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Hellwege, ein idyllisches Dorf in Norddeutschland an der Wümme. Hier genießt Kriminalkommissar Holten nach einem Sechser im Lotto ein frühes Rentnerdasein und widmet sich seinem größten Hobby: dem Fliegen. Doch die Ruhe wird bald gestört. Ein Architekt wird mehrmals von einem PKW überfahren. Ein Pilot gerät in Verdacht. Und dann wird auch noch der Platzwart des benachbarten Flugplatzes erschossen. Ein Fall für Holtens Spürnase. Seine Ermittlungen bringen ihn bald von der beschaulichen Dorfidylle ins internationale Fliegermilieu. Turbulenzen sind vorprogrammiert.
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Seitenzahl: 300
Veröffentlichungsjahr: 2013
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»Wenn wichtige Dinge in aller Heimlichkeit getan werden, handelt es sich erfahrungsgemäß um Weihnachtsgeschenke oder um Verbrechen.«
Maximilian Holten
Wilhelm Wünsche
Auf und ab –
Mord in Hellwege
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Titelgestaltung:
Natalie Eichhorst-Ens
© Edition Temmen 2013
Hohenlohestraße 21
28209 Bremen
Tel. 0421-34843-0
Fax 0421-348094
www.edition-temmen.de
Alle Rechte vorbehalten
Gesamtherstellung: Edition Temmen
E-Book ISBN 978-3-8378-8007-6
ISBN der Printausgabe 978-3-8378-7005-3
VORBEREITUNG
Seine Geduld war am Ende.
Langsam und umständlich faltete er die Zeitung, die er eigentlich hatte lesen wollen, zu einem flachen Schlaginstrument zusammen.›Friedensgespräche‹war auf der ersten Seite noch zu lesen, aber danach war ihm jetzt nicht zumute. Gewöhnlich brachte ihn nichts so schnell aus der Ruhe, doch dieses penetrante Insekt, das er als›Große Stubenfliege‹– Susanne hätte es wohl einfach›Brummer‹genannt – identifiziert hatte, wollte ihn diesen sonnigen Spätsommernachmittag anscheinend nicht genießen lassen.
Er trug seine Sommeruniform: Einfarbiges, graues T- Shirt, kurz über dem Knie abgeschnittene alte Jeans, weiße Baumwollsocken und Turnschuhe, und dieses sechsbeinige Krabbeltier hatte schon allen unbedeckten Stellen seines Körpers unangenehm kitzelnd einen Besuch abgestattet. Wie ein Imker hatte er versucht, sich mit dem Rauch seiner Zigarette, den er auf das Biest blies, gegen es zu verteidigen. Aber auch das hatte nicht geholfen und es nicht vertreiben können. Er musste härtere Maßnahmen ergreifen.
Maximilian Holten saß in einem bequemen Liegestuhl auf der Terrasse des Einfamilienhauses in Hellwege, das er, seine Frau Susanne und die Kinder seit vielen Jahren ihr Heim nannten, unter dem ausgebleichten weiß-roten Sonnenschirm. Er liebte diese warmen, windstillen Tage, wenn er draußen an der frischen Luft, von grünen Pflanzen und bunten Blüten umgeben, auf einem gemütlichen Platz in aller Ruhe die Zeitung studieren konnte.
Bis auf das regelmäßige Geschrei der letzten Starenbrut, das unter dem Dach des Erkers bei jedem Auftauchen eines Elternvogels begann, das gelegentliche Brummen eines auf der Straße vorbeifahrenden Autos und das Surren und Rauschen der Rasensprenger in der Nachbarschaft war alles ruhig. Diese methodische sommerliche Grundwasserabsenkung gefiel ihm ganz und gar nicht, und deswegen hatte er eine eigene Art der extensiven Rasenpflege entwickelt, die ihm Arbeit ersparte und außerdem effektiv war: Er mähte und sprengte seinen Rasen während der heißen Zeit im Sommer nicht, und zum Erstaunen seiner Nachbarn behielten die Pflanzen und Grasflächen ihre grüne Farbe bis zum Herbst.
Seine Frau hielt den pädagogischen Mittagsschlaf, und ihr jüngster Sohn, Robert, inzwischen bereits vierzehn Jahre alt, beschäftigte sich in seinem Zimmer anstelle der Erledigung seiner Hausaufgaben mit dem Computer.
Sein Blick ging über den mit Löwenzahn übersäten Rasen, der sich nicht sehr weit bis zu den ihr Grundstück abgrenzenden Sträuchern erstreckte. Überall summte und brummte es, alle Falter, Schmetterlinge, Schwebfliegen und Bienen kümmerten sich nur um die bunten Blumen, doch dieses eine Untier interessierte sich ausschließlich für ihn. Holten hatte im Biologieunterricht gut aufgepasst und wusste natürlich, dass auch jedes Ungeziefer im Gefüge der Natur eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hatte, aber manchmal tat es ihm leid, dass Er es am fünften Tag nicht einfach vergessen hatte.
Holten hatte den Tod der Fliege beschlossen.
Warum auch konnte sie ihn nicht in Ruhe lassen? Er hatte geduscht, transpirierte nicht und hatte auch keinen besonders exotischen Duft aufgelegt.
Dabei war seine Einstellung zum Töten von Tieren im Laufe seines Lebens immer negativer geworden. Als Junge hatte er ohne Zögern mit dem Luftgewehr eine Unzahl von Vögeln aus den umliegenden Obstbäumen auf dem Grundstück seiner Eltern geschossen. Er hatte damit aufgehört, als er als Jugendlicher nachzudenken begonnen hatte. Aber er hatte weiter den Fischen in den Bächen und Teichen nachgestellt. Dies wiederum hatte er mit ungefähr dreißig Jahren aufgegeben, weil er es irgendwann als Tierquälerei empfunden hatte. Und inzwischen konnte er noch nicht einmal einer Spinne ohne Gewissensbisse etwas zuleide tun. Trotzdem war er kein dogmatischer Tierschützer, dazu schmeckte ihm ein Wiener Schnitzel oder ein ordentliches Steak viel zu gut, aber ein Tier ohne Not zu töten war ihm immer unangenehm.
Trotz der Gefahr, die ihr jetzt drohte, krabbelte die Fliege wieder auf seine linke Hand, von der er sie schon unzählige Male mit einer reflexartigen Bewegung vertrieben hatte. Er überlegte kurz, ob er ihr Leben auf der und an dieser Stelle beenden sollte, wartete dann aber lieber, bis sie auf dem Tisch saß. Dann schlug er plötzlich zu. Endlich schien er sich des Brummers entledigt zu haben, doch als er die Zeitung vorsichtig anhob, startete der doch wieder, umrundete wie zum Hohn zweimal seinen Kopf und setzte sich dann wieder vor ihn auf die karierte Tischdecke, von wo er ihn frech fixierte. Offensichtlich war unter der Zeitung ein Hohlraum gewesen.
Er war sich jetzt sicher, dass dieses Ungeziefer ihn absichtlich ärgern wollte, und spürte Hassgefühle. Langsam näherte sich jetzt die Zeitung wieder der Fliege, umgedreht –›Friedensgespräche‹war wieder zu sehen –, und sauste dann plötzlich herab. Dieser Versuch war erfolgreich.
Befriedigt atmete Holten tief durch.
Sein Triumphgefühl wurde jedoch dadurch beeinträchtigt, dass jetzt auf der blau karierten Tischdecke ein auffälliger, hässlicher Fleck zu sehen war. Außerdem war ein großer Teil der Tischplatte mit Zigarettenasche bedeckt, denn der Schlag mit der Zeitung hatte viel Wind gemacht, und die Fliege war in der Nähe des Aschenbechers gestorben. Leise fluchend versuchte er, die Fliegenleiche mit der Zeitung vom Tisch zu kratzen und blies die Asche fort.
Welch ein Sommer!
Weil die Sonne unaufhörlich wanderte, musste Holten den Liegestuhl ein Stück weiter in den Schatten rücken. Dann lehnte er sich zurück und faltete das Blatt wieder auseinander, um weiterzulesen.
Den ersten Teil mit den wichtigsten Schlagzeilen und den Nachrichten aus Politik und Wirtschaft legte er über die unschönen Reste auf der Decke, zum einen natürlich, um den Fleck zu verdecken, und zum anderen, weil ihn diese Themen nur in zweiter Linie interessierten.
Holten war alt genug, um erkannt zu haben, dass sich in der großen Politik und Wirtschaft erst etwas änderte, wenn sowieso nichts mehr zu ändern war, und das hatte sich in den letzten dreitausend Jahren nicht geändert, weil der Normalbürger nichts daran ändern konnte. Er hatte sich abgewöhnt, sich darüber aufzuregen. Die Informationen im Großen mussten reichen, um sich eine eigene Meinung zu bilden und eigene Gedanken zu machen. Später würde er also noch die Überschriften überfliegen.
Endlich war wieder Ruhe eingekehrt.
Interessiert verfolgte er den unsicher schwankenden Flug eines Admirals, der über dem der Terrasse vorgelagerten Blumenbeet von Blüte zu Blüte taumelte. Er dachte unwillkürlich an die Zeit, als er noch ein junger Mann gewesen war.›Butterfly‹war damals ein großer Hit gewesen, und er lächelte leise, als er sich erinnerte, wie sie damals über dieses Stück und andere Schnulzen gelästert hatten.
Holten legte die Beine hoch und widmete sich dann intensiv dem Sportteil.
Seitdem sein ältester Sohn, Martin, höherklassig Fußball spielte, war sein Interesse für eben diese Sportart stark gewachsen, und es war für ihn, besonders nach den Spieltagen an den Wochenenden, schon fast ein zwanghaftes Bedürfnis geworden, sich über den Verlauf der Spiele und den aktuellen Tabellenstand in der Liga zu informieren.
Es erstaunte ihn immer wieder, was für einen sportlichen Sohn er hatte.
Vor allem, weil er selbst in seinem Leben immer nur so viel zu seiner eigenen körperlichen Ertüchtigung beigetragen hatte, wie unbedingt nötig war, und diese Notwendigkeit bestand vor allem darin, sich in seiner aktiven Zeit als Polizist – er war Kommissar, schließlich sogar Hauptkommissar bei der Kriminalpolizei und Leiter der Mordkommission gewesen – eine gute Dienstfähigkeit bescheinigen lassen zu können. Er war gelaufen, bevor es›joggen‹hieß, und hatte Judo trainiert. Das Laufen war ihm aber im Grunde immer zu eintönig gewesen, und die Glücksgefühle, die Langläufer angeblich häufig verspürten, hatten sich bei ihm nie eingestellt. Seit seiner frühzeitigen Pensionierung hatte er es aufgegeben. Er nahm allerdings freiwillig und regelmäßig einmal wöchentlich am›Männersport‹, wie man im Dorf mit einem humorvollen Unterton zu sagen pflegte, teil. Dort spielte er mit den gesetzten Herren des Ortes in der Sporthalle, im Sommer auch draußen im Sand, eineinhalb bis zwei Stunden Volleyball. Mehr Sport war seiner Meinung nach auch gar nicht nötig: Nach eigener Einschätzung hatte er sich für sein Alter gut gehalten. Mit seiner kompakten, kräftigen Figur konnte er noch eine erstaunliche Beweglichkeit vorweisen, doch die eisgraue Farbe von Haaren und Bart ließ ihn für die meisten Menschen älter wirken, als er war.
Die Jungs hatten ihr Punktspiel, ein Heimspiel, gewonnen, und sie hatten auch recht gut gespielt. Das wusste Holten natürlich schon, weil er dabei gewesen war. Der Berichterstatter allerdings schien das Spiel nicht gesehen zu haben, obwohl sein Spielbericht diesen Eindruck erwecken sollte. Holten hatte die Mannschaft in Weiß-Blau gesehen, die Fotos aber zeigten ein Team in Rot, und auch die Beurteilung der Leistung beider Mannschaften war bei ihm anders ausgefallen.
›Reporter‹, dachte er abfällig, und dass er selbst die Berichterstattung wohl besser hätte erledigen können.
Der Rest der Zeitung war nicht sonderlich interessant.
Als er bei den Todesanzeigen angelangt war, kam ihm, und das nicht zum ersten Mal, der unangenehme Gedanke, dass die Einschläge immer näher kamen. Wieder einmal hatte jemand das Zeitliche gesegnet, der jünger war als er. War er schon alt, oder wurde er es jetzt? Er fühlte sich nicht so, aber wann begann man alt zu werden? Und was bedeutete es überhaupt, alt zu sein? War es ein nicht mehr vorhandener Waschbrettbauch, die Unfähigkeit, die aktuelle Hitparade auswendig aufsagen zu können, oder etwas ganz anderes? Seine Mutter hatte, hoch in den Siebzigern, im Sommer eine Fahrradtour zu Verwandten unternommen, und keine Etappe war unter achtzig Kilometern gewesen. Das hätten seine Kinder, ihre Enkelkinder, sich nicht zugemutet. Er schmunzelte, als er daran dachte, dass Susanne von den Kleinen im Kindergarten, in dem sie arbeitete, manchmal›Oma‹genannt wurde.
Das allmähliche Hinübergleiten in ein Nachmittagsschläfchen enthob ihn dann jedoch weiterer philosophischer Gedanken.
»Willst du auch noch einen?«
Holten schreckte auf. Hinter ihm stand Susanne, die beste aller Ehefrauen, mit einem Becher Kaffee in der Hand. Sie wusste natürlich, dass er zu jeder Tages- und Nachtzeit, ob heiß oder kalt, Kaffee trinken konnte und besonders morgens und nachmittags seinen Kaffee dringend brauchte, um sich wohlzufühlen, und deshalb nie »nein« sagte. Trotzdem stellte sie nach fast dreißig Jahren Ehe immer noch diese eine Frage, wenn sie selbst Kaffee trank.
Sie war ungefähr einen Kopf kleiner als ihr Ehemann, zweifellos jedoch viel hübscher. Auch an ihr waren die Jahre nicht spurlos vorübergegangen, doch ihr Haar war noch nicht grau, und wenn sie lachte, sah sie noch jung aus. Sie war, sommerlich gekleidet, in einem leichten, geblümten Kleid nach draußen auf die Terrasse getreten und hatte die freie Hand auf seinen Unterarm gelegt, um ihn sanft zu wecken.
Er musste wohl tief geschlafen haben, denn er hatte nicht bemerkt, wie Susanne heruntergekommen war, und das Blubbern und finale Fauchen der Kaffeemaschine hatte er auch nicht gehört.
»Ah... ja«, murmelte er, sich nicht bewegend, und dann:
»Haben wir noch irgenwelche Kekse oder Kuchen?«
Das war nicht gut für die Figur, krönte aber den Genuss des Nachmittagskaffees.
Lächelnd antwortete sie: »Natürlich.«
Eigentlich sollte das heißen:›Ja, wir haben noch welche, aber wenn du etwas haben willst und so fragst, musst du es dir schon selbst holen.‹
Jetzt hatte er also falsch gefragt.
Er hatte dieses Spielchen oft gespielt:
Wenn sich jemand ungenau oder nicht eindeutig ausdrückte oder unpräzise fragte, legte er gern jedes Wort auf die Goldwaage, um die Zweideutigkeit sichtbar zu machen. Das waren noch Nachwirkungen seiner früheren Berufstätigkeit, der Verhöre, die er zu führen gehabt hatte. Es war ihm zum Beginn seiner Laufbahn als Kriminalbeamter einige Male passiert, dass er nach dem Auffinden einer Leiche bei der Einvernahme eines Zeugen gefragt hatte: »Wann haben Sie den Toten das letzte Mal gesehen?«
Manche Spaßvögel antworteten dann mit »noch nie«, weil er ja vorher noch lebendig gewesen war, andere mit »eben gerade«, wenn sie vorher einen Blick auf den Verblichenen geworfen hatten.
Er hatte sich schnell angewöhnt, präziser zu fragen, und jetzt irritierte er seine Mitmenschen manchmal damit, jedes Wort oder jeden Ausdruck auf eine Zweideutigkeit hin zu überprüfen und, sich dumm stellend, zu hinterfragen. Hin und wieder war das auch recht lustig, und manchmal spielte seine Frau das Spielchen mit.
Dieses Mal hatte er sich falsch ausgedrückt, also verloren. Deshalb musste er noch einmal fragen, genauso, wie es gemeint war:
»Holst du uns noch etwas?«
»Papa, du bist ein fauler Sack«, hätte seine große emanzipierte Tochter wahrscheinlich respektlos bemerkt, wenn sie die Frage gehört hätte.
Er hatte sich noch immer nicht bewegt, und als sie nicht antwortete, vermutete er, dass sie schon auf dem Wege war, um das Gebäck zu holen. Da konnte man sich auf sie verlassen.
Susanne versetzte ihn immer wieder in Erstaunen: Sie musste immer in Bewegung sein und dabei etwas Produktives tun. Selbst abends, bei einem Glas Rotwein, fand sich immer noch eine Möglichkeit, fleißig zu sein, sei es das Ordnen der letzten Kontoauszüge oder Apfelschälen für die Familie.
Auch er konnte ausdauernd und intensiv arbeiten, ohne Pause, bis ein Ergebnis vorlag. Aber schließlich musste auch irgendwann Ruhe einkehren, und das wirkliche Leben begann für ihn erst, wenn er entspannen und die Dinge tun konnte, die er wollte und die ihn wirklich interessierten.
Seine Frau war da ganz anders: Ständig war sie auf den Beinen und hatte irgendwo irgendetwas zu erledigen. Ruhe gönnte sie sich kaum, eigentlich nur, wenn sie sich in einer waagerechten Lage befand, und dafür gab es nur zwei Orte: Das Bett oder das Sofa vor dem Fernsehgerät. An beiden Plätzen schlief sie dann meistens schnell ein. Er glaubte nicht, dass sie einen Film im Fernsehen je zu Ende gesehen hatte oder im Bett mehr als eine oder zwei Seiten eines Buches in einem Zug gelesen hatte.
Ihr Leben lang war es so gewesen, als ob ein unsichtbarer Regisseur jeden Morgen beim Aufstehen »and ... action« rufen würde. Drei Kinder hatten sie bekommen, und sie hatte sie großgezogen, während er sich mit bösen Menschen und dunklen Gestalten hatte beschäftigen müssen. Vor Kurzem hatte sie nun die Leitung des örtlichen Kindergartens übernommen. Wie jede andere Aufgabe erledigte sie auch diese mit viel Einsatz und Elan. Auch der Garten, in dem Holten im Sommer gern saß und in dem er hin und wieder auch erntete, war ihr Werk.
Trotzdem, und vielleicht gerade auch deshalb, war auch ihr lieber Gatte nie zu kurz gekommen. Er genoss eine gute Pflege, und es ging ihm wahrlich gut. Und gerade als seine Frau mit Waffeln und Milchkaffee wieder draußen auf der Terrasse erschien, wurde ihm diese Tatsache ein weiteres Mal auf angenehme Weise bewusst.
Wilhelm Lehmberg trat kräftig in die Pedale.
Er wusste, dass in seinem Alter, bei seinem Job und seinem regelmäßigen Zigarettenkonsum ein wenig Bewegung angebracht war. Deshalb hatte er versucht, irgendwo in seinem Tagesablauf eine körperliche Betätigung unterzubringen. Das funktionierte auch, weil er sein Büro zu Hause hatte und sich seine Arbeitszeit einteilen konnte, und meistens passierte es gegen Abend. Deshalb konnte man ihn um diese Zeit häufig joggend oder radelnd irgendwo in der Feldmark von Hellwege antreffen, im Sommer auch manchmal im Sottrumer Schwimmbad.
Gerade war er mit seinem Sportrad, das er sich eigens für diese Ausfahrten geleistet hatte, auf dem Weg nach Hause. Ungefähr eine Stunde vorher war er von dort aufgebrochen, und er war froh, dass er sich die Zeit genommen hatte. Den ganzen Tag hatte er am Computer gesessen, um mit dem Entwurf endlich voranzukommen in dem Bewusstsein, dass ihm ein weiteres Mal ausgedehnte Nachtarbeit bevorstand. Er würde sicherlich noch bis zwei oder drei Uhr in der Frühe arbeiten müssen. Das war aber nicht zu ändern, die Zeichnung für das kleine, jedoch exklusive Einfamilienhaus musste am nächsten Tag vorgelegt werden. Er konnte es sich nicht leisten, einen Auftrag wegen nicht eingehaltener Termine zu verlieren, und der Bauherr wurde bereits ungeduldig.
Die Luft draußen war jetzt klar und frisch. Das war ihm anfangs zunächst angenehm gewesen, weil er eine zu lange Zeit in seinem kleinen, verrauchten Arbeitszimmer verbracht hatte und wegen des schönen Wetters keine Jacke angezogen hatte. Aber jetzt, nur mit Jeans und Polohemd bekleidet, hatte der kühlende Fahrtwind ihm manchmal schon eine Gänsehaut auf Armen und Rücken beschert. Er hatte hin und wieder eine Pause eingelegt, und dann war ihm warm gewesen, und er hatte sich den Schweiß von der Stirn wischen müssen. Sein kleiner Ausflug hatte ihm fühlbar gutgetan, tief durchatmend genoss er die saubere Luft und ließ das Rad laufen. Leise summte er einen aktuellen Hit vor sich hin und freute sich auf das Abendessen.
Dass der Hinterreifen wieder schleichend Luft verlor, konnte seine gute Stimmung nicht beeinträchtigen. Er hatte sich am Sonntagmorgen sehr bemüht, das Loch im Schlauch zu finden. Das war ihm auch gelungen, doch die Reparatur war anscheinend fehlgeschlagen.
Schließlich musste er anhalten. Er stieg ab und lehnte sein Sportrad gegen einen Baum, um Luft nachzupumpen. Die kleine Strecke bis nach Haus würde der Reifen schon noch halten, und am nächsten Tag würde er das Rad zur Reparatur bringen. Die körperliche Anstrengung hatte ihm ein gutes Gefühl verschafft, löste aber auch ein leeres Gefühl in seiner Magengegend aus – jetzt hatte er einen gehörigen Hunger.
Die Verschlusskappe des Ventils war ihm heruntergefallen, und beim Aufheben sah er aus dem Augenwinkel ein Stück vor der letzten Kurve, ungefähr zweihundert Meter zurück, einen großen Wagen halten. Wilhelm Lehmberg wunderte sich nicht darüber, als er seine Fahrt endlich fortsetzen konnte, und nahm keine weitere Notiz von ihm. Es kam häufig vor, dass Ausflügler aus der Stadt am Rand dieser relativ wenig befahrenen Straße hielten, um Blumen am Straßenrand zu pflücken oder das abends auf die Felder heraustretende Wild zu betrachten.
Vielleicht war es auch einer von den Hellweger Jagdpächtern, der nach zukünftiger Beute Ausschau hielt. Die Bockjagd war offen.
Das Pumpen hatte offenbar nichts genützt.
Kurz nach der ungeplanten Unterbrechung der Fahrt ging es gar nicht mehr weiter, weil der Reifen jetzt überhaupt keine Luft mehr hielt. Lehmberg stieg ab und musste sein Fahrrad schieben.
Nun war er doch ein wenig verärgert und fluchte leise vor sich hin, eigentlich nicht so sehr, weil er gehen musste, sondern weil er sich nun zum Abendbrot verspäten würde.
An der Abzweigung zum Richtweg blieb er kurz stehen.
Der Richtweg war immer der direkte Weg in den Ort gewesen. Warum dagegen die jetzige Straße vor zwanzig Jahren in einem anderen Verlauf asphaltiert worden war, wusste niemand, denn sie war ein Umweg.
Lehmberg überlegte: Wenn er seinen geplanten Weg über die feste Straße zum Ort nähme, würde es noch länger dauern, bis er etwas zu essen bekäme. Der Sandweg durch den Wald war eine beachtliche Abkürzung, und weil er sein Rad ohnehin schieben musste, fiel ihm die Entscheidung für den kürzeren Weg schließlich nicht schwer. Aber schon bald bereute er seinen Entschluss. Auf dem sandigen, lockeren Untergrund, trocken wie Wüstensand, war sein Rad nicht leicht zu schieben, und an der ersten Wegbiegung hielt er einen Moment inne, um einmal durchzuschnaufen und sich zu ärgern.
Wegen eines Motorengeräusches zurückblickend bemerkte er, dass auch der Wagen, den er schon auf der Straße gesehen hatte, in den Weg eingebogen war und mit laufendem Motor stehengeblieben war. Er war zu weit entfernt, als dass er jemanden erkennen konnte, trotzdem kam ihm das Fahrzeug irgendwie bekannt vor, und er überlegte, ob es womöglich jemand aus Hellwege sein könnte, der ihn nach Hause mitnehmen könnte, wenn man das Fahrrad in den Wagen bekäme. Das Gefährt sah jedenfalls so groß aus, dass ein Fahrrad bequem mit hineinpassen könnte. Er beschloss, sich nicht darauf zu verlassen und schritt tapfer weiter voran.
Als er die Biegung hinter sich hatte, hörte er hinter sich den Motor aufheulen. Bevor er sich umdrehen konnte, spürte er einen schweren Stoß.
Wie er überrollt wurde, spürte er nicht mehr.
Heute war wieder so ein Tag, an dem Bernd Kasing bereute, dass er damals nicht seine Koffer gepackt hatte und mit seiner Familie aus Hellwege verschwunden war. An jenem Tag hätte er die Gelegenheit dazu gehabt, und er hätte es tun sollen. Aber er wusste, dass es jetzt zu spät war.
Er hatte damals in ihrem kleinen Handwerksbetrieb, einer Schmiede und Schlosserei, den sein Vater leitete, gearbeitet, war Kraftfahrzeug- und Metallbaumeister und an jenem Tag wieder einmal mit seinem Vater aneinandergeraten. Der Alte musste vor einem Kunden wie immer den Chef herauskehren, obwohl Bernd die Hauptarbeit erledigen musste und eigentlich auch die gesamte Verantwortung trug. Er hatte ihn wie einen Schuljungen abgekanzelt. Bernd hatte sich nicht gewehrt, aber als der Kunde gegangen war, hatte es im Büro einen fürchterlichen Streit gegeben. Wenn die Frauen nicht schlichtend eingegriffen hätten, wäre es wohl sogar zu Handgreiflichkeiten gekommen. Bernd war fest entschlossen gewesen, seinen Abschied zu nehmen, und erst nachdem der Alte zugesagt hatte, den Betrieb kurzfristig an seinen Sohn zu übergeben, war er geblieben.
Er war nun der Boss und versuchte, ein bisschen mehr aus dem Betrieb zu machen. Er hatte zwei neue Mitarbeiter eingestellt, neue Kundenkontakte geknüpft, die Betriebsgebäude erweitert und neue Maschinen angeschafft.
Jetzt hatte er die Arbeit, die Verantwortung, die Hetze, den Stress, keinen Feierabend, keine Ruhe, keine Erholung und, wie er allzu oft bedauernd feststellte, zu wenig Zeit für Familie und Hobbys. Er war im Grunde immer im Einsatz und hatte im Geiste immer den Blaumann an.
Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass es schon nach halb sieben war, und er hatte bis eben am Einbau einer Metalltreppe in dem großen Einkaufszentrum in Posthausen, das sein größter Kunde war, gearbeitet, damit seine Mitarbeiter sie morgen fertigstellen konnten. Vor einer halben Stunde hatte seine Frau Anja über Handy angerufen und ihm mitgeteilt, dass an dem Hochsitz, den Kasing senior für Klaus Fermental, den Jagdpächter, gebaut hatte, irgendetwas nicht in Ordnung sei. Bernd solle sich das doch einmal ansehen.
Fermental war ein Jagdkollege seines Vaters, was auch der Grund dafür gewesen war, dass Bernd diesen Auftrag seinem Vater überlassen hatte. Eigentlich hatte der nichts mehr in der Werkstatt zu suchen, und das Ergebnis sah man ja auch jetzt: Nun musste natürlich er noch in den Wald und sich das Elend ansehen und für die Beseitigung der Mängel sorgen.
Einige Autos begegneten ihm auf der nur relativ wenig befahrenen und schlecht ausgebauten Verbindungsstraße nach Hellwege. Bei fast allen hob er die Hand zum Gruß – er kannte die meisten Wagen und deren Insassen, schließlich war er hier in der Gegend aufgewachsen.
Zuerst Frank Mullemann, der hatte Feierabend und fuhr zu seiner Freundin, dann Marie Fermental, die hatte Geld, immer frei und fuhr wohl noch zum Einkaufen, und schließlich Fritz Strohkirch, Rentner, wahrscheinlich auf dem Weg zur Massage, von der er seinen Bekannten immer so begeistert berichtete. Alle konnten sich denken, welche Art von Massage das war, allein seine Frau war ahnungslos.
Einen Fahrer kannte er nicht, und als er dem Fahrzeug ausweichen musste, knallte sein Transporter so stark durch ein Schlagloch am Rande der Straße, dass er sich fast den Kopf an dem Wagendach gestoßen hätte und das Werkzeug auf der Ladefläche durcheinanderflog.
»Scheißkerl!«, fluchte er laut.
Als er an der Zufahrt zum Flugplatz vorbeikam, fuhr er langsamer und wäre am liebsten abgebogen, um noch schnell eine Runde oder zwei im Flieger zu drehen, aber dienstags gab es keinen Flugbetrieb, und ein Flugleiter war meistens nicht am Platz. Deshalb fiel es ihm nicht allzu schwer, das Pflichtgefühl die Oberhand behalten zu lassen. Seit drei Jahren hatte er seine Pilotenlizenz und nutzte jede freie Minute, um in die Luft zu kommen, aber die hatte es in der letzten Zeit leider nicht viele gegeben.
Er bog in den Sandweg zum Hochsitz ein und musste anhalten. Die Leichtmetallleiter, die auf dem Gestell auf dem Transporterdach gelegen hatte, hatte sich losgerüttelt und war kurz davor herunterzufallen. Er musste aussteigen und sie richtig befestigen.
Als er wieder startete, hatte sich die strahlende Helligkeit des Sommertages gelegt, und der Wagen zog auf dem trockenen Weg eine riesige Staubfahne hinter sich her. Er fuhr schnell, denn er wollte bald Feierabend machen. Die Metallteile und das Werkzeug hinter ihm machten einen Höllenlärm, als er ohne auszuweichen über die Löcher und Unebenheiten des Weges polterte. Die letzten Sonnenstrahlen suchten sich ihren Weg durch die Blätter und Zweige der Bäume, die Sonne würde bald verschwunden sein, aber für eine Inspektion der handwerklichen Sünden seines Vaters würde es noch hell genug sein. Während er sich bereits Gedanken darüber machte, was mit dem Hochsitz wohl alles nicht in Ordnung sein könnte, erreichte er die erste Biegung. In etwa dreißig Metern Entfernung entdeckte er etwas auf dem Sandweg, das ihn auf die Bremse treten und sofort langsamer fahren ließ. Er streckte seinen Kopf automatisch nach vorn, um besser sehen zu können, und seine Pulsfrequenz schnellte in die Höhe.
Der außergewöhnlich schöne Spätsommerabend hatte Holten und seine Frau noch zu einem Spaziergang verführt.
›Verführt‹war das richtige Wort, denn der Ort Hellwege mit seinen gut tausend Einwohnern war eins der Kleinode unter den Ortschaften in der Region. Niemand konnte sich dem Charme dieses Dorfes und der umliegenden Landschaft entziehen.
Hellwege lag an der Kreisstraße 205, die in wenigen Hundert Metern Abstand parallel auf der Südseite des Flüsschens Wümme verlief. Die lockere, ländliche Bebauung in Ost- Westrichtung erstreckte sich über knapp zwei Kilometer und verdichtete sich zum zentral gelegenen Ortskern. Von dort führte eine Straße in nördliche Richtung nach Sottrum und eine zum kleinen Flugplatz, den man nach ungefähr zweieinhalb Kilometern in Richtung Süden erreichen konnte. Der Ort hatte sich trotz zweier kleiner Neubaugebiete, in denen reizende Einfamilien- und Doppelhäuser auf ausreichend großen Grundstücken standen, seinen ländlichen Charakter bewahrt. Eine stattliche Anzahl intakter Bauernhöfe, idyllisch gelegen unter alten Eichen, einige Handwerksbetriebe an der Hauptstraße, ein kleiner Dorfladen, ein großer Gasthof mit angeschlossenem Hotel,»Beckmanns Gasthof«, ein Ausflugsrestaurant an der Wümme,»An der Brücke«, eine Landarztpraxis und der Kindergarten boten den Dorfbewohnern Arbeitsplätze und erfüllten die Gemeinde mit Leben. Außerdem waren im Ort Architekten, Künstler und Kunsthandwerker beheimatet. Die meisten Berufstätigen jedoch fuhren nach außerhalb in die größeren Orte zur Arbeit und hatten hier, wie auch etliche begüterte Rentner oder Pensionäre, für sich und ihre Familien ein Haus errichtet. Vom kleinen, reizvollen Einfamilienhaus bis zur großzügigen Villa war in Hellwege alles zu finden.
Der rührige Bürgermeister hatte sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass das Dorf in das Dorferneuerungsprogramm des Landes aufgenommen worden war, und man konnte sehen, dass die Mittel gut angelegt worden waren.
Das eigentlich Schöne war jedoch die reizvolle und abwechslungsreiche Landschaft, die in einem Kapitel eines Schulbuches mit der Überschrift›Die norddeutsche Geestlandschaft‹hätte beschrieben sein können.
Im Norden des Ortes fand der Spaziergänger die Niederung eines Flüsschens, der Wümme, sauber genug für ein sommerliches Bad der Kinder aus dem Dorf, mit Wiesen, Weiden, Baum- und Schilfgürteln und ruhig gelegenen Altarmen und Teichen, in denen die Dorfjugend angelte.
In nassen Wintern trat das Wasser gelegentlich über die Ufer und überschwemmte die Wiesen. Die Niederung verwandelte sich so in einen großen See, und wenn es kalt genug war und das Frostwetter sich hielt, stand den Hellwegern wochenlang eine riesige Eisfläche zur Verfügung.
Im Osten, hinter den Feldern, lagen Birken- und Kiefernwälder mit eingelagerten kleinen Mooren und große Bruchflächen, die unter Naturschutz standen, weil man hier einige seltene Tier- und Pflanzenarten entdeckt hatte.
Im Süden erstreckten sich landwirtschaftliche Flächen, die bis an den angrenzenden Staatsforst reichten, und alte, hügelige Bauernwälder mit Eichen- und Buchenbeständen. Der kleine Flugplatz, von Bäumen eingefasst, passte sich unauffällig in die Landschaft ein.
Im Westen lagen neben den Äckern die Nutzwälder mit Fichten und Kiefern, in denen sich auch Wochenendhäuser befanden. Auch die gepflegten Sportanlagen des Ortes waren hier angelegt worden.
Alle, die in Hellwege wohnten, schätzten sich glücklich. Grundstücke waren rar und begehrt, und niemand beklagte sich über die hohen Grundstückspreise.
Holten und Susanne waren zunächst am Interessentenforst vorbeigebummelt und hatten dann, durch die Felder schlendernd, den Großen Buchenwald erreicht, der die höchste Erhebung der Gegend halb bedeckte. Manchmal waren sie stehen geblieben, um den Reifegrad der Brombeeren zu beurteilen oder einen Pilz am Wegrand zu bestimmen.
Aus dem grünen Dunkel des Waldes tretend, hatte man eine herrliche Aussicht auf den südlichen Teil der Gemarkung. Wenn die landwirtschaftlichen Maschinen abends von den Äckern verschwunden waren, war man von herrlicher Ruhe umgeben und erblickte rechts in einiger Entfernung die ersten Häuser des Ortes und links die von Vieh bevölkerten Weiden, die eine weite Ebene bildeten und schließlich vom Haberloher Forst begrenzt wurden. Die Felder, zum Teil schon abgeerntet, breiteten sich vor dem Wanderer aus, und in der Ferne schimmerten die weißen Gebäude des Flugplatzes durch die Bäume.
Der Tag neigte sich seinem Ende zu, und die Kronen der weiter entfernten Bäume sahen bereits schwarz aus.
Holten war gerne hier. Er konnte hier lange sitzen, die Tier- und Pflanzenwelt betrachten und seinen Gedanken nachhängen. Besonders in der Abend- oder Morgendämmerung, wenn die Bauern nicht mit ihrem schweren Ackergerät unterwegs waren, kam man der Natur sehr nahe. Er kannte den fast weißen Bussard, der hier am Waldrand auf Beute lauerte, ebenso gut wie die Wildschweinrotte, die manchmal, wenn man still saß, nicht weit entfernt in die bebauten Felder wechselte.
Die beiden hatten sich auf einem Eichenstamm niedergelassen, der im letzten Winter gefällt worden war und hier noch immer auf seinen Abtransport wartete. Sie hätten sich gerne eine Zigarette angezündet, um die Mücken und Stechfliegen zu vertreiben, doch angesichts der schon länger anhaltenden Trockenheit verzichteten sie darauf. Auf der anderen Wegseite am Rande des abgeernteten Roggenfeldes wuchs ein kleiner Klatschmohnbestand, und zwischen den Stängeln huschte eine Feldmaus umher und ließ sich durch die beiden Beobachter nicht stören, als wüsste sie, dass ihr in der Nähe der Menschen keine Gefahr durch Fuchs oder Habicht drohte. Das Einzige, was man hören konnte, war der Gesang einiger Drosseln in den Bäumen.
Die beiden hatten die Beine ausgestreckt und saßen eine Weile schweigsam nebeneinander.
Plötzlich wurde die friedliche Stimmung durch den penetranten Ton eines entfernten Martinshorns abrupt gestört, was auf Susanne wie ein Signal wirkte. Sie erhob sich, und das Mäuschen war verschwunden.
Sie fasste seine Hand.
»Lass uns gehen, es wird dunkel.«
Holten hätte noch länger hier sitzen können, aber er stand ebenfalls auf.
Das Martinshorn ertönte jetzt näher, und kurz nachdem die beiden aufgestanden waren und den Heimweg angetreten hatten, konnten sie, noch immer von erhöhter Warte, einen Rettungswagen mit Blaulicht die Straße zum Flugplatz entlangfahren sehen. Sie blieben stehen und verfolgten interessiert seinen Weg. Es musste etwas in der Nähe geschehen sein, sonst hätte er sicherlich die K 205 genommen. Der Wagen bog in einen Waldweg ab, und erstaunt beobachteten sie, wie kurz darauf ein Polizeiwagen folgte, dann noch ein zweiter.
»Das sieht nicht gut aus«, brummte Holten und setzte sich in Bewegung.
Als sie an den ersten Häusern des Ortes vorbeigingen, war es schon so dämmerig, dass sie in den Wohnzimmern das Flackern der Fernsehgeräte sehen konnten. Gegen den jetzt fast dunklen Himmel konnten sie erkennen, dass im Wald an der Stelle, die vermutlich das Ziel der Polizeiwagen gewesen war, Scheinwerfer eingesetzt wurden, denn die Baumkronen zeichneten sich scharf und deutlich ab.
Holten war nicht auf Sensationen aus, doch dies hier schien, speziell in ihrem beschaulichen Wohnort, ein besonderes Ereignis zu sein. Er war lange genug Polizist gewesen und brauchte seine Nase nicht mehr, um zu wissen, wenn etwas nicht gut roch.
Nach einem kurzen Stück Weg, den die beiden nun schnelleren Schrittes zurücklegten, erreichten sie die Stelle, wo die Straße zum Flugplatz abbog. Holten blieb stehen. Es interessierte ihn durchaus, was dort wohl geschehen sein mochte.
Er blieb stehen und überlegte.
Hier standen schon einige Häuser, und die Gemeinde hatte bis hierher Straßenbeleuchtung gelegt. Er war der Meinung, von hier aus könnte seine Frau, auch wenn es bereits dunkel war, allein nach Hause gehen.
»Ich geh’ da kurz noch hin«, sagte er.
»Sei doch nicht so neugierig«, versuchte sie ihn zurückzuhalten, hakte sich unter und versuchte zu gehen und ihn mitzuziehen.
Er blieb stehen. Es war ihm nicht ganz klar, warum, aber er wollte wissen, was dort passierte.
»Ich komme gleich nach. Du hast ja den Schlüssel«, sagte er bestimmt.
Der Zauber des Abends war verflogen, und Susanne resignierte. Sie kannte ihren Mann lange genug, um zu wissen, dass es wenig Zweck hatte zu versuchen, ihn umzustimmen. Also machte sie gute Miene zum bösen Spiel.
»Ich muss sowieso noch die Küche machen. Aber bleib nicht so lange, ich mache uns schon eine Flasche Wein auf.«
Sie zweifelte, ob das als Anreiz ausreichte.
START
Als Holten an den Richtweg kam, war es dunkel geworden. Der Mond war noch nicht aufgegangen, und nur die Sterne am klaren Nachthimmel gaben gerade so viel Licht, dass er nicht von der Straße abkam. Immer, wenn eins der wenigen Autos, die um diese Zeit noch diese Strecke befuhren, ihn passiert hatte, war er von der Straße heruntergetreten, und wenn es vorbeigerauscht war, konnte er wegen der hellen Scheinwerfer nichts sehen und musste sich wieder auf den Asphalt tasten.
Sein Ziel aber, die beleuchtete Stelle mitten im Wald, konnte er gut im Auge behalten, und er wunderte sich, dass keiner der Fahrer aufmerksam geworden war und gebremst hatte, um die ungewöhnliche und gespenstische Szenerie auf dem einsamen Waldweg näher zu betrachten.
Als er den Richtweg erreicht hatte, konnte er erkennen, dass hinter der Wegbiegung starke Scheinwerfer leuchteten und davor zwei Personen standen, die, als Schattenrisse sichtbar, anscheinend als Wachen aufgestellt waren. Der Anblick hätte in jeden Kriminalfilm gepasst, und seine Vermutungen wurden bestärkt.
Er verringerte seine Marschgeschwindigkeit, setzte immer langsamer einen Schritt vor den anderen und blieb schließlich stehen, abwägend, ob er wirklich weitergehen wollte. Es war vollständig still hier, nur die Grillen hatten mittlerweile ihr nächtliches Konzert angestimmt. Er war nachdenklich geworden, denn eine solche Szene sah er nicht zum ersten Mal, und er ahnte, was ihn hinter der Biegung erwartete.
Endlich setzte er sich doch wieder in Bewegung – schließlich war er ja Kriminalbeamter gewesen –, und die inzwischen routinierte Neugier bezüglich ungewöhnlicher Vorgänge hatte wieder die Oberhand gewonnen.
Hier war ein Verbrechen geschehen, da war er sich sicher.
Im Näherkommen konnte er allmählich die Schattenrisse als Polizisten identifizieren.
Natürlich wusste er Bescheid, wie es bei Kapitalverbrechen war: Der›Erste Angriff‹war erledigt, es lief der›Sicherungsangriff‹. Als er langsam dichter an die hell erleuchtete Stelle herankam, war ihm deshalb auch der künftige Ablauf klar. Er selbst hatte ja immer die Anweisung gegeben, Fremde, die sich einem Tatort näherten, genau in Augenschein zu nehmen und dann möglichst fern zu halten, damit Arzt, Spurensicherung und Ermittler ungestört arbeiten konnten.
Der ältere der beiden Uniformierten sprach ihn an, wobei er ihm mit seiner Taschenlampe wie mit einem Blendscheinwerfer ins Gesicht leuchtete.
»Na, was tun Sie denn hier?«
›Mein Gott, das ist doch offensichtlich,‹dachte Holten etwas verärgert. Er hatte solche Fragen noch nie gemocht, ganz einfach, weil sie unpräzise Antworten provozierten und Nachfrage verlangten. Es hätte genügt, wenn sie ihm kraft ihrer Autorität als Polizeibeamte den weiteren Durchgang untersagt hätten. Aber wahrscheinlich wollten die beiden Ordnungshüter schon mit den Ermittlungen beginnen, um sich vielleicht erste kriminalistische Sporen zu verdienen. Solche Gelegenheiten gab es nicht besonders häufig in dieser Gegend, und er merkte den beiden einen gewissen Eifer an.
Holten blieb stehen und spielte den ersten Ball.
»Das wollte ich Sie auch gerade fragen.«
Der Ältere ließ sich auf nichts ein.
»Was haben Sie hier zu tun?«
Holten blieb ganz ruhig, er war austrainiert, gut in Form und retournierte gnadenlos.
»Ich gehe spazieren.«
Jetzt waren sie bestimmt schlauer. Er machte Anstalten, seinen Weg fortzusetzen, doch der Jüngere fasste ihn am Arm, und der Erste fragte wieder:
»Warum?«
Nein, noch nicht schlau genug.
Holten überlegte, ob er das Spielchen weiterspielen sollte. Er beherrschte es, denn er hatte viele Verhöre geführt. Man konnte Fragen den Worten nach oder dem Sinne nach beantworten, deshalb musste man die Fragen so stellen, dass Wort und Sinn übereinstimmten. Aber so weit beherrschten die beiden die Verhörtechnik anscheinend noch nicht.
»Ich gehe gern spazieren.«
Der Jüngere mischte sich jetzt auch ein, vielleicht hatte er das Spiel schon durchschaut.
»Nein, wir meinen, warum Siehier sind.«
