Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Isabella gerät ins Fadenkreuz des LKA München. Der Spionageverdacht hängt über ihr, dabei hat die angehende Schauspielerin doch nur einen Botengang für ihren Freund David übernommen, der fürs LKA verdeckt ermittelt. Zurück zuhause findet sie den jungen Kriminalkommissar leblos im Wohnzimmer. In Panik flieht sie. Bei ihrer Rückkehr mit der Polizei ist David jedoch verschwunden - nur die Blutlache bleibt. Mit Hilfe ihrer besten Freundin Carina macht sie sich auf die Suche nach ihrem Freund. Wird sie David lebendig wiedersehen? Ein spannender, abenteuerlicher Spionagekrimi mit einem Schuss Humor und Liebe in Münchner Kulisse.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 346
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Mona Busch
Aufgeflogen
Kommissar in Gefahr
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
PROLOG
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
Danksagung
Bitte
Recherche
Impressum neobooks
Es war ein wunderschöner Nachmittag im März. Die Sonne schien warm von einem strahlend blauen Himmel. Das letzte Eis schmolz, und die ersten Vögel verkündeten fröhlich zwitschernd den nahenden Frühling.
Doch das alles nahm ER in diesem Moment gar nicht wahr. Schwer atmend lief er durch den Nymphenburger Park. Das Vorjahreslaub raschelte unter seinen Füßen. Leider. Es war unmöglich, lautlos zu laufen. SIE hörten es sicher. Hier würde er sie nicht abhängen können. Panisch sah er sich um. Als er diesen Auftrag angenommen hatte, war er sich der Gefahren bewusst gewesen. Doch nun war es akut: Wenn sie ihn erwischten, war sein Auftrag in Gefahr – und er selbst. Er war aufgeflogen. Wenn sie ihn überhaupt am Leben ließen, würden sie ihn verhören – und er wollte sich gar nicht ausmalen, welche Methoden sie anwenden würden, um die gewünschten Informationen aus ihm herauszupressen. Er konnte bald nicht mehr – er brauchte ein Versteck! Wohin sollte er bloß?
Ein Name schoss ihm durch den Kopf.
Isabella.
Ihr Haus war hier ganz in der Nähe.
Nein!
Er versuchte, die Idee zu verdrängen. Er wollte, er durfte seine Freundin nicht weiter in diese Sache mit hineinziehen!
PENG!
Ein Knall zerriss die Stille des Waldes.
Er fuhr zusammen, duckte sich instinktiv kurz, lief aber ungebremst weiter. Er durfte nicht stehen bleiben. Dann hätten sie ihn. Warum bloß hatte er seine Waffe zurückgelassen?
Ein paar Vögel flogen auf, hochgeschreckt durch den Knall.
Schnell! Er musste hier weg, in ein sicheres Versteck!
Wieder schoss ihm nur ein einzelner Name durch den Kopf: Isabella.
Verdammt! Ihm fiel nichts Besseres ein, während er um sein Leben lief. Also gut. Zu Isabella.
Er beschleunigte sein Tempo noch etwas mehr, jetzt, da er ein konkretes Ziel vor Augen hatte. Es war nicht mehr weit. Hatte er seine Verfolger abgehängt? Er wusste es nicht.
PENG!
Ein zweiter Knall ertönte.
Plötzlich wurde er nach vorne umgerissen, stürzte zu Boden. Schmerz explodierte in seiner Brust.
Nein! Der zweite Schuss hatte ihn getroffen!
Benebelt schob er seine Hand dorthin, wo es wehtat – und zog sie blutverschmiert wieder hervor. Oh Gott, nein! Er war in den Rücken getroffen worden, und die Kugel war vorne ausgetreten – ein Durchschuss. Weit würde er nicht mehr kommen, das sagte ihm sein Verstand. Er biss die Zähne zusammen und stemmte sich hoch. Es war nicht mehr weit – er war fast da. Wenn er es bis in Isabellas Haus schaffte, konnte er die Kollegen alarmieren, Hilfe holen…
Mit eisernem Willen taumelte er vorwärts. Das Atmen fiel ihm schwer. Würde er es rechtzeitig ins Haus schaffen, bevor sie bei ihm waren?
Da – der Zaun von Isabellas Garten.
Rasch tauchte er zwischen die Büsche in der Hoffnung, dass seine Verfolger ihn aus den Augen verloren. Ein paar Meter weiter wälzte er sich mit großer Mühe über den niedrigen Gartenzaun, der an das Waldstück angrenzte. Er hörte Geräusche hinter sich – Laufschritte, das Knacken von Zweigen. Sie waren ihm dicht auf den Fersen!
Noch ein paar Meter, die ihm unglaublich weit vorkamen. Sein Atem ging immer flacher, immer mühsamer. Mit zitternder Hand hob er die Fußmatte vor der gläsernen Terrassentür an und griff nach dem Ersatzschlüssel, den Isabella hier – entgegen seines Rates – immer versteckte. Keuchend stolperte er weiter. Er musste noch um das Haus herum, zur Eingangstür. Wenn er die hinter sich abschloss, gewann er Zeit – hoffentlich genug Zeit, bis Verstärkung eintraf. Entkräftet stützte er sich an der Hauswand ab, zwang sich Schritt für Schritt vorwärts. Er merkte nicht, dass er blutige Handabdrücke an der Hauswand hinterließ. Sein Herz raste, er bekam immer schlechter Luft.
Endlich erreichte er die Haustür, sperrte auf, zog die Tür hinter sich zu und sperrte wieder ab. Dann glitt der Schlüssel ihm aus den Fingern, fiel scheppernd zu Boden. Mit letzter Kraft schleppte er sich ins Wohnzimmer. Luft!
Er hörte Geräusche an der Haustür. Seine Verfolger! Zitternd griff er nach dem schnurlosen Telefon. Er musste den Notruf wählen! Die Zifferntasten verschwammen vor seinen Augen. Nein! Der Druck in seinem Brustkorb stieg ins Unerträgliche. Er wählte die 1. Und noch einmal die 1.
Dann wurde ihm schwarz vor Augen und er verlor das Bewusstsein.
Zwei Wochen zuvor
Isabella lag auf dem Rücken. Ihr Angreifer war über ihr, zwischen ihren Beinen, packte mit einer Hand ihren Hals und würgte sie.
Die junge Frau umklammerte seine Hüften fest mit ihren Beinen, schwang ihren linken Arm in einem Halbkreis nach innen-oben, löste so die würgende Hand von ihrem Hals und schlug ihrem Angreifer sofort die rechte Hand ins Gesicht. Als der Mann zurückzuckte, richtete sie sich halb auf, klemmte seinen Kopf unter ihrer rechten Achsel ein, hieb ihm ihre Faust von links in die Rippen und schob blitzartig sein linkes Knie nach hinten weg. Er kippte nach links von ihr herunter. Sie rollte auf ihn, belastete ihn dabei mit Oberkörper und Hüfte und schlug ihm dann nochmals mit der Faust in den Rippenbogen. Er stöhnte auf.
„Gut Isa! Und gleich nochmal!“ Die Stimme ihres Trainers.
Sie war beim Selbstverteidigungskurs für Frauen des Polizeisportvereins München. Ihre fünfte Stunde.
Ihr Freund David, der als Ermittler beim Bayerischen Landeskriminalamt arbeitete, hatte sie dazu gedrängt, den Selbstverteidigungskurs zu belegen.
Schwitzend ließ Isa sich von ihrem überwältigten Angreifer herunterrollen und blieb einen Moment atemlos auf dem Rücken liegen: „Nochmal? Muss das sein? Ich kann das doch jetzt schon!“
Ihr Trainer grinste: „Nochmal! Im Ernstfall darfst du nicht mehr darüber nachdenken, was du tust – dein Körper muss automatisch reagieren. Und dafür muss man viel üben… Also los!“
Und schon griff ihr Trainingspartner sie wieder an.
Während sie die Technik ein weiteres Mal abspulte, öffnete sich die Tür der Turnhalle und David trat ein. Der junge, blonde Kriminalkommissar vom LKA entdeckte Isa, streifte sich die Turnschuhe von den Füßen und betrat mit einer angedeuteten Verbeugung die Judomatten: „Hallo, Karsten! Na, wie macht sich meine Süße?“
Karsten – ihr Trainer - nickte ihm freundlich zu und erwiderte sein Lächeln: „Ganz gut für eine Anfängerin. Naja, noch nicht perfekt – aber das wird schon. Sie geht energisch ran.“
David beobachtete seine Freundin, wie sie ihren Angreifer abwehrte. Als sie sich anschließend von diesem herunterrollte und vor David aufsetzte, begrüßte er sie mit einem Kuss auf den Mund.
Die junge Halbitalienerin strahlte ihn stolz an: „Ciao, amore mio! Na, was sagst du? Geht doch gut, oder?“
Er musterte sie zärtlich lächelnd und meinte dann mit schelmisch blitzenden Augen: „Sieht schon ganz gut aus. Dann zeig mir doch mal, was du draufhast!“
Ohne Vorwarnung schubste er Isa nach hinten um, warf sich auf sie und lag nun ebenfalls zwischen ihren Beinen.
Belustigt bis genervt verdrehte sie die Augen: „David – ich will nicht mit dir kämpfen!“
Er drückte ihre Handgelenke neben ihrem Kopf auf die Matte und grinste: „Hmm… Dann könnte ich das aber ausnutzen.“
Lächelnd senkte er seinen Kopf und gab ihr einen weiteren Kuss.
Isa seufzte leicht genervt und versuchte erfolglos, ihre Handgelenke aus seinem festen Griff zu befreien: „Außerdem haben wir das so nicht gelernt!“
Plötzlich wurde David etwas ernster und griff nun ebenfalls mit einer Hand an ihren Hals: „Dann zeig mal, was du gelernt hast!“
Sie spürte, wie er seine Hand fester schloss und sie leicht würgte.
Nun erwachte ihr Kampfgeist – na schön, dann würde sie es ihm eben zeigen!
Energisch befreite sie sich aus dem Würgegriff und spulte dann die eben geübte Technik ab. Es klappte alles gut, David kippte zur Seite. Sie rollte sich auf ihn, siegessicher grinsend – doch plötzlich, als sie auf ihm lag, sie wusste nicht genau wie, spannte er seinen ganzen Körper an und rollte weiter, bis sie wieder unter ihm lag. Sie quiekte überrascht auf, versuchte sich zu wehren, doch er erwischte ihren Arm und drehte daran, bis sie vor Schmerz aufstöhnte. Unfreiwillig rollte Isa auf den Bauch, David forcierte den Hebel – und saß auf einmal auf Isabellas Rücken, den Arm seiner Freundin im Polizeigriff fixierend.
„Au!“, jammerte sie, woraufhin David seinen Griff ein wenig lockerte.
Er beugte sich nach vorne, strich ihr eine lockige Haarsträhne aus dem Gesicht und küsste sie sanft auf den Nacken. Sie spürte seinen warmen Atem und seine Lippen auf ihrer Haut.
„Was bekomme ich, wenn ich dich loslasse?“, hauchte er ihr lächelnd ins Ohr.
„Frag lieber, was passiert, wenn du mich jetzt nicht loslässt!“, grummelte sie halb im Ernst, halb im Scherz, und ballte die freie Hand zur Faust.
David lachte auf, ließ sie los und rollte von ihr herunter.
Als Isa sich leicht schmollend aufgesetzt hatte, lächelte er sie spitzbübisch mit schief gelegtem Kopf an: „Hey, Süße, nicht sauer sein! Du warst gut… aber ich konnte mir das einfach nicht verkneifen. Bis du dich mit mir anlegen kannst, musst du noch viel üben. Ich hatte schon den braunen Gürtel im Judo und den grünen im Kun-Tai-Ko, bevor ich zur Polizei gegangen bin.“
„Angeber!“, erwiderte Isa frech. Doch sie merkte, dass David recht hatte. Sie musste noch viel üben, wenn sie es im Ernstfall wirklich mit einem fitten Angreifer aufnehmen wollte.
„Sind wir jetzt fertig für heute?“, wandte sie sich an ihren Trainer, der zwischendurch anderen Frauen Tipps gegeben hatte.
Er sah auf die Uhr: „Ja. Schluss für heute. Nächsten Montag geht´s weiter.“
Daraufhin löste die 20-jährige ihren Pferdeschwanz und schüttelte ihre langen, schwarzen Haare.
David erhob sich geschmeidig und streckte seiner Freundin die Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Sie ergriff seine Hand, ließ sich von ihm hochziehen und kuschelte sich in seine Arme.
David strich ihr eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht und sah ihr zärtlich in die Augen: „Genug gekämpft. Ich wollte dich abholen, damit du noch Zeit hast, zu Hause zu duschen. Um neun treffen wir uns mit Tobi, Carina und Ben in der Tapasbar am Isartor. Und vielleicht gehen wir anschließend noch in einen Club. Lust auf Tanzen?“
Er wusste, dass Isa es liebte, zu tanzen.
Sie lachte: „Mal sehen – wenn mir bis dahin nicht mehr alles wehtut…“
„Ach, du Arme!“ spottete er. „Wie ich dich kenne, bist du sofort wieder fit, sobald du Musik hörst.“
Da hatte David wohl Recht. Isa warf ihm noch eine Kusshand zu und ging sich dann umziehen.
Auf dem Heimweg im Auto fragte David: „Und, was habt ihr heute noch trainiert?“
Isa überlegte: „Verteidigung gegen einen Messerangriff – wenn der Angreifer einem von hinten das Messer an den Hals hält.“
Ernst nickte David: „Oh ja – Messer sind saugefährlich. Musst du mir später mal zeigen, die Technik.“
Isa verdrehte die Augen: „Muss das sein?“
Sie standen gerade an einer roten Ampel. David wandte sich seiner Freundin zu und sah sie ernst an: „Isa – es ist mir wichtig, dass du dich verteidigen kannst, wenn es darauf ankommt! Du bist eine sehr attraktive Frau. Man weiß nie… Ich will dich damit nicht nerven – aber ich liebe dich, und ich möchte, dass dir nie etwas Schlimmes zustößt! Deshalb bin ich so hinterher, dass du das übst. Ich bin nun mal Polizist und habe schon so einiges gesehen… Kannst du das verstehen?“
Sie schluckte: „Ja. Okay, tut mir leid. Wenn du willst, dann zeige ich es dir später.“
Er gab ihr einen Kuss auf die Hand, bevor er rasch wieder an den Gangschalter griff, weil die Ampel inzwischen auf Grün geschaltet hatte: „Gut. Danke.“
Eine Weile fuhren sie schweigend weiter.
Als sie bei Isabellas Haus ankamen und ausstiegen, zog sie ihren Freund plötzlich zu sich heran: „Ich liebe dich auch, David! Gut, dass du dich verteidigen kannst – ich möchte nämlich auch nicht, dass dir etwas passiert. Nie! Ich habe auch Angst um dich, wenn du zur Arbeit gehst. Du hast einen gefährlichen Beruf.“
Er schluckte: „Ich passe auf mich auf. Und auf dich. Versprochen.“
Sie besiegelten dieses Versprechen mit einem langen Kuss.
Am gleichen Tag, 12 Uhr mittags
Carina hielt für einen Moment inne und genoss die Aussicht. Vor ihr erstreckte sich ein wunderbares Bergpanorama. Ein bayerisch weiß-blauer Himmel mit kleinen Schäfchenwolken und viel Sonnenschein. Dazu wehte ihr ein frischer, kühler Wind um die Nase. Glücklich atmete sie tief durch.
„Alles okay, Carina?“
Bens Stimme riss sie aus ihren Gedanken.
Sie sah zu ihm auf: „Ja, alles in Ordnung. Ich komme.“
Ihr Freund stand ein paar Meter seitlich über ihr an der Felswand. Carina hängte ihren Karabiner in den nächsten Seilabschnitt um. Sie befanden sich auf dem Klettersteig an der Lamsenspitze.
Die 20-jährige Studentin konzentrierte sich nun wieder ganz auf die Felsen vor sich und auf das, was ihr Körper tat: sicheren Griff für die Hände suchen, Tritte testen, hochsteigen. Nach kurzer Zeit hatte sie zu Ben aufgeholt, der auf seine Freundin gewartet hatte. Als sie fast auf gleicher Höhe mit ihm war, lächelte sie ihm zu. Seine braunen Augen musterten sie warm und aufmerksam. Unter seinem Helm sahen ein paar zerzauste braune Haarsträhnen hervor, die der Wind leicht bewegte.
„Sollen wir eine Pause machen?“, fragte er.
Sie schüttelte den Kopf: „Noch nicht. Weiter oben, wenn eine flache Stelle kommt.“
Ein paar Minuten später erreichten sie eine kleine Ebene, die mit etwas Gras und Flechten bewachsen war. Dort klinkten sie sich aus dem Sicherungsseil aus und setzten sich nebeneinander auf den Boden. Die schlanke, junge Frau nahm den Helm ab, öffnete ihren Zopf und strich sich mit beiden Händen durch ihre leicht gekräuselten, dunkelbraunen Haare, die ihr bis über die Schulter reichten. Zufrieden lächelnd atmete sie ein paar Mal tief durch. Dann blickte sie ihren Freund mit ihren großen, graugrünen Augen liebevoll lächelnd an.
Ben legte seinen Arm um ihre Schultern: „Schön, oder?“
„Sehr schön“, gab Carina leise zur Antwort, kuschelte sich an Bens Schulter und wusste nicht, was sie mehr genoss: Seine Nähe und Wärme oder die umwerfende Aussicht.
Ben hatte gestern seinen 25. Geburtstag gefeiert. Am gestrigen Abend waren einige Freunde in seine Wohnung eingeladen gewesen. Und zur Feier dieses halbrunden Geburtstages hatte er sich den Tag heute frei von Terminen gehalten, um mit Carina in die Berge zu gehen. Beim Klettern hatten die beiden sich auch kennengelernt. Ben war Systemadministrator und seit kurzer Zeit selbstständig. Nun betreute er Privatkunden und kleinere Firmen mit Computerproblemen.
Auch Carina hatte sich einen Tag von der Uni frei genommen. Sie studierte Kommunikationswissenschaft an der LMU München. Dieses Semester hatte sie freitags immer nur eine Vorlesung und ein Seminar. Heute hatte sie ausnahmsweise mal geschwänzt. Sonst war Carina eine sehr gewissenhafte Studentin, die kaum fehlte – da konnte sie sich das an diesem besonderen Tag schon einmal erlauben.
Das Wetter war ihnen gnädig. Es war ein wunderbarer Tag für sie beide. Und am Abend wollten sie sich noch mit Isa, David und Tobi treffen, was den Tag sicher perfekt machen würde…
Zu Hause angekommen demonstrierte Isa ihrem Freund David die Selbstverteidigungstechnik gegen den Messerangriff. Er gab ihr noch ein paar Tipps, bis er schließlich zufrieden war und sie lobte: „Super! Wenn du das nächste Woche im Training nochmal übst, müsste es sitzen. Verbrecher, fürchtet euch!“
Isa lachte und verschwand im Badezimmer: „Bis gleich, großer Meister!“
Als Isa zwanzig Minuten später aus der Dusche kam und sich gerade abtrocknete, steckte David seinen Kopf ins Badezimmer und gab seiner Freundin einen Kuss auf den noch nassen Rücken. Ihre makellose Haut duftete verführerisch.
Grinsend fragte er: „Darf ich beim Abtrocknen helfen?“
Isa hielt das Handtuch fest und schob ihn kichernd ein Stückchen von sich: „Nichts da – du kommst sonst bloß auf dumme Gedanken! Wir wollen doch in einer Viertelstunde los, oder?“
Er seufzte: „Ja.“
Sie drehte sich zu ihm, gab ihm einen Kuss auf die Nasenspitze und lächelte ihn aus ihren temperamentvoll blitzenden dunkelbraunen Augen kokett an: „Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.“
„Das klingt schon besser“, erwiderte ihr Freund hoffnungsvoll, und machte ihr Platz, damit sie an ihm vorbeikonnte.
Rasch zog Isa sich ausgehfertig an, frisierte ihre langen, schwarzen Locken und legte etwas Lipgloss auf.
Dann hüpfte sie fröhlich in die Diele und ergriff Davids Hand: „Fertig!“
Kopfschüttelnd betrachtete der junge Kriminalkommissar seine hübsche zwanzigjährige Freundin, die schon wieder vor Energie und Lebensfreude zu platzen schien: „Warst du nicht gerade noch müde? Wie machst du das bloß?“
Sie kicherte: „Italienisches Blut? Egal! Komm, lass uns gehen!“
Ihre gute Laune war ansteckend. Lächelnd griff David nach seinem Mantel und öffnete Isa die Tür.
Mit der S-Bahn fuhren sie zum Isartor, wo sie sich in einer Tapasbar mit Isabellas bester Freundin Carina, deren Freund Ben und Davids Kollegen und Freund Tobi treffen wollten.
Tobi und David arbeiteten seit zwei Jahren zusammen in der Abteilung Staatsschutz beim LKA. In dieser Zeit hatten sie einige Aufträge zusammen gemeistert. David hatte Isa kennengelernt, als Tobi und er wegen Spionageverdachts gegen Ben ermittelt hatten. Damals hatten Carina und Isabella sehr entschieden gehandelt, um Ben zu entlasten. Und David hatte sich in Isa verliebt.
Hand in Hand schlenderte das junge Paar nun auf den vereinbarten Treffpunkt zu.
Tobi wartete vor der Tapasbar auf sie. Der knapp dreißigjährige Kriminaloberkommissar trug eine schwarze Lederjacke zu Blue Jeans und zog mit seiner sportlichen Statur die Blicke der weiblichen Gäste auf sich – ohne darauf aus zu sein. Er war 1,85 m groß, hatte breite Schultern und schmale Hüften, war schlank, aber muskulös. Damit fiel er in das „Beuteschema“ von 90 Prozent aller Frauen, die annähernd seiner Altersklasse entsprachen. Seine blonden Haare trug Tobi kurz geschnitten, was seine markanten Gesichtszüge und die blauen Augen betonte.
Er lächelte erfreut, als er David und Isa erblickte. Kurz darauf trafen auch Carina und Ben ein. Carina umarmte Tobi lächelnd und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Die Männer begrüßten sich per Handschlag.
Eine Kellnerin führte die fünf Freunde zu einem freien Tisch, wo sie sich setzten. Es roch sehr appetitlich.
„Sollen wir Mädels was zum Essen aussuchen? Ich war schon ein paar Mal hier“, meinte Isabella.
Tobi zwinkerte den Freundinnen zu: „Gute Idee. Wir vertrauen euch.“
„Ha! Ha! Vielen Dank auch!“, feixte Carina.
Kurz darauf schlenderten Carina und Isa zusammen an den in der Glastheke adrett hergerichteten Speisen vorbei und notierten einige Nummern auf einem kleinen Zettel.
„Mmh, mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen – es riecht so gut nach Gebratenem. Nehmen wir mit Speck ummantelte Pflaumen und gebratene Garnelen?“, schlug Carina vor.
Isa nickte und schrieb drei weitere Nummern auf: „Schinken, Oliven und die Fleischklößchen müsst ihr auch mal probieren!“
Zurück an ihrem Tisch bestellten sie die Getränke.
„Auf einen schönen Abend. Salute!“, prostete Isabella den anderen mit ihrem Sangria fröhlich zu. Sie stießen miteinander an. David trank ein alkoholfreies Bier – er musste später noch Auto fahren.
Bald brachte der Kellner frisches Weißbrot und die bestellten Speisen. Sie ließen es sich schmecken und sogen nebenbei die südländische Stimmung in sich auf. Fröhliches Stimmengemurmel und leise Flamencomusik erfüllten die gut besuchte Bar. Die Projektion eines majestätischen Gebäudes an eine Seitenwand ließ die Bar größer erscheinen, als sie eigentlich war.
Nachdem der größte Hunger gestillt war, plapperte Isabella fröhlich drauf los. Mit ihrer unbefangenen Art und ein paar lustigen Szenen aus der Schauspielschule, die sie zum Besten gab, brachte sie alle zum Lachen. „Kennt ihr die `Herren im Bad` von Loriot? `Die Ente bleibt draußen!` – `Herr Müller-Lüdenscheidt, ich bade immer mit dieser Ente!`“
Tobi lachte laut auf: „Klar kenne ich das. Ich liebe Loriot!“
Währenddessen kostete Carina den Serrano-Schinken: „Hmm… Lecker!“ Ben piekste eine Olive aus einem der Keramikschälchen und bot sie ihr an: „Probier die mal dazu!“ Carina kostete die Olive und schloss genüsslich die Augen: „Sehr gut!“
Tobi schob ihnen ein Schälchen hin, in dem spanische Fleischklößchen lagen: „Die sind auch klasse!“
Während Ben und Carina von dem Fleisch nahmen, erzählte Tobi: „Letztes Wochenende war ich beim Gleitschirmfliegen – zum ersten Mal in meinem Leben. Ein Freund von mir hat einen eigenen Gleitschirm und hat mich schon vor Jahren zu einem Tandemflug eingeladen. Jetzt hat es endlich geklappt: Wir hatten beide Zeit, und das Wetter war super. Wir sind vom Oberen Sudelfeld aus mit dem Gleitschirm gestartet und hatten beim Flug einen tollen Blick auf den Wendelstein und Bayrischzell. Das war echt ein besonderes Erlebnis.“
Carina hatte andächtig zugehört. „Würde ich auch gerne mal machen. Ich habe bloß ein bisschen Angst davor.“
Ben legte den Arm um ihre Schulter: „Das könnten wir uns ja mal für deinen nächsten Geburtstag vornehmen.“
Seine Freundin sah ihn mit aufgeregt glänzenden Augen an: „Oh ja, cool! Hoffentlich traue ich mich dann auch.“
Tobi zwinkerte ihr ermutigend zu: „Das schaffst du schon. Wenn du dich überwindest und den Start hinter dir hast, ist es einfach nur noch schön. Und mit einem erfahrenen Tandempartner klappt auch die Landung sicher.“
Sie unterhielten sich weiter über ihre Pläne für die nächsten Wochenenden und den nahenden Sommer.
Gegen 22 Uhr zogen Carina und Ben, Isa und David noch weiter in einen kleinen Club, wo man auch vor Mitternacht schon gut tanzen konnte.
Tobi verabschiedete sich zuvor grinsend mit den Worten: „Geht ihr mal tanzen, ihr junges Gemüse. Ich brauche meinen Schönheitsschlaf.“
Für diesen Ausspruch erntete er schallendes Gelächter, denn er war ja auch erst 29 Jahre alt. Sie verabschiedeten sich von Tobi, der sich neben den beiden Paaren wohl ein wenig wie das fünfte Rad am Wagen fühlte und sich deshalb diskret zurückzog.
Im Club tanzten sie noch eine Weile ausgelassen.
Auf der Heimfahrt, nachdem sie von der S-Bahn ins Auto umgestiegen waren – es war kurz nach Mitternacht – war David sehr still.
Isa wandte sich ihm aufmunternd zu: „Hey, David, was ist los? Müde?“
Er parkte das Auto vor Isabellas Haus. Beide stiegen aus.
Isa ging sofort auf David zu, umschlang ihn mit ihren Armen und sah ihm auffordernd in die blauen Augen: „Du kommst doch noch mit rein, oder?“
„Ich weiß nicht. Ich muss morgen früh raus. Hör zu, Isa, ich muss dir etwas sagen…“, setzte er an.
Doch Isa, vom Sangria leicht angeheitert, unterbrach ihn übermütig. „Oh nein, so leicht kommst du mir nicht davon! Du wolltest doch mit mir nochmal die Selbstverteidigungstechnik üben...“, gurrte sie verführerisch. Sie packte ihn am Hemdkragen und zog ihn mit sich, in Richtung Haus.
David sträubte sich für einen Moment, doch als Isa sich noch einmal zu ihm umdrehte, ihm tief in die Augen sah, sich eng an ihn schmiegte und ihm mit ihren rot lackierten Fingernägeln über die Brustwarzen fuhr, da warf er alle guten Vorsätze über Bord. Ein kehliges Stöhnen entfuhr ihm, und er packte seine Freundin an der schlanken Taille: „Das könnte aber gefährlich werden…“
Sie lächelte siegessicher: „Für wen?“
Er küsste sie leidenschaftlich und ließ seine Hände über Isabellas Rundungen gleiten.
Sie keuchte: „Jetzt komm schon rein… Die Nachbarn!“
Kichernd zog sie ihn mit sich ins Haus.
Etwas später lagen die beiden wohlig aneinander gekuschelt unter einer Wolldecke im Wohnzimmer. Auf dem Teppich neben dem Sofa. Weiter waren sie nicht gekommen.
David richtete sich auf und sah seiner Freundin ernst in die Augen: „Ich muss jetzt gehen. Aber vorher muss ich dir noch etwas sagen. Hör zu, Isa: Ich habe ab morgen einen Einsatz, bei dem ich nicht offen ermittle. Ein Kontaktmann vom LKA will mich in eine… Gruppe einschleusen, mit der ich angeblich ein… Geschäft abschließen will. Ich werde mich aus Sicherheitsgründen nicht zwischendurch bei dir melden, und ich nehme auch mein privates Handy nicht mit. Du kannst mich also nicht erreichen. Das Ganze wird, wenn es gut läuft, eine Woche dauern. Ich hoffe, nicht länger. Danach melde ich mich sofort bei dir, in Ordnung?“
Isa hatte große Augen bekommen, in denen sich nun Sorge spiegelte: „David, das gefällt mir nicht! Diese Gruppe – das sind irgendwelche Verbrecher, oder? Das ist gefährlich für dich!“
Der junge Kriminalkommissar schluckte: „Ich bin gut vorbereitet, und unser Kontaktmann ist zuverlässig. Ein gewisses Risiko ist natürlich immer dabei – aber auf so eine Gelegenheit haben wir schon lange gewartet. Wir können uns diese Chance nicht entgehen lassen. Mir wird schon nichts passieren. Und das gehört nun mal auch zu meinem Job dazu.“
Isa biss sich auf die Unterlippe und sagte mit belegter Stimme: „Ich habe Angst um dich!“
David nahm seine Freundin fest in die Arme und drückte sie tröstend.
Zärtlich küsste er sie auf die Stirn.
Schließlich löste Isa sich von ihm, zeichnete ihm mit dem Daumen ein Kreuz auf die Stirn und murmelte etwas auf Italienisch. David sprach nur ein paar Brocken italienisch, verstand aber, dass sie um Gottes Segen für ihn bat.
„Danke“, murmelte er gerührt und küsste sie noch einmal, bevor er aufstand und sich anzog.
„Pass gut auf dich auf!“, bat Isa leise, als er in der Dunkelheit das Haus verließ. Kurz darauf hörte sie, wie David den Motor startete und wegfuhr.
Es war Freitag, 6.30 Uhr. Isabella räumte in ihrer Küche das Geschirr weg. Sie hatte gerade fertig gefrühstückt und wollte sich noch kurz eine Szene durchlesen, die sie heute in der Schauspielschule vorspielen sollte, als ihr Handy klingelte. Das Display zeigte eine ihr unbekannte Rufnummer an.
Neutral meldete sie sich: „Isabella Caspari.“
„Isa, hier ist David“, erklang seine Stimme leise aus dem schnurlosen Telefon.
Freudestrahlend sprang Isa auf. Sie hatte seit zwei Wochen nichts von David gehört. War sein Einsatz endlich beendet?
„Buon giorno, amore mio!“, trällerte sie.
Doch Davids Antwort dämpfte ihre gute Laune augenblicklich: „Hör gut zu Isa, ich habe nicht viel Zeit. Ich hinterlege zwei weiße, unbeschriftete Umschläge im Nymphenburger Park beim grünen Brunnhaus im Wald, bei einer Eiche auf der anderen Seite des Kanales, etwa zehn Meter vom Weg entfernt. Hole sie bitte schnellstmöglich ab! Das ist wichtig! Du musst suchen, bis du sie findest! Bring die Umschläge zum LKA, Maillingerstraße 15. Übergib sie an Herrn Amper. Er ist bei diesem Einsatz mein Führer. Du findest ihn in Zimmer 314. Gib sie ihm nur persönlich – und betritt sein Zimmer nur, wenn er es dir erlaubt! – Wiederhole das bitte.“
Perplex wiederholte Isa Davids Anweisungen. Dann setzte sie zu einer Frage an: „David, was ist los? Ist alles in Ordnung?“
David klang gehetzt, als er antwortete: „Ich kann nicht länger sprechen. Tu, was ich dir gesagt habe – jetzt sofort – und ruf nicht zurück! Ich muss mich jetzt auf dich verlassen können. Ich…“
Plötzlich brach der Anruf ab.
„David?“, fragte Isa noch einmal vergeblich in den Hörer hinein.
Keine Antwort. Die Verbindung war abgebrochen.
Sie schluckte. Was war da los? Was war das denn für ein seltsamer Anruf gewesen?
Beunruhigt starrte sie ihr Handy an, als ob es ihr eine Erklärung liefern würde. Sollte sie zurückrufen?
Nein, David hatte das nicht gewollt.
Ihr Herz schlug schnell – sie hatte Angst um ihn! Nervös biss sie sich auf die Unterlippe. Er steckte in Schwierigkeiten, da war sie sich fast sicher. Sonst hätte er sie nicht um diesen Botengang gebeten. Irgendetwas stimmte nicht.
Die Schauspielschule war ihr auf einmal egal. Sie musste tun, worum ihr Freund sie gebeten hatte. Nur das war jetzt wichtig!
Rasch schulterte sie ihren Rucksack und machte sich auf den Weg zu dem Waldstück, das David ihr beschrieben hatte. Es war ganz in der Nähe ihres Hauses.
Vielleicht, wenn alles gut klappte, kam sie danach sogar noch pünktlich zur Schauspielschule. Aber erst musste sie diese Umschläge finden und beim LKA abgeben. Hoffentlich konnte ihr dieser Herr Amper eine Erklärung für Davids Verhalten geben. Ob er wohl die Möglichkeit hatte, ihren Freund zu kontaktieren? Sie hoffte es. Sie wollte wissen, ob es ihm gut ging.
Unruhig lief Isa los.
Mit dem Fahrrad erreichte Isa rasch die Stelle im Nymphenburger Park, die David ihr beschrieben hatte. Vor Ort aber musste sie länger suchen, bis sie die beiden Umschläge fand. David hatte sie unter die Rinde einer abgestorbenen Eiche geschoben, so dass sie kaum zu sehen waren.
Neugierig betrachtete sie die zugeklebten Umschläge ein paar Sekunden lang. Einer war klein und leicht, der andere etwas größer als DIN A 4, wattiert, schwer und dick. Was mochten sie enthalten?
Energisch riss sie sich aus ihren Gedanken: Sie musste weiter! Die Umschläge zum LKA bringen und übergeben!
Zügig radelte Isa zurück nach Hause, stellte ihr Fahrrad dort wieder ab und lief zum Bus, mit dem sie losfuhr in Richtung Maillingerstraße.
Bald stieg sie um in die Straßenbahn und fuhr noch einige Stationen.
Als Isabella sich schließlich zu Fuß dem LKA näherte, spürte sie, wie ihre Nervosität stieg. Sie verband nicht gerade angenehme Erinnerungen mit ihrem bisher einzigen Aufenthalt in der Polizeibehörde. Damals hatte sie hier zwei Tage in einer Zelle verbracht.
Isa versuchte, ihre Aufregung hinunterzuschlucken – schließlich hatte sie nichts Böses im Sinn. Sie musste nur einen Brief abgeben, das konnte ja wohl nicht so schwer sein.
Sie straffte ihre Schultern und stieg die wenigen Stufen zum Eingang hinauf. „Kopf hoch – wie beim Auftritt auf der Bühne. Das kannst du doch gut, Isa!“, sprach sie sich selbst Mut zu.
Etliche Menschen strömten gerade ins Gebäude – für die Mitarbeiter des LKAs begann ein neuer Arbeitstag. Zu Isabellas Linken lag die Pförtnerloge. Sie trat darauf zu. Als der Pförtner – ein grauhaariger Herr um die sechzig mit einem kleinen Bierbäuchlein – sie gelangweilt ansah, holte sie tief Luft: „Guten Morgen. Ich soll einen Brief hier abgeben – für Herrn Amper.“
„Welche Abteilung?“, wollte der Pförtner wissen.
Unsicher entgegnete Isa: „Staatsschutz, denke ich. Zimmer 314.“
„Ich kann Sie aber nicht hereinlassen. Sie können den Brief hier an Herrn Amper übergeben.“
Isa zuckte mit den Schultern: „Von mir aus.“
Hauptsache, sie konnte ihre Aufgabe erfüllen – und Herrn Amper fragen, ob er Kontakt zu David hatte.
„Ihren Personalausweis, bitte!“
Isa zog ihren Ausweis aus dem Geldbeutel und legte ihn an das altmodische Schiebefenster. Der Pförtner zog den Ausweis zu sich heran und trug ihren Namen, das Datum und die Uhrzeit sowie die Zielabteilung in ein Gästebuch ein. Dann griff er zum Telefon und wählte eine Nummer. Es klingelte eine Weile. Isa beobachtete es ungeduldig. Schließlich schüttelte der Pförtner den Kopf: „Tut mir leid, es geht niemand ran.“
„Es ist aber dringend“, beharrte Isa. „Ich muss den Brief heute übergeben! Können Sie vielleicht jemand anderen aus der Abteilung anrufen und fragen, wo Herr Amper ist? Oder Sie rufen Herrn Hesche an – Kriminaloberkommissar Tobias Hesche vom Staatsschutz. Den kenne ich persönlich.“
Der Pförtner seufzte genervt: „Schön für Sie. Ich kann jetzt aber nicht jeden Ihrer persönlichen Bekannten anrufen, bloß weil Sie einen Brief abgeben wollen!“
Isa schenkte ihm ein Lächeln, in das sie ihren ganzen italienischen Charme hineinlegte: „Bitte!“
Er lenkte ein: „Na schön, ich frage nach.“
Wieder wählte er eine Nummer, sprach kurz, lauschte. Kurz darauf legte er auf und wandte sich schulterzuckend an Isa: „Herr Amper ist zwar da, aber er ist in einer wichtigen Besprechung und darf nicht gestört werden. Er kann momentan nicht kommen. Und Ihr Herr Hesche ist gerade außer Haus. Sie können den Brief hierlassen.“
„Nein! Ich muss den Brief persönlich übergeben!“, beharrte Isa.
Er überlegte kurz: „Tja – dann kommen Sie am besten heute Nachmittag oder morgen wieder. Sie können auch Ihre Telefonnummer hinterlassen, wenn Sie wollen.“
Heute Nachmittag oder morgen? Verdammt – David war in Schwierigkeiten! Es war dringend! Sie versuchte nochmals, dem Pförtner das zu verdeutlichen und meinte flehend: „Können Sie mich nicht kurz hereinlassen? Ich will doch nur ganz kurz mit Herrn Amper sprechen und ihm diesen Brief geben!“
Doch der Pförtner zuckte mit den Schultern: „Tut mir leid, ich darf Sie nicht hereinlassen. Sie müssen warten oder später wiederkommen.“
Verdammt!
Natürlich hinterließ Isa ihre Telefonnummer. Dann stieg sie die Stufen hinunter und setzte sich ein paar Meter weiter auf ein niedriges Geländer. Später wiederkommen? So einfach war das nicht! Wie stellte der sich das vor?
Während sie wartete – oder es zumindest versuchte – merkte sie, wie Wut in ihr aufstieg. Vielleicht hing Davids Leben davon ab, dass sein „Führer“ – wie das klang! – diesen Brief, diese Nachricht schnell bekam. „Jetzt sofort!“, hatte David gesagt.
Sie musste jetzt da rein, egal, was der Pförtner sagte! Bloß wie?
Ärgerlich schimpfte sie leise vor sich hin. Das durfte alles nicht wahr sein! Sie hatte Angst um David. Sie konnte den Brief nicht übergeben. Und sie kam zu spät in die Schauspielschule.
Wütend zog sie die beiden Briefumschläge aus ihrem Rucksack und starrte darauf, als ob sie sie hypnotisieren wollte. Was mochten sie enthalten?
Plötzlich rutschte der große, schwere Umschlag ihr aus der Hand und fiel zu Boden.
Isa fluchte: „Mist!“
Sie bückte sich, um ihn wieder aufzuheben – doch unerwartet ergoss sich der gesamte Inhalt des Umschlags auf den Boden.
Das Erste, was Isa unverkennbar ins Auge fiel, war… eine Waffe!
Isa bekam fast einen Herzinfarkt und sah sich panisch um: Hatte jemand das bemerkt?
Gott sei Dank sah gerade niemand zu ihr. Rasch hob sie die Pistole auf und ließ sie in ihrem Rucksack verschwinden. Puh! Wieso hatte David eine Waffe in diesen Umschlag gesteckt? Wieder überfiel Angst sie.
„Reiß dich zusammen, Isa!“, befahl sie sich selbst.
Schnell sammelte sie die restlichen Gegenstände auf, die aus dem Umschlag gepurzelt waren, als er aufgeplatzt war.
Als Isa sich wieder aufgerichtet hatte, betrachtete sie die Dinge. Davids Dienstausweis war darunter. Den würde er normalerweise doch auch nicht einfach so weggeben! Ihr Magen krampfte sich zusammen. Der Dienstausweis steckte in einer Plastikhülle. Sie drehte diese um… und da fiel ihr eine weiße Karte ins Auge. So eine hatte sie doch vorher ein paar Mal gesehen – bei den LKA-Mitarbeitern, die das Dienstgebäude betreten hatten. Das musste Davids Zugangskarte sein! Damit könnte sie ins LKA hinein, Herrn Amper suchen – auch ohne die Zustimmung des Pförtners!
Adrenalin durchflutete Isabellas Körper. Aufgeregt überlegte die junge Frau. Sie hatte zuvor, als sie an der Pförtnerloge warten musste, beobachtet, wie andere Mitarbeiter des LKAs mit der weißen Zugangskarte durch die Drehtüren gingen. Karte ans Lesegerät halten, durch die Drehtür gehen – fertig. Das war nicht schwer, das würde sie hinkriegen. Nur durfte der Pförtner sie nicht erkennen. Hektisch kramte sie in ihrem Rucksack. Da waren ihr Sonnenhut und ihre Sonnenbrille. Eine Haarspange fand sie auch noch, mit der sie ihre auffälligen, lockigen, schwarzen Haare hochstecken konnte. Gut! Isa zögerte nicht länger. Das musste doch ein Wink des Schicksals sein, dass der Umschlag aufgeplatzt und ihr die Zugangskarte in die Hände gefallen war. Also los!
Sie verkleidete sich mit den Utensilien, die sie dabeihatte und packte alles Restliche in ihren kleinen Rucksack. Dann, als ein ganzer Schwung Leute von der zuletzt eingetroffenen U-Bahn aufs LKA zukam, schritt Isa – ganz Schauspielerin – selbstsicher mit schwingenden Hüften wiederum auf den Eingang des LKAs zu. Sie sah weder links noch rechts, als täte sie das jeden Tag. Unauffällig mischte sie sich unter die vielen LKA-Mitarbeiter, stellte sich kurz in der weiter von der Pförtnerloge entfernten Warteschlange vor den Drehtüren an und beobachtete die Menschen vor sich. Als sie an der Reihe war, hielt sie wie selbstverständlich Davids Zugangskarte vor das Lesegerät. Ohne Probleme passierte sie die Drehtür.
Ha! Geschafft!
Sie ging noch ein paar Meter weiter und konnte sich ein siegessicheres Grinsen kaum mehr verkneifen. Sie war drin! Im LKA!Jetzt konnte sie Herrn Amper suchen und ihm endlich Davids Brief übergeben. Erleichtert atmete sie auf. Ihr war zwar klar, dass ihr Handeln nicht ganz korrekt war, aber sie hoffte, dass Herr Amper darüber hinwegsehen würde, wenn er hörte, was vorgefallen war.
Okay – jetzt auf zu Zimmer 314! Das war bestimmt im 3. Stock. Unauffällig sah sie sich um und entdeckte ein Treppenhaus. Erleichtert ging sie darauf zu. Einige Schilder wiesen den Weg zu verschiedenen Abteilungen des LKAs. Staatsschutz war nicht dabei. War sie hier richtig? Nachdem sie auf ihre Uhr gesehen hatte – es war schon 8.12 Uhr – lief sie etwas unsicher weiter. Kurz darauf stand sie außer Atem im 3. Stock.
305, 307... da hinten musste 314 sein!
An der Zimmertür hing ein Schild: „Konferenzraum“. Von einem Herrn Amper stand hier nichts. Komisch – hatte David ihr etwa die falsche Zimmernummer genannt?
Isabella klopfte vorsichtig, aber nichts rührte sich. Noch einmal klopfte sie, diesmal etwas lauter, fester. Keine Antwort.
Nervös sah sie sich um. Vielleicht war es eines der Nachbarzimmer? Rasch schritt sie den Gang weiter entlang, in beide Richtungen 20 Meter. Henger, Damm, Albrecht, Unger, Hofmeier, Igmar, Weidemann... aber kein Amper!
Isabella biss sich nervös auf die Unterlippe. Wo zum Teufel war der Raum von Herrn Amper? Jemanden fragen konnte sie schlecht, das würde auffallen!
Sie eilte wieder zurück zum Zimmer 314. Noch einmal klopfte sie energisch und laut. Und wieder kam keine Antwort.
Probeweise drückte sie die Klinke herunter. Die Tür öffnete sich! Mit klopfendem Herzen steckte sie ihren Kopf in den Raum – keiner da. Sie rief: „Hallo?“, weil sie sah, dass an der Seite eine Tür war, die wohl zu einem Nebenzimmer führte. Keine Antwort.
Isabella zog ihren Kopf zurück. Was sollte sie jetzt tun? Wo steckte dieser Herr Amper bloß? Sie sollte den Brief doch persönlich übergeben – aber ihr lief die Zeit davon! Bald begann ihr Unterricht in der Schauspielschule, sie musste eigentlich los! Sie konnte doch nicht das ganze Gebäude jetzt nach Herrn Amper absuchen! Irgendwann würde jemandem auffallen, dass sie nicht hierhergehörte – und dann…
Sie dachte lieber nicht weiter.
Isabella überlegte: Vielleicht fand sie ja hier im Zimmer irgendeinen Hinweis darauf, wo er jetzt war? Zögernd legte sie ihre Hand wieder auf die Türklinke. Aber David hatte gesagt, sie solle Herrn Ampers Zimmer nicht ohne dessen Erlaubnis betreten!
Wieder sah sie auf die Uhr: 8.17 Uhr. Gleich begann die Schauspielschule. Verdammt! Sie musste es versuchen!
Isabella öffnete die Tür und betrat das Zimmer. In der Mitte des etwa zehn Meter langen Raumes stand ein großer Tisch. Einige Papiere lagen darauf verstreut, an den Wänden waren Informationen angepinnt. Nervös griff Isabella nach einigen Papieren auf dem Tisch: Amtliche Mitteilung, Fortbildung... nichts von einem Herrn Amper! Sie bemerkte, dass ihre Hände leicht zitterten. Nun ging sie zur Pinnwand und begann, die Zettel dort zu betrachten: Sie hatten ähnliche Inhalte wie die auf dem Tisch, dazu gab es hier Landkarten und Kopien aus irgendwelchen Zeitschriften.
Plötzlich schrak Isabella zusammen: Draußen auf dem Gang näherten sich Schritte! Sie erstarrte und lauschte: Die Schritte und Stimmen mehrerer Leute... und sie kamen näher, ohne jeden Zweifel.
Sie konnte jetzt nicht rausgehen, sonst würden die sie sehen – und sie durfte doch eigentlich nicht im Gebäude sein, schon gar nicht in diesem Raum! Und wenn sie nun hierher kämen, in dieses Zimmer, und sie dort erwischen würden? Sie würde mächtigen Ärger bekommen, weil sie das Zimmer – das LKA – ohne Erlaubnis betreten hatte. Das musste sie vermeiden!
Die Schritte waren nur noch wenige Meter entfernt. Sie musste etwas tun! Ihr Blick fiel auf die Tür zum Nebenzimmer. Ohne lange zu überlegen öffnete Isabella sie, schlüpfte in das dämmerige Zimmer hinein und schloss die Tür hinter sich. Hoffentlich gingen die Leute vorbei!
Sie hörte, wie die Schritte die Zimmertür erreichten und kurz verklangen.
Eine laute, ärgerliche Stimme ertönte: „Da hat doch schon wieder jemand die Tür offen stehen lassen! So langsam sollte doch jeder wissen, dass die Türen geschlossen bleiben sollen!“
Isabella biss sich auf die Lippe.
Eine andere Stimme meinte: „Ich werde Herbner sagen, er soll die Putzleute noch einmal daran erinnern.“
Isabellas Herz beruhigte sich kurz wieder – bis sie hörte, wie die Schritte nicht weitergingen, sondern das Zimmer betraten!
Drei oder vier Leute waren es wohl.
Sie hörte, wie Stühle gerückt wurden. Man setzte sich!
Ihr Adrenalinspiegel stieg wieder – die wollten sich doch jetzt wohl nicht häuslich da drinnen niederlassen?
Wieder ein Blick auf die Uhr: 8.20 Uhr!
In zehn Minuten begann die Schauspielschule. Und sie hatte Davids Brief immer noch nicht übergeben!
Verzweifelt sah sie sich um: Der Raum, in dem sie sich nun befand, hatte keine andere Tür. Es schien so eine Art kleine Küche zu sein: Kisten mit Getränken waren in einer Ecke gestapelt, außerdem gab es mehrere Schränke, eine Spüle, eine Mikrowelle und etwas, das aussah, wie ein Kühlschrank... aber keine Tür. Verdammt! Sie saß in der Falle.
Isabellas ganzer Körper vibrierte vor Nervosität. Was jetzt?
Sie hörte, dass im Zimmer nebenan gesprochen wurde, verstand aber nicht, worüber. Da legte sie ihr Ohr an die Tür und lauschte, um herauszukriegen, ob die da drinnen bald wieder gehen würden.
Eine Männerstimme sagte gerade: „Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass dieses Gespräch streng geheim ist! Nur wir wissen von dieser Operation, und wir müssen sie ohne fremde Hilfe durchführen. Kein Wort zu jemand anderem! Ist das klar?“
„Jawohl, Herr Kriminaldirektor!“, ertönten drei andere Stimmen fast gleichzeitig.
Isabella wurde blass und wich von der Tür zurück – auch das noch! Sie war in eine streng geheime Besprechung mit einem Kriminaldirektor hineingeraten. Das konnte doch alles nicht wahr sein! Jetzt wurde die Lage wirklich unangenehm – sie durfte gar nicht daran denken, was wäre, wenn die sie jetzt erwischen würden! Dummerweise war sie nicht mal unschuldig an diesem Schlamassel. Super gemacht, Isa!
Ihr Herz raste und ihre Knie wurden weich. Nach Luft ringend ließ sie sich leise auf den Fußboden sinken, um einen klaren Kopf zu bekommen. Ihr ging erst jetzt auf, dass ihre Lage tatsächlich vertrackt war. Wenn die sie hier fänden…
Verzweifelt biss Isabella sich auf die Unterlippe: Sie musste hier raus, und zwar schnell!
