Pete King mir besorgt hat. Das Zimmer ist so eng, dass ich mich kaum darin umdrehen kann, aber es ist sauber und gemütlich, und im Preis ist auch ein gutes Frühstück enthalten. Bei Eiern und Speck blättere ich im Speiseraum die Zeitung auf der Suche nach dem Feuilleton durch. Mike Bailey ist ein Schnellschreiber. Das Beste an dem Artikel ist, dass kein Foto dabei ist.

JAZZPIANIST-DETEKTIV GENIESST RUHIGES LONDON

Gestern Abend bestritt der amerikanische Pianist Evan Horne seinen ersten Auftritt im Ronnie Scott’s vor einer ansehnlichen Zuschauermenge. Die meisten Zuhörer wussten vermutlich nicht, dass sie einem ehemaligen Privatdetektiv zuhörten, dessen letzter Auftrag es war, dem FBI bei der Festnahme einer Serienmörderin in Los Angeles zu helfen.

Ich mag den Artikel nicht einmal zu Ende lesen. Bailey hat sämtliche Einzelheiten ausgegraben und deutet an, dass ich womöglich auf dem Weg nach Amsterdam bin, um Chet Bakers Tod zu untersuchen. Es hört sich so an, als sei das Klavierspielen eine Nebenbeschäftigung für mich. Eigentlich sollte ich mich aufregen, aber im Grunde weiß ich, dass ich Artikeln wie diesem vielleicht nie mehr werde entkommen können. Er verzerrt keine Fakten, sondern hat eben einfach eine bestimmte Tendenz. Bailey schließt mit einer kurzen, aber positiven Bemerkung.

Hornes Spiel war eine angenehme Überraschung. Trotz einer Verletzung, die seine Karriere vor etlichen Jahren beinahe beendet hätte, zeigte er eine hervorragende Technik, und seine Versionen der Standards, insbesondere Balladen, erinnerten an einen kraftvollen Bill Evans. Horne spielt bis einschließlich Samstag bei Ronnie Scott’s.

Ich gehe spazieren, denke über Baileys Artikel nach, frage mich, wie viel Mansfield wohl damit zu tun hat und was Pete King denken wird. Aber wie sagt man so schön: Hauptsache Presse. Wer wird sich schon beklagen, wenn deswegen mehr Publikum kommt?

Ace Buffington hingegen macht mir wirklich Sorgen. Er wirkt völlig verzweifelt. Es wundert mich nicht, dass er wieder versucht hat, mich anzuheuern, aber der bettelnde Tonfall überrascht mich. Ich weiß, dass Ace das nicht leicht gefallen ist. Da muss noch irgendetwas anderes sein, das er mir verschwiegen hat.

Bevor Colin Mansfield von Chet Baker sprach – und dann Ace und dann Mike Bailey –, hatte ich noch nicht einmal darüber nachgedacht, wie er gestorben war. Irgendwo in den Tiefen meines Gedächtnisses hatte sie gelagert: eine von diesen Jazzlegenden, die mit jedem Wiedererzählen ein wenig mehr ausgeschmückt werden. Sonst nichts.

Ich habe Los Angeles verlassen, vielleicht für immer. Mein Auto und einige Habseligkeiten habe ich bei Danny Cooper untergestellt und meine Wohnung in Venice gekündigt. Mit dem vagen Plan, nach Europa zu gehen, bin ich einfach in ein Flugzeug nach New York mit Weiterflug Richtung Osten gestiegen. Doch als ich jetzt durch die Straßen von Mayfair in London laufe, vorbei an Rolls-Royce- und Jaguar-Händlern, teuren Boutiquen und schicken Restaurants, scheint L.A. gar nicht weit weg. Es sitzt mir ständig im Nacken wegen Leuten wie Mike Bailey, die nachhaken und fragen, warum ich hier bin. Es werden noch mehr Fragen dieser Art folgen, die alles wieder in mir wachrufen. Aber ich habe schon viel zu viele Fragen beantwortet.

2

Als ich Los Angeles hinter mir gelassen hatte, streifte ich ziellos durch New York und versuchte, das, was ich erlebt hatte, in einem anderen Licht zu sehen. Natürlich konnte ich das Ganze rational betrachten und mir lediglich die Fakten ins Gedächtnis rufen: Gillian Payne saß im Gefängnis, Danny Cooper war wieder ganz gesund, und Gillians Bruder konnte jetzt vielleicht wieder ein einigermaßen normales Leben führen. Doch letztendlich ging es um mehr als Fakten. Meine Beziehung zu Natalie war daran zerbrochen.

Positiv war zu verzeichnen, dass wir eine ganze CD aufgenommen hatten, die bald herauskommen würde. Meiner Hand ging es gut, und ich spielte ordentlich. Alles in allem hatte ich guten Grund, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. Aber es funktionierte nicht.

Ich beschäftigte mich, so gut es ging, besuchte alte Freunde, hörte Musik, sprang sogar bei ein paar Jam-Sessions ein. Meine alte Freundin, die Stewardess Cindy Fuller, war im selben Flugzeug gewesen. Wir hatten uns zum Abendessen verabredet, aber Cindy hatte jetzt ihr eigenes Leben, und da gab es nichts, was man von neuem hätte entfachen können. Ich hatte sogar ernsthaft überlegt, meine Eltern zu besuchen, aber es schien sinnlos, weil wir schon seit langem den Kontakt verloren hatten.

Am Ende kam ich nicht um das Stück Papier mit dem daraufgekritzelten Namen und der Telefonnummer in meiner Brieftasche herum, die mich ständig an die Vergangenheit erinnerten wie eine unbezahlte Rechnung. Es war ein Teil der Fallnachbereitung von Seiten des FBI, eine kostenlose Psychotherapie. Ich hatte immer noch Wendell Cook, den Einsatzleiter, im Ohr, der mich am Tag bevor ich L.A. verließ, zu überreden versuchte.

»Evan, schreiben Sie sich wenigstens die Nummer auf. Sie sind doch sowieso in New York. Sie haben eine Menge durchgemacht. Vielleicht hilft es Ihnen, mit jemandem zu sprechen, der das Ganze von außen betrachten kann, und Dr. Hammond ist eine der Besten.« Pflichtbewusst schrieb ich die Nummer auf, obwohl ich überzeugt war, dass ich nie dort anrufen würde.

Doch die Bilder gingen mir einfach nicht aus dem Kopf – Gillian Paynes dämonisches Lächeln hinter der Glasscheibe im Gefängnis, die Telefongespräche, in denen sie mich auf perfide Art herausgefordert hatte, die Mordschauplätze, der Ausdruck des Entsetzens im Gesicht ihres Bruders, als ihre Klinge in seinen Hals eindrang.

Eines Abends fuhr ich mit der U-Bahn nach Downtown. Ich hatte ins Village Vanguard gehen wollen, doch als ich da war, stand ich vor dem Jazzclub, starrte auf die Neonlichter, hörte die auf die Straße hinausdringende Musik und fragte mich, warum ich plötzlich keine Lust mehr hatte hineinzugehen. In dem Augenblick war mir klar, dass ich etwas unternehmen musste.

Am nächsten Morgen überwand ich mich und wählte die Nummer. Ich wusste natürlich, dass eine solche Psychotherapie für das FBI nur ein Trick war, sich vor zukünftigen Rechtsstreitigkeiten zu schützen; reine Formsache, dann waren sie aus dem Schneider. Sie wollten nicht, dass ich in ein oder zwei oder drei Jahren in einer Talkshow auftauche und erzähle, dass ich zur Zusammenarbeit mit ihnen gezwungen worden war und Angstzustände und Traumatisierung erlitten hatte, weil ich bei der Überführung einer Serienmörderin geholfen hatte. Und doch zweifelte ich nicht an Cooks Behauptung, dass sich selbst erfahrene FBI-Agenten einer Therapie unterziehen müssen, besonders wenn sie Zeugen »stark gewalttätiger« Verbrechen, wie Cook es nannte, geworden sind.

Als ich anrief, schienen sie beinahe auf mich gewartet zu haben. Irgendjemand, wahrscheinlich Wendell Cook, hatte sie auf meinen Anruf vorbereitet. Ich erhielt einen Termin für den folgenden Nachmittag an einer Adresse am Riverside Drive.

Das Sprechzimmer in beruhigenden Pastelltönen war in warmes Licht getaucht, aber ich saß der Psychologin, Rosemary Hammond, nervös auf einem der beiden bequemen Sessel gegenüber. Sie war eine freundliche Frau um die vierzig mit einem langen, weiten Kleid und einer Brille an einer Kette. Sie ließ mich ein Schriftstück unterschreiben, das besagte, dass ich aus freiem Willen bei ihr war, aber sobald wir diese Formalität aus dem Weg geräumt hatten, erklärte sie mir, dass sie vor allem da sei, um zuzuhören und eventuell Vorschläge zu machen.

»Entspannen Sie sich, Evan. Ich bin kein Zahnarzt. Sie sehen aus, als stünde Ihnen eine Wurzelbehandlung bevor.« Sie beugte sich vor: »Ich verspreche, dass Sie von mir nichts über ›Probleme‹ und wie Sie sich zu ihnen ›verhalten‹ oder Phrasen wie ›Nehmen Sie sich einfach an‹ hören werden. Ich habe Ihre Akte gelesen und weiß, was passiert ist und wer beteiligt war.« Ich sah den dunkelgrünen Aktenordner vor ihr auf dem Tisch liegen. Vermutlich aus Los Angeles per Fax. »Sie haben innerhalb kürzester Zeit mehr durchgemacht als die meisten aktiven FBI-Agenten in ihrer gesamten Laufbahn. Es ist nur verständlich, dass Sie von dem Ort weg wollten, wo es passiert ist. Das ist doch der Grund, warum Sie in New York sind, oder?«

Ich kannte die Vorgehensweise von Therapeuten. Nach meinem Unfall hatte ich ein paar Sitzungen mitgemacht und mich mit der Vorstellung abzufinden versucht, dass ich wohl nie wieder Klavier spielen würde. Ihre Empfehlungen waren gut gemeint gewesen, hatten mir aber nicht viel gebracht. Warum sollte Rosemary Hammond sich in dieser Hinsicht von den anderen unterscheiden? Ich hielt mich erst mal bedeckt, bis ich sie besser einschätzen konnte.

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich. Aber ich bleibe nicht hier. Ich habe vor, nach Europa zu fahren, wenn ich da Arbeit bekommen kann.«

Sie sagte nicht: Ach, Sie wollen also noch weiter weglaufen? Sie lächelte nur wieder und forderte mich auf: »Erzählen Sie mir davon.« Ohne etwas aufzuschreiben, ohne Aufnahmegerät lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück und konzentrierte sich in einer Weise auf mich, die den Wunsch in mir weckte, ihr alles zu erzählen. Vielleicht konnte ich einfach alles in ihrem Sprechzimmer lassen und danach meiner Wege gehen.

»Da war Andrea Lawrence, eine FBI-Agentin. Das war mehr als eine rein dienstliche Beziehung. Zumindest hätte es mehr werden können.«

»Davon steht nichts in der Akte«, sagte Hammond.

»Ich komme später darauf zurück.«

Sie zuckte die Achseln, als wollte sie sagen: Ganz wie Sie wünschen.

»Meine Karriere kam nach jahrelanger Krankengymnastik und Spielunfähigkeit gerade wieder ins Rollen, als Danny Cooper anrief und mich um Hilfe bat. Sieh dich einfach mal am Ort des Verbrechens um, sagte er, damit wir da durchblicken. Der Mörder hatte ›Bird lebt!‹ mit Blut an den Spiegel in der Garderobe des Opfers geschrieben. Damit war Charlie Parker, der Saxofonist, gemeint. Das Mordopfer lag noch auf dem Boden, alles war voller Blut, sein Saxofon war zerdrückt. Als man ihn fand, lief eine CD von Bird, und im Saxofonkoffer lag eine weiße Feder. Die Polizei wusste nicht, was sie davon halten sollte, aber mir war die Bedeutung sofort klar. Der Mörder hatte eine Botschaft hinterlassen. Alles in dem Zimmer sprach von Wut.«

»Und das haben Sie alles mit angesehen?«

»Ja. Ich habe es gesehen, gerochen, gespürt. Es machte mich krank. Ich wollte nur noch da raus. Ich hatte das Gefühl, zu ersticken. Aber ich fühlte mich Cooper verpflichtet. Wir sind alte Freunde, noch aus der Schulzeit, und er hatte mir früher auch mal geholfen, also bin ich dabeigeblieben. Als sie sicher waren, dass es ein Serienmörder war, und das FBI eingeschaltet wurde, klärte ich noch weitere Fährten ab. Dadurch sparten sie Zeit, wie sie sagten, und das war auch alles noch in Ordnung.«

»Und was passierte dann?«, fragte Hammond.

»Irgendwie bekam die Presse davon Wind, dass ich mit der Sache zu tun hatte. In einem Artikel wurde meine Lebensgeschichte breitgewalzt und dass ich schon mit ähnlichen Dingen zu tun gehabt hatte. Dann fing der persönliche Kontakt mit Gillian, der Mörderin, an, Anrufe, Kassetten, Briefe, sogar Gedichte. Sie war unglaublich raffiniert. Ich wurde zum Vermittler gemacht. Für mich gab es kein Entkommen mehr. Ehrlich gesagt, war ich wütend über diese Verletzung meiner Privatsphäre, meines Berufslebens. Ich hatte gerade einen Plattenvertrag unterzeichnet, Arbeit kam rein, mit Natalie lief alles prächtig. Dann wurde Lawrence oder Andie, wie alle sie nennen, eingeschaltet. Ich musste ihr dabei helfen, ein Täterprofil von Gillian zu erstellen. Natalie verstand nicht, warum ich so viel Zeit mit Andie verbringen musste oder warum ich überhaupt so sehr in die Sache verwickelt war, und ich durfte ihr nicht alles sagen.«

»Und hatte sie einen Grund zur Besorgnis oder zur Eifersucht?«

Ich zögerte ein wenig, bevor ich antwortete. »Zur Besorgnis? Ja, es war gefährlicher als alles, was ich jemals zuvor erlebt hatte. Eifersucht? Ich weiß nicht. Anfangs nein, aber es hat schon zwischen Andie und mir gefunkt, eine starke sexuelle Spannung war auf jeden Fall da. Das gebe ich zu. Ich fühlte mich an Natalie gebunden, aber vielleicht doch nicht so stark, wie ich gedacht hatte. Die Tatsache, dass Andie sehr attraktiv ist, machte die Sache nicht leichter. Sie hat mir deutlich gezeigt, dass sie interessiert und zu haben war.«

»Fanden Sie das unprofessionell von ihr?«

Ich zuckte die Achseln. »So ist es nicht bei mir angekommen. Ich wusste, dass sie ausloten wollte, ob aus uns etwas werden könnte. Der Umstände wegen haben wir viel Zeit miteinander verbracht. Wir sind zusammen nach San Francisco gefahren. Gegen seine Gefühle kann man nichts tun, auch wenn man sich dann vielleicht unprofessionell verhält. So was passiert ständig, und ich fühlte mich durch die Aufmerksamkeit wohl auch geschmeichelt.«

»Und haben Sie Ihren Gefühlen freien Lauf gelassen?«

»Nein, habe ich nicht, aber Natalie hat mir nicht geglaubt, und das ließ mich dann wiederum an ihr zweifeln. Warum konnte sie mir nicht vertrauen? Ich habe nur meine Arbeit getan, die ich mir noch nicht mal ausgesucht hatte. Als sie Gillian einkreisten, konnte ich Natalie immer weniger erzählen, zum Teil auch zu ihrem eigenen Schutz. Niemand wusste, was Gillian als Nächstes tun würde. Ich versuchte, alles gleichzeitig unter einen Hut zu bringen, Gillian, das FBI, Natalie, Andie Lawrence und meine Musik.

In San Francisco haben Andie und ich im selben Hotel in angrenzenden Zimmern gewohnt, aber irgendetwas hielt mich davon ab, die Verbindungstür aufzumachen, obwohl ich wusste, dass sie nicht verschlossen war. Natalie sah die Sache natürlich anders. Sie vermutete das Schlimmste, und nichts, was ich sagte, konnte sie vom Gegenteil überzeugen. Aber da war noch etwas.«

Das war der wirkliche Pferdefuß. Ich hatte mich langsam auf das Thema zugearbeitet, indem ich über Andie Lawrence und Natalie redete.

»Was?«

»Gillian. Ihre Anrufe. Ich wusste nie, wann sie mich anrufen würde; sie spielte mit mir und verführte mich irgendwie auch. Ich wollte … es wissen. Ich war besessen von der Frage, warum sie es tat und ob ich sie aufhalten könnte.« Ich grinste Hammond an. »Klingt, als wäre bei mir eine Schraube locker, oder?«

»Ganz und gar nicht. Das ist nur natürlich. Es stürmten eben viele widerstreitende Kräfte gleichzeitig auf Sie ein.«

»Ich dachte immer, dass Musik das Einzige in meinem Leben wäre. Aber in die anderen Fälle bin ich auf ähnliche Weise hineingezogen worden. Wenn ich erst mal mit den Fragen konfrontiert war, musste ich auch die Antworten dazu wissen. Wardell Gray – wie ist er gestorben? Die Clifford-Brown-Aufnahmen – waren sie echt oder nicht? Ich wollte es unbedingt wissen, auch wenn ich die Finger davon hätte lassen sollen.«

»Und waren Sie zufrieden, als Sie die Antworten dann hatten?«

»Ja, schon, auch wenn nicht alle Fragen beantwortet worden sind.« Ich warf einen Blick auf Hammonds Zeugnisse und die Kunstdrucke, die an der Wand hingen.

»Darf ich rauchen?«, fragte ich. Sie nickte. Ich zündete mir eine Zigarette an, während sie uns beiden Kaffee einschenkte. »Ich kann es nur schwer erklären. Es hat mich befriedigt, Leute ausfindig zu machen, Antworten zu finden, Probleme zu lösen. Manchmal vielleicht genauso stark wie die Musik. Und das hat mir Angst gemacht.«

Hammond erwiderte: »Dafür gibt es keinen Grund. Vielleicht haben Sie aus Frustration über den Unfall Ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes gerichtet, über das Sie mehr Kontrolle hatten. Diese Antworten zu finden, lag in Ihrer Hand.«