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Der Jazzpianist Evan Horne ist wieder zurück in der Musikszene. Nach einer einjährigen Zwangspause aufgrund seiner verletzten Hand wird ihm direkt nach seinem Comeback-Auftritt in L. A. ein Plattenvertrag angeboten. Doch sein Glück ist nur von kurzer Dauer, denn das FBI bittet ihn um Mithilfe bei der Aufklärung einer Mordserie an bekannten Musikern. Ist es ein besessener Fan oder ein eifersüchtiger erfolgloser Musiker, der am Tatort Aufnahmen mit der Jazz-Legende Charlie Parker, eine Vogelfeder und die Botschaft »Bird lives!« hinterlässt? Soll Evan Horne seinen Plattenvertrag und somit seine Karriere gefährden, indem er dem FBI bei den Ermittlungen hilft? Dass eine Agentin beim FBI, Andie Lawrence, ebenso intelligent wie attraktiv ist, macht ihm die Entscheidung nicht leichter.
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Seitenzahl: 416
Veröffentlichungsjahr: 2015
Der Jazzpianist Evan Horne ist wieder zurück in der Musikszene. Doch gerade als das Glück in Form eines Plattenvertrags greifbar scheint, bittet ihn das FBI um Mithilfe bei der Aufklärung einer Mordserie an bekannten Musikern. Ist der Täter ein besessener Fan oder ein eifersüchtiger erfolgloser Musiker?
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Bill Moody (1941-2018) studierte Musik am berühmten Berklee College of Music in Boston und spielte Schlagzeug mit Größen wie Maynard Ferguson, Earl Hines und Lou Rawls. Nach einigen Jahren in Europa und Las Vegas zog Moody nach San Francisco, wo er als Jazzmusiker und Schriftsteller arbeitete.
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Anke Caroline Burger (*1964) übersetzt seit vielen Jahren Romane und Kurzgeschichten mit den Schwerpunkten amerikanische Minderheitenliteratur und Kriminalromane. 2003 erhielt sie den Christoph-Martin-Wieland-Übersetzerpreis.
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Bill Moody
Bird lives!
Kriminalroman
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Ein Fall für Evan Horne (3)
E-Book-Ausgabe
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Unionsverlag
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Die Originalausgabe erschien 1999 unter dem Titel Bird Lives! im Verlag Walker & Company, New York.
Originaltitel: Bird lives! (1999)
© by Bill Moody 1999
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Mosaic Images/Corbis
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30233-4
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Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
BIRD LIVES!
Prolog1 – Guck dir das an«, sagt Natalie und stellt …2 – Ich möchte bitte mit Paul Westbrook sprechen …3 – Natalie blickt vom Fernseher auf, als ich hereinkomme …4 – Das Haus von Jeff Lasorda steht am westlichen …5 – Als ich die Tür aufmache, rieche ich das …6 – Ich erschrecke mich fürchterlich, als das Telefon wieder …7 – On Coltrane’s Soultrane8 – Zu Hause bei Jeff Lasorda im Valley gehen …9 – Andies Wohnung ist in der Nähe von Westwood …10 – Das Telefon weckt mich. Ich stolpere vor dem …11 – Genüsslich auf dem Bett ausgestreckt, den Veranstaltungsteil des …12 – Ich trete ein. Greg Sims macht die Tür …13 – Als wir nach draußen auf die Straße kommen …14 – Krankenhäuser bringen Unglück. Ich habe mich dort immer …15 – Zu Hause erwartet mich eine Nachricht von Paul …16 – Are you ready, Las Vegas?«, brüllt der Ansager …CodaDankMehr über dieses Buch
Thomas Wörtche: »Bird«
Über Bill Moody
Bill Moody: »Jazz Fiction — It Don’t Mean a Thing if it Ain’t Got That Swing«
Anke Caroline Burger: Jamsession in Crockett, California
Über Anke Caroline Burger
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Ich bin in der Jazz Bakery von Ruth Price in Culver City, Kalifornien, und diesmal ist es kein Traum.
Ursprünglich befand sich in den Räumen des Clubs die Bäckerei Helms, und Ruth hat das Wesentliche dieses Namens beibehalten; manche Leute schwören, dass sie immer noch den Duft von frisch gebackenem Brot riechen.
Ein paar Minuten vor dem ersten Set stehe ich mit Ruth im Vorraum und trinke Kaffee, gehe im Geiste noch einmal die Stücke durch und frage mich, wie ich mit Bass und Schlagzeug zurechtkommen werde.
Fang mit was Bekanntem an, damit das Publikum dich einordnen kann und ein Gefühl für dich bekommt.
Ich dehne die rechte Hand durch, die in einem fingerlosen, schwarzen Latexhandschuh steckt, der die Muskeln warm und den Schmerz in Grenzen hält. Doch die Erinnerung an die Nacht auf dem Highway°1 an der Pazifikküste bleibt allgegenwärtig. Die Scheinwerfer des Lasters, die urplötzlich im Nebel aufgetaucht waren, das zersplitternde Glas, das die Sehnen meiner rechten Hand durchtrennte, stehen mir immer noch deutlich vor Augen. Es war ein langer Weg bis hierher, gepflastert mit Operationen, Therapien, Üben, Üben, Üben und dem tausend- und abertausendmaligen Drücken eines Gummiballs. Doch jetzt zahlt sich das alles endlich aus.
»Und, wie fühlt sie sich an?«, fragt Ruth Price, als sie sieht, wie ich meine Hand betrachte. Gelegentlich singt Ruth noch, und ihre Stimme hat sich seit der Zeit mit Shelly Manne kaum verändert. Ihr Lebensinhalt ist jetzt die Führung dieser hippen, alkoholfreien kleinen Bühne für Jazzmusik. Ruth hat mir einen großen Gefallen getan, als sie mir hier eine Auftrittsmöglichkeit gegeben hat, und ich weiß selbst am besten, was für ein Schwein ich gehabt habe. Es war eine kurzfristige Sache – ich sollte in letzter Minute für Monty Alexander einspringen, der seinen Anschlussflug verpasst hatte –, aber wenn man versucht, sein Comeback in die Wege zu leiten, dann nimmt man die Angebote, wie sie kommen.
Ich knete wieder meine Finger. »Bestens, fühlt sich wirklich gut an«, antworte ich und hoffe, dass man meiner Stimme nicht anhört, wie mulmig mir zumute ist. Einen Gig zu spielen, zwei Sets lang die Luft zum Kochen zu bringen, ist etwas völlig anderes als zu üben. Das hier ist keine Jamsession und kein albernes Geklimper in einem Einkaufscenter, wie ich es in Las Vegas gemacht habe.
Ruth nickt und lächelt. »Zehn Minuten haben wir noch«, sagt sie. »Keine Bange, es werden sicher ein paar neue Fans da sein, die noch nie einen Detektiv beim Klavierspielen gesehen haben.« Sie entfernt sich, um ein paar spät eintreffende Zuhörer zu begrüßen.
In der L.A. Times war ein kurzer Artikel über mich erschienen, aber um der Story ein bisschen mehr Würze zu verleihen, erwähnte der Journalist meine Amateuruntersuchungen in drei Mordfällen, die auch der Jazzwelt nicht verborgen geblieben waren. Solche Bemerkungen lassen sich einfach nicht vermeiden.
Für eine letzte Zigarette muss ich nach draußen gehen. Verrauchte Jazzkeller gehören zumindest in Kalifornien der Vergangenheit an. Bassist Jeff Lasorda und der Schlagzeuger Gene Sherman sind schon da, reißen Witze und sehen den Autos zu, die vorfahren und auf dem kurzen Stück Straße zwischen Venice und Washington Boulevard parken. Wir haben schon ein paar Mal zusammengearbeitet, aber für sie ist es ein ganz normaler Gig. Für mich ist es die große Beweisprobe.
Beide bemerken mich gleichzeitig. »Das wird schon, Mann«, sagt Gene, »Hauptsache, du spielst nicht falsch.« Jeff lacht und schlägt in Genes hingehaltene Handfläche ein.
»Genau«, sagt Jeff und beguckt sich meine Hand. »Nur der Handschuh müsste weiß sein, Mann, wie bei Michael Jackson.«
»Danke, Jungs, da fühle ich mich doch gleich viel besser.« Ich sehe auf die Uhr und nehme einen letzten Zug. »Packen wirs.«
Die Reihen von grünen Plastikstühlen drinnen vor der Bühne sind zu zirka drei Vierteln gefüllt, meist mit Studenten und ihren Freundinnen. Ruth lächelt und streckt mir vom Tonraum aus noch einmal den Daumen entgegen, als wir an ihr vorbei in den Raum mit der Aufschrift »Nur für Musiker« marschieren und auf die Ansage warten.
»Ladies and Gentlemen, willkommen in der Jazz Bakery«, verkündet Ruth. »Wir freuen uns sehr, Ihnen heute Abend das Evan Horne Trio vorstellen zu dürfen. Als Erstes Jeff Lasorda am Bass.«
Als Jeff auf die Bühne hinausgeht und seinen Bass in den Arm nimmt, ertönt höflicher Applaus. Gene folgt ihm, und dann bin nur noch ich übrig. »Man hat ihn viel zu lange nicht mehr in der Jazzszene gesehen, aber jetzt freuen wir uns, dass er wieder da ist – Evan Horne.«
Ich gehe auf die Bühne und setze mich reichlich befangen ans Klavier. Der Applaus ist stärker, als ich erwartet hatte. Hier gibt es keine Bar, keine Kellnerinnen, kein Jaulen von Mixern, mit denen Margaritas gemischt werden. Nur Konzertsaalstille, als ich schnell zu Jeff und Gene hinüberblicke und dann die Augen auf die Tastatur richte.
Ich erlaube mir einen kurzen Blick ins Publikum und erwische Natalie, Danny Cooper und Ace Buffington, wie sie gerade in der dritten Reihe auf ihre Stühle rutschen. »Stau«, formt Natalie lautlos mit den Lippen.
Ich fange allein an, sammle mich, beginne »My Romance« mit einer Rubato-Einleitung. Am Ende des Chorus bin ich dann im Tempo und sehe aus dem Augenwinkel Jeff, der mit um den Bass geschlungenen Armen auf seinen Einsatz wartet. Gene bereitet sich darauf vor, ihm mit den Besen in der Hand den Weg zu ebnen.
Wir schlendern in einem relaxten Zweiertakt durch die nächsten beiden Chorusse. Jeffs summende Basslinien überspringen die Taktstriche und nehmen meine Akkorde vorweg. Genes Besenpatterns und das gelegentliche Zischen der Becken geben dem Ganzen Farbe. Die Tasten vor meinen Augen scheinen zu leuchten. Ich blicke wieder auf und nicke. Jeff greift in die Saiten und schreitet voran in den nächsten Chorus, während Gene zu Stöcken wechselt, dann bringen wir noch mehr Feuer in die Sache und lassen es in zwei weiteren richtig swingen. So müsste es immer sein, denke ich, als ich mich zurückziehe und Jeff das Feld für sein Solo überlasse, dann spielen Gene und ich ein paar achttaktige Soli, Klavier und gestochen scharfe Percussion im Wechsel. Schließlich bringe ich dem Publikum noch mal die Melodie in Erinnerung und ende mit einem sehr harmonischen Ausklang. Das wars. Das erste Stück ist geschafft. Die Nervosität ist vergessen.
Der restliche Set läuft genauso gut. Keine Schmerzen; der Handschuh sitzt, mein Handwerk kann sich sehen lassen. Bevor ich den Set beende, stelle ich Jeff und Gene vor und gebe dem Ganzen eine persönliche Note.
»Auf diesen Augenblick habe ich lange gewartet«, sage ich. »Ich möchte mich bei allen fürs Kommen bedanken.« Ich bemerke, wie Natalie lächelt und Ace über das ganze Gesicht strahlt. Coop fingert an seinem Piepser herum.
Ich fühle mich derart selbstsicher, dass ich mit Chick Coreas »Matrix« schließe, einem Stück, das es in sich hat, aber meinen Fingern dennoch zu entfließen scheint, während ich den Rest der Welt total vergesse. Irgendjemand erkennt die ersten Noten und ruft: »Zeigs ihnen, Evan!«
Als ich nach draußen in den Vorraum komme, warten Ace und Natalie schon auf mich. Ich drängle mich zwischen den Herumstehenden hindurch und lasse die wohlwollenden Blicke und aufgeschnappten Kommentare wie eine warme Dusche über mich fließen.
Natalie sieht mich und winkt mich heran. »Coop musste gehen«, sagt sie, als ich bei ihr ankomme. »Irgendein Notfall. Du weißt ja, wie das bei der Polizei ist.« Sie zieht mich an sich und umarmt mich. »Mein Gott, war das schön, dich wieder da oben auf der Bühne zu sehen.«
Über ihre Schulter hinweg sehe ich den hin und her laufenden Ace grinsen. »Mann oh Mann oh Mann, das war Wahnsinn!« Seine Stimme dröhnt durch den ganzen Raum. Mehrere Leute drehen sich um und lächeln. »Ich wünschte, ich könnte noch bis zum nächsten Set dableiben«, sagt Ace. Er muss morgen früh an der Uni in Las Vegas unterrichten, darf sein Flugzeug nicht verpassen, und Natalie bringt ihn zum Flughafen.
»Wir fahren dann besser mal los«, sagt sie und sieht Ace an. Sie umarmt mich wieder und flüstert: »Wir sehen uns zu Hause.«
Ich gehe nach draußen, um eine zu rauchen und ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Und dann, als ich glaube, dass alles schon perfekt ist, kommt es doch noch besser.
»Evan?« Ich drehe mich um und sehe einen eher kleinen Mann in Stoffhosen, schwarzem Rolli und Kordjackett.
»Paul Westbrook, Quarter Tone Records«, sagt er, wobei er seine dicke Brille nach oben schiebt. Wir geben uns die Hand, und er überreicht mir seine Visitenkarte. »Es freut mich, dass Sie wieder im Geschäft sind. Ich würde gern mit Ihnen über einen Plattenvertrag reden.«
Ich sehe seine Karte an. Quarter Tone ist ein kleines Independent-Label, das recht anständige Arbeit aufzuweisen hat. »Plattenvertrag? Ja, sicher, ich …«
»Rufen Sie mich doch bitte an«, sagt Westbrook. »Leider kann ich das jetzt nicht alles mit Ihnen besprechen.« Er eilt zu seinem Wagen und winkt mir beim Wegfahren zu. Ich stehe völlig perplex da, seine Visitenkarte in der Hand, und frage mich, ob das eben wirklich passiert ist.
Als ich wieder auf der Bühne bin, gehe ich noch entspannter in den zweiten Set. Alles fühlt sich so natürlich an, so stimmig, dass ich mich frage, ob ich wirklich zwischendurch weg gewesen bin. Noch wichtiger: Wie lange darf ich diesmal bleiben?
Doch jetzt gibt es nur die Musik. Ich bin wieder da.
Guck dir das an«, sagt Natalie und stellt den Fernseher lauter.
Die Nachrichten laufen, und wir hängen nach einem teuren Abendessen, mit dem wir ihren Geburtstag und meinen ersten Gig seit über einem Jahr gefeiert haben, zu Hause ab. Die beiden Abende in der Jazz Bakery schlummern süß in meinen Gedanken.
Ich richte den Blick gerade noch rechtzeitig auf die Mattscheibe, um zu sehen, wie vom Nachrichtensprecher auf eine Reporterin umgeschaltet wird, die vor einer größeren Menschenansammlung steht. Sie trägt einen Trenchcoat, hat ein Mikrofon in der einen Hand und schiebt sich mit der anderen die Haare aus dem Gesicht. Sie macht einen etwas gehetzten Eindruck, als wäre sie eingeblendet worden, bevor sie zur Aufnahme bereit war. Sie starrt in die Kamera und hält die Hand hinters Ohr.
»Ja, jetzt höre ich dich, Jim.« Sie wirft einen Blick nach hinten über die Schulter und sieht dann wieder in die Kamera. »Wie Sie sehen, stehen wir hier vor dem Santa Monica Civic, in dem Jazzstar Ty Rodman gerade vor ausverkaufter Halle aufgetreten ist.«
Sie stockt kurz, als die Menschenmenge sich von hinten an sie drängt. Einige schreien und winken, weil sie unbedingt ins Fernsehen wollen. Sie dreht ihnen nervös den Kopf zu und blickt dann zurück in die Kamera.
»Das Santa Monica Police Department bestätigt, dass Ty Rodman Opfer eines tätlichen Angriffs mit einer Stichwaffe geworden ist. Das Ausmaß seiner Verletzungen ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt. Ich versuche noch, eine Stellungnahme der Polizei zu erhalten. Wie Sie sehen, sind viele Fans von Rodman nach wie vor da.« Sie versucht, ihren ernsten Gesichtsausdruck zu wahren, aber ein Lächeln entwischt ihr, als sich wieder jemand an sie drängt. »Sie müssen gehört haben, dass etwas passiert ist. Es will noch niemand gehen, obwohl das Konzert bereits vor vierzig Minuten geendet hat. Weitere Informationen haben wir momentan noch nicht. Zurück zu dir ins Studio, Jim.«
»Danke für diesen Bericht, Trish«, sagt Jim. Er raschelt mit Papieren und sieht hinüber zu der zweiten Sprecherin, einer perfekt gestylten Blondine. »Scheint ja ganz schön ungemütlich da draußen zu sein. Noch einmal: Wir haben einen unbestätigten Bericht über einen tätlichen Angriff mit einer Stichwaffe auf Jazzstar Ty Rodman im Santa Monica Civic. Am Ende der Nachrichten werden Sie noch mehr zu diesem Thema hören, richtig, Marion?«
»Das ist richtig, Jim«, sagt Marion. »Wir sind gleich wieder da mit Bob und der neuesten Wettervorhersage. Bleiben Sie bei uns, hier bei Action News.«
»Jazzstar?« Ich sehe Natalie an, während sie den Ton wegschaltet. »Ty Rodman?«
»Du kennst ihn, oder?«, fragt sie.
»Ich weiß, wer das ist, und hab ihn vielleicht auch mal getroffen, aber kennen tue ich ihn nicht.«
Ty Rodman und ich verkehren nicht in denselben Kreisen. Er ist einer von einem halben Dutzend Saxofonspielern, die Bluesriffs mit einem Rockbeat vermischen und ein Vermögen damit verdienen, in Kenny Gs Fußstapfen zu treten.
»Was da wohl passiert ist?«, sagt Natalie.
»Das wird uns Action News sicher gleich verraten. Ein Bier?«
»Na klar«, sagt Natalie.
Ich bin auf dem Weg in die Küche, als das Telefon klingelt.
»Evan. Störe ich dich?«
»Coop? Nein, nur beim Feiern von Natalies Geburtstag. Was gibts?«
»Ich möchte, dass du runter zum Santa Monica Civic kommst.«
»Ich habs gerade in den Nachrichten gesehen. Was ist passiert? Alles okay mit Rodman?«
»Mit Rodman ist gar nichts okay, er ist tot. Es gibt hier etwas, das du dir ansehen müsstest.«
»Jetzt?«
»Jetzt.« Der gewohnte scherzhafte Tonfall fehlt völlig in Coops Stimme. Das klingt nach Lieutenant Cooper, Mordkommission.
»Warum?«
»Komm einfach her. Sofort …«, schreit er jemanden an. Ich höre andere Stimmen. »Ich muss auflegen«, sagt er zu mir. »Komm zum Bühneneingang.«
Bevor ich noch etwas fragen kann, hat Coop das Gespräch beendet. Ich lege den Hörer auf und werfe Natalie, die mich beobachtet, einen Blick zu. »Rodman ist tot. Coop will, dass ich rüberkomme und mir etwas ansehe.«
»Tot? Was will er von dir?«
»Ich habe keine Ahnung. Ich fahr lieber mal hin.«
Es passt mir gar nicht, aber ich mache es, nicht nur, weil Danny Cooper Lieutenant bei der Mordkommission ist, sondern auch, weil er mein ältester Freund ist.
Die Strecke von Venice zum Santa Monica Civic ist kurz, aber an der Ecke Pico und Ocean Avenue staut sich der Verkehr und wird umgeleitet. Ein leichter Sprühregen betupft die Straße. Ich schleiche im Schritttempo auf die Kreuzung zu, überzeuge einen Verkehrspolizisten, dass ich erwartet werde, und parke neben einer ganzen Flotte von Polizeiautos. Die Neuigkeit hat sich schnell herumgesprochen. Rund um den Seiteneingang ist alles mit gelbem Plastikband abgesperrt, vor dem eine beachtliche Menge Konzertbesucher gegen die uniformierten Polizisten drängt, die die Situation zu kontrollieren versuchen.
Ich arbeite mich nach vorne durch und weise mich bei einem Uniformträger aus, der mich durch einen langen Gang zu Ty Rodmans Garderobe führt. An der Tür hängt ein Plakat, auf dem Rodmans Name mit einem großen, schwarzen Filzstift-X durchgestrichen ist. Ein anderer Uniformierter, der dort Wache hält, klopft und öffnet die Tür.
»Er ist da, Lieutenant.« Durch die geöffnete Tür kann ich ein wenig in den Umkleideraum hineinsehen. »Gehen Sie rein«, sagt der Cop.
Coop und sein Partner Ivan Dixon hocken vor Ty Rodmans Körper, der halb mit der Decke des Coroners zugedeckt ist.
Coop erhebt sich und sieht mich an. »Danke, dass du gekommen bist. Willst du ihn sehen?« Er nickt in Richtung von Rodmans Leichnam. Dixon deckt ihn wieder ganz mit der Decke zu, aber nicht schnell genug, so dass ich das Blut sehe, das auf Rodmans gewohntem weißem Anzug entsetzlich grell aussieht.
»Danke, nicht nötig«, sage ich und werfe Dixon einen Blick zu. Der Polizeifotograf packt seine Ausrüstung zusammen, woraufhin die Kriminaltechniker Latexhandschuhe überstreifen, damit sie sich an die Arbeit machen können. Ein anderer Typ richtet kurz eine Videokamera auf mich. Ich frage mich, was mit dem Rest von Rodmans Band passiert ist.
Die Künstlergarderobe ist mit getragenen Klamotten und Bierflaschen übersät. Der Schminktisch vor einem großen Spiegel mit hellen Glühbirnen rundherum ist mit Spuren eines weißen Puders bedeckt. Ich starre bereits hin, bevor Coop etwas sagen kann.
»Das solltest du dir ansehen.« Coop zeigt auf den Spiegel. »Was zum Teufel soll das?«
Die Buchstaben sehen aus, als ob sie noch nass wären, an einigen Stellen haben sie getropft. Es könnte Farbe oder Nagellack sein, aber ich weiß, dass es Blut ist. Zwei Worte sind quer über den Spiegel geschmiert:
Bird lives!
Ich starre sie eine Zeit lang nur an und wende dann Coop den Blick zu. Er und Ivan Dixon beobachten mich beide, wollen meine Reaktion sehen.
»Charlie Parker, richtig?«, sagt Dixon.
»Noch einer von euch Jazztypen?«, fragt Coop.
»Genau, Charlie Parker, Saxofonist. Er wurde Bird genannt.«
»Wer nannte ihn Bird?«
»Jeder. Das war sein Spitzname. Charlie Yardbird Parker.«
Dixon und ich sehen uns an. Dixon ist selbst Jazzfan. Er wusste es, wollte aber auf Nummer Sicher gehen. Ruf deinen Freund Evan Horne an. Der wirds wissen. Schönen Dank auch, Dixon.
Ich betrachte wieder die Worte auf dem Spiegel. »Als Parker starb, tauchten diese Graffiti überall in Greenwich Village auf.«
»Ich traue mich kaum zu fragen, aber wann soll das gewesen sein?«, will Coop wissen.
»März 1955.«
Coop nickt und sieht die Worte an, dann wieder mich. »Und was hat dieser Bird nun mit Ty Rodman zu tun?«
Gute Frage. Die einzige Gemeinsamkeit zwischen ihnen war, dass sie beide Altsaxofon spielten. »Ich würde das eher andersherum formulieren. Was hatte Rodman mit Bird zu tun?«
Coop reagiert nicht auf meine Frage. Die Sache gefällt ihm nicht, er ist nicht in seinem Element. Er blickt frustriert in Richtung Spiegel. »Reden wir hier etwa von einem verärgerten Jazzfan?«
Mein Blick wird von einem Discman angezogen, der auf dem Tisch liegt. »Ach, übrigens. Laut Angaben des Bühnenmanagers lief das da noch, als er hereinkam, um Rodman abzuholen.«
Coop drückt mit einem behandschuhten Finger auf »Play«. Ich erkenne das Stück sofort. Es ist Bird zusammen mit dem Trompeter Red Rodney, eine Aufnahme aus den frühen Fünfzigern. Eine von Birds eigenen Kompositionen. Ein Blues namens »Now’s the Time«.
Coop lässt das Stück einige Sekunden lang laufen, hält die CD an und studiert den Ausdruck auf meinem Gesicht. »Was?«
Ich blicke mich um. »Wo ist sein Horn?«
Coop macht eine Bewegung mit dem Kinn. »Das, was davon übrig ist, liegt da drüben.«
In einer Ecke liegt halb versteckt unter einem von Rodmans Hemden der Saxofonkoffer. Coop zieht das Hemd beiseite.
Mit dieser Tröte wird niemand mehr spielen. Das Altsaxofon glänzt zwar noch, aber es wurde offensichtlich gegen die Wand oder auf den Boden geschmettert. Ein paar Klappen sind abgerissen, und im Schallbecher sind tiefe Dellen. Anscheinend wurde es danach zurück in den Kasten geworfen.
Jemand ruft nach Coop, einer der Uniformierten. Er wendet sich mir zu. »Hör zu. Ich werde die ganze Nacht hier bleiben, aber morgen früh muss ich mit dir sprechen, okay?«
»Coop, ich …«
»Ich muss mit dir reden.« In seiner Stimme liegt eine ungewohnte Dringlichkeit. »Ich ruf dich an.«
Ich habe keine Lust zu diskutieren. »Na schön.«
Coop merkt, wie ich mich in der Garderobe umschaue. Ich lese wieder die zwei Wörter auf dem Spiegel. Man bekommt keine Luft hier drin. Ich will nur noch weg. »Was ist?«, fragt Coop.
»Momentan gar nichts, aber …«
»Aber was?«
»Nichts.«
Auf der Rückfahrt nach Venice sehe ich immer wieder die Worte auf dem Spiegel vor mir: Bird lives!
Was ich Coop nicht gesagt habe: Heute, am zwölften März, ist nicht nur Natalies Geburtstag, sondern auch der Todestag von Charlie Parker.
Für die, denen es wichtig ist, ist der zwölfte März ein heiliges Datum der Jazzgeschichte. Unter den Jazzern gibt es niemanden, der die Story nicht kennt. Im Alter von vierunddreißig Jahren brach Charlie Parker in der Suite von Baronin Pannonica Koenigswarter zusammen, einer reichen, exzentrischen Dame der Gesellschaft, die im Stanhope Hotel wohnte und in einem silbernen Rolls-Royce zu den Jazzclubs fuhr.
Ihre Suite wurde zum Zufluchtsort für Jazzmusiker wie Bird und Thelonious Monk. Es gibt sogar Stücke, die ihr gewidmet sind: »Pannonica« von Monk und »Nica’s Dream« von Horace Silver. Doch erst durch Birds Tod ging sie für immer in die Geschichte ein. Bird war weggeflogen, war gestorben, während er sich Jongleure in der Tommy-Dorsey-Fernsehshow ansah.
Sobald sein Tod bekannt wurde, begannen die Worte Bird lives! überall in New York aufzutauchen, an Wänden, in U-Bahn-Stationen, auf Zäunen und an Gebäuden. Frühe Graffiti. Niemand wollte es glauben, aber es stimmte. Der bedeutendste Jazzsaxofonist aller Zeiten war für immer verstummt.
In allen Zeitungen und Jazzmagazinen erschienen Artikel. Birds Leben und Sterben wurde zur geheimnisumwitterten Legende, dutzende von Geschichten und Gedichte wurden über ihn geschrieben. Genau wie der Dichter Dylan Thomas, der ein Jahr zuvor unter ähnlichen Umständen ums Leben gekommen war, war Bird ein selbstzerstörerisches Genie gewesen, doch was er für den Jazz getan hatte, war unvergleichlich.
Im Großen und Ganzen kannte ich die Geschichte, aber das meiste hatte ich aus dem Clint-Eastwood-Film erfahren, den ich mit dem Kommentar meines Freundes, Professor Ace Buffington, im Ohr angeschaut hatte. Ace fand den Film nicht gut, aber jetzt konnte er mir helfen.
Natalie schläft, als ich nach Hause komme; neben ihr liegt ein aufgeschlagenes Jurabuch mit an den Rand gekritzelten Notizen. Ich klappe das Buch zu, stelle den Fernseher ab und krieche zu ihr ins Bett. Natalie murmelt etwas und schmiegt sich an mich. Mir steht immer noch die Mordszene vor Augen.
Was hatte Ty Rodman mit Bird zu tun?
Natalie ist bereits gegangen, als ich aufwache, aber sie hat mir einen Zettel hinterlassen. »Coop hat angerufen, will, dass du um zehn zu ihm kommst. Ich ruf dich später an«, steht da. Unten hat sie den Notizzettel mit einer Reihe Fragezeichen verziert. Ich sehe auf die Uhr, trinke ein Glas Saft und springe unter die Dusche.
Als ich in Coops Lieblingscafé ankomme, sitzt er mit dunklen Bartstoppeln und Ringen unter den Augen hinten in einer Sitzecke und kippt sich die zweite oder dritte Tasse Kaffee rein. Seine schwarze Metro-Team-Jacke ist verknittert. »Lt. Dan Cooper« ist vorne aufgestickt. Seine Dienstwaffe ist im Gürtelhalfter sichtbar.
»Mann, siehst du gut aus«, sage ich, während ich in die Sitzbank rutsche.
»Sei still. Ich hab nur drei Stunden geschlafen.«
»Das sieht man.« Ich gebe der Kellnerin ein Zeichen, dass ich auch Kaffee will. »Also, was ist los?«
Coop atmet tief durch und sieht mir zu, wie ich Sahne und Zucker in meinen Kaffee rühre. »Du musst mir einen Gefallen tun«, sagt er leise.
»Na klar, wer sagt schon Nein zum Santa Monica Police Department. Übrigens, was ich dir noch gar nicht erzählt habe: Ich geh vielleicht bald ins Aufnahmestudio. Ein Typ hat mich neulich abends in der Bakery angequatscht.« Ich sehe Coop an und warte auf seine Reaktion, aber da kommt nichts. »Coop? So viel Begeisterung wäre nun auch wieder nicht nötig gewesen.« Aber er ist gar nicht richtig ansprechbar.
»Was? Oh, tut mir Leid, es ist diese Rodman-Sache gestern Nacht.« Er schiebt seine Tasse zur Seite. »Erzähl mir was von diesem Bird – Charlie Parker hieß er, richtig?«
»Ja, hab ich dir doch schon gesagt, Bird war sein Spitzname. Was ist los, Coop?«
»Gleich. Die Worte auf dem Spiegel. Was soll das schnell wieder bedeuten?«
Ich zucke die Achseln. »Ich weiß nicht, ob es irgendwas bedeutet. Für viele Leute war Parker ein Idol. Dieses Bird-lebt-Motto tauchte nach seinem Tod auf. Wahrscheinlich wollten die Leute einfach nicht glauben, dass er nicht mehr da war. Das war ein bisschen vor meiner Zeit. Deiner auch, falls du dich erinnerst.«
Coop nickt und verscheucht die Kellnerin, die mit der Kaffeekanne erscheint. »Glaubst du, dass zwischen ihm und Ty Rodman irgendeine Verbindung bestand?«
»Rodman war zum Zeitpunkt von Birds Tod noch nicht mal geplant. Musikalisch? Ausgeschlossen. Bird war ein Pionier des Bebop. Er und Dizzy und Monk haben die gesamte Jazzszene verändert. Rodman war vielleicht kommerziell erfolgreich, aber als echten Jazzmusiker würde ich ihn nicht bezeichnen. Über das Thema könnte ich so einiges sagen … Die einzige Gemeinsamkeit von Ty Rodman und Charlie Parker war, dass sie dasselbe Instrument gespielt haben.«
»Was noch?«
»Das Datum, zwölfter März. Das war der Tag, an dem Bird 1955 starb.«
»Scheiße«, sagt Coop. Er zieht ein Notizbuch und einen Stift heraus, blättert ein paar Seiten um, schreibt etwas auf und sieht dann wieder mich an. »Wie sieht es mit dem fünften Januar oder dem einundzwanzigsten Januar aus?«
Diesmal stoppe ich die Kellnerin, indem ich meine Tasse hochhalte. Sie füllt sie wieder auf, und ich bestelle mir zu Coops Ärger ein Frühstück.
Ich nehme mir Sahne und Zucker und denke nach. »Nein, bei den Daten klingelt es bei mir nicht. Warum?«
Coop sieht vorsichtig hinter sich, als befürchte er, von jemandem belauscht zu werden. »Das darf außer dir niemand wissen, klar?«
»Klar. Um was gehts denn?« So habe ich Coop noch nie erlebt. Normalerweise bringt ihn nichts aus der Fassung. Er nimmt seinen Job sehr ernst, aber auf seinen Galgenhumor kann man sich eigentlich immer verlassen. Momentan ist nichts davon zu spüren.
Coop blättert wieder in seinem Notizbuch. »Am fünften Januar wurde in New York ein Gitarrist tot in seiner Wohnung aufgefunden. Die Nachbarn riefen die Polizei, weil er sehr laute Musik laufen hatte und das Hämmern gegen die Tür nichts brachte. Der CD-Spieler war auf Endloswiederholung gestellt und spielte« – er sah wieder in seine Notizen – »etwas, das ›Better Git It in Your Soul‹ heißt.« Stirnrunzelnd blickt er von seinen Notizen auf. »Was ist das für ein Stück?«
»Mingus.«
»Was?«
»Charles Mingus, Bassist.«
»Und?«
Ich zucke die Achseln. »Er hat mit Bird zusammengearbeitet, hatte aber seine eigene Band. Ein bedeutender Komponist. Wann er gestorben ist, weiß ich nicht. Vor zehn Jahren, würde ich sagen, oder noch früher. Was soll das alles bedeuten?«
Coop geht nicht auf meine Frage ein und redet einfach weiter. »Am einundzwanzigsten Januar wurde ein Pianist tot in seinem Auto aufgefunden. Nach einem anonymen Anruf beim Polizeinotruf 911 lief das Kassettendeck zu diesem Zeitpunkt noch. Eine Kassette namens Birth of the Cool.«
»Miles Davis, der Trompeter.« Ich denke kurz nach. »Vielleicht hat der Klavierspieler gerne Miles gehört.«
Coop klappt das Notizbuch zu und sieht mich stirnrunzelnd an. »Kann sein, aber ich muss es genau wissen. Auf der Kassettenhülle und dem Band waren keine Fingerabdrücke.« Er lehnt sich zurück in die Sitzbank und fährt sich mit der Hand durchs Gesicht und die kurz geschorenen Haare.
»Was hat das alles mit Ty Rodman zu tun?« Die Kellnerin bringt mein Frühstück, und ich mache mich über Arme Ritter und Speck her.
Coop beobachtet mich, wie ich den Eiermilchtoast mit Sirup tränke. »Wie machst du das bloß? Du nimmst kein einziges Pfund zu.«
»Ich verbrauche die Kalorien beim Klavierspielen. Also was ist jetzt mit Rodman?«
»Das würden wir auch gern wissen.« Er steckt das Notizbuch weg. »Beeil dich, iss auf. Ich kann dir nichts Weiteres sagen, aber ich will, dass du dich noch mal in Rodmans Garderobe umsiehst.«
»Nach was?«
»Das weiß ich erst, wenn dus gefunden hast.«
Auf der Fahrt zum Santa Monica Civic schweigt Coop und konzentriert sich aufs Fahren, mit Ausnahme einer Frage. »Kannst du etwas über diese Daten herausfinden, die ich dir genannt habe?«
»Ja, ich glaube schon. Ich rufe Ace an, aber warum?«
Coop antwortet mir nicht, was heißen soll, dass er es mir sagen wird, wenn er sich selbst im Klaren darüber ist. Er fährt auf den Parkplatz am Bühneneingang, zeigt einem Sicherheitsposten seine Dienstmarke, und wir gehen hinein.
Von der Bühne her sind Gehämmer und laute Stimmen zu hören, wahrscheinlich die Arbeiter, die den Aufbau für die nächste Vorstellung machen. In Rodmans Garderobe sind die Blutflecken auf dem Boden getrocknet, der Spiegel ist abgewischt. Coop macht die Tür hinter sich zu und lehnt sich dagegen. »Guck dich ganz genau um.«
Ich stehe in der Mitte des Raumes. »Wonach suche ich?«
»Ich weiß es nicht. Vielleicht fällt dir etwas auf, das wir übersehen haben.«
Ich bin schon in hunderten von Garderoben gewesen, aber diese ist etwas anderes. Es ist beklemmend zu wissen, dass hier vor weniger als vierundzwanzig Stunden Ty Rodman tot auf dem Boden lag. Eine Viertelstunde lang sehe ich mir jeden Quadratzentimeter des Zimmers an, kann aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Abgesehen von dem Saxofonkoffer, der offen auf dem Schminktisch liegt, ist von Rodmans Sachen alles verschwunden, einschließlich seines zertrümmerten Horns.
Coop beantwortet meinen fragenden Blick. »Ja, richtig, ich soll das mitnehmen. Ich hab die Tröte nicht zurück in den Koffer bekommen.«
Da ist auch nichts. Das Innere des Kunststoffkoffers ist mit einem blauen, samtartigen Material bezogen, in das man das Altsaxofon normalerweise hineinlegen würde. Es scheint, als hätte Rodman es herausgeholt, um darauf zu spielen, aber aus diesem Horn werden nie wieder Töne kommen.
Ich wende mich wieder Coop zu. »Darf ich den Koffer anfassen?«
»Ja, da sind keine Abdrücke drauf.«
Ich lasse das Innenfach aufschnappen. Darin ist ein kleines Päckchen Saxofonblätter Rico Nr. 6. Ich nehme es in die Hand, doch mir fällt etwas anderes ins Auge. Es steckt in einer Ecke. Ich fasse hinein und ziehe es heraus.
»Was hast du da?« Coop kommt näher, um zu sehen, was ich in der Hand halte. Es ist weiß und ungefähr zehn Zentimeter lang. Coop schiebt mich mit dem Ellbogen beiseite und nimmt es vorsichtig an den Rändern hoch. Er hält es ins Licht, und wir sehen es beide einen Moment lang an.
»Eine Vogelfeder«, sage ich.
Coop setzt mich wieder am Café ab, damit ich mein Auto holen kann. Ich steige aus und lehne mich bei ihm zum Fenster hinein. Coop sieht die Feder, die jetzt in einem Plastikbeutel auf dem Armaturenbrett liegt, mit gerunzelter Stirn an.
»Das kann auch einfach Rodmans Talisman oder so was gewesen sein, weißt du.«
Coop sieht mich von der Seite her an. »Sicher. Du redest mit niemandem darüber, verstanden.«
Ich hebe die Hände hoch. »Ganz wie du willst.«
»Ich meine das ernst«, sagt Coop.
»Das merke ich.«
»Gut. Finde so bald wie möglich was über diese Daten heraus.« Dann ist er verschwunden.
Ich fahre zurück zu meiner Wohnung und halte nur kurz an, um mir eine Zeitung zu holen. Ich überfliege den Artikel über den Mord an Rodman und rufe Ace Buffington in Las Vegas an. Ich will diese Sache so schnell wie möglich hinter mich bringen. Ich habe Ace’ Voicemail dran und hinterlasse eine Nachricht.
Während ich auf seinen Rückruf warte, lese ich den Artikel noch einmal gründlich durch. Über eine Feder steht da natürlich nichts, weil ich sie ja gerade erst gefunden habe, aber die Beschädigung von Rodmans Horn oder die Aufschrift auf dem Spiegel werden auch nicht erwähnt. Dafür muss Coop gesorgt haben. Ein Starfoto von Rodman im weißen Anzug ist abgedruckt, wie er sein Instrument in der Hand hält und in die Kamera lächelt. In einem Kasten sind seine Einspielungen aufgelistet. Sechs CDs, alle Gold.
Ace ruft mich eine halbe Stunde später an, vor Wut über den Fachbereich Anglistik an der UNLV spuckend und schäumend. »Eine Sitzung nach der anderen«, sagt er. »Die glauben alle, dass sich seit 1950 in der Literaturwissenschaft nichts mehr getan hätte, und der Vorsitzende verbringt mehr Zeit in der Kneipe als in seinem Büro. Und was kann ich für dich tun? Kommst du nach Las Vegas?«
»Auf keinen Fall. Du und diese Stadt bringen mir nichts als Ärger ein, aber zur Abwechslung kannst du mir mal einen Gefallen tun.«
»Na klar. Ich wette, dass es sich um den Mord an Ty Rodman dreht.«
»Woher weißt du davon?«
»Die Zeitungen sind voll damit. Er sollte nächsten Monat hier ein Konzert geben, nicht, dass ich hingegangen wäre. Smooth Jazz – nennt man das nicht heutzutage so? – ist nicht mein Ding.«
»Meins auch nicht. Hör mal, könntest du bitte in deine Jazznachschlagewerke gucken und herausfinden, ob an den folgenden Tagen etwas Wichtiges passiert ist: fünfter Januar und einundzwanzigster Januar. Ach so, und zwölfter März.«
»Das war gestern.«
»Euch Profs entgeht aber auch nichts, was?«
»Schon gut, du Schlaumeier. Ich kümmere mich gleich darum und ruf dich dann wieder an.«
»Danke, Ace. Kannst mir gern eine Nachricht hinterlassen, wenn ich nicht da bin.«
»Evan, du lässt dich da ja nicht in irgendetwas hineinziehen, oder?«
»Nicht, wenn ich es vermeiden kann.«
Ich möchte bitte mit Paul Westbrook sprechen. Hier ist Evan Horne.« Während ich in die Warteschleife gehängt werde, studiere ich Westbrooks Visitenkarte und hoffe, dass er das mit der Plattenaufnahme ernst gemeint hat. Wir sind hier in L.A., erinnere ich mich. Hier gibt einem ständig jemand seine Karte.
»Evan. Danke, dass Sie sich so schnell bei mir melden«, sagt Westbrook. »Wie lief der zweite Set neulich noch?«
»Hervorragend. Tut mir Leid, dass Sie nicht so lange bleiben konnten.«
»Ja, das tut mir auch Leid. Wann könnten wir uns mal zusammensetzen?«
»Wann es Ihnen passt. Ich bin ziemlich flexibel.« Das ist die Untertreibung des Jahres. Jetzt, wo der Gig in der Jazz Bakery vorbei ist, wird es Zeit, dass ich mich ernsthaft nach etwas Neuem umschaue. Ich kann nicht einfach dasitzen und warten, bis das Telefon klingelt.
»Na schön, wie sieht es dann mit morgen aus? Ich habe noch einen anderen Termin in Santa Monica, das würde mir gut passen.«
»Santa Monica ist hervorragend. Ich wohne in Venice.«
»Sollen wir im Bob Burns sagen, zum Mittagessen? Kennen Sie das, auf der Second und Wilshire?«
»Natürlich. Wie viel Uhr?«
»Wie wäre es mit halb eins?«
»Klingt gut. Wir sehen uns dann morgen.«
Ich lege gerade auf, als ich den Schlüssel in der Tür höre. Natalie hat zwei große Papiertüten mit Einkäufen im Arm und knallt die Tür mit der Hüfte zu. Sie stellt die Tüten auf der Arbeitsplatte ab. Wir haben zwar noch getrennte Wohnungen, aber in letzter Zeit waren wir mehr bei mir als bei ihr, falls sie nicht gerade besonders konzentriert lernen muss.
Sie sieht, wie ich vor Freude mit den Fäusten in die Luft boxe. »Gute Neuigkeiten?«
»Ja. Das war Paul Westbrook von Quarter Tone Records. Der Typ, von dem ich dir erzählt habe, der mich in der Bakery angesprochen hat. Wir treffen uns morgen, um über einen Aufnahmetermin zu reden.«
»Oh, Evan, das ist fantastisch.« Sie zieht mich an sich. »Ich freue mich so sehr für dich.«
»Na ja, Blue Note oder Verve ist es nicht, aber Quarter Tone hat ein schönes Programm, und ich vermute, dass ich einige Freiheiten haben werde und machen kann, was ich will.«
»Das will ich auch hoffen, sonst bekommt Mr. Westbrook es mit mir zu tun.« Sie tritt einen Schritt zurück und stemmt die Hände in die Hüften. »Ich finde, das muss gefeiert werden, oder? Wie wärs mit Spaghetti zum Abendessen? Haben wir irgendwas an Wein da?«
»In dem Fach über dem Kühlschrank.« Aus heiterem Himmel einen Plattenvertrag zu bekommen, ist eine große Chance für mich. Das wird mir helfen, Auftritte zu ergattern und wieder richtig einzusteigen. Coops Timing passt nicht so gut dazu, aber zum Teufel, was solls. Ich brauche nur das, was Ace herausfindet, an ihn weiterzuleiten, und damit hat sich die Sache.
»Und was wollte Coop nun gestern Abend von dir? Ich habe den Artikel über Rodman gesehen. Das muss ja schrecklich gewesen sein.«
»Schön war es nicht.« Als ich mich an die Szene in Rodmans Garderobe erinnere, durchläuft mich ein Schauder. »Der Mörder hatte eine Nachricht auf den Spiegel geschrieben. Bird lives! Coop wollte wissen, was es damit auf sich hatte.«
Natalies Lächeln gefriert zu einem Ausdruck tiefer Besorgnis. Sie sieht mich einen Augenblick an, dann wendet sie sich ab und fängt an, die Schränke zu durchwühlen. Sie holt einen großen Kochtopf heraus, füllt ihn mit Wasser und stellt ihn auf den Herd. Sie verschränkt die Arme vor der Brust und dreht sich wieder mir zu. Ich weiß, was jetzt kommt.
»Evan, du wirst dich aus dieser Sache heraushalten. Bitte sag mir, dass du dich nicht in diese Sache verwickeln lässt. Du spielst wieder Klavier, du wirst ins Studio gehen, du kannst keine Ablenkungen gebrauchen.«
Natürlich hat sie Recht. Einen Lieutenant aus dem Morddezernat zum Freund zu haben, kann manchmal praktisch sein, aber es hat auch seine Schattenseiten. »Keine Angst. Ich gebe nur ein paar Informationen an Coop weiter, die Ace für mich nachguckt. Das ist alles.« Natalie mustert mich einen Moment. »Wirklich, ich will mich ganz sicher nicht in diese Sache hineinziehen lassen.«
Sie wendet sich ab und seufzt. »Aha«, sagt sie, während sie eine Packung Nudeln aufreißt. »Woher kommt mir das nur so bekannt vor?«
Im Restaurant Bob Burns hängt direkt hinter der Tür ein Foto des Pianisten Howlett Smith. Jeden Abend steht darunter. Ich habe Howlett schon seit einiger Zeit nicht mehr gesehen. Ich fasse es als gutes Omen auf – der ideale Ort, um einen Plattenvertrag unter Dach und Fach zu bringen.
Paul Westbrook ist bereits da und telefoniert mit seinem Handy, während ich auf die Sitzbank rutsche. Er schaltet das Telefon ab und steckt es in eine kleine, lederne Aktentasche. »Tut mir Leid, ich hasse diese Dinger«, sagt er. Das immer gleiche Mantra, das man in Los Angeles ständig zu hören kriegt. »Nie hat man eine Minute für sich.«
Im Restaurant wimmelt es von Mittagsgästen aus den umliegenden Bürogebäuden, aber wir können unsere Bestellung trotzdem schnell aufgeben. »Ich weiß nicht, wie gut Sie Quarter Tone kennen«, sagt Westbrook. »Der Vertrieb ist noch nicht so gut, wie ich das gern hätte, aber er wird immer besser. Außerdem versuchen wir, Qualitätsmusik herauszubringen, und deswegen möchte ich auch Sie mit im Programm haben.« Er holt eine Broschüre heraus und schiebt sie über den Tisch. »Das ist unser aktueller Katalog«, sagt er.
Ich lehne mich in der Sitzbank zurück und blättere die Broschüre schnell durch. Westbrook hat eine wirre Frisur voll dunkler, lockiger Haare und eine dicke Brille auf der Nase, die er ständig nach oben schiebt. In seinen Jeans und weißem Langarmshirt sieht er überhaupt nicht nach einem Produzenten von Jazz-CDs aus. Aber wer tut das schon?
»Nun ja, Ihr Angebot ist das Beste, das ich seit langem erhalten habe. Hier sind einige gute Leute dabei«, sage ich und tippe auf den Katalog.
Westbrook nickt und säbelt an einer Hühnerbrust herum. »Weil wir klein sind und ich alle Sessions persönlich betreue, sind wir in dem, was wir machen, ziemlich frei. Ich besitze noch eine Reihe anderer Unternehmen, die recht einträglich sind, weswegen ich mir meine Leidenschaft für den Jazz leisten kann. Ich nehme an, Sie würden mit einem Trio arbeiten wollen, richtig?«
»Das wäre mir am liebsten, vielleicht die Jungs, die in der Bakery mit mir zusammengespielt haben.«
Westbrook nickt wieder. »Es ist Ihr Gig. Sie suchen sich Ihre Leute selbst aus. Könnten Sie in etwa einem Monat so weit sein?«
»Natürlich.« Meine Antwort kommt schneller, als ich gedacht hatte, aber das tut sein Angebot auch. Kann das Leben wirklich so einfach sein?
»Na wunderbar. Dann sind wir uns ja einig.« Westbrook gibt der Kellnerin ein Zeichen, dass er noch Eistee möchte.
»Das wars schon?«
»Das wars.« Westbrook schiebt seinen Teller weg. »Es ist doch so, Evan. Ich lese die Zeitung. Sie haben ziemlich viel Pech gehabt. Ihre Handverletzung muss schlimm gewesen sein und hat Sie vermutlich sehr zurückgeworfen. Ich habe mir Ihr erstes Album angehört, und ich weiß, was ich neulich abends gehört habe. Ich halte Sie für ein großes Talent, und ich möchte Sie mir jetzt greifen und die Sache festmachen, bevor jemand anderes mitbekommt, dass Sie wieder da sind. Und an dem gemessen, was ich in der Bakery gehört habe, besteht für mich gar kein Zweifel daran, dass Sie voll und ganz wieder da sind.«
»Das ist wirklich sehr nett, Mr. Westbrook. Ich …«
»Sagen Sie doch Paul.« Er holt einen Terminkalender und einen Kugelschreiber heraus und durchblättert die Seiten. »So, jetzt lassen Sie uns mal über den Studiotermin nachdenken. Sollen wir heute in vier Wochen sagen? Das lässt Ihnen genug Zeit, sich alles zurechtzulegen und zu proben.« Er sieht auf. »Ich kenne den Typen, der die Buchungen für das Chadney’s im Valley durchführt. Vielleicht könnten wir Sie da für ein Wochenende unterbringen.«
»Einverstanden, gern. Das wäre optimal.«
»Na dann.« Er lächelt und winkt der Kellnerin zu, dass sie die Rechnung bringen soll. »Ich werde einen vorläufigen Vertrag aufsetzen. Sehen Sie ihn sich an. Der Vorschuss wird nicht sehr hoch sein, aber an der Umsatzbeteiligung werden Sie gut verdienen. Ich stecke lieber ein bisschen mehr in die Werbung. Sie stellen eine Liste der Stücke auf und denken über einen Titel für die CD nach. Wahrscheinlich werde ich dann auch noch versuchen, Sie zu ein paar bestimmten Stücken zu überreden, aber da werden wir uns schon einig.« Er streckt mir die Hand über den Tisch hinweg entgegen. »Willkommen bei Quarter Tone Records.« Er erhebt sich. »Ach, eine Sache noch.«
»Ja?«
»Ich habe auch so einiges über Ihre – ich weiß nicht, wie ich es nennen soll – detektivischen Nebentätigkeiten gelesen. Wir wollen uns ja auf die CD konzentrieren, es wäre also …«
»Keine Sorge. Das waren Ereignisse, in die ich unbeabsichtigt verwickelt wurde.«
»Wie dem auch sei. Das ist jedenfalls gut, mehr wollte ich gar nicht hören.«
Westbrook verlässt mich, und ich bleibe noch einige Minuten dort sitzen und versuche das alles zu kapieren, während die Begeisterung in mir brodelt. Ich habe das Gefühl, als hätte ich gerade im Lotto gewonnen.
»Möchten Sie noch etwas Süßes zum Nachtisch, Sir?«, fragt mich die Bedienung.
Ich blicke zu ihr auf. »Wie bitte? Nein danke, das habe ich schon bekommen.«
Ich rufe Coop vom öffentlichen Telefon im Vorraum an. Aus irgendeinem Grund will er nicht, dass ich auf die Wache komme.
»Ich hoffe, du hast etwas für mich«, sagt er. »Wir treffen uns im Palisades Park zwischen Idaho und Montana Avenue in zirka einer halben Stunde.«
»Coop!«
»Nicht am Telefon.«
Er legt auf, bevor ich protestieren kann.
Ich habe noch ein bisschen Zeit totzuschlagen, also laufe ich rüber zu einem Plattenladen in der Third Street Promenade und schaue die Jazzregale schnell nach Quarter Tone Records durch. Zwei Trios finde ich: eins mit einem jungen, aber schon sehr renommierten Musiker, über den ich in der Jazz Times einen Artikel gelesen habe und der jetzt bei Blue Note untergekommen ist, und das andere mit einem Veteranen, der seit Ewigkeiten nichts mehr aufgenommen hat. Ich passe irgendwo in die Mitte zwischen beide und es freut mich, in so guter Gesellschaft zu sein.
Der Palisades Park erstreckt sich ab dem Santa Monica Pier zwischen Ocean Avenue und Highway°1 Richtung Norden, bis kurz hinter den San Vicente Boulevard, dann zieht er sich bis hinunter in den Santa Monica Canyon. Ein schmales Handtuch mit einem Grasstreifen, asphaltierten Wegen und Bänken – eine Zeit lang war der Park nur noch ein Lager für Obdachlose, bis sie von der Polizei verscheucht wurden.
Bei dem strahlend schönen Wetter heute sind Spaziergänger, Jogger und Frauen mit Kinderwagen unterwegs. Die Steilhänge sind im Laufe der Jahre etwas erodiert, aber der Park ist trotzdem immer noch einer der schönsten Orte in der Stadt.
Coop wartet bereits auf mich und läuft ruhelos hin und her, ohne die Santa Monica Bay eines Blickes zu würdigen. Der gedämpfte Verkehrslärm des Küstenhighways unter uns vermischt sich mit dem entfernten Rauschen der Brandung.
»Stell dir vor, ich stehe kurz davor, einen Schallplattenvertrag zu unterschreiben«, sage ich.
»Das ist schön, sehr schön«, sagt Coop. »Was hast du für mich?«
Ich werfe Coop einen Blick zu und ziehe das Blatt Papier heraus, auf das ich das Ergebnis von Ace’ Nachforschungen geschrieben habe. »Okay. Fünfter Januar: Bassist Charlie Mingus stirbt im Jahr 1979. Einundzwanzigster Januar: Miles Davis nimmt Birth of the Cool auf.«
Coop zückt sein Notizbuch. »Und Mingus hat ›Better Git It in Your Soul‹ geschrieben?«
»Richtig.«
»Lass mich raten. ›Boplicity‹ war ein Lied von dem Album Birth of the Cool.«
»Wieder richtig. Das war der Song, der gelaufen ist?«
Coop gibt keine Antwort. Er schlägt nur mit der flachen Hand auf das Notizbuch. »Das hatte ich befürchtet.«
»Was hast du befürchtet?« So habe ich Coop noch nie erlebt. Er sieht immer noch aus, als hätte er sich von der langen Nacht am Rodman-Mordschauplatz nicht erholt. Er lehnt sich gegen das Geländer und starrt hinunter auf den Coast Highway. »Sie hängen zusammen«, sagt er eher zu sich selbst. Er schweigt eine Weile und wendet sich dann mir zu. »Darf ich dir eine Frage stellen? Was fällt dir dazu ein? Die anderen beiden Morde in New York, von denen ich dir erzählt habe, und dieser hier geschahen alle am Jahrestag eines wichtigen Jazzereignisses. Ich gehe davon aus, dass Mingus und Miles Davis wichtig waren. Zum Teufel, sogar ich habe schon mal von Miles Davis gehört.«
Ich bin Coop bereits einen Schritt voraus. Nachdem Ace mich zurückgerufen hatte, brauchte ich bloß eins und eins zusammenzuzählen, die Daten und die Musik, die an den Mordschauplätzen lief. Die Annahme, dass mehr als eine Person diese Morde verübt hatte oder dass der Täter nicht etwas damit aussagen wollte, war zu unwahrscheinlich.
»Ich würde sagen, dass derjenige, der diese Morde verübt hat, eine Menge über Jazz weiß und durch seine Wahl der Daten eine Aussage zu machen versucht. Vielleicht hast du Recht. Vielleicht ist es wirklich ein verrückter Jazzfan.«
Coop nickt, als hätte er bereits gewusst, was ich sagen wollte. »Wärst du bereit, das den Behörden zu erzählen?«
Ich starre ihn an. »Den Behörden? Du bist die Behörde. Ich habs dir doch gerade gesagt.«
»Nicht mir«, erwidert Coop. »Dem FBI.«
»Dem FBI?« Ich entferne mich ein paar Schritte von Coop, dann drehe ich mich wieder um. »Hör zu, Mann. Ich habe Nachforschungen über diese Daten für dich angestellt, aber damit hat es sich. Mit dieser Sache will ich nichts zu tun haben. Ich spiele wieder, ich habe einen Plattenvertrag in Arbeit. Nein, Coop, das kann ich nicht tun. Das will ich nicht tun.«
