Aufstand der Tiere - Piers Torday - E-Book

Aufstand der Tiere E-Book

Piers Torday

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Beschreibung

Einst hat Kester die Tiere gerettet: Wird es ihm jetzt
gelingen, die Menschen zu retten?


Er dachte, sein Abenteuer sei vorbei. Doch er hat sich getäuscht. Kester lebte in einer Welt, in der fast alle Tiere ausgerottet waren. Bis er die letzten ihrer Art kennenlernte und feststellte, dass er mit ihnen sprechen kann. Und dass es seine Mission ist, sie zu retten. Doch unter den überlebenden Tieren gibt es einige, die an den verhassten Menschen Rache nehmen wollen – tödliche Rache. Nur Kester kann die Verschwörung noch stoppen.

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Seitenzahl: 372

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Aus dem Englischen vonPetra Koob-Pawis

Kinder- und Jugendbuchverlagin der Verlagsgruppe Random House

1. Auflage 2015

© 2015 der deutschsprachigen Ausgabe cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag

in der Verlagsgruppe Random House, München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Text © Piers Torday 2014

Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel

»The Dark Wild« bei Quercus, UK

Übersetzung: Petra Koob-Pawis

Umschlag und Innenillustration: © Thomas Flintham

Umschlagkonzeption: Zeichenpool, München

CK · Herstellung: CF

Satz und Reproduktion: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-13995-7www.cbj-verlag.de

Für Will, der es immer als Erster lesen muss.

Natur gekettet und unter ewigem Joch,Der stolze Mensch ist Feind von allem doch.

Summer Evening, John Clare (1835)

Kapitel 1

Im Schatten unseres Apfelbaums, mit Blick über einen Fluss in einer Stadt aus Glas, ergreife ich Dads Hand und beobachte, wie unser Feind auf uns zufliegt.

Der Feind ist ein schwarzer Punkt, der, von Premia kommend, dicht über dem Wasser schwebt, während die Rotorblätter mit lautem Wuppwupp die Luft zerschneiden. Als die Sonne hinter den Türmen versinkt, nimmt der Himmel eine Farbe an, wie sie Mandarinen früher einmal hatten. Der kleine Punkt in der Luft reflektiert die letzten Strahlen des orangefarbenen Lichts.

Der Punkt ist inzwischen kein Punkt mehr, sondern eine große metallene Flugmaschine.

Ein Hubschrauber. Ein purpurroter Hubschrauber, auf den ein großes F gemalt ist. Mehr musst du noch nicht wissen.

(Vielleicht sollte ich dir noch verraten, wo wir uns befinden.)

Der Apfelbaum, unter dem wir warten, steht in Dads Garten hinter unserem Haus in unserer kleinen Sackgasse. Seit sechs Jahren ist hier niemand mehr gewesen, alles ist zugewachsen und überwuchert. Dad drückt meine Hand, um mir wortlos zu sagen, dass ich keine Angst haben soll. Als wäre das so einfach, wenn man in der Falle sitzt und es keinen Fluchtweg gibt.

Auf der anderen Seite neben mir steht ein Mädchen mit einer großen Kröte in der Hand. Das Mädchen aus dem verlassenen Haus in Norden. Das Mädchen, das mich geheilt hat, als ich krank war, und das einmal mein Leben gerettet hat. Es legt den Kopf in den Nacken und blickt zum Himmel. In den zerzausten Haaren stecken Zweige, und das Mädchen fröstelt, weil es nur ein dünnes T-Shirt anhat.

Das ist Polly, die beste Freundin, die ich je hatte.

Hinter uns scharen sich meine anderen Freunde, mit denen ich sogar sprechen kann: der große Hirsch, der jetzt nervös mit den Ohren zuckt, daneben der kleine Wolf, dessen Flanke immer noch bandagiert ist. Auf seinem Rücken hüpft die Erntemaus auf und ab, sie führt ihren speziellen Tanz-der-Flugmaschine auf (der aus sehr vielen Drehungen besteht).

Und zu guter Letzt, auf meinem Schal, der General aller Kakerlaken. Er wackelt mit den Fühlern und sein harter orangefarbener Panzer schimmert wie fein poliert.

Um uns herum, halb verborgen in der Dämmerung, warten noch fast hundert weitere Tiere. Ein Otter, Iltisse, Marder, Kaninchen und ein aufgeregt herumhüpfendes rotes Eichhörnchen. Vögel in den Bäumen, in den Büschen Bienen und im Gras unzählige Käfer und Insekten.

»Versteck sie«, sagt Dad, ohne mich anzusehen. Er lässt den Hubschrauber keine Sekunde aus den Augen.

Ich blicke ihn fragend an.

Scharf sagt er zu mir und Polly: »Wenn ihr eure Tiere am Leben erhalten wollt, dann versteckt sie. Und zwar schnell!«

Und das machen wir. Auf meinen Befehl hin tauchen sie im Gebüsch unter, verschwinden hinter Bäumen, manche graben sich sogar in die Blumenbeete. Polly sammelt schnell abgebrochene Zweige, damit sich Tiere darunter verbergen können. Sogar der tapfere General kriecht in meine Hemdtasche und zieht die Fühler ein.

Keines der Tiere gibt einen Laut von sich, sie sind es mittlerweile gewöhnt, wegzurennen und sich unsichtbar zu machen. Bis auf das laute Wuppwupp des Hubschraubers ist alles still.

Jetzt ist keine Zeit, um nachzudenken, uns bleibt nichts anderes übrig als darauf zu hoffen, dass die Tiere in der Dämmerung hinter wuchernden Pflanzen und Klettergewächsen tatsächlich nicht zu sehen sind. Im letzten Moment findet auch das rote Eichhörnchen, das verstört im Kreis herumgerannt ist, eine Zuflucht unter einem verblühten Rosenbusch.

Der Hubschrauber wirbelt Zweige und Blätter kreuz und quer durch die Luft. Die dicke Staubwolke reizt die Kehle und erschwert das Atmen. Das kalte Scheinwerferlicht blendet, und der Luftsog zwingt uns zurückzuweichen, im Umkreis der Maschine ist das Gras bereits plattgedrückt. Dad duckt sich und zerrt Polly und mich von den Rotoren weg.

Der kleine Wolf fängt zu knurren an, als der Hubschrauber immer weiter nach unten sinkt. Jetzt riecht es nicht mehr nach Garten und Fluss, sondern nach Öl und Benzin. Die Hitze der knirschenden Rotoren treibt mir das Wasser in die Augen, sie sind inzwischen so nah, dass man sie fast berühren kann.

Ich bin die Große Wildnis, der Anführer der Tiere. Ich warte und ich weiche nicht. Nicht vor dem grellen Licht, dem Brüllen der Maschine, dem Wind.

Der Hubschrauber landet und allmählich kommen die wirbelnden Rotoren zum Stehen.

Polly umklammert meine Hand.

Für einen Moment ist der Helikopter still und dann …

… wird eine Tür aufgestoßen. Klappstufen werden heruntergelassen. In dem schummrigen Licht hinter uns fängt Pollys Kröte an zu quaken.

Wir versuchen, in der dunklen Hubschrauberkabine etwas zu erkennen, weichen aber sofort zurück, als einige Männer die Stufen herunterpoltern und in unseren Garten stürmen. Es sind Keuler. Sie tragen klirrende Helme, gepolsterte Uniformen und Stiefel.

Ohne Vorwarnung legen sie ihre langen Pfeilgewehre an und nehmen uns ins Visier. Dad. Polly. Und mich.

Wir drei sehen uns nervös an und heben ganz langsam die Arme.

In der nächtlichen Dunkelheit kommt ein Mann auf uns zu. Ein kleiner Mann in einem grauen Anzug, der soeben gelenkig und flink aus dem Hubschrauber gestiegen ist.

Ein Mann, dessen Porträt ich schon einmal gesehen habe, und zwar im Arztzimmer von Mentorium.

Er blickt auf seine Füße und reibt sich die Hände. Dann zupft er an seinen Manschetten und streicht sein dünnes Haar glatt. Er räuspert sich, richtet seine hinter schimmernden Brillengläsern verborgenen Augen auf uns und sagt lächelnd zu Dad: »Verzeihen Sie mir, dass ich so unangemeldet bei Ihnen auftauche, Professor Jaynes.«

Dad sagt kein Wort, aber er bebt am ganzen Leib. Ich habe ihn noch nie zuvor so erlebt, ich kann richtig sehen, wie seine Hände zittern. Ich nehme mir fest vor, nicht zu zittern. Aber das ist schwieriger als gedacht.

Jetzt kommt der Mann zu mir. Er nimmt die Brille ab und zieht ein Taschentuch hervor, um damit einen schmierigen Fleck wegzuwischen. »Weißt du, wer ich bin?«, fragt er mich.

Ich nicke.

Lächelnd setzt er seine Brille wieder auf. »Gut. Weißt du, womit ich mich beschäftige?«

Wo soll man da anfangen? Er beschäftigt sich damit, Viren freizusetzen, die die gesamte Tierwelt ausrotten, damit wir gezwungen sind, die von ihm hergestellte künstliche Ersatznahrung zu uns zu nehmen. Er beschäftigt sich damit, die letzten noch überlebenden Kreaturen abzuschlachten und Lügen zu verbreiten, wonach die Menschen sich angeblich mit dem Virus infizieren können. Er beschäftigt sich damit, meinen Dad gefangen zu halten, nur weil der ein Gegenmittel entdeckt hat.

»Auch wenn du es vielleicht nicht so siehst, aber ich sorge für Ordnung«, sagt Selwyn Stone ruhig und beherrscht. Er ist wie ein Draht, der jeden Augenblick reißen kann, es aber nicht tut, weil er aus Stahl ist. »Ich treffe schwierige, unangenehme Entscheidungen zum Wohle aller. Ich bekämpfe den Hunger, ich sorge dafür, dass das Geld in Umlauf bleibt, und ich beschütze jeden einzelnen auf diesem Planeten vor den Gefahren einer feindlichen Umwelt.« Er faltet die Hände vor der Brust wie ein Priester. »Als Gegenleistung erwarte ich lediglich ein bisschen Unterstützung.« Seine polierten Schuhe versinken im hohen Gras, als er noch etwas näher kommt. Polly und ich weichen vor ihm zurück.

»Zum Beispiel«, fährt er fort, »könnte ich euch bitten, keine Zeit darauf zu verschwenden, ein Heilmittel gegen ein Virus zu suchen, das wir ohnehin ausrotten werden. Oder ich könnte euch auffordern, nicht länger heimlich infizierte Tiere mitten in unsere Hauptstadt zu schmuggeln. Solche Sachen eben.«

Inzwischen zittere ich ebenfalls, meine Beine sind ganz wacklig und ich kann nichts dagegen tun. Polly ist stumm wie ein Fisch, sie wagt es kaum, Luft zu holen.

Im Licht des Monds, der voll und hoch am Himmel steht, zeichnet sich die Schädelform des Mannes genau ab. Er steckt die Hand in die Jackentasche und holt einen kleinen Gegenstand hervor.

Eine Pistole. Die kleinere Version der Gewehre, die die Keuler auf uns gerichtet haben.

»Falls du diese Tiere auch jetzt noch schützt, erwarte ich, dass du es mir sagst. Ich denke, das ist nicht zu viel verlangt.«

*Keiner rührt sich vom Fleck!*, befehle ich den Tieren, die hinter uns im Dunkeln kauern.

Stone wirbelt herum und richtet die Pistole auf mich. Ich muss schlucken. Hoffentlich hat er nicht gemerkt, dass ich mit ihnen geredet habe. »Also, Kester. Raus damit. Versteckst du irgendwelche Tiere hier im Garten?«

»Nein«, sage ich. Es ist das einzige Wort, das ich laut aussprechen kann.

Stone nickt und legt seine freie Hand auf meine Schulter. Seine Stimme ist freundlich, als er zu mir spricht. »Ich verstehe, dass du es mir nicht sagen willst. Mir ist klar, dass du viel durchgemacht hast. Bestimmst hältst du dich für äußerst mutig. Du bist aus Mentorium geflohen und hast deine junge Freundin gerettet, nachdem wir ihre Eltern festgenommen haben. Du hast diese Tiere um dich geschart und hierher gebracht, du hast deinen Vater befreit … kein Wunder, dass du erschöpft bist!«

Er lächelt, als hätte er einen Witz gemacht, allerdings lacht niemand darüber.

»Keine Angst, du musst es mir nicht sofort sagen. Kein Grund zur Eile. Wir haben Zeit. Sogar die besttrainierten Tiere der Welt können nicht für immer stillhalten.«

Ich würde ihm am liebsten in sein dämliches Brillengrinsegesicht reinhauen und ihm sagen, dass sie nicht dressiert, sondern wild sind, und dass wir uns gegenseitig verstehen – etwas, wozu er nie imstande sein wird. Aber ich tue es nicht. Stattdessen … warten wir ab.

Mr Stones Hand liegt leicht wie eine Feder auf meiner Schulter, in der anderen Hand hält er die Pistole. Polly, die neben mir steht, schnieft laut und gibt sich alle Mühe, nicht zu weinen. Dad steht ein paar Schritte entfernt mit gesenktem Kopf da.

Wir warten …

Die Keuler mit ihren Helmen sind dunkle Silhouetten in einem Kreis; mit ihren gezückten Gewehren sehen sie aus wie riesige Plastiksoldaten.

Wir warten …

Der Hubschrauber, dieser große, auf unserem Rasen gelandete Metallvogel, steht plump und behäbig da. Die Sonne ist längst hinter den Türmen der Stadt verschwunden, und auf dem Fluss spiegelt sich der mondbeschienene Himmel, an dem jetzt immer mehr Wolken aufziehen.

Im Garten herrscht Stille.

Wir warten …

Plötzlich hüpft das Eichhörnchen vor Angst zitternd und laut quietschend unter dem Rosenbusch hervor.

*Was ist los?*, ruft es aufgeregt. *Sind wir …*

Beim Anblick von Mr Stone und seinen Keulern verstummt es und wird ganz starr vor Schreck.

*Lauf!*, rufe ich, aber da ist es bereits zu spät.

Ohne mich auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen, zielt Mr Stone mit der Pistole und schießt. Ein Pfeil schwirrt durch die Luft und streckt das Eichhörnchen nieder. Es gibt nicht den geringsten Laut von sich; außer dem Aufprall, als der kleine Körper fällt, ist nichts zu hören. Die Keuler sammeln das Eichhörnchen mit einem Fangnetz ein und steigen wieder in den Helikopter.

Als sich die Rotoren in Bewegung setzen, leuchten die Scheinwerfer auf.

Dad lässt langsam die Arme sinken.

Mr Stone steckt seine Pistole in die Hosentasche. »Den Rest nehmen wir uns später vor«, sagt er ruhig. »Verlasst euch drauf, wir kommen wieder.«

Er will zum Hubschrauber gehen, bleibt aber noch einmal stehen. Auch mein Herz ist kurz davor, stehen zu bleiben.

»Oh, beinahe hätte ich es vergessen«, sagt er. »Es gibt noch eine andere Möglichkeit. Ich könnte mich dazu durchringen, euch die Tiere zu überlassen. Unter einer Bedingung.«

Die großen Scheinwerfer gleiten über den Garten hinweg wie forschende Riesenaugen und verharren direkt bei Dad, der sein Gesicht in den Händen vergraben hat. Der Lichtkegel erfasst den Hirsch hinter dem Baum und den kleinen Wolf im Gebüsch. Für einen Augenblick bin ich geblendet und muss mich wegdrehen. Ich spüre, wie der General sich noch tiefer in meine Tasche vergräbt.

Dann wandert das Licht weiter. Zu dem Mädchen neben mir. Ihre Haare schimmern feurig und wehen im Wind der Rotoren, die sich immer schneller drehen. Der Hubschrauber ist bereit zum Abflug.

Mr Stone geht zu ihr und greift in seine Jackentasche. Aber diesmal bin ich darauf vorbereitet und werde handeln. Es ist mir egal, wie reich und mächtig er ist und wie viele bewaffnete Keuler er in seinem blöden Hubschrauber hat. Wenn er ihr auch nur ein Haar krümmt …

Aber er zieht nur Blumen aus der Tasche hervor. Wie bei einem Zaubertrick.

Ein großes Bukett mit schwarzen Blumen. Stone drückt es Polly in die Hände, und zum ersten Mal hebt er die Stimme, um sich über das laute Dröhnen hinweg verständlich zu machen. »Polly Goodacre. Deine Eltern haben mir alles erzählt. Wenn du die Tiere wirklich retten willst, dann musst du es mir aushändigen. Gib es mir.«

Stone wartet, aber Polly starrt ihn nur wortlos an. »Gib mir, was du hast«, wiederholt er. »Du hast genau achtundvierzig Stunden Zeit. Dann komme ich wieder zurück und werde alle Tiere töten.«

Ohne ein weiteres Wort geht er zum Hubschrauber, steigt ein und schlägt die Tür hinter sich zu. Der Motor heult und röhrt, als der Hubschrauber beschleunigt, um in den samtigen Himmel zu entschweben. Die Lichter werden blasser, und der Hubschrauber entfernt sich immer weiter, bis der Facto-Vogel mit dem weißen Bauch flussaufwärts verschwindet, als wäre er nie in unserem Garten gewesen.

Das ist der Moment, in dem meine beste Freundin die schwarzen Blumen umklammert und in Tränen ausbricht.

Kapitel 2

Auch diesmal beginnt meine Geschichte damit, dass ich am frühen Morgen aufwache und mich im Bett von einer Seite auf die andere wälze, weil ich nicht mehr in den Schlaf zurückfinde.

Bevor du darüber lachst, solltest du einen Blick auf mein Zimmer werfen. Es sieht exakt so aus, wie ich es vor sechs Jahren zurückgelassen habe. Meine Bettwäsche ist mit Zeichentrickfiguren bedruckt und die Bücherregale sind mit Stofftieren vollgestopft, für die ich inzwischen viel zu alt bin (ganz abgesehen davon, dass ich jetzt echte Tiere zum Spielen habe).

Mit anderen Worten – dieser Raum ist nicht für einen Jungen meines Alters gedacht.

(Ich werde in ein paar Tagen dreizehn und bin dünner denn je.)

Mein Zimmer liegt unter dem Dach unseres weißen, modernen Hauses am Ende einer Sackgasse in einem Wohnviertel von Premia, das inzwischen so gut wie ausgestorben ist. Wenn man vor die Tür tritt und sich umblickt, sieht man lauter Häuser mit Automatik-Toren und Überwachungskameras, aber keine Menschen, die in den Häusern wohnen. Mittlerweile leben alle in den Glastürmen am anderen Ende der Stadt. Und ganz sicher sieht man nirgendwo Tiere wie diejenigen in unserem Garten.

Dies führt dazu, dass es in der Umgebung sehr still ist. Nur ein vibrierendes, schleppendes Brummen ist zu hören. Es klingt, als würde ein Panzer die Straße entlang auf unser Haus zurollen. In Wirklichkeit ist es Dad, der im Raum nebenan schnarcht.

Im Zimmer am Ende des Gangs, in Moms altem Arbeitszimmer, schläft Polly auf einem Feldbett, das Dad dort aufgestellt hat. Jedenfalls nehme ich an, dass sie schläft. Aber nach den gestrigen Ereignissen …

Wer weiß, was danach in ihr vorgegangen ist. Nachdem der Helikopter weg war, hat sie die Blumen auf den Rasen fallen lassen und ist in ihr Zimmer gestürzt. Sie hat weder mit mir noch mit Dad gesprochen und auf keine seiner Fragen geantwortet.

Es spielt ohnehin keine Rolle. Mir ist es egal, was Selwyn Stone gesagt hat. Ich werde nicht zulassen, dass meinem Wild etwas zustößt.

Nicht nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben.

Ich habe die Tiere den ganzen, weiten Weg von ihrem Zuhause im Ring des Waldes – weit droben im Norden der Insel – bis in diese Stadt geführt. Ich habe sie hierher gebracht und erfahren, dass mein Vater ein Heilmittel für sie entwickelt hat. Polly und ich haben ihm dabei geholfen, es auch tatsächlich herzustellen. Auf unserer Reise sind wir von Wölfen gejagt worden. Keuler haben auf uns geschossen. Wir sind beinahe ertrunken und um ein Haar bei lebendigem Leib verbrannt. Wir haben die Tiere gerettet und sind Dad zu Hilfe gekommen. Zum Schluss habe ich eine Schar Tauben mit einer Ration des Heilmittels zu den Tieren im Ring des Waldes geschickt.

Und auf der langen Reise hat Polly mein Leben gerettet.

Ich habe sie in ihrem Zuhause kennengelernt – in der Sturmhöhe am Rand der Quarantäne-Zone. Ich bin hilfesuchend bei ihr reingeplatzt, weil ich glaubte, mich mit der Roten Pest angesteckt zu haben. Sie hat mit einer Pistole auf meinen Kopf gezielt und mich »Kidnapper« genannt. Und dann hat sie mir in der unordentlichsten Küche, die ich je gesehen habe, einen Kräutertee gegen mein Fieber zubereitet.

Mit ihr zusammen hatte ich weniger Angst vor dem, was uns auf unserem Weg erwartete.

Weniger Angst zu haben ist aber noch lange nicht dasselbe wie Mut zu haben. Alles, was wir getan haben und was andere mutig nannten, fühlte sich damals kein bisschen so an. Wir hatten keine Wahl, sich anders zu entscheiden wäre undenkbar gewesen. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, jemals wieder etwas Ähnliches zu tun. Nicht jetzt, hier in meinem Zimmer, wo sich Spielzeug und Comic-Hefte auf dem Boden stapeln.

»Kannst du nicht oder willst du nicht?«, hat Mum mich immer gefragt. Diesmal weiß ich die Antwort wirklich nicht.

Ich angle nach meiner grünen Uhr – sie ist ein Geschenk von Mum, und Dad hat sie gerade erst wieder repariert –, drücke den Knopf an der Seite und blinzle in das helle Licht der Anzeige.

Es ist Zeit, aufzustehen.

Aber nach den Ereignissen des gestrigen Abends habe ich keine Lust, den neuen Tag zu beginnen. Bei dem Gedanken an gestern verknotet sich mein Magen. Ich drehe mich zum hundertsten Mal auf die Seite, starre die Wand an und wünsche mir, dass alles nur ein schrecklicher Albtraum gewesen ist. Der Helikopter und die bewaffneten Männer. Das Eichhörnchen, das ich nicht retten konnte. Die Blumen, die sie zurückgelassen haben.

Die Tatsache, dass es Leute von Facto waren.

Facto, das weltweit größte Unternehmen. Die Firma, die schon früher den Großteil unserer Nahrungsmittel produziert hat. Nachdem die meisten Tiere der Roten Pest zum Opfer gefallen waren, setzte die Firma alles daran, auch noch die letzten Überlebenden auszurotten, um »zu verhindern, dass das Virus sich auf Menschen überträgt«. Aber das war eine Lüge. Genauso wie ihre Behauptung, es gäbe kein Heilmittel gegen die Rote Pest. Als sie herausfanden, dass Dad ein Medikament entwickelt hatte, haben sie ihn eingesperrt, sämtliche Unterlagen vernichtet und mich nach Norden in das Mentorium gebracht.

Und das alles nur, damit Mr Stone immer reicher werden kann, indem er uns zwingt, seine widerlichen Pseudo-Mahlzeiten namens Formul-A zu essen, die nach Krabbencocktail mit Chips schmecken.

Er ist ganz sicher kein Mann, der leere Drohungen macht.

Dass er nicht gut auf uns zu sprechen ist, wundert mich nicht. Wir haben so ziemlich jedes Gesetz dieses Landes gebrochen, indem wir kranke Tiere in die Stadt geschmuggelt haben, obwohl die Stadt als nicht infizierte Zone ausgewiesen ist. Und wir haben Skuldiss, den Anführer der Keuler, in offenem Kampf direkt hier vor meinem Fenster besiegt.

Skuldiss.

Auf unserer Reise sind wir in seine Fänge geraten und haben von ihm erfahren, dass man Pollys Eltern eingesperrt hat. Sie hatten versucht, in Mons, der Stadt des Nordens, an die pinkfarbene Pampe zu gelangen, die alle der Einfachheit halber Formula nennen.

Vielleicht will Polly jetzt für ihre Eltern stark sein, genauso wie sie es für mich war.

Aber ich habe es satt, immer nur stark sein zu müssen.

Wir haben gerade erst zueinandergefunden und sind zu einer richtigen Familie geworden. Wir haben zusammen Frühstück gemacht, Dad hat im Schlafanzug in seinem Labor gearbeitet und Polly und ich haben uns um die Tiere im Garten gekümmert.

Das hier ist mein Zuhause und sie sind meine Familie. Niemand wird mir das je wieder nehmen.

Plötzlich brechen die Schrecken, die draußen auf mich warten, wie eine Flutwelle über mich herein. Es gibt so viel zu fürchten … ich will nicht mehr darüber nachdenken. Rasch ziehe ich mir die Decke über den Kopf und verkrieche mich.

Ich bin gerade wieder am Einschlafen, da geht die Tür auf und jemand zieht mir die Decke weg. Den Kopf zur Seite gelegt und mit verschränkten Armen steht Polly vor mir. Ihre Augen blitzen grimmig und entschlossen. Sie wirkt weder verängstigt noch müde und schon gar nicht weinerlich.

Polly schaut sich in meinem Zimmer um, als fühlte sie sich persönlich davon angegriffen. Sie schaltet das Licht an, fegt die Comic-Hefte von meinem Nachttisch und stellt eine Vase mit einer einzelnen Blume ab.

Es ist eine der Blumen, die Polly von Selwyn Stone bekommen hat.

Ich höre ein Quaken. Die Kröte sitzt auf Pollys Fuß und starrt mich an.

»Komm schon, Kidnapper«, sagt Polly und reibt sich energisch die Hände. »Der Professor will uns sehen. Im Labor.«

Sie tut so, als wäre nichts passiert.

Verwirrt blinzle ich in das helle Licht.

»Das war keine Bitte.« Polly wirft die Haare über ihre Schulter und stürmt zur Tür hinaus. Die Kröte hüpft eilig hinterher. »Das war ein Befehl.«

Kapitel 3

Unten, in Dads Labor mit dem Glasdach, höre ich den Lärm der Stadt. Er kommt von jenseits des Flusses, der direkt an unserem Garten vorbeiführt und dessen Wasser bis auf den Rasen schwappt. Überall im Labor sind die schwarzen Blumen ausgelegt. Auf den weißen Arbeitsflächen hat Dad Blätter, Stängel und Blüten zerpflückt, aber inzwischen, und das ist mal wieder typisch Dad, sind sie kreuz und quer verstreut. Blätter kleben an den Sohlen, und als ich kurz mein Gesicht berühre, haftet an meinem Finger ein Blütenblatt wie ein Tupfer schwarzer Farbe.

Polly nimmt ihre Kröte hoch und setzt sie behutsam auf Dads Stuhl ab. Dann geht sie zu den Blumen neben einem großen Mikroskop und dreht die zarten Gewächse in ihrer Hand. Sie ist sehr blass.

Ich kapier das nicht. Es sind doch nur Blumen.

Falls auch Dad sich über ihr seltsames Verhalten wundert, so zeigt er es nicht. Mit verschränkten Armen lehnt er an dem wandhohen Fenster. »So, junges Fräulein … du bist die Expertin … was kannst du mir über Mr Stones Geschenk sagen?«

»Ich weiß weder, wovon er geredet hat, noch besitze ich etwas, das ihm gehört. Sie müssen mir glauben.«

Dad schüttelt den Kopf. »Ich glaube dir ja. Erzähl mir einfach, was du von den … den Blumen weißt.«

Polly kennt sich mit Pflanzen aus. Ihre Eltern waren Naturkundler; sie haben ihr alles beigebracht. Sie ist immer noch leichenblass, aber sie versucht sich zusammenzureißen und betrachtet die Blumen genauer.

»Tja … das sind Iris. Von spezieller schwarzer Farbe, die allerdings bei näherem Hinsehen gar nicht schwarz ist, sondern purpurrot.«

Purpurrot ist das Markenzeichen von Facto, sogar ihre Lastwagen und Hubschrauber haben diese Farbe.

Dad wedelt mit der Hand, als wolle er eine Fliege verscheuchen. Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin schwirren Bienen und Schmetterlinge von den Büschen draußen ans Fenster und verharren dort.

»Ja, ja, auf den ersten Blick sehen sie aus wie Iris chrysographes. Aber das ist natürlich … völlig undenkbar, nicht wahr? Überleg noch mal.«

Polly reibt sich über die Braue und sieht mich an. Bestimmt fragt sie sich, ob es sich dabei um ein Spielchen von Dad handelt, das ich kenne und sie nicht. Dann untersucht sie wieder die samtig schwarzen Blütenblätter.

»Sie sind …«, fängt sie an, aber Dad unterbricht sie sofort.

»Nein. Es geht nicht um die Blumen an sich. Und doch sind eben diese Blumen das Problem.«

Ein Gedanke poltert in meinem Kopf herum. Es ist also eine Art Rätsel. Dad sieht, wie ich mich konzentriere, und sagt: »Du müsstest es eigentlich ebenfalls wissen.«

Ich betrachte die verstreuten Blumen. Sie duften so stark, dass es einem fast den Atem nimmt. Dann betrachte ich die Tiere draußen, die summenden Bienen an der Fensterscheibe, die aller Wahrscheinlichkeit nach die einzigen Exemplare auf der Welt sind.

Polly ist schneller als ich. »Es dürfte gar keine Blumen geben, Professor. Unterwegs haben wir nirgendwo welche gesehen, in der gesamten Quarantäne-Zone nicht. Weil …«

*Weil es keine Insekten mehr gibt, die sie bestäuben könnten!*

»Weil es keine Insekten mehr gibt, die sie bestäuben könnten!«

Polly und ich sagen es zur gleichen Zeit und mit den gleichen Worten, allerdings mit unseren verschiedenen Stimmen. Die Kröte hüpft aufgeregt quakend auf Pollys Füße. Jetzt sind auch die anderen Tiere aufgeschreckt. Sie kommen über den Rasen und versuchen mithilfe ihrer Nasen, Ohren und Schnurrhaare herauszufinden, was hinter der offenen Labortür vor sich geht.

»Genau.« Dad lächelt triumphierend. »Die einzigen, ähm, Exemplare, die ausreichend Pollen für so viele Blumen verbreiten könnten …« – er wedelt Richtung Laborfenster – »sind da draußen in unserem Garten. Wer auch immer diese Pflanzen gezüchtet hat, besitzt etwas, wovon wir nichts wissen.«

Polly lächelt nicht. Mit ernstem Gesicht untersucht sie die Blumen. Sie legt ein paar davon unter Dads Mikroskop, blickt durch das Okular und betrachtet Blüten, Blätter und Stängel. Immer und immer wieder.

Etwas ratlos wende ich mich zum Gehen, um mich draußen mit jemand oder etwas Interessanterem zu beschäftigen, als Polly plötzlich den Kopf hebt. »Da ist noch eine weitere Merkwürdigkeit, nicht wahr, Professor?«

Diesmal lächelt Dad nicht. »Deine Freundin ist ein sehr schlaues Mädchen«, sagt er zu mir und blickt Polly erwartungsvoll an. »Mach weiter.«

Sie hält mir einen Strauß Iris hin. »Sieh sie dir an, Kidnapper.«

Und das tue ich. Ich sehe ganz normale Blumen, die inzwischen etwas verwelkt sind. Es sind Iris, mehr nicht … eine sieht aus wie die andere.

Polly und ich schauen uns an. »Dir ist es auch aufgefallen, stimmt’s?«, sagt sie. »Sie sehen alle gleich aus. Eine wie die andere. Sie sind absolut identisch.«

»Ja! Und das betrifft nicht nur ihr Aussehen«, bestätigt Dad. »Ich habe gestern Abend einige Tests durchgeführt. Die Blumen sind völlig identisch, innen wie außen.«

*Was darauf schließen lässt, dass Facto sie hergestellt hat*, schlussfolgere ich. *So wie Facto auch unsere Nahrung herstellt.*

Dad streckt die Handflächen nach oben und spricht zu mir in der Tiersprache, die nur wir beide beherrschen. (Was mich immer noch sehr verwirrt, denn er hat mir bisher nicht verraten, was es mit seiner besonderen Fähigkeit auf sich hat.) *Vielleicht.*

*Und wieso hat Stone die Blumen Polly überlassen?*

*Ich kann es dir, ähm, nicht genau sagen, mein lieber Junge … Das ist sozusagen alles Neuland, weißt du?*

Ich hole entnervt Luft und versuche, angesichts seiner vagen Aussagen nicht die Geduld zu verlieren. *Irgendetwas muss sie doch wissen. Frag sie noch einmal.*

Er legt seine Hand auf meine Schulter. *Kester*, sagt er. *Sie ist deine Freundin.*

Ich schüttele seine Hand ab und schnappe mir eine Handvoll Blumen vom Tisch. *Nein! Ich will es wissen. Frag Polly, was das zu bedeuten hat. Bestimmt hat sie eine Idee.*

Dad kratzt sich am Kopf. Er sieht meine Freundin an, die blass und zittrig dasteht. Für einen Moment herrscht Stille. Aber noch ehe er etwas sagen kann, stürmt plötzlich mein Wild ins Labor und schart sich um uns.

*Ja genau. Warum ist der Metallvogel gekommen und hat das Eichhörnchen geholt?*, fragt Kleiner Wolf und scharrt mit seinen Pfoten über Dads Papierkram auf dem Fußboden. *Habe ich ihn verscheucht? Ich weiß, dass ich gut im Verscheuchen bin, keiner kann das so prima wie ich.*

*Mich interessiert vor allem, ob wir hier sicher sind*, sagt die Maus. Ihr Schwanz zuckt über die Computertastatur, als sie ihren Zukunftsängste-einer-Maus-Tanz aufführt.

*Ja!*, ruft ein abgemagertes Kaninchen und richtet sich auf. *Sind wir hier überhaupt noch sicher? Wir wollen es wissen! Der Metallvogel hat unser Eichhörnchen mitgenommen. Das ist nicht richtig … ich will einfach nur in Sicherheit sein.*

Plötzlich melden sich alle Tiere zu Wort. Sie schreien laut durcheinander, das Kaninchen sorgt sich um die Sicherheit und meint, dass man sich vor einer Maschine, die schwarze Blumen bringt, verstecken sollte, der Hirsch ermahnt alle, die Kröte quakt …

*Psst! Ruhe alle miteinander!*, poltert Dad. Das Kaninchen zuckt ängstlich mit den Ohren und huscht unter den Tisch. *Ich weiß, ihr wollt Antworten auf eure vielen Fragen.* Dad nimmt eine der identischen Iris in die Hand und hält sie hoch. *Fragen, die auch ich beantwortet haben will.*

Der Blick, den er uns unter seinen buschigen Augenbrauen zuwirft, gilt allen gleichermaßen. Zusätzlich übersetzt er für Polly und die Tiere, was der jeweils andere gerade sagt.

»Der Mann, der dir diese Blumen gegeben hat, ist sehr mächtig und sehr gefährlich. Er will uns Angst einjagen. Er will uns einschüchtern. Deshalb müssen wir ihm einen Schritt voraus sein.«

Polly starrt auf ihre Füße. »Und wie sollen wir das anstellen, Professor?«

Obwohl es ein sonniger Tag ist, scheint plötzlich ein kalter Wind durch den Raum zu wehen. Alle Tiere, die ich gerettet und Hunderte von Meilen hierher gebracht habe, drehen die Köpfe und blicken meine Freundin mit großen Augen an. Sie warten darauf, dass sie ihnen Sicherheit verspricht. Dad hält Polly eine welke Blume hin.

»Ich habe dir alles gesagt, was ich weiß. Du hast selbst erkannt, dass die Blumen identisch sind. Die Tiere sind deine Schützlinge. Du hast sie gemeinsam mit Kes hierher geführt.« Dad senkt die Stimme, sie klingt jetzt viel sanfter. Es ist nicht mehr Professor Jaynes, der spricht, sondern ein Vater. »Polly. Du musst uns die Wahrheit sagen.«

Sie weicht vor ihm zurück. »Nein …«

Dad schüttelt den Kopf. »Du musst uns einweihen, bevor unser Feind die nächsten Schritte unternimmt, Polly. Nur du allein kannst diese Tiere noch retten. Sag uns, was du weißt.«

Kapitel 4

Polly starrt Dad schweigend an. Dann lässt sie die Iris auf den Boden fallen und lehnt sich Halt suchend gegen die Arbeitsfläche.

Ich lege meine Hand auf Pollys Arm, um ihr etwas von der Angst zu nehmen. Bestimmt wird sie eine Antwort finden. Das tut sie doch immer.

Jetzt kommt auch Dad herbei. »Oje … ich wollte nicht … du musst es uns ja nicht sofort sagen. Lass dir ruhig Zeit … hör mal, warum machst du dich nicht nützlich und gibst deinen Freunden ihre Medizin? Das wird dich auf andere Gedanken bringen, hm?«

Dad nimmt ein Tablett mit verschiedenen Glasröhrchen und reicht es Polly. In den Röhrchen befindet sich purpurrote Laura II. Es ist der Prototyp des Heilmittels gegen das Virus, das Dad mit unserer Hilfe hergestellt und nach meiner Mum benannt hat. Der Inhalt eines einzelnen Röhrchens entspricht der Tagesdosis für ein Tier.

Polly starrt auf das Tablett und rührt sich nicht vom Fleck. Ich nehme sie bei der Hand und führe sie durch die Glastür in den Garten hinaus, während die Herde hinter uns hertrottet.

Die Tiere kennen die Prozedur bereits. Sie stellen sich nacheinander auf, sodass Polly und ich mit dem Tablett die Reihe entlanggehen können.

Wir fangen mit den kleinen Tieren an. Die Kaninchen und Iltisse zappeln und hüpfen, während wir versuchen, ihnen ein paar Tropfen einzuflößen. Der Hirsch öffnet willig das Maul, um seine Medizin entgegenzunehmen, aber die Kröte springt zwischen einem leeren Blumentopf und dem Gebüsch hin und her. Polly versucht, sie zu erwischen, bis sie selbst ganz außer Puste ist. Schließlich schluckt die Kröte doch noch brav ihre Medizin.

Als Nächstes nehmen wir den Tieren Blutproben ab, um unter anderem die Zuckerwerte zu überprüfen. Mit einer hauchdünnen Nadel entnehmen wir jeweils nur ein Tröpfchen Blut, geben es auf einen Streifen mit winzigen Mikropunkten und messen mit einem tragbaren Messgerät die Blutzuckerwerte.

Nur der kleine Wolf ziert sich. Seine Flanke ist immer noch bandagiert, wo Captain Skuldiss ihn angeschossen hat. Er braucht eine zusätzliche Arznei, damit seine Wunde heilt. Deshalb bekommt er nach dem Virusmittel und der Blutentnahme noch ein Schmerzmittel verabreicht. Vorsorglich halte ich die kleine Flasche mit den Pillen schon für ihn bereit.

*Ich nehme sie nur, weil du die Große Wildnis bist*, knurrt er widerwillig.

*Ich weiß*, sage ich und stecke drei kalkige Tabletten in sein Maul. *Keiner kann so gut Pillen nehmen wie du!*

Zu meiner Überraschung gibt er keine Antwort, sondern würgt die Tabletten hinunter und trollt sich sofort wieder, als hätten ihn meine Worte verunsichert. Dabei habe ich nur seine Art zu sprechen nachgeahmt.

Die Medizin macht die Tiere schläfrig. Während sie sich in den Schatten zurückziehen, um zu dösen, lässt Polly sich auf den Betonstufen hinter mir nieder und stützt seufzend das Kinn in die Hand. Die Kröte kauert zur Abwechslung einmal ruhig zu ihren Füßen.

Ich stelle das Tablett mit den leeren Röhrchen ab und setze mich neben Polly. Ich will meine Hand über ihre Hand legen, aber sie zieht sie weg.

»Ich möchte jetzt noch nicht darüber sprechen.«

Meine Miene verrät ihr, dass wir beide – und auch meine Tiere – leider keine Wahl haben.

Polly nickt. Sie zupft an einer langen Ranke, die auf den Stufen wuchert, und dreht und wickelt sie in ihren Händen. Als sie zu reden anfängt, ist ihre Stimme so leise, dass ich sie kaum verstehe. Genauso hat sie gesprochen, als das Unglück mit ihrer Katze Sidney passiert ist.

»Kester … hast du irgendwelche Geheimnisse?«

Ich wünschte, ich hätte welche. Aber mir fällt nichts ein.

»Du und deine Tiere … ihr habt wirklich keinerlei Geheimnisse vor mir?«

Na ja, die Tiere haben ihre eigenen Geheimnisse. Sie haben ihre Träume, Geschichten über ihre Vorfahren, die über die Generationen hinweg weitergegeben werden. Von den Tauben weiß ich, dass der Traum, der sie am allermeisten beschäftigt, von meiner besonderen Gabe handelt. Er beginnt am Ersten Pferch – der ältesten Schafskoppel überhaupt –, an der wir auf unserer Reise vorbeigekommen sind.

Ich darf das eigentlich nicht wissen, denn die Träume sind heilig und gehören nur den Tieren.

Ich weiß nur, dass in dem Traum bereits alles vorhergesagt worden ist, was ich mit den Tieren erlebt habe. Der Hirsch wusste von den Dingen, noch ehe sie sich ereignet haben. Das hat mir Sicherheit gegeben. Egal wie groß die Gefahr auch war, ich wusste, alles geschah aus einem ganz bestimmten Grund. Allerdings verrät der Hirsch mir immer nur im Nachhinein, wovon die Träume handeln.

Ich kann sie also wohl kaum als mein Geheimnis bezeichnen.

»Nein.«

Polly zupft wieder eine Ranke ab und spielt damit herum, bis ich kurz davor bin loszuschreien. Plötzlich scheint sie mit der Sprache herausrücken zu wollen.

»Würde es dir etwas ausmachen, wenn ich ein Geheimnis hätte?«

Wir blicken uns wortlos an, während eine Wolke über uns hinwegzieht und ihren Schatten auf den Garten wirft. Polly stopft die Ranke in ihre Tasche. »Egal. Vergiss, was ich gesagt habe.«

Aber so leicht kommt sie mir nicht davon. Ich lege meine Hand auf ihre Schulter.

»Okay«, seufzt sie und zieht die Ranke wieder aus der Tasche. Das Schlinggewächs scheint immer länger zu werden, es will gar kein Ende nehmen. »Weißt du, es gibt Dinge, die ich dir nicht erzählen durfte, solange ich dir nicht vollkommen vertrauen konnte.«

Ehe sie mir nicht vertrauen konnte? Das sagt ausgerechnet das Mädchen, das ich vor dem Sturz in einen Wasserfall bewahrt habe?

»Tut mir leid, aber ich musste Mum und Dad versprechen, es nicht weiterzuerzählen. Niemandem.«

Das reicht mir immer noch nicht. Wir haben zu viel durchgemacht. Ich trete die Erde zwischen ihren Füßen auf, bis sie sich geschlagen gibt und die Ranke wie eine Kapitulationsfahne schwingt.

Mit ernstem Gesicht beugt sie sich vor und sieht sich misstrauisch um.

»Also gut. Aber du darfst es nicht deinem Dad weitererzählen, das musst du mir versprechen. Ich will keinen Ärger kriegen. Es ist nämlich nicht meine Schuld.«

Das hört sich ziemlich kompliziert an.

»Schwöre!«

Polly streckt die Hand aus und ich lege meine darüber. »Schwöre beim Leben des Professors, dass du ihm nichts sagen wirst«, wiederholt sie. »Du musst gar nicht laut sprechen, ich merke trotzdem, wenn du lügst.«

Insgeheim fluche ich vor mich hin. Unsere Blicke treffen sich über unsere verschränkten Hände hinweg, und ich spüre, wie ich rot werde. Mit einem Ruck ziehe ich meine Hand weg.

»Okay, okay.« Polly sieht sich vorsichtshalber noch einmal um. Dann holt sie tief Luft und rückt mit ihrem Geheimnis heraus. »Du denkst, du und deine Tiere seid die Ersten, die Facto die Stirn bieten. Aber das stimmt nicht.« Sie lässt den Blick über die Tiere schweifen, die sich mitten auf dem Rasen niedergelassen haben. »Es hat bereits eine Rebellion stattgefunden.« Das ist nichts Neues. Auf unserer Reise sind wir den sogenannten Außenseitern begegnet. Auch sie hassen Facto abgrundtief. »Meine Mum und mein Dad sind die Anführer. Zumindest waren sie das …«

Bei ihren Worten setze ich mich auf.

Polly hebt die Hand, um mich am Dazwischenreden zu hindern.

»Was glaubst du, warum ich ein Gewehr in der Hand hielt, als wir uns zum ersten Mal getroffen haben? Und wonach hat Skuldiss deiner Meinung nach in der Sturmhöhe gesucht? Nicht nur nach einer kranken Katze, so viel steht fest.«

Sofort springen meine Gedanken zurück in die Vergangenheit, um die Teile eines Puzzles zusammenzusetzen, das ich soeben erst entdeckt habe. Pollys Katze Sidney hatte sich mit dem Virus angesteckt. Bisher habe ich geglaubt, Polly hätte sich uns angeschlossen, um in der Stadt eine Medizin für Sidney zu finden. Als wir auf der Flucht vor Captain Skuldiss in den Fluss springen mussten, ist sie einen Wasserfall hinuntergeschwemmt worden. Polly habe ich retten können, Sidney leider nicht.

Danach ist Polly nicht nach Hause gegangen, sondern bei uns geblieben.

»Sie haben damit angefangen, als Facto aus dem freien Land eine Quarantäne-Zone gemacht hat. Mum und Dad haben nicht eingesehen, wieso sie ihr Heim verlassen sollten, obwohl sich kein einziger Mensch mit der Roten Pest angesteckt hatte. Ihrer Meinung nach wollte Facto verhindern, dass man das Land bewirtschaftete, damit alle Menschen das scheußliche Formula-Zeug essen. Sie beschlossen, dazubleiben und zu kämpfen.«

Was das alles mit den Blumen zu tun haben soll, kapiere ich allerdings immer noch nicht.

»Sie haben sich mit Gleichgesinnten zusammengeschlossen, die sich ebenfalls nicht vertreiben lassen wollten. Was denkst du, warum ich mich am Fluss ohne zu zögern Mutter angeschlossen habe? Sie hat mich nicht gezwungen, sie zu begleiten. Sie war Mitglied der Rebellen.«

Mutter ist eine Bäuerin, die wir unterwegs kennengelernt haben. Facto und der Virus hatten ihr alles genommen. Anfangs dachten wir noch, sie stünde auf unserer Seite, aber sie wollte nur meine Herde an ihre hungernden Bauern verfüttern.

»Facto hat uns als Außenseiter bezeichnet und so getan, als wären wir die Verlierer. Denn natürlich hatten wir kein Formula und wohnten nicht in hübschen Städten mit Glastürmen. Wir selbst nannten uns allerdings nicht so.«

Polly fummelt an den Ranken und zwirbelt sie immer weiter.

»Wir hatten einen geheimen Namen. So geheim, dass wir ihn nicht laut aussprechen durften, falls uns jemand ausspionierte.«

Sie zieht die Schlingpflanze glatt und vermeidet es, mich anzusehen.

»Der Name musste deshalb so geheim bleiben, weil Facto nicht ahnte, was wir in unserem Besitz hatten.« Inzwischen hat Polly aus der Ranke eine Art Schlinge geflochten. »Mum nannte sie unsere Geheimwaffe. Es handelte sich nicht um ein Gewehr oder eine Bombe. Mum sagte, für Leute wie Selwyn Stone wäre sie viel gefährlicher als alles andere.«

Polly zieht die Schlinge enger und macht einen dicken Knoten.

»Hoffnung. Wir hatten etwas, das uns Hoffnung gab. Damit war alles möglich. Wir konnten Facto besiegen und einen Neuanfang wagen. Allein der Gedanke daran gab mir Sicherheit und machte mich froh. Bis ich gestern Abend die Blumen sah.«

Die Zahnräder in meinem Kopf fügen sich plötzlich ineinander.

»Ich schwöre dir bei meinem Leben, sie haben es in meine Obhut gegeben, und bisher habe ich gut darauf aufgepasst. Es ist klein und ich habe es tatsächlich geschafft, es die ganze Reise sicher zu verwahren.« Für einen Moment muss ich an Sidney denken. »Aber ich weiß trotzdem nicht, was es ist, das musst du mir glauben. Sie haben gesagt, es wäre gefährlich für mich, wenn ich mehr darüber wüsste als den bloßen Namen.«

Sie hat es mitgebracht? Halb rechne ich damit, dass Polly ein Röhrchen aus ihrer Tasche zieht oder mir ein Medaillon zeigt, das sie umgehängt hat. Stattdessen knüpft sie noch einen Knoten und blickt in den Garten und auf den mattweißen Schimmer des nachmittäglichen Himmels über dem Fluss.

»Beim Anblick der Blumen habe ich begriffen, dass Stone unser Geheimnis kennt. Weil …« Sie hält schützend ihre Hand an mein Ohr und flüstert: »Weil Iris der Name des Geheimnisses ist.«

Wir sitzen schweigend auf den Stufen. Ich komme mir vor wie eine tickende Zeitbombe, auch wenn ich nicht sagen könnte, was genau da tickt. Die Wolken drücken und machen alles heiß und klebrig.

Ich sehe Polly an, die ihre bloßen und von der Reise zerschrammten Knie bis ans Kinn gezogen hat. Es reicht nicht, ich will noch viel mehr wissen.

Zu meiner Überraschung springt Polly plötzlich auf und windet die Ranke mehrmals um ihre Hand. »Tut mir leid, Kidnapper, das hätte ich dir nicht erzählen dürfen. Ich möchte euch alle nicht in eine noch größere Gefahr bringen als ihr ohnehin schon seid. Es ist nur so … Ich habe Mum und Dad ein Versprechen gegeben.«

Ihr Blick huscht zu der Herde, die in einer Ecke des Gartens döst, und dann wieder zurück zu mir. »Ich habe es ihnen versprochen und bei meinem Leben geschworen: Egal was auch geschieht, ich werde niemals zulassen, dass die Iris in die Hände von Facto fällt.«

Kapitel 5

Polly dreht sich um und läuft ins Haus zurück. Ich renne hinterher und höre nur noch, wie sie die Treppe hinaufpoltert und die Tür hinter sich ins Schloss wirft.

Mir ist ganz flau und ich bin am Verhungern, deshalb gehe ich auch mit dem Gedanken an ein Frühstück ins Haus. Die hellrote Küche, in der es bei unserer Ankunft aussah, als hätte eine Bombe eingeschlagen, ist inzwischen gekehrt, gewischt, aufgeräumt und so blitzblank wie früher, als Mum noch lebte.

Ich nehme mir eine Schüssel Formula von der Anrichte.

(Aber Polly wäre nicht Polly, wenn sie unser Formula nicht ein wenig aufgepeppt hätte. Irgendwie hat sie in dem Dickicht aus verblühten Blumen und Unkraut, in das sich unser Garten verwandelt hat, etwas Essbares gefunden. Mit schrumpeligen Beeren, aus denen Polly in unserem Mixer noch etwas von dem ursprünglichen Aroma herausgepresst hat, einer Handvoll vertrockneter Kräuterblätter und Blütenblättern von Facto-Blumen schmeckt unser Essen nicht ganz so widerlich wie sonst.)

Ich sinke auf einen Küchenstuhl und schnippe mit den Fingern in Richtung des Ultrascreens, der die gesamte Wand auf der gegenüberliegenden Seite einnimmt. Der Geräuschpegel aus den Lautsprechern bricht wie eine Welle über mich herein und schwemmt meine wirren Gedanken fort.

Ein gebräunter Mann im Anzug blickt mich aus einem grellen Fernsehstudio heraus an. Sein Name schwebt über dem Knoten seiner glänzenden Krawatte. Coby Cott. Hinter ihm wirbeln Bilder und Worte wie ein Tornado durchs Bild.

Wetter spielt weiterhin verrückt

Amswacht endlich fertiggestellt

Dieses Baby kann Rollschuh fahren

Ich klicke auf die zweite Schlagzeile und ein neues Bild taucht auf.

Coby Cott steht nun unter freiem Himmel, hinter ihm ragt eine gigantische Brücke aus Beton und Stahl aus dem Fluss.

»Wie von Facto-Sprechern heute bekannt gegeben wurde, nähert sich das weltweit größte und historisch einzigartige Bauprojekt seiner Fertigstellung«, verkündet er. »Die Amswacht – ein Damm aus neun Betonpfeilern und neun Stahltoren, die vierzig Meter über der Mündung des Flusses Ams aufragen – wird die Insel vor erneuten Flutkatastrophen schützen, falls der Meeresspiegel wieder steigt.«

Polly hat ihren Augen nicht getraut, als sie zum ersten Mal einen Ultrascreen sah. »So etwas haben wir nicht.« Sie hat ihn sogar berührt, um zu testen, ob er echt ist. »Bei uns auf dem Land … als sie es zur Quarantäne-Zone erklärt haben … wir waren wie abgeschnitten vom Rest der Welt. In der Stadt ist alles so viel moderner.«

Vielleicht ist es das tatsächlich – jedenfalls was Bildschirme und die Amswacht angeht.

Ich wische Coby Cott mit einer Handbewegung vom Bildschirm. Ich habe schon genug Sorgen, da muss ich mir den Kopf nicht auch noch über die Amswacht oder ein rollschuhfahrendes Baby zerbrechen.