Ausgewählte Biographien - Stefan Zweig - E-Book

Ausgewählte Biographien E-Book

Zweig Stefan

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Beschreibung

In "Ausgewählte Biographien" präsentiert Stefan Zweig meisterhaft das Schicksal und die Persönlichkeitszüge prägender historischer Figuren. Mit einem beeindruckenden literarischen Stil, der sowohl zugänglich als auch analytisch ist, entführt der Autor den Leser in die komplexen Lebenswelten von Menschen wie Marie Antoinette, Friedrich dem Großen oder Diderot. Zweig verbindet biografische Fakten mit psychologischen Einblicken und schafft so ein facettenreiches Bild der Protagonisten und ihrer Zeit. Dieses Werk steht im Kontext der frühen 20. Jahrhunderts, wo Biografien als Teil der breiteren kulturellen und intellektuellen Bewegung an Bedeutung gewannen und eine Reflexion der gesellschaftlichen Umbrüche darstellten. Stefan Zweig, ein österreichischer Schriftsteller und einer der prominentesten Vertreter der Wiener Moderne, war bekannt für seine tiefgreifenden psychologischen Porträts und seine Fähigkeit, historische Ereignisse lebendig werden zu lassen. Sein eigenes Leben war geprägt von Exil und der Zerrissenheit seiner Zeit, was ihn dazu brachte, die Menschen stets als Produkte ihrer Umwelt zu betrachten. Diese Perspektive spiegelt sich eindrucksvoll in seinen Biographien wider und bietet einen tiefen Einblick in den Verlauf von Schicksalen. "Ausgewählte Biographien" ist nicht nur eine faszinierende Lektüre für Geschichtsinteressierte, sondern auch eine Einladung, die Komplexität menschlichen Handelns zu verstehen. Zweigs profundes Wissen, gepaart mit seinem literarischen Genie, macht dieses Buch zu einem unverzichtbaren Werk, das seinen Lesern sowohl Bildung als auch Unterhaltung bietet. Es ist empfehlenswert für jene, die sich für die Verflechtungen zwischen individuellem und historischem Schicksal interessieren. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Stefan Zweig

Ausgewählte Biographien

Bereicherte Ausgabe. Joseph Fouché, Maria Stuart, Nietzsche, Magellan, Marie Antoinette, Dostojewski, Erasmus, Casanova, Sigmund Freud, Tolstoi…
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Einführung, Studien und Kommentare von Sterling Hale
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2023
EAN 8596547676553

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Ausgewählte Biographien
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Sammlung Ausgewählte Biographien führt in das Zentrum von Stefan Zweigs erzählerischer Geschichtsschreibung. Sie vereint Lebensbilder, die den Menschen vor der bloßen Chronik in den Vordergrund stellen. Der Umfang ist bewusst konzentriert: Es handelt sich nicht um ein Gesamtwerk, sondern um eine repräsentative Auswahl, die die Spannweite seines biographischen Schreibens sichtbar macht. Ziel ist es, die Einheit seiner Methode und die Vielfalt seiner Stoffe erfahrbar zu machen. Durch die Zusammenstellung entsteht ein Panorama charakterprägender Entscheidungen und historischer Konstellationen, in denen Persönlichkeit, Zeit und Idee aufeinanderprallen und Geschichte in greifbaren Schicksalen erkennbar wird.

Im Mittelpunkt stehen nicht komplette Romane oder Dramen, sondern erzählerisch geformte Biographien und Porträts. Die Auswahl zeigt, wie Zweig das Leben einzelner Figuren als Spannungsbogen gestaltet, ohne wissenschaftliche Vollständigkeit zu behaupten. Sie umfasst Werke aus dem Zeitraum 1920 bis 1944 und verfolgt eine klare Zielsetzung: Menschen in entscheidenden Momenten zu zeigen, ihre inneren Antriebe sichtbar zu machen und die Wechselwirkung zwischen individueller Entscheidung und geschichtlicher Lage zu beleuchten. So entsteht eine Sammlung, die nicht enzyklopädisch, sondern exemplarisch ist, und die den Zugriff des Erzählers auf historische Wirklichkeit vorführt.

Einen Schwerpunkt bilden die großen historischen Biographien, in denen Zweig das Profil politischer und monarchischer Akteure schärft. Joseph Fouché - Bildnis eines politischen Menschen zeigt den Taktiker der Macht; Marie Antoinette - Bildnis eines mittleren Charakters und Maria Stuart entwerfen differenzierte Herrscherinnen-Bilder; Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam betont den europäischen Humanisten; Castellio gegen Calvin beleuchtet Gewissensfreiheit und Autorität; Magellan - Der Mann und seine Tat stellt Entdeckergeist und Risiko in den Mittelpunkt; Amerigo. Die Geschichte eines historischen Irrtums verfolgt die Hartnäckigkeit eines Namens und einer Zuschreibung. Diese Werke zeigen die Bandbreite von Staatskunst bis Seefahrt.

Daneben stehen Autoren- und Künstlerporträts, in denen Zweig das innere Leben der Dichtung erkundet. Drei Meister. Balzac – Dickens – Dostojewski versammelt prägende Gestalten des europäischen Romans; Marceline Desbordes-Valmore - Das Lebensbild einer Dichterin entfaltet eine poetische Existenz; Romain Rolland widmet sich einem Zeitgenossen von großer moralischer Autorität. Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin - Kleist – Nietzsche erforscht die Dynamik schöpferischer Leidenschaft. Drei Dichter ihres Lebens: Casanova – Stendhal – Tolstoi zeigt, wie biographische Selbstentwürfe das Werk durchdringen. Zusammen ergeben diese Studien eine Kartographie des dichterischen Temperaments in unterschiedlichen Epochen.

Eigenständig in der Form stehen die historischen Miniaturen von Sternstunden der Menschheit, die entscheidende Augenblicke des Weltgeschehens in straffer Verdichtung darstellen. Die Sammlung Kurze Texte über historische Persönlichkeiten ergänzt diese Konzentration durch pointierte Porträts, die das Schlaglicht auf eine Figur oder Situation richten. Mit Über Schriftsteller treten literaturkritische Betrachtungen hinzu, die das Lesen und Deuten als Teil des biographischen Interesses ausweisen. So reicht die Spannweite von ausführlichen Lebensbildern bis zu knappen, präzisen Skizzen, deren gemeinsamer Nenner die Anschauung eines Moments ist, in dem Charakter und Geschichte sich gegenseitig erhellen.

Die enthaltenen Textsorten umfassen vor allem Biographien, historische Porträts, Essays und Miniaturen. Romane, Kurzgeschichten oder Dramen sind nicht vertreten; die Sammlung ist dezidiert dem erzählenden Sachtext verpflichtet. Längere Monographien führen durch Lebensläufe und geistige Entwicklungen, während kürzere Stücke Akzente setzen oder exemplarische Szenen entfalten. Literaturkritische Essays aus Über Schriftsteller erweitern das Bild um reflektierende Zugriffe auf Werk und Autor. Tagebücher oder Briefwechsel sind hier nicht Gegenstand. Die Mehrstimmigkeit der Formen erlaubt dennoch eine einheitliche Lektüreerfahrung, weil alle Texte auf das Verständnis von Persönlichkeit und Zeit abzielen.

Zweigs Stil verbindet anschauliche Erzählung mit psychologischer Präzision. Statt einer reinen Chronik gestaltet er Bewegungen des Inneren und ordnet ihnen die Ereignisse zu. Charakter wird als dramatische Linie sichtbar, Konflikt als Prüfstein, an dem sich Haltung und Möglichkeit trennen. Der Ton bleibt dabei zugänglich und getragen von Empathie, ohne die Distanz des Beobachters aufzugeben. Wiederkehrend sind konzentrierte Szenen, die wie Brennpunkte wirken, sowie eine klare dramaturgische Führung. Entscheidend ist das Bestreben, das Allgemeine im Individuellen zu erkennen und Einsichten zu vermitteln, die sich dem Leser nicht als Doktrin, sondern als Erfahrung eröffnen.

Thematisch kreisen die historischen Biographien um Macht, Verantwortung und Gewissen. In Joseph Fouché steht die politische Beweglichkeit zur Debatte; in Castellio gegen Calvin die Verteidigung des freien Urteils; Erasmus verkörpert die humanistische Option zwischen Konfliktparteien; Maria Stuart und Marie Antoinette beleuchten das Verhältnis von Persönlichkeit und Herrschaft; Magellan exponiert Wagnis, Mut und ausdauernde Zielstrebigkeit; Amerigo thematisiert die Persistenz historischer Zuschreibungen. Zweig sucht die Stelle, an der Entscheidung und Zufall ineinandergreifen, und zeigt, wie eine Figur durch die Zeit geformt wird, zugleich aber selbst die Zeit formt.

Die Autorenporträts erschließen Kreativität als Lebensform. Der Kampf mit dem Dämon bündelt die Erfahrung geistiger Übersteigerung und existenzieller Gefährdung; Drei Meister zeichnet Entwicklungslinien des europäischen Erzählens; Drei Dichter ihres Lebens zeigt, wie biographisches Experiment und literarische Form sich bedingen; Marceline Desbordes-Valmore und Romain Rolland markieren beispielhaft poetische Sensibilität und moralische Haltung. Über Schriftsteller ergänzt dies um Betrachtungen, die Lesen als Erkenntnispraxis begreifen. Gemeinsam entsteht ein Bild der Literatur als Erfahrungsraum, in dem das Ich seine Möglichkeiten erprobt und der Stil zur Charakterfrage wird.

Zweigs Vorgehen ist erzählerisch verdichtend. Er ordnet Material, deutet Motive und führt den Leser durch Spannungsbögen, die historische Fakten sinnfällig machen. Der Zugriff bleibt dabei nicht akademisch im engeren Sinn, sondern richtet sich an ein gebildetes, breites Publikum. Prägnante Personenkonstellationen, klare Beweggründe und abgewogene Wertungen prägen die Darstellung. Die Texte suchen Verstehbarkeit, ohne Simplifizierung. Wo Quellen und Kontexte wichtig sind, werden sie in die Erzählung eingebettet, sodass der Fluss gewahrt bleibt. Dadurch entsteht ein Zugang zur Geschichte, der weniger durch Apparate, als durch Anschaulichkeit und innere Logik überzeugt.

Als Gesamtheit bleibt diese Auswahl bedeutsam, weil sie einen humanistischen Blick auf die europäische Geschichte bündelt und zugleich das Individuum ernst nimmt. Sie zeigt, wie Ideen in Personen konkrete Gestalt gewinnen und wie Charaktere an der Schwelle zwischen Möglichkeit und Notwendigkeit stehen. In den historischen Biographien wie in den Autorenporträts wird Geschichte als Entscheidungsgeschichte erfahrbar. Das macht die Texte auch heute lesbar: Sie öffnen den Raum der Reflexion über Freiheit und Verantwortung, über Formkräfte des Lebens und die Last der Zeitumstände. Zugleich bezeugen sie eine Erzählkunst, die Klarheit mit Spannung verbindet.

Diese Ausgabe lädt dazu ein, Zweigs Lebensbilder als zusammenhängendes Panorama zu lesen. Sie bietet Orientierung im Werk, ohne zu erschöpfen, und führt in die wiederkehrenden Probleme ein, die Zweig bewegten: Gewissen und Macht, Risiko und Maß, Inspiration und Disziplin. Aus der Vielfalt der Formen entsteht ein geschlossenes Leseerlebnis, in dem Miniatur und Monographie einander ergänzen. Wer die Sammlung als Ganzes durchmisst, wird die Einheit der Haltung erkennen, mit der Zweig Menschen in der Geschichte betrachtet, und sich zugleich der Fülle ihrer individuellen Wege bewusst werden.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Stefan Zweig (1881–1942) war ein österreichischer Schriftsteller, Essayist und Biograf, dessen Werk die geistige Topografie Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spiegelt. Internationale Bekanntheit erlangte er mit psychologisch präzisen Novellen, kulturhistorischen Biografien und Erinnerungsprosa. Als überzeugter Europäer und Vertreter eines kosmopolitischen Humanismus suchte er den Dialog zwischen Sprachen und Nationen. Zu seinen meistgelesenen Titeln zählen die Schachnovelle, Sternstunden der Menschheit, Joseph Fouché, Marie Antoinette sowie die postum erschienenen Memoiren Die Welt von Gestern. Zweigs Lebensweg, der von Wiener Moderne, Weltkriegserfahrungen und Emigration geprägt war, macht ihn zu einer Schlüsselfigur literarischer Vermittlung und bürgerlicher Moderne.

Aufgewachsen in Wien der späten Habsburgermonarchie, besuchte Zweig renommierte Schulen der Stadt und studierte anschließend in Wien und Berlin Literatur- und Geisteswissenschaften; im frühen 20. Jahrhundert schloss er das Studium mit einer Promotion ab. Früh knüpfte er Kontakte zur Wiener Moderne, stand in Austausch mit Autorinnen und Autoren wie Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke und pflegte intensive Beziehungen zur frankophonen Literatur. Übersetzungen und Essays zu Émile Verhaeren trugen zu seinem Renommee bei. Die Psychoanalyse Sigmund Freuds, symbolistische und realistische Erzähltraditionen sowie europäische Klassik prägten seine Vorstellung von psychologischer Zeichnung, stilistischer Klarheit und geistiger Verständigung über nationale Grenzen hinweg.

In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte Zweig Gedichte, Erzählungen und dramatische Arbeiten und etablierte sich im literarischen Betrieb. Während des Krieges wurde er in einer administrativen Funktion eingesetzt; die Erfahrungen dieser Zeit förderten seine Hinwendung zum Pazifismus. Das Drama Jeremias und essayistische Schriften bekräftigten sein Engagement für eine übernationale, humanistische Haltung. Zugleich profilierte er sich als Literaturvermittler, der Sprachen, Epochen und Milieus ineinander übersetzte. Seine Reisen und Korrespondenzen, etwa mit dem französischen Nobelpreisträger Romain Rolland, stärkten seinen Ruf als europäischer Intellektueller, der die moralischen und kulturellen Lektionen der Krise nicht in nationalen Antagonismen, sondern in Verständigungsarbeit beantwortet wissen wollte.

In den 1920er-Jahren stieg Zweig zu einem der meistgelesenen Autoren Europas auf. Sein Markenzeichen wurden psychologisch zugespitzte Novellen, darunter Amok, Brief einer Unbekannten, Brennendes Geheimnis, Verwirrung der Gefühle und Die unsichtbare Sammlung. Parallel verfasste er Essaybände und Künstlerstudien wie Drei Meister sowie Der Kampf mit dem Dämon, in denen er literarische Existenz als geistige Intensität verstand. Mit Sternstunden der Menschheit entwickelte er eine erzählerische Form historischer Miniaturen. Seine Sprache verband klassizistische Schlichtheit mit dramatischem Takt, seine Figurenzeichnung zielte auf innere Konflikte und moralische Entscheidungen; dies verschaffte ihm eine breite Leserschaft weit über den deutschsprachigen Raum hinaus.

In den späten 1920er- und 1930er-Jahren weitete Zweig sein Werk auf große historische Biografien aus. Joseph Fouché, Marie Antoinette, Maria Stuart sowie Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam verbinden quellengesättigte Darstellung mit erzählerischer Verdichtung. Mit Magellan porträtierte er Erforschung und Wagemut als europäische Erfahrung. Sein einziger vollendeter Roman, Ungeduld des Herzens, führte seine psychologische Erzählweise in die Langform. Operngeschichte schrieb er als Librettist von Richard Strauss’ Die schweigsame Frau, ein Beispiel seiner kunstübergreifenden Zusammenarbeit. Vorträge, Essays und Herausgebertätigkeiten festigten sein Bild als vermittelnder Europäer, der Geschichte und Gegenwart in moralische Selbstprüfung transformieren wollte.

Die politischen Verwerfungen der frühen 1930er-Jahre trafen Zweig unmittelbar: Seine Bücher wurden in Deutschland verfemt, er verließ Österreich und lebte nacheinander in Großbritannien, den Vereinigten Staaten und schließlich in Brasilien. Im Exil entstanden zentrale Spätwerke: die autobiografischen Erinnerungen Die Welt von Gestern, die kulturkritische Schrift Castellio gegen Calvin, die Novelle Schachnovelle sowie der Essayband Brasilien. Ein Land der Zukunft. Diese Texte bündeln Melancholie, Aufklärungsglauben und Skepsis gegenüber Gewaltideologien. Zugleich hielten sie an seiner Idee eines offenen Europas fest und suchten aus der Distanz heraus ein moralisches Archiv der erlebten Katastrophen zu schaffen.

Zweig verbrachte seine letzten Monate im brasilianischen Petrópolis, erschöpft von Exil, Entwurzelung und Sorge um Europas Zukunft; 1942 nahm er sich gemeinsam mit seiner zweiten Ehefrau Lotte das Leben. Sein Nachlass und seine Bücher verbreiteten sich dennoch weiter und prägten Generationen von Leserinnen und Lesern. Verfilmungen, Neuübersetzungen und editorische Neuausgaben haben sein Ansehen stetig erneuert. Heute gilt er als Meister der psychologischen Novelle und als stilbildender Erzähler historischer Charakterstudien. Zugleich wird sein pazifistischer, kosmopolitischer Ansatz im Lichte aktueller Krisen neu gelesen: als Plädoyer für Empathie, Maß und die geistige Verbindung der europäischen Kulturen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Stefan Zweig wurde 1881 in Wien geboren, in die spätkaiserliche Kultur der Donaumonarchie, deren Vielvölkerrealität seine europäische Perspektive prägte. Das Fin de Siècle vereinte die Wiener Moderne um 1900: die Secession (1897), Gustav Klimt, Arnold Schönberg, Sigmund Freud, Karl Kraus. Diese Atmosphäre einer sich beschleunigenden Moderne und einer noch höfisch geprägten Gesellschaft schuf jenen Spannungsraum, in dem Zweig seine Biographik als Vermittlung von Kunst, Politik und Psychologie entwickelte. Die Hauptstadt der Habsburger, deren Welt im Jahr 1918 zusammenbrach, bot Archive, Museen und ein dichtes Verlagswesen, das Lebensbilder als moralische Orientierung in einer fragil gewordenen europäischen Öffentlichkeit nachfragte.

Zweig studierte an der Universität Wien und promovierte 1904 mit einer Arbeit über Hippolyte Taine, reiste früh nach Berlin, Paris, Brüssel und Zürich. Diese transnationale Ausbildung führte zu Freundschaften und Briefwechseln, die seine Biographien durchziehen, besonders mit Romain Rolland (Nobelpreis 1915), dem er seit 1914 verbunden war. Paris als republikanische Kulturmetropole und Genf als neutraler Zufluchtsort des Ersten Weltkriegs werden zu Koordinaten eines pazifistischen Europas der Geister. Die Mehrsprachigkeit des Autors und seine Nähe zu französischen, belgischen und britischen Milieus erleichterten die Kontextualisierung von Schriftsteller- und Politikerfiguren, deren Lebensläufe sich zwischen Revolution, Empire, Restauration und bürgerlicher Gesellschaft spannten.

Zweigs biographische Methode verknüpft literarische Verdichtung mit historischer Faktentreue und psychologischer Tiefenbohrung. Sie steht zwischen Jakob Burckhardts Kulturgeschichte und einer modernen, von Sigmund Freud seit 1900 befeuerten Psychologie des Unbewussten. International erneuerte Lytton Strachey 1918 mit Eminent Victorians das Genre; in Deutschland schuf Anton Kippenberg in Leipzig mit dem Insel-Verlag (gegründet 1899) die verlegerische Plattform für elegante Lebensbilder. In diesem Klima entstanden groß angelegte Porträts sowie Miniaturen, die Schlüsselmomente – Sternstunden – in eine erzählerisch zugespitzte Form brachten. Der Konnex von dokumentarischer Quelle, Brief und Tagebuch mit stilistischer Ökonomie prägt die gesamte Sammlung ausgewählter Biographien.

Der Erste Weltkrieg (1914–1918) zerstörte den kosmopolitischen Kanon Europas. Zweig diente im Kriegsarchiv in Wien, distanzierte sich früh vom Hurra-Patriotismus und suchte 1915 in der neutralen Schweiz den Austausch mit Intellektuellen. Romain Rollands Manifest Au-dessus de la mêlée erschien 1914 in Genf und wurde zum pazifistischen Bezugspunkt. Mit dem Zusammenbruch der Habsburgermonarchie im November 1918, Hungerwintern und Grenzverschiebungen gewann für Zweig die Frage nach moralischer Haltung in der Geschichte Gewicht. Seine Biographien richten den Blick auf Gewissensentscheidungen zwischen Opportunismus, Fanatismus und Humanität – Kategorien, die er durch historische Analogien der Revolutions-, Reformations- und Entdeckungszeit schärfte.

Zwischen 1919 und 1933 lebte Zweig überwiegend in Salzburg, am Kapuzinerberg, und publizierte im deutschsprachigen Raum, vor allem bei Insel in Leipzig. Die Weimarer Republik und die Erste Republik Österreichs boten trotz Krisen eine liberalere Öffentlichkeit, in der Feuilleton, Buchklubs und Rundfunk das Interesse an exemplarischen Lebensläufen steigerten. Biographik galt als Bildungsgenre, das Werte stiftete und internationale Horizonte eröffnete. Zugleich verschärften Inflation (1923), Weltwirtschaftskrise (ab 1929) und politische Radikalisierung den Bedarf an historischer Orientierung. Zweigs Prosa reagierte mit historischer Verdichtung: entscheidende Stunden, existentielle Proben, Figuren im Gewitter der Zeit – eine Matrix, die viele Titel der Sammlung verbindet.

Die Französische Revolution von 1789 und das napoleonische Zeitalter (1799–1815) liefern das Panorama, in dem mehrere Gestalten der Sammlung agieren. Paris wird zum Labor der Moderne: der Sturz des Königtums (10. August 1792), die Hinrichtung der Königin am 16. Oktober 1793, der 9. Thermidor (27. Juli 1794), der Staatsstreich des 18. Brumaire (9. November 1799) und Waterloo (18. Juni 1815) markieren Kippmomente. In diesen Umbrüchen formieren sich neue Karrieren – vom Jakobiner zum Staatsmann, vom Höfling zum Emigranten, vom Beobachter zum Analysten. Das Spannungsfeld zwischen Willensmacht, Opportunität und moralischem Zwiespalt bildet eine wiederkehrende Folie für politische und literarische Lebensläufe.

Aufklärung und Republikanismus bereiteten seit der Mitte des 18. Jahrhunderts die Kritik an Thron und Altar vor. Namen wie Voltaire (1694–1778), Diderot (1713–1784) und Rousseau (1712–1778) stehen für die Verweltlichung von Moral und das Aufkommen einer europäischen Öffentlichkeit über Salons, Enzyklopädien und Zeitschriften. Paris, Genf und London bilden Knotenpunkte einer Kommunikation, die Autorität aus Diskussion gewinnt. Der Übergang vom höfischen System zur bürgerlichen Gesellschaft schuf jenen Resonanzraum, in dem sowohl die Krisen von Monarchien als auch die Selbststilisierung von Intellektuellen stattfinden. Zweigs Biographien situieren Akteure zwischen diesen Polen und prüfen, wie Bildungsideale praktische Politik und privates Ethos beeinflussen.

Die Reformation des 16. Jahrhunderts bietet eine zweite Großfolie für die Sammlung: Erasmus von Rotterdam (um 1469–1536), die Thesen Luthers 1517 in Wittenberg, die Reichstage von Worms 1521 und Augsburg 1530, die Genfer Theokratie Johannes Calvins (1509–1564) und die Hinrichtung des Michael Servet am 27. Oktober 1553. Basel mit der Offizin Johannes Froben wird zum Druckzentrum des Humanismus, in dem die res publica litteraria europäische Reichweite gewinnt. In dieser Welt verhandeln Gelehrte Gewissensfreiheit, Gewaltausschluss und Autoritätskritik. Zweigs Interesse an Toleranz, Maß und Zivilität spiegelt sich hier exemplarisch als Gegenfigur zu religiösem und politischem Fanatismus.

Die Entdeckungsfahrten um 1500 bilden ein drittes Kraftfeld. Der Vertrag von Tordesillas 1494 teilt die außereuropäische Welt zwischen Portugal und Kastilien; die Benennung America auf der Karte Martin Waldseemüllers von 1507 verleiht einem Briefcorpus um Amerigo Vespucci strahlende, zugleich problematische Autorität. Ferdinand Magellan bricht am 20. September 1519 von Sanlúcar de Barrameda auf, durchquert 1520 die später nach ihm benannte Meerenge und fällt 1521 auf Mactan; Juan Sebastián Elcano schließt am 6. September 1522 die erste Weltumsegelung. Irrtum, Ruhm und Navigationskunst werden zu Metaphern für das Zusammenspiel von Mythos, Quelle und Kritik, das Zweigs historische Darstellung strukturiert.

Das 19. Jahrhundert verschiebt Literatur in die Sphäre der Massenöffentlichkeit: Feuilleton, Leihbibliothek, Serienroman und Eisenbahn verdichten Metropolen wie Paris, London und Petersburg. Die Revolutionen von 1830 und 1848, Industrialisierung, Urbanisierung und das Aufkommen einer lesenden Mittelklasse verändern Stoffe und Erzählweisen. In Großbritannien wirken Reformdebatten und Armenrecht; in Frankreich prallen Monarchie, Republik und Empire in schneller Folge aufeinander; in Russland verschärfen Zensur und Reformen unter Alexander II. (Emanzipation der Leibeigenen 1861) die Spannung zwischen Intellektuellen und Staat. Zweigs biographische Porträts literarischer Akteure folgen diesen Fliehkräften und untersuchen die Wechselwirkung von privater Erfahrung und öffentlicher Wirkung.

Die Sammlung reflektiert auch die historische Lage von Frauen zwischen Hof, Öffentlichkeit und Literatur. Die europäische Monarchie des 16. und 18. Jahrhunderts exponiert Königinnen als Projektionsfläche politischer Affekte; zugleich beschränkt der Zugriff von Kirchen, Höfen und, später, der Code civil von 1804 weibliche Handlungsspielräume. Paris, Wien, Edinburgh und London bilden Schauplätze, an denen dynastische Politik über Ehre, Moral und Gerücht verhandelt wird. Die romantische und frührealistische Lyrik des 19. Jahrhunderts öffnet neue Schreib-Räume für Autorinnen, bleibt jedoch von ökonomischer Abhängigkeit und sozialer Kontrolle geprägt. Zweigs Biographik tastet die Nahtstellen zwischen persönlichem Schicksal und politischer Allegorie ab.

Ein wiederkehrendes Interpretament ist die Idee des Dämonischen als kreative, zerstörerische Kraft. Aus antiken und romantischen Traditionslinien gespeist, verbindet Zweig seelische Extreme mit historischen Drucksituationen. Verifizierbare Lebensdaten markieren diese Brüche: Heinrich von Kleists Doppelselbsttötung am Kleinen Wannsee am 21. November 1811, Friedrich Hölderlins Rückzug in den Tübinger Turm ab 1807, Friedrich Nietzsches Zusammenbruch in Turin im Januar 1889. Die Wiener Psychoanalyse liefert seit 1900 Vokabular und Falllogik, um Abwehr, Sublimierung und Obsession zu deuten. Die Biographien lesen Genialität als Grenzerfahrung zwischen Epochenlast, innerem Auftrag und sozialer Nichtpassung – ein Muster, das Epochen übergreifend einsetzbar ist.

Russlands lange Krise vom Dekabristenaufstand 1825 über die Revolution von 1905 bis zu den Ereignissen von 1917 bietet eine Bühne für existentielle Entscheidungen. Am 22. Dezember 1849 wird in St. Petersburg eine Scheinexekution vollzogen, die eine Deportation nach Sibirien ersetzt; am 23. Februar/8. März 1917 beginnt in Petrograd der Aufstand, Wladimir Iljitsch Lenin kehrt am 9. April 1917 aus dem Zürcher Exil zurück. Solche Knotenpunkte europäischer Geschichte – verbunden mit Zensur, Verbannung, Religions- und Ideenkonflikten – sind paradigmatische Lehrstücke, an denen Zweig die Macht des Augenblicks und die Zerbrechlichkeit des Individuums im Mahlstrom von Revolution und Repression auslotet.

Zweigs Werk profitiert von dichten europäischen Medienräumen. Der Insel-Verlag in Leipzig, gegründet 1899, kultiviert bibliophile Ausstattung, während Übersetzungsnetzwerke zwischen Paris, London, Berlin und Zürich schnelle Zirkulation ermöglichen. In Großbritannien dominiert seit dem 19. Jahrhundert die Serienkultur, in Frankreich das feuilletonistische Feinkorn, im deutschen Sprachraum die literarische Essayistik der großen Zeitungen. Bis 1930 sind Zweigs Bücher in zahlreiche Sprachen übertragen; Lesereisen führen ihn nach Rom, Madrid, Amsterdam und Antwerpen. Dieses transnationale Echo prägt die Auswahl seiner historischen Stoffe: Figuren, deren Wirkung schon zu Lebzeiten Grenzen überschritt, tragen das Versprechen eines europäischen Kanons, der politische Risse zu überbrücken vermag.

Die 1920er und 1930er Jahre schieben eine andere Folie über Europa: Faschismus und Nationalsozialismus. Die March on Rome am 28. Oktober 1922, Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933, Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933, der österreichische Bürgerkrieg vom 12. bis 15. Februar 1934 und die Ermordung Engelbert Dollfuß’ am 25. Juli 1934 markieren Eskalationen. Zweig verlässt Salzburg 1934, geht nach London, später nach Bath. Der Anschluss Österreichs am 12. März 1938 besiegelt den Verlust der alten Welt. In diesem Kontext gewinnt die biographische Rekonstruktion von Toleranz, Maß und moralischer Standhaftigkeit programmatischen Charakter – als leiser, humanistischer Widerstand.

Mit Kriegsbeginn 1939 verschärfen sich die Bedingungen: 1940 verlässt Zweig Europa Richtung New York, 1941 zieht er nach Petrópolis bei Rio de Janeiro. In der Emigration werden historische Irrtümer, Entdeckungen und Sternstunden zu Allegorien einer zerbrochenen Gegenwart. Die Weltumsegelung 1519–1522 oder die Namensgebung eines Kontinents um 1507 gewinnen den Status von Prüfsteinen für die Beziehung zwischen Fakt und Fama. Postume Publikationen aus dem Jahr 1944 verdichten diesen Befund. Die biographische Methode – montageartig, quellennah, empathisch – bleibt konstant und ermöglicht, aus zeitlicher Distanz Modelle zivilen Verhaltens und Warnbilder vor ideologischer Verhärtung in die kriegsgeschundene Gegenwart zu spiegeln.

Zweigs ausgewählte Biographien fügen sich zu einem geschlossenen europäischen Bild: von Basel, Genf, Paris und London über Wien, Petersburg und Leipzig bis nach Sevilla und Sanlúcar. Sie verbinden Epochenbögen – Reformation, Aufklärung, Revolution, Entdeckungszeitalter, Industrialisierung – mit einer Ethik der Milde. Der Tod des Autors am 22. Februar 1942 in Petrópolis, gemeinsam mit seiner Frau Lotte, rahmt dieses Projekt tragisch. Doch die Methode bleibt fruchtbar: Entscheidungssituationen als moralische Brennspiegel, psychologische Innenansicht als Schlüssel zur Politik, das Primat der Kultur gegen die Barbarei. So werden die Lebensbilder zu einem Archiv europäischer Selbstprüfung, das über Einzelwerke hinausweist.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Drei Meister. Balzac – Dickens – Dostojewski (1920)

Drei psychologische Künstlerporträts vergleichen Lebenswege und schöpferische Triebkräfte von Balzac, Dickens und Dostojewski und zeigen, wie aus persönlicher Obsession Weltliteratur entsteht. Kontrastiert werden Temperament, Milieu und Arbeitsmethoden.

Marceline Desbordes-Valmore - Das Lebensbild einer Dichterin (1920)

Empathische Lebens- und Werkdarstellung der französischen Lyrikerin, die Leid, Armut und Mutterschaft in eine intime, moderne Poesie verwandelt. Zweig verknüpft biografische Stationen mit der Entfaltung einer unverwechselbaren Stimme.

Romain Rolland (1921)

Porträt des französischen Schriftstellers als moralische Instanz Europas, geprägt von Pazifismus und geistiger Unabhängigkeit im Ersten Weltkrieg. Der Fokus liegt auf seiner Haltung, seinem Einfluss und der geistigen Physiognomie.

Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin - Kleist – Nietzsche (1925)

Drei Fallstudien über 'demonische' Genialität, in denen innere Zwangskraft, Selbstzerstörung und schöpferische Ekstase untrennbar sind. Gezeigt wird, wie jedes dieser Leben an der eigenen Idee zerbricht und doch Maßstäbe setzt.

Sternstunden der Menschheit (Goethe, Napoleon, Dostojewski, Cicero, Lenin) (1927)

Historische Miniaturen, die schicksalhafte Stunden verdichten, in denen das Handeln einzelner die Weltgeschichte wendet. Beispiele reichen von Goethe und Napoleon bis zu Dostojewski, Cicero und Lenin und verbinden quellennahe Darstellung mit dramatischer Verdichtung.

Drei Dichter ihres Lebens: Casanova – Stendhal – Tolstoi (1928)

Porträts dreier Autoren, die ihr eigenes Leben als Kunstwerk entwerfen und stilisieren. Selbstinszenierung, Liebes- und Lebensführung erscheinen als Teil ihrer Poetik.

Joseph Fouché - Bildnis eines politischen Menschen (1929)

Analyse eines Meistertaktikers der Macht, der zwischen Revolution, Direktorium und Kaiserreich opportunistisch, kühl und überlebensklug agiert. Zweig seziert Charakter, Netzwerke und Methoden politischer Anpassung.

Marie Antoinette - Bildnis eines mittleren Charakters (1932)

Nüchternes Psychogramm der Königin, deren durchschnittliche Begabung und jugendliche Unbefangenheit unter Krisendruck tragisch überfordert werden. Die Biografie zeigt die Formbarkeit eines 'mittleren Charakters' durch Hofrituale, Öffentlichkeit und Revolution.

Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (1934)

Humanistenporträt zwischen geistigem Ruhm und politischer Ohnmacht: Erasmus als Anwalt der Mäßigung im Zeitalter konfessioneller Zuspitzung. Sichtbar werden Spannungen zwischen Gewissensfreiheit, Gelehrsamkeit und Handlungsverzicht.

Maria Stuart (1935)

Dramatisch erzählte Lebensgeschichte der schottischen Königin zwischen Intrigen, religiösen Konflikten und dem Duell mit Elizabeth I. Der Fokus liegt auf Machtkalkül, persönlicher Leidenschaft und der fatalen Dynamik von Ansehen und Schuld.

Castellio gegen Calvin (1936)

Ein Plädoyer für Toleranz, erzählt am Konflikt zwischen Sebastian Castellio und Johannes Calvin über Glaubensfreiheit und Verfolgung (Servet-Affäre). Erörtert werden die moralischen Grenzen religiöser Macht und das Recht des Widerspruchs.

Magellan - Der Mann und seine Tat (1938)

Expeditionsbiografie über die erste Weltumsegelung als Prüfung von Führungswillen, Meuterei, Hunger und Navigation. Gezeigt werden Magellans unbeugsame Zielstrebigkeit und der welthistorische Ertrag trotz persönlicher Katastrophe.

Amerigo. Die Geschichte eines historischen Irrtums (1944)

Rekonstruktion, wie der Name Amerigo Vespucci auf den Kontinent überging und dabei Kolumbus überstrahlte. Eine Studie über Ruhm, Irrtum und die Macht von Druckkunst, Korrespondenzen und Nachruhm.

Kurze Texte über historische Persönlichkeiten

Sammelband mit kürzeren Porträts, Reden und Skizzen zu Gestalten aus Politik, Kunst und Wissenschaft. Im Mittelpunkt stehen prägnante Charakterzüge, ein entscheidender Augenblick oder eine moralische Pointe.

Über Schriftsteller

Essays und Würdigungen zu Autoren aus verschiedenen Sprachen und Epochen, die Zweigs Methode der empathischen, psychologischen Annäherung zeigen. Die Texte verbinden Lektüreerfahrung mit biografischer Kontextualisierung und literarhistorischer Einordnung.

Ausgewählte Biographien

Hauptinhaltsverzeichnis
Drei Meister. Balzac – Dickens – Dostojewski (1920)
Marceline Desbordes-Valmore - Das Lebensbild einer Dichterin (1920)
Romain Rolland (1921)
Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin - Kleist – Nietzsche (1925)
Sternstunden der Menschheit (Goethe, Napoleon, Dostojewski, Cicero, Lenin) (1927)
Drei Dichter ihres Lebens: Casanova – Stendhal – Tolstoi (1928)
Joseph Fouché - Bildnis eines politischen Menschen (1929)
Marie Antoinette - Bildnis eines mittleren Charakters (1932)
Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam (1934)
Maria Stuart (1935)
Castellio gegen Calvin (1936)
Magellan - Der Mann und seine Tat (1938)
Amerigo. Die Geschichte eines historischen Irrtums (1944)
Kurze Texte über historische Persönlichkeiten
Über Schriftsteller

Drei Meister. Balzac – Dickens – Dostojewski (1920)

Inhaltsverzeichnis

Insel, Leipzig 1920

Romain Rolland als Dank für seine unerschütterliche Freundschaft in lichten und dunklen Jahren

Inhalt

Vorwort
Balzac
Dickens
Dostojewski
Einklang
Das Antlitz
Die Tragödie seines Lebens
Sinn seines Schicksals
Die Menschen Dostojewskis
Realismus und Phantastik
Architektur und Leidenschaft
Der Überschreiter der Grenzen
Die Gottesqual
Vita Triumphatrix

Vorwort

Inhaltsverzeichnis

Obwohl in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden, bindet doch kein Zufall diese drei Versuche über Balzac, Dickens und Dostojewski zu einem Buche zusammen. Einheitliche Absicht versucht die drei großen und in meinem Sinne einzigen Romanschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts als Typen zu zeigen, die eben durch den Kontrast ihrer Persönlichkeiten einander ergänzen und vielleicht den Begriff des epischen Weltbildners, des Romanciers, zu einer deutlichen Form erheben.

Nenne ich Balzac, Dickens und Dostojewski hier die einzigen großen Romanschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts, so verkenne ich in dieser Voranstellung keineswegs die Größe einzelner Werke Goethes, Gottfried Kellers, Stendhals, Flauberts, Tolstois, Victor Hugos und anderer, von denen mancher einzelne Roman oftmals das abgesonderte Werk insbesondere Balzacs und Dickens’ weitaus übertrifft. Und ich glaube, meinen innerlichen und unerschütterlichen Unterschied zwischen dem Verfasser eines Romanes und dem Romancier darum ausdrücklich feststellen zu müssen. Romanschriftsteller im letzten, im höchsten Sinne ist nur das enzyklopädische Genie, der universale Künstler, der – hier wird Breite des Werkes und Fülle der Figuren zum Argument – einen ganzen Kosmos baut, der eine eigene Welt mit eigenen Typen, eigenen Gravitationsgesetzen und einem eigenen Sternenhimmel neben die irdische stellt. Der jede Figur, jedes Geschehnis so sehr mit seinem Wesen imprägniert, daß sie nicht nur für ihn typisch werden, sondern auch für uns selbst mit jener Eindringlichkeit bildkräftig, die uns dann oft verlockt, Geschehnisse und Personen nach ihnen zu benennen, so daß wir von Menschen im lebendigen Leben etwa sagen: eine balzacsche Figur, eine Dickensgestalt, eine Dostojewskinatur. Jeder dieser Künstler bildet ein Lebensgesetz, eine Lebensauffassung durch die Fülle seiner Gestalten so einheitlich hervor, daß es durch ihn eine neue Form der Welt wird. Und dieses innerste Gesetz, diese Charakterformation in ihrer verborgenen Einheit darzustellen ist der wesentliche Versuch meines Buches, dessen ungeschriebener Untertitel lauten könnte: Psychologie des Romanciers.

Jeder dieser drei Romanschriftsteller hat seine eigene Sphäre. Balzac die Welt der Gesellschaft, Dickens die Welt der Familie, Dostojewski die Welt des Einen und des Alls. Vergleiche dieser Sphären zeigen ihre Unterschiede, niemals aber ist unternommen, diese Unterschiede in Werturteile umzudeuten oder die nationalen Elemente eines Künstlers in Neigung oder Abwehr zu betonen. Jeder große Schöpfer ist eine Einheit, die ihre Grenzen und ihr Gewicht in eigenen Maßen in sich schließt: es gibt nur ein spezifisches Gewicht innerhalb eines Werkes, kein absolutes in der Waagschale der Gerechtigkeit.

Alle drei Aufsätze setzen Kenntnis der Werke voraus: sie wollen keine Einführung sein, sondern Sublimierung, Kondensierung, Extrakt. Sie können darum, weil sie zusammendrängen, nur das persönlich als wesentlich Empfundene zur Erkenntnis bringen; am meisten bedaure ich diese notwendige Unzulänglichkeit bei dem Aufsatz über Dostojewski, dessen unendliches Maß ebensowenig wie das Goethes jemals auch von breitester Formel wird umfaßt werden können.

Gern wäre diesen großen Gestalten eines Franzosen, eines Engländers, eines Russen auch das Bildnis eines repräsentativen deutschen Romanschriftstellers, eines epischen Weltbildners in jenem hohen Sinne, wie ich ihn für das Wort Romancier anspreche, beigefügt worden. Doch ich finde keinen einzigen jenes höchsten Ranges in Gegenwart und Vergangenheit. Und es ist vielleicht der Sinn dieses Buches, ihn für die Zukunft zu fordern und den noch Fernen zu grüßen.

Salzburg 1919

Balzac

Inhaltsverzeichnis

Balzac ist 1799 geboren, in der Touraine, der Provinz des Überflusses, in Rabelais’ heiterer Heimat. Im Juni 1799, das Datum ist wert, wiederholt zu werden. Napoleon – die von seinen Taten schon beunruhigte Welt nannte ihn noch Bonaparte – kam in diesem Jahre aus Ägypten heim, halb Sieger und halb Flüchtling. Unter fremden Sternbildern, vor den steinernen Zeugen der Pyramiden hatte er gefochten, war dann, müd, ein grandios begonnenes Werk zäh zu vollenden, auf winzigem Schiffe durchgeschlüpft zwischen den lauernden Korvetten Nelsons, faßte ein paar Tage nach seiner Ankunft eine Handvoll Getreuer zusammen, fegte den widerstrebenden Konvent rein und riß mit einem Griff die Herrschaft Frankreichs an sich. 1799, das Geburtsjahr Balzacs, ist der Beginn des Empire. Das neue Jahrhundert kennt nicht mehr le petit général, nicht mehr den korsischen Abenteurer, sondern nur mehr Napoleon, den Kaiser Frankreichs. Zehn, fünfzehn Jahre noch – die Knabenjahre Balzacs – und die machtgierigen Hände umspannen halb Europa, während seine ehrgeizigen Träume mit Adlersflügeln schon ausgreifen über die ganze Welt von Orient zu Okzident. Es kann für einen alles so intensiv Miterlebenden, für einen Balzac nicht gleichgültig sein, wenn sechzehn Jahre ersten Umblicks mit den sechzehn Jahren des Kaiserreichs, der vielleicht phantastischesten Epoche der Weltgeschichte, glatt zusammenfallen. Denn frühes Erlebnis und Bestimmung, sind sie nicht eigentlich nur Innen-und Außenfläche eines Gleichen? Daß einer, irgendeiner kam, von irgendeiner Insel im blauen Mittelmeer, nach Paris kam, ohne Freund und Geschäft, ohne Ruf und Würde, schroff die eben zügellose Gewalt dort packte, sie herumriß und in den Zaum zwang, daß irgendeiner, ein einzelner, ein Fremder, mit einem Paar nackter Hände Paris gewann und dann Frankreich und dann die ganze Welt – diese Abenteurerlaune der Weltgeschichte wird nicht aus schwarzen Lettern unglaubhaft zwischen Legenden oder Historien ihm vermittelt, sondern farbig, durch all seine durstig aufgetanen Sinne dringt sie ein in sein persönliches Leben, mit tausend bunten Erinnerungswirklichkeiten die noch unbeschrittene Welt seines Innern bevölkernd. Solches Erlebnis muß notwendigerweise zum Beispiel werden. Balzac, der Knabe, hat das Lesen vielleicht gelernt an den Proklamationen, die stolz, schroff, mit fast römischem Pathos die fernen Siege erzählten, der Kinderfinger zog wohl ungelenk auf der Landkarte, von der Frankreich wie ein überströmender Fluß allmählich über Europa schwoll, den Märschen der napoleonischen Soldaten nach, heute über den Mont Cenis, morgen quer durch die Sierra Nevada, über die Flüsse hin nach Deutschland, über den Schnee nach Rußland, über das Meer vor Gibraltar hin, wo die Engländer mit glühenden Kanonenkugeln die Flottille in Brand schossen. Tags haben vielleicht die Soldaten auf der Straße mit ihm gespielt, Soldaten, denen Kosaken ihre Säbelhiebe ins Gesicht geschrieben hatten, nachts mag er oft aufgewacht sein vom Rollen der Kanonen, die hinzogen nach Österreich, um die Eisdecke unter der russischen Reiterei bei Austerlitz zu zerschmettern. Alles Begehren seiner Jugend mußte aufgelöst sein in den aneifernden Namen, in den Gedanken, in die Vorstellung: Napoleon. Vor dem großen Garten, der aus Paris hinausführt in die Welt, wuchs ein Triumphbogen auf, dem die besiegten Städtenamen der halben Welt eingemeißelt waren, und dieses Gefühl der Herrschaft, wie mußte es umschlagen in eine ungeheure Enttäuschung, als dann fremde Truppen einzogen durch diese stolze Wölbung! Was außen, in der durchstürmten Welt geschah, wuchs nach innen als Erlebnis. Früh erlebte er schon die ungeheure Umwälzung der Werte, der geistigen ebenso wie der materiellen. Er sah die Assignaten, auf denen hundert oder tausend Francs mit dem Siegel der Republik verheißen waren, als wertlose Papiere im Winde flattern. Auf dem Goldstück, das durch seine Hand glitt, war bald des enthaupteten Königs feistes Profil, bald die Jakobinermütze der Freiheit, bald des Konsuls Römergesicht, bald Napoleon im kaiserlichen Ornat. In einer Zeit so ungeheurer Umwälzungen, da die Moral, das Geld, das Land, die Gesetze, die Rangordnungen, alles, was seit Jahrhunderten in feste Grenzen eingedämmt war, einsickerte oder überschwemmte, in einer Epoche so nie erlebter Veränderungen mußte ihm früh die Relativität aller Werte bewußt werden. Ein Wirbel war die Welt um ihn, und wenn der schwindlige Blick nach Übersicht suchte, nach einem Symbol, nach einem Sternbild über diesen gebäumten Wogen, so war es in diesem Auf und Nieder der Ereignisse immer nur Er, der Eine, der Wirkende, von dem diese tausend Erschütterungen und Schwingungen ausgingen. Und ihn selbst, Napoleon, hatte er noch erlebt. Er sah ihn zur Parade reiten mit den Geschöpfen seines Willens, mit Rustan, dem Mamelucken, mit Josef, dem er Spanien geschenkt hatte, mit Murat, dem er Sizilien zu eigen gegeben, mit Bernadotte, dem Verräter, mit allen, denen er Kronen gemünzt hatte und Königreiche erobert, die er aufgehoben aus dem Nichts ihrer Vergangenheit in den Strahl seiner Gegenwart. In einer Sekunde war in seine Netzhaut sinnfällig und lebendig ein Bild eingestrahlt, das größer war als alle Beispiele der Geschichte: er hatte den großen Welteroberer gesehen! Und ist für einen Knaben, einen Welteroberer zu sehen, nicht gleichviel mit dem Wunsche, selbst einer zu werden? Noch an zwei anderen Stellen ruhten in diesem Augenblicke zwei Welteroberer aus, in Königsberg, wo einer die Wirre der Welt sich auflöste in eine Übersicht, und in Weimar, wo sie ein Dichter nicht minder in ihrer Gänze besaß als Napoleon mit seinen Armeen. Aber dies war für lange noch unfühlbare Ferne für Balzac. Den Trieb, immer nur das Ganze zu wollen, nie ein Einzelnes, die ganze Weltfülle gierig zu erstreben, diesen fieberhaften Ehrgeiz hat vorerst das Beispiel Napoleons an ihm verschuldet.

Dieser ungeheure Weltwille weiß noch nicht sofort seinen Weg. Balzac entscheidet sich zunächst für keinen Beruf. Zwei Jahre früher geboren, wäre er, ein Achtzehnjähriger, in die Reihen Napoleons getreten, hätte vielleicht bei Belle Alliance die Höhen gestürmt, wo die englischen Kartätschen niederfegten; aber die Weltgeschichte liebt keine Wiederholungen. Auf den Gewitterhimmel der napoleonischen Epoche folgen laue, weiche, erschlaffende Sommertage. Unter Ludwig XVIII. wird der Säbel zum Zierdegen, der Soldat zur Hofschranze, der Politiker zum Schönredner; nicht mehr die Faust der Tat, das dunkle Füllhorn des Zufalls vergeben die hohen Staatsstellen, sondern weiche Frauenhände schenken Gunst und Gnade, das öffentliche Leben versandet, verflacht, der Gischt der Ereignisse glättet sich zum sanften Teich. Mit den Waffen war die Welt nicht mehr zu erobern. Napoleon, dem einzelnen ein Beispiel, war eine Abschreckung für die vielen. So blieb die Kunst. Balzac beginnt zu schreiben[1q]. Aber nicht wie die anderen, um Geld zu raffen, zu amüsieren, ein Bücherregal zu füllen, ein Boulevardgespräch zu sein: ihn lüstet nicht nach einem Marschallstab in der Literatur, sondern nach der Kaiserkrone. In einer Mansarde fängt er an. Unter fremdem Namen, wie um seine Kraft zu proben, schreibt er die ersten Romane. Es ist noch nicht Krieg, sondern nur Kriegsspiel, Manöver und noch nicht die Schlacht. Unzufrieden mit dem Erfolg, unbefriedigt vom Gelingen, wirft er dann das Handwerk hin, dient drei, vier Jahre lang anderen Berufen, sitzt als Schreiber in der Stube eines Notars, beobachtet, sieht, genießt, dringt mit seinem Blick in die Welt, und dann fängt er noch einmal an. Jetzt aber mit jenem ungeheuren Willen auf das Ganze hinzielend, mit jener gigantischen fanatischen Gier, die das Einzelne, die Erscheinung, das Phänomen, das Losgerissene mißachtet, um nur das in großen Schwingungen Kreisende zu umfassen, das geheimnisvolle Räderwerk der Urtriebe zu belauschen. Aus dem Gebräu der Geschehnisse die reinen Elemente, aus dem Zahlengewirr die Summe, aus dem Getöse die Harmonie, aus der Lebensfülle die Essenz zu gewinnen, die ganze Welt in seine Retorte zu drängen, sie noch einmal zu schaffen, »en raccourci«: das ist nun sein Ziel. Nichts soll verloren gehen von der Vielfalt, und um dieses Unendliche in ein Endliches, das Unerreichbare in ein Menschenmögliches zusammenzupressen, gibt es nur einen Prozeß: die Komprimierung. Seine ganze Kraft arbeitet dahin, die Phänomene zusammenzudrängen, sie durch ein Sieb zu jagen, wo alles Unwesentliche zurückbleibt und nur die reinen, wertvollen Formen durchsickern; und sie dann, diese zerstreuten Einzelformen, in der Glut seiner Hände zusammenzupressen, ihre ungeheure Vielfalt in ein anschauliches, übersichtliches System zu bringen, wie Linné die Milliarden Pflanzen in eine enge Übersicht, wie der Chemiker die unzählbaren Zusammensetzungen in eine Handvoll Elemente auflöst – das ist nun sein Ehrgeiz. Er vereinfacht die Welt, um sie dann zu beherrschen, er preßt die Bezwungene in den grandiosen Kerker der »Com édie humaine«. Durch diesen Prozeß der Destillation sind seine Menschen immer Typen, immer charakteristische Zusammenfassungen einer Mehrheit, von denen ein unerhörter Kunstwille alles Überflüssige und Unwesentliche abgeschüttelt hat. Er konzentriert, indem er das administrative Zentralisationssystem in die Literatur einführt. Wie Napoleon macht er Frankreich zum Umkreis der Welt, Paris zum Zentrum. Und innerhalb dieses Kreises, in Paris selbst, zieht er mehrere Zirkel, den Adel, die Geistlichkeit, die Arbeiter, die Dichter, die Künstler, die Gelehrten. Aus fünfzig aristokratischen Salons macht er einen einzigen, den der Herzogin von Cadignan. Aus hundert Bankiers den Baron von Nucingen, aus allen Wucherern den Gobsec, aus allen Ärzten den Horace Bianchon. Er läßt diese Menschen enger beieinander wohnen, häufiger sich berühren, vehementer sich bekämpfen. Wo das Leben tausend Spielarten erzeugt, hat er nur eine. Er kennt keine Mischtypen. Seine Welt ist ärmer als die Wirklichkeit, aber intensiver. Denn seine Menschen sind Extrakte, seine Leidenschaften reine Elemente, seine Tragödien Kondensierungen. Wie Napoleon beginnt er mit der Eroberung von Paris. Dann faßt er Provinz nach Provinz – jedes Departement sendet gewissermaßen seinen Sprecher in das Parlament Balzacs – und dann wirft er wie der siegreiche Konsul Bonaparte seine Truppen über alle Länder. Er greift aus, sendet seine Menschen an die Fjorde Norwegens, in die verbrannten, sandigen Ebenen Spaniens, unter den feuerfarbenen Himmel Ägyptens, an die vereiste Brücke der Beresina, überallhin und noch weiter greift sein Weltwille wie der seines großen Vorbildners. Und so wie Napoleon, ausruhend zwischen zwei Feldzügen, den Code civil schuf, gibt Balzac, ausruhend von der Eroberung der Welt in der »Comedie humaine«, einen Code moral der Liebe, der Ehe, eine prinzipielle Abhandlung und zieht über die erdumspannende Linie der großen Werke noch lächelnd die übermütige Arabeske der »Contes drôlatiques«. Vom tiefsten Elend, aus den Hütten der Bauern wandert er in die Paläste von St. Germain, dringt in die Gemächer Napoleons, überall reißt er die vierte Wand auf und mit ihr die Geheimnisse der verschlossenen Räume, er rastet mit den Soldaten in den Zelten der Bretagne, spielt an der Börse, sieht in die Kulissen des Theaters, überwacht die Arbeit des Gelehrten, kein Winkel ist in der Welt, wo seine zauberische Flamme nicht hinleuchtet. Zwei-bis dreitausend Menschen bilden seine Armee, und tatsächlich: aus dem Boden hat er sie gestampft, aus seiner flachen Hand ist sie aufgewachsen. Nackt, aus dem Nichts sind sie gekommen, und er wirft ihnen Kleider um, schenkt ihnen Titel und Reichtümer, wie Napoleon seinen Marschällen, nimmt sie ihnen wieder ab, er spielt mit ihnen, hetzt sie durcheinander. Unzählbar ist die Vielfalt der Geschehnisse, ungeheuer die Landschaft, die hinter diese Ereignisse sich stellt. Einzig in der neuzeitlichen Literatur, wie Napoleon einzig in der modernen Geschichte, ist diese Eroberung der Welt in der »Comédie humaine«, dieses Zwischen-zwei-Händen-Halten des ganzen, zusammengedrängten Lebens. Aber es war der Knabentraum Balzacs, die Welt zu erobern, und nichts ist gewaltiger als früher Vorsatz, der Wirklichkeit wird. Nicht umsonst hatte er unter ein Bild Napoleons geschrieben: »Ce qu’il n’a pu achever par l’épée je l’accomplirai par la plume.«

Und so wie er sind seine Helden. Alle haben sie das Welteroberungsgelüst. Eine zentripetale Kraft schleudert sie aus der Provinz, aus ihrer Heimat, nach Paris. Dort ist ihr Schlachtfeld. Fünfzigtausend junge Leute, eine Armee, strömt heran, unversuchte keusche Kraft, entladungssüchtige, unklare Energie, und hier, im engen Räume prallen sie aufeinander wie Geschosse, vernichten sich, treiben sich empor, reißen sich in den Abgrund. Keinem ist ein Platz bereitet. Jeder muß sich die Rednerbühne erobern und dies stahlharte, biegsame Metall, das Jugend heißt, umschmieden zu einer Waffe, seine Energien konzentrieren zu einem Explosiv. Daß dieser Kampf innerhalb der Zivilisation nicht minder erbittert ist als der auf den Schlachtfeldern, dies als erster bewiesen zu haben, ist der Stolz Balzacs: »Meine bürgerlichen Romane sind tragischer als eure Trauerspiele!« ruft er den Romantikern zu. Denn das erste, was diese jungen Menschen in den Büchern Balzacs lernen, ist das Gesetz der Unerbittlichkeit. Sie wissen, daß sie zuviel sind, und müssen sich – das Bild gehört Vautrin, dem Liebling Balzacs – auffressen wie die Spinnen in einem Topf. Sie müssen die Waffe, die sie aus ihrer Jugend geschmiedet haben, noch eintauchen in das brennende Gift der Erfahrung. Nur der Überbleibende hat recht. Aus allen zweiunddreißig Windrichtungen kommen sie her wie die Sansculotten der »Großen Armee«, zerreißen sich die Schuhe auf dem Wege nach Paris, der Staub der Landstraße klebt an ihren Kleidern, und ihre Kehle ist verbrannt von einem ungeheuren Durst nach Genuß. Und wie sie sich umsehen in dieser neuen, zauberischen Sphäre der Eleganz, des Reichtums und der Macht, da fühlen sie, daß, um diese Paläste, diese Frauen, diese Gewalten zu erobern, all das wenige, das sie mitgebracht haben, wertlos sei. Daß sie ihre Fähigkeiten, um sie auszunützen, umschmelzen müßten, Jugend in Zähigkeit, Klugheit in List, Vertrauen in Falschheit, Schönheit in Laster, Verwegenheit in Verschlagenheit. Denn die Helden Balzacs sind starke Begehrende, sie streben nach dem Ganzen. Sie alle haben das gleiche Abenteuer: ein Tilbury saust an ihnen vorbei, die Räder sprühen sie an mit Kot, der Kutscher schwingt die Peitsche, aber darin sitzt eine junge Frau, in ihrem Haar blinkt der Schmuck. Ein Blick weht rasch vorüber. Sie ist verführerisch und schön, ein Symbol des Genusses. Und alle Helden Balzacs haben in diesem Augenblicke nur einen Wunsch: Mir diese Frau, der Wagen, die Diener, der Reichtum, Paris, die Welt! Das Beispiel Napoleons, daß alle Macht auch für den Geringsten feil sei, hat sie verdorben. Nicht wie ihre Väter in der Provinz ringen sie um einen Weinberg, um eine Präfektur, um eine Erbschaft, sondern um Symbole schon, um die Macht, um den Aufstieg in jenen Lichtkreis, wo die Liliensonne des Königtums glänzt und das Geld wie Wasser durch die Finger rinnt. So werden sie ja jene großen Ehrgeizigen, denen Balzac stärkere Muskeln, wildere Beredsamkeit, energischere Triebe, ein, wenn auch rascheres, so doch lebendigeres Leben zuschreibt, als den anderen. Sie sind Menschen, deren Träume Taten werden, Dichter, wie er sagt, die in der Materie des Lebens dichten. Zwiefach in ihrer Angriffsweise, ein besonderer Weg bahnt sich dem Genie, ein anderer dem gewöhnlichen. Man muß sich eine eigene Weise finden, um zur Macht zu gelangen, oder man muß die der anderen, die Methode der Gesellschaft erlernen. Als Kanonenkugel muß man mörderisch hineinschmettern in die Menge der anderen, die zwischen einem und dem Ziele stehen, oder man muß sie schleichend vergiften wie die Pest, rät Vautrin, der Anarchist, die grandiose Lieblingsfigur Balzacs. Im Quartier Latin, wo Balzac selbst in enger Stube begonnen hat, treten auch seine Helden zusammen, die Urformen des sozialen Lebens, Desplein, der Student der Medizin, Rastignac, der Streber, Louis Lambert, der Philosoph, Bridau, der Maler, Rubempré, der Journalist – ein Cénacle junger Menschen, die ungeformte Elemente sind, reine, rudimentäre Charaktere, aber doch: das ganze Leben gruppiert um eine Tischplatte in der sagenhaften Pension Vauquer. Dann aber, hineingegossen in die große Retorte des Lebens, eingekocht in die Hitze der Leidenschaften, und wieder erkaltend, erstarrend an den Enttäuschungen, unterworfen den vielfachen Wirkungen der gesellschaftlichen Natur, den mechanischen Reibungen, den magnetischen Anziehungen, den chemischen Zersetzungen, den molekularen Zerlegungen, bilden sich diese Menschen um, verlieren sie ihr wahres Wesen. Die furchtbare Säure, die Paris heißt, löst die einen auf, zerfrißt sie, scheidet sie aus, läßt sie verschwinden und kristallisiert, verhärtet, versteint wiederum die anderen. Alle Wirkungen der Wandlung, Färbung und Vereinung vollziehen sich an ihnen, aus den vereinten Elementen bilden sich neue Komplexe, und zehn Jahre später grüßen sich die Übergebliebenen, Umgeformten mit Augurenlächeln auf den Höhen des Lebens, Desplein, der berühmte Arzt, Rastignac, der Minister, Bridau, der große Maler, während Louis Lambert und Rubempré das Schwungrad zermalmend faßte. Nicht umsonst hat Balzac die Chemie geliebt, die Werke Cuviers, Lavoisiers studiert. Denn in diesem vielfältigen Prozeß der Aktionen und Reaktionen, der Affinitäten, der Abstoßungen und Anziehungen, Ausscheidungen und Gliederungen, Zersetzungen und Kristallisierungen, in der atomhaften Vereinfachung des Zusammengesetzten schien ihm deutlicher als anderswo das Bild der sozialen Zusammensetzung gespiegelt zu sein. Daß jedes Individuum ein Produkt sei, geformt von Klima, Milieu, Sitten, Zufall, von all dem, was schicksalsträchtig an ihm rührt, daß jedes Individuum seine Wesenheit aus einer Atmosphäre sauge, um selbst wieder eine neue Atmosphäre zu entstrahlen – dieses universelle Bedingtsein von In-und Umwelt war ihm Axiom. Und diesen Abdruck des Organischen im Unorganischen, und die Griffspuren des Lebendigen im Begrifflichen wieder, diese Summierungen eines momentanen geistigen Besitzes im sozialen Wesen, die Produkte ganzer Epochen aufzuzeichnen, schien ihm höchste Aufgabe des Künstlers. Alles fließt ineinander, alle Kräfte sind in Schwebe und keine frei. Ein so unbegrenzter Relativismus hat jede Kontinuität, selbst die des Charakters geleugnet. Balzac hat seine Menschen immer an den Ereignissen sich formen lassen, sich modellieren wie Ton in der Hand des Schicksals. Selbst die Namen seiner Menschen umspannen einen Wandel und kein Einheitliches. Durch zwanzig der Bücher Balzacs geht der Baron von Rastignac, Pair von Frankreich. Man glaubt ihn schon zu kennen, von der Straße her, oder vom Salon, oder von der Zeitung, diesen rücksichtslosen Arrivierten, dies Prototyp eines brutalen pariserischen unbarmherzigen Strebers, der aalglatt durch alle Schlupfwinkel der Gesetze sich durchdrückt und die Moral einer verkommenen Gesellschaft meisterhaft verkörpert. Aber da ist ein Buch, in dem lebt auch ein Rastignac, der junge arme Edelmann, den seine Eltern nach Paris schicken mit vielen Hoffnungen und wenig Geld, ein weicher, sanfter, bescheidener, sentimentaler Charakter. Und das Buch erzählt, wie er in die Pension Vauquer gerät, in jenen Hexenkessel von Gestalten, in eine jener genialen Verkürzungen, wo Balzac in vier schlecht tapezierte Wände die ganze Lebensvielfalt der Temperamente und Charaktere einschließt, und hier sieht er die Tragödie des ungekannten König Lear, des Vaters Goriot, sieht, wie die Flitterprinzessinnen des Faubourg St. Germain gierig den alten Vater bestehlen, sieht alle Niedertracht der Gesellschaft, gelöst in eine Tragödie. Und da, wie er endlich dem Sarge des allzu Gütigen folgt, allein mit einem Hausknecht und einer Magd, wie er in zorniger Stunde Paris schmutziggelb und trüb wie ein böses Geschwür von den Höhen des Père-Lachaise zu seinen Füßen sieht, da weiß er alle Weisheit des Lebens. In diesem Momente hört er die Stimme Vautrins, des Sträflings, in seinem Ohr aufklingen, seine Lehre, daß man Menschen wie Postpferde behandeln müsse, sie vor seinem Wagen hetzen und dann krepieren lassen am Ziel, in dieser Sekunde wird er der Baron Rastignac der anderen Bücher, der rücksichtslose, unerbittliche Streber, der Pair von Paris. Und diese Sekunde am Kreuzweg des Lebens erleben alle Helden Balzacs. Sie alle werden Soldaten im Kriege aller gegen alle, jeder stürmt vorwärts, über die Leiche des einen geht der Weg des andern. Daß jeder seinen Rubikon, sein Waterloo hat, daß die Gleichen Schlachten sich in Palästen, Hütten und Tavernen liefern, zeigt Balzac, und daß unter den abgerissenen Kleidern Priester, Ärzte, Soldaten, Advokaten die gleichen Triebe bekunden, das weiß sein Vautrin, der Anarchist, der die Rollen aller spielt und in zehn Verkleidungen in den Büchern Balzacs auftritt, immer aber derselbe und bewußt derselbe. Unter der nivellierten Oberfläche des modernen Lebens wühlen die Kämpfe unterirdisch weiter. Denn der äußeren Egalisierung wirkt der innere Ehrgeiz entgegen. Da keinem ein Platz reserviert ist wie einst dem König, dem Adel, den Priestern, da jeder ein Anrecht auf alle hat, so verzehnfacht sich ihre Anspannung. Die Verkleinerung der Möglichkeiten äußert sich im Leben als Verdoppelung der Energie.

Gerade dieser mörderische und selbstmörderische Kampf der Energien ist es, der Balzac reizt. Die an ein Ziel gewandte Energie als Ausdruck des bewußten Lebenswillens ist seine Leidenschaft. Ob sie gut oder böse, wirkungskräftig oder verschwendet bleibt, ist ihm gleichgültig, sobald sie nur intensiv wird. Intensität, Wille ist alles, weil dies dem Menschen gehört, Erfolg und Ruhm nichts, denn ihn bestimmt der Zufall. Der kleine Dieb, der ängstliche, der ein Brot vom Bäckerladentisch in den Ärmel verschwinden läßt, ist langweilig, der große Dieb, der professionelle, der nicht nur um des Nutzens, sondern um der Leidenschaft willen raubt, dessen ganze Existenz sich auflöst in den Begriff des Ansichreißens, ist grandios. Die Effekte, die Tatsachen zu messen, bleibt Aufgabe der Geschichtschreibung, die Ursachen, die Intensitäten freizulegen, scheint für Balzac die des Dichters. Denn tragisch ist nur die Kraft, die nicht zum Ziel gelangt. Balzac schildert die héros oubliés, für ihn gibt es in jeder Epoche nicht nur einen Napoleon, nicht nur den der Historiker, der die Welt erobert hat von 1796 bis 1815, sondern er kennt vier oder fünf. Der eine ist vielleicht bei Marengo gefallen und hat Desaix geheißen, der zweite mag vom wirklichen Napoleon nach Ägypten gesandt worden sein, fernab von den großen Ereignissen, der dritte hat vielleicht die ungeheuerste Tragödie erlitten: er war Napoleon und ist nie an ein Schlachtfeld gelangt, hat in irgendeinem Provinznest einsickern müssen, statt Wildbach zu werden, aber er hat nicht minder Energie verausgabt, wenn auch an kleinere Dinge. So nennt er Frauen, die durch ihre Hingebung und ihre Schönheit berühmt geworden wären unter den Sonnenköniginnen, deren Namen geklungen hätten wie der der Pompadour oder der Diane de Poitiers, er spricht von den Dichtern, die an der Ungunst des Augenblicks zugrunde gehen, an deren Namen der Ruhm vorbeigeglitten ist und denen der Dichter erst den Ruhm wieder schenken muß: Er weiß, daß jede Sekunde des Lebens eine ungeheure Fülle von Energie unwirksam verschwendet. Ihm ist bewußt, daß die Eugénie Grandet, das sentimentale Provinzmädel, in dem Augenblicke, da sie, erzitternd vor dem geizigen Vater, ihrem Vetter die Geldbörse schenkt, nicht minder tapfer ist als die Jeanne d’Arc, deren Marmorbild auf jedem Marktplatze Frankreichs leuchtet. Erfolge können den Biographen unzähliger Karrieren nicht blenden, den nicht täuschen, der alle Schminken und Mixturen des sozialen Auftriebs chemisch zersetzt hat. Balzacs unbestechliches Auge, einzig nach Energie ausspähend, sieht aus dem Gewühl der Tatsachen immer nur die lebendige Anspannung, greift in jenem Gedränge an der Beresina, wo das zersprengte Heer Napoleons über die Brücke strebt, wo Verzweiflung und Niedertracht und Heldentum hundertfach geschilderter Szenen zu einer Sekunde zusammengedrängt sind, die wahren, die größten Helden heraus: die vierzig Pioniere, deren Namen niemand kennt, die drei Tage bis zur Brust im eiskalten, schollentreibenden Wasser gestanden hatten, um jene schwanke Brücke zu bauen, auf der die Hälfte der Armee entkam. Er weiß, daß hinter den verhängten Scheiben von Paris in jeder Sekunde Tragödien geschehen, die nicht geringer sind als der Tod der Julia, das Ende Wallensteins und die Verzweiflung Lears, und immer wieder hat er das eine Wort stolz wiederholt: »Meine bürgerlichen Romane sind tragischer als eure tragischen Trauerspiele.« Denn seine Romantik greift nach innen. Sein Vautrin, der Bürgerkleidung trägt, ist nicht minder grandios als der schellenumhangene Glöckner von Notre-Dame, der Quasimodo des Victor Hugo, die starren felsigen Landschaften der Seele, das Gestrüpp von Leidenschaft und Gier in der Brust seiner großen Streber ist nicht minder schreckhaft als die schaurige Felsenhöhle des Han d’Islande. Balzac sucht das Grandiose nicht in der Draperie, nicht im Fernblick auf das Historische oder Exotische, sondern im Überdimensionalen, in der gesteigerten Intensität eines in seiner Geschlossenheit einzig werdenden Gefühls. Er weiß, daß jedes Gefühl erst bedeutsam wird, wenn es in seiner Kraft ungebrochen bleibt, jeder Mensch nur groß, wenn er sich konzentriert in ein Ziel, sich nicht verschleudert, in einzelne Begierden zersplittert, wenn seine Leidenschaft die allen anderen Gefühlen zugedachten Säfte in sich auftrinkt, durch Raub und Unnatur stark wird, so wie ein Ast mit doppelter Wucht erst aufblüht, wenn der Gärtner die Zwillingsäste gefällt oder gedrosselt hat.

Solche Monomanen der Leidenschaft hat er geschildert, die in einem einzigen Symbol die Welt begreifen, einen Sinn sich statuierend in dem unentwirrbaren Reigen. Eine Art Mechanik der Leidenschaften ist das Grundaxiom seiner Energetik: der Glaube, daß jedes Leben eine gleiche Summe von Kraft verausgabe, gleichviel, an welche Illusionen es diese Willensbegehrungen verschwende, gleichviel, ob es sie langsam verzettle in tausend Erregungen, oder sparsam aufbewahre für die jähen heftigen Ekstasen, ob in Verbrennung oder Explosion das Lebensfeuer sich verzehre. Wer rascher lebt, lebt nicht kürzer, wer einheitlich lebt, nicht minder vielfältig. Für ein Werk, das nur Typen schildern will, die reinen Elemente auflösen, sind solche Monomanen allein wichtig. Flaue Menschen interessieren Balzac nicht, nur solche, die etwas ganz sind, die mit allen Nerven, mit allen Muskeln, mit allen Gedanken an einer Illusion des Lebens hängen, sei es, an was immer auch, an der Liebe, der Kunst, dem Geiz, der Hingebung, der Tapferkeit, der Trägheit, der Politik, der Freundschaft. An irgendeinem beliebigen Symbol, aber an diesem ganz. Diese hommes à passion, diese Fanatiker einer selbstgeschaffenen Religion, sehen nicht nach rechts, nicht nach links. Sie sprechen verschiedene Sprachen untereinander und verstehen sich nicht. Biete dem Sammler eine Frau, die schönste der Welt – er wird sie nicht bemerken; dem Liebenden eine Karriere – er wird sie mißachten; dem Geizigen etwas anderes als Geld – er wird nicht aufschauen von seiner Truhe. Läßt er sich aber verlocken, verläßt er die eine geliebte Leidenschaft um der anderen willen, so ist er verloren. Denn Muskeln, die man nicht gebraucht, zerfallen, Sehnen, die man jahrelang nicht gespannt, verknöchern, und wer zeitlebens Virtuose einer einzigen Leidenschaft war, Athlet eines einzigen Gefühls, ist Stümper und Schwächling auf jedem anderen Gebiet. Jedes zur Monomanie aufgepeitschte Gefühl vergewaltigt die anderen, gräbt ihnen das Wasser ab und läßt sie vertrocknen: aber ihre Reizwerte saugt es in sich. Alle Graduationen und Peripetien der Liebe, Eifersucht und Trauer, Erschöpfung und Ekstase, sind bei dem Geizigen in der Sparsucht, beim Sammler in der Sammelwut gespiegelt, denn jede absolute Vollkommenheit vereinigt die Summe der Gefühlsmöglichkeiten. Die Intensität der Einseitigkeit hat in ihren Emotionen die ganze Vielfalt der vernachlässigten Begehrungen. Hier setzen die großen Tragödien Balzacs ein. Der Geldmensch Nucingen, der Millionen gesammelt hat, an Klugheit überlegen allen Bankiers des Kaiserreichs, wird ein läppisches Kind in den Händen einer Dirne, der Dichter, der sich dem Journalismus hinwirft, wird zerrieben wie ein Korn unter dem Mühlstein. Ein Traumbild der Welt, ein jedes Symbol ist eifersüchtig wie Jehova und duldet keine anderen Leidenschaften neben sich. Und von diesen Leidenschaften ist keine größer und keine geringer, sie haben ebensowenig eine Rangordnung wie Landschaften oder Träume. Keine ist zu gering. »Warum sollte man nicht die Tragödie der Dummheit schreiben?« sagt Balzac, »die der Verschämtheit, die der Ängstlichkeit, die der Langeweile?« Auch sie sind bewegende, treibende Kräfte, auch sie bedeutsam, insofern sie nur genugsam intensiv sind, selbst die ärmlichste Lebenslinie hat Schwung und Schönheitsgewalt, sobald sie ungebrochen gerade fortstrebt oder ihr Schicksal ganz umkreist. Und diese Urkräfte – oder besser, diese tausend Proteusformen der wirklichen Urkraft – aus der Brust der Menschen zu reißen, sie zu heizen durch den Druck der Atmosphäre, sie peitschen zu lassen durch das Gefühl, sie zu berauschen an den Elixieren des Hasses und der Liebe, sie rasen zu lassen im Rausche, am Prellstein des Zufalls die einen zu zerschmettern, sie zusammenzupressen und auseinanderzureißen, Verbindungen herzustellen, Brücken zu schlagen zwischen den Träumen, zwischen dem Geizigen und dem Sammler, dem Ehrsüchtigen und dem Erotiker, rastlos das Parallelogramm der Kräfte zu verschieben, in jedem Schicksal den drohenden Abgrund von Wellenberg und Wellental aufzureißen, sie zu schleudern von unten nach oben und von oben nach unten, die Menschen wie Sklaven zu hetzen, nie sie ruhen zu lassen, sie zu schleppen wie Napoleon seine Soldaten durch alle Länder von Österreich wieder in die Vendée, über das Meer wieder nach Ägypten und nach Rom, durch das Brandenburger Tor und wieder vor den Abhang der Alhambra, über Sieg und Niederlage nach Moskau schließlich – die Hälfte unterwegs liegen zu lassen, zerschmettert von den Granaten oder unter dem Schnee der Steppen – die ganze Welt zuerst zu schnitzen wie Figuren, zu malen wie eine Landschaft und dann das Puppenspiel mit erregten Fingern zu beherrschen – das war seine, das war Balzacs Monomanie.