Wie im Traum - Matthias Schmitt - E-Book

Wie im Traum E-Book

Matthias Schmitt

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Beschreibung

Der deutsche Unternehmer Ben Betterfeld begegnet in Paris überraschend Giulia Tomasino, der Frau aus seinen Träumen. Die beiden verlieben sich ineinander und genießen in Paris unbeschwerte Tage. Doch immer wieder geben merkwürdige Träume ihnen Rätsel auf. Wie kann es sein, dass sie dasselbe träumen? Und dass sie sich so genau an ihre Träume erinnern können? Wieso sind Portraits von Giulia an die Wände von Paris gesprüht? Als die beiden sich daran machen, der Sache auf den Grund zu gehen, überschlagen sich die Ereignisse. Wer hat im Hintergrund die Fäden in der Hand?

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Seitenzahl: 389

Veröffentlichungsjahr: 2017

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MATTHIAS SCHMITT

WIE IM TRAUM

MATTHIAS SCHMITT

WIE IM TRAUM

Roman

swb media publishing

Jede Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen ist zufällig.

Die Handlung und die handelnden Personen sind frei erfunden, mit Ausnahme von Miss.Tic.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die über die Grenzen des Urheberrechtsgesetzes hinausgeht, ist unzulässig und strafbar.

Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Speicherung in elektronischen Systemen.

1. Auflage 2017

ISBN 978-3-946686-30-9

© 2017 swb media publishing, Gewerbestraße 2, 71332 Waiblingen

Titelgestaltung: swb media publishing

unter Verwendung einer Graffiti von Miss.Tic

Satz: swb media publishing

Druck, Verarbeitung: Rosch-Buch, Scheßlitz

Für den Druck des Buches wurde chlor- und säurefreies Papier verwendet.

www.suedwestbuch.de

Prolog – September 2014

Ich wachte mit einem verträumten Lächeln auf. Da war er wieder mal gewesen, dieser Traum, der mich schon seit Jahren regelmäßig „heimsuchte“. Obwohl ich ihn schon so oft geträumt hatte, blieb das meiste sehr schwammig. Ich kann mir Träume nie merken, das Höchste ist, wenn ich ein paar Fetzen in den Tag rüberretten kann. So war es auch bei diesem Traum. Er spielte sich in einem Tagungshotel in einer Großstadt ab, in dem ein Kongress stattfand. Dort lernte ich eine junge Frau kennen, umwerfend gut aussehend, lange dunkle Locken, südländischer Typ, genau mein Beuteschema. Ich wusste nicht, welches Hotel, ich wusste nicht, welche Stadt, ich wusste nicht, worum es bei diesem Kongress ging, und ich wusste nicht, wie ich die Frau kennengelernt hatte. Ich wusste nur, dass ich mich mit ihr verabredet hatte, dass dann aber tausend Dinge dazwischengekommen waren, so dass es nichts wurde mit dem Treffen, weil ich zu spät dran gewesen war. Bevor das aber ganz klar wurde, wachte ich auf. Träume vom Zuspätkommen, bei denen immer tausend abstruse Dinge dazwischenkommen, habe ich öfter. Das hat wohl etwas damit zu tun, dass ich ungern, aber zu häufig zu spät komme.

Das Besondere an diesem Traum war, dass ich seit dem ersten Mal ein glasklares Bild meiner „Traumfrau“ vor Augen hatte. Ich hatte nach dem ersten Traum sogar eine Zeichnung ihres Gesichts angefertigt (es war am 23. Mai 2011 – ich versehe meine besseren Skizzen immer mit Datum). Ich kann das ganz gut, skizziere auch in Meetings gerne meine Mitmenschen, die meist sehr erstaunt reagieren. Keine Karikaturen, sondern echte Portraits. Ein Phantombildzeichner der Polizei hätte eine helle Freude am Bild meiner Traumfrau. Gesicht, Körper, Frisur, Kleidung – ich hatte alles im Kopf. Und das nicht nur in der angenehmen Phase kurz nach dem Aufwachen, sondern zu jeder Tages- und Nachtzeit. Ihr Bild war mir so gegenwärtig wie das guter Bekannter oder meiner Eltern. Creepy. Aber es gab Schlimmeres, als regelmäßig von einer unverschämt gut aussehenden, dazu deutlich jüngeren Frau zu träumen, die sich mit einem verabreden will. Ich hatte mich sogar ein bisschen in sie verliebt. Aber so what. War ja nur ein Traumbild.

Sonntag, 19. Oktober 2014

Ich saß bei perfektem Herbstsonnenschein im TGV nach Paris, irgendwo in der französischen Provinz, war das schon die Champagne? Flaches Land zog im Eiltempo vorbei. Tempo 350 ist schnell, man merkt es aber eigentlich nur, wenn die Bahnstrecke mal parallel zu einer Autostraße verläuft. Ich hatte Glück gehabt. Die verrückten deutschen Lokführer streikten zur Abwechslung mal wieder, aber der TGV fuhr Gott sei Dank mit französischem Personal. Der Zug zum Stuttgarter Hauptbahnhof war ausgefallen, aber wozu habe ich Freunde! Bis Straßburg hatte ich mich nett mit einer französischen Rentnerin unterhalten, die mich angesprochen hatte. Ich unterhalte mich eigentlich gerne mit anderen Leuten, bin aber selbst meistens zu zurückhaltend, ein Gespräch zu beginnen. Danach war ich alleine und hing meinen Gedanken nach. Ich hatte das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Die kurzfristige Einladung meines ehemaligen Kollegen Jean-Yves, einen Vortrag über Innovationsmanagement im Rahmen eines Kongresses am Institut Nationale de la Santé et de la Recherche Médicale (INSERM) in Paris zu halten, kam mir gerade recht. Ich brauchte eh eine Auszeit und hatte deshalb gleich eine Woche Paris gebucht – vor ewigen Zeiten (genauer gesagt Ende der 90er) hatte ich zwei Jahre in Paris gearbeitet und die Stadt lieben gelernt. Seitdem war ich regelmäßig (mal für ein paar Tage, mal für eine Woche) zurückgekehrt und hatte es jedes Mal genossen, mich einfach ein paar Tage treiben zu lassen, ohne großes Touristenprogramm. Meine Mitarbeiter in der Firma waren wohl auch ganz froh darüber, mal eine Woche in Ruhe arbeiten zu können, ohne den nervigen Chef. Ich hatte auch zwei Jahre in den USA gearbeitet, genauer gesagt in Boston, aber diese Zeit hatte mich bei Weitem nicht so geprägt wie die zwei Jahre in Paris, obwohl ich den 11. September und die intensive Zeit danach in den Staaten erlebt hatte. Frankreich war mein erster langer Auslandsaufenthalt gewesen, vielleicht lag es daran. Oder mir war die französische Kultur einfach näher als die amerikanische. Oder vielleicht haben die Franzosen einfach Kultur. Egal, ich freute mich auf Paris.

Aus dem iPhone kam Blankass „… encore une journée passée à rien penser …“ – so weit war es zwar noch nicht, aber das war mein Zielzustand nach dem Vortrag am ersten Tag: Nichts denken, treiben lassen, genießen. Ich freute mich schon auf die gemütliche kleine Wohnung schräg gegenüber der Kirche Saint-Médard am unteren Ende der Rue Mouffetard im mittelalterlichen Quartier Latin, die ich schon mehrfach gemietet hatte. Klein, aber fein, gemütlich eingerichtet und mittendrin im pulsierenden Leben – und das zu Preisen, die man auch im Hotel zahlen müsste. Ich war froh, dass es so kurzfristig wieder mit der Wohnung geklappt hatte, aber der Oktober fällt wohl in die Kategorie Nebensaison, selbst in Paris. Auch das Wiedersehen mit Jean-Yves würde spannend werden. Wir hatten uns seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gesehen und waren uns zufällig bei LinkedIn „über den Weg gelaufen“. Seitdem waren wir lose in Kontakt geblieben, woraus sich auch der Vortrag ergeben hatte. Jean-Yves und ich hatten damals einiges gemeinsam unternommen, ich freute mich sehr auf ihn. Eine vom Kunden bezahlte Parisreise – da lachte das Schwabenherz. Das Treffen mit Jean-Yves und seinem Lebensgefährten Jean-Marc (auch ein ehemaliger Kollege) war schon für den ersten Abend geplant, der Vortrag sollte am nächsten Vormittag stattfinden. Danach fast eine Woche ohne jeglichen Zeitplan oder Termindruck – traumhaft! Der TGV ist dem Flugzeug bei Parisreisen von Stuttgart aus deutlich vorzuziehen. Nicht nur wegen der kurzen Reisezeit, sondern vor allem, weil man mitten in Paris an der Gare de l’Est ankommt – aus dem Zug raus und rein ins Leben! Der ewige Transfer aus Roissy vom Flughafen Charles de Gaulle in die Stadt ist dagegen ein Albtraum, egal mit welchem Verkehrsmittel – Bus, Taxi, Bahn – das schenkt sich nicht viel. Orly ist besser, wird aber von Deutschland aus weniger angeflogen.

So stand ich nun an der Bushaltestelle und wartete auf den 47er, der mich quer durch die Stadt in Richtung Quartier Latin fast vor die Haustür bringen sollte. Fahrpläne nach Uhrzeit gibt es in Paris nicht, nur die Wegstrecke und eine ungefähre Angabe, in welchem Rhythmus die Busse abfahren. Exakte Uhrzeiten würden beim Pariser Verkehr sowieso nicht funktionieren. Aber der Rhythmus ist meistens kurz, man muss selten lang auf einen Bus warten. Manchmal kommen dann auch zwei auf einmal. Um mich rum französisches Sprachwirrwarr, ich musste mich erst wieder eingewöhnen, mit der Rentnerin im Zug hatte ich zwar schon ein bisschen geübt, es war aber noch nicht genug gewesen. Im TGV war es sehr ruhig gewesen, ich hatte die meiste Zeit Musik gehört. Mein Französisch war in den zwei Jahren Paris ganz passabel gewesen, litt aber unter massiver Vernachlässigung. Mir fielen auch gleich wieder die Menschenmassen auf, darunter viele Schwarze und Maghrebiner, das typisch pariserische Menschengemisch. Ganz anders als in meinem schwäbischen Dorf …

Die meisten Métrolinien haben einen großen Nachteil – man sieht nicht viel von der Stadt, da sie unterirdisch verlaufen. Deshalb fahre ich wenn möglich Bus – das ist, gerade wenn man ankommt, der perfekte Einstieg! Der 47er fuhr mich zunächst am Centre Pompidou vorbei Richtung Seine. Ein reges Kommen und Gehen an jeder Haltestelle, ich beobachtete die Leute. Danach ging es über die Île de la Cité und die Rue Saint-Jacques zur Rue Monge – eine Stadtrundfahrt im Linienbus. Am frühen Sonntagnachmittag war bei perfektem Herbstsonnenschein die Hölle los! Ganz Paris schien auf den Beinen zu sein, dazu die Touristen. Ich freute mich, wieder da zu sein.

Der Wohnungsschlüssel war wieder im Café schräg gegenüber hinterlegt – ich war gespannt, ob die Schlüsselübergabe diesmal klappen würde. Ich hatte schon mehrfach das Glück gehabt, an Aushilfen zu geraten, die keine Ahnung hatten, dass der Chef einen Schlüssel aufbewahrte. Mein Französisch war nach all den Jahren auch etwas eingerostet (vor allem am Anfang eines Paris-Aufenthalts), sodass das immer recht spaßige Situationen waren. Spaßig vor allem in Nachhinein, wenn der Schlüssel da war. Doch dieses Mal lief alles glatt, ich bekam den Schlüssel anstandslos. Ich ging schräg über den Platz und stand vor der Haustür neben der Buchhandlung. Den Code hatte ich im Smartphone in einer Mail des Vermieters und fand ihn auch vergleichsweise schnell. Die steilen Treppen in den dritten Stock des Altbaus waren jedes Mal mühsam, vor allem mit Gepäck. Doch der Blick aus dem Fenster über den kleinen, leider nicht verkehrsberuhigten Platz (keine Ahnung, ob er einen Namen hat) mit dem schönen Brunnen in der Mitte war grandios – mittendrin im Pariser Gewusel und doch ganz gemütlich im Sessel sitzen und die typisch pariserischen Häuser auf der Straßenseite gegenüber genießen, deren warme Ockertöne im Herbstlicht leuchteten. Mir ging eine Liedzeile von Zaz durch den Kopf:

„dans ma rue y’a des gens qui s’promènent

j’les entends chuchoter dans la nuit …“

Sie sang zwar über den Montmartre und nicht über das Quartier de la Mouffe, aber solche Feinheiten waren mir in der aufkommenden Urlaubsstimmung völlig egal. Das mit der Hellhörigkeit passte zumindest, man bekam das Pariser Nachtleben in der Wohnung bis spät in die Nacht live mit. Doch an meinem Logenplatz hielt es mich nicht lange, ich wollte noch ein bisschen einkaufen. Das hat in der Rue Mouffetard nicht nur praktische Gründe (Kühlschrank füllen), sondern ist einfach ein Erlebnis. Von Meeresfrüchten über Käse bis hin zu Schokoladenspezialitäten ist die Rue Mouffetard ein echtes Fressgässle, wie der Schwabe sagt. Das allerdings zu Preisen, die man sich nur im Urlaub leisten will.

An diesem Tag hielt ich mich jedoch zurück, da ich ja die Verabredung mit Jean-Yves und Jean-Marc hatte und deshalb keine frischen Lebensmittel brauchte. Ich kaufte nur ein paar Grundnahrungsmittel ein: Kaffee, ein Glas Marmelade, zwei Flaschen Wein, solche Sachen. Aber allein das Schlendern entlang der Rue Mouffetard – einmal hoch, einmal runter, der größere Teil der Straße ist Fußgängerzone – hatte den gewünschten Effekt: Ich fühlte mich nun endgültig in Paris angekommen und auch gleich wieder heimisch. Ich werde nie verstehen, warum bei uns sonntags alle Läden zu sind – das ist der Tag, an dem die Leute Zeit zum Einkaufen haben! In den kleinen Läden der Rue Mouffetard jedenfalls herrschte Hochbetrieb. Sogar die Eisdiele am oberen Ende der Straße hatte noch offen, dem Wetter sei Dank. Ich gönnte mir zwei Kugeln, die dort immer in Form einer Blüte in die Waffel gedrückt werden. Es sind diese Kleinigkeiten, die für mich das Paris-Feeling ausmachen. Genau wie mit Einkaufstüten vollgepackt die Treppen zur Wohnung hochzulaufen.

Montag, 20. Oktober 2014

Am Morgen war es ungewohnt, vom Wecker geweckt zu werden und so früh aufzustehen – Paris war für mich inzwischen eindeutig Urlaub, nicht mehr Arbeit. Auch das Rasieren vermittelte mir gleich ein Arbeits-Feeling. Ich rasiere mich nur ungern, eben wenn ich Termine habe, ich finde, ein Bart steht mir nicht. Ich ließ den vergangenen Abend Revue passieren. Es war nett gewesen, aber doch etwas distanziert. Zuerst hatte ich die beiden vor dem Restaurant kaum erkannt. Jean-Yves hatte einige Kilo zugelegt, zum Ausgleich war von seinen vollen, schwarzen Haaren nur ein grauer Kranz übrig. Er hatte auf LinkedIn kein Bild hinterlegt. Jean-Marc, den ich als kleinen, schlanken Mann in Erinnerung hatte, war nun ein kleiner, sehr dicker Mann. Aber gut, wir hatten ausgerechnet, dass unser letztes Treffen in 2001 oder 2002 gewesen sein musste, eine halbe Ewigkeit. Ansonsten war die Stimmung etwas gedämpft. Jean-Yves hatte mir vor einiger Zeit vom Tod seiner Eltern berichtet. Das schien ihn schwer mitgenommen zu haben, er machte zwischendurch einen fast schon depressiven Eindruck: „Das Leben ist eine auf sexuellem Weg übertragene Krankheit, die in 100% aller Fälle tödlich verläuft.“ Was soll man dazu noch sagen … Dennoch war es nett gewesen, mal wieder über all die alten Kollegen herzuziehen und zu hören, wo die nun alle gelandet waren, nachdem die Firma mal wieder umstrukturiert worden war.

Bei Wissenschaftlern geht es locker zu, was mir durchaus entgegenkam. Keiner erwartete, dass ich in Anzug und Krawatte auftauchen würde, sodass ich mich leger kleiden konnte. Ich verzichtete auch auf ein Frühstück, konnte mir nicht einmal auf dem Weg zur Métro schnell ein Croissant kaufen, da die meisten Bäckereien in Frankreich montags geschlossen haben. Ich fuhr tatsächlich Métro. Es musste schnell gehen, ich wollte nicht zu spät kommen zu meinem Vortrag. Zur Haltestelle Censier – Daubenton der Linie 7 waren es nur ein paar Minuten, der Palais des Congrès an der Porte Maillot war gut zu erreichen, ich musste nur in die Linie 1 umsteigen. Dort angekommen (wie meistens deutlich zu früh) orientierte ich mich erst mal: Wo musste ich hin? Ein furchtbarer 70er-Jahre-Bau auf jeden Fall, ich erinnerte mich dunkel an eine Tagung in den 90ern, bei der ich schon einmal dagewesen war. Aha, erstmal nach oben. Ich ging zum Aufzug, einer war offen, ich drückte auf den Knopf, wollte in den dritten Stock, war alleine. Der Eingangsbereich teilte sich über zwei Etagen, natürlich hielt der Aufzug wieder in der zweiten Empfangsetage. Eine junge Frau in coolen schwarzen Klamotten, Lederjacke, Hose, hohe schwarze Stiefel, stieg ein, abgelenkt, sie suchte etwas in den Untiefen ihrer schwarzen Handtasche. In Paris ist man freundlich, ich sagte „Bonjour Madame“. Keine Antwort. Die Aufzugtür war zu, er fuhr aber nicht los. War mir auch egal, denn als ich die junge Frau genauer ansah, traf mich fast der Schlag: Es war meine „Traumfrau“, es bestand kein Zweifel. Sie trug sogar dieselbe schwarze Kleidung wie im Traum, hatte die langen, dunkelbraunen Locken genau wie auf meinem Bild hochgesteckt, sie sah live noch viel besser aus. Wow! Gut, dass sie abgelenkt war, das gab mir ein paar Augenblicke, um mich zu fassen.

Als sie dann aufblickte, sprach ich sie erst einmal auf Französisch an: „Bonjour Madame, wollen Sie auch zur INSERM-Konferenz?“ Dämliche Frage, es gab nur eine Konferenz dort, wohin sollte sie denn sonst, aber egal, was Besseres fiel mir auf die Schnelle auch nicht ein. Unverständnis, sie schaute mich an, als ob ich Suaheli sprechen würde. Ich versuchte es auf Englisch, sie antwortete einsilbig „Yes“. Ich griff die Gelegenheit beim Schopf und hörte mich „Wir haben noch ewig Zeit, darf ich Sie auf einen Kaffee einladen? Es gibt ein nettes Café gleich nebenan“ sagen. So forsch und spontan war ich im Leben noch nie gewesen.

Wider Erwarten stimmte sie zu – so einfach kann es gehen! Ich bin nicht der geborene Flirter, hatte so etwas noch nie gemacht. Wir fuhren mit dem Aufzug nach unten, ihr Gesichtsausdruck war immer noch wie versteinert, sie war stumm wie ein Fisch. Ich versuchte, den Smalltalk in Gang zu halten, stellte mich erst mal vor und fragte sie nach ihrem Namen.

„I’m Ben, what’s your name?“

„I’m Julia.“ Sehr gesprächig war sie nicht.

Gut, dass das Englische so problemlos mit „You“ und Vornamen arbeitet – ich konnte mir nicht vorstellen, sie dauerhaft zu siezen, zu vertraut war sie mir aus meinen Träumen. Ich machte weiter: „Wo kommst du her?“

„Rom, Italien.“ Das erklärte den südländischen Typ. „Wo kommst du her?“

„Middle of nowhere, Germany.“ Sie lachte zum ersten Mal, sah dabei umwerfend gut aus. Gut, dass wir schon im Café waren, im Sitzen redete es sich leichter. Ich bin wirklich kein guter Flirter, versuchte ihr die Situation zu erklären, was nicht besonders gut ankam: „Ich mache das sonst nie, jüngere Frauen im Aufzug anzusprechen, aber du bist meine ‚Traumfrau‘.“ Sie rollte mit den Augen, was unglaublich gut aussah: „Das ist wohl die ultradämlichste Anmache aller Zeiten.“ Trotzdem lächelte sie und meinte: „Failure is the opportunity to try again more intelligently.“

Wow, sie zitierte Henry Ford, interessant. Ich präzisierte das mit der Traumfrau: „Ich habe seit dreieinhalb Jahren regelmäßig von dir geträumt.“

„Auch das höre ich nicht zum ersten Mal, nur die Zeitangaben sind sonst meistens nicht so präzise.“

Bei ihrem Aussehen konnte ich das nachvollziehen, aber immerhin, sie schien Humor zu haben … also, noch ein Anlauf: „Nicht von jemandem wie dir, sondern genau von dir!“

Da fiel mir die Zeichnung ein, ich trug sie aus unerfindlichen Gründen tatsächlich immer in meiner Aktentasche mit mir rum. Ich zeigte sie ihr, worauf sie nur sagte: „Heilige Scheiße.“

Die Situation war nun erst mal geklärt. Ich konnte es immer noch nicht fassen, dass ich alter Sack hier mit einer mindestens zwanzig Jahre jüngeren Traumfrau im Café saß. Live sah sie umwerfend aus, sie hatte Witz und versprühte eine ungeheuer positive Energie.

„Jetzt weißt du, warum ich dich einladen musste – ich musste dich unbedingt kennenlernen, nach all den Träumen.“

„Worum ging es in den Träumen?“

„Keine Ahnung, das einzig Klare darin bist du.“

Zu meiner Verblüffung meinte sie nun: „Ich habe auch schon oft von dir geträumt, regelmäßig seit ein paar Jahren. Deswegen habe ich vorhin auch so ein furchtbar dämliches Gesicht gemacht, ich meine, als ich dich zum ersten Mal gesehen habe.“

Nun war wohl ich derjenige mit dem dämlichen Gesicht: „Und, worum ging es in deinen Träumen?“

„Auch alles ganz diffus und schwammig, wir treffen uns, könnte ein Kongress wie dieser sein, wir verabreden uns für den Abend in der Hotellobby, aber du kommst nicht. Ich warte und warte und warte, es kommt mir ewig vor! Ich wache an dieser Stelle dann immer auf … Das einzig sehr, sehr Klare an dem Traum bist du. Ich habe dich sofort wiedererkannt. Ich kann aber leider kein bisschen zeichnen. Das Bild ist wirklich erstaunlich … und sehr schön.“ Sie nahm es nochmals in die Hand, schaute es kopfschüttelnd an.

Ich schaute auf die Uhr, unsere Cappuccini waren kalt geworden, es wurde höchste Zeit, zum Kongress zurückzugehen, ich musste gleich am Anfang vortragen. Hastig gab ich ihr meine Visitenkarte:

„Wir müssen uns unbedingt wiedersehen, passt es heute Abend? Und gib mir bitte deine Telefonnummer.“

Sie schrieb mir „Giulia“ und ihre Telefonnummer auf eine Serviette und meinte: „Mein Hotel ist gleich nebenan, Le Méridien Étoile, ich warte um halb sechs in der Lobby. Aber bitte komm diesmal!“

„Im wirklichen Leben lasse ich dich nicht sitzen, darauf kannst du wetten.“

Wir waren nun wieder im Palais des Congrès und gingen in unsere jeweiligen Räume. Jean-Yves wartete schon, fragte mich, ob ich verschlafen hätte. Ich murmelte irgendwas, die Geschichte mit Giulia würde ja eh keiner glauben. Mein Vortrag lief gut, meine Professionalität rettete mich, denn ich war nicht voll bei der Sache. Auch der ganze Tag flog vorbei, ich war schon sehr in Gedanken vertieft. Giulia hatte wohl andere Schwerpunkte gesetzt, wir liefen uns auch durch Zufall nicht über den Weg. Es war eine große Konferenz, verteilt über mehrere Stockwerke des Palais des Congrès. Ich begann, an mir zu zweifeln – war es nur ein Tagtraum gewesen? Doch der Kassenbon und die gesammelten Zuckerbeutelchen aus dem Café in der Jacketttasche sagten mir, dass nicht alles geträumt sein konnte. Nach dem Kongress plauderte ich noch ein bisschen mit Jean-Yves und verabschiedete mich dann von ihm – ich wollte auf keinen Fall wie im Traum zu spät kommen!

Es ging nur einmal über die Straße, ich war viel zu früh im Hotel, aber da sah ich Giulia schon in der Lobby sitzen. Wir lächelten beide bis über beide Ohren, als wir uns gleichzeitig entdeckten. Ich setzte mich ihr gegenüber in einen bequemen Sessel.

„Diesmal habe ich es geschafft! Wie war dein Tag?“, fragte ich.

„Klasse, sehr interessante Vorträge und Poster Sessions“, antwortete sie. „Aber unser Überraschungstreffen heute Morgen war so unwirklich, fast schon surreal, dass ich mich nicht wirklich konzentrieren konnte.“

Ich betrachtete sie, während sie sprach. Sie trug ihre langen, lockigen, dunkelbraunen Haare nun offen und hatte die kniehohen, schwarzen Stiefel gegen ähnliche braune Stiefel mit genauso hohen Absätzen getauscht, zu denen sie ein schlichtes, kurzes, enganliegendes, silbergraues, hochgeschlossenes Kleid trug. Dazu einen breiten schwarzen Gürtel. Dezenter Goldschmuck. Nur ganz dezent geschminkt. Dunkler Teint. Wow! Absolut umwerfend, und sie musste nicht einmal durch ein tiefes Dekolleté beeindrucken – das eng anliegende Kleid reichte dazu völlig aus. Sie war zwar deutlich jünger als ich, schien sich aber in der Situation überhaupt nicht unwohl zu fühlen. Sie strahlte Selbstsicherheit, Coolness und Lebensfreude aus. Und eine unglaubliche Energie. Mit Stillsitzen war nicht viel, sie schlug die Beine immer wieder anders übereinander, hatte ständig etwas in den Händen, die Energie musste irgendwohin. Besonders ihre großen, funkelnden, dunkelbraunen Augen hatten es mir angetan. Wow, mit dieser Frau war ich nun in Paris unterwegs!

„Mir ging es genauso. Ich habe sogar daran gezweifelt, dass du wirklich existierst.“

„Ich existiere, da kannst du dir sicher sein.“ Sie lachte, beugte sich über den Tisch, berührte meine Hände mit ihren. Sie war eindeutig echt, hatte schöne Hände: lange, schlanke Finger, lange Fingernägel, der schwarze Nagellack war mir schon am Morgen aufgefallen. Dazu ein einzelner Goldring mit einem großen, roten Stein. Sie sprach mit einer sehr angenehmen, dunklen Stimme, recht schnell, bestimmt und voll Energie.

Die Befangenheit des Morgens war weg, wir erzählten uns nun nochmals alle Details unserer Träume beziehungsweise unseres Traums, denn es war derselbe aus zwei Perspektiven. Die von Anfang an gespürte Vertrautheit wurde noch tiefer – wir kannten uns wohl doch irgendwie schon seit Jahren. Plötzlich meinte Giulia: „Ich habe einen Riesenhunger. Jetzt! Habe vor lauter Diskutieren den ganzen Tag über fast nichts gegessen. Wo können wir zum Abendessen hin?“ Ziemlich abrupter Themenwechsel, aber Hunger hatte ich auch.

„Hm, es ist noch etwas früh. Was willst du denn essen? In Paris gibt es so ziemlich alles, was du dir vorstellen kannst.“ Ich war noch gar nicht dazu gekommen, mit meinen Ortskenntnissen zu prahlen.

„Französisch natürlich, was denn sonst? Denkst du, ich komme von Rom nach Paris, um Italienisch zu essen?“ Das war mir gleich sympathisch, ich versuche auch immer, die lokalen Spezialitäten kennenzulernen. Es gibt nichts Schlimmeres, als als Deutscher im Ausland Wiener Schnitzel zu bestellen.

„Hm, es ist ja erst sechs vorbei, das ist ziemlich früh für echte französische Restaurants.“ Da kam mir eine Idee: „Magst du Meeresfrüchte?“

„Ich liebe Meeresfrüchte.“

„Muscheln?“

„Ich liebe Muscheln!“

„Okay, es gibt da eine Restaurantkette, Léon de Bruxelles, da kann man Muscheln in allen Variationen essen. Nicht sehr typisch französische Atmosphäre, aber gutes und reichliches Essen. Und sie schauen einen nicht blöd an, wenn man sehr früh kommt. Französische Kellner können sehr arrogant sein.“

Giulia lachte: „Dann sind sie ja wie italienische. Klingt gut, wo müssen wir hin?“

„Die nächste Filiale ist gleich um die Ecke, es sind nur ein paar Minuten zu laufen.“ Meine Ortskenntnisse beeindruckten sie sichtlich.

„Wie kommt es, dass du dich in Paris so gut auskennst?“

„Ich habe hier zwei Jahre gelebt, ist eine ewige Zeit her, seitdem komme ich regelmäßig her. Ich kenne mich in Paris ganz gut aus.“ Ich untertrieb, wollte nicht zu dick auftragen.

„Super, dann habe ich ja den perfekten Tourist Guide.“

„Kannst du mit den Schuhen laufen? Vielleicht willst du ja nach dem Essen noch etwas von der Stadt sehen?“

„Ich bin Italienerin.“ Ich schaute sie fragend an. „Ich bin quasi in High Heels auf die Welt gekommen.“

Auch gut. Wir standen auf, ich half ihr in den Mantel. Sie hakte sich wie selbstverständlich bei mir ein. Das fühlte sich sehr, sehr gut an, ich roch ihr Parfum.

Léon ist nicht wirklich gemütlich, aber das Essen ist lecker, die Frites zu den Moules kann man nach Belieben nachbestellen und das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Außerdem ist es in Paris immer schwerer, Brasserien zu finden, die Moules-frites überhaupt anbieten. Viele typische Brasserien werden zu gesichtslosen Restaurants umgebaut oder gleich zur Starbucks-Filiale. Giulia jedenfalls schien die Idee gut zu finden, sie studierte die Speisekarte intensiv.

„Kannst du denn Französisch?“, fragte ich sie.

„Ich hatte es ein paar Jahre in der Schule. Ist nicht viel hängengeblieben davon. Man lernt Verben in allen Zeiten durchzukonjugieren, aber im Restaurant ein Essen bestellen ist völlig unmöglich. Von der Aussprache ganz zu schweigen, wir haben prinzipiell alles Italienisch ausgesprochen.“

Ich lachte. „Klingt wie deutscher Sprachunterricht.“

„Das bisschen, was ich kann, hat mir meine Mamà beigebracht, sie ist Simultandolmetscherin, ein echtes Sprachgenie. Immerhin verstehe ich beim Lesen vieles, die Sprachen sind ja miteinander verwandt. Was ist das typisch pariserische Gericht?“

„Moules à la marinière, Miesmuscheln in Weißweinsauce.“ Das bestellten wir zweimal, Giulia hatte noch eine Flasche Rosé dazu ausgesucht.

„Lässt du dich öfter von alten Männern ausführen? Bei dir stehen die Männer doch sicher Schlange.“ Wir waren inzwischen so vertraut, dass ich mich nicht scheute, etwas provokativ zu fragen. Nachdem die Traumgeschichte nun irgendwie „durch“ war, wollte ich natürlich mehr über Giulia erfahren. Sie wurde rot, das war wirklich süß – während sie mir vorhin in der Hotellobby supercool und erwachsen vorgekommen war, kamen jetzt auch immer wieder kindliche Züge durch, was sie nicht im Geringsten unattraktiver machte.

„Ja, schon, aber nicht die richtigen. Ich lasse mich überhaupt nicht ausführen. Weder von alten noch von jungen. Es gibt nicht viele Männer in meinem Leben. Ich bin ständig im Labor, du kennst das ja, da bleibt nicht viel Zeit für Privatleben. Wir fragen uns immer wieder: ‚Gibt es ein Leben außerhalb des Labors?‘“

Ich lachte: „Also bei mir ist’s zwar schon eine Weile her, aber wir haben uns die Frage damals auch öfter gestellt.“ Wir lachten beide.

„Und außerdem bist du sooo alt ja auch noch nicht“, ergänzte sie noch.

„Du musst mir nicht schmeicheln. Auf jeden Fall fühle ich mich gerade viel jünger als noch heute Morgen – muss an dir liegen.“ Für meine bescheidenen Verhältnisse kühn geflirtet.

„Hast du Familie, die zuhause auf dich wartet?“ Das gegenseitige Abtasten ging weiter.

„Nein, das hat sich nie ergeben.“ Ich zeigte auf meine ringlosen Hände.

„Bisher hat es noch keine lange genug mit mir ausgehalten“, sagte ich scherzend, obwohl es die traurige Wahrheit war.

Das Essen kam, ein großer gusseiserner Topf mit Miesmuscheln für jeden, dazu Baguette und eine Schale Frites und je ein Behälter für die leeren Muschelschalen. Giulia nahm etwas ratlos Messer und Gabel in die Hand, während ich mir eine leere Muschel packte und diese als Zange verwendete.

„Du bist ein Profi“, lachte sie und machte es mir nach. „Die sind ja wirklich superlecker“, meinte sie und aß mit gesundem Appetit. „Die Frites passen perfekt dazu, hätte ich im Traum nie gedacht. Bei uns in Italien gibt’s die nur bei McDonalds, man würde nie Pommes zu einem ernsthaften Gericht essen.“

Wir bestellten rechtzeitig Frites nach. Es dauert manchmal etwas und dann kommen sie, wenn man mit dem Rest schon fertig ist. Diesmal ging es schneller, ich hatte den Eindruck, dass der Kellner uns sehr aufmerksam bediente, das musste an Giulia liegen. Auch dem Wein sprachen wir gut zu, sodass wir gegen Ende noch eine halbe Flasche nachbestellten. Giulia zerlegte nebenher sämtliche Untersetzer, das Etikett der Weinflasche, die Papierservietten und sonst alles, was nicht niet- und nagelfest war. Es war nicht das typisch südlandische Gestikulieren, sie brauchte einfach immer etwas zum Spielen in den Fingern.

„Machst du das immer so?“

„Was?“

„Das Inventar zerlegen?“ Ich zeigte auf die zerfetzten Papierservietten.

„Ja. Meine Hände brauchen Arbeit. Mir fehlt die Pipette.“ Gut gekontert. Nachdem alles Zerlegbare zerlegt war, rettete ich den Salzstreuer und erntete einen verständnislosen Blick.

„Ich will eine Katastrophe verhindern.“ Giulia lachte und begann, eine Strähne ihrer lockigen Harre um den Finger zu wickeln. „Jetzt weiß ich auch, wo die tollen Locken herkommen.“ Sie streckte mir die Zunge raus und lachte. Wir hatten Spaß miteinander.

Wir unterhielten uns über ihre Arbeit im Labor, sie promovierte in Neurobiologie. Ich erzählte ihr von meiner abgebrochenen Wissenschaftlerkarriere und meinem aktuellen Job als Inhaber eines kleinen Beratungsunternehmens zur Vermarktung technologischer Innovationen. Wir sprachen über Deutschland, Italien, Frankreich, das internationale Flair der Forschungslabors. Sie hatte ihr bemerkenswert gutes Englisch bei einem Forschungsaufenthalt in Seattle am Allen Institute for Brain Science gelernt. Wir lachten an denselben Stellen, die Gesprächsthemen gingen uns nicht aus. Die Zeit verging wie im Flug, wir verstanden uns prächtig, als ob wir uns schon ewig gekannt hätten. Sie war clever, charmant, hatte Temperament und Humor. Wenn sie lachte, was häufig vorkam, wurde sie sehr laut, ihre Stimme schallte durch den ganzen Raum, der zu beben schien, die Leute drehten sich um. Dieses Lachen war einmalig, nicht unbedingt sexy, aber ungeheuer ansteckend. Wir flirteten eher dezent, aber es war offensichtlich, dass auch eine gewisse erotische Komponente in der Luft lag. Nachdem wir lange und gut gegessen und gesessen hatten, signalisierte ich dem Kellner, dass wir zahlen wollten: „L’addition, s’il vous plaît!“

„Was heißt das?“

„Il conto, per favore!“ Ich glänzte mit meinen kaum vorhandenen Italienischkenntnissen.

„Schon klar, ich bin doch nicht blöd … Nein, das Wort, la dition oder wie?“

„L’addition, wie die Addition, das Zusammenzählen.“

„Ah, interessant. Sprichst du Italienisch?“

„Nein, das war so ziemlich alles, was ich draufhabe.“ Giulia lachte schallend, wohl auch ein bisschen vom Alkohol enthemmt.

Der Kellner brachte die Rechnung, ich bezahlte und wir gingen vor die Tür, wobei ich die Wirkung des Weines trotz des üppigen Essens spürte. Ich wusste nicht so recht, wie wir nun weitermachen sollten. Ich wollte nichts überstürzen, die Situation schien mir zu kostbar – diese Frau war einfach zu gut für einen One-Night-Stand!

Kaum standen wir auf der Straße, umschlang sie mich mit den Armen und küsste mich leidenschaftlich, drückte sich dabei fest an mich. Auf offener Straße, das kommt auch in Paris, der Stadt der Liebe, nicht so häufig vor. Mir wurde fast schwindlig, so gut fühlte sich das an. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie die Initiative ergreifen würde, und dann auch noch so schnell!

Sie lächelte mich strahlend an: „Zu mir oder zu dir?“ Das umwerfendste Lächeln des Planeten. Ich war nun erst recht perplex. Sie machte Nägel mit Köpfen.

Ich sagte spontan: „Zu mir. Aber es ist ein Stück. Wir können erst die Métro nehmen und dann den Rest durch das Quartier Latin laufen. Das Wetter hat sich beruhigt, der Regen ist vorbei.“ Sie schien ein bisschen enttäuscht, dachte wohl, ich wäre nicht scharf auf sie.

„Wieso nicht zu mir? Ist gleich um die Ecke. Hast du Angst vor mir? Don’t panic! Oder bist du etwa nicht scharf auf mich?“

Puh, wie sollte ich da wieder rauskommen? Ich küsste sie zunächst einmal sehr lange, um Zeit zu gewinnen und meine Gefühle zu sortieren. Das gelang nicht wirklich. Ich flüsterte ihr ins Ohr: „Vertrau mir einfach und genieß die Vorfreude.“ Ich musste ihr das Prinzip der Vorfreude erklären, es gibt kein passendes englisches Wort dafür, ich hatte gerade die direkte Übersetzung „Pre-joy“ erfunden.

„Pre-joy, klingt gut.“

Wir nahmen die Métrolinie 1 bis Châtelet, ich gab Giulia einige Tickets meines Carnets. Wir erregten als ungleiches, offensichtlich verliebtes Paar ziemliches Aufsehen, einige Leute drehten sich mehr oder weniger verstohlen nach uns um, was mir ausgesprochen gut gefiel. Während wir auf die Métro warteten, sah ich, wie ein Jugendlicher aus der Banlieue (Vorurteil? Vielleicht kam er auch aus dem 16ème) sich an Giulias Handtasche zu schaffen machte. Doch bevor ich reagieren konnte, hatte Giulia ihm schon eine gescheuert, dass es knallte und er nach hinten wegtaumelte. Ich hatte dieser zierlichen Person diese Kraft nicht zugetraut. Dazu rief sie dem Flüchtenden eine Tirade italienischer Flüche hinterher. Ich war beeindruckt.

„Angriff ist die beste Verteidigung“, meinte sie nonchalant. Ich schaute wohl ziemlich erstaunt. „Ich bin in einem Quartiere problematico groß geworden“, fügte sie zur Erklärung hinzu.

„Vor dir muss ich mich also in Acht nehmen“, scherzte ich. Sie lachte. Wir liefen von Châtelet über die Île de la Cité an Notre Dame vorbei zunächst durch die üblichen Touristenmassen zur Place Saint-Michel. Giulia war hin und weg, hatte außer Eiffelturm und Louvre keine klare Vorstellung von Paris gehabt.

„Es ist sooo schön hier“, sagte sie immer wieder. „Danke, dass du mir das alles zeigst. Wow, man kann ja sogar Boot fahren. Rom hat zwar den Tiber, fühlt sich aber nicht an wie eine Stadt am Wasser. Das ist hier ganz anders.“ Sie zeigte vom Pont Saint-Michel auf ein durchfahrendes Bateau-Mouche, auf dem eine Gruppe johlender Schüler erstaunlich viel Lärm produzierte.

„Ja, Paris ist schon sehr stark von der Seine geprägt, das alte Zentrum liegt nicht umsonst auf zwei Inseln. Aber das Bootfahren lohnt sich nicht wirklich. Du siehst ja, man ist sehr tief unten, die Perspektive ist nicht immer berauschend. Und die johlenden Schulklassen gehören auch dazu, das muss ich nicht dringend haben.“

Von dort ging es durch das Quartier Latin, zunächst in der Nähe der Place Saint-Michel durch sehr belebte Straßen mit Touristenrestaurants, dann durch unbelebtere Gassen den Hügel hoch zum Panthéon.

Dabei kamen wir an einem der Bilder von Miss.Tic vorbei, einer Pariser Street-Art-Künstlerin, die graffiti-artige Bilder an Wänden in ganz Paris hinterlässt. Genauer gesagt sehen sie so aus, als ob sie per Schablone und Spraydose an die Wände gemalt würden. Es sind stilisierte Frauenfiguren, meistens Schwarz auf weißem Hintergrund, manchmal lebensgroß, meistens kleinformatig. Junge, gut aussehende Frauen in teilweise gewagten Posen, kombiniert mit Zitaten und Wortspielen, für die mein Französisch meist nicht ganz ausreichte. Dieses Bild zeigte eine junge Frau ab der Hüfte aufwärts. Sie trug ein schwarzes Trägerkleid mit tiefem Ausschnitt und eine Hochsteckfrisur. Sie schaute einen mit einem geheimnisvollen, selbstbewussten, fast provokativen Lächeln an. Dazu der Text: „La joie est folle“.

Ich hatte die Bilder bei früheren Parisaufenthalten schon öfter gesehen und war sehr fasziniert gewesen von diesen geheimnisvollen, jungen Frauen. Giulia war auch ganz begeistert. Ich vor allem deshalb, weil dieses Bild eine verblüffende Ähnlichkeit mit Giulia hatte:

„Jetzt weiß ich, wieso mir diese Bilder immer so gut gefallen haben.“

„Warum?“

„Weil das du bist auf diesem Bild!“

„Quatsch!“

„Nein, schau doch mal, die Ähnlichkeit ist verblüffend.“

„Das ist nicht eine bestimmte Frau, das ist einfach ein Frauentyp – schlank, dunkle Haare, geheimnisvolles Lächeln. Trotzdem schön, dass du mich in diesem tollen Bild siehst.“ Sie küsste mich ein weiteres Mal. „Was heißt das?“

„Irgendwas wie ‚Die Freude ist verrückt‘ … wahrscheinlich ein Wortspiel, das ich nicht verstehe … vielleicht soll es heißen ‚Es wäre verrückt, sich zu freuen‘ …“

„Keine Angst, ich drohe dir nicht …“ Giulia lachte, fragte nach der geschwungenen, interessant designten Signatur: „Was bedeutet das, Miss.Tic?“

„Das ist die Signatur der Künstlerin, sie ist hier ziemlich bekannt. Ihr Name ist ein Wortspiel: Miss.Tic wird normalerweise mystique geschrieben, das heißt mystisch. Passt ganz gut zu den Bildern, finde ich.“ Giulia nickte zustimmend, hakte sich wieder bei mir ein.

„Hat die auch eine Galerie oder so was? Da würde ich gern mal hingehen.“

„Keine Ahnung. Lässt sich aber sicher rausfinden.“

„Ich mag solche Street-Art-Sachen sehr gerne. In Rom haben wir auch einiges, aber das ist ganz anders, es wird mehr mit der antiken Geschichte gespielt. Das hier ist anders, so … modern.“

„Interessierst du dich für Kunst?“

„Ja, sehr. Hauptsächlich moderne Sachen. Rom ist ja leider voll mit alten Meistern. Das ist nett und schön, aber mir fehlt da ein bisschen der Bezug dazu.“ Zum ersten Mal dachte ich daran, was wohl wäre, wenn meine Traumfrau ein paar Tage mit mir in Paris bliebe. Museen jedenfalls gab es genug.

„Was sind denn das für Fahrräder in dem Ständer dort drüben?“, fragte Giulia etwas später.

„Die kann man ausleihen. Das Programm heißt Vélib’. Ich hab’ es selbst noch nicht ausprobiert, soll aber sehr benutzerfreundlich sein.“

„Ah, das gibt es bei uns auch, heißt roma’n’bike. Mein Gott, ich bin seit Jahren auf keinem Fahrrad mehr gesessen. Die Vespa ist viel praktischer.“ Okay, besonders sportlich schien sie wohl nicht zu sein … Wir gingen hinter dem Panthéon an der Kirche Saint-Étienne-du-Mont vorbei zum oberen Ende der Rue Mouffetard. Diese gab Giulia vollends den Rest. Ein nettes Restaurant am anderen, dazwischen auch ein paar einfachere Restaurants mit Straßenverkauf, aber keine solchen Touristenspelunken wie rund um die Place Saint-Michel, dazu die ganzen Läden und der Trubel der vielen Touristen an einem lauen Herbstabend.

„Hier wohnst du also?“, fragte Giulia mich erstaunt.

„Yep, hier wohne ich.“

„Wow. Du weißt, wo es schön ist.“

„Ich hoffe, es war den weiten Weg wert.“

„Ja, das war es.“ Ihre Stimme klang fast schon ergriffen. Wir waren ganz unten am Ende der Straße angekommen.

„Wollen wir noch einen Absacker im Café gegenüber nehmen?“

Sie küsste mich noch einmal so leidenschaftlich wie vorhin, das war Antwort genug. Als ich mit dem Code die Haustür öffnete und wir durch das Treppenhaus des Wohnhauses nach oben gingen, war sie sehr angetan: „Was für ein uraltes Haus! Echtes Fachwerk! Wow! Hast du in so was damals auch gewohnt?“

„Nein, das hier ist sehr alt, wahrscheinlich ein paar hundert Jahre, nicht sehr typisch für Paris. Meine Wohnung war auch Altbau, aber eher aus der Jugendstilzeit, so mit hohen Decken und Stuck und so was.“ Sie antwortete nicht, war wohl außer Atem. Sie war Laufen offensichtlich nicht gewöhnt, dazu die High Heels …

Die Wohnung war schnell gezeigt, eineinhalb Zimmer. Am Eingang links das Bad mit Dusche, WC und sogar einer Waschmaschine. Danach ebenfalls linkerhand die offene Küche – klein, aber voll ausgestattet und absolut kochtauglich, die Spülmaschine war Gold wert, selbst für Kochmuffel wie mich. Dahinter der Wohnbereich mit dem rustikalen Esstisch sowie zwei bequemen Sesseln an den Fenstern. Alles sehr gemütlich und geschmackvoll eingerichtet. Rechts davon, durch Fachwerkbalken abgetrennt, der Schlafbereich mit dem Doppelbett unter der Schräge der Treppe im Treppenhaus – wenn jemand nach oben ging, hörte man es sehr deutlich. Giulia warf sich auf das Bett, hüpfte ein bisschen rum wie ein kleines Kind. Sie war wirklich umwerfend, ich konnte es immer noch nicht fassen. Ich ging auf die Toilette. Ich hatte mir die ganze Zeit fest vorgenommen, darauf zu warten, dass Giulia die Initiative ergriff. Zum einen gefällt mir das, ich bin bei Frauen auch nicht gut im Initiative ergreifen – obwohl, vielleicht änderte sich das ja grade, am Morgen hatte es funktioniert – zum anderen würde ich mir dann doch etwas weniger wie ein Kinderschänder vorkommen – der Altersunterschied machte meinem Kopf schon noch zu schaffen, sie hätte meine Tochter sein können …

Als ich aus dem Bad zurück ins Schlafzimmer kam, war Giulia auf meinem Bett eingeschlafen! Der viele Wein und der lange Spaziergang an der frischen Luft hatten offensichtlich ihre Wirkung entfaltet. Ich zog ihr vorsichtig die Stiefel aus und deckte sie zu. Die Wohnung war durch die Straßenbeleuchtung ziemlich hell, ich dimmte das Licht herunter, nahm mir ein Glas Rotwein, ein Blatt und einen Bleistift, setzte mich in den Sessel, schaute Giulia an und begann zu zeichnen. Sie sah wunderschön aus, ihre langen, dunklen Haare waren wie über das Kissen drapiert. Die Situation hatte etwas Surreales. Da war zum einen der Überraschungseffekt – als ich am Morgen aus dem Haus ging, hatte ich ja mit vielem gerechnet, aber damit … es lag tatsächlich die bestaussehendste, humorvollste und charmanteste Frau, der ich jemals begegnet war, in meinem Bett, die dazu noch genauso aussah wie die Frau auf einem Bild von Miss.Tic. Und dazu war sie wohl offensichtlich scharf drauf, das Bett mit mir zu teilen.

Ich hoffte nur, dass sie es sich bis zum Morgen nicht anders überlegen würde … und dann war da noch die völlig bizarre Vorgeschichte mit unserem gemeinsamen Traum. Es war Vorsehung, wir sollten uns treffen. Wir waren füreinander geschaffen. Ein gutes Zeichen.

Dienstag, 21. Oktober 2014

Ich saß die Nacht über im Sessel und schaute Giulia an, die schlief, ohne sich zu rühren. Ich schlief hin und wieder ein. Jedes Mal, wenn ich aufwachte, war ich sehr froh, als ich realisierte, dass es real war: Ich war wach und Giulia lag mir gegenüber. Ich machte bereits Pläne, wie es in den nächsten Tagen weitergehen könnte. In den frühen Morgenstunden (es war noch stockdunkel, aber wir hatten ja die Straßenlaternen) wachte sie dann auf. Sie brauchte ein paar Augenblicke, um sich zu orientieren. Ich wollte sie nicht erschrecken, sagte leise: „Hi Giulia“, dann sah sie mich im Sessel sitzen.

„Ich dachte schon, dass ich das alles nur geträumt habe.“

„Was genau?“

„Das ist eine lange Geschichte. Und wir waren noch nicht fertig.“

Sie stand auf, setzte sich rittlings auf mich und küsste mich mit einer wilden Leidenschaft, die mich in ihrer Intensität nun doch überraschte. Es war wie ein Rausch, sie nahm mich in diesem Sessel, den ich als dafür eher wenig geeignet eingeschätzt hätte. Es blieb einfach keine Zeit für einen Ortswechsel. Was ein Temperament! Erst als wir völlig erschöpft waren, zogen wir, mit halb heruntergerissener Kleidung, ins Bett hinüber. Ich umschlang sie und flüsterte ihr ins Ohr: „Das war das Beste, was ich je erlebt habe.“

Erstaunlich ist, dass sich von diesem Ausbruch an Leidenschaft vor allem ganz „leise“ Erinnerungen in meinem Gedächtnis eingeprägt haben:

Ein Hauch von Giulias Parfum in meiner Nase.

Ein ins Ohr gehauchtes „Ti amo“, als der Sturm vorüber war.

Die sanfte Berührung ihrer Hand an meiner, nachdem sie aufgestanden war, um mir zu signalisieren, dass sie ins Bett umzieht.

Stunden später wachte ich auf, die halbnackte Giulia mit dem Rücken zu mir. Sie schlief nicht mehr lange. Das zweite Mal war auch nicht ohne. Inzwischen war es hell draußen, die Sonne schien strahlend, die Fenster gingen nach Südosten, die Wohnung lag hoch genug, um Sonne abzukriegen. Ich dachte an das Naheliegende: „Frühstück?“

„Eine Kanne Kaffee reicht mir völlig, ich brauche nur Koffein, bin keine Frühstückerin.“

Das ließ ich nicht gelten: „Dann wirst du es eben. Paris ist die Welthauptstadt des Frühstückens.“ Ich übertrieb nur ein bisschen.

Ich sprang schnell unter die Dusche und ging dann zum Bäcker. Nicht zum nächsten gleich über den Platz, sondern einen weiter, am Starbucks vorbei zur Boulangerie de Monge, dort waren die Backwaren noch besser. Da war ich wählerisch auf allerhöchstem Niveau. Ich ließ mir auf den paar Metern die Situation durch den Kopf gehen. Ich schwebte fast, hüpfte zwischendurch wie ein kleines Kind, so gut fühlte ich mich, es hatte aber definitiv etwas Surreales. Diese Traumfrau in meiner Wohnung, der beste Sex meines Lebens – ich war gespannt, was noch kommen würde.

Giulia hatte inzwischen auch geduscht, sie sah unglaublich gut aus in einem meiner T-Shirts, ich bewunderte ihre schönen langen, schlanken Beine. Auch die Zehennägel waren schwarz lackiert, ich gab ihr ein paar Socken. Sie hatte inzwischen das Bild gefunden, das ich gemalt hatte.

„Das ist unglaublich schön.“

„Du bist unglaublich schön. Ich schenke es dir.“

Wir waren beide ein bisschen verlegen. Giulia sah meine Tüten mit Backwaren und fragte: „Hast du noch jemanden eingeladen? Das reicht für eine Fußballmannschaft.“

Ich lachte: „Nein, das ist nur für uns. Du wirst es lieben.“

Der Kaffee hatte inzwischen genug gezogen und konnte durchgedrückt werden. Ich bin Kaffeejunkie, ohne mehrere Tassen kann ich den Tag nicht beginnen.

„Soll ich mich rasieren oder geht zur Not ein Eintagesbart?“

„Bitte nicht rasieren, ich stehe auf Dreitagebärte!“ Bingo. „Gut, ich lass ihn wachsen, bis du protestierst.“

Giulia war schon abgelenkt, denn als Musik ließ ich die Erste von Louise Attaque laufen, es lief grade „Les Nuits Parisiennes“, Giulia groovte dazu, sie hatte Rhythmusgefühl: „Verstehe zwar kaum ein Wort, aber klingt supercool. Das ist die Musik zur Stadt, so, hmm … pulsierend, vibrierend, lebendig … pariserisch.“

„Deswegen gefällt mir das Album so.“

„Wie heißt die Band?“

„Louise Attaque.“

„Louisa was? Da singt doch ein Mann!“ Ich buchstabierte.

Giulia probierte ein Croissant au beurre, rollte mit den Augen und fragte: „Hast du mehr von denen?“ Hatte ich. „Ich könnte mich reinlegen in das Zeug. Wie heißen die?“

„Croissants au beurre, Buttercroissants. Im Rest der Welt unerreicht. In Deutschland gibt es Backwaren, die Croissants genannt werden und auch so ähnlich aussehen. Leider haben sie geschmacklich keinerlei Ähnlichkeit mit dem Original.“ Es war perfekt, so zufrieden in sich ruhend und aufgekratzt zugleich am Frühstückstisch zu sitzen.

„Unsere Cornetti gehen schon in die Richtung, schmecken auch so ähnlich. Aber kein Vergleich, die Teile hier sind sensationell …“

Ich fragte: „Wie geht der Tag nun weiter? Der Start war schon mal perfekt.“

„Ich wollte eigentlich zu Tag 2 der Konferenz gehen, deswegen bin ich ja schließlich hier“, entgegnete Giulia halbherzig und schaute auf die Uhr. „Obwohl, ich bin eh schon viel zu spät dran ...“

„Willst du das wirklich? Zurück in diesen hässlichen Palais des Congrès?“

„Nicht wirklich … mir fallen da viel, viel bessere Möglichkeiten ein …“ Sie schaute mich verträumt an.

„Mir auch. Lass uns gleich Nägel mit Köpfen machen.“ Ich musste die Redensart erklären.

„Ich habe die Wohnung bis Samstag gemietet. Möchtest du solange hier bei mir bleiben? Ich lade dich ein.“ Ich sah, wie sie sich freute. „Falls wir es länger miteinander aushalten sollten, kann ich mit dem Vermieter checken, ob wir noch eine Woche verlängern können. Es ist Nebensaison, die Chancen stehen gut.“ Ich nahm mein iPhone und schrieb nebenher eine kurze WhatsApp an Florent, den Vermieter. „Als Erstes sollten wir dann wohl dein Gepäck aus deinem Hotel holen. Was hältst du davon?“ Giulia schien etwas überrumpelt, das war wohl etwas viel auf einmal.

„Klingt gut.“ Sie überlegte laut: „Ich wollte eigentlich heute Abend zurückfliegen, muss eh aus dem Hotel auschecken.“ Ein Blick auf die Uhr zeigte, dass wir nicht trödeln durften, einmal quer durch Paris kostet Zeit.

„Und ja, ich bleibe supergerne hier mit dir.“ Sie sah mir in die Augen und strahlte mich mit einem unglaublichen Lächeln an. „Ich hatte schon befürchtet, dass das ein One-Night-Stand war.“

„Ich hab’s nicht so mit One-Night-Stands.“

„Ich auch nicht.“ Wir lachten und umarmten uns.

Ich musste noch einmal Kaffee aufsetzen, Giulia trank noch mehr als ich. Mit unnötigen Nebensächlichkeiten wie Milch oder Zucker gab sie sich ebenfalls nicht ab. Sehr praktisch. Sie aß auch noch ein zweites Croissant au beurre und eine Escargot à la canelle, dazu frische Baguette.

„Du bist also keine Frühstückerin.“

„Du hast gewonnen. Wenn wir so etwas Geniales in Italien hätten, wäre ich bald rund wie eine Kugel.“

Florents Antwort war schon da. Die Wohnung war frei. Wir könnten uns noch Zeit lassen mit der Entscheidung, er würde uns vorher fragen, falls er bis Samstag eine andere Anfrage reinkriegen würde: „Bingo! Wir können verlängern, wann immer wir wollen.“

„Dann mach es jetzt! Sofort! Auf der Stelle! Ich will hier so lange mit dir bleiben, wie es irgendwie geht!“ Sie küsste mich. Sie roch nach meinem Deo, sah auch ungeschminkt absolut perfekt aus.