Auf dich wartet ein neues Leben - Susanne Svanberg - E-Book

Auf dich wartet ein neues Leben E-Book

Susanne Svanberg

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Beschreibung

Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Mit einem dumpfen Schlag fiel ein Glas um. Roter Fruchtsaft lief über die pastellfarbene Damastdecke und versickerte im Gewebe. »Frank«, zischte Benita Sandner tadelnd, »kannst du denn nicht aufpassen? Mit neun Jahren müßte man sich bei Tisch doch schon besser benehmen können. Ich bin von dir enttäuscht.« Benita sah über den Rand ihrer Brille hinweg vorwurfsvoll auf den Jungen. Ihr schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen und der spitzen Nase wirkte streng, fast feindselig. Das schulterlange pechschwarze Haar und die zornig funkelnden dunklen Augen verstärkten diesen Eindruck noch. Das Kind sackte schuldbewußt in sich zusammen und preßte die Arme fester an den Körper. »Entschuldige«, murmelte es bekümmert. Es war keine böse Absicht, doch immer wieder passierte Frank ein derartiges Mißgeschick. Er war selbst unglücklich dar-über, denn er wollte seine Mutter nicht verärgern. Mir ihr hatte er allerdings wirklich keinerlei Ähnlichkeit. Frank hatte einen dichten rotblonden Schopf, eine kesse Stupsnase mit lustigen Sommersprossen und einen hübschen kleinen Mund, dessen Lachen alle Herzen im Sturm eroberte. »Geh' nach draußen und bitte Otti um einige Servietten«, ordnete Benita an. Joachim Sandner beobachtete den Vorgang mit der Gelassenheit des Gentlemans, den er zu verkörpern versuchte. Er war sehr gepflegt, trug elegante Maßanzüge und umgab sich stets mit einem dezenten Duft.

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Seitenzahl: 162

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Sophienlust – 369 –Auf dich wartet ein neues Leben

Wohin dein Schicksal dich wohl trägt …

Susanne Svanberg

Mit einem dumpfen Schlag fiel ein Glas um. Roter Fruchtsaft lief über die pastellfarbene Damastdecke und versickerte im Gewebe.

»Frank«, zischte Benita Sandner tadelnd, »kannst du denn nicht aufpassen? Mit neun Jahren müßte man sich bei Tisch doch schon besser benehmen können. Ich bin von dir enttäuscht.« Benita sah über den Rand ihrer Brille hinweg vorwurfsvoll auf den Jungen. Ihr schmales Gesicht mit den hohen Wangenknochen und der spitzen Nase wirkte streng, fast feindselig. Das schulterlange pechschwarze Haar und die zornig funkelnden dunklen Augen verstärkten diesen Eindruck noch.

Das Kind sackte schuldbewußt in sich zusammen und preßte die Arme fester an den Körper. »Entschuldige«, murmelte es bekümmert. Es war keine böse Absicht, doch immer wieder passierte Frank ein derartiges Mißgeschick. Er war selbst unglücklich dar-über, denn er wollte seine Mutter nicht verärgern.

Mir ihr hatte er allerdings wirklich keinerlei Ähnlichkeit. Frank hatte einen dichten rotblonden Schopf, eine kesse Stupsnase mit lustigen Sommersprossen und einen hübschen kleinen Mund, dessen Lachen alle Herzen im Sturm eroberte.

»Geh’ nach draußen und bitte Otti um einige Servietten«, ordnete Benita an.

Joachim Sandner beobachtete den Vorgang mit der Gelassenheit des Gentlemans, den er zu verkörpern versuchte. Er war sehr gepflegt, trug elegante Maßanzüge und umgab sich stets mit einem dezenten Duft.

Frank rutschte vom Stuhl und lief mit gesenktem Kopf hinaus. Zu dem Hausmädchen Otti hatte er ein gutes Verhältnis, denn sie war jung und hatte viel Verständnis für Kinder. Heimlich bedauerte sie den Jungen, der in diesem reichen Haus wie in einem goldenen Käfig lebte. Frank durfte nie wild und übermütig sein, sondern mußte sich gesittet wie ein Erwachsener benehmen. Er durfte auch nicht Jeans und T-Shirts tragen, sondern mußte maßgeschneiderte Hosen und Seidenhemden anziehen, die dem kleinen Lausbuben überhaupt nicht standen.

Hilfsbereit wie immer kam Otti ins Eßzimmer und beseitigte rasch die Spuren des kleinen Malheurs. Sie brachte auch ein frisches Glas und füllte es mit Fruchtsaft.

»Gehen Sie schon.« Frau Sandner machte eine ungeduldige Handbewegung. Sie sprach nie mehr als unbedingt nötig mit dem Personal. Vor allen Dingen duldete sie nicht, daß eines der Mädchen im Zimmer war, wenn sie mit ihrer Familie etwas zu besprechen hatte.

»Du wirst morgen für einige Wochen nach Sophienlust gehen«, wandte sich Benita an das Kind, sobald Otti aus dem Zimmer gehuscht war. »Wir verreisen und können dich nicht mitnehmen. Außerdem mußt du ja zur Schule.« Die Mitteilung klang unfreundlich.

Trotzdem leuchteten Franks große braune Kinderaugen glücklich auf.

»Nach Sophienlust? Morgen schon? Klasse, Mutti!« Vor lauter Begeisterung hätte der Junge beinahe das Glas erneut umgeworfen. Er erwischte es gerade noch und hielt es fest.

»Ich wußte überhaupt nicht, daß wir wegfahren.« Joachim Sandner tupfte sich sorgfältig die Lippen ab.

»Dann weißt du es jetzt«, erwiderte Benita ärgerlich. »Frank, iß deinen Teller leer und gehe auf dein Zimmer«, bestimmte die Frau energisch. »Richte deine Schulbücher zusammen und was du sonst noch mitnehmen möchtest.«

»Ich brauche sonst nichts. In Sophienlustg haben sie Spielsachen genug.« Frank, der schon oft in dem privaten Kinderheim gewesen war, freute sich. Es war nicht nur die Abwechslung, die ihm imponierte, sondern vor allen Dingen die Herzlichkeit, mit der auch fremde Kinder in Sophienlust aufgenommen wurden. Dort gab es keine mürrischen Erzieherinnen, keine strengen Befehle, keine versnobten Gepflogenheiten. In Sophienlust herrschten Natürlichkeit, Ungezwungenheit und vor allen Dingen Fröhlichkeit. Dort durften die Kinder auf dem Rasen spielen, kurze Hosen tragen und an heißen Tagen sogar barfuß laufen. Sie durften lärmen und schreien und sich auch bei Tisch unterhalten. Alles Dinge, die in Franks Elternhaus undenkbar waren. In Sophienlust hatte Frank Freunde, die in seinem Alter waren, Freunde, auf die er sich verlassen konnte.

»Daß ich nach Sophienlust darf, finde ich irre gut«, erklärte der Neunjährige mit einem Seufzer der Erleichterung.

Die Bemerkung brachte ihm einen strafenden Blick seiner Mutter ein.

»Frank, du weißt, daß ich diese burschikose Ausdrucksweise nicht schätze. Wie mußt das richtig heißen?«

»... finde ich sehr gut«, verbesserte sich der Junge mit scheuem Blick. Er hatte weder zu Benita, noch zu Joachim Sandner ein inniges Verhältnis und sehnte sich oft nach der Herzlichkeit, wie sie in Sophienlust selbstverständlich war. Der Mann, den er für seinen Vater hielt, blieb immer kühl und distanziert und hatte eigentlich nur ironische Bemerkungen für den Jungen übrig. Frank war noch zu jung, um diese Art von Humor zu verstehen und fürchtete sich deshalb ein wenig vor seinem Vater. Die Frau, von der er glaubte, daß sie seine Mutter war, kannte er nur nörgelnd und unzufrieden. So sehr sich Frank auch bemühte, er konnte ihr nichts recht machen. Unter dieser Umständen war es eigentlich nicht verwunderlich, daß sich der Junge zu einem gehemmten, scheuen Kind entwickelte. Nur wenn er in Sophienlust war, legte er die Unsicherheit ab und wurde munter und etwas aufgeschlossen.

Hastig und ohne zu kauen schluckte Frank die letzten Bissen hinunter. Es interessierte ihn nicht, daß es erlesene Delikatessen waren, die er so achtlos verschlank. Ihm schmeckte das einfache, kindergerechte Essen, das es in Sophienlust gab, viel besser als die teuren Menüs im Hause des reichen Fabrikanten Sandner.

»Darf ich jetzt gehen?« Frank saß kerzengerade, wie es Benita von ihm verlangte.

Prüfend sah sie auf sein Gedeck. »Den Saft hast du noch nicht getrunken«, beanstandete sie.

Frank holte es nach und fragte dann noch einmal. Jetzt wurde er gnädig entlassen. In seiner Vorfreude vergaß er, daß er nicht rennen, sondern nur gesittet gehen durfte. Er wurde zurückgerufen und mußte den Weg zur Tür noch einmal machen.

»Übertreibst du nicht ein wenig?« fragte Joachim Sandner, als ihn das Kind nicht mehr hören konnte. Normalerweise kümmerte er sich nicht um Frank. Denn als Inhaber einer bekannten Kosmetikfabrik hatte er eine Menge geschäftliche Verpflichtungen. Außerdem hatte er private Interessen, von denen Benita nichts wissen durfte. Sie konzentrierten sich auf hübsche junge Sekretärinnen, schöne Werbedamen oder rassige Mannequins. Seine Ehe mit der um fünf Jahre älteren Benita hielt er ohnehin nur noch aus gesellschaftlicher Rücksicht aufrecht.

»Der Junge kann überhaupt nicht streng genug erzogen werden, sonst entwickelt er den verkommenen Charakter seiner Mutter«, entgegnete Benita in einem Ton, der jeden Zweifel ausschloß.

Da die Frau keine Kinder bekommen konnte, hatten sie unmittelbar nach ihrer Hochzeit Frank zu sich genommen. Damals war er nur wenige Stunden alt gewesen.

Frank sollte nie erfahren, daß er der Sohn von Jachims älterem Bruder und der Studentin Ellen Kortüm war. Einen Monat vor Franks Geburt wurde Rüdiger Sandner in seinem Ferienhaus erschossen. Als Täterin hatte man damals seine Freundin Ellen verurteilt, obwohl sie leidenschaftlich ihre Unschuld beteuerte. Damals war Benita noch Rüdigers Frau. Sie heiratete schon drei Wochen nach dem Unglück den damals siebenundzwanzigjährigen Joachim. Neun Jahre war das nun her. Neun Jahre, in denen sich Benita zu einer
herrschsüchtigen, oft boshaften Frau entwickelt hatte.

Joachim ertrug es mit Gelassenheit und revanchierte sich damit, daß er nur zu den Mahlzeiten zu Hause war.

»Ich habe dir doch erzählt, daß Steinbach, Ellens Anwalt, die Wiederaufnahme des Verfahrens erreicht hat.«

Joachim widmete seine Aufmerksamkeit dem ausgezeichneten Wein. »Ja, ich erinnere mich. Hat er denn neue Aspekte gefunden? Wenn ich richtig informiert bin, wollte er doch damals sofort erreichen, daß das Verfahren nochmals aufgenommen wird. Allerdings scheiterten seine Versuche. Ich begreife nicht, wie nach all diesen Jahren...«

»Es ist nur so zu verstehen, daß Ellen dem Rechtsanwalt Steinbach den Kopf verdreht hat. Sie ist ein Teufelsweib, das weiß doch jeder. Sie hat Rüdiger verführt und ihn mit dem Kind, das sie erwartete, erpreßt. Als er trotzdem nicht bereit war, sie zu heiraten, hat sie deinen Bruder hinterhältig und herzlos erschossen.

»Das ist ja hinlänglich bekannt«, antwortete Joachim ungeduldig. Er erinnerte sich nur sehr ungern an den Skandal, der damals Schlagzeilen machte. Nachträglich allerdings hatte er sich als ausgezeichnete Werbung für die Sandner-Werke entpuppt, deren Produkte reißenden Absatz fanden. »Steinbach muß doch etwas Neues herausgefunden haben, sonst hätte man den Prozeß nicht wiederaufgenommen.«

»Kleinigkeiten, nichts als Kleinigkeiten«, tat Benita die Frage ab.

»Immerhin haben sie ausgereicht, um Ellen mangels Beweises freizusprechen. Sie wird Haftentschädigung bekommen.«

»Du weißt es also schon.«

»Es steht ja in allen Zeitungen. Nur die Details verheimlicht man. Vermutlich gehört das zu Steinbachs Strategie.«

»Es kommt doch überhaupt niemand anders als Täter in Frage, selbst wenn man diese Person jetzt freisprechen muß. Rüdiger hatte keine Feinde. Für uns ist im Moment primär, daß Ellen hier auftauchen wird. Du weißt ja, daß sie sich strikt weigert, Frank zur Adoption freizugeben. Sie glaubt, daß sie Rechte an dem Jungen hat.

»Immerhin ist sie die Mutter«, erinnerte Joachim distanziert.

»Eine Mörderin ist sie, und ich denke nicht daran, ihr Frank zu überlassen. Wir haben ihn aufgezogen, er trägt unseren Namen, gilt als unser Sohn.«

»Er trägt den Namen seines Vaters«, stellte der Geschäftsmann richtig.

»Da ist ja nun wirklich kein Unterschied. Frank ist der künftige Erbe der Sandner-Werke.« Benita sah ihren Mann streitsüchtig an.

»Das ist er durch seinen Vater ohnehin«, blieb Joachim sachlich. »Immerhin gehörten die Sandner-Werke meinem Bruder. Er hat sie gegründet, ich führe sie nur weiter. Frank als sein Sohn ist erbberechtigt.«

»Du vergißt, daß ich Rüdigers Frau war.« Benita reckte den Kopf.

»Wie könnte ich. Die Hälfte des Werks gehört dir, die andere Frank. Allerdings stehen auch mir Anteile aus dem Gewinn der vergangenen neun Jahre zu.«

»Ellen Kortüm könnte für ihren Sohn die Hälfte des Werks verlangen. Damit wären wir ruiniert, und schon deshalb bleibt Frank unser Sohn, basta.«

»Ohne Adoptionsvertrag haben wir keinerlei Rechte«, meinte der Mann realistisch.

»Wer weiß denn davon? Frank darf dieser Mörderin nie begegnen. Deshalb bringe ich ihn morgen nach Sophienlust. Dort ist er vor ihr sicher, denn wir werden ihr den Aufenthaltsort verschweigen.«

»Und du glaubst, daß dies so einfach sein wird?« Joachim Sandner schüttelte skeptisch den Kopf.

»Wer neun Jahre lang im Zuchthaus saß, hat nicht mehr die Energie, um etwas zum kämpfen, das ihn nur belastet. Außerdem ist Ellen längst nicht rehabilitiert. Sie ist und bleibt eine Mörderin, und niemand wird ihr ein Kind anvertrauen.«

»Glaubst du?« Joachim verzog spöttisch das Gesicht. Mit heimlicher Genugtuung stellte er fest, daß Benita immer häßlicher wurde. Sie war einundvierzig, sah aber wesentlich älter aus. Zwei tiefe Falten zogen sich um ihre Mundwinkel bis zum Kinn. Joachim hatte diese Frau nie geliebt. Er hatte sie geheiratet, weil er durch diese Verbindung ein reicher Mann wurde. Doch längst war ihm Benita lästig.

*

»Frank, gut, daß du kommst. Wir brauchen dich im Tor.« Fabian Schöller, der nur wenig älter als Frank war, umringte mit einigen anderen Kindern Benitas Auto. Bei einem Zugunglück hatte er seine Eltern verloren und lebte seither in Sophienlust. Obwohl er ein sensibler Junge war, vermißte er nichts. Er hatte in dem privaten Kinderheim ein neues Zuhause gefunden.

»Wir machen ein Match gegen die Jungs von Wildmoos«, erklärte Henrik, Denise von Schoeneckers jünster Sohn. Denise, die das Kinderheim verwaltete, kam täglich von dem nahe gelegenen Gut Schoeneich herüber. Da war es selbstverständlich, daß sich auch ihre beiden Söhne, Nick und Henrik, meistens hier aufhielten.

»Die Siegermannschaft bekommt vom Verlierer so viel Eis spendiert, wie sie nur essen kann. Ist das nicht Spitze?« schrie Paul, ein Junge, der vor-übergehend in Sophienlust war.

Frank beeilte sich, aus dem Auto zu klettern. »Stark, echt stark«, murmelte er und meinte damit nicht nur das Fußballspiel, sondern auch das herrliche Gefühl, wieder in Sophienlust, wieder bei den Freunden zu sein.

»Frank, ich habe dir schon so oft gesagt, daß ich diese Ausdrücke nicht mag«, schimpfte Benita, der nichts entging. Ihr mißfiel der herzliche Empfang. Vor allen Dingen aber mißfielen ihr die salopp gekleideten Kinder, die schon nicht mehr ganz sauber und deren Haare zerzaust waren.

Schon mehrmals hatte sich Benita Sandner nach einem anderen Kinderheim umgesehen. Doch es war nichts zu finden, das ihren Ansprüchen entsprach.

In Sophienlust konnte sie wenigstens das schloßartige Gebäude, den weitläufigen, sehr gepflegten Park, die großzügige Ausstattung und die Verwaltung akzeptieren. In all diesen Dingen unterschied sich Sophienlust grundlegend von anderen Heimen. Daß sich hier die Kinder ausgesprochen wohl fühlten, stand für Benita erst an zweiter Stelle. Sie hätte sich gewünscht, daß Frank etwas strenger gehalten wurde. Doch sie würde diesen Erziehungsfehler zu Hause wieder ausgleichen.

»Du machst doch mit?« Die Kinder umringten Frank, und er schien seine Mutter völlig vergessen zu haben.

Energisch zog sie ihn aus dem Kreis. »Frank, du kommst mit mir.« Ohne die Kinder weiter zu beachten, stieg Benita die Freitreppe hoch. Frank zog sie hinter sich her.

Frau Rennert, die Heimleiterin, die sie freundlich in der Halle begrüßte, wurde von Benita hochmütig gemustert. »Würden Sie bitte Franks Gepäck ausladen lassen. Der Schlüssel für den Kofferraum steckt. Wo ist Frau von Schoenecker? Wir werden erwartet.«

»Würden Sie bitte dem Mädchen ins Biedermeierzimmer folgen«, antwortete Frau Rennert freundlich und winkte eine junge Helferin heran. Else Rennert war eine gutmütige und beherrschte Frau. Die Kinder liebten sie und nannten sie zärtlich »Tante Ma«.

Wieder zerrte Frau Sandner den Jungen hinter sich her. Für sie war in diesem Haus nur Frau von Schoenecker respektabel. Nur mit ihr wollte sie Fragen, die ihr am Herzen lagen, erörtern.

Doch zunächst war sie verblüfft, denn Frank fiel der jugendlichen Frau um den Has und küßte sie auf beide Wangen. Umgekehrt schloß die aparte Verwalterin den kleinen Jungen innig in die Arme.

»Wir freuen uns alle, daß du wieder einmal einige Wochen bei uns bleibst, Frank«, meinte sie offen und ehrlich. Gerade ein Kind spürte sehr gut, daß dies keine Phrase war.

Benita unterbrach die herzliche Begrüßung schroff. »Ich wollte Sie noch sprechen, Frau von Schoenecker. Vor allen Dingen muß ich Sie bitten, darauf zu achten, daß Frank genügend lernt. Er hat außer den Hausaufgaben täglich ein gewisses Übungsprogramm zu absolvieren, das von seinem Hauslehrer zusammengestellt wurde. Die Unterlagen sind in dieser Mappe.«

Denise bat ihre Gäste Platz zu nehmen. »Hat Frank Schulschwierigkeiten?« erkundigte sie sich erstaunt. Sie hatte bisher stets den Eindruck gehabt, daß Frank ein völlig normal entwickeltes, intelligentes Kind sei.

»Noch nicht. Aber soweit wollen wir es auch nicht kommen lassen. Schließlich soll Frank im nächsten Jahr das Gymnasium besuchen. Mein Mann und ich wünschen, daß unser Sohn seinen Klassenkameraden überlegen ist. Aber wir wünschen nicht, daß er sich an so albernen Spielen wie Fußball oder Handball beteiligt. Das bringt ihn nicht weiter, sondern vergeudet nur kostbare Zeit.« Benita Sandner war sehr elegant gekleidet und trug teueren, sehr auffälligen Schmuck. Doch ihr harter,
herrschsüchtiger Gesichtsausdruck machte sie trotzdem zu einer unangenehmen Erscheinung.

»Ein Kind von neun Jahren braucht auch Freizeit«, antwortete Denise leise. Es war ihr peinlich, daß Frank diese Unterhaltung mithören mußte. Doch aus Erfahrung wußte sie, daß Benita Sandner darauf bestand, daß das Kind im Zimmer blieb. »Außerdem kann sich Frank in einer Gemeinschaft nicht absondern, sonst wird er zum Außenseiter.«

»Ich wundere mich, Frau von Schoenecker, daß Sie Ihren Söhnen erlauben, sich mit so törichten Spielen zu beschäftigen.« Mißbilligend schüttelte die Besucherin den Kopf mit dem sorgfältig frisierten schwarzen Haar.

»Sport, maßvoll betrieben, halte ich für ein gutes Mittel, die kindliche Entwicklung zu fördern. Die Jungen und Mädchen haben dabei die Möglichkeit, sich an der frischen Luft zu bewegen, ihre körperlichen Fähigkeiten zu erproben und Kameradschaften zu üben. Es erscheint mir als guter Ausgleich zum Schulunterricht.«

»Dann sind wir unterschiedlicher Meinung, Frau von Schoenecker. Frank soll sich mehr seinen Studien widmen. Ich erwarte, daß Sie ihn dazu anhalten.«

»Selbstverständlich. Aber um seine Gesundheit nicht zu gefährden, braucht er auch Freizeit. Ich denke, wir werden das richtige Verhältnis finden.« Denise lächelte versöhnlich.

»Das hoffe ich, Frau von Schoen­ecker«, entgegnete Benita kühl.

*

Bernhard Steinbach ging ungeduldig im Besuchsraum des Gefängnisses auf und ab. Durch die vergitterten Fenster schien die Sonne und warf groteske Schatten auf den Steinfußboden. Der Rechtsanwalt, der vor fünf Jahren die Praxis seines Vaters übernommen hatte, war schon oft hier gewesen. Doch noch nie mit so großen Erwartungen. Immer wieder sah er zur Tür, durch die Ellen kommen mußte. Diesmal nicht in der tristen Anstaltskleidung, sondern in den modischen Sachen, die er selbst für sie gekauft hatte.

Ein bißchen unbeholfen war Bernhard dabei gewesen, denn er hatte noch nie Damenwäsche, Strümpfe und Damenoberbekleidung erstanden. Es war ihm peinlich gewesen. Doch für Ellen brachte er gerne jedes Opfer, denn er liebte sie. Bei jedem Gespräch erkannte er mehr, welch wundervoller Mensch sie war.

Als Verteidiger war es seine Pflicht, an die Unschuld seiner Mandantin zu glauben. Bei Ellen Kortüm fiel es ihm nicht schwer. Denn ihre Trauer um den geliebten Mann, den sie verloren hatte, war tief und echt. Nur der Gedanke an das Baby, das sie erwartete, hat sie am Leben gehalten. Ellen hatte in jener Zeit viel gelitten, viel geweint. Zwanzig Jahre war sie damals alt gewesen, ein junges Mädchen, das sich von allen verlassen fühlte, verstrickt in das Netz gemeiner Lügen und Intrigen. Mager und krank war sie geworden und trotzdem hatte sie ihre Schönheit behalten.

Für Bernhard Steinbach war es eine bittere Erfahrung gewesen, daß er seiner Klientin nicht hatte helfen können, obwohl er davon überzeugt war, daß die Vorwürfe gegen sie ungerechtfertigt waren. Er hatte gekämpft, als ginge es um sein eigenes Leben. Doch er hatte verloren.

In den folgenden neun Jahren hatte er eine Eingabe nach der anderen gemacht, ein Bittgesuch nach dem anderen geschrieben, doch alle wurden ablehnt. Denn es gab im Fall Ellen Kortüm keine neuen Erkenntnisse. Wegen guter Führung bekam sie zwar Hafterleichterungen, aber sie kam nicht frei.

Bernhard wußte nicht mehr, wann er sich in Ellen verliebt hatte. War es, als seine Ehe in die Brüche ging und schließlich geschieden wurde, oder war es, als er entdeckte, daß ihn seine Frau betrog. Langsam aber stetig war seine Zuneigung zu der blonden jungen Frau gewachsen. Es hatte lange gedauert, ehe er es wagte, Ellen gegenüber seine Gefühle zu erwähnen.

Sie war überrascht, erstaunt und zunächst ablehnend. Immer wieder erklärte sie ihm, daß ein Rechtsanwalt keine Strafgefangene lieben könne, daß diese Zuneigung keine Zukunft habe.

Doch Bernhards Gefühle blieben beständig. Behutsam warb er um Ellens Liebe. Er besuchte sie so oft wie es nur möglich war, brachte ihr kleine Geschenke mit und erreichte manche Vergünstigung für sie.

Erst als in der Nähe des Ferienhauses neu gebaut wurde und man beim Ausheben der Baugrube die Tatwaffe gefunden hatte, wurde das Verfahren neu aufgenommen. Nach der Pistole, aus der damals drei Schüsse abgegeben wurden, hatte man vor neun Jahren vergeblich gesucht. Man hatte angenommen, daß sie im See lag, der an das Grundstück grenzte. Tagelang hatten Taucher mit langen Rechen den Grund durchwühlt. Ohne Ergebnis. Daß die Waffe in eine überwucherte Erdspalte geworfen worden war, hatte niemand geahnt.

Jetzt endlich konnte Bernhard Steinbach wirklich etwas für Ellen tun. Das Alter der Waffe und ein kleines Monogramm mit den Anfangsbuchstaben »C / H« bewiesen, daß Ellen die Pistole nicht gekauft haben konnte. Sie stammte auch nachweislich von keinem Mitglied ihrer Familie. Geklärt war damit der Fall allerdings nicht. Denn nun tauchte die Frage nach dem wirklichen Täter auf. Der Rechtsanwalt forschte, fand aber nichts heraus. Die polizeilichen Ermittlungen waren abgeschlossen, die Zeugen von damals zum Teil nicht mehr erreichbar. Es war eine verflixte Geschichte.

Bernhard blieb stehen und sah auf die Uhr. Er war etwas zu früh dran. Noch zehn Minuten bis zur vereinbarten Zeit. Der Mann faßte den Blumenstrauß, den er gekauft hatte, fester. Er wollte Ellen den Start ins neue Leben erleichtern, denn es würde nicht einfach für sie sein, nach dieser langen Zeit der Abgeschiedenheit sich wieder in die Gemeinschaft einzufügen.