Aus der Traum? - Matthias Schmitt - E-Book

Aus der Traum? E-Book

Matthias Schmitt

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Beschreibung

Eine heiter-beschwingte Liebesgeschichte muss in Paris stattgefunden haben. Doch Giulia Tomasino und Ben Betterfeld wissen nichts mehr davon - Blackout. Er erwacht im Krankenhaus, sie landet im Gefängnis. Werden die beiden wieder zusammenfinden? Werden die ominösen Traumsender dies überhaupt zulassen? Welche Rolle spielt die geheimnisvolle Hackerin, die die Ereignisse im Hintergrund verfolgt? Im Visier internationaler Geheimdienste kommt es In Giulias Heimatstadt Rom zu einem atemberaubenden Showdown. Wird es gelingen, die Traumsender zu entlarven?

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Seitenzahl: 556

Veröffentlichungsjahr: 2017

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MATTHIAS SCHMITT

AUS DER TRAUM?

MATTHIAS SCHMITT

AUS DER TRAUM?

Roman

swb media publishing

Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.

Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden, mit Ausnahme von Miss.Tic.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die über dieGrenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar.

Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2017

ISBN 978-3-946686-31-6

© 2017 swb media publishing, Gewerbestraße 2, 71332 Waiblingen

Titelgestaltung: swb media publishing

unter Verwendung einer Graffiti von Lézarts

Lektorat: Literaturagentur Tübingen

Satz: swb media publishing

Druck, Verarbeitung: Rosch-Buch, Scheßlitz

Für den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.

www.suedwestbuch.de

Prolog

Die Geschichte von Giulia und Ben ist mit einem großen Knall zu Ende gegangen, genau wie ich es erwartet habe. Es ist so viel passiert in den letzten Tagen, ich versuche die Ereignisse zu rekapitulieren, muss Ordnung in meine Gedanken bringen. Wo anfangen? Bei den „Traumsendern“, für die ich immer noch keinen guten Namen habe und deren Identifikation so langsam zu einer Obsession für mich wird. Sie sind der Auslöser, die Traumsender führen ein Experiment mit Giulia und Ben durch. Proof-of-Concept für ihre Traumtechnologie. Was wollen sie rausfinden: Ob die per Traum gesendeten Informationen ankommen? Und ob man dadurch menschliches Verhalten beeinflussen kann?

Frage eins ist schon lange beantwortet. Sie experimentierten bereits mit einem intensiven Traum an zehn wenig bekannten Künstlern, dies führte zu frenetischen Aktivitäten. Unter anderem sprühte die Pariser Streetart-Künstlerin Miss.Tic Bilder von Giulia Tomasino aus Rom an die Wände von Paris. Denn das Bild von Giulia wurde von den Traumsendern als stärkstmögliches Traumsignal identifiziert, da sie den höchsten Allfaktoren-Attraktivitäts-Index aufwies.

Bei der Frage nach der Verhaltensbeeinflussung kommt nun der zweite Algorithmus ins Spiel, der Partner-Passungs-Index. Denn die Traumsender wollen prüfen, ob sie zwei Menschen per Traum dazu bringen können, sich ineinander zu verlieben. Nicht, weil sie den Menschen etwas Gutes tun wollen, sondern weil in der Liebe so viele seltsame Dinge passieren, dass es keinem auffällt. Denn die Traumsender wollen nicht auffallen. Noch nicht?

Die Traumsender hacken systematisch die wichtigen Datenquellen des Planeten. Wie genau sie das machen und wo sie diese Unmengen an Daten speichern, würde mich brennend interessieren, aber daran beiße ich mir bis jetzt die Zähne aus.

Vor allem die Geheimdienste sind für die Traumsender eine unermessliche Datenquelle. Das geheime PHIQS-Programm der NSA zur Überwachung hyperintelligenter Menschen, zu denen Ben und Giulia gehören, bringt ihnen sämtliche Informationen zum Ablauf ihres Experiments mit den beiden.

Der Partner-Passungs-Index hat Ben dazu auserkoren, Giulias Traummann zu sein, den sie ohne ihre Träume nie gefunden hätte. Zunächst lief das Experiment wie gewünscht, doch dann begannen die beiden hyperintelligenten Probanden Zicken zu machen. Stellten Nachforschungen an, entdeckten den PHIQS-Skandal, bemerkten, dass sie überwacht wurden, und inaktivierten Überwachungskameras. Das Langzeitexperiment geriet in Gefahr.

Die Traumsender schickten Giulia und Ben daraufhin Warnträume, um sie dazu zu bewegen, still zu halten. Doch aus den Überwachungsprotokollen der NSA erfuhren sie, dass die Warnungen nicht griffen. Ganz im Gegenteil, die Lage eskalierte.

Die beiden flüchteten zu einer Kollegin am INSERM-Forschungsinstitut und verbrachten dort eine Nacht im Schlaflabor, zuerst an ein EEG angestöpselt und dann in einem MRI-Scanner, wo ihre Gehirnreaktionen während eines Traumes aufgezeichnet wurden. Am nächsten Tag folgte ihr Überraschungstreffen mit NSA-Agent Higgins, in dessen Verlauf die beiden einem Journalisten das Signal zur Veröffentlichung des PHIQS-Skandals in der Zeitung Canard Enchaîné gaben.

Die Traumsender beschlossen, die Notbremse zu ziehen und führten bei Giulia und Ben einen „Reset“ durch, sie löschten ihnen die Erinnerung an die letzten beiden ereignisreichen Wochen. Dummerweise passierte dies nicht irgendwann, sondern ganz gezielt, während die beiden Sex hatten. Giulia fand sich im Bett mit einem älteren, ihr unbekannten Mann. Sie fackelte nicht lange, schlug zu und flüchtete kopflos. Das Experiment war damit vorzeitig abgebrochen.

Wie Giulia und Ben das Ganze erlebt haben mögen? Sie müssen sehr verliebt gewesen sein, kein Wunder bei dem Partner-Passungs-Index. Anfangs haben sie wohl einfach den Urlaub in Paris genossen, die Kreditkartendaten sprechen Bände, aber dann? Aus der Ferne habe ich den Eindruck, dass die Ereignisse die beiden immer mehr zusammengeschweißt haben. Die NSA so auszutricksen, den PHIQS-Skandal zu publizieren … Alle Achtung, die beiden sind ein gutes Team. Sie müssen zumindest geahnt haben, was die Traumsender mit ihnen machen, zwei so intelligente Wissenschaftler führt man nicht so leicht an der Nase herum. Nur auf das bittere Ende waren sie nicht vorbereitet, wer rechnet schon mit einer Spontanamnesie während des Geschlechtsverkehrs.

So viel gnadenlose Konsequenz, das wahre Leben eben. Wie wird es nun weitergehen? Die Persönlichkeitsprofile der beiden lassen darauf schließen, dass die Geschichte nicht so schnell zu Ende sein wird. Und auch das Experiment hat ja nicht alle gewünschten Ergebnisse gebracht. Ich fürchte allerdings, dass die Berichtslage erst einmal dünner werden wird. Ich rechne aber damit, auf dem Laufenden zu bleiben, und kann mich nun wieder meinem Hauptprojekt widmen: Die ominösen Traumsender zu identifizieren.

Tag 1 – Sonntag, 2. November 2014

Ich lege den Stapel Papier zur Seite. Gut, dass wir Tagebuch geschrieben haben! Ich habe ohne Unterbrechung gelesen, habe nicht ein einziges Mal auf die Uhr geschaut. Sehr zum Leidwesen der Ärzte und Schwestern, die mich mehrmals daran erinnert haben, dass ich dringend Schlaf bräuchte. Doch daran ist nicht einmal ansatzweise zu denken, ich bin viel zu aufgewühlt. Es ist wohl mitten in der Nacht, ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Draußen ist es dunkel, aber das heißt ja nicht viel, inzwischen ist ja die Zeit umgestellt worden, da wird es sowieso immer so früh dunkel.

Körperlich fühle ich mich grauenhaft, Schlaf würde wahrscheinlich wirklich helfen. Und mein malträtiertes Gehirn so stark mit Grübeleien zu beanspruchen ist sicher auch nicht gerade clever, rein genesungstechnisch gesehen. Mein Schädel brummt, aber so richtig. Aber so what, ich habe mir die Situation nicht ausgesucht. Meine Gedanken kreisen um Giulia, ich versuche krampfhaft, in meinem Gedächtnis Erinnerungen an unsere tolle Zeit und diese tolle Frau zu finden. Vergeblich. Ich habe zwar ein Foto von ihr vor Augen und sehr plastisch nachempfunden, was wir laut Tagebuch alles erlebt haben, aber es ist, als ob ich einen Roman über zwei Fremde gelesen hätte. Das Blitzdingsen hat zu gut funktioniert. So richtig kann ich mir das mit den Träumen nicht vorstellen, alles klingt sehr fremd. Oder haben „sie“ uns dazu gebracht, irgendeinen Mist aufzuschreiben? Kann ich mir nicht vorstellen, die Tagebücher kommen mir sehr authentisch vor und decken sich ja auch mit den Aussagen der Kommissarin. Die Gedächtnislücke ist kein Spaß, es fühlt sich jedes Mal grauenhaft an, wenn ich in meinem Gehirn krampfhaft nach Erinnerungen suche und nichts finde. Gar nichts. Ein einziges schwarzes Loch.

Wie es Giulia wohl geht? Ich mache ihr keine Vorwürfe, „sie“ haben ihre Spontaneität und unterschwellige Aggressivität gnadenlos ausgenutzt. Sie ist clever, aber geblitzdingst und ohne Unterstützung durch das Tagebuch ist sie aufgeschmissen. Sie fühlt sich sicher grauenhaft, denkt, dass sie vergewaltigt worden ist. Die Polizei wird sie schnell finden, ob in Paris oder in Rom. Wohl eher in Rom, sie ist sicher gleich heimgeflogen, hatte ja ein neues Ticket gebucht. Gibt es ein Auslieferungsabkommen zwischen Italien und Frankreich? Selbst wenn, wahrscheinlich mahlen die Mühlen der Justiz langsam, und es wird Monate dauern bis zu einer Auslieferung. Ich muss sie sehen, das wäre bei meinem Zustand in Paris sehr viel einfacher als in Rom. Ich habe noch ein Flugticket nach Rom, fantasiere kurz, dieses zu nutzen. Aber das macht wenig Sinn, es ist ab Stuttgart. Und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, bis Dienstag reisefähig zu sein, so miserabel fühle ich mich.

Auf einmal fallen mir die Nachrichten von dieser Miss.Tic ein. Wir sind wohl sehr eng befreundet gewesen, ich kann mir das gar nicht vorstellen, habe auch an sie keinerlei Erinnerungen. Ich beschließe, ein WhatsApp zu beantworten und gebe durch, dass ich auf der Intensivstation der Salpêtrière liege und mich über Besuch freue. Vielleicht wird die Konfrontation mit einer Person aus den geblitzdingsten Tagen meinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Und nicht, dass Miss.Tic noch auf dumme Gedanken kommt, die NSA hätte mich entführt. Dass wir quasi nebenher den neuesten NSA-Skandal aufgedeckt haben, kann ich kaum glauben. Ich google, alle Zeitungen sind noch immer voll davon. Ich schüttele den Kopf, kann mir auf das alles keinen rechten Reim machen.

Ich, seit Jahren überwacht? Terroristen suchen ist wichtig, aber dann doch bitte die knappen Ressourcen an der richtigen Stelle einsetzen! Wieder eine Terrorwarnung in Paris … ich versuche, mir einen großen Terroranschlag in Paris vorzustellen. Mein Paris ist so eine freundliche, lebensfrohe, weltoffene Stadt. Egal, fluctuat nec mergitur, der Pariser Wappenspruch, sagt eigentlich alles: „Sie schwankt, aber sie geht nicht unter.“ Paris wäre nie kleinzukriegen, die Terroristen würden das nie schaffen, aber ich schweife ab, habe noch Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren.

Wo war ich stehengeblieben? Die NSA … zumindest das Modellflugzeug vor dem Fenster lässt sich nun erklären, es ist wohl eine ihrer Drohnen gewesen. Ein Modellflugzeug mitten in der Stadt, früh am Morgen, das wäre doch zu seltsam gewesen. Und so ließe sich auch der Zeitpunkt des Blitzdingsens erklären – die Traumsender waren live in den NSA-Daten gewesen, brauchten nur zum richtigen Zeitpunkt auf den (eventuell virtuellen) Knopf zu drücken. Dass ich es nicht mehr geschafft habe, den letzten Traum aufzuschreiben, ärgert mich unendlich, ich hätte „ihnen“ liebend gerne ein Schnippchen geschlagen.

Ganz langsam arbeitet sich in meinem Gehirn eine riesige Wut nach vorne: Auf „sie“, die mir (oder wohl besser uns) das Ganze eingebrockt haben. Warum können „sie“ uns nicht in Ruhe lassen? Es geht mir gar nicht um die körperlichen Schäden, der Arzt hat versichert, dass alles heilen wird, dass die Leber nur leicht verletzt ist, andernfalls wäre eine sofortige Operation nötig gewesen. Nein, ich bin scheißwütend darauf, dass „sie“ mir die Erinnerungen an die schönste und aufregendste Zeit meines Lebens genommen haben! Und die Frau meines Lebens gleich dazu!

Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir jemals wieder zusammenkommen können nach allem, was passiert ist. Giulia ist wahrscheinlich ungeheuer wütend auf mich. Ob ich sie kontaktieren soll? Wohl besser erst mal nicht. Sie würde sich von mir verfolgt fühlen, nach dem Motto: „Der Vergewaltiger verfolgt mich weiter, ist auch noch ein Stalker.“

Das Tagebuch ist ungeheuer hilfreich, aber es ist doch sehr blauäugig gewesen, zu denken, dass es uns wieder zusammenbringen würde. Andererseits kann man so viel Fantasie gar nicht haben, sich dieses Blitzdingsen vorzustellen, das Loch im Gedächtnis fühlt sich wie ein physisches Loch im Gehirn an, ich spüre beinahe einen Phantomschmerz. Und welche Wahl hätten wir denn gehabt? Zumindest ist das Tagebuch sehr nützlich für mich. Ich verstaue es sorgsam in meinem Koffer, es ist Gold wert. Ich beschließe, niemandem davon zu erzählen, außer Giulia natürlich. Giulia muss das Manuskript bekommen, so schnell wie möglich.

Ich hoffe auf einen Besuch von Miss.Tic, vielleicht kann sie das Tagebuch ja scannen und an Giulia schicken, ist wahrscheinlich besser, als sie direkt zu kontaktieren. Aber nein, wir werden ja sicher noch weiter von der NSA überwacht, diese Variante fällt also aus, sie muss die Papierversion erhalten, egal wie. Gar nicht so einfach … egal, ich werde um sie kämpfen, sie ist eine absolute Traumfrau, meine absolute Traumfrau, so eine Chance bekommt man nur einmal im Leben, wenn überhaupt. Giulias Bild geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Wir haben die ganze Nacht in der Redaktion des Canard diskutiert, ob und wie wir von Giulias und Bens Verschwinden berichten sollen, dabei reichlich Rotwein getrunken. Am Ende entscheiden wir uns, erst einmal abzuwarten. Denn die ursprüngliche Idee war ja, das Ganze als Drohung zur Abschreckung der NSA zu lancieren, zum Schutz von Giulia und Ben. Wenn die NSA die Drohung ignoriert hätte, dann in vollem Bewusstsein der Konsequenzen. Dann könnten wir den beiden mit einer übereilten Veröffentlichung auch nicht mehr helfen. Falls aber doch irgendetwas anderes passiert sein sollte, würden wir mit einer Veröffentlichung viel Schaden anrichten.

Wir beschließen, für die Printversion des Canard am Mittwoch alles vorzubereiten. Falls wir bis dahin kein Lebenszeichen haben, wird eine Veröffentlichung gedruckt. Hoffentlich finden wir bis dahin heraus, was mit den beiden los ist, am Montag kann man ja schließlich an Giulias Uni und in Bens Firma anrufen und nach ihnen fragen.

Wir verabschieden uns gerade, als die Miss ein WhatsApp von Ben bekommt, sie zeigt es mir gleich: „Liege in der Salpêtrière, Intensivstation, freue mich über Besuch.“ Das ist nicht gerade ausführlich, was ist mit Giulia? Sie hat keinen der vielen Anrufe der Miss beantwortet. Ich mache mir große Sorgen um sie. Ben wird uns sicher weiterhelfen können. Intensivstation, das klingt nicht gut.

Zumindest sind wir froh, dass wir nichts veröffentlichen müssen, auch wenn wir uns einen anderen Grund für Bens Verschwinden gewünscht hätten als die Intensivstation. Es ist schon sehr spät, wir haben zu viel getrunken, die Miss setzt sich trotzdem ins Auto und fährt nach Hause.

Ich wache auf, als die Schwester das Frühstück bringt, draußen dämmert es bereits ein wenig. Mir geht es schon viel besser, der Schlaf hat Wunder gewirkt, der Schädel brummt kaum noch. Das Frühstück ist typischer Krankenhausfraß, wie können Croissants nur so nach Gummi schmecken? Ich sehne mich nach den Backwaren der Boulangerie de Monge, sie ist nicht weit weg. Ich bin in den letzten Jahren bei meinen Spaziergängen ab und zu an der Salpêtrière vorbeigekommen, eine berühmte Klinik, hier war Lady Di gestorben, während meiner zwei Pariser Jahre, ist es 1997 gewesen oder 1998?

Schon während des Frühstücks beginne ich, mir Gedanken zu machen, wie es weitergehen könnte. Durch das Tagebuch weiß ich nun ziemlich genau, was in der Zeit meiner Amnesie passiert ist. Die Augenblicke zwischen Blitzdingsen und der Bratpfanne auf dem Schädel stufe ich nun auch als echte Erinnerung ein, es passt genau. Ich gehe nicht davon aus, dass die Erinnerungen zurückkommen werden, leider Gottes. Die Polizistin wird sicher bald wiederkommen, warum ist sie eigentlich allein gewesen? Wie ist nochmal ihr Name gewesen? Meine Erinnerung an den Vorabend ist noch etwas verschwommen, wohl aufgrund der Gehirnerschütterung.

Ich muss überlegen, was ich aussagen soll. Gegen Giulia auszusagen kommt natürlich nicht in Frage, ich muss sie zurückerobern, egal wie. Entweder, ich erinnere mich weiter nicht daran, was passiert ist, oder ich erfinde etwas, das sie entlastet. Dafür wäre es natürlich wichtig zu wissen, was Giulia aussagen wird, falls sie gefasst wird. Schwierig, das kann noch dauern, und ich weiß auch nicht, ob die Kommissarin mir das alles gleich verraten wird. Ich spekuliere darauf, dass Giulia die Aussage verweigern, einfach gar nichts sagen wird. Dann hätten wir vielleicht eine Chance, aus dem ganzen Schlamassel wieder rauszukommen. Sie denkt sehr ähnlich wie ich, nach all dem, was wir übereinander geschrieben haben. Ich muss versuchen, mich in sie hineinzuversetzen. Es ist wie ein Schachspiel mit unvollständigen Informationen: Man wird mitten in ein Spiel gesetzt und kennt nur die eigenen Figuren. Ich habe früher einmal viel über Spieltheorie gelesen, ich fühle mich genau wie in einem der Experimente. Nur dass dies das echte Leben ist.

Nach dem Frühstück klopft es an der Zimmertür. Es ist Florent, der Vermieter unserer Ferienwohnung, er will sein Geld, die Miete für die zweite Woche. Beim Lesen des Tagebuches habe ich mir schon gedacht, dass das viele Geld in meinem Geldbeutel für ihn ist. Es ist eine komische Situation. Es ist mir peinlich, wie er mich gefunden hat, dass ich ihm solche Umstände bereitet habe. Andererseits bin ich ihm sehr dankbar, kann das aber nicht gut rüberbringen. Ich bin froh, dass er schnell wieder geht, auch er hat sich sichtlich unwohl gefühlt.

Ich überlege, ob ich so tun soll, als ob sich die Amnesie langsam auflöst. Wäre vielleicht ganz gut, ein paar Eckpunkte zuzugeben, die eh klar sind: Ja, wir waren ein Paar, ja, wir haben uns auf dem INSERM-Kongress kennengelernt, nein, ich kann mich immer noch nicht erinnern, was passiert ist, nein ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass Giulia das getan hat. Soll ich so auch gegenüber Miss.Tic verfahren? Sie kann jeden Moment auftauchen. Ich schlafe wieder ein.

Nach der chaotischen Flucht gestern hätte ich nicht gedacht, dass eine Steigerung noch möglich ist.

Gestern wollte ich so schnell wie möglich weg, doch der Bummelzug zum Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle hielt wirklich in jeder einzelnen dieser furchtbar tristen Vorstädte. Ich saß wie auf Kohlen, fürchtete, jeden Moment von der Polizei verhaftet zu werden. Kaum am Flughafen, sorgten Streiks für größere Verspätungen, ich bekam nicht genau mit, wer streikte und warum, war völlig unkonzentriert. Ich grübelte die ganze Zeit hin und her und versuchte, mir einen Reim auf die Ereignisse zu machen.

Die Lücke im Gedächtnis macht mich fast wahnsinnig, ich fühle sie beinahe schon als physisches schwarzes Loch im Gehirn. So müssen sich Phantomschmerzen anfühlen. Diese Miss.Tic hat es irgendwann aufgegeben, mich anzurufen, Gott sei Dank, wer sie wohl ist? Je länger ich darüber nachdenke, desto unsicherer bin ich mir, was vorgefallen ist.

Seit Samstagmorgen streiten sich mein Kopf und mein Bauch darüber, was passiert ist. Als Kopfmensch ist das für mich sehr ungewöhnlich. Mein Kopf sagt mir ganz rational: Vergewaltigung, Notwehr, Flucht, alles richtig gemacht, das Schwein hat es verdient. Mein Bauchgefühl sagt mir: Einvernehmlicher Sex, spontane Überreaktion, unterlassene Hilfeleistung. Aber mit diesem alten Mann? Was habe ich an dem bloß gefunden? Ich bin doch auch gar nicht auf der Suche, bin als Single eigentlich ganz glücklich … oder?

Weshalb bin ich solange in Paris geblieben? War es überhaupt freiwillig? Wo habe ich diesen Menschen kennengelernt? Auf der Konferenz? War ich dort überhaupt? Fragen über Fragen drehen sich in meinem Kopf, mein Bauchgefühl gewinnt langsam aber sicher die Oberhand.

Können K.-o.-Tropfen zwei Wochen aus dem Gedächtnis löschen? Davon habe ich noch nie gehört, und immerhin beschäftige ich mich beruflich mit dem Thema. Die Amnesie passt nirgendwo richtig rein. Diese Zwei-Wochen-Lücke macht mich fast verrückt und bringt mich gleichzeitig massiv ins Grübeln. Dummerweise sind auch alle Mails, SMS und WhatsApps aus dieser Zeit gelöscht, ich kann nur über mein zusätzliches Gepäck ein kleines bisschen nachvollziehen, was passiert ist. Und das ist nicht gerade bedrohlich. Seltsame, aber wunderschöne Zeichnungen. Ein ultracooler Mantel von Missoni, der ein Vermögen gekostet haben muss. Und neue Schuhe, die exakt meinem leicht exzentrischen Geschmack entsprechen und dazu noch echte Schnäppchen sind, die Preisschilder sind größtenteils noch dran. Die kann nur ich selbst gekauft haben, und zwar im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Dazu dieses tiefe körperliche Wohlbefinden, mit einer zweiwöchigen Tortur, eingesperrt und unter Drogen, passt das nicht zusammen.

Als ich gestern Abend fix und fertig von der langen Reise in Rom ankam, erwartete mich die Polizei vor der Haustür. Dass es so schnell gehen würde, hatte ich doch nicht gedacht. Es waren aber keine normalen Carabinieri, auch nicht die Polizia oder die Guardia Financia, sondern es war eine obskure Sondereinheit, Verfassungsschutz oder sowas. War es denn so schlimm? Immerhin, im Beschluss zur vorläufigen Festnahme stand als Tatverdacht „Mordversuch“. Er lebt also noch, Gott sei Dank, das ist mein größter Alptraum gewesen, als Mörderin lebenslang hinter Gittern zu landen. Auf meine Fragen, warum mich nicht die Carabinieri oder die Polizia holten, bekam ich keine Antwort. Einer der Schweigsamen murmelte etwas von „Auslieferungsgesuch der Franzosen“.

Ich wurde doch zuhause erwartet, die letzte hektische SMS hatte ich Mama und Papa vom Pariser Bummelzug aus geschickt. Habe ich die Wochen zuvor mit ihnen telefoniert, gemailt? Porca miseria! Scheiß Amnesie, sie machten sich bestimmt Sorgen, also fragte ich sicherheitshalber sehr höflich: „Signore, dürfte ich bitte telefonieren?“

„Tun Sie sich keinen Zwang an.“

Ich holte mein Smartphone aus der Tasche. Mist, Akku leer, das hatte sich vorher schon angedeutet.

„Haben Sie mir ein Telefon?“ Ich lächelte ihn an, großer Augenaufschlag, das funktioniert sonst bei Männern immer.

„Sind wir hier das Sozialamt?“

„Nur ein Anruf, mein Akku ist leer.“ Ganz großer Augenaufschlag.

„Nicht mein Problem.“

Merda, ich biss auf Granit, musste warten, bis sich eine Gelegenheit ergab. An Flucht war leider nicht zu denken, die Jungs waren ziemliche Schränke und sahen nicht aus, als ob sie Spaß verstünden. Da wäre ich mit meinen bescheidenen Selbstverteidigungskünsten aus dem Quartiere problematico nicht weit gekommen.

Am Flughafen in Rom durfte ich in einem bewachten Warteraum mein Smartphone an die Steckdose hängen. Ich beschloss, nicht zu Hause anzurufen, die Situation war zu seltsam, sondern schrieb ein WhatsApp, dass es ein paar Tage dauern würde, ich müsste noch in Paris bleiben, sie sollten sich keine Sorgen machen, ich würde mich wieder melden. Dann schaltete ich aus.

Die Nacht war ein einziger Albtraum. Ich verbrachte sie abwechselnd in ungemütlichen Warteräumen und einem Militärflugzeug mit furchtbar unbequemen, seitwärts ausgerichteten Sitzen, brachte kein Auge zu vor lauter Grübeleien. Irgendwann drehte sich in meinem Kopf alles im Kreis, mit einer Amnesie ist nicht zu spaßen. Wie ein Mantra murmelte ich immer wieder „don’t panic“. Es wirkte. Nur ein vogonisches Raumschiff wäre noch schlimmer gewesen, wenn auch nur wegen der Gedichte.

Jetzt, nach dieser schlimmen Nacht mache ich mir konkrete Gedanken, was auf mich zukommen wird. Untersuchungshaft, nehme ich an. Juhu, darauf habe ich gewartet, die freiheitsliebendste Person des Planeten im Gefängnis. Die Polizei wird mich ausquetschen. Soll ich einfach die Wahrheit sagen? Das müsste mir eigentlich helfen, es ist ja schließlich Notwehr gewesen. Irgendwie zumindest. Das mit der Amnesie ist schwerer zu erklären, aber K.-o.-Tropfen lassen sich eventuell auch einen Tag später noch nachweisen, und es ist zumindest nicht komplett idiotisch, damit eine Amnesie zu begründen, auch wenn zwei Wochen etwas lang sind.

Doch falls mein Bauch Recht hat, wozu ich langsam tendiere, würde ich einem unschuldigen Menschen, der mich vielleicht sogar liebt, auch wenn ich mir das kaum vorstellen kann, eine Vergewaltigung anhängen. Nicht gerade die feine Art. Nicht gerade meine Art. Ich beschließe, wahrheitsgemäß auszusagen, dass ich mich an nichts erinnere. Werde das nur um fünf Minuten ausweiten, habe einfach die Tat vergessen. Die Flucht und alles andere werde ich zugeben, dafür gibt es eh genug Zeugen, da komme ich nicht raus. Werde aussagen, dass ich in Panik geflohen bin, aber nicht wisse, wovor und warum.

Die Fragen der Polizei werden mir sicher weiterhelfen in der Einschätzung der Lage, und einen Anwalt werde ich wahrscheinlich auch bekommen, Pflichtverteidiger heißt das wohl. Wenn ich zwei Wochen in Paris gewesen bin und mich frei bewegt habe, gibt es Unmengen Zeugen, ich falle auf, besonders mit dem bunten Mantel. Wenn dieser alte Mann also tatsächlich mein Lover gewesen ist, dann weiß die Polizei das schon und ich werde es erfahren. Nicht, dass ich mir das irgendwie vorstellen kann, er ist definitiv nicht mein Beuteschema, auch wenn das nicht sehr klar definiert ist.

Bin ich wieder mal Opfer eines Trophäenjägers geworden? In diesem Fall ist es trotzdem gut, erst einmal nicht gegen ihn auszusagen. Bei Bedarf kann ich das immer noch nachholen. Sobald er ansprechbar ist, wird die Polizei ihn ausfragen, ob er wohl gegen mich aussagen wird? Ich muss davon ausgehen, obwohl … es ist wie ein Schachspiel mit unvollständigen Informationen: Ich wurde mitten in ein laufendes Spiel gesetzt und kenne nur die eigenen Figuren.

Mail to: [email protected]

Mail from: [email protected]

Title: revenge

sie ist endlich verhaftet du glaubst nicht wie gut ich mich fühle mein scheißfinger tut immer noch höllisch weh er ist tatsächlich gebrochen der haftbefehl war auf mordversuch das gibt ein paar jahre hehe. falls die polizei zu blöd ist haben wir immer noch das video ich liebe diese drohnen. werden ziemlich dumm aus der wäsche gucken bei der froschfresserpolizei sie wissen noch nicht mal ihren namen und bekommen sie schon auf dem silbertablett.

NSA-Überwachungsprotokoll:

Status: Alles im grünen Bereich

Ereignis:

-Das weibliche Objekt wurde plangemäß von den italienischen Kollegen festgenommen und umgehend nach Frankreich zurücktransportiert. Sehr effiziente Arbeit, so schnell erst einen französischen und dann einen internationalen Haftbefehl zu erwirken.

-Das männliche Objekt liegt auf der Intensivstation des Krankenhauses Pitié-Salpêtrière und wurde bereits von der Pariser Kriminalpolizei vernommen. Die leitende Kommissarin wird als politisch unzuverlässig eingestuft, hat sich in ihrer Jugend in der Partie Socialiste engagiert.

Beurteilung:

-Die Ursache des Zwischenfalls zwischen den Objekten ist weiter unklar.

-Der Zwischenfall half uns, das weibliche Objekt aus dem Verkehr zu ziehen. Bei einer wahrscheinlichen Verurteilung wegen versuchten Mordes drohen ihr mehrere Jahre Haft.

Weiteres Vorgehen:

-Verfolgung der Aktivitäten der Pariser Kriminalpolizei über die üblichen Informationswege

-Fortsetzung der Rundumüberwachung des männlichen Objekts

Sie nehmen mich im Gefängnis in Empfang, ich glaube nicht, dass wir in Paris sind, wahrscheinlich irgendwo in der Banlieue, der Begriff kommt mir ganz spontan in den Sinn, ist eigentlich nicht Teil meines aktiven Wortschatzes. Der Weg vom Flughafen war sehr bedrückend, graue Hochhäuser und graue Gewerbegebiete unter grauem Himmel. Selbst die Bäume sahen grau aus, haben das meiste Laub schon abgeworfen. Ein graues Gefängnisgebäude mit Stacheldraht auf den grauen Mauern. Nach unzähligen Formularen, bei denen ich keine Ahnung habe, was genau ich unterschreibe, und der Abgabe all meiner privaten Gegenstände werde ich gleich zu einem Gespräch geführt, mit einer Kommissarin. Endlich jemand, mit dem ich vernünftig reden kann. Werde ich etwas mehr über die Vorgeschichte erfahren? Wird sie mir meine Version der Ereignisse abnehmen?

Ich weiß zwar nicht, wieso die Amerikaner an dieser Frau dran waren, aber so eine unkonventionelle vorläufige Festnahme und Schnellauslieferung hat schon etwas für sich. Sie hatten schon einen Haftbefehl, als wir noch nicht einmal wussten, wie sie heißt, wo haben sie den so schnell hergekriegt? Bei uns dauert so etwas immer ewig, wer hat das unterschrieben? Am Wochenende? Vielleicht haben sie ein schlechtes Gewissen wegen der falschen Terrorwarnung. Auch ungewöhnlich, dass als Haftgrund gleich „versuchter Mord“ aufgeführt ist; „versuchter Totschlag“ oder „schwere Körperverletzung“ wären bei der Tat eigentlich ausreichend, aber das hätte wahrscheinlich nicht für eine schnelle Auslieferung gereicht. Hat da irgendjemand etwas gegen diese Madame Tomasino? Egal, wir haben sie, alles andere wird sich zeigen.

Eine Frau vom Wachpersonal führt mich in einen tristen, fensterlosen, völlig überheizten Raum, bleibt dann am Eingang stehen. Eine Frau sitzt an einem Tisch, sie ist wohl zwischen vierzig und fünfzig, kurze braune Haare, chic, aber unauffällig gekleidet.

Der Transport vom Flughafen hat sich verzögert, ich bin schon da, als sie ankommt, sie hat noch nicht die Gefängniskluft an, sondern stylische und coole Kleidung, alles in schwarz, sehr hohe Schuhe, ein bunter Mantel. Sie sieht beeindruckend aus, da kann selbst eine wahrscheinlich schlaflose Nacht nichts dran ändern. Kein Wunder, dass die Zeugen sich an sie erinnern. Ich merke sofort, dass sie nicht auf den Kopf gefallen ist, ohne dass ich es an etwas Konkretem festmachen kann. Ich stehe auf, gebe ihr die Hand, begrüße sie: „Bonjour Madame Tomasino, ich bin Commissaire Nicodème von der Pariser Police judiciaire. Sprechen Sie Französisch?“

„Bonjour Madame, nicht genug, um diese Unterhaltung zu führen. Italienisch wäre mir lieber, Englisch wäre auch kein Problem.“ Dass ich diese Antwort in halbwegs flüssigem Französisch geben kann, überrascht mich sehr, es kommt ganz automatisch. Ich muss viel gelernt haben in den zwei Wochen, wahrscheinlich liegt es aber einfach an meinen Genen, von Mamàs Sprachgenie ist wohl auch bei mir ein bisschen hängengeblieben. Die Kommissarin antwortet gleich auf Englisch, fließend, aber mit starkem französischem Akzent: „Mit Italienisch kann ich leider nicht dienen, also sprechen wir Englisch.“

„Auch gut. Ich bin so froh, Sie zu treffen.“

Das überrascht mich nun wirklich, ich schaue sie fragend an: „Das höre ich eher selten, wie meinen Sie das?“ Dieser Stolz, diese funkelnden Augen, sehr unruhig, aber unglaublich wachsam und jederzeit auf dem Sprung. Ich bin mir sicher, dass sie ohne nachzudenken jede Fluchtmöglichkeit sofort nutzen würde. Nach außen gibt sie sich supercool, rollt aber ständig ihre langen Locken um die Finger, wippt mit den Füßen. Unter der coolen Oberfläche scheint sie mir sehr verunsichert, ihre Augen verraten sie. Na ja, eigentlich kein Wunder, bei allem, was sie erlebt haben muss, egal, was genau passiert ist, egal, ob schuldig oder nicht.

„Naja, seit meiner Nacht-und-Nebel-Festnahme gestern Abend konnte ich noch mit keinem vernünftigen Menschen reden, der mir erklären konnte, was hier genau vorgeht. Erst dieses Spezialkommando, die waren nicht sehr gesprächig. Das Gefängnispersonal war überraschend freundlich, konnte mir meine Fragen aber auch nicht beantworten. Ich hoffe, Sie können mir weiterhelfen.“

Sie hat eine unglaublich angenehme Stimme. Ich muss aufpassen, dass ich diese einnehmende Person neutral bewerte: „Inwiefern?“

„Ich werde behandelt wie eine Terroristin, wurde in einer Nacht- und-Nebel-Aktion außer Landes geschafft …“

„Dafür bin ich nicht zuständig. Klären Sie das mit Ihrem Anwalt. Sie werden einen Pflichtverteidiger bekommen, falls Sie keinen eigenen Anwalt bestellen. Sie können sich über die Gefängnisleitung auch an Ihr Konsulat wenden.“

„Und dann der Haftbefehl mit dem Mordversuch …“

„Wegen dem ich hier bin. Erzählen Sie mir, was passiert ist.“

Ich muss lachen, auch wenn mir überhaupt nicht danach zumute ist.

„Warum lachen Sie?“

Sie ist natürlich irritiert, kennt meinen Humor nicht: „Weil das meine Frage an Sie wäre. Ich kann mich an nichts erinnern. Absolut gar nichts. Ich habe eine Gedächtnislücke von fast zwei Wochen. Ich weiß nur, was Sie mir vorwerfen, weil es im Haftbefehl steht. Könnten Sie mir bitte zuerst erklären, was genau Sie mir vorwerfen? Habe den Haftbefehl nur kurz gesehen.“

Erstaunlich, sie hat genauso reagiert wie gestern Monsieur Betterfeld, mehr oder weniger wörtlich dasselbe gesagt. Und dass auch sie eine Amnesie hat, habe ich nun überhaupt nicht erwartet, aber gut, weiter im Text: „Kein Problem. Sie stehen im Verdacht, Monsieur Ben Betterfeld, …“

„Nie gehört.“ Das ist also sein voller Name.

„… einen achtundvierzigjährigen deutschen Unternehmer, der zudem Ihr Liebhaber ist …“

„Sind Sie sich da sicher? Achtundvierzig? Nicht gerade meine Altersklasse. Sie wissen doch, ich kann mich an nichts erinnern.“ Mein Bauch hat Recht gehabt. Bis jetzt alles richtig gemacht! Außer das mit der Bratpfanne natürlich, ich ärgere mich maßlos über mich selbst.

„Das ganze Quartier de la Mouffe hat es bezeugt. Also ja, ich bin mir sehr sicher. Haben Sie eine Idee, wie Sie ihn kennengelernt haben könnten? Warum waren Sie eigentlich in Paris?“

„Ich war bei einem wissenschaftlichen Kongress am INSERM. Oder besser gesagt, ich wollte dahin, ob ich wirklich da war, weiß ich gar nicht, wie gesagt, das Gedächtnis.“

„Sind Sie Wissenschaftlerin?“

„Ja, ich bin Doktorandin der Neurobiologie am IBCN in Rom, einem Forschungsinstitut. Und ich soll fast zwei Wochen mit diesem Mann verbracht haben?“

„Ja, Sie haben in einer netten kleinen Ferienwohnung am Ende der Rue Mouffetard gewohnt und es sich offensichtlich gutgehen lassen, wenn man den Berichten der Händler und Restaurants in der Gegend Glauben schenkt.“

„Rue was? Nie gehört.“ Ich wundere mich immer mehr, muss erstaunlich wenig schauspielern.

„Rue Mouffetard, sehr beliebt bei Touristen und Einheimischen gleichermaßen. Gut, wo waren wir stehen geblieben … also, Sie werden beschuldigt, Monsieur Betterfeld krankenhausreif geprügelt und mit einer gusseisernen Bratpfanne heftig traktiert zu haben. Er hätte tot sein können, liegt mit Verletzungen in der Klinik. Ob die Anklage auf Mordversuch, versuchten Totschlag, Körperverletzung oder etwas anderes lauten wird, entscheidet der Staatsanwalt.“

„Das ist ja schrecklich, und ich soll das getan haben? Oh mein Gott …“ Das ist der schwierigste Teil, hoffentlich nimmt sie mir das ab.

Sie scheint ehrlich geschockt zu sein, oder ist sie nur eine gute Schauspielerin? Eher nicht, ihre Nervosität kann sie ja auch nicht verbergen: „Sie wurden gesehen, wie Sie in größter Eile vom Tatort flüchteten.“

Wenn das alles ist, hat dieser Ben nicht gegen mich ausgesagt. Gut. Sehr gut. Vielleicht liegt es aber auch nur daran, dass er noch ausgeknockt ist von der Bratpfanne. Auf jeden Fall ist das nun mein Einsatz: „Ja, daran kann ich mich auch erinnern. Nicht an das mit dem Tatort, aber an meine Flucht. Das Erste, an das ich mich erinnern kann, ist das Knallen einer Tür. Ich flüchte panisch, mitsamt meinem Gepäck.“

Sie wirkt absolut authentisch: „Warum die Panik? Haben Sie etwas Schlimmes gesehen? Oder getan?“

„Keine Ahnung. Was glauben Sie, wie ich mir die letzten vierundzwanzig Stunden den Kopf zermartert habe. Ich habe kein Auge zugemacht heute Nacht. Wo auch, ein Bett wurde mir nicht angeboten.“ Die Kommissarin nickt, ist das ein Anzeichen von Verständnis? „Ich flüchtete durch ein steiles enges altes Treppenhaus, rannte raus aus dem Haus, stand mitten in einem Markt, der gerade aufgebaut wurde, lief weiter, rannte fast einen alten Herrn über den Haufen. Wahrscheinlich haben Sie schon Zeugenaussagen, ich weiß, dass ich auffalle, vor allem mit diesem Mantel. Mir wurde langsam klar, dass ich in Paris bin, ich fand eine Metrostation. Dort besann ich mich zum ersten Mal, versuchte einen klaren Kopf zu kriegen. Hatte auch keine so große Panik mehr, unter Menschen fühlte ich mich sicher.“ Kurze Pause. Die Kommissarin macht keine Anstalten, etwas zu sagen.

„Ich hatte Todesangst, wusste aber nicht warum. Mit Schrecken stellte ich fest, dass wir den 1. November hatten, Ognissanti, der Tag nach meinem Geburtstag, an den ich mich nicht erinnere, da ich eine Lücke von fast zwei Wochen im Gedächtnis habe … in Kombination mit der Todesangst nicht gerade beruhigend. Seitdem zermartere ich mir den Kopf, was in den zwei Wochen passiert ist und woher die Panik kam.“

Die Geschichte deckt sich perfekt mit den vielen Zeugenaussagen, aber sie ist clever, das mit den Zeugenaussagen muss ihr natürlich klar sein: „Nach allem, was die Zeugen so gesagt haben, hatten Sie zwei Wochen lang viel Spaß, da kann ich Sie beruhigen. Ihr Lachen muss sehr auffällig sein.“

„Ja, da mag was dran sein, das habe ich schon öfter gehört.“ Ich schüttele den Kopf, kann es nicht glauben, doch die Kommissarin ist noch nicht fertig.

„Sie flohen in Panik und packten vorher? Das passt für mich nicht recht zusammen.“

„Wie ich vorhin schon gesagt habe, meine erste Erinnerung ist das Türknallen, dann rannte ich mit dem ganzen Gepäck die Treppe runter. Ich weiß nicht, wann ich gepackt habe. Unterwegs in der Metrostation fand ich auf meinem Smartphone ein Flugticket für den Samstagmorgen. Ich hatte wohl geplant, früh abzureisen.“

Auch das klingt plausibel, die Kollegen haben ihr Ticket schon geprüft, es ist vor einer Woche gebucht worden.

Die Kommissarin sagt nichts, ich kann die Stille nicht ertragen: „Das ist ein schlechter Witz, ich hatte bisher nicht viel Glück in der Liebe, und das ist noch milde formuliert, und dann scheint es einmal zu klappen, und ich kann mich an nichts erinnern. Und es endet wieder nicht gut. Das mit der Panik muss mit der Tat zu tun haben. Oh Gott, wenn ich mir das vorstelle, aber wieso verdächtigen Sie mich, ich meine, Sie sagten doch, wir wären ein Paar gewesen. Das ergibt doch keinen Sinn, dass ich ihn halbtot schlage. Ich bin auch noch nie im Leben gewalttätig gewesen.“ Außer zur Selbstverteidigung, aber sie muss ja nicht alles erfahren.

„Sie glauben gar nicht, wie viele Gewalttaten in Beziehungen stattfinden, so unwahrscheinlich ist das nicht. Und die Umstände deuten ebenfalls darauf hin.“ Nur nicht zu viel verraten, wenn sie tatsächlich unter Gedächtnisverlust leidet, kann sie nichts wissen, vielleicht verrät sie sich ja.

„Welche Umstände?“

„Die Verletzungen von Monsieur Betterfeld und wie wir ihn gefunden haben.“

Sie will nicht zu viel verraten, spekuliert wohl darauf, dass ich mich verplappere: „Sie meinen also, wir hätten uns gestritten, er bedroht mich, ich verprügele ihn, verlasse fluchtartig das Haus … Ehrlich gesagt kann ich das nicht hundertprozentig ausschließen.“

Ist sie ehrlich oder abgezockt? Eigentlich nehme ich ihr die Story ab, sie wirkt völlig authentisch, ehrlich verunsichert.

„Seit ich das mit dem Mordversuch auf dem Haftbefehl gelesen habe, habe ich mir den Kopf zerbrochen, ob ich im Affekt oder aus Notwehr irgendwas angestellt habe. Aber die Amnesie ist hartnäckig. Der Schock muss groß gewesen sein. Wissen Sie, ich beschäftige mich als Neurobiologin beruflich mit dem Thema Gedächtnis, Schocks können vorübergehende Amnesien auslösen, aber ein so großes Loch im Gedächtnis ist schon sehr ungewöhnlich.“

„Interessant. Sind solche Amnesien dauerhaft?“

„Meistens nicht, das beruhigt mich ein bisschen. Es hängt aber von Art und Heftigkeit des Traumas ab. Wie geht das denn jetzt weiter? Muss ich wirklich ins Gefängnis? Ich meine, so eindeutig sehen die Beweise gegen mich ja nicht aus und …“

Oh, oh, sie hat wohl gemerkt, dass ich ihr glaube, erst mal abblocken: „Die Interpretation überlassen Sie mal besser uns. Sie werden in den nächsten Tagen dem Haftrichter vorgeführt, der entscheidet darüber, ob Sie in Untersuchungshaft bleiben oder entlassen werden. Bis dahin werden Ihre Fingerabdrücke genommen und mit denen von der Tatwaffe verglichen.“

„Ich koche gerne …“

„Es hängt vom weiteren Verlauf der Ermittlungen ab, ob und wann Sie freikommen. Morgen werden Sie einen Pflichtverteidiger bekommen, mit dem Sie alles Weitere besprechen können. Und melden Sie sich, falls Ihr Gedächtnis wieder arbeiten sollte.“

Sie verabschiedet sich. Ich muss noch warten, bis ich abgeholt werde, die Frau vom Wachpersonal steht an der Tür und schaut die Wand an. Das ist ganz gut gelaufen, ich habe den Eindruck, sie hat meine Geschichte gefressen, ich musste nur einmal kurz lügen. Ich finde sie sehr professionell, sie hat mir nur wenig verraten, ist sehr bestimmt gewesen, aber doch menschlich, hat über ihre Körpersprache Anteilnahme gezeigt. Ich habe den Eindruck, dass diese Kommissarin mich fair behandeln wird. Bloß dumm, dass ich meinen Ärger über die Entführung durch die Spezialeinheit nicht losgeworden bin, aber gut, wahrscheinlich ist sie wirklich nicht zuständig.

Ich weiß nicht, woran ich es festmachen soll nach dem kurzen Gespräch, aber ich hatte von der ersten Sekunde an den Eindruck, dass sie sehr clever ist, hochintelligent. Umso mehr verwundert es mich, dass sie nichts Entlastendes gesagt hat. Es muss ihr klar sein, dass sie sich entlasten könnte, wenn sie eine Notwehrstory bringen würde. Das spricht für ihre Unschuld – oder vielleicht doch für ihre Cleverness? Ich habe ihr nichts Konkretes über den Tathergang gesagt, eine erfundene Notwehrstory wäre schnell aufgeflogen.

Die Geschichte überrascht mich schon, ich habe nicht damit gerechnet, dass auch sie ihr Gedächtnis verloren hat, erstaunlicherweise über denselben Zeitraum wie ihr Liebhaber. Unglaublich, sie hat auf die Frage, was passiert ist, mehr oder weniger identisch wie Monsieur Betterfeld reagiert. Da haben sich ja zwei gefunden.

Wir sind ein glückliches Paar gewesen. Mein Bauch hat Recht gehabt, ich habe mit meiner Aussage alles richtig gemacht. Nur, was ist gestern Morgen in mich gefahren? Muss ich immer alles kaputtmachen mit meiner dämlichen Spontaneität? Erst schlagen, dann fragen? Immerhin scheint er nicht ganz so schlimm verletzt zu sein. Und er hat noch nicht gegen mich ausgesagt. Vielleicht liebt er mich ja noch immer, trotz allem, was ich ihm angetan habe? Nicht, dass das jetzt besonders wichtig wäre, eine Fortsetzung unseres „Verhältnisses“ kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, wozu brauche ich einen Mann, und außerdem: Er ist achtundvierzig, santo cielo. Wird er mir helfen, hier rauszukommen? Alles andere wird sich ergeben.

Erstaunlicherweise glaube ich ihr die komplette Geschichte. Sie hat immer wieder unsicher gewirkt, aber nie wie eine Lügnerin. Die erkenne ich, habe täglich mit ihnen zu tun. Die Notwehrsache ist nicht aus der Welt, aber ich muss weitere mögliche Tathergänge in Betracht ziehen. Vielleicht ist noch eine dritte Person im Spiel, vielleicht hat sie was gesehen, ist im Schock geflüchtet und deshalb traumatisiert. Obwohl, so hat sie nicht gerade gewirkt. Verunsichert, ja, aber traumatisiert, nein. Andererseits … Lügner erkenne ich, aber woran man ein Trauma festmacht, ist nochmal ein anderes Thema, damit habe ich auch nicht jeden Tag zu tun.

Ich mache mich auf in die Salpêtrière, hoffentlich kann sich Monsieur Betterfeld nun an mehr erinnern. Nur mit der Flucht alleine können wir sie nicht lange festhalten. Die Fingerabdrücke werden nicht viel helfen, sie hat zwei Wochen in der Wohnung gewohnt, da ist es ja nur normal, wenn ihre Fingerabdrücke am Griff der Pfanne sind. Wir brauchen eine Aussage zur Tat selbst.

Ich sitze mit der Miss an Bens Bett, wir warten darauf, dass er aufwacht. Er sieht ziemlich ramponiert aus, sie haben seine blonden Haare an einer Stelle abrasiert, um eine Wunde vorne am Kopf nähen zu können. Ich unterhalte mich leise mit der Miss, wir können uns beide keinen rechten Reim auf die Geschichte machen. Und wo ist Giulia? Sie würde Ben in diesem Zustand niemals alleine lassen, das ist völlig undenkbar, so eng, wie die beiden beieinander sind, er ist schließlich überfallen worden, oh, er wacht endlich auf!

Neben meinem Bett sitzen zwei Gestalten, es müssen Miss.Tic und Julien sein, ich habe sie im Tagebuch so gut beschrieben, dass ich sie gleich wiedererkenne: „Salut.“

Mehr bekomme ich nicht heraus, die Situation ist zu seltsam. „Salut Ben“ kommt von beiden, bei weitem nicht so synchron, wie es bei mir und Giulia laut Tagebuch immer gewesen ist.

Die Miss beginnt vorsichtig: „Ben, erinnerst du dich an Julien und mich? Der Arzt meinte, du hättest eine komplette Amnesie.“

Ich nicke, merke, dass das missverständlich ist: „Das mit der Amnesie stimmt. Ich erinnere mich an gar nichts, was in den letzten zwei Wochen passiert ist. Auch nicht an euch. Aber du musst Miss.Tic sein, ich erwarte sonst niemanden.“

„Putain de merde, ja, nenn mich Miss, das ist Julien. Du erinnerst dich an gar nichts, auch nicht an Giulia?“

„Giulia? Ist das die Frau, mit der ich zusammen gewesen sein soll? Die Polizistin hat mich nach ihr gefragt.“

Himmel, so schlimm hat es ihn getroffen. „Soll? Ihr seid das perfekteste Paar des Universums! Oh mein Gott, das ist die härteste Strafe, die man sich vorstellen kann, so etwas zu vergessen.“

„Erzähl mir von ihr.“

Julien schaltet sich ein. „Sie ist nicht nur eine tolle Frau, sie ist auch noch hochintelligent, humorvoll, charmant, temperamentvoll, spontan … Miss, habe ich irgendwas vergessen?“

„Ja, du und Julia, ihr seid wirklich erstaunlich. Siehst du, am Mittwochabend habt ihr mindestens fünfmal absolut synchron geantwortet, auf Fragen, bei denen ihr euch vorher nicht abgesprochen haben konntet. Es war schon fast beängstigend. Ich kann mir euch beide ehrlich gesagt nur als Paar vorstellen.“

„Gott, ich glaube es nicht, da habe ich einmal Glück, und schon vergesse ich alles. Putain de merde, du sagst es.“

„Aber die Erinnerung wird doch wiederkommen, oder?“

„Der Arzt ist sehr zuversichtlich, aber ich bin mir nicht so sicher. Ich zermartere mir permanent das Hirn, aber es kommt absolut nichts. Rien. Niente. Nothing. Obwohl, jetzt, wo ich mit euch spreche, kommen erste Fetzen wieder hoch, wir haben Crêpes gegessen, richtig?“

„Bingo! Na also, es geht doch. Und, kannst du dich auch schon wieder an Giulia erinnern?“

„Schemenhaft, aber immerhin. Besser als nichts.“

Eine Frage brennt mir unter den Nägeln, der Miss sicherlich auch, ich hoffe, dass Ben schon so weit ist: „Was ist mit Giulia? Und wie ist das überhaupt passiert?“

„Gute Frage. Nächste Frage. Keine Ahnung. Wie gesagt, die Amnesie.“

„Du weißt nicht, wo sie ist?“

Ich schüttele den Kopf, habe Tränen in den Augen. Auch wenn ich mich nicht an sie erinnern kann, wird mir gerade der ganze Irrsinn der Situation bewusst: Gedächtnis verloren, Traumfrau verloren, heftige Schmerzen in allen wichtigen Körperteilen. Ich will ablenken: „Das Einzige, was ich weiß, ist, dass die Polizei nach ihr sucht.“

„Die Polizei? Meinst du nicht die NSA?“

„Nein, die Pariser Polizei, glaube ich wenigstens, meine Erinnerungen an das Gespräch gestern sind eher wirr. Wie kommt ihr auf die NSA?“

„Du kannst dich nicht an die NSA-Story erinnern?“

„Nein. Oder, warte mal, wir haben irgendein geheimes Programm entlarvt, ich habe irgendwas geschrieben …“

„… das wir beim Canard veröffentlicht haben. Die ganze Welt spricht darüber.“ Ich vollende den Satz. Giulias Schicksal ist mir viel wichtiger als Bens Erinnerungen an die PHIQS-Enthüllung, was ist mit ihr passiert? „Nicht abschweifen, was will die Polizei von ihr?“

„Eine Kommissarin war gestern hier. Sie denken, Giulia hätte mich so zugerichtet.“ Dass ich mich an die entscheidenden Minuten erinnern kann, dass die Polizei Recht hat, dass ich weiß, wie alles passiert ist, behalte ich wohlweislich für mich. Glauben würde das sowieso niemand, und Giulia belasten geht gar nicht, auch nicht vor Freunden.

Die Miss bekommt einen Lachanfall. Offensichtlich nicht, weil das alles so lustig ist, sondern aus purer Verzweiflung. Wir schauen sie halb belustigt, halb kopfschüttelnd an. Irgendwann hat sie sich beruhigt. „Das ist der größte Blödsinn der Weltgeschichte. Die sind ja noch dümmer als die NSA.“

In dem Moment, als die Miss das sagt, kommt die Kommissarin ins Zimmer. Hat sie das etwa gehört? Sie lässt sich zumindest nichts anmerken. Hat sie geklopft? Ich habe nichts gehört, die Miss hat zu laut gelacht.

Bevor ich in Monsieur Betterfelds Zimmer eintrete, höre ich lautes Gelächter, eine Frau, irgendetwas über die Dummheit und die Polizei, verstehe es aber rein akustisch nicht richtig, und wenn, sowas bekomme ich leider häufig zu hören, nehme das schon lange nicht mehr ernst. Ich öffne die Tür, sehe, dass Monsieur Betterfeld Besuch hat, eine Frau, geht wohl auf die Sechzig zu, Künstlertyp, dazu noch ein langhaariger, vollbärtiger Nerd mit Bikerboots und einem Motörhead-T-Shirt, deutlich jünger als die beiden: „Bonjour Monsieur Betterfeld, wie ich sehe, geht es Ihnen schon viel besser.“

Sie begrüßt auch Miss.Tic und Julien, die sich vorstellen. Die Miss will wohl keinen Promibonus, stellt sich deshalb mit ihrem bürgerlichen Namen Radhia de Ruiter vor, den kennt kein Mensch, ich auch nur, weil ich sie heute Nacht gegoogelt habe.

„Woran sehen Sie das?“

„Die Stimmung ist sehr ausgelassen.“

„Meine nicht. Es war meine Besucherin, die gerade so gelacht hat, und das war auch eher Galgenhumor.“

„Also geht es Ihnen nicht besser?“

„Doch, ein bisschen schon, der Schädel brummt nicht mehr ganz so stark. Meine Besucher haben es auch geschafft, die ersten Erinnerungsfetzen an die letzte Woche rauszukitzeln. “

„Und, woran können Sie sich erinnern?“

„Leider nicht an die Tat. Der Arzt meinte, die Zeit ganz kurz vor dem Schlag auf den Kopf könnte am längsten brauchen.“

„Woran erinnern Sie sich dann?“

„Na ja, an meine Freunde hier, wie wir uns am Mittwoch getroffen haben, Giulia war auch dabei, wir waren tatsächlich ein Paar, obwohl ich das immer noch kaum glauben kann.“

„Gut, immerhin. Da habe ich doch Hoffnung, dass Ihr Gedächtnis bald noch mehr Einzelheiten ausspuckt. Konnten Sie denn in der Zwischenzeit prüfen, ob etwas gestohlen wurde?“

„Ja, es ist noch alles da. Gott sei Dank, das hätte mir gerade noch gefehlt.“

„Gut. Hätte mich auch gewundert, nach versuchtem Raubmord sah das nicht aus. Übrigens haben die italienischen Kollegen gestern eine gewisse Giulia Tomasino festgenommen. Sie ist bereits wieder zurück in Frankreich, sitzt in Untersuchungshaft.“

„Giulia ist in Paris? Wo, in welchem Gefängnis? Kann man sie besuchen?“ Die Miss klinkt sich ins Gespräch ein, das hilft mir, meine Gedanken zu ordnen, ich stelle mich schlafend, in meinem Zustand glaubt man mir das sicher. Das überrascht mich nun wirklich, wieso geht das so schnell, auch mit der Auslieferung? Die NSA muss ihre Finger im Spiel haben, logisch. Das ist die Rache des Dicken für den ausgerenkten Finger.

Gut, dass sich die Besucherin zu Wort meldet, wie heißt sie nochmal? Normalerweise merke ich mir Namen, aber es war ein untypischer Name, irgendwie kommt sie mir bekannt vor, als ob ich sie schon irgendwo gesehen hätte, so kann ich mich unauffällig ihr zuwenden, habe sie bisher kaum beachtet, da mein Fokus auf Monsieur Betterfeld gelegen hat: „Kennen Sie Madame Tomasino?“

„Ja, ich kenne sie, Ben hat es ja gerade erwähnt.“

Ich wende mich auch an den Nerd: „Sie auch?“

„Ja, allerdings nicht so gut wie die Miss.“

Endlich fällt der Groschen: „Miss? Sind sie etwa Miss.Tic?“ Sie nickt. „Ich bin ein großer Fan Ihrer Bilder, schon seit vielen Jahren! Woher kennen Sie denn Madame Tomasino?“ Ich bin sehr überrascht, das Pariser Urgestein Miss.Tic ausgerechnet im Krankenzimmer eines deutschen Touristen anzutreffen, der von seiner italienischen Geliebten halbtot geschlagen wurde. Dieser Fall wird immer mysteriöser. Ich habe Sie mir anders vorgestellt, jünger, ihre Bilder sind so jugendlich und provokativ. Immerhin … gut, dass wir Zeugen haben, die etwas Licht in die rätselhafte Beziehung zwischen Ben Betterfeld und Giulia Tomasino bringen können, auf das Gedächtnis meiner direkten Zeugen kann und will ich mich nicht zu sehr verlassen.

Die Miss ist sichtlich irritiert, hat wohl nicht erwartet, bei der Polizei Fans zu haben: „Sie hat mich zu einigen meiner Bilder inspiriert.“ Sie will der Polizei offensichtlich nicht viel verraten. Wohl über die Jahre antrainiertes Misstrauen einer Dauerüberwachten.

Das ist nun eher kryptisch, aber gut, ist gerade nicht der Schwerpunkt: „Aha, interessant. Da Monsieur Betterfeld sich an nicht viel erinnert, können Sie mir vielleicht weiterhelfen … was sind die beiden für ein Paar?“

„Das unglaublichste Paar der Welt! Ich habe noch nie zwei Menschen getroffen, die so gut zusammenpassen. Und so vertraut miteinander umgehen. Und ich habe schon viele Liebespaare erlebt.“

„Interessant. Wann haben Sie denn Madame Tomasino das letzte Mal gesehen?“

„Das war am … lassen Sie mich überlegen, Mittwoch, oder Julien?“ Julien nickt. „Wir waren abends gemeinsam in einem Café, es wurde spät, wir hatten viel Spaß.“

Ich habe meine Gedanken inzwischen sortiert, tue, als ob ich aufgewacht wäre: „Haben Sie schon mit Giulia gesprochen, hat sie denn schon ausgesagt? War sie es tatsächlich?“

Aha, Monsieur Betterfeld ist doch nicht eingeschlafen, wie ich gerade vermutet habe. Ich muss vorsichtig sein, will ihm nichts verraten: „Sie sagt nichts zur Tat selbst, steht unter Schock, wir wissen es also noch nicht. Monsieur Betterfeld, Ihr Gedächtnis ist eindeutig der Schlüssel zu diesem Fall. Auf jeden Fall eine beeindruckende Person, Ihre Giulia.“

„Schön haben Sie das gesagt. Ja, und inzwischen bin ich auch zuversichtlich, dass mein Gedächtnis bald wieder funktioniert.“ Aber sofort eine Geschichte zu erfinden wäre wohl doch zu auffällig. Trotzdem muss ich die Kommissarin auf neue Ideen bezüglich des Tathergangs bringen, Drohne hin oder her, ich muss zocken, ein Drohnenvideo wäre wohl eh kein zulässiges Beweismittel: „Ich verstehe nicht so richtig, warum Sie Giulia verdächtigen, das ergibt für mich keinen großen Sinn.“ Miss.Tic und Julien stimmen sofort zu. „Wir sind so ein perfektes Paar, die beiden können es bezeugen. Wieso soll sie mich halbtot geschlagen haben … selbst wenn wir uns gestritten hätten, was ich mir nach all meinen bruchstückhaften Erinnerungen gar nicht vorstellen kann, wäre das nie und nimmer so gewalttätig geworden. Wir sind doch erwachsene Menschen.“

Wie ein typisches Gewaltopfer hört er sich nicht an, er wird aktiv, ich muss ihn weiter aus der Reserve locken: „Wie würden Sie sich dann den Tathergang erklären?“

„Ich kann nur spekulieren, die Amnesie …. ich weiß, dass Giulia viel früher losmusste als ich, ihr Flieger ging schon früh am Morgen, ich glaube 9:50 Uhr in Roissy mit Air France, sie wollte rechtzeitig dort sein, mein TGV fuhr dagegen erst am frühen Nachmittag. Vielleicht habe ich mich nochmal ins Bett gelegt, die Wohnungsübergabe sollte um elf sein, ich glaube, wir hatten am Vorabend schon gepackt und aufgeräumt.“ Ohne das Tagebuch wäre ich aufgeschmissen.

Er redet sich in Fahrt, nur nicht ausbremsen: „Okay, Sie waren also alleine.“

„Sehr wahrscheinlich, ja. Da hätte jemand in die Wohnung kommen können, vielleicht hat er gewartet, bis Giulia weg ist, um mich dann so zuzurichten.“

„Und Giulia?“

„Vielleicht kam sie zurück, hatte etwas vergessen, was weiß ich, der Kerl lässt die Tür offen, sie kommt rein, er bedroht sie, sie flieht und ist geschockt … irgend sowas.“

Er wird konkret, da muss ich einhaken: „Sie sprechen von einem Kerl, basiert das auf einer konkreten Erinnerung?“

„Nein … irgendwie kann ich es mir nur nicht vorstellen, von einer Frau so zugerichtet worden zu sein. Nicht dass Sie mich für frauenfeindlich halten, habe einfach noch keine gewalttätigen Frauen kennengelernt.“

„Ich schon, aber das ist ein anderes Thema … haben Sie denn Feinde? Das Quartier de la Mouffe ist nicht gerade ein Verbrechensschwerpunkt. Zufällig wird da niemand krankenhausreif geschlagen. Schon gar nicht in seiner Wohnung.“

„Eigentlich nicht, obwohl, seit den Ereignissen letzte Woche – das Ganze hier wird doch vertraulich behandelt, oder?“

Was denkt der denn? Aber offensichtlich weiß er was: „Natürlich, was denken Sie denn? Warum fragen Sie?“

„Haben Sie am Freitag die Nachrichten verfolgt?“

Julien und die Miss schauen sich irritiert an, die Miss schaut dann mich fragend an nach dem Motto „Die Gehirnerschütterung hat ihm nicht gutgetan …“

Will der mich auf den Arm nehmen? Freitag war der ereignisreichste Tag seit ewigen Zeiten, worauf will er hinaus? Ich versuche, ihn zu provozieren: „Welchen Teil meinen Sie, den mit dem Terroralarm oder den mit der NSA?“

„Den mit der NSA.“

Die Miss und Julien schauen sich wieder fragend an, Julien zuckt mit den Schultern.

Er will mich verarschen, das ist die einzige Möglichkeit: „Wie meinen Sie das?“ Ein besonders intelligentes Gesicht mache ich gerade wohl eher nicht.

„Giulia und ich sind die Informanten hinter der NSA-Enthüllung des Canard.“

Das ist fast schon dreist, ich bleibe aber ruhig: „Sie machen Witze.“

„Nein, macht er nicht.“ Der Nerd meldet sich zu Wort. „Ich bin Webredakteur beim Canard, über mich lief die Veröffentlichung. Ben hat Recht.“

Nun bin ich perplex, das merken sie alle, ich bin mir sicher gewesen, dass er mich verarschen will, muss mich erstmal wieder fangen: „Woher hatten Sie denn die Informationen?“

Welch eine Ironie, ich muss herzhaft lachen, was meinem Schädel nicht guttut: „Herrlich, ich habe es tatsächlich vergessen! Zu was eine Amnesie doch gut sein kann … aber selbst wenn nicht, ich würde es Ihnen nicht erzählen. Auch Julien weiß es nicht. Quellenschutz, das müssen Sie verstehen.“

So langsam habe ich die Information verarbeitet, das mit der Enthüllung muss ich wohl glauben, aber die Verbindung zu unserem Fall kommt mir eher an den Haaren herbeigezogen vor: „Und nun meinen Sie, die NSA hat rausgekriegt, wer dahintersteckt, und einen Schläger geschickt? Nicht gerade deren Handschrift.“

„Sie mussten das nicht rauskriegen, wir haben es der NSA erzählt. Sie hatten uns seit Jahren beschattet, wir waren bei den hunderttausend PHIQS-Opfern. Hier in Paris haben sie uns regelrecht verfolgt, abgehört, beschattet, beim Sex gefilmt, die Wohnung durchsucht, das volle Programm. Wenn wir das einfach nur anonym veröffentlicht hätten, hätte sich für uns vielleicht nichts geändert. Wir haben uns am Freitag vor der Veröffentlichung im Café Beaubourg mit dem NSA-Einsatzleiter getroffen und ihm erzählt, was wir vorhaben. Wir haben ihm gedroht, dass Julien unsere Namen veröffentlicht, wenn wir plötzlich verschwinden sollten, dachten, dann würden sie uns in Ruhe lassen, noch einen Skandal können sie sich eigentlich nicht leisten.“

Die Kommisarin schaut mich mit großen Augen an. „Wie haben Sie denn das Treffen arrangiert?“

„Sie stellen Fragen … das ist alles sehr schemenhaft in meinem Kopf. Das Café Beaubourg, das Treffen mit dem Dicken, dafür muss es Dutzende Zeugen geben, Giulia war noch auffälliger als sonst, hat eine große Show abgezogen, der Rest ist noch Nebel.“

Die Geschichte wird immer abenteuerlicher, aber was die Enthüllung und deren Umstände angeht, glaube ich ihm. Der Blickwechsel zwischen Miss.Tic und diesem Redakteur vom Canard, als Monsieur Betterfeld mit der Geschichte angefangen hat, ist mir nicht entgangen. Nur die Verbindung zu unserem Fall wird dadurch nicht glaubhafter: „Sie haben also die NSA zum Feind. Und nun denken Sie, die hätten Ihnen einen Schläger vorbeigeschickt. Ich bleibe dabei: Nicht gerade deren Stil.“

„Ich denke das nicht, ich spekuliere. Das kommt mir allemal wahrscheinlicher vor, als dass Giulia mich halbtot geschlagen hat.“ Die Miss und Julien nicken zustimmend.

So langsam passt ein Mosaiksteinchen zum anderen, die ganzen Ereignisse vom Freitag ergeben auf einmal Sinn … und sie hängen alle zusammen, wer hätte das gedacht … Monsieur Betterfeld und Madame Tomasino stehen im Zentrum der Ereignisse, bei den beiden laufen alle Fäden zusammen. Da wäre es durchaus auch logisch, wenn die Bratpfannenattacke irgendwie dazugehörte. Nur wie? Aus Monsieur Betterfeld jedenfalls ist heute zum Tathergang wohl nichts mehr herauszukriegen.

Die Kommissarin schüttelt langsam den Kopf, offensichtlich habe ich ihr einige Antworten geliefert auf Fragen, die ihr in den letzten Tagen durch den Kopf gegangen sind. Für mich ist das Thema nun durch, ich wende mich Wichtigerem zu: „Wo ist Giulia denn genau, kann ich sie besuchen?“

„Sind Sie denn schon so weit? Gesundheitlich, meine ich?“ Er selbst hält sie für unschuldig, so viel ist offensichtlich.

„Na ja, anstrengen wird es mich schon, aber wenn der Arzt nichts dagegen hat, kann ich mir schon vorstellen, dass ich morgen ein paar Stunden raus kann.“

Ein Treffen zwischen den beiden würde mir Einiges an Informationen bringen, ich bin schon jetzt sehr gespannt darauf, würde die beiden natürlich live beobachten: „Okay, mir soll es recht sein, vielleicht kommen Sie gemeinsam darauf, was passiert sein könnte. Es ist Ihnen wohl klar, dass Ihr Treffen aufgezeichnet wird, mit Videokamera und Tonaufnahmen?“

„Von mir aus, wir haben nichts zu verbergen. Wo sitzt sie denn nun?“

„Sie sitzt im Untersuchungsgefängnis in Fleury-Mérogis.“

Die Miss macht ein fragendes Gesicht: „Fleury quoi?“

Ich muss über sie schmunzeln. Die Ortskenntnis der meisten Pariser geht nicht über die zwanzig Arrondissements von Paris intra-muros hinaus.

„Das ist in der Essonne.“ Ein Banlieue-Département im Süden von Paris.

„Näher ging es wohl nicht?“

„In Paris intra-muros gibt es kein Untersuchungsgefängnis für Frauen.“

Wieder was gelernt: „Was gibt es denn an Formalitäten?“

„Sie müssen einen Antrag stellen, um die Genehmigung kümmert sich die Gefängnisleitung. Ich kümmere mich gern darum, habe selbst ein Interesse, dass Sie beide wieder wissen, was passiert ist.“

Kurze Pause.

„Gut, dann war es das erstmal. Ich lasse Ihnen meine Karte da. Bitte melden Sie sich, sobald Ihr Gedächtnis wieder arbeitet. Ich nehme an, Sie werden nach dem Besuch im Gefängnis noch ein paar Tage in Paris bleiben?“

„Nicht ganz freiwillig zwar, aber … sieht wohl ganz so aus, reisefähig ist was anderes. Bitte geben Sie mir durch, wann ich Giulia besuchen kann“.

„Gerne. Bonne journée.“

„Bonne journée.“ Sie nickt allen beim Hinausgehen zu.

Die Miss und Julien beginnen gleichzeitig zu reden, sobald sie zur Tür raus ist. Ich höre Giulia hier und NSA da, bin fix und fertig. Ich habe mich unheimlich konzentrieren müssen, um nicht zu viel zu verraten: „Leute, tut mir leid, ich bin hundemüde. Ich würde mich sehr gerne viel länger mit euch unterhalten, habe noch viel zu erzählen. Aber nicht heute und nicht hier. Wollen wir gemeinsam zu Giulia fahren? Klang, als ob es morgen klappen könnte. Brauche eh einen Chauffeur.“

Julien schüttelt den Kopf: „Ich bin raus, habe morgen Termine. Die Geschichte zieht Kreise. Große Kreise.“

Die Miss nickt zustimmend: „Kein Problem, melde dich einfach, wenn es losgehen soll. Ich brauche eh einen Lotsen, glaube nicht, dass ich mich da auskenne.“

Die beiden verabschieden sich. Ich bin sehr gerührt, so gute Freunde zu haben: „Danke für alles. Und bis morgen!“ Ich kann es kaum erwarten, aus dem Krankenhaus rauszukommen. Und Giulia zu sehen. Ich bin sehr gespannt, habe alles ja nur vorgespielt, kann mich noch immer null an sie erinnern.

Wir verlassen Ben mit mehr Fragen als Antworten. Giulia im Gefängnis, Ben ziemlich verletzt, aber wieder erstaunlich guter Dinge, am Ende ist er aber körperlich fix und fertig gewesen, das war offensichtlich. Die Kommissarin macht einen vernünftigen Eindruck, hoffentlich behält sie die NSA-Geschichte für sich. Es muss wahnsinnig viel passiert sein seit Mittwoch. Ich bin gespannt auf die Geschichte, ist doch genau das Richtige für die Fahrt nach Fleury-wie-hieß-dasnochmal? Dass sie wirklich glaubt, Giulia hätte Ben so zugerichtet, andererseits, ich hatte ja schon letzte Woche geahnt, dass in Giulia irgendwas schlummert, vielleicht ist es ein Hang zu spontanen Gewaltausbrüchen? So richtig kann ich es mir nicht vorstellen, aber ganz ausschließen will ich es gedanklich auch nicht.

Auf dem Weg zum Auto sortiere ich meine Gedanken: Was macht diese außergewöhnliche Frau, die jeden Mann haben kann, mit dem unscheinbaren und fast doppelt so alten Ben Betterfeld? Die kann doch jeden ins Bett kriegen … obwohl, Miss.Tic hat gemeint, sie hätte noch nie ein Paar gesehen, das so gut zusammenpasst. Wo die Liebe so hinfällt … andererseits, clever ist er, das habe ich heute in dem Gespräch gemerkt, jetzt, wo er wieder halbwegs klar im Kopf ist. Dazu muss ich nicht wissen, dass er einer der hunderttausend PHIQSer ist, wie sie inzwischen von der Presse genannt werden.

Dass unser Opfer und die Haupttatverdächtige gemeinsam den NSA-Skandal aufgedeckt haben, kann ich immer noch kaum glauben, muss erst ein bisschen googeln, um diesen Julien Keruviel zu finden, aber er ist tatsächlich Webredakteur des Canard, Verwechslung ausgeschlossen. Das erklärt zumindest die schnelle Festnahme, den Haftbefehl, die Auslieferung. Die NSA verfolgt wahrscheinlich jeden Schritt der beiden. Und unsere Ermittlungen kennen sie natürlich auch. Unfassbar, die ganze Welt rätselt, woher der Canard die Informationen hat, und ich stolpere mittenrein. Noch dazu kommt sie von zwei Personen, denen man so etwas gar nicht zutrauen würde, wie Hacker wirken sie nicht gerade, aber wer weiß, sie sind ja wohl beide hyperintelligent.