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Mira Pullini

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Beschreibung

Die Kripo Landsberg ist zwecks Teambuilding-Maßnahme auf einer Alpakawanderung unterwegs, als plötzlich die Leiche einer Frau am Lechufer auftaucht. Die erste Spur führt kurz vor dem Wochenende zu einem Schweinemastbetrieb in der Nähe des Alpakahofs, auf dem die Frau als Journalistin lebte. Eine Ermittlung zwischen Matsch, Mist, haarefressenden Alpakas und einem schlecht gelaunten Stier beginnt. Und zu allem Übel hat es auch noch ein mumifizierter Voodoo-Igel auf den Dienstwagen des Hauptkommissars abgesehen...

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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1

Es war Freitagnachmittag, November, und es nieselte, während Reinhold ein langhalsiges vierbeiniges Tier an einer Leine spazieren führte, dessen Spezies er hier in einem kleinen Vorort Landsbergs nicht vermutet hätte. Ehrlicherweise hätte er nicht nur diese Spezies hier nicht vermutet, sondern die Tatsache, dass er sie an einer Leine am Lech entlangführen sollte und seine gesamte Kollegschaft einschließlich der Staatsanwältin dasselbe tun würde, wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Denn hätte er es, aus welcher Vorsehung heraus auch immer, auch nur ansatzweise geahnt, so hätte er sicherlich frühzeitig dagegen gearbeitet. Schließlich war es November.

Und es nieselte. Der Weg zwischen einer Wiese und dem Lechufer war stellenweise so matschig, dass Reinholds ursprünglich schwarze Schuhe bereits eine unschöne schlammbraune Farbe angenommen hatten. Aber Frau Hof, die Staatsanwältin, war der Ansicht, dass diese Wanderung mit den seltsamen langhalsigen Tieren nötig war und entsprechend durchgezogen werden musste, egal wie sich das Wetter gestaltete.

Frau Hof nämlich hatte die grandiose Idee entwickelt, dass sie alle (und das bedeutete: die gesamte Kripo) gemeinsam eine Alpakawanderung machen sollten. Reinhold hatte nicht per se etwas gegen Alpakas, auch nicht gegen eine Wanderung, aber wogegen er etwas hatte, war, dass er sie mit allen Kollegen inklusive Franz und Frau Hof durchführen sollte.

An sich kam Reinhold mit fast allen seinen Kollegen relativ gut zurecht und er hätte nichts gegen eine gemeinsame Unternehmung zu einer anderen Jahreszeit und bei einem anderen Wetter gehabt. Aber wen er partout nicht leiden konnte, war der Kollege Franz, der immerzu auf seinen Posten als Hauptkommissar schielte und der zudem sowieso nicht übermäßig gut mit dem ihm zugewiesenen Alpaka zurechtzukommen schien. Und an Frau Hof störte er sich, mit der er als seine Vorgesetzte eigentlich nicht mehr Zeit als nötig verbringen wollte.

Dazu kam, dass Frau Hof hinter ihm und Sven, seinem Stellvertreter herdackelte, sodass Reinhold immerzu das Gefühl hatte, dass sie beobachten konnte, wie er sich als Alpakaführer machte, und das, ohne dass er sie beobachten konnte. Schließlich war Reinhold sich sicher, dass die Staatsanwältin dieses Event nicht zu Teambuilding-Zwecken anberaumt hatte, wie es offiziell hieß, sondern wegen ihm. Und Herrn Finkle vielleicht, einem Hauptkommissar, der eigentlich inhaftiert war, der aber, aus welchen Gründen auch immer, von Frau Hof gefördert wurde, wie sie es nannte. Und der somit auch mit auf diese Wanderung gesollt hatte, genau wie die „normalen“ Kollegen Melanie, Annette, Giovanni und Marian van Tenne, dem neusten Mitarbeiter der Kripo, den Frau Hof auch gerne als Argument für diese Unternehmung heranzog.

Aber Reinhold war sich dennoch sicher, dass Frau Hof ihn hier irgendwie therapieren wollte. Spätestens seitdem er auf Frau Hofs Anraten hin mit Sven dieses höchst verstörende Entspannungsseminar des LKA hatte besuchen dürfen/müssen und sie genau währenddessen ebendieses Alpakaevent gebucht hatte. Und sie ihn direkt an seinem ersten Arbeitstag nach diesem Seminar gefragt hatte, ob es denn schon etwas geholfen hätte. Wogegen es denn hätte helfen sollen, hatte Reinhold in seiner Überraschung gefragt, und Frau Hof hatte geradeheraus geantwortet, dass sie sich auf seine Angespanntheit beziehe, welche ihn doch schon seit dem Sommer begleite.

Reinhold war daraufhin die Sprache weggeblieben und ihm war ganz heiß geworden. Zum Glück war in diesem Moment Finkle vorbeigeschlurft und hatte Frau Hof gefragt, ob der Kaffeeautomat wieder funktioniere, sodass Reinhold schnell in sein Büro hatte entschwinden können.

Im Nachhinein erst war ihm eine gute Antwort eingefallen, was gegen diese sogenannte Angespanntheit hätte helfen können. Nämlich, den Rockerverein Big Crash sowie das Filmstudio Landsberg Films sowie einen gewissen Krimiautor namens Andreas Forstmannsdorf mit einer Oneway-Rakete auf den Mond zu schießen und dort zu belassen. Aber das war leider nicht erlaubt, und somit arbeitete Reinhold jeden Tag hart daran, nicht an die bevorstehenden Dreharbeiten im Präsidium denken zu müssen, welche in zwei Wochen starten sollten. Die ganze Angelegenheit würde superpeinlich werden, da war Reinhold sich sicher, sollte doch ein realitätsgetreuer Landsberg-Krimi mit ihm als Hauptrolle verfilmt werden. Natürlich spielte er nicht selbst mit, aber sein Doppelgänger namens Dieter, welchen Reinhold bisher noch nie persönlich getroffen hatte und das auch in Zukunft nicht wollte. Und das ganze Projekt wurde vom Filmstudio Landsberg Films umgesetzt, welches sich in der Hand der Big Crash-Rocker befand, die Reinhold ebenfalls nicht sonderlich gut leiden konnte und die auch noch seine Ratte konfisziert hatten, um sie für den Film zu trainieren.

Spätestens, wenn Reinholds Gedanken in Richtung der weißen Ratte mit den süßen Kulleraugen abschweiften, musste er sie in eine andere Richtung lenken, um nicht verrückt zu werden. Oft, wenn ihn die Gedanken an dieses Filmprojekt überkamen, fing er stattdessen an, über dieses Entspannungsseminar nachzudenken, welches zwar gewiss nicht zu seiner Entspannung beigetragen hatte, aber ihn immerhin ablenkte.

Reinhold war seinen Lebtag zuvor noch nie auf einem Entspannungsseminar gewesen und entsprechend schockiert darüber, wie es dort zuging. Den größten Teil des Seminars hatten sie auf einer dünnen Matte auf dem Boden liegend verbringen müssen, um zur Stille und ihrer sogenannten inneren Mitte zu finden. Reinhold fühlte sich generell nirgends verletzlicher als auf dem Boden, was die Sache mit der Entspannung gleich am ersten Tag ad absurdum geführt hatte. Dazu kamen die ganzen anderen Mensch…innen, die überall um einen herum lagen und mehr oder weniger stark schnauften, sodass die ganze Angelegenheit auch nicht mehr viel mit Stille zu tun gehabt hatte.

Ja, die überwiegende Zahl der Teilnehmenden war weiblich gewesen. Genau genommen waren Reinhold und Sven die einzigen matten Männer auf diesen Matten gewesen, und entsprechend groß hatte sich das Interesse der Damen an ihnen gestaltet. Nur hatte Reinhold dieses Interesse nicht erwidern können, da er sich schlichtweg nicht in der Verfassung dazu gefühlt hatte. Sven war sowieso nicht der Typ, der mit fremden Frauen flirtete, aber leider schienen sich einige der Damen durch diese Reserviertheit eher angespornt als abgeschreckt zu fühlen. Vor allem die Seminarleiterin hatte Reinhold auf dem Kieker gehabt, nachdem sie bemerkt hatte, dass die Sache mit der Entspannung bei ihm noch nicht so richtig funktionieren wollte, und ihn bei jedem Mittagessen dazu anregen wollen, etwas aus seinem Leben zu erzählen. Es war äußerst schwierig gewesen, etwas zu erzählen, wozu die Frau keine Tipps hätte abgeben können. Denn sie konnte zu nahezu Allem Tipps abgeben, so viel war klar gewesen, dabei wollte Reinhold gar keine Tipps, sondern nur dieses Seminar hinter sich bringen.

Am letzten Tag dann hatte Reinhold sich zum Mittagessen mit Sven davongeschlichen, in einen Supermarkt in der Nähe des LKA-Gebäudes, und eine Banane plus einen zu stark gesüßten Trinkjoghurt für Kinder verspeist – die einzigen beiden Lebensmittel, die man ohne Besteck verzehren konnte, ohne sich die Finger schmutzig zu machen. Reinhold hatte dann nach dem Mittagessen gedacht, dass das Seminar ja nun fast rum war und ihm nicht mehr so viel passieren könne, da hatten sie abermals auf diesen Matten meditieren sollen. Plötzlich war von links eine Hand zu Reinholds Hand gekrochen und hatte sie ergriffen, ein wahrlich gruseliges Gefühl, vor allem, da Reinhold bis heute nicht wusste, welche der Damen das gewesen war. Reinhold hatte ja die Augen geschlossen halten müssen, um so zu tun, als entspanne er, und keine weiteren Tipps von Seiten der Seminarleiterin zu provozieren. Bei der Menge an Damen, die sternförmig um ihn herum gelegen hatten, gab es mindestens drei Verdächtige, die an ihn hätten herankommen können. Wenn sich nicht sogar die Seminarleiterin heimlich zu ihm geschlichen hatte…

„Du, Reinhold, kannst du mal schauen…“, drang da Svens Stimme zu ihm und riss ihn so aus seinen Gedanken bezüglich des Seminars, „… was der da andauernd an meinem Hals macht?“

Reinhold ließ den Blick zu Sven wandern, der mit einem besonders langhalsigen weißen Alpaka neben ihm spazierte, aber seinen Kopf unnatürlich weit vorstreckte.

„Was macht er denn?“, fragte Reinhold verständnislos.

„Er schleckt mich immerzu hier… an meinem Hals“, jammerte Sven und deutete an seinen Hinterkopf. „Kannst du nicht mal schauen, was da ist?“

Reinhold bekam von Sven dessen Hinterkopf präsentiert, sah aber nichts Auffälliges. Außer, dass Svens Alpaka argwöhnisch zu ihm schielte, vielleicht…

„Da ist nix Besonderes“, erklärte er mit der Folge, dass Sven sich mit der freien Hand persönlich an seinem Hals entlangrieb.

„Aber feucht ist es! Der hat mich richtig feucht geschleckt!“

„Mhm.“

„Hast du das nicht gesehen?“

„Nein, ich… habe nach vorne geschaut.“

„Ich verstehe nicht, warum schleckt der mich andauernd?“

„Vielleicht würde er gerne an meiner Stute schlecken und kommt nicht dran?“, überlegte Reinhold und wechselte einen Blick mit seinem Alpaka, einer flauschigen Dame in braun, die immer einen besonders unschuldigen Blick draufhatte.

„Ja, aber er sollte doch kastriert sein! Was hat der dann noch zu schlecken?“

„Vielleicht haben sie was vergessen? Hast du schonmal nachgesehen?“

„Was? Ich schaue doch dem Alpaka nicht unter den…“, rief Sven entrüstet, woraufhin nun auch Reinhold live erleben konnte, wie das (oder der) Alpaka kurz an Svens Haaren schnüffelte und dann mit der Zunge über seinen Hals fuhr.

„Oh, krass“, entfuhr es Reinhold, während Sven nur „Oaaah!“ machte und versuchte, durch zügigeres Laufen Abstand zum Alpaka zu gewinnen.

„Vielleicht hast du auch so ein leckeres Shampoo verwendet?“, überlegte Reinhold weiter.

„Aber ich habe mir heute gar nicht die Haare gewaschen! Das wäre ja auch sinnlos gewesen bei diesem andauernden Geschlecke…“

„Dann vielleicht Rasierschaum?“, meinte Reinhold, da er schon wusste, dass Sven sich trotz seiner hellen blonden Haare auf jeden Fall jeden Tag rasierte.

„Du meinst, dieses Tier mag Rasierschaum? Meinte die Frau nicht vorhin, die Tiere wären an ganz karges Futter angepasst?“

„Rasierschaum ist bestimmt ganz karg“, kommentierte Reinhold, als man die Frau – sprich, die Besitzerin dieses Gnadenhofs, von dem die Alpakas stammten – von hinten rufen hören konnte.

„Hey, ihr zwei! Nicht so schnell! Wir wollten doch alle gemeinsam laufen!“

Reinhold rollte mit den Augen, blieb aber trotzdem widerwillig stehen. Die Frau, welche Reinhold auf unangenehme Weise an die Seminarleiterin aus dem Entspannungsseminar erinnerte, war mit den restlichen Kollegen sowie Frau Hof tatsächlich mehr als zehn Meter zurückgefallen. Was Reinhold ehrlicherweise nicht sonderlich gestört hatte.

Trotzdem wartete Reinhold mit Sven und den beiden Alpakas artig am Wegesrand, bis die Alpakafrau samt Staatsanwältin wieder zu ihnen aufgeschlossen hatte.

„Die Alpakas mögen das nämlich gar nicht, so schnell zu laufen“, erklärte sie im Vorübergehen. Reinhold nickte, als sehe er das sein, dabei hatte sich sein Alpaka eigentlich nicht beschwert, dann reihte er sich hinter Finkle und van Tenne neben Giovanni wieder ein. Sven versuchte weiterhin, sein Alpaka an möglichst langer Leine zu führen, um das Geschlecke zu unterbinden.

„Das Spucken dient in erster Linie dem Festlegen der Rangordnung“, lauschte Reinhold den Ausführungen der Alpakaführerin, welche sich umgedreht hatte und nun rückwärts neben ihrem Alpaka herlief – wahrscheinlich, damit sie alle gut zuhören konnten. „Es kann aber auch zur Abwehr von Menschen eingesetzt werden. Ihr solltet also immer respektvoll mit eurem Alpaka umgehen und gut auf die Körpersprache achten. Angelegte Ohren zum Beispiel…“

„Ich wüsste lieber, was dieses Geschlecke bedeutet“, raunte Sven Reinhold zu.

„Was für ein Geschlecke?“, fragte Giovanni. Die Alpakaführerin hatte sich wieder richtig herumgedreht und schien sich jetzt mit ihren Erklärungen auf Frau Hof zu konzentrieren, die ehrlicherweise von allen den interessiertesten Eindruck erweckte.

„Svens Alpaka schleckt gerne“, erklärte Reinhold.

„Aha“, machte Giovanni nur verdutzt, da passierte es auch schon wieder und man hörte Sven „Ooaaah Mann!“, rufen. Zu Svens Glück drehte sich nur Finkle zu ihnen um, nicht aber die Alpakaführerin, die ganz in ein Gespräch mit der Staatsanwältin vertieft schien.

„Wie kommt ihr mit euren Alpakas zurecht?“, fragte Finkle und fing nun ebenfalls an, rückwärts zu laufen, um sein braun-weiß geschecktes Alpaka am Kinn kraulen zu können. Sven rieb sich abermals hektisch über den Hals.

„Ganz okay“, antwortete Reinhold, musste dabei aber unentwegt zu Sven schielen, der mit der Hand versuchte, die Nase des Alpakas abzuwehren, welche schon wieder zu seinem Kopf gewandert war.

„Wir sind schon richtige Amici geworden“, erklärte Giovanni und klopfte seinem ebenfalls braunen Alpaka auf die Schulter. Finkle ließ daraufhin den Blick zu Sven schweifen, der zugegebenermaßen immer noch leicht verkrampft wirkte.

„Und bei Ihnen, Herr Hansen?“

„Fragen Sie nicht, Finkle!“, wehrte Sven ab. Das Alpaka schleckte währenddessen seine Hand ab, die er weiterhin hinter oder – aus Sicht des Alpakas - vor seinen Hals streckte. „Der schleckt immerzu an meinem Hals rum…“

„Wirklich?“, hakte Finkle nach und bekam ganz große Augen. „Wie süß!“

„Das ist total unhygienisch…“, widersprach Sven.

„Ach, Sie sollten das nicht so schwernehmen. Als ich die Tage mit Dr. Klein über unseren Ausflug gesprochen habe, meinte er, die Liste der vom Alpaka auf den Menschen übertragbaren Krankheiten sei sehr kurz. Deswegen wollte er auch nicht mit.“

Reinhold verstand die letzte Aussage nicht ganz. Aber wahrscheinlich musste man die Logik des Gerichtsmediziners auch nicht immer verstehen…

„Kurz bedeutet aber, es gibt sie“, stellte Sven klar. „Wenn nichts draufstünde, wäre es ja keine Liste!“

„So genau habe ich da nicht nachgehakt. Ich wollte mir ja die Vorfreude nicht vermiesen lassen. Aber ich denke, wenn es gefährliche Alpakakrankheiten gäbe, wäre Dr. Klein auch mitgekommen. Aus fachlichem Interesse…“

Reinhold konnte Sven schnauben hören. Kurz darauf schnaubte das Alpaka ebenfalls.

„Ihr passt gut zusammen“, kommentierte Finkle.

„Nein, überhaupt nicht“, protestierte Sven.

„Gleiche Größe, Haarfarbe…“

„Nein, nein, nein!“, rief Sven energisch, obwohl das mit der gleichen Größe tatsächlich zutreffend war, hatte Sven doch von allen das größte Alpaka bekommen. Finkle tippte derweil van Tenne an, damit er sich auch mal dieses schleckende Alpaka ansehen würde.

„Schau, das Alpaka ist schon richtig verknallt in den Herrn Hansen“, erklärte er augenzwinkernd.

„Will vielleicht einer von euch mit mir tauschen?“, flehte Sven mit der Folge, dass erstmal niemand mehr etwas sagte.

„Vielleicht Herr Winterberg“, überlegte Finkle. „Der scheint etwas Schwierigkeiten mit seinem Alpaka zu haben.“

Das konnte Reinhold sich nicht entgehen lassen und er fing ebenfalls an, rückwärts zu laufen, um sehen zu können, wie der Kollege Franz Winterberg als letzter in der Reihe tatsächlich versuchte, das Alpaka auf den Weg zu ziehen, aber dasselbige den Kollegen seinerseits in die Büsche zog. Die Leine war schon ganz straff und sah aus, als ob sie bald reißen würde.

„Oh je“, entfuhr es Giovanni, der nun ebenfalls rückwärtslief. Genau wie Sven.

„Vielleicht muss es eine Versäuberungspause einlegen“, überlegte Sven. „Meinte die Frau nicht vorhin, dass die Tiere dafür den Weg verlassen würden?“

„So war das, ja“, stimmte Finkle zu. Reinhold dagegen dachte sich, dass er als Alpaka auch nicht freiwillig hinter Franz herlaufen würde, bis er durch einen weiteren Ausruf Svens in die Realität zurückgeholt wurde.

„Aaaah…!“

Reinhold ließ den Blick wieder zu Sven schweifen, dem das Alpaka nun eindeutig über die Nase geschleckt hatte.

„Was ist los?“, erklang da die Stimme der Alpakaführerin, die sich nun ebenfalls wieder umgedreht hatte.

„Da, bei Herrn Winterberg“, erklärte Finkle, während Sven sich hastig die Nase trockenwischte und dabei versuchte, sein gequältes Gesicht zu verbergen. Aber die Alpakaführerin schien sowieso nur noch Augen für Winterberg zu haben, sowie Finkle sie darauf hingewiesen hatte.

„Herr Winterberg, was machen Sie denn da?“, rief sie aus und lief eilig mit ihrem Alpaka in die entgegengesetzte Richtung, bis sie bei Franz angelangt war.

„Es zieht immer zur Seite!“, beschwerte sich Franz.

„Es heißt Lucy“, erklärte die Frau leicht genervt, „und wenn sie in die Büsche zieht, bedeutet das, dass sie sich versäubern muss. Das hatten wir doch eingangs alles besprochen. Haben Sie nicht zugehört?“

„Doch, doch, aber muss ich dafür wirklich in dieses feuchte…?“

„Ja, natürlich. Das hatten wir auch besprochen, dass Sie wetterfeste Kleidung…“

„Ja, ja, aber muss ich wirklich mit, wenn sie sich versäubert?“

„Ja, natürlich! Sonst ist sie nachher weg!“

Reinhold meinte, erkennen zu können, wie Franz schluckte.

„Leute, wir machen eine Pause!“, rief die Alpakaführerin. „Lucy und Franz müssen mal in die Büsche!“

*

Der gesamte Trupp aus Menschen und Alpakas sammelte sich auf einer Wiese, während Franz mit Lucy neben den Büschen auf der Lechseite des Weges hin und her laufen musste. Die Alpakaführerin hatte erklärt, dass Lucy immer recht wählerisch war, wenn es darum ging, sich einen Platz für die sogenannte Versäuberung auszusuchen, und man die übrigen Alpakas in der Zwischenzeit ruhig etwas grasen lassen konnte. Der Großteil der Alpakas tat das auch bereitwillig, sowie sie das Gras erblickten – nur Svens Alpaka schien weiterhin nur Augen für Sven zu haben, auch wenn dieser penetrant in die entgegengesetzte Richtung starrte.

Sven hatte es bisher vermieden, die Alpakaführerin – sie hieß Anita Reichhart – auf das Geschlecke anzusprechen. Generell stellte niemand von sich aus Fragen außer Frau Hof. Wahrscheinlich lag es daran, dass Frau Reichhart stets den Eindruck erweckte, man habe zu Beginn nicht richtig zugehört, wenn man eine Frage stellte. So war es auch diesmal wieder Frau Hof, die die Stille durchbrach, indem sie fragte, wie denn Frau Reichhart auf die Idee mit den Alpakas gekommen war.

Reinhold hätte zugegebenermaßen mehr interessiert, wie Frau Hof auf die Idee gekommen war, damit er in Zukunft gegensteuern konnte, daher hörte er nur am Rande zu und beobachtete, wie Franz etwa fünfzig Meter von ihnen entfernt von seiner Lucy in die Büsche gezogen wurde. Ja, es sah tatsächlich so aus, als hätte die Lucy den Spieß umgedreht und jetzt Franz an der Leine.

„Und da die Alpakahaltung in Deutschland einen regelrechten Boom erlebt hat“, erklärte Frau Reichhart gerade, als Franz vollends im Gebüsch verschwunden war, „wurden es immer mehr Alpakas, die wir aufnehmen mussten.“

„Haben sich die Leute nicht richtig informiert?“, hakte Frau Hof nach. Reinhold wechselte einen Blick mit Sven, der gequält den Mund zusammenbiss, weil er schon wieder an seinem Ohr angeschnüffelt wurde.

„Teilweise das. Andere haben aber auch einfach die Lebenserwartung dieser Tiere unterschätzt. Er hier ist zum Beispiel schon fünfzehn Jahre alt.“ Frau Reichhart deutete auf ihr eigenes, schwarzes Alpaka, das eine besonders zottelige Frisur trug.

„Ach, wirklich?“, fragte Frau Hof interessiert.

„Ja. Er wurde wohl ursprünglich für ein Kind angeschafft und als er langweilig wurde, musste er weg. Herr Hansen, wollen Sie den Fridolin nicht auch grasen lassen?“

Reinhold sah, wie Sven rot wurde, da der Fridolin nach wie vor lieber an seinem Ohr schlecken wollte als Gras zu fressen.

„Würde ich ja, wenn er…“, versuchte sich Sven zu erklären, wurde aber direkt von Frau Reichhart mit einem neuen Vorschlag unterbrochen.

„Er wurde mit der Flasche aufgezogen und ist sehr auf den Menschen fixiert. Versuchen Sie mal, sich nach unten zum Gras zu bücken, vielleicht geht er dann mit.“

Reinhold konnte deutlich erkennen, dass Sven überhaupt nicht geneigt war, wie ein Alpaka zu grasen anzufangen. Allerdings hefteten sich nun unweigerlich die Augen sämtlicher Kollegen inklusive Frau Reichharts auf ihn, sodass Sven es nur knappe fünf Sekunden aushielt, sich zu widersetzen. Reinhold vermutete sogar, dass es Frau Reichharts besonders durchdringender Blick war, der schließlich den Ausschlag gab, dass Sven sich mit der Leine auf den Boden hockte. Der Kopf dieses Fridolins wanderte ebenfalls nach unten, allerdings nur bis zu Svens Ohr.

Sven blickte hilfesuchend zu Reinhold, dem aber im Augenblick nur einfiel, dass man froh sein konnte, dass Franz gerade nicht da war, da dieser gewiss irgendeinen unpassenden Kommentar zu diesem Geschlecke parat gehabt hätte. Auch Frau Reichhart runzelte nachdenklich die Stirn, als man plötzlich ebendiesen Franz rufen hören konnte.

„Hilfe! Leute! Scheiße!“

Sämtliche Kollegen drehten den Kopf in die Richtung, in die Franz verschwunden war. Sven nutzte die Gelegenheit, um eilig vom Boden aufzuspringen.

Franz war noch nicht zu sehen, da ertönte es noch einmal: „Leute! Hilfe!“

„Wir sollten zu ihm gehen, oder?“, meinte Giovanni, als Franz doch mit wedelnden Armen aus dem Gebüsch gebrochen kam und sofort in Richtung der Kollegen losrannte, ohne irgendwie auf seine Lucy zu warten. Die auch nicht hinterher zu kommen schien.

Franz war mittlerweile beinahe bei den Kollegen und den Alpakas angelangt. Reinhold hatte das Gefühl, dass er blasser als sonst aussah, konnte sich in diesem Moment aber noch nicht erklären, woher das kommen sollte. So schlimm konnten die Hinterlassenschaften eines Alpakas ja eigentlich nicht sein…

Franz stoppte abrupt, als er bei Annette angekommen war – seiner besten Freundin im Kollegium – indem er sich an deren Arm festkrallte. Jetzt war Reinhold sich sicher, dass er ungewöhnlich blass war.

„Oh Gott“, hauchte er, was bei Franz allgemein sehr selten vorkam.

„Franzi, was ist denn?“, fragte Annette. Franz fing nur an, auf den Boden zu starren, anstatt etwas zu sagen.

„Sollen wir einen Arzt rufen?“, fragte Giovanni, erhielt aber ebenfalls keine Antwort.

„Herr Winterberg, was haben Sie mit der Lucy gemacht?“ Das schien Frau Reichhart für die drängendste Frage zu halten. Franz fing nun immerhin an, sich die Augen zu reiben, sagte aber immer noch nichts, was Frau Reichhart wohl veranlasste, mit ihrem Alpaka zu ihm zu gehen.

„Herr Winterberg, wo ist Lucy?“, wiederholte sie.

„W-was?“, stammelte Franz, hörte aber kurzzeitig mit dem Augenreiben auf.

„Lucy, Ihr Alpaka?!“

„Die… die… ist noch da geblieben…“

„Wo?“ Frau Reichhart hatte einen Tonfall angenommen, als ob sie Franz verhören wollte.

„Im Gebüsch…“

„Ich frage jetzt nicht, warum Sie sie nicht wieder mitgebracht haben“, kommentierte Frau Reichhart sichtlich aufgebracht und stapfte in Richtung des Gebüschs los, als Franz endlich wieder reger wurde.

„Nein! Nicht hingehen!“, rief er aus.

„Ich werde ja wohl mein Alpaka holen dürfen!“

„Nein! Nicht! Ich meine, da… Ich glaube, da… liegt eine tote Frau im Gebüsch…“

Auf solch eine Behauptung schien Frau Reichhart nicht gefasst, da sie nichts mehr sagte und tatsächlich neben Franz stehenblieb. Ehrlicherweise war momentan generell niemand auf solch eine Aussage gefasst, weshalb es bis auf das allgemeine Schmatzen der Alpakas zunächst still blieb. Franz fing wieder an, auf den Boden zu starren.

Schließlich war es Annette, die sich überwand, die eine Frage zu stellen, die sich nun aufdrängte.

„Franz, hast du das eben ernst gemeint?“

„W-was?“, entfuhr es Franz.

„Das mit der toten Frau?“

„I-ich denke… schon. Wenn ich nicht geträumt habe…“

Franz lehnte sich an Annette an und fing an, sich die Augen zu reiben. Reinhold hatte den Mann noch nie so angeschlagen gesehen. Normalerweise spielte er sich auf, als ob ihm nichts etwas anhaben könnte – auch was Leichen betraf. Falls da tatsächlich eine Tote im Gebüsch liegen sollte, erklärte das also noch nicht Franz‘ Zustand.

Reinhold überlegte noch, was das zu bedeuten hatte, als sich Giovanni entschlossen in Bewegung setzte.

„Wir sollten nachschauen gehen“, verkündete er und überreichte Frau Reichhart das Halfter seines Alpakas. Frau Reichhart schien ebenfalls noch leicht verstört und zu keiner Regung fähig.

„Sehe ich auch so“, stimmte Finkle zu und drückte Frau Reichhart ebenfalls ein Halfter in die Hand. Van Tenne tat es ihm gleich, Melanie ebenfalls, sodass Reinhold sich als Hauptkommissar gleichfalls genötigt sah, sein Alpaka abzugeben und dem Trupp zu folgen. Sven kam ihm hinterher, obwohl Reinhold das für keine gute Idee hielt, wurde Sven doch beim Anblick von Leichen allgemein so schlecht, dass er für nichts mehr zu gebrauchen war. Aber eventuell wollte er auch die Chance nutzen, seinen anhänglichen Fridolin loszuwerden.

„Wo genau war er?“, fragte Giovanni in die Runde, während sie den Weg entlang der Hecke zurückgingen.

„Es war auf jeden Fall noch weiter“, meinte van Tenne.

„Müsste das Alpaka nicht noch dort sein?“, überlegte Melanie.

„Wenn es nicht fortgeschwommen ist“, antwortete Finkle. „Da unten ist doch der Lech, oder nicht?

„Mit diesem Fell schwimmt man doch nicht!“, rief Melanie. „Das saugt sich doch voll!“

„Nicht, dass das Tier genau so eine Panik wie der Kollege Winterberg gekriegt hat…“, nuschelte Finkle. Reinhold warf derweil einen Blick nach hinten und sah, dass sich Annette mit Franz am Arm ebenfalls in Bewegung gesetzt hatte. Nur Frau Hof schien vorerst bei Frau Reichhart bleiben zu wollen.

„Hier könnte es gewesen sein“, verkündete van Tenne. Der gesamte Trupp blieb stehen und starrte einen Moment auf den schmalen Streifen plattgetretenen Grases, welcher in ein besonders dichtes Dickicht führte. Dann ertönte ein Rascheln und wenige Sekunden später kam ein hellbraunes Alpaka aus dem Dickicht zum Vorschein. Die Lucy…

Lucy kam auf die versammelten Polizisten zugetrabt, als wäre nichts, und ließ sich bereitwillig von Melanie an die Leine nehmen.

„Dann müsste es hier sein“, konstatierte Giovanni.

„Ich gehe vor“, entschied Finkle und setzte als erstes einen Fuß auf das Gras, welches auf Reinhold einen sehr feuchten glitschigen Eindruck machte. Aber Finkle ließ sich davon nicht beirren und machte erst vor dem nächsten Gebüsch wieder Halt. Giovanni setzte sich nun mit van Tenne ebenfalls in Bewegung. Reinhold wollte lieber zunächst beobachten, ob die Kollegen im Gestrüpp hängen bleiben würden.

„Wie kommt man da durch?“, fragte van Tenne auch schon.

„Klein machen“, empfahl Finkle und versuchte scheinbar an verschiedenen Stellen, seinen Kopf durch die Hecke zu stecken.

„Sehen Sie schon was?“, fragte Giovanni.

„Nein, aber ich finde… es riecht etwas blutig, wenn man die Nase zu tief reinsteckt…“

„Wirklich? Ich rieche nichts…“

„Das Alpaka müsste hier durch sein…“

Es ertönten ein paar knacksende Geräusche, dann schien Finkle verschwunden. Reinhold spürte augenblicklich das Bedürfnis, hinterherzueilen, hatte Finkle doch in der Vergangenheit dazu geneigt, sich hinter irgendwelchen Hecken plötzlich in Luft aufzulösen. Aber Giovanni zwängte sich sofort hinterher und direkt danach van Tenne, sodass Reinhold hoffte, dass Finkle vorerst beaufsichtigt wurde.

„Uh…“, hörte man van Tenne, kaum war er durch die Hecke verschwunden.

„Santo cielo!“, hörte man direkt danach Giovanni.

„Das sieht nicht gut aus“, konstatierte Finkle.

„Sie haben wirklich was gefunden!“, rief Melanie aus. „Ein neuer Fall für uns! Da muss ich auch gucken…“

Ehe er sich versah, bekam Reinhold das Halfter des Alpakas gereicht. Er wechselte einen Blick mit Sven, der schluckte und ein extrem besorgtes Gesicht aufsetzte.

Melanie schlitterte ebenfalls in Richtung der Hecke. Franz und Annette hielten nun neben Reinhold an, während Frau Reichhart mit Frau Hof und den ganzen Alpakas zusätzlich auf sie zugesteuert kam.

„Die ist auf jeden Fall tot“, ertönte da wieder Finkles Stimme aus Richtung der Hecke. „Sie ist schon ganz steif…“

Melanie war nun ebenfalls durch die Hecke verschwunden. In Reinhold verstärkte sich das Gefühl, dass er als Hauptkommissar jetzt auch nachsehen musste, was da vor sich ging. Anderenfalls würde Frau Hof ihn demnächst durch Finkle ersetzen lassen…

„Achtet ihr darauf, dass…“, wandte er sich an Franz und Annette, „…Frau Reichhart auf dem Weg bleibt?“

„Ja, natürlich“, sagte Annette.

„Habe ich doch nicht geträumt, was?“, meinte Franz. Er schien schon wieder fast der Alte zu sein. Reinhold achtete nicht weiter auf ihn, sondern gab Sven das Halfter des Alpakas, auf dass er so hoffentlich gezwungen sein dürfte, sich von der Leiche fernzuhalten.

„Es sieht so aus, als ob ihr die Kehle durchgeschnitten worden wäre, oder?“, hörte Reinhold van Tenne sagen, während er selbst noch überlegte, wie er durch die Hecke kommen sollte, ohne stecken zu bleiben.

„Ich kann es nicht gut erkennen, aber… irgendwo muss das Blut ja herkommen…“ Das war wieder Finkle gewesen. Reinhold hatte jetzt entschieden, sich seitwärts durch die Büsche zu zwängen.

„Das ist widerlich“, sagte Giovanni.

„Sie kann unmöglich hier ermordet worden sein. Hier ist doch kaum Platz!“, rief Melanie aus.

„Was sagst du, Moritz?“, fragte van Tenne. Reinhold merkte, wie er mit der Jacke an einem Dorn hängen blieb.

„Ich überlege noch“, sagte Finkle. „So etwas Blutiges habe ich lange nicht mehr gesehen…“

Reinhold friemelte seine Jacke aus dem Dorn und warf einen Blick zurück zum Weg, wo Sven die Lucy streichelte und Annette auf Frau Hof zuging. Franz hatte sich in lässiger Pose mit verschränkten Armen aufgebaut, als sei nie etwas gewesen. Dann hatte Reinhold seine Jacke gelöst und konnte sich die letzten Zentimeter durch das Gebüsch schieben.

Auf der anderen Seite ging es auf einen steinigen Hang bis zum Ufer. Reinhold stolperte aus dem Gebüsch und kam wenige Zentimeter vor dem nächsten Busch zum Stehen, um den sich die Kollegen versammelt hatten.

„Grüß Gott“, sagte er, da ihm angesichts seines Stolperns nichts Besseres einfiel, dann erhaschte er das erste Mal einen Blick auf das, weswegen er sich überhaupt durch die Hecke gezwängt hatte.

Das Blutigste, was man seit langem gesehen hatte, schien schon eine treffende Beschreibung zu sein. Obwohl Reinhold nur kurz hingesehen hatte, hatte er als einziges Bildelement noch dieses Rot vor Augen. Einen Augenblick stockte ihm der Atem, dann roch er auch dieses Blutige, von dem Finkle gesprochen hatte.

„Das mit der Kehle könnte schon stimmen“, drang da wieder Finkles Stimme zu ihm. „Aber Dr. Klein müsste sich das nochmal genauer anschauen. Auf jeden Fall ist sie schon einen Tag tot, so wie die Arme hier abstehen. Frau Rössler hat Recht, sie muss zuerst irgendwo anders gelegen haben, sonst stünden die Arme nicht so hoch…“

Reinhold musste sich überwinden, nochmal zu Finkle zu sehen, welcher unbeirrt die tote Frau umkreiste, während die übrigen Kollegen doch etwas Abstand hielten. Aber es stimmte, die Stellung der Arme passte so gar nicht zum unebenen steinigen Untergrund. Ein Arm stand tatsächlich etwas hoch, anstatt auf dem Boden zu liegen, während auf der anderen Seite die Finger gekrümmt waren, als hätte die Tote irgendetwas festgehalten.

„Vor allen Dingen hätte sie ja auch eine Jacke an, wenn sie sich hier draußen mit jemandem getroffen hätte“, meinte Melanie, was Reinhold verleitete, noch einmal zum extrem blutigen Oberkörper der Toten zu sehen.

„Ja, sie scheint nur… so eine Bluse anzuhaben“, bestätigte Finkle. Reinhold merkte derweil, wie ihm so ein flaues Gefühl aus der Magengegend nach oben stieg und wandte den Blick schnell wieder ab.

„Herr Kolspra, haben Sie noch etwas hinzuzufügen?“, fragte Finkle.

„Nein, nichts“, erwiderte Reinhold und starrte weiterhin penetrant in die entgegengesetzte Richtung, damit niemand seinen gequälten Blick sehen würde.

„Wer ruft Klein an?“, fragte Melanie.

„Ich mache das“, entschied Reinhold schnell. Vielleicht würde das flaue Gefühl ja verschwinden, wenn er sich auf etwas Anderes konzentrierte.

2

Reinhold hatte gerade sein Telefonat mit Klein, dem Gerichtsmediziner, beendet, als er meinte, Frau Reichharts Stimme aus Richtung Lechufer zu hören, wo diese eigentlich gar nicht herkommen dürfte. Hektisch richtete er seinen Blick in Richtung Lech, den man aber aufgrund des Bewuchses nur erahnen konnte, und streifte dabei abermals die Leiche, die weiterhin von Finkle und Melanie umrundet wurde. Van Tenne stand ebenfalls noch daneben, während Giovanni zurück zum Weg gegangen war, um die Anderen zu informieren. Trotzdem kehrte in Reinholds Magengegend schon wieder dieses flaue Gefühl zurück, welches ehrlicherweise trotz des Telefonats nie ganz verschwunden war. Vielleicht auch genau deswegen, denn immerhin hatte dasselbige auch von der Leiche gehandelt, obwohl Reinhold sich bemüht hatte, seine Ausführungen diesbezüglich möglichst kurz zu halten. So hatte er dem Gerichtsmediziner nur gesagt, dass es hier etwas gäbe, das ihn und Erik Pretzel, den Leiter der KTU, interessieren dürfte, und dann den besten Anfahrtsweg beschrieben, schließlich wollte er das flaue Gefühl eigentlich loswerden, bis Klein eintraf, da ihn der Arzt garantiert ansprechen würde, wenn er zu blass aussah.

„Frau Reichhart, bleiben Sie doch stehen!“, erklang nun auch noch Svens Stimme aus Richtung Lech.

„Was ist da los?“, fragte van Tenne. Finkle versuchte, durch das Gebüsch zu spähen, das sie vom Lech trennte, schien aber nicht erfolgreich, da Erklärungen von seiner Seite ausblieben. Also setzte sich Reinhold in Bewegung, um abermals etwas unelegant auf das Gebüsch zu und hindurch zu schlittern.

„Frau Reichhart, ich glaube nicht, dass Sie sich das antun sollten!“, rief Sven. Reinhold wandte den Blick nach links und sah Frau Reichhart über das steinige Ufer auf ihn zu stolpern, dicht gefolgt vom Kriminaloberkommissar. Scheinbar waren sie an einer anderen Stelle zum Ufer hinabgestiegen.

„Lassen Sie mich!“, entgegnete Frau Reichhart und fuchtelte energisch in Svens Richtung. „Ich muss wissen, ob sie es ist!“

„Aber das… Wieso zeigen Sie uns nicht ein Foto auf Ihrem Handy?“

„Ich habe kein Foto von ihr! Ramona hat es strikt abgelehnt, fotografiert zu werden!“

„Aber Frau Reichhart, das wird sich bestimmt klären lassen!“, versuchte Sven es weiter, aber vergeblich, da die Dame nun bereits bei Reinhold und somit ganz in der Nähe der Leiche angekommen war. Die sie sich scheinbar unbedingt ansehen wollte, wenn Reinhold das richtig verstanden hatte.

„Frau Reichhart, das hier ist ein Tatort“, erklärte Reinhold und bemühte sich seinerseits, sich der Dame möglichst breitbeinig in den Weg zu stellen.

„Ich möchte nur kurz nachsehen, ob sie es ist“, erwiderte Frau Reichhart knapp.

„Wer sollte es denn Ihrer Meinung nach sein?“, fragte Reinhold, der hoffte, so noch etwas Zeit schinden zu können. Allerdings schien Frau Reichhart nicht geneigt, ihm eine Antwort zu geben, da sie weiterhin nur versuchte, an Reinhold vorbeizukommen.

Reinhold packte sie, zugegebenermaßen etwas unsanft, was einen Aufschrei von Seiten der Alpakaführerin zur Folge hatte. Aber immerhin war sie gezwungen, stehen zu bleiben, vorerst jedenfalls. Reinholds Frage schien sie aber immer noch nicht beantworten zu wollen.

Reinhold wechselte einen Blick mit Sven, der angesichts Reinholds Aktion ebenfalls kein Wort mehr herauszukriegen schien. Gewiss war Sven nicht dafür, die Dame so festzuhalten, das war Reinhold schon klar. Allerdings hielt er es momentan für die einzige Möglichkeit, sie irgendwie von der Leiche fernzuhalten.

„Vermissen Sie jemanden?“, fragte er an Frau Reichhart gewandt, um Svens entsetztes Gesicht nicht länger ansehen zu müssen. Wobei Frau Reichhart auf Stärkste beleidigt wirkte, was nicht direkt besser zu ertragen war.

„Ja, Ramona!“, zischte sie Reinhold an, dann riss sie sich – auch, weil Reinhold seinen Griff gelockert hatte – los und stapfte einfach die Böschung hinauf, die Reinhold soeben hinuntergekommen war.

„Ey, Frau Reichhart! Das ist ein Tatort!“, rief Reinhold ihr abermals hinterher, was natürlich nichts half. „Oh Mann“, entfuhr es ihm noch, dann sah er sich gezwungen, die Dame zu verfolgen. Sven kam eigenartigerweise hinter ihm her, obwohl Reinhold das für keine gute Idee hielt.

„Sie vermisst eine… Ramona Kislicêk“, erklärte Sven unaufgefordert. Reinhold vermutete, dass er sich selbst von dem ihm bevorstehenden Anblick der Leiche ablenken wollte. „Sie… arbeitet wohl auch auf diesem Gnadenhof…“

Dann erklang auch schon ein Aufschrei, der eindeutig von Frau Reichhart herrührte und Reinhold signalisierte, dass sie die Leiche erreicht hatte. Reinhold vergrößerte seine Schritte mit der Folge, dass Sven hinter ihm zurückfiel, was ihm aber egal sein sollte.

„Das ist sie!“, hörte man Frau Reichhart schluchzen, gerade als Reinhold hinter dem Gebüsch hervortrat und wieder einen Blick auf die tote Frau hätte werfen können, wären nicht Frau Reichhart und Melanie, die wohl versuchte, erstere wieder nach oben zu ziehen, direkt davor zu Boden gesunken.

„Bitte nicht anfassen“, sagte Finkle, während van Tenne betreten dreinblickte und Reinhold den Verdacht nicht loswurde, Frau Reichhart habe die Tote sowieso schon angefasst oder täte es immer noch.

„Frau Reichhart, kommen Sie bitte“, sprach da auch Melanie die Frau an, schien aber ehrlicherweise genauso erfolglos wie Reinhold zu sein. Sven trat nun ebenfalls neben Reinhold, Reinhold versuchte mit einem schielenden Blick zu eruieren, ob der Kollege schon blass wurde, was nicht der Fall zu sein schien. Aber der Blick auf die Leiche war ja auch noch nicht freigegeben.

„Ich hab’s gewusst!“, jammerte Frau Reichhart. „Dass er sie umbringen würde!“

„Wer?“, fragte Finkle interessiert.

„Der Höllhuber!“, kreischte Frau Reichhart so laut, dass es sicher auch oben am Weg zu hören war.

„Vielleicht sollten wir das oben besprechen?“, wandte Melanie ein und versuchte erneut vergeblich, Frau Reichhart auf die Beine zu ziehen. Reinhold entschied, dass er nachhelfen musste, und eilte dazu, stets bemüht, nur Frau Reichhart in den Blick zu nehmen und sonst nichts. Er war nun fest entschlossen, die Frau von der toten Ramona Kislicêk - oder wem auch immer – zu trennen, sodass es ihm mit Melanies Hilfe auch tatsächlich gelang. Der blutige Geruch stieg ihm abermals in die Nase und motivierte ihn, Frau Reichhart schnellstmöglich weg in Svens Richtung zu ziehen, der neben dem Gebüsch stehen geblieben war, aber nun ebenfalls den Blick an die Leiche geheftet hatte.

„Sven, bringst du die Dame zurück?“, fragte Reinhold, damit der Kollege ihn ansehen würde anstatt diese Leiche, war er doch nun wirklich blass geworden. Tatsächlich ließ Sven seinen – zugegebenermaßen sehr trüben – Blick zu Reinhold schweifen, bevor er irgendetwas hinunterschluckte und sehr langsam nickte. Reinhold drückte Frau Reichhart an ihn, die sich nun nicht mehr wehrte, und stupste die beiden samt Melanie zum Lechufer hinunter, sodass nur noch er, Finkle und van Tenne zurückblieben. Und die Leiche, natürlich.

„So schnell haben wir noch nie eine Tote identifiziert“, freute sich Finkle. Reinhold dagegen spürte, wie sich schon wieder so ein mulmiges Gefühl aus der Magengegend heraus in ihm ausbreitete, obwohl er sonst auch nicht so empfindlich war. Schnell wandte er den Blick in Richtung Lechufer und hoffte, dass Klein und Pretzel bald auftauchen würden. Wenn er ihnen alles gezeigt hatte, würde er auch zu Sven und den Alpakas zurückgehen, sagte er sich.

*

Eine halbe Stunde später konnte Reinhold endlich das Gebüsch verlassen und zurück auf den Weg treten. Die Anreise von Klein, Pretzel und dem ganzen Spurensichererteam hatte länger gedauert, als Reinhold erwartet hatte. Scheinbar hatten die Kollegen trotz Reinholds Beschreibung Mühe gehabt, den richtigen Feldweg zu finden, und der vorausfahrende Streifenwagen mit einem Polizeianwärter am Steuer war vorübergehend im Matsch steckengeblieben, wenn Reinhold die Ausführungen des wenig motiviert wirkenden Erik Pretzels richtig verstanden hatte. Ob das wirklich stimmte oder ob der Mann Mist erzählte, weil es Freitagnachmittag kurz vor Feierabend und man entsprechend genervt war, wusste Reinhold nicht. Einzig Ulrich Klein hatte sich über die Leiche gefreut, wie er es immer tat, egal in welchem Zustand dieselbige war.

Reinhold hatte Glück gehabt, dass der Arzt nur Augen für die Tote gehabt hatte, sonst hätte er sicherlich gesehen, wie blass er durch das lange Inhalieren dieses Blutgeruchs geworden war. Reinhold selbst sah das zum Glück auch nicht und konnte sich somit einreden, dass es nicht ganz so schlimm war, obwohl er sich nach wie vor bei jedem Schritt etwas flau fühlte und einen gewissen Hang zum Schwanken hatte, wenn er auf eine Unebenheit trat.

So musste er sich auch zunächst an einem Baumstamm abstützen, bevor er den Blick über den Weg schweifen lassen konnte. Er entdeckte Sven auf der Wiese direkt gegenüber, wie er mit hängenden Schultern auf einem Stein inmitten der Alpakas hockte und sich von zweien von ihnen die Haare schlecken ließ, was Reinhold zeigte, dass es ernst war. Die Frisur war schon vollkommen zerzaust, trotzdem machte Sven keinerlei Anstalten, sich irgendwie zu wehren.

Die anderen Kollegen einschließlich Frau Hof hatten sich zur nächsten Wegkreuzung begeben, wo nun mehrere Einsatzfahrzeuge geparkt waren. Reinhold meinte sogar, einen Polizeianwärter ausmachen zu können, aber ob er wirklich im Matsch stecken geblieben war, wollte er ihn lieber nicht persönlich fragen. Also wandte er sich stattdessen Sven zu, an dessen Haaren nach wie vor zwei Alpakas herumzupften, als ob es sich um Gras handeln würde.

„Na, wie geht es dir?“, fragte er, sobald er vor Sven und dem Stein angekommen war. Allerdings wurde er den Eindruck nicht los, dass Sven nur durch ihn hindurchstarrte. Eine Antwort erhielt er jedenfalls nicht.

Wenn selbst ihm beim Anblick der Leiche flau geworden war, wie musste es dann erst dem beinahe überempfindlichen Sven gehen, fragte er sich, bis er von einem der Alpakas angestupst wurde und er sich allmählich zu wundern anfing, dass Frau Reichhart nicht bei den Tieren war.

„Oh, Reinhold“, erklang nun doch Svens Stimme.

„Na, mögen die Tierchen dein Kräutershampoo?“, scherzte Reinhold, da er die Aufmerksamkeit lieber nicht erneut auf die Leiche richten wollte.

„Ich weiß nicht, es ist eigentlich schon zwei Tage her, dass ich das letzte Mal… Meinst du, die schmecken das noch?“

„Vielleicht?“

„Das ist ein Voll-Öko-Shampoo, das Margarete da ausgesucht hat…“

„Na, dann macht es ja auch nichts, wenn die deine Haare abfressen“, meinte Reinhold und packte die beiden haupttätigen Alpakas am Halfter, um sie etwas zur Seite zu ziehen.

„Fressen die die?“, fragte Sven nun doch leicht entsetzt. Immerhin kam nun doch wieder etwas Leben in den Mann.

„Ja, sie sind schon halb weg“, erwiderte Reinhold, was natürlich nicht stimmte. Sven griff sich hektisch an den Kopf und schien jetzt erst zu realisieren, was die Tiere mit seiner Frisur angerichtet hatten.

„Du verarscht mich. Die Haare sind mehr geworden!“, entfuhr es Sven.

„Ich wollte dich ja nur aufheitern. Das ist doch Grund zur Freude, wenn die Haare mehr geworden sind…“

Sven schielte kurz skeptisch zu Reinhold, dann arbeitete er weiter daran, seine Frisur wieder zu glätten.

„Hast du zufällig mitgekriegt, was mit Frau Reichhart passiert ist?“, fragte Reinhold nun vorsichtig nach.

„Melanie ist mit der… zum Hof zurück…“, antwortete Sven.

„Ohne die Tiere?“

„Ja, die Frau schien… bisschen derangiert zu sein…“

*

Fünf Minuten später, Sven war weiterhin dabei, seine Haare zu glätten, wuchtete sich Kriminaltechniker Erik Pretzel den Hang nach oben und aus dem Gebüsch. Er schnaufte, als sei er die Treppe im Präsidium nach oben gerannt, und stützte sich – genau wie Reinhold kurz vorher – am besagten Baumstumpf ab, um wehleidig den Weg entlang zu blicken, bis er bei Reinhold, Sven und den Alpakas hängen blieb. Reinhold war noch dabei, sich zu fragen, ob der Kriminaltechniker den Anblick der Toten etwa auch nicht vertragen hatte oder es „nur“ am stetig wachsenden Bauchansatz lag, dass er so erschöpft wirkte, da schlurfte er auf einmal wieder los und direkt auf Reinhold und Sven zu.

„So, raus mit der Sprache“, begrüßte er die Kollegen genervt. „Wie viele von euch sind da unten schon rumgetrampelt?“

„Oh, das waren bestimmt…“, setzte Reinhold zur Antwort an, wurde aber sogleich wieder unterbrochen.

„So kann ich unmöglich Sohlenprofile von den potenziellen Tätern herausarbeiten. Oder möchte die gesamte Kripo auf die Verdächtigenliste gestellt werden?“

Pretzel starrte herausfordernd zu Reinhold, der sich dachte, dass der Mann heute eindeutig nicht gut drauf war, bis sich plötzlich eines der Alpakas – sehr wahrscheinlich der Fridolin – auf Pretzel zubewegte, um seinerseits an dessen Haaren zu schnüffeln.

„Gott, was ist das…?“, entfuhr es Pretzel, der nun eilig zur Seite stolperte, um Abstand zu gewinnen. Reinhold schnappte sich schnell das Halfter des Alpakas, er hatte jetzt schon drei, und zog das Tier von Pretzel weg.

„Viecher“, stöhnte dieser.

„Alpakas“, verbesserte Reinhold.

„Ach was…“

„Ich würde die vor der Besitzerin nicht als Viecher bezeichnen.“

„Ah, dann wisst ihr also, wo die ausgebrochen sind?“

„Die sind nicht ausgebrochen. Wir machen eine Wanderung mit denen.“

„Echt jetzt?“

„Ja. Teambuildingmaßnahme.“

„Ach, die Alpakas arbeiten demnächst auch im Kommissariat?“

„Nein…“

„Mhm“, machte Pretzel, dann heftete sich sein Blick an Svens Haare, welche teilweise immer noch zu Berge standen und dabei den Eindruck erweckten, als seien sie durch die Alpakaspucke gegelt worden.

„Wenn ihr also die Wanderung nicht gemacht hättet“, überlegte Pretzel da weiter, „wärt ihr auch nicht hier vorbeigekommen und hättet die Leiche nicht gefunden? Und ich hätte jetzt frei?“

„Exakt.“

„Herrlich.“

„Irgendwann wäre sie bestimmt gefunden worden“, meinte Reinhold.

„Ja, aber hoffentlich erst nach dem Wochenende.“

„Erik, ich wäre jetzt fertig da unten!“, erklang da die wirklich sehr motivierte Stimme des Gerichtsmediziners, welcher nun ebenfalls aus Richtung Hecke angetrabt kam.

„Ja, es wäre aber sehr gut, wenn die Dame erst abtransportiert würde, bevor ich…“ erwiderte Pretzel weiterhin genervt.

„Ich habe die Jungs mit dem Transporter schon angerufen. Sollten gleich hier sein…“ Klein stemmte die Hände in die Seiten und ließ den Blick über Reinhold, Sven und die Alpakas gleiten. An Pretzel, der immer noch schmollend neben ihm stand, schien er nicht interessiert zu sein.

„Wie geht es euch?“, wandte er sich dann an Reinhold und Sven. Reinhold fragte sich dabei, ob er etwa immer noch blass aussah.

„Bestens“, antwortete Sven und erhob sich etwas wackelig von seinem Stein. Klein betrachtete ihn mit schiefgelegtem Kopf.

„Kannst du denn schon etwas sagen? Zu der Dame da unten?“, wechselte Reinhold das Thema, bevor der Gerichtsmediziner selbst weitere Fragen stellen würde.

„Sie dürfte jetzt ungefähr einen Tag tot sein. Aber das ist auf keinen Fall der Tatort da unten. Sie muss irgendwann heute Nacht hierhin gebracht worden sein. Ihr solltet nach Reifenspuren schauen…“

„Hier auf dem Weg sind keine Reifenspuren, das hätten wir doch bei dem Matsch schon gemerkt“, widersprach Pretzel.

„Vielleicht haben sie auch da vorne geparkt, wo wir jetzt alle stehen, und sind den Rest gelaufen?“

„Ja, dann kann ich euch auch nicht mehr helfen“, grummelte Pretzel und machte auf der Stelle kehrt, um zurück zur Hecke zu dackeln.

„Der Ärmste war wohl geistig schon im Wochenende“, erklärte Klein.

„Verstehe“, meinte Reinhold. „Ich und Sven würden dann mal die Alpakas zurück zum Hof bringen“, fuhr er fort, da er den Eindruck nicht loswurde, Frau Hof starre immerzu in seine Richtung.

„Oh ja, soll ich euch helfen?“, bot Klein sofort an. So hatte Reinhold sich das eigentlich nicht vorgestellt. Auch Sven schluckte bei dem Vorschlag.

„Musst du nicht auf die Jungs mit dem Sarg warten?“, fragte Reinhold.

„Die können die auch ohne mich einsargen. Aber ob ihr zwei alleine so viele Alpakas…? Außerdem komme ich so dann auch noch zu meiner Alpakawanderung. Ich fand das die ganze Zeit schon so schade, dass ich nicht mitgenommen wurde. Gerade bei dem Fund, den ihr da gemacht habt…“

3

Eine halbe Stunde später kamen Reinhold, Sven, die zehn Alpakas und Klein am Hoftor des Gnadenhofs an. Nachdem Klein einfach immer weiter gebrabbelt und Frau Hof immer eindringlicher zu ihnen gestarrt hatte, hatte Reinhold dem Gerichtsmediziner schließlich einfach die Halfter von vier Alpakas in die Hand gedrückt, damit er sich mit den Tieren beschäftigen und von weiteren Ausführungen über den Zustand der Leiche absehen würde. Schließlich hatte Sven sich – abgesehen von seiner Frisur – wieder einigermaßen normalisiert, was man nicht gleich zunichtemachen durfte.

„Es ist geradezu spektakulär“, sprach Klein gerade vor sich hin, „welch chemische Reaktion diese Alpakaspucke in Verbindung mit Kräutershampoo auslöst…“ Wenigstens erzählte er tatsächlich nichts mehr über die Leiche, aber was die Alpakas mit Svens Frisur angestellt hatten, das interessierte ihn offensichtlich.

„Ich wüsste lieber, wie sich das rückgängig machen lässt“, erwiderte Sven. Reinhold betätigte derweil den hufeisenförmigen Klopfer am Tor.

„Eventuell gar nicht“, überlegte Klein. „Ich würde auf jeden Fall nicht noch mehr von dem Kräutershampoo dazugeben…“

„Aber wir haben zuhause kein anderes…“, entfuhr es Sven, dann wurde das Tor aufgezogen und Timo erschien, ein kleiner, rundlicher, leicht geistig eingeschränkter junger Mann, den sie bereits beim Halftern der Alpakas kennen gelernt hatten.

„Oh, hi, seid ihr schon zurück?“, fragte Timo sofort.

„Ja, es… gab einen kleinen Zwischenfall“, antwortete Reinhold, der sich nicht sicher war, ob er dem Mann gleich die Wahrheit sagen sollte. Tatsächlich runzelte Timo sogleich besorgt die Stirn.

„Irgendwas mit den Alpakas?“, fragte er.

„Nein, nein… Es… ist auch nichts Schlimmes. Ist denn Frau Reichhart da?“

„Sie ist vorhin reingerannt. Sie hat mich gar nicht begrüßt. Und eine von euren Kolleginnen ist hinterher…“

„Wo sind sie denn hin?“

„Drüben, ins Wohngebäude…“

„Okay, dann gehen wir gleich mal schauen“, erklärte Reinhold und reichte Timo seine drei Alpakas. Sven tat es ihm gleich.

„Schicke Frisur“, sagte Timo dabei. Sven lächelte nur gequält.

„Mein Freund, was hältst du davon, wenn wir die Alpakas auf die Wiese bringen?“, schlug Klein vor, der von der Größe her sehr gut zum Timo passte, und legte ihm seinen freien Arm um die Schulter. Die beiden schienen sich auf Anhieb gut zu verstehen, also schob Reinhold seinerseits Sven in Richtung des bäuerlichen Wohngebäudes.

„Meinst du, ich kann den Leuten hier mit dieser Frisur unter die Augen treten?“, fragte Sven besorgt, sowie sie die hölzerne Eingangstür beinahe erreicht hatten.

„Ach, die sind doch auch alle etwas exzentrisch hier“, meinte Reinhold, hatten sie doch vor der Wanderung schon kurz einen bärtigen Herrn kennengelernt, der nicht sprechen konnte und sein ganzes Leben im Schafsstall verbrachte, sowie einen anderen, sehr bärtigen Herrn, der auf einer Körperseite sowohl ein Holzbein als auch eine Handprothese besaß. Dazu sollte es neben Frau Reichhart noch ein angeblich lichtscheues Mädchen geben, das nur nach Sonnenuntergang aus seinem Zimmer kam. Und das angeblich mithilfe eines mumifizierten Igels Voodoo-Zauber vollbringen konnte, aber das glaubte Reinold nicht so recht.

„Was genau bezwecken wir jetzt eigentlich hier?“, fragte Sven weiter. „Ich meine, wir wissen doch noch gar nicht hundertprozentig, ob die Tote wirklich…“

„Frau Reichhart hat sie doch erkannt. Ich denke, wir sollten uns schon mal ein Bild von Frau Kislicêk machen“, erklärte Reinhold und drückte die Klingel neben der Tür. Sven wirkte immer noch nicht sonderlich überzeugt, wahrscheinlich schämte er sich zu sehr wegen seiner Frisur und hätte am liebsten gleich zuhause seine Haare überarbeitet. Aber das würde Frau Hof gewiss nicht gutheißen, wenn sie eine neue Leiche hatten und sich in den Feierabend verdünnten, wusste Reinhold.

„Oder hättest du dich lieber weiter mit Frau Hof und Franz auseinandergesetzt und ihnen deinen neuen Look präsentiert?“, versuchte Reinhold es anders.

„Nein, um Gottes Willen!“, gab Sven zu.

„Schließlich hatten wir schon seit ein paar Stunden das Vergnügen“, fuhr Reinhold fort, hatten sie doch vor der Wanderung bereits alle zusammen die Alpakas füttern und kämmen müssen/dürfen. „Hätte nur noch gefehlt, dass Frau Hof uns auf dieses Seminar damals anspricht oder…“

In diesem Moment wurde die Tür durch den Herrn mit dem Holzbein und der Handprothese geöffnet.

„Grüß‘ Sie Gott!“, begrüßte er sie. „Haben Sie noch was vergessen?“

„Wir wüssten gerne, ob Frau Reichhart und unsere Kollegin Frau Rössler da drinnen sind“, erklärte Reinhold und deutete durch die Tür.

„Das kann ich Ihnen leider nicht sagen. Ich war bis eben in meinem Zimmer und habe am Internetauftritt des Hofes gefeilt. Vor meinem Unfall war ich Webdesigner in…“

„Das ist sehr interessant. Eine Ramona Kislicêk arbeitet auch hier, oder?“

„Ja, wieso?“

„Hat sie hier auch ein eigenes Zimmer?“

„Ja, natürlich. Wir haben alle… Aber wieso fragen Sie das?“

„Wir müssten uns das Zimmer mal anschauen.“

„Ich glaube nicht, dass Ramona Ihnen das erlaubt. Sie ist heute nicht da…“

„Selbstverständlich erlaubt sie es. Das ist auch in ihrem Interesse“, erklärte Reinhold und drängte sich durch die Tür.

„Wie meinen Sie das?“

„Zeigen Sie uns bitte das Zimmer, Herr…“

„Keiser. Mit E-I…“

„Herr Keiser, zeigen Sie uns das Zimmer?“

„Ja, wie Sie wünschen… Aber ich bin trotzdem nicht sicher, ob Sie es erlaubt…“

„Machen Sie sich deswegen keine Sorgen“, meinte Reinhold, während er den langsam vor ihm her staksenden Herrn Keiser einen dunklen Gang entlang folgte, in dem wohl die Schlafzimmer lagen.

„So, das ist es. Aber Sie müssen leise sein, sonst regt die Sophie sich wieder auf. Sie wohnt gleich hier nebenan“, erklärte Herr Keiser, der mit seinem Holzbein zugegebenermaßen auch nicht besonders leise war, und öffnete eine knarzende Tür.

„Haben Sie sich eigentlich nicht gewundert, dass Frau Kislicêk gestern nicht nachhause gekommen ist?“, fragte Reinhold, während Sven sich schonmal in den Raum zu einem Schreibtisch schob, auf dem ein aufgeklappter Laptop auf einem Papierstapel stand.

„Ach, das kommt bei der Ramona öfters vor. Sie ist so ‘ne Art Investigativ-Journalistin, die ist öfters mal irgendwo… Aber wieso fragen Sie denn so viel? Ist irgendwas mit der Ramona?“

„Wissen Sie zufällig, woran Sie zuletzt gearbeitet hat?“

„Nein. Wieso gearbeitet hat?“

„Es… besteht die Möglichkeit, dass sie Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist…“

„Wie? Es besteht die Möglichkeit?“

„Na ja, wir…“ Reinhold überlegte noch, wie er das ausdrücken sollte.

„Kennen Sie das Passwort für den Laptop hier?“, fragte Sven dazwischen.

„Nein, wieso…“ Herr Keiser blickte hektisch zwischen Reinhold und Sven hin und her, da ging in der Nähe eine Tür auf und Melanie kam mit Frau Reichhart heraus, die sich eifrig die Nase putzte und vor sich hin schluchzte.

„Oh Gott, Steffi!“, entfuhr es Herrn Keiser, dann stürzte er auf Frau Reichhart zu. „Was ist denn passiert?“

Reinhold seufzte und winkte Melanie kurz zu, dann verdünnte er sich lieber zu Sven in Richtung Schreibtisch.

„Schon irgendwas Verdächtiges?“, fragte er an Sven gewandt, der den Laptop bereits eingeschaltet hatte und vor dem Eingabefenster für das Passwort brütete.

„Hmmm… Der Stapel hier erinnert an deinem Aktenstapel zu Big Crash damals…“, meinte Sven mit Blick auf den Papierstapel.

„Der war noch viel dicker“, entgegnete Reinhold, der ehrlicherweise nicht unnötig an den Aktenstapel und die Big Crash-Rocker erinnert werden wollte. Vor Allem, da er die Rocker bei den bevorstehenden Dreharbeiten noch früh genug sehen würde. Zur Ablenkung hob er schnell einen fingerdicken Teil des Stapels ab und blätterte ihn durch.

„Merkblatt Antibiotikagabe bei Mastschweinen…“, las er die Überschrift eines Papiers vor. „Schweinehaltung Literaturempfehlungen…“

„Die haben doch hier gar keine Schweine“, entfuhr es Sven. „Oder?“

„Habe ich keine gesehen. Aber vielleicht planen sie, welche anzuschaffen?“

„Ich weiß nicht, ob Schweine hier so das Richtige…“

„Hier gibt’s auch noch: Abstandsregelungen Windkraftanlagen… Oh, Gesetzestexte…“

„Deswegen ist der Stapel so dick.“

„Mhm.“

„Also hat die Frau Investigativ-Journalistin zu Schweinen und Windkraftanlagen recherchiert“, stellte Sven fest und klappte den Laptop wieder zu, um aufzustehen und ein paar Runden durch das Zimmer zu laufen.

„Sollen wir Klein die Haarbürste mitbringen?“

„Sind da Haare drin?“

„Ja…“

„Dann freut er sich bestimmt“, meinte Reinhold und blätterte weiter den Stapel durch, um festzustellen, dass da Schriftstücke zu verschiedenen Themen durchmischt waren.

„So eine Journalistin braucht doch auch eine Fotokamera, oder?“, sprach Sven mehr zu sich selbst. Reinhold meinte, zu hören, wie er mehrere Schränke öffnete und durchsuchte, während er in seiner Jackentasche kramte, um irgendetwas zu finden, wo er den Laptop reinstecken könnte.

Aber Reinhold fand auf Anhieb nichts Geeignetes, nur eine kleine Plastiktüte, die bestenfalls für die Haarbürste taugte. Stattdessen hörte er, wie die Zimmertür aufgestoßen wurde und ein „Da seid ihr ja!“, erklang.

Reinhold warf einen Blick zur Tür und sah Melanie hereinkommen.

„Das hier ist wohl das Zimmer von Frau Kislicêk“, erklärte Reinhold.

„Ja, das wurde mir schon gesagt…“

„Was ist mit Frau Reichhart?“

„Herr Keiser kümmert sich jetzt um sie.“

„Okay. Ist sie immer noch…?“

„Ich musste ihr vorhin helfen, sich zu übergeben, und jetzt ist sie völlig fertig“, erklärte Melanie. Reinhold hörte Sven nach Luft schnappen, der die Suche nach der Kamera wohl mittlerweile aufgegeben und sich auf den Weg zu den Kollegen gemacht hatte.

„Konntest du sie denn schon dazu befragen, seit wann sie Frau Kislicêk vermisst?“, hakte Reinhold nach.

„Gestern Abend ist sie nicht nachhause – also hier zum Hof - gekommen. Sie wohnt wohl hier, so wie Herr Keiser und…“

„… der Schafmann, das lichtscheue Mädchen…“, führte Reinhold den Satz fort. „Wissen wir schon, wie die alle richtig heißen?“

„Laut Herrn Keiser heißt das Mädchen nebenan Sophie Pattmeier. Den Schafmann kennt er nur als Rolf…“

„Aha“, machte Reinhold. „Sonst irgendwas Interessantes?“

„Ja, Frau Reichhart weiß jetzt schon, wer die Frau Kislicêk umgebracht hat“, verkündete Melanie und tat verheißungsvoll.

„Ach ja?“

„Franz Höllhuber. Er betreibt einen Schweinemastbetrieb da… etwa einen Kilometer weiter den Weg entlang.

„Also quasi ein Nachbar“, stellte Reinhold fest. „Und wieso sollte der Frau Kislicêk umgebracht haben?“

„Frau Reichhart meint, Frau Kislicêk wollte irgendwelche Missstände in seinem Betrieb aufdecken. Angeblich ist sie in seinen Stall eingedrungen und hat Aufnahmen gemacht.“

„Okay, und wo sind die?“

„Tja… Frau Reichhart musste sich übergeben, als ich sie das fragen wollte…“

„Mhm…“

„Aber eine Kamera muss sie ja dann gehabt haben“, stellte Sven fest.

„Vielleicht hat sie ihr Handy stattdessen benutzt?“, überlegte Melanie.

„Dann wird der Täter das konfisziert haben“, meinte Reinhold.

„Auf jeden Fall wissen wir jetzt, warum sie die ganze Literatur über Schweine gesammelt hat“, sagte Sven. „Da hinten im Regal stehen noch jede Menge Bücher zu dem Thema.“

„Also sollten wir diesem Herrn Höllhuber bei Gelegenheit einen Besuch abstatten…“, stellte Reinhold fest, da bemerkte er eine Vibration in seiner Jackentasche, die nur von seinem lautlos geschalteten Handy herrühren konnte.

„Moment“, machte er und zog das Handy hervor, nur um festzustellen, dass Frau Hofs Nummer angezeigt wurde. Reinhold spürte kein Verlangen, den Anruf anzunehmen, und starrte nur auf das Display. Sven blickte ihm interessiert über die Schulter.

„Ich würde da drangehen“, meinte er. „Das gibt sonst nur Ärger.“

„Das gibt so oder so Ärger“, gab Reinhold zurück, der es weder wagte, den Anruf anzunehmen, noch, ihn abzubrechen.

„Sonst gibt es aber Riesenärger“, stimmte Melanie zu, dann tippte sie so unerwartet auf Reinholds Display die Anruf-Annehmen-Taste, dass Reinhold nicht einschreiten konnte. Das Vibrieren verstummte, stattdessen hörte man ein Rauschen und Stimmen im Hintergrund, die sich verdächtig nach Franz und Annette anhörten.

Reinhold rührte sich immer noch nicht, zu fassungslos war er über Melanies Verhalten, dann drang auch schon ein fragendes „Kolspra? Kolspra, sind Sie da?“ aus dem Gerät, was Reinhold schließlich doch zwang, das Ding neben sein Ohr zu heben.

„Frau Hof? Sind Sie da? Ich höre Sie nur so abgehackt“, log er mit der Folge, dass nun Sven und Melanie einen irritierten Blick austauschten.

„Moment… Ist es jetzt besser?“, fragte Frau Hof.

„Ja, viel besser…“

„Kolspra, wo in Gottes Namen sind Sie? Herr Pretzel sucht Sie schon die ganze Zeit…“

Das konnte sich Reinhold jetzt nicht vorstellen. Vielmehr glaubte er, dass Frau Hof nach ihm suchte.

„Ich habe mit Klein und Herrn Hansen die Alpakas zurückgebracht und… schon mal eine Haarbürste für Klein organisiert“, erklärte Reinhold in der Hoffnung, dass Frau Hof das als nützlich erachten würde.

„Eine Haarbürste für Klein? Der Kollege hat doch kaum Haar!“, erwiderte Frau Hof aber aufgebracht, was Reinhold sagte, dass da gleich noch irgendwas kommen würde.

„Eine Haarbürste von Frau Kislicêk für den DNA-Abgleich“, verbesserte Reinhold.

„Dass Sie die Frau einfach so zu der Toten gelassen haben, darüber werden wir auch noch reden müssen!“, regte sich Frau Hof weiter auf.

„Verehrteste, ich habe die Frau nicht zu der Toten gelassen“, widersprach Reinhold.

„Wer war es dann?“

„Niemand.“

„Wie bitte? Aber sie war doch offensichtlich da! Die Frau hat einen Schock erlitten, das war ja nicht zu übersehen!“

Reinhold versuchte, tief Luft zu holen, aber es fiel ihm schwer.

„Sie sind schon wieder so abgehackt. Ich habe Ihren letzten Satz nicht verstanden“, sagte er dann.

„Na gut, Kolspra, um auf meine ursprüngliche Frage zu sprechen zu kommen: Wo sind Sie denn jetzt?“

„Auf dem Gnadenhof…“

„Das trifft sich gut. Dann können Sie sich ja mit Herrn Hansen die Autos schnappen und uns abholen. Es wird langsam kalt und feucht hier…“

„Oh, ich fürchte, wir haben nur für einen Wagen einen Schlüssel…“

„Ach was? Ist Frau Rössler nicht auch da?“, fragte Frau Hof, da zückte Melanie einen Autoschlüssel mit Polizeisternanhänger und hielt ihn Reinhold vor die Nase.

„Doch, doch… Mein Fehler. Natürlich holen wir Sie ab… Aber bevor die Verbindung wieder so schlecht wird, sage ich mal: Bis gleich!“

Reinhold war sehr schnell darin, das Handy wieder in seiner Jackentasche verschwinden zu lassen.

„Ihr habt wahrscheinlich eh alles mitgehört“, sagte er zu den Kollegen, die ihn immer noch forschend betrachteten. „Wir müssen uns Klein schnappen und die Kollegen abholen. Die erfrieren sonst demnächst.“

„Klar“, entgegnete Sven und steckte die Haarbürste in eine Tüte.

„Habt ihr das im Seminar so gelernt, dass man immer sagt, dass jemand abgehackt klingt?“, fragte Melanie.

„Ja. Und das war auch so ziemlich das Einzige“, antwortete Reinhold, der schon mal anfing, Sven in Richtung Tür zu drängen.

„Na ja, verschiedene Entspannungstechniken für den Alltag und Meditieren…“, ergänzte dieser. „Aber Reinhold meditiert ja nicht…“

„Nur über meine Leiche“, verkündete Reinhold, dann öffnete er schwungvoll die Tür zum Gang.

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Reinhold blieb auch in der Nacht nicht von Frau Hof und den Alpakas verschont. Natürlich wusste er es nicht genau, aber er hatte das Gefühl, eine ganztägige – oder -nächtige – Alpakatour mit Frau Hof läge hinter ihm. Nur er, Frau Hof und geschätzte zwanzig Alpakas, die sich in übertriebenem Maße für seine Haare interessierten. Frau Hof hatte nichts gesagt, obwohl sie ihm doch angedroht hatte, dass sie unter vier Augen mit ihm reden wollte. Deswegen auch diese Alpakatour, hatte Reinhold gedacht. Aber stattdessen waren sie immer weiter am Lech entlanggelaufen, immer weiter, obwohl sie regelmäßig an toten Frauen vorbeigekommen waren, die neben dem Weg lagen und die von den Alpakas angeschnuppert wurden – jeweils kurz bevor genau jene Alpakas Reinholds Haare anknabberten, was man durchaus als ekelhaft hätte bezeichnen können. Aber Reinhold hatte nicht gewagt, irgendetwas zu sagen, da Frau Hof ja auch nichts sagte – wahrscheinlich, weil sie sich unter 44 Augen - davon 40 Alpakaaugen - befanden.

Der Wecker neben dem Nachttisch zeigte halb acht, als Reinhold mit Frau Hof und den Alpakas an einem riesigen Wasserfall ankam. Reinhold hatte das Gefühl, das könnte der Lechfall sein, da der Wasserfall in Landsberg niemals so groß war, aber noch mehr hatte er das Gefühl, dass die Alpakas ihm seine gesamten Haare am Hinterkopf abgefressen hatten. Erschrocken betastete er sich das Haupt, nur um festzustellen, dass er gar keine Haare mehr finden konnte, dass sein Kopf glatt und glitschig war wie ein Aal. Dass er jetzt wie Klein keine Haarbürste mehr bräuchte, sagte Frau Hof dazu. Das waren ihre ersten Worte – und auch die letzten, denn als Reinhold sich umblickte und neben dem Wasserfall ein Ortsschild „Füssen im Allgäu“ entdeckte, zuckte er so stark zusammen, dass er aufwachte.